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Soziologische Theorien der Postmoderne – ein Überblick zu Bauman und Lyotard

Ausarbeitung 2005 19 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Gliederung

1 . Vorstellung des Themas
1.1 Begriffliche Abgrenzung und Genealogie des Begriffs „Postmoderne“
1.1.1 „Postmoderne der Präzision“
1.1.2 Hauptthesen der Postmoderne
1.2 Ausgewählte Schlüsselbegriffe
1.3 Von der Postmoderne beeinflusste Gebiete

2. Zygmunt Bauman
2.1 Biographie
2.2 „Postmoderne und Ambivalenz“
2.3 „Ansichten der Postmoderne“
2.4 Postmoderne Ethik
2.5 Gesetze & Interpreten
2.6 Die Zukunft der Soziologie

3. Jean-François Lyotard
3.1 Biographie
3.2 „Das postmoderne Wissen“
3.2.1 Die Methode der Sprachspiele
3.2.2 Die Krise der großen Erzählungen
3.2.3 Die postmoderne Wissenschaft und ihre Legitimation durch die Paralogie

4. Verwendete Literatur

5. Relevante Internetseiten

1. Vorstellung des Themas

1.1 Begriffliche Abgrenzung und Genealogie des Begriffs „Postmoderne“

Der Terminus „Postmoderne“, ist ein schillernder und irreführender Begriff, der aus diesem Grund zum besseren Verständnis einer genaueren Betrachtung bedarf.

Schon eine exakte Definition des Begriffs ist schwierig, da das Wort „post“ als solches „hinter“ oder „nach“[1] bedeutet, was eine klar erkennbare Abgrenzung der Moderne bedeuten würde, welche in dieser Form jedoch nicht gegeben ist, da die Postmoderne nicht jenseits der Moderne steht, sondern diese miteinschliesst und vielmehr einen anderen Blickwinkel als eine neue Epoche beinhaltet.

Der Begriff ist des Weiteren hinsichtlich seiner Legitimität, seines inflationären Gebrauchs, seiner zeitlichen Verortung und seiner Inhalte zweifelhaft.

Die Legitimität wird von einigen Wissenschaftlern angezweifelt, da sie die Postmoderne als Fluchtversuch vor den noch nicht erfüllten Pflichten der Gegenwart empfinden. Darüber hinaus besteht der Vorwurf, die Postmoderne würde zur Profilierung genutzt und arbeite alte Themen lediglich neu auf oder um.

Der inflationäre Gebrauch zeigt sich vor allem in der immer weiter voran schreitenden Verbreitung des Begriffs, der zunächst aus der Literatur kam und inzwischen auf sämtliche Lebensbereiche übergangen ist. Als Beispiel dienen hier Bezeichnungen wie der „postmoderne Patient“.

Was die zeitliche Verortung betrifft, so tauchen im Groben vier Vertreter auf, denen die Einführung des Begriffs zugeschrieben werden kann: John Watkins Chapman nannte erstmals 1870 den französischen Impressionismus postmodern, womit er eine positive Kritik an der Pluralität dieser Werke ausdrückte. Rudolf Pannwitz gebrauchte das Wort 1917 dann im Zusammenhang mit dem Entwurf eines postmodernen Menschen, ähnlich Nietzsches „Übermenschen“, der die Dekadenz der europäischen Kultur heroisch überwindet und damit einen Gegenpart des modernen Menschen bildet.[2] Des Weiteren taucht die Bezeichnung „Postmoderne“ 1934 bei Frederico de Oniz auf, der für die spanisch-amerikanische Dichtung eine Unterteilung in „modernismo“ (1896- 1905), „postmodernismo“ (1905-1914) und „ultramodernismo“ (1914-1932) vorschlug. Abschließend ist noch Arnold Toynbee zu nennen, welcher 1947, die Postmoderne als eine zeitgenössische Phase der abendländischen Kultur betrachtend, ihren Anfang im Übergang der Politik des nationalistischen Denkens zu einer solchen der globalen Interaktion sah und sie somit um 1875 verortet. Allerdings ist auch diese Definition aus Gründen der nicht vollständig exakten Datierbarkeit als strittig zu betrachten.

