Lade Inhalt...

Judith Butler

Diskussion der Konstruktion von Sprache und ihrer Rolle

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 37 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wie konstituieren sich nach Butler die Kategorien gender/se x und welche Auffassungen von Konstruktion gehen damit einher?
2.1 Wie bewertet Butler den Grad der Konstruktion von biologischem und sozialem Geschlecht?

3. Performativität des Geschlechts durch Sprache: Zitat und Wiederholung im diskursiven Gebrauch; hate speech
3.1 Postsouveräne Subjekte durch Anrufung- Subjekttheorie und Identitätsannahme

4. Materialität des Geschlechtskörpers- Welche Auswirkungen hat die Sprache auf die Konstitution des biologischen Geschlechts?
4.1 Dekonstruktion von (Geschlechts)ontologien – sprachliche Fragmentierung des intelligiblen Geschlechts

5. Schlussbemerkungen

Primärliteratur/ Werke von Judith Butler:

Deutschsprachige Sekundärliteratur zu Judith Butler:

Weiterführende Literatur:

Ausgewählte Internetseiten:

1. Einleitung

Wer beginnt, sich Gedanken über Judith Butler zu machen bzw. über sie zu schreiben, sieht sich sehr schnell mit der Aufgabe konfrontiert, ein hoch komplexes Theorienprojekt zu vermitteln. Es sollte in einer Art und Weise dem Leser nahe gebracht werden, dass es sich auch unter der Bedingung erschließt, wenn man nicht über etwaige einschlägige Vorkenntnisse zum Stoff verfügt.

In der gegenwärtigen feministischen Theorie hat selten eine andere Autorin für ähnlich viel Aufsehen und kritischen Diskussionsstoff gesorgt wie die Jüdin Judith Butler.

Nach dem Erscheinen Ihres Buches: “Das Unbehagen der Geschlechter“ , oder “Gender Trouble“, wie der Titel im Englischen lautet, welches im deutschsprachigen Raum 1991 publiziert wurde, folgte eine breite Welle der Diskussion um ihr Werk, ihre Person und ihre Ansichten. Allerdings fand man nicht nur Positives, sondern auch viel Skepsis und Ablehnung unter manchen feministischen Wissenschaftlerinnen wie beispielsweise der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum oder der türkischen Professorin für politische Theorie Seyla Benhabib, welche ihr beide unter anderem “moralischen Nihilismus“ vorwarfen.[1]

Buchrezensionen, Universitätskollegen und nicht zuletzt andere Feministinnen kritisieren Butler bis heute für ihren zum Teil schwer verständlichen und sehr abstrakten, philosophischen Sprachstil. Barbara Duden geht sogar in einem Aufsatz so weit, Butler vorzuwerfen, sie würde einen “stimmlosen, stummen Diskurs“, also reinen Text, zur Grundlage des Wissens über Frauen machen.[2]

Die vorliegende Semesterarbeit wird sich mit Teilen der umfangreichen Problematik von Butlers Sprachkonstruktion auseinandersetzen und versuchen, einige uns nicht sofort ersichtliche Bereiche unseres alltäglichen Sprachgebrauchs und der damit einhergehenden Verwendung von konstruktivem und Macht ausübendem Denken zu beleuchten. Butlers Anliegen kreist zudem noch um „die Verschränkung von Subjekt und Macht, von Physischem und Diskursivem in der Materialität des Körpers“.[3] In ihrem Buch: „Körper von Gewicht“ schreibt Butler: „Materialität ist die unkenntlich gewordene Wirkung der Macht.“[4] Ich werde aus diesem Grund neben den sprachlichen Aspekten von Butlers Werk auch auf die Seite der Subjektkonstruktion und Materialisierung eingehen, da sich dadurch die Funktion der Sprache bei Butler in meinen Augen leichter erschließen lässt.

Einer der Punkte, der uns im Bereich der Literaturwissenschaft und Sprachphilosophie das Lesen, Verstehen und Nachvollziehen von Butler erschwert, ist, dass ihre Gedanken und Gedankensprünge ihren Blick außerhalb dieser Bereiche lenken und auch auf andere Disziplinen zurückgreifen und sich an ihnen orientieren. Psychoanalyse, Philosophie, Sprachtheorie, Geschichte und Sozialwissenschaften, Medientheorie sowie lesbische und feministische Theorien spielten in Butlers Texten eine so wichtige Rolle, dass sie auch in all diesen Disziplinen rezipiert würden, so Paula- Irene Villa in ihrem 2003 erschienenen Buch: “Judith Butler“.[5]

Trotz der weiten, außerdisziplinären Reichweite von Butlers Texten, sind in all ihren Büchern und Schriften bestimmte Kerngedanken auszumachen, die sie weiterverfolgt und uns aus verschiedenen Perspektiven präsentiert. In der feministischen Literaturwissenschaft und der feministischen Theorie wurde vielfach versucht, tradierte Aussagen, die Männern und Frauen gewissen “naturgegebene Rollen“ auferlegen, zu widerlegen. So versucht Butler Ontologien, die auf natürliche Tatsachen rekurrieren, aufzubrechen und althergebrachte Ansichten wie z.B. jene, das Männliche sei zur Leitung mehr geeignet, als das Weibliche, wie ich es einmal zu Schulzeiten bei Aristoteles gelesen habe, zu dekonstruieren und mit einem dekonstruktivistisch - diskurstheoretischen Ansatz zu überschreiten.

