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Urbanisierungsprozesse und städtische Räume im Islamischen Orient am Beispiel von Teheran, Kairo und Istanbul

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 42 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS:

Einleitung

0. Definitionen der Begriffe „Urbanisierung“ und „Orient“
0.1 Der Begriff „Urbanisierung“ in der Literatur und dessen Festlegung im Bezug auf die orientalische Stadt
0.2 Die Gebietsabgrenzung des „Orients“ und die dafür verwendeten Synonyme in der Literatur
0.2.1 Die Untersuchungen von Krause (1993)
0.2.2 Die Gebietsabgrenzungen in der für die vorliegende Arbeit verwendeten Literatur

1. Die orientalische Stadt
1.0 Einführung
1.1 Die Entwicklung der orientalischen Stadt
1.1.1 Die Stadt des Alten Orients
1.1.2 Die Phase der klassischen römisch – griechischen Antike
1.1.3 Die Phase des Islamischen Mittelalters
1.1.4 Die Phase der neuzeitlichen Kolonialstädte
1.2 Die Funktionen der orientalischen Stadt
1.2.1 Die Funktionalität einzelner wichtiger Strukturen der orientalischen Stadt
1.3 Das Leben in der „Schutzgemeinschaft“
1.4 Die Struktur der modernen orientalischen Stadt

2.Urbanisierungsprozesse in der Orientalischen Stadt
2.0 Einleitung
2.1 Das Wachstum der Städte Kairo, Teheran und Istanbul seit dem 2. Weltkrieg
2.1.1 Bevölkerungswachstum
2.1.2 Die Ausdehnung der Städte in die Fläche
2.2 Der informelle Sektor
2.3 Die Probleme des Städtewachstums und deren Lösungsversuche
2.4 Die Sicht der Bevölkerung auf die Entwicklung
2.5 Die Besonderheiten der beschriebenen Städte

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis:

Einleitung

„Immer mehr Menschen auf immer weniger Land.“ Mit diesem Satz ist in der Ägyptenkunde von Büttner/Friedmann (1991) das einleitende Kapitel überschrieben. Damit ist sehr präzise zusammengefasst, mit welchen Problemen Ägypten bereits vor 15 Jahren zu kämpfen hatte: Ein großer Bevölkerungszuwachs auf engsten Raum (nur das Niltal ist für den Menschen nutzbar) führt zwangsläufig zu enormen Urbanisierungserscheinungen. Auch die Binnenwanderung zieht immer mehr Menschen in die Städte, so dass auch dadurch der Anteil der städtischen Bevölkerung steigt. Ähnliches berichtet Klíma (1988) aus dem Iran: „Neben kahlen Gebirgen, die himmelhoch ragen, Sümpfen und Salzwüsten gibt es anheimelnde und wohlbestellte Felder, Weiden, Wälder, Siedlungen mit Gärten und Hainen – allerdings nur dort, wo Wasser, dieser Schöpfer und Bewahrer des Lebens, vorkommt.“ Auch im Iran ist also trotz seiner Größe das urbare Land sehr begrenzt.

Dass diese Phänomene nicht nur für Ägypten oder dem Iran gelten, sondern für den ganzen Orient symptomatisch sind, ist Inhalt der vorliegenden Arbeit. Anhand der Beispiele Teheran, Kairo und Istanbul werden die orientspezifischen Urbanisierungsprozesse beschrieben. Zunächst aber wird auf den Typus der orientalischen Stadt eingegangen. Dabei werden in einem geschichtlichen Abriss die funktionalen und sozialen Strukturen einer typischen orientalischen Stadt erklärt. Anschließend wird auf die Veränderung der orientalischen Stadt in der Moderne eingegangen. In einer vergleichenden Analyse wird dann versucht, den gemeinsamen Nenner der Urbanisierungstendenzen und –phänomene in den Städten Teheran, Kairo und Istanbul herauszuarbeiten. Auf die Besonderheiten und Unterschiede der drei Städte wird danach eingegangen. Anschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst.

0. Definitionen der Begriffe „Urbanisierung“ und „Orient“

Wegen der Vielzahl von Definitionen des Begriffs „Urbanisierung“ sowie wegen der unterschiedlichen Gebietsabgrenzungen des Orients, die in der Literatur zu finden sind, scheint es dem Verfasser dieser Arbeit notwendig, in einem Vorkapitel auf die vielen Begriffserklärungen einzugehen und die für den Orient geeignete festzulegen.