Die Inhalte betreffend lässt sich sagen, dass die Postmoderne sowohl für das Zeitalter der neuen Technologien, also u.a. der Computerisierung, steht als auch für ein alternatives, umweltbewusstes Lebenskonzept. Als Beispiele werden hier die „Grünen“, sowie der „ökologische“ Lebensstil genannt. Weiterhin wird mit dem Ausdruck „Postmoderne“ auch die neue Integration zersplitterter Gesellschaften beschrieben und sie wird als eine von Pluralität, Diversifizierung und Fragmentierung gekennzeichnete Epoche verstanden.

1.1.1 „Postmoderne der Präzision“

Eine Präzisierung des allgemeinen Begriffs wurde mit der Bezeichnung „Postmoderne der Präzision“ geschaffen. Diese beschreibt einen vielfachen gesellschaftlichen Wandlungsprozess, welcher sich auch deutlich von den Konzepten der Moderne abhebt. Sie beinhaltet den Übergang von der industriellen Produktions- zur postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft, in der wir heute leben, sowie den ökonomischen Wandel von Globalkonzepten zu Diversifizierungsstrategien. Auch die Kommunikationsstruktur erfährt eine Veränderung aufgrund der neuentwickelten Technologien.

Auf dem Gebiet der Wissenschaft zeichnet sich die Postmoderne der Präzision dadurch aus, dass auch die Strukturen der Selbstorganisation der Gesellschaft und ihrer Mitglieder Beachtung finden und sich die Philosophie vom strikten Rationalismus lossagt, um auch verschiedene, konkurrierende und selbst divergierende Vorstellungen gleichberechtigt zuzulassen. Die Differenzen der unterschiedlichen Positionen sind hierbei bewusst und werden klar aufgezeigt. Folglich ist die Postmoderne nicht als ein auf wenige Bereiche beschränktes, artifizielles Konstrukt der Wissenschaft zu betrachten, sondern eine Strömung, die gesellschaftliche Veränderungen reflektiert und somit als postmodern bezeichnet, da sie Unterschiede zur Moderne aufweisen.

1.1.2 Hauptthesen der Postmoderne

Bei der Postmoderne handelt es sich um eine Verfassung radikaler Pluralität, wobei diese nicht als Neuerung begriffen wird, sondern deren Anerkennung und wirkliche Existenz zum Allgemeingut der Gesellschaften werden soll. Auch handelt es sich bei der Postmoderne nicht um die Auflösung oder Überwindung der Moderne. Vielmehr hat die Postmoderne aus den Fehlern der Moderne, beispielsweise Hegemonie- und Ausschließlichkeitsansprüchen gelernt und lehnt diese und die daraus resultierenden Machtstrukturen, wie Faschismus oder auch Sozialismus, zugunsten heterogener Konzeptionen und Lebensformen ab. Somit ist eine Haupterkenntnis der Postmoderne die Anerkennung verschiedenster Wissensformen und Handlungsmuster, die ganzheitliche und vereinheitlichende Theorien und Konzepte im Gegensatz zur Moderne nicht mehr zulässt. Die Postmoderne stellt in dieser Hinsicht eine Weiterführung der Moderne dar, die sich allerdings von deren Totalitätsanspruch universell gültiger Aussagen distanziert.