Immer wieder präsent in ihren Schriften ist auch der Bezug zur weiblichen und auch männlichen Homosexualität, von dem ausgehend, sie das konstituierte Subjekt in seinen Ausprägungen untersucht und analysiert. Butler formuliert durch kritische Analyse unserer abendländischen Idee von Zugehörigkeit und Einheitsgefühl Handlungsmöglichkeiten von einem anderen Blickwinkel aus.

An diesen stets wiederauftauchenden, Theoremen orientiert sich meine Arbeit. Im Verlauf werde ich einen Überblick über den Teilbereich von Butlers Wahrnehmung der Sprachkonstruktion und den daraus resultierenden Folgen für das Subjekt, das Individuum und seine Position in der sozialen Wirklichkeit bieten. Allerdings sollen die politischen Fragestellungen und Teilgebiete der feministischen Studien (z.B. die “Queer Studies “) der Sprachphilosophin von mir ausgespart werden, da ich mich weitgehend im Rahmen der germanistischen Disziplinen bewegen möchte, um den Umfang meiner Arbeit nicht zu sprengen. Das eigentliche télos, nämlich die Konstruktion und Rolle von Sprache, sollten wir dabei nicht aus den Augen verlieren. Vielleicht werden wir ja am Ende dieser Arbeit nach der dekonstruktivistischen Lesart Butlers den Begriff “Frau“ und seine Bedeutung mit anderen Augen betrachten.

So wird sich der erste Teil der Ausarbeitung mit einer kritischen Analyse der Geschlechterdifferenz und Aufspaltung von Geschlechtskörper/ -identität beschäftigen; weiterführend werden wir in die Facettenaugen von Subjekt-, und Diskurstheorie blicken und schließlich die mit den vorherigen Themen Hand in Hand einhergehenden Fragen von Sexualität, Körper und Materialität aufgreifen und gegebenenfalls Lösungsvorschläge anbieten. Dabei soll auch näher untersucht werden, wie Butler nicht nur gender, die soziale Geschlechtsidentität, sondern auch die vertraut anheimelnde Binarität sex/gender, und letztlich sogar das anatomische Geschlecht an sich, die scheinbare Evidenz, als kulturell konstruierte Ideologie entlarvt.

2. Wie konstituieren sich nach Butler die Kategorien gender/se x und welche Auffassungen von Konstruktion gehen damit einher?

Butler befasst sich, wie auch schon zahlreiche andere Feministinnen vor ihr, mit der Unterscheidung von sex (Geschlechtskörper) und gender (Geschlechtsidentität) und den daraus resultierenden Folgen für das feministische Subjekt. Allerdings ist für sie, entgegen der Meinung der breiten Masse, die Aufteilung des Menschen in Geschlechtskategorien eher hinderlich und problematisch, anstatt orientierend oder richtungweisend. Butler kritisiert häufig die “Zwangsheterosexualität“ und den “Phallogozentrismus“ welche für sie als „zentrierte“ Institutionen durch ihre Arbeit dezentriert werden sollen.[6] Sie vertritt die Auffassung, dass die Arbeiten feministischer Kritikerinnen im entstehenden Kanon feministischer Theorie eine hegemoniale Position erhalten hätten, obgleich ein großer Teil dieser Arbeiten sehr bezeichnend und zweifellos einflussreich wäre.[7]

In ihnen herrsche die Tendenz, die sprachliche und reale Binarität bzw. den heterosexistischen Rahmen zu stärken, der die Geschlechtsidentitäten gender in männliche und weibliche aufspaltet. Diese Binaritäten verhindern laut Butler, eine angemessene Beschreibung der verschiedenen subversiven und parodistischen Überschneidungen, von denen die schwule und lesbische Kultur geprägt ist.[8]

Sie kritisiert im Sinne ihrer postfeministischen Sichtweise die Theorie des Strukturalismus. Zur Erinnerung: Der Strukturalismus arbeitet dialektisch und vertritt eine subjektivistische Position, das bedeutet, er arbeitet mit Binaritäten, was zu Butlers Konzept im Widerspruch steht.

