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Wird die US-amerikanische Abtreibungspolitik von den Kirchen diktiert?

Die Abtreibungsdebatte in den USA und der Einfluss der Kirchen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 16 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Kirchen in den USA
2.1. Bedeutung der Religion in der Entstehung der modernen Amerikanischen Gesellschaft
2.2. Einfluss der Kirchen auf Politik und politische Entscheidungen

3. Abtreibung und Abtreibungsdebatte in USA
3.1. Allgemeine Situation
3.2. Politische und Ethische Debatte
3.3. Stand der Abtreibungsdebatte
3.3.1. Pro-Life
3.3.2. Pro-Choice

4. Kirche und Abtreibung
4.1. Stellung der Kirchen zur Abtreibung
4.1.1. Pro-Life
4.1.2. Pro-Choice
4.2. Einfluss der Kirchen auf die Abtreibungsdebatte

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ist Abtreibung Mord? Wann ist ein Embryo ein Mensch? Wann beginnt das menschliche Leben? Welche Rechte überwiegen: die der Frau oder die des Embryos?

Fragen, die eine Debatte um Abtreibung hervorrufen.

Fragen, die nicht nur in den USA kontrovers diskutiert werden, denn Schwan- gerschaftsabbruch ist eine Frage des individuellen moralischen Bewusstseins. Die persönliche Meinung zu diesem Thema wird stark durch den Glauben an Sittlichkeit, Verantwortung, Ethik und durch die öffentliche Politik beeinflusst. Die kulturellen und moralischen, sowie religiösen Empfindsamkeiten formen den subjektiven Standpunkt zu diesem kontroversen Thema.

Mit dem Urteil im Verfahren Roe vs. Wade wurde 1973 vom Supreme Court der Vereinigten Staaten die Abtreibung legalisiert. Trotz dieser Gerichtsentschei- dung wurde die öffentliche Debatte um die rechtliche Situation von Schwanger- schaftsabbrüchen im eigenen Land nicht beendet. Es gibt bis in die Gegenwart hitzige, emotional geführte Diskussionen um Abtreibung, bundesstaatliche Restriktionen und die finanzielle Unterstützung von Schwangerschaftsabbrü- chen durch Bundesmittel.

Durch die Debatte haben sich zwei Lager herauskristallisiert: die Pro-Life be- ziehungsweise die Pro-Choice –Bewegung. Ihre Anhänger versuchen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen, sowie offizielle Amtsträger auf ihre Seite zu bringen, um ihre Interes- sen in die politischen Entscheidungen einfließen zu lassen.

In dieser Arbeit möchte ich vor allem die besondere Stellung der amerikani- schen Kirchen in dieser Diskussion und insbesondere ihren Einfluss auf die öffentliche Debatte und Entscheidungsfindung erörtern.

Dafür behandle ich zunächst die besondere Stellung der Kirchen in der ameri- kanischen Gesellschaft, die Geschichte und Gründe für ihren Einfluss auf die Politik und im Speziellen möchte ich die Frage diskutieren, inwieweit die Abtrei- bungspolitik in den USA von den Kirchen diktiert wird.

2. Die Kirchen in den USA

2.1. BEDEUTUNG DER RELIGION IN DER ENTSTEHUNG DER MODERNEN A MERI- KANISCHEN GESELLSCHAFT

Die Kirchen haben in den Vereinigten Staaten eine hohe Stellung, nicht nur im privaten, auch im öffentlichen und politischen Leben. Zurückzuführen ist dies auf die besonderen Umstände unter denen das Land gegründet beziehung- sweise erschlossen wurde.

Christoph Kolumbus, der Entdecker Amerikas, wollte nicht nur als Abenteurer eine neue Seeroute nach Indien erschließen, auch „die Ausbreitung des Chris- tentums nach Asien und das Heil der Seelen dort“ waren Gründe für seine Reise (Mitri 2005: 19). Als Anfang des 17. Jahrhunderts viele Europäer in die „Neue Welt“ auswanderten, geschah dies vor allem wegen Vertreibung, Be- drängung und Verfolgung auf Grund ihrer Religionszugehörigkeit in dem religiös und politisch gespaltenen Kontinent (vgl. Mitri 2005: 20), dem alten Europa. Die Anglikanische Kirche „regarded its Puritan critics as dangerous heretics, to be suppressed by any means necessary, including torture and execution.” (Wald 2007: 40). Für die Puritaner, entstanden aus einer Erneuerungsbewegung in- nerhalb der anglikanischen Staatskirche, entsprach ihre Auswanderung über den Atlantik entsprechend dem Auszug der Israeliten aus Ägypten über das Rote Meer. Sie sahen sich als „moderne Israeliten“, als „Volk Gottes“ auf einem Exodus in Richtung „gelobtes Land“ (vgl. Mitri 2005: 20). In der Neuen Welt war die streng respektierte Religionsfreiheit ein Grundpfeiler der neuen Kolonie und Lichtblick für viele religiös Verfolgte. Trotzdem bezogen sich die Gründungs- väter der Republik auf “religious values and rhetoric in forming the new nation” (Reichley 1986: 23). In Amerika konnten sie eine Kultur errichten in der die ”Protestant images of God, humanity, and the church became the core assump- tions of everyday thought” (Wald 2007: 41). Es entwickelte sich eine „Religion der Republik“, eine öffentliche Religion, ein „Hort der von allen akzeptierten Werte“ (vgl. Mitri 2005: 29), was dem neuen Land ein symbolisches Gewicht verlieh, sowie den Patriotismus verstärkte. Vor allem für die Gemeinschaft unter den ersten Siedlern hatten die gemeinsamen religiösen Werte eine starke Be- deutung. Für die Gründung Amerikas bildeten die Idee der menschlichen Gleichheit, die Existenz individueller natürlicher Rechte sowie eine Regierung “in light of the morally obligatory „laws of nature and of nature’s God“” das Fun- dament (vgl. Krannawitter 2005: 13).

Die große Angst vor dem Verlust der Religionsfreiheit führte zu Nationalismus, und auch zu dem Unabhängigkeitsstreben von England (vgl. Wald 2007: 47). So beruft sich ferner die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten auf einen „höchsten Richter der Welt“ (Mitri 2005: 27). Das jüdisch-christliche Ver- mächtnis ist „the source of the higher law and the moral and political standards on which the Bill of Rights in the Constitution is based“ (Thompson 1988: 15).

So garantiert das erste amendment[1] neben der Religionsfreiheit eine Unabhän- gigkeit der staatlichen Macht von Religion und schützt gleichwohl die Glau- bensgemeinschaften vor staatlichen Eingriffen (vgl. Mitri 2005: 27). Thomas Jefferson fürchtete eine Einmischung der Religion in die Politik und „religious tests for political office“ (Thompson 1988: 13), daher wurde die Trennung von Kirche und Staat festgelegt. Dies sollte außerdem auch zu einer politischen Ba- lance führen, da unterschiedliche Glaubensauffassungen nicht in die Politik hineingezogen werden und die Benachteiligung einzelner Kirchen, was eine Beschränkung der Religionsfreiheit darstellen würde, vermieden wird (vgl. Mitri 2005: 28).

Abschließend dazu lässt sich sagen, dass es „praktisch keine Wegmarke in der Entwicklung dieser Nation [gab], an der Religion nicht einen bedeutenden Ein- fluss ausgeübt hat“ (Prätorius 2003: 11-12). Und für die zukünftigen Entwick- lungen sollte die „centrality of the religious life for the people […] tremendous political consequences” (Brauer 1961: 4) haben.

2.2. EINFLUSS DER KIRCHEN AUF POLITIK UND POLITISCHE ENTSCHEIDUNGEN

Die besondere Stellung der Religion beziehungsweise der Kirchen bei der Er- schließung und Staatsgründung Amerikas ist auch im Bereich der Politik heute noch zu erkennen. Die organisierte Religion besitzt eine Doppelfunktion, zum einen die Legitimierung von Macht und Privileg, zum anderen von Protest und Opposition (vgl. Bellings 1994: 173). Religiöse Gruppierungen sind bedeutende Beteiligte an Kampagnen für oder gegen politische Themen (Reichley 1986: 23).

Man kann davon ausgehen, dass „religion in America […] no direct part in the government of society [takes], but it must be regarded as the first of their politi- cal institutions“(Krannawitter 2005: 17). Religion beeinflusst die grundlegenden politischen Werte, die die Bevölkerung teilt (vgl. Wald 2007: 39) und diese “cul- tural orientations have come to exert a substantial influence on American politi- cal life” (Layman 1997: 751). Die Individuen als gesellschaftliche Akteure, als Teil der Politik, sind durch Religion geprägt und dies spiegelt sich in ihrem poli- tischen Handeln wieder. Die Kirchen involvieren also nicht direkt in der Politik des Landes, sondern indirekt durch ihre Mitglieder, die als Wähler sowie als Gewählte die Politik und Staatsführung bestimmen. Durch das Handeln der Akteure nach den Prinzipien ihrer Kirche beziehungsweise Religion werden de- ren Ziele durchgesetzt. Religion formt folglich den Kontext des politischen Le- bens in den USA (Wald 2007: 39). Glaube wird daher zur Ressource gesell- schaftlicher Werte, politischer Einstellungen und politischen Denkens. So kann ein religiöses Argument beeinflussend sein, wenn es darum geht, eine kritische Masse an Gesetzgebenden oder Bürgern zu einer bestimmten Entscheidung zu führen (vgl. Perry 1997: 44). Religion besitzt die Macht, öffentliche Angelegen- heiten zu beeinflussen (Marty 1993: 117). Darüber hinaus wird sich „every great political controversy […] on a moral question“ (Sernett 1984: 205) hinauslaufen und somit auf einer religiösen beziehungsweise kirchlichen Ebene zu beantwor- ten sein.

3. Abtreibung und Abtreibungsdebatte in USA

3.1. A LLGEMEINE SITUATION

Für das Ansehen und die rechtliche Stellung der Abtreibung in der modernen amerikanischen Gesellschaft war vor allem die Entscheidung des höchsten Ge- richtes der USA, dem US-Supreme Court, im Verfahren Roe vs. Wade aus dem Jahre 1973 prägend.

Seit dem frühen 20. Jahrhundert war der Schwangerschaftsabbruch in allen Bundesstaaten illegal, war jedoch größtenteils unreguliert, insbesondere vor dem Zeitpunkt der ersten embryonalen Bewegung (vgl. Ferree 2002: 24). An- fang der 70er Jahre wurden die Landesgesetze zum Schutz des Lebens der Mutter vereinzelt gelockert.

[...]


[1] Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung

Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640275298
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122354
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Ethnologie und Afrikastudien
Note
1,7
Schlagworte
Wird US-amerikanische Abtreibungspolitik Kirchen Seminar

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