1.2 Ausgewählte Schlüsselbegriffe

Da das umfassende Gebiet der Postmoderne nicht zu einer einheitlichen Theorie zusammengefasst werden kann, bzw. dies dem Prinzip der Postmoderne als solcher aufgrund der Gewährleitung von Pluralität und Vermischung widersprechen würde, lassen sich auch die Schlüsselbegriffe, mit denen sie arbeitet schwerlich genau unterteilen. Nicht vergessen werden darf hierbei, dass eine strikte Unterteilung aus postmoderner Sicht auch nicht wünschenswert ist. Sie beinhaltet dennoch Schlüsselbegriffe, aus welchen nun einige ausgewählte dargestellt werden:

- Pastichebildung: Dieser Begriff meint die Kombination und Vermischung von Stilen oder auch Themengebieten, z.B. Politik und Information, wie es mittlerweile unter dem Begriff „Politainment“[3] u.a. in der Talkshow „Sabine Christiansen“ praktiziert wird.
- Dezentrierung: Hiermit ist der Macht- und Souveränitätsverlust zentraler Institutionen, wie z.B. „Staat“ oder „Identität“ gemeint. Es kommt zu einer Verschiebung von Peripherie und Zentrum. Die zentralen Machtträger verlieren ihre totalitäre Stellung. Konstruktionen wie die der Identität werden allmählich aufgelöst.
- Polyvalenz: Beschreibt ebenfalls die Auflösung von Eindeutigkeit, wie z.B. die der Identität, und den Verfall von linearen Werthierarchien. An ihre Stelle treten Vielfalt und Ambivalenz
- Antiheroismus: Die klassischen, modernen National- und Mythenhelden werden von Antihelden abgelöst. Als Beispiel dient hier Woody Allen, der in seinen Filmen, obwohl er die Hauptrolle innehat, als ironisch-witzige Figur auftritt.

Des Weiteren stellt Herr Kaesler die Frage, ob die Aussage, die Postmoderne sei kein Konstrukt, aus postmoderner Sicht haltbar ist. Er erläutert, dass die Postmoderne zwar versucht reale Tatbestände zu aufzuzeigen, dass allerdings aus postmoderner Sicht alles als Konstrukt zu betrachten ist. Zur Verdeutlichung führt er die künstliche Unterteilung an, welche die Historiker der Geschichte aufzwängen, in dem - wenn auch logisch begründet - alles in Epochen und Zeitalter untergliedert wird. Somit sehe die Postmoderne alles als ein mehr oder weniger stark zusammenhängendes Konstrukt.

1.3 Von der Postmoderne beeinflusste Gebiete

Wie bereits erwähnt, ist die Postmoderne nicht auf einige wenige Teilbereiche zu beschränken. Im Folgenden soll dargestellt werden, wie sich die Postmoderne ausgebreitet hat und welchen Einfluss sie auf ihre verschiedenen Wirkungsbereiche hatte bzw. hat. Es werden die Gebiete Literatur, Architektur, Kunst und Soziologie genauer betrachtet, obgleich die Postmoderne auch Einfluss auf andere Arbeitsgebiete, wie z.B. die Philosophie, ausübt.

1959 wurde der Begriff erstmals wieder in der Literatur verwendet, um damit die experimentelle Literatur als „beliebig“ zu stigmatisieren und negativ zu bewerten. Erst 1969 änderte sich diese Konnotation und man erkannte die Pluralität der postmodernen Literatur als positiven Aspekt. Hierzu ein Zitat zur postmodernen Literatur von Wolfgang Welsch: „ Postmodernismus liegt dort vor, wo ein grundsätzlicher Pluralismus von Sprachen, Modellen und Verfahrensweisen in ein und demselben Werk praktiziert wird.“[4]

In der Architektur war der Terminus zunächst ebenfalls negativ konnotiert und diente der Beschreibung solcher Bauwerke, die Stilrichtungen durchmischten und den uniformen und funktionalen Gebäuden der Moderne damit zuwiderliefen. Die negative Sicht wurde in den 70ern aufgegeben, man erkannte, dass die „Mehrsprachigkeit“ der postmodernen Bauten unterschiedliche Bevölkerungschichten ansprach und nicht nur die Funktion, sondern auch das ästhetische Moment von Bedeutung ist. Der Bereich der Architektur ist des Weiteren der Einzige, der die Postmoderne als Epochenbezeichnung benutzt[5].

In der Kunst war die Bezeichnung „postmodern“, die in den 70ern aufkam, von Beginn an auch positiv verhaftet. Sie kennzeichnet Kunst, die starke poetische, emotionale sowie ambivalente Akzente setzt. In den 80ern weitete sich die Definition bis zur sehr experimentellen „wilden Malerei“ aus. Auch auf den Film und das Theater wirkte und wirkt die Postmoderne. Ein Beispiel für einen Regisseur ist David Lynch („Mulholland Drive“); in der Kunst zählen v.a. der Pop-Art zugehörige Künstler, wie Andy Warhol zur Postmoderne.

In der Soziologie datiert man den Beginn der Postmoderne bedingt durch die Neuerungen der Kommunikations-, Energie- und Wissenstechnologien auf das Ende des Zweiten Weltkrieges. Erstmals wurde 1968 von einer „postmodernen Gesellschaft“ gesprochen.

Exkurs: Definition „postmoderne Gesellschaft“:

1. Gesellschaft, die sich entgegen technokratischer Fremdbestimmung autonom, dynamisch und plural bestimmt.
2. Gesellschaft, die Veränderungen im System erkennt, auf diese reagiert und sich selbst transformiert.

Die Soziologie betrachtet die Postmoderne als Fortsetzung und Steigerung der Moderne. Sie geht mit einem Wandel der „Maschinentechnologien“ zu den „intellektuellen Technologien“ einher und knüpft an die Moderne an. In diesem Zusammenhang etablierte sich 1973 auch der Terminus „Postindustrialismus“, der ebenfalls diese Entwicklung beschreibt. Die Soziologie prognostiziert, dass die Entwicklung des Systems weiterhin technokratisch bleibt, die Gesellschaft dieser nicht standhalten und folglich das System sprengen könnte. Des Weiteren ergibt sich ein Widerspruch zwischen dem technologischen Fortschritt, also dem „Technikzeitalter“ und dem ökologischen Bewusstsein, da Schadstoff-Emission und die Entwicklung neuer Technologien kaum mit dem verstärkten Aufkommen von Umwelt- und Tierschutzvereinen vereinbar scheinen. Folglich ergibt sich die Frage, ob der Kapitalismus aufgrund dieser Widersprüche zugrunde zu gehen scheint. Der Referent beendet seinen Vortrag mit der Frage danach, ob das Plenum eher die immer weiter fortschreitende Fragmentarisierung oder eine „Wiedervereinheitlichung“ der Gesellschaft begrüßen würde.

Herr Kaesler gibt die Frage an den Referenten zurück, welcher die Wiederherstellung der modernen Ordnung deshalb favorisiert, weil er ansonsten das „Gegeneinanderarbeiten“ der einzelnen Teile befürchtet. Ein Zwischenrufer begründet genau durch diese Pluralität die Chance der Postmoderne. Eine Diskussion um die Chancen der Postmoderne und die Auswirkungen der Globalisierung als postmoderner oder moderner Entwicklung entsteht, welche aus Zeitmangel abgebrochen werden muss. Herr Kaesler schließt das Gespräch mit der Erläuterung, dass schon der Inhalt der Diskussion zeigt, dass es keine allgemeingültigen Lösungsansätze geben kann und die benannte Sehnsucht nach Wiederherstellung der modernen Ordnung nichts Ungewöhnliches darstellt, da viele Menschen mit der Ambivalenz der Postmoderne überfordert sind. Zur Verdeutlichung dieser Problematik bezieht er sich auf den Papst, welcher das Abdriften in die Relativität und den damit einhergehenden Verlust der Ordnung als Feindbild betrachtet.

[...]


[1] Vgl.: Duden. Das große Fremdwörterbuch. S. 1076.

[2] Vgl.: Vester, Heinz-Günter: Soziologie der Postmoderne. 1993, S. 17

[3] Vgl.: Dörner, Andreas: Politainment. 2001

[4] Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne. Weinheim 1988, S. 9-41.

[5] Vgl. Der Brockhaus Kunst. 2001, S. 914.

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640275885
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122376
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Soziologische Theorie Postmoderne Lyotard Bauman Überblick

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