Die Kategorisierung und Zuweisung des Menschen, bei Butler speziell der Frau, nach bestimmten kulturellen und sozialen Maßstäben führt für sie dazu, dass das Individuum eine innere Spaltung erfährt, anstatt mit sich selbst eine Einheit zu bilden.[9]

Zur Verdeutlichung der Konstruiertheit des Geschlechts führt die Autorin in ihren Büchern häufig die oft zitierte Formel “Biologie ist Schicksal“ an, die die Vorstellung von einer ontologischen, natürlichen Gegebenheit des Geschlechts beinhaltet. Die Stoßrichtung von Butlers Geschlechtertheorie zielt darauf ab, das Geschlecht mit seinen Kategorien sprachlich zu dekonstruieren und Ontologien bzw. Geschlechtsideologien als solche zu entlarven, wie ich es zu anfangs schon angesprochen habe. Sie fragt sich außerdem, welche kulturellen Verfahren eine “subversive Diskontinuität und Unstimmigkeit“ zwischen sex, gender und Begehren in der Sprache unterstellter Heterosexualität produzieren und dadurch ihre angebliche Beziehung in Frage stellen.[10]

Die (sprachliche) Kategorie des sex ist für sie von Anfang an normativ geprägt, Michel Foucault hat laut Butler diesen Zustand ein “regulierendes Ideal“ genannt. Anders formuliert sei das biologische Geschlecht ein ideales Konstrukt, welches mit der Zeit zwangsweise materialisiert würde.[11]

Diese Materialisierung wird nach Butler nur durch ein stetiges Wiederholen der von der Gesellschaft auferlegten, regulierenden Normen erlangt. Diese “regulierenden Normen“ des sex sind es, die nicht nur die Materialität des Körpers konstituieren würden, sondern auch noch das biologische Geschlecht des Körpers, die sexuelle Differenz im Dienste der Konsolidierung des heterosexuellen Imperativs materialisieren würden.[12] Wenn man sich das Modell eines Körpers, sex, als Kleiderständer vorstellt und den Geist, gender, als Jacke, die darüber hängt, so würde es bei Butlers Modell keine Rolle spielen, was die Jacke und was der Kleiderständer wäre.

Die von mir schon erwähnte, performative Wiederholung von Normen und der Verweis auf eine kulturelle Matrix bilden bei Butler wesentliche Kriterien für die Verwendung des Performanzbegriffs, auf den ich unter 1.3 noch genauer eingehen werde.[13]

Für Butler lässt die Unterscheidung zwischen Geschlecht/Geschlechtsidentität zu, dass die Geschlechtsidentität, die wir ab dieser Stelle nur noch als gender bezeichnen wollen, als eine der vielen Möglichkeiten der Deutung des Geschlechts gedacht werden kann.[14] Butlers Ansichten von einer Konstituierung der Geschlechtskategorien folgen einer radikal (de-)konstruktivistischen Kritiklinie und Infragestellung einer biologischen und binären Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit. Ihre Auffassung von Konstruktion ist dabei vor allem an die für sie falsche Annahme geknüpft, gender sei eine natürliche Eigenschaft von Körpern, die die Grundlage einer natürlichen (ontologischen) Ordnung der Geschlechter bilden würde.[15]

Butler vollzieht also sprachtheoretisch konsequent den Bruch mit dem Naturalismus des Geschlechtskörpers. Konstruktion bedeutet für sie in diesem Kontext auch, dass das gegebene, anatomische Geschlecht Aussage darüber macht, was die Geschlechtsidentität im konkreten Sinne darzustellen hat und nach welchen Normen und vor bzw. in welchem kulturellen Rahmen sie das tut.

„Wenn das soziale Geschlecht aus den sozialen Bedingungen besteht, die das biologische Geschlecht annimmt, dann wachsen dem biologischen Geschlecht nicht soziale Bedeutungen als zusätzliche Eigenschaften zu, sondern es wird vielmehr durch die sozialen Bedeutungen ersetzt, die es aufnimmt; das biologische Geschlecht wird im Zuge dieses Aufnehmens preisgegeben und das soziale Geschlecht tritt hervor, und zwar nicht als ein Begriff, der sich auf das biologische Geschlecht als Gegensatz weiterhin bezieht, sondern als derjenige Begriff, der das biologische Geschlecht absorbiert und ersetzt, als Markierung seiner vollständigen Verwirklichung im sozialen Geschlecht, was von einem materialistischen Standpunkt aus gesehen, seine vollständige Ent wirklichung sein dürfte“.[16]

Das biologische Geschlecht konstruiert zusammenfassend in gewisser Weise die Geschlechtsidentität des Subjekts und wirkt auf es ein, was ich noch genauer im Prozess der “ Subjektbildung“ herauszuarbeiten versuche.

Nach Butler würde das biologische Geschlecht selbst zum Postulat einer Konstruktion, wenn man es als etwas behandeln würde, was dem sozialen Geschlecht vorgängig ist. Über die Konstruiertheit der Geschlechtskategorie formuliert sie passend:

„Dieses biologische Geschlecht, von dem postuliert wird, es sei der Konstruktion vorgängig, wird jedoch aufgrund seines Postuliert- Seins zur Wirkung des gleichen Postulierens, Zur Konstruktion der Konstruktion“.[17]

Man kann also sagen, dass das biologische Geschlecht zu einer Konstruktion wird, welche im Sprachsystem als etwas dargestellt wird, was sowohl Sprache, als auch Konstruktion vorhergeht.

2.1 Wie bewertet Butler den Grad der Konstruktion von biologischem und sozialem Geschlecht?

Der Grad der Konstruktion, d.h. der Formung bzw. Erschaffung des biologischen und sozialