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Das Prinzip des Respekts vor Autonomie

Die Bedeutung von Persönlichkeit und Handlungsautonomie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 20 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Modell der Handlungsautonomie
2.1. Das Konzept
2.2. Einwände Michael Quantes
2.3. Michael Quantes Synthese von personaler Autonomie und der Autonomie der Handlung

3. Fazit

4. Bibliographie

1. Einleitung

Michael Quante ordnet sich im Rahmen seiner Habilitationsschrift von 2001 zwischen dem hierarchischen Modell der personalen Autonomie und dem Konzept der Handlungsautonomie ein.[1] Als Leitfaden dieser Schrift vertritt er die These, dass die diachrone Identität menschlicher Personen ein Prinzip der biomedizinischen Ethik ist, welche einerseits bereits die alltägliche ethische Intuition leitet, als auch andererseits eine angemessene biomedizinische Ethik anleiten sollte.[2] Was meint der Autor mit dieser Behauptung?

Im ersten Kapitel erläutert der Autor im Anschluss an die Explikation dieser Leitthese sein Verständnis der wesentlichen Begriffe, so die Begriffe Prinzip, Person, Persönlichkeit und Identität.[3] Er folgt der Definition Beauchamps und Childress bezüglich des Begriffs „Prinzip“: Zum einen ist es inhaltlich offen und kann - bzw. muss - an die verschiedenen Konzepte angepasst werden, zum anderen besitzt es nur einen beschränkten Geltungsanspruch und kann durch andere Ansprüche gehemmt werden.

Ebenfalls erläuterungsbedürftig ist der Begriff der „Person“. Dieser kann in drei verschiedenen Arten verwendet werden. Jeder Verwendungstypus hat dabei spezielle ethische Implikationen. Einerseits kann der Terminus „Person“ deskriptiv verwendet werden und bezieht sich dabei auf ein Wesen, das bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten besitzen muss.[4] Aus diesen „person-making characteristics“ können jedoch keine ethischen Forderungen abgeleitet werden.

Der normative Gebrauch des Personenbegriffs verweist dagegen auf den ethischen Status eines Wesens, dessen Begründung jedoch fehlt. Eine letzte Form der Nutzung ist die Kombination des deskriptiven und des normativen Personenbegriffs. Hier wird der ethische Status auf die Bedingungen der Personalität zurückgeführt: ein Wesen hat dementsprechend nur dann ethische Rechte und Pflichten, wenn es die Kriterien der Personalität erfüllt.[5] Eine Bedingung der Personalität ist dabei die Fähigkeit zum Wissen über die eigene Existenz über einen Zeitraum hinweg: der Mensch muss sich selbst als zeitliche Einheit erfahren.[6]

Diese Einheit einer Person wird in die synchrone und die diachrone Identität unterteilt. Erstere ist die Einheit aus Leib und Seele in einem bestimmten Augenblick, letztere dagegen die genannte Einheit einer Person zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Wiederum kann die diachrone Identität aus zwei Blickwinkeln betrachtet werden, einerseits hinsichtlich der Persistenz, d.h. dem philosophischen Verständnis der Person in seiner geschichtlichen-zeitlichen Dimension, oder bezüglich der Persönlichkeit, d.h. dem individuellen, evaluativen Selbstbild in Bezug zum äußeren sozialen Umfeld.[7] Anders ausgedrückt beschreibt die Persönlichkeit die individuelle Wahrnehmung der eigenen Person durch die Zeit hindurch und die individuelle Ausprägung der Personalität.[8] In diesem Zusammenhang ist auch die Untersuchung verschiedener Perspektiven von Bedeutung. Dabei ist die Persistenz durch die Beobachterperspektive erfass- und analysierbar. Im Gegensatz dazu erfordert die Persönlichkeit das Engagement eines Teilnehmers, der die sozialen Anforderungen im Bezug zu seinen eigenen Wünschen evaluiert, reflektiert und sinnstiftend tätig wird.[9] Die kartesische Perspektive wird als Sonderfall behandelt: es ist die rein theoretische Haltung eines Beobachters, welcher jedoch auf das erstpersönliche Wissen eines Teilnehmers zurückgreifen kann. Die Untersuchung des Selbstbewusstseins enthält damit immer beide Aspekte, d.h. Beobachter- und Teilnehmerperspektive, weil es weder von sozialen noch von evaluativen Elementen unabhängig ist.[10]