0.1 Der Begriff „Urbanisierung“ in der Literatur und dessen Festlegung im Bezug auf die orientalische Stadt

Hofmeister (1999) fasst in seinem Lehrbuch einige Definitionen zusammen. An den Anfang stellt er eine von einem gewissen Chabot 1970 veröffentlichte Definition, die sich zunächst auf den Begriff „Verstädterung“ bezieht: „Entstehung und Wachstum von Städten und Stadtbevölkerung; Gesamtheit von Veränderungen, die mit solcher Entwicklung verknüpft sind.“ Davon ausgehend stellt Hofmeister dar, dass sich ein gewisser Konsens in der Lehre entwickelt habe, der den Begriff „Verstädterung“ auf quantitative und den Begriff „Urbanisierung“ auf qualitative Prozesse beschränke. Trotzdem lässt Hofmeister auch Autoren zu Wort kommen, die die Begriffe synonymisch verwenden.

Paesler zum Beispiel definiert Urbanisierung als „Prozess der Diffusion [Ausbreitung] von Urbanität“, unter Urbanität versteht er wiederum die „Gesamtheit der Faktoren, die städtisches Wesen ausmachen“ (zitiert nach Hofmeister (1999)).

Pachner definiert „Verstädterung“ als die „Ausbreitung städtischer Leitbilder im ländlichen Raum“ und beschränkt den Begriff „Urbanisierung“ auf Prozesse, die in der Stadt stattfinden.

Zuletzt beschreibt Hofmeister die Definitionen von Heineberg, der aber hier aus seinen neuesten Lehrbüchern direkt zitiert wird.

Grundsätzlich verwendet Heineberg (2000,2003) die Begriffe „Verstädterung“ und „Urbanisierung“ synonymisch, formuliert dafür aber zahlreiche Varianten.

Nimmt man sein „Humangeographie“ - Lehrbuch (Heineberg (2003)) als Grundlage, findet man darin sechs verschiedene Arten der Urbanisierung beschrieben.

Unter „demographischer Verstädterung“ versteht der Autor zum Beispiel das Steigen des Anteils der Städtischen Bevölkerung eines abgegrenzten Gebietes. Zu dieser Art von Verstädterung gehören Begriffe wie „Verstädterungsgrad“ und „Verstädterungsquote“. Aber auch Begriffe wie „Metropolisierung“ und „Megapolisierung“ fallen darunter.

Ein zweiter großer Erklärungsansatz ist bei Heineberg (2003) die „Verstädterung als Städteverdichtung“. Damit ist ganz allgemein die „Verdichtung des Siedlungs- und Städtesystem“ (Heineberg (2003)) gemeint. Als auslösende Faktoren sind etwa die Umwandlung ländlicher Siedlungen in Städte durch die Zunahme der Bevölkerung gemeint oder etwa die Verdichtung von Räumen durch Stadtneugründungen, was zur Umklassifizierung von ländlichen in städtische Räume nach sich ziehen kann.

Die dritte Art der Urbanisierung, die Heineberg beschreibt, ist die „Physiognomische Verstädterung“, d.h. „Verstädterung durch Städtewachstum und –umstrukturierung“. Dieser Bereich befasst sich vor allem mit der Auswirkung des Wachstums auf die Städte selbst.

Die gegenläufige Entwicklung, also die Städteschrumpfung und deren Auswirkungen beschreibt Heineberg (2003) unter dem Begriff „Counterurbanization“ der den vierten Abschnitt bildet.

Unter den Begriff „soziale Verstädterung“, bei Heineberg (2003) die fünfte Form der Urbanisierung, fallen Veränderungen der städtischen Lebensformen durch das Wachstum. So findet in den Entwicklungsländern zum Beispiel eine Verländlichung der Städte statt.

Der letzte Erklärungsansatz, den Heineberg (2003) beschreibt, die „funktionale Verstädterung“ befasst sich mit den Auswirkungen der Urbanisierung auf die Grunddaseinsfunktionen.

Andere Autoren wie zum Beispiel Zehner (2001) hinterlassen den Eindruck, dass der Begriff „Urbanisierung“ Bestandteil einer Klassifizierung ist, die mit den Begriffen „Metropolisierung“ und „Megapolisierung“ fortgesetzt wird, also quantitativ nach oben begrenzt ist. Gaebe (2004) hingegen übernimmt die aus Hofmeister (1999) bekannte Definition von Paesler.

Um die vielfältigen Urbanisierungsphänomene der orientalischen Stadt zu beschreiben, scheinen weniger differenzierte, allgemeiner formulierte Definitionen wie die nach Hofmeister (1999) zitierten Begriffserklärungen von Chabot oder Paesler am besten geeignet. Schon der Begriff des „Informellen Sektors“, eine typische Handlungsweise in der orientalischen Stadt als Folgeerscheinung der endogen (durch hohe Geburtenrate) als auch exogen (durch Landflucht) verursachten Bevölkerungswachstums betrifft mehrere der bei Heineberg (2003) beschriebenen Teilbereiche (physiognomische Verstädterung, soziale Verstädterung, funktionale Verstädterung), so dass die Grenzen unter ihnen verschwimmen und somit eine Übertragung der Heinebergschen Gliederung auf die Urbanisierungsprozesse der orientalischen Stadt nicht sinnvoll erscheint. Vielmehr sollten die einzelnen Aspekte der Urbanisierung (Verstädterungsgrad, Umklassifizierung der ländlichen Räume) zum jeweiligen Phänomen herausgegriffen werden. Aus den gleichen Gründen werden die Begriffe „Urbanisierung“ und „Verstädterung“ in dieser Arbeit synonymisch verwendet, da weder eine Einteilung in quantitative und qualitative Prozesse (Konsens nach Hofmeister (1999)) noch in Prozesse auf den Land und in der Stadt (Definition von Pachner zitiert nach Hofmeister 1999)) sich wirklich für die orientalische Stadt aufrechterhalten lassen.

0.2 Die Gebietsabgrenzung des „Orients“ und die dafür verwendeten Synonyme in der Literatur

0.2.1 Die Untersuchungen von Krause (1993)

Die zahlreichen, verschiedenen Bezeichnungen und Abgrenzungen, die für das in der vorliegenden Arbeit zu behandelnden Gebiets in der Literatur kursieren, hat Krause (1993) untersucht und zusammengefasst. Bereits im Vorspann zu seinem Artikel stellte er im Bezug auf einen gewissen Pearcy (1964, zitiert nach Krause (1993)) fest, dass es sich „um eine nicht definierbare Region handele“. Unter der Bedingung einer „präzisen Definition“ verwirft er anschließend sämtliche bekannten Begriffe (Mittlerer Osten, Naher Osten, Orient und deren französische und englische Entsprechungen), unternimmt aber den Versuch, eine eigene Definition für die Region zu formulieren.

Des weiteren führt Krause (1993) aus, dass auch Gebietsabgrenzungen wie „arabisch“ oder „islamisch“ kaum den „näheren Überprüfungen standhalten“. So lässt der Terminus „arabisch“ außer Acht, dass es sich bei wichtigen Staaten, die den Kulturraum „Orient“ ausmachen, eben nicht um arabische Staaten handelt. So sind weder der Iran noch die Türkei „arabische Staaten“. Ebenso fallen die islamischen GUS – Staaten (Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan) aus diesem Raster.

Die Bezeichnung „islamische Staaten“ wiederum bezieht Länder (zum Beispiel Indonesien oder Bangladesch) mit ein, die übereinstimmend nicht zum Gebiet des Orients gezählt werden.

Zwei grundlegende Konzepte hat Krause (1993) in der Literatur ausgemacht, durch die die Gebietsbezeichnung „Naher Osten“ bzw. „Mittlerer Osten“ definiert werden. Zum einen verweist er auf das Konzept der „Kulturerdteile“. Diesem Konzept liegen Kriterien aus der physischen und der Kulturgeographie zugrunde. Dies führt zwar zu einer gewissen geographischen Homogenität, die Probleme sind aber politischer Natur: Die Grenzen eines so definierten Raumes lassen sich in einigen Teilen nicht mit den heutigen Staatsgrenzen in Deckung bringen.

Das zweite Konzept ist jenes der „politischen Terminologie“, das sich vor allem auf historische und strategische Kriterien stützt. Von Großbritannien ausgehend, wurden die Länder, die vormals zum Osmanischen Reich gehörten, als „Near East“ bezeichnet, während „Middle East“ die für Britisch – Indien strategisch wichtigen Räume bezeichnete. Diese Trennung wurde im Lauf der Zeit aufgegeben und heute wird hauptsächlich von „Middle East“ für die ganze Region gesprochen.

Die Literaturgeschichte zu beiden Ansätzen bespricht Krause (1993) sehr ausführlich, darauf soll aber an dieser Stelle nicht eingegangen werden.

