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Postrevolutionäre Sinnsuche nach 68 - Helma Sanders-Brahms` Film „Unter dem Pflaster liegt der Strand"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 19 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die emanzipatorischen Anliegen von Helma Sanders-Brahms in ihrem Filmschaffen
2.1 Gesellschaftspolitische Themenbereiche
2.2 Die bewegende Politik

3. Geschlossenheit durch Heterogenität – Eine Filmanalyse von Helma Sanders-Brahms’ Unter dem Pflaster ist der Strand
3.1 Die postrevolutionäre Liebesgeschichte als klassisches Muster der Filmhandlung?
3.2 Emanzipation als Einschüchterung – Die Perspektive Heinrichs
3.3 Interviews zwischen Autotherapie und historischem Hintergrund – Grischa als Helma Sanders-Brahms

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Internetquellen

1. Einleitung

Sous les pavés, la plage. Unter dem Pflaster liegt der Strand. „Pflasterstrand“, so hieß auch das von Cohn-Bendit von 1976-1990 herausgegebene linke Stadtmagazin Frankfurts.

Helma Sanders-Brahms hat ihrem Film „Unter dem Pflaster ist der Strand“ bereits durch den mit diesem Sponti-Spruch fast identischen Titel eine unvermeidlich politische Rahmung gegeben. Denn zumindest auf den ersten Blick scheint deutlich, dass die 68er Bewegung thematisiert werden muss sowie die Demonstrationskultur. Doch es geht nicht nur um jene Steine, die aus dem Pflaster gerissen werden, um damit gegnerische Demonstranten und Polizisten zu bewerfen; vielmehr geht es in Sanders-Brahms Film um das, was das Fundament der Steine ausmacht, um das, was unter ihnen liegt oder zumindest liegen könnte.

Der S(tr)and, der für die Protagonisten –wie auch für die Beteiligten der 68er Bewegung – unter der Oberfläche liegt als Symbol für Hoffnung.

In dieser Arbeit soll nicht vordergründig die aktive 68er Bewegung anhand des Filmmaterials analysiert werden, sondern deren Auswirkungen und subtile Effekte. Nicht die Umbruchszeit als solche, sondern die Jahre danach erleben die Protagonisten Grischa und Heini als Chaos und dort müssen sie sich neue Lebensziele und –formen suchen.

Um diesen Film und mit ihm seine Regisseurin in den Gesamtkontext der 68er Bewegung einordnen zu können, soll zunächst ein Überblick über Sanders-Brahms Filmschaffen und ihre politischen Intentionen gegeben und deren Themen verdeutlicht werden

Im Anschluss sollen dann anhand einer inhaltlichen und formalen Analyse die spezifischen Merkmale von „Unter dem Pflaster ist der Strand“ herausgearbeitet und auf den Umgang mit der 68er Thematik eingegangen werden. Hinsichtlich dieser Spezifik soll die im Film thematisierte Liebesgeschichte, die emanzipatorischen und zugleich autotherapeutischen Interviews, die Grischa führt sowie damit verbunden der Alltag der beiden, der die Beziehung auseinanderbrechen lässt, eingehend behandelt werden. In diesem Zusammenhang soll ebenso versucht werden, die Frage nach dem emanzipatorischen Anspruch dieses Werkes zu beantworten

2. Die emanzipatorischen Anliegen von Helma Sanders-Brahms in ihrem Filmschaffen

2.1 Gesellschaftspolitische Themenbereiche

„Die Eigenverantwortung des Einzelnen muss geweckt werden“, erklärt mir die schöne Yuppiefrau. Kostüm und Karriere. Ein schneller Wagen, ein schickes Restaurant, die Freuden der Nacht glänzen von Chrom und Champagner […]. Verschreckt erinnere ich mich.“[1]

Helma Sanders-Brahms will nicht die Eigenverantwortung stärken, sondern Personen im Kontext ihrer Umgebung zeigen und ihre verstörenden, höchstsubjektiven Erlebnisse, die sie in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Netz erfahren. Zumindest ihre frühen Filme zeichnen sich durch intensives politisches Engagement aus und das Vermitteln gesamtgesellschaftlicher Strömungen. Eine „bestimmte Moral, eine Lektion“, wie sie es selbst nennt, sollte am Ende ihrer Werke stehen und auch Unter dem Pflaster ist der Strand ist, wie bereits angedeutet, eines davon.

Zwar prägen diese Muster nicht alle ihre Filme und Sanders-Brahms beginnt sich mit der Zeit von diesen Agitationsfilmen[2] zu distanzieren und sie als unangenehme Pflicht zu betrachten, die sie sich selbst auferlegte, aber nichtsdestoweniger sind die politischen Botschaften konstitutiv für ihr Werk.