Im Kapitel fünf greift er den Gesichtspunkt der Persönlichkeit im Kontext der Autonomie und des Respekts vor Autonomie erneut auf. Das Ziel seiner Untersuchung ist der Nachweis der Bedeutung der Persönlichkeit für die personale Identität als einem wesentlichen Element sowohl der Autonomie an sich, als auch ihres Respekts durch andere Personen. Mit der Untermauerung dieser These kann das Prinzip der personalen Identität durch Persönlichkeit der biomedizinischen Ethik insgesamt zugrunde gelegt werden.[11]

In vier Einzelschritten soll diese Behauptung begründet werden: Zunächst beleuchtet Quante die Persönlichkeit als Aspekt der personalen Identität hinsichtlich ihrer zeitlichen Ausdehnung. Weiterhin soll die evaluative Dimension der Persönlichkeit in ihrer Bedeutung für die personale Identität dargestellt werden. In den Schritten drei und vier geht es schließlich um die Bedeutung der Persönlichkeit für die Autonomie an sich bzw. für den Respekt vor der Autonomie.[12] Dazu nimmt der Autor zum hierarchischen Modell personaler Autonomie wie auch zum Konzept der Handlungsautonomie von Beauchamp, Faden und Childress kritische Stellung.

Im Folgenden soll der letzte Schritt nachvollzogen werden. Die Aspekte eins, zwei und drei werden dagegen lediglich zur Verdeutlichung oder Begriffsklärung herangezogen. Anschließend an die Darstellung des Modells und Quantes Einwänden wird kurz die Synthese beider Konzepte vorgestellt, bevor im Fazit kritisch zu Michael Quantes Ausführungen Stellung genommen werden soll.

2. Das Modell der Handlungsautonomie

2.1. Das Konzept

Tom Beauchamp und die Mitbegründer des Konzepts der Handlungsautonomie wandten sich gegen die Vertreter einer Theorie personaler Autonomie.[13] Ein Vorwurf an das Modell der personalen Autonomie ist, dass diese lediglich die Fähigkeiten zur Michael Quante bezieht sich in seiner Habilitationsschrift auf das Grundmodell von Frankfurt. Zur Prüfung der Autonomie einer Handlung betrachtet man hier die Wünsche und Volitionen eines Handelnden: Frankfurt unterscheidet zwischen Wünschen erster und zweiter Ordnung sowie Volitionen zweiter Ordnung. Dieses soll kurz an einem Beispiel verdeutlicht werden. Peter hat den Wunsch mit dem Rauchen aufzuhören (Wunsch erster Ordnung) und wünscht sich außerdem diesen Wunsch, mit dem Rauchen aufzuhören, zu haben (Wunsch zweiter Ordnung). Dieser Wunsch zweiter Ordnung wird aber erst dann zu seinem Willen, d.h. zu einem handlungswirksamen Wunsch, wenn sich ihm der Wunsch, dass der Wunsch erster Ordnung handlungswirksam werde, beifügt. Sobald dieses der Fall ist, liegt eine Volition zweiter Ordnung vor. Hierarchisch wird dieses Konzept bezeichnet, weil es auf einer Stufung der Wünsche beruht; ein Konzept personaler Autonomie, weil die Formulierung und Ordnung der Wünsche nach ihrer Relevanz für das Leben des Menschen zentrale Fähigkeiten von Personalität, Persönlichkeit und biographischer Identität erfordert. Siehe dazu Quante, a.a.O., S. 175-177, Barbara Guckes, Willensfreiheit trotz Ermangelung einer Alternative? Harry G. Frankfurts hierarchisches Modell des Wünschens, in: Harry G. Frankfurt, Freiheit und Selbstbestimmung, hrsg. von Monika Betzler und Barbara Guckes, Berlin 2001, S. 7-10 und Harry G. Frankfurt, Freedom of the Will and the Concept of a Person, in: The Importance of what we care about, Philosophical Essays, hrsg. von Harry G. Frankfurt, New York u.a. 1988, S. 13-16.