Ein eigenes Kapitel widmet Krause (1993) dem Sprachgebrauch in Deutschland. Dort ist bis nach dem zweiten Weltkrieg vor allem der Begriff „Orient“ dominant gewesen. Erst allmählich haben sich auch die aus dem angelsächsischen Sprachraum stammenden Begriffe „Naher“ und „Mittlerer Osten“ durchgesetzt, wobei, anders als in Großbritannien, der Begriff „Naher Osten“ dominierte.

Zuletzt geht Krause (1993) auf die Definition der Region aus politologischer Sicht ein. Als Grundlage dient ihm dazu das Werk von Bassam Tibi (1989, zitiert nach Krause (1993)). Dieser bezeichnet die Region als „interaktionelles Subsytem“, bestehend aus drei Subregionen (Maschrek, Golfregion, Maghreb), wodurch der „Nahe Osten“ eine eindeutige Begrenzung erhält (wohl gleichbedeutend mit dem Begriff „Middle East“ im angelsächsischen Raum). Die Zugehörigkeit eines einzelnen Staates zum Nahen Osten (oder Orient) hängt für Tibi nicht von historischen oder strategischen Parametern ab, sondern allein davon, ob ein Staat in das regionale Subsytem integriert ist oder nicht.

Anhand von damals aktuellen Ereignissen (2. Golfkrieg) zeigt Krause (1993) auf, dass es sich beim Nahen Osten um ein dynamisches System handelt. So hat sich die Türkei aus damaliger Sicht erst kürzlich integriert, während der Status der islamischen GUS – Staaten noch völlig offen war. Auf die Frage nach dem inneren Zusammenhalt des Systems schlägt Tibi die „Unna“, die Gemeinschaft aller Gläubigen und die zusammenhängende Lage der Länder als Antwort vor. Zuallerletzt stellt Krause (1993) fest, dass sich der Kulturerdteil „Orient“ mit dem von Tibi definierten regionalen Subsystem „Orient“, eine historisch - politisch Einheit, in Einklang bringen lässt.

0.2.2 Die Gebietsabgrenzungen in der für die vorliegende Arbeit verwendeten Literatur

Der „Altlas of Middle East“ von der „National Geographic Society” (siehe Mehler (2003)) berücksichtigt nur den Raum zwischen Ägypten und dem Iran einschließlich der Türkei, aber ohne den Sudan, damit fällt zum Beispiel der ganze Maghreb weg. Eine ganz ähnliche Gebietseinteilung ist bei Gelvin (2005) zu finden. Anderson (2000) fügt einer ähnlichen Abgrenzung noch Libyen und den Sudan hinzu. Die größte Darstellung des darzustellenden Raumes in der verwendeten englischsprachigen Literatur findet sich bei Bonnine (1994). Dort wird zwischen einem Kernraum (Core Area) und einem Übergangsraum (Fringe Area) unterschieden. Der Kernraum reicht dabei von Marokko bis Afganistan und von der Türkei bis einschließlich Sudan. Die Übergangszone beinhaltet Spanien, den Balkan, den südlichen Teil der Ukraine, die islamischen GUS – Staaten, Pakistan, Indien, Ostafrika bis einschließlich Kenia sowie die Staaten der Sahel- und Sudanzone.

In der verwendeten deutschen Literatur ist bei Popp (2004 und 2005) übereinstimmend nicht von Orient, sondern von „Arabischer Welt“ die Rede. Vordergründig sind damit die Mitgliedsstaaten der „Arabischen Liga“ gemeint. Popp (2004) weißt aber darauf hin, dass hier Abweichungen etwa zur Grenze des arabischen Sprachraums existieren. Die für die vorliegende Arbeit relevante Abgrenzung nimmt E. Wirth in Mensching (1989) vor. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass die heute unabhängigen islamischen GUS – Staaten damals noch in die Sowjetunion integriert waren. Jedenfalls ist diese Abgrenzung deckungsgleich mit jener von Bonnine (1994) (siehe oben) mit dem Unterschied, dass der Sudan bei Wirth nicht zum Orient gezählt wird.

Details

Seiten
42
Jahr
2005
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122453
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Institut für Geographie
Schlagworte
Urbanisierungsprozesse Räume Islamischen Orient Beispiel Teheran Kairo Istanbul Stadtgeographie

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Titel: Urbanisierungsprozesse und städtische Räume im Islamischen Orient am Beispiel von Teheran, Kairo und Istanbul