Am populärsten und erfolgreichsten war dabei die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ihrer Eltern, die sie in Deutschland, bleiche Mutter (BRD, 1980, R: Sanders-Brahms)[3] vollzogen hat und die internationales Lob und nationale Kritik nach sich zog. Wie noch zu zeigen sein wird, hängt dies mit der unmittelbaren Nähe zusammen, die ihre Filme erzeugen und die trotz politischer Ambitionen ohne Lehrinhalte auskommt.

In dem hier zu besprechenden Film Unter dem Pflaster liegt der Strand, ist es die Katerstimmung der missglückten Revolution, die Sanders-Brahms darstellt und die idealistischen Reste sowie Veränderungen, die trotz allem geblieben sind oder vielmehr sein könnten.

Hatte sich Sanders-Brahms zuvor mit Die Maschine (BRD, 1973, R: Sanders-Brahms)[4] bereits arbeitspolitischer Themata angenommen und in Die letzten Tage von Gomorrha (BRD, 1974, R: Sanders-Brahms)[5] eine persönliche Abrechnung mit der vermeintlichen Kulturindustrie visualisiert[6], werden in Unter dem Pflaster liegt der Strand viele Belange der damaligen Neuen Frauenbewegung thematisiert.

Zentral sind dabei die Abtreibungsgesetze rund um den §218, was insbesondere durch die Schwangerschaft der Protagonistin an Brisanz gewinnt sowie die Gleichstellung der Frau, die Folgen der Einführung der „Pille“ und neue partnerschaftliche Konzepte rund um die Kindererziehung, wobei auch hier die Gleichstellungsthematik implizit mitschwingt. Darüber hinaus wird beiläufig die androzentrische Ausrichtung der Wissenschaft, namentlich der Psychoanalyse nach Freud, kritisiert.

Am stärksten Stellung bezieht die Filmemacherin dabei bezüglich des Abtreibungsparagraphen, da sie ihre Protagonistin Grischa auf einer Anti-Abtreibungsdemonstration nach ihrer Frauenärztin suchen lässt, die dort angeblich dabei ist. Zwar kommentiert Sanders-Brahms diese Szene nicht, wie sie es später bei den Geschehnissen in Deutschland, bleiche Mutter tun wird[7], aber da Grischa zu diesem Zeitpunkt selbst schwanger ist und sich nicht in der Lage sieht, dieses Kind großzuziehen, vermittelt sie ihre Botschaft durch ihre Hauptdarstellerin. Zusammen mit dem Hintergrundwissen, dass Grischas Geschichte nach Angaben der Regisseurin zur Hälfte die Geschichte von Sanders-Brahms repräsentiert (s.u.), ergibt sich dabei eine eindeutig persönliche Mitteilung an die Rezipienten – allerdings ohne erhobenen Zeigefinger. Wie noch zu zeigen sein wird, ist es die subjektive Darstellung der Akteure, die einen reinen Zeigegestus bewirkt, ohne dabei zu appellieren.

Vielleicht wurde sie gerade aus diesem Grund, trotz einiger in diesem Kontext zu verbuchender Erfolge, auch nicht von der Neuen Frauenbewegung gefeiert, sondern oft sehr kritisch angegangen. Ricarda Strobel nennt ihre Filme – allerdings nicht nur ihre, sondern sämtliche Filme der frühen Frauenbewegung – larmoyant und humorlos.[8] In einem EMMA-Interview 1977 geht es nicht einmal um die Filme von Sanders-Brahms, sondern um ihre Person: Sie sei ein „Rauschgoldengel und versuche die „positive Unweiblichkeit“ einer durchsetzungsfähigen Karrierefrau durch „300prozentige hilflose Weiblichkeit“ zu überspielen, damit sie weniger Angriffsfläche biete.[9] Sanders-Brahms betont in ihrer Antwort, dass derartige Zuschreibungen von männlich und weiblich gesellschaftliche Konstruktionen seien, die sie in dieser Weise nicht übernehmen möchte, womit sie der damaligen Frauenbewegung in gewisser Weise voraus war[10]: Sie scheint keine Appelle und Handlungsanweisungen zu benötigen, sondern setzt auf die Subjektivität der Dinge. Es genügt ihr, diese vor Augen zu führen und somit ihren Standpunkt zu verdeutlichen, ohne dabei Direktiven auszusprechen. Darüber hinaus ist sie nicht der Meinung, dass Frauen eine spezifische Art und Weise eigen sei, mit der sie Filme drehten und spricht von Regisseuren generell als Hermaphroditen, die ungeachtet ihres Geschlechts äußerst emphatisch handeln müssten, anstatt einen Gegensatz zwischen weiblichem und männlichem Filmen zu konstatieren.[11]

Weniger deutlich als mit der Frauenbewegung und nur als Folie, die allerdings bei genauerem Hinsehen viele der dargestellten Sachverhalte erst bewirkt, setzt sich Sanders-Brahms in Unter dem Pflaster ist der Strand mit der 68er Bewegung auseinander. Ebenfalls in diesem Rahmen klagt sie niemanden an für die Verwirrung, die die gescheiterte Revolution bei den beiden Protagonisten hervorruft, sondern zeigt lediglich ihre Versuche, sich eine neue sinnstiftende Ordnung für ihre Lebensgestaltung zu kreieren.

2.2 Die bewegende Politik

Insgesamt, sagt Helma Sanders-Brahms, sei es ihr nicht möglich gewesen, gänzlich unpolitische Filme zu machen (ob nicht jeder Film aufgrund seiner Perspektivierung schon ein Politikum ist, sei an dieser Stelle dahin gestellt). Das zu Beginn des ersten Teils dieses Kapitels angeführte Gespräch mit der „schönen Yuppiefrau“ endet für Sanders-Brahms in einem Monolog: Sie fragt sich, warum sie nicht auch „schöne“ Filme dreht, die zu „Publikumsmagneten“ werden und sich auch ökonomisch lohnen und gesteht zu, dass sie gerne Filme produzieren würde, die ohne die unangenehmen Seiten der Realität wie Aids oder Umweltzerstörung auskommen.

Schließlich jedoch besinnt sie sich auf die Dinge, die sie selbst bewegen und die sie gerne mitteilen möchte, wenn sie schon das Wort an die Öffentlichkeit richtet.[12] An dieser Stelle wird deutlich, warum ihre Filme nicht vollständig im Zeichen politischer Strömungen oder auch der Frauenbewegung stehen können – sie sind hochsubjektiv und oft autobiographisch. Helma Sanders-Brahms kann folglich nur persönliche Einschätzungen zu politischen Themen abgeben, die damit verbundene Stimmung beschreiben, aber starre einheitliche politische Parolen sind somit nicht zu erzeugen und das ist bei aller Politisierung auch nicht ihr Anliegen. Eher geht es ihr darum, „to map the personal over the historical, an vice versa. […] [She] always seem[s] to talk about history, yet always in very personal terms, between lovers or whatever.“[13]

Mit dem Liebespaar ist an dieser Stelle ein klassisches Hollywood-Motiv angesprochen, das Sanders-Brahms auch in ihrem 1975 erschienenen Film Unter dem Pflaster ist der Strand gebraucht und das weniger emanzipatorisch als klassisch anmutet. Wie Form und Inhalt ihres nichtsdestoweniger frauenrechtlerischen Anliegens in diesem Film in Beziehung zueinander stehen und inwieweit Sanders-Brahms dabei deckungsgleich arbeitet oder, ob (beabsichtigte) Divergenzen das Verhältnis prägen, soll nun im Folgenden detailliert analysiert werden.

3. Geschlossenheit durch Heterogenität – Eine Filmanalyse von Helma Sanders-Brahms’ Unter dem Pflaster ist der Strand

3.1 Die postrevolutionäre Liebesgeschichte als klassisches Muster der Filmhandlung?

Unter dem Pflaster ist der Strand wird sowohl im „Frauenfilmbuch der Demokratischen Fraueninitiative München“ von 1978 als auch in dem von Gudrun Lukasz-Aden und Christel Strobel 1985 herausgegebenen Überblicksband „Der Frauenfilm“ unter der Rubrik (Partner-)Beziehungen geführt[14], was als Hinweis auf die Dominanz der im Film dargestellten Beziehung gedeutet werden kann. Tatsächlich ist die Liebe zwischen Grischa Huber und Heinrich „Heini“ Giskes die Rahmenhandlung des Films. Der Kontext, der die Einfassung der filmischen Handlung bietet, ist somit von einer experimentellen Plotkonstruktion weit entfernt. Linear werden Beginn, Höhepunkt und schließlich Abstieg der Beziehung erzählt, das Ende offen gelassen. Zwar war der ungewisse Ausgang einer Beziehung 1975 kein häufig in Filmen zu beobachtendes Phänomen. Doch nichtsdestoweniger stellt der Gebrauch einer Affäre als Rahmen für diesen Film einen Fokus auf traditionelle Lebensverhältnisse dar, innerhalb derer die Protagonisten die Struktur ihres postrevolutionären Lebens zunächst in einer Paarbeziehung suchen.