Autonomie, nicht aber die Ausübung dieser Fähigkeit als relevantes Kriterium betrachten. In der Praxis zeigt es sich dagegen, dass eine Person zwar die Kompetenz zur Selbstbestimmung haben kann, sie durch einschränkende Bedingungen jedoch nicht ausübt. Handlungen dieser Art können nach Beauchamp nicht mehr als autonom bezeichnet werden, gleichgültig, aus welchen Gründen die Fähigkeit zur autonomen Entscheidung nicht genutzt wurde. Daher beziehen sich die Begründer des Modells der Handlungsautonomie auf die Ausübung von Autonomie in konkreten Handlungssituationen. So können auch Personen, die nicht als autonom betrachtet werden, in Einzelfällen autonome Handlungen durchführen.[14]

Quante beginnt seine Darstellung der Handlungsautonomie mit der Explikation der Argumentation Beauchamps: Wenn die Handlungsautonomie unabhängig von der personalen Autonomie und wenn letztere weder notwendig noch hinreichend für die Anwendung des Prinzips des Respekts der Autonomie in der biomedizinischen Ethik ist und wenn diese zusätzlich noch zu ethische inakzeptablen Konsequenzen führen würde, so schließt er daraus auf die Eignung der Handlungsautonomie als geeigneter Grundlage für dieses Prinzip.[15] Im Anschluss an die Erörterung dieses Schlusses, beschreibt der Autor das Konzept Beauchamps, bevor er die Prämissen des Schlusses bezüglich ihrer Tragfähigkeit untersucht.

Eine Handlung muss, laut Beauchamp, drei Merkmale erfüllen, um als autonom bezeichnet werden zu können: sie muss absichtlich, mit Einsicht und ohne Fremdeinflüsse ausgeführt werden.[16] Auf die Bedeutung dieser Kriterien soll an dieser Stelle nur kurz eingegangen werden.

Absichtlichkeit oder Intentionalität sind immer dann gegeben, wenn eine Handlung in Übereinstimmung mit einem Plan durchgeführt wird. Die Ereignisse können intrinsischer, instrumenteller oder tolerierter Teil der Handlung sein.[17] Als Beispiel kann hier eine medizinische Gesichtsoperation angeführt werden. John mag Gesichtsnarben und willigt in die Operation nur deshalb ein, weil er sich die resultierende Narbe wünscht. Die Einwilligung in die Operation wäre eine intrinsisch gewünschte Handlung. Instrumentell wäre sie dagegen, wenn die Einwilligung in die Operation mit dem Wunsch nach einer möglichst großen Narbe erfolgt, weil diese in einem Schadensersatz- Verfahren eine höhere Entschädigung einbringt. Don mag keine Gesichtsnarben und er will auch keinen Schadensersatz einklagen. Er leidet unter Hautkrebs und muss im Falle einer Operation die Narbe als Nebenbedingung akzeptieren. Hier handelt es sich um eine tolerierte Handlung, wenn Don in die Operation einwilligt, obwohl er die Narbe nicht haben will.[18] Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass eine Handlung immer dann absichtlich ist, wenn sie einem Plan entsprechend durchgeführt wurde. Ob die Handlung und all ihrer Konsequenzen gewünscht werden, ist dabei unerheblich.

Unter dem Verstehen sind drei verschiedene Arten zusammengefasst: das „Verstehen, wie“, das „Verstehen, was“ und das „Verstehen, dass“. Besonders Augenmerk legt Beauchamp auf das „understanding that“, die übrigen Arten werden ausgeklammert.[19] Die ursprüngliche Forderung nach einem vollständigen Verstehen schwächt er im Verlaufe seiner Untersuchung ab. So verwirft er den Anspruch, dass eine Handlung nur dann vollständig verstanden ist, wenn alle Propositionen oder Aussagen, die das Wesen der Handlung oder ihre vorhersehbaren Resultate beschreiben, angemessen erfasst und verstanden werden, als nicht erreichbaren Maßstab.[20] Stattdessen bindet er die Forderung des „unterstanding that“ an einen Evidenzstandart: nur die Überzeugungen, die für die Handlung relevant sind, müssen hinreichend gerechtfertigt sein, nicht aber alle denkbaren.[21] Demnach sind die wesentlichen Fähigkeiten eines autonom handelnden Menschen die Fähigkeit zur Differenzierung zwischen relevanten und nicht relevanten Konsequenzen von Handlungen, sowie die Fertigkeit zum angemessenen Verständnis und zur Relevanzprüfung erhaltener Informationen.[22]

Das letzte Merkmal einer autonomen Handlung ist die Abwesenheit von Fremdkontrolle. Dieses Kriterium kann durch ein Kontinuum zwischen absoluter Freiheit von Kontrolle und absoluter Kontrolle durch eine andere Person beschrieben werden. Vollständig nichtkontrollierte Handlungen sind dabei Handlungen, bei denen kein Versuch der Einflussnahme vorgenommen wurde oder aber bei denen diese Beeinflussung nicht erfolgreich oder nicht kontrollierend war.[23]

[...]


[1] Bezüglich der personalen Autonomie bezieht er sich auf Frankfurt und Dworkin, hinsichtlich der Handlungsautonomie zieht er den Ansatz Beauchamps, Fadens und Childress heran.

[2] Vgl. Michael Quante, Personales Leben und menschlicher Tod, personale Identität als Prinzip der biomedizinschen Ethik, Frankfurt/Main 2001, S. 16.

[3] Siehe dazu Quante, a.a.O., S. 16-23.

[4] Auf diese Art wird der Status eines Wesens angezeigt, der Status der Personalität. Verschiedene Bedingungen für die Bestimmung des Vorliegens von Personalität finden sich bei: Quante, a.a.O., S. 19/20.

[5] Die Graduierbarkeit von Eigenschaften und die verschiedenen Konzepte, wie jene durchgeführt werden kann und wie sie sich auf die Zuschreibung von Autonomie auswirkt, wird von Quante im Folgenden besprochen, soll an dieser Stelle aber ebenso wenig behandelt werden, wie die Schwierigkeiten, die sich bei der Erstellung eines Kriterienkataloges für die Personalität ergeben. Siehe dazu Quante, a.a.O., S. 20/21

[6] SieheQuante, a.a.O., S. 19.

[7] Vgl. Quante, a.a.O., S. 22.

[8] Siehe Quante, a.a.O., S. 22 und S. 158.

[9] Siehe Quante, a.a.O., S. 24/25.

[10] Dazu siehe Quante, a.a.O., S. 25/26.

[11] Vgl. Quante, a.a.O., S. 197.

[12] Siehe Quante, a.a.O., S. 158/159.

[13] Im Folgenden wird aus sprachlichen Gründen Beauchamp als Vertreter des Modells der Handlungsautonomie genannt, wenngleich er die entscheidenden Texte nicht allein verfasst hat.

[14] Siehe Tom L. Beauchamp und James F. Childress, Principles of Biomedical Ethics, New York/ Oxford 1994, S. 121.

[15] Siehe Quante, a.a.O., S. 198.

[16] Dazu siehe Tom L. Beauchamp und Ruth R. Faden, A History and Theory of Informed Consent, New York/Oxford 1986, S. 238.

[17] Siehe Quante, a.a.O., S. 203.

[18] Beauchamp/Faden, a.a.O., S. 245/246.

[19] Vgl. Quante, a.a.O., S. 204.

[20] Siehe dazu Quante, a.a.O., S. 204.

[21] Vgl. Quante, a.a.O., S. 205.

[22] Siehe Quante, a.a.O., S. 205.

[23] Vgl. Quante, a.a.O., S. 206.

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640275021
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122333
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Philosophisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Prinzip Respekts Autonomie Selbstbestimmtes Entscheiden Schlüsselkonzepte Ethik

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