Diese scheint vor allem Heini nach den Enttäuschungen der gescheiterten Revolution, über die sich beide vor Beginn ihrer Affäre austauschen, zunächst die Geborgenheit zu verheißen, die sie durch die veränderte politische Situation in dieser nicht mehr finden können. Verdeutlicht wird dies durch Heinis Wunsch, ein Kind mit Grischa zu bekommen, den er gleich in der ersten Nacht äußert, die die beiden miteinander verbringen und den er später damit begründet, dass es sicher eine schöne Zeit würde.[15] Heinrich spinnt Träume einer gemeinsamen Zukunft, die der Lebenswelt der beiden Schauspieler nicht entspricht und flüchtet sich gewissermaßen in eine neue Utopie der heilen Welt. Grischa gibt zu bedenken, dass Kinder Zeit brauchen und damit ihren Eltern die Zeit für sich selbst nehmen. Als Heini darauf hinweist, dass er genügend Zeit habe, erwidert sie in ernstem Tonfall, dass es ihr nicht so gehe und sie ihre Zeit für sich selbst nutzen wolle.

[...]


[1] Sanders-Brahms, H. (1993): Sie macht Geschäfte, und ich mache Flecken. 1968 und die Folgen/ Eine Verteidigungsrede. In: Freunde der deutschen Kinemathek (Hg.) (1998): Helma Sanders-Brahms. Heft 89, Berlin, S.35-40, S.35

[2] Vgl.: Schwarzer, A.; Wittlich, A. (1977): So bin ich eben. Interview mit Helma Sanders-Brahms. In: Freunde der deutschen Kinemathek (Hg.) (1998): Helma Sanders-Brahms. Heft 89, Berlin, S.44-48, S.45

[3] Vgl.: http://www.imdb.com/title/tt0080616/ eingesehen am 28.3.2008

[4] Vgl.: http://www.imdb.com/title/tt0070375/ eingesehen am 29.3.2008

[5] Vgl.: http://www.imdb.com/title/tt0071748/ eingesehen am 29.3.2008

[6] Vgl.: Strobel, H. (1973): Klares Bild von tatsächlichen Machtverhältnissen. In: Freunde der deutschen Kinemathek (Hg.) (1998): Helma Sanders-Brahms. Heft 89, Berlin, S.114 - 116 , S.114ff.

[7] Vgl.: Blumenberg, H. (1980): Ein Brief an Lene. In: Freunde der deutschen Kinemathek (Hg.) (1998): Helma Sanders-Brahms. Heft 89, Berlin, S.161-164, S.161

[8] Vgl.: Strobel, R. (2004): Die neue Frauenbewegung. In: Faulstich, W. (Hg.) (2004): Die Kultur der 70er Jahre. S.266

[9] Vgl.: Schwarzer, A.; Wittlich, A. (1977), S. 47f.

[10] Hier sind u.a. exemplarisch die konstruktivistischen Arbeiten von Carol Hagemann-White oder auch der Dekonstruktivismus nach Judith Butler zu nennen, wobei letztere Theorie in Deutschland erst seit den 1990er Jahren rezipiert wird, was den Kontrast zwischen den Belangen der Frauenbewegung der 70er Jahre und der Argumentationskette von Sanders-Brahms verdeutlicht, die der gegenwärtigen Genderdebatte nicht unähnlich ist.

[11] Vgl.: Brunette, P. (1990): When I’m making film, I’m a hermaphrodite. In: Freunde der deutschen Kinemathek (Hg.) (1998): Helma Sanders-Brahms. Heft 89, Berlin, S.69-78, S.74

[12] Vgl.: Sanders-Brahms, H. (1993): S.39f.

[13] Brunette, P. (1990): When I’m making film, I’m a hermaphrodite. In: Freunde der deutschen Kinemathek (Hg.) (1998): Helma Sanders-Brahms. Heft 89, Berlin, S.69-78, S.74

[14] Vgl.: Demokratischen Fraueninitiative München (Hg.) (1978): Frauenfilmbuch der Demokratischen Fraueninitiative München (1978), München, S. 55 und Lukasz-Aden, G.; Strobel, Ch. (1985): Der Frauenfilm. Filme von und für Frauen. München, S. 61

[15] Vgl.: Unter dem Pflaster ist der Strand, Timecode: 41:00-45:00

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640275779
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122362
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Medienwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Filmanalyse Geschlecht Paarbeziehung Sanders Sanders-Brahms Mai 68 1968 Revolution Unter dem Plaster liegt der Strand

Autor

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Titel: Postrevolutionäre Sinnsuche nach 68 - Helma Sanders-Brahms` Film „Unter dem Pflaster liegt der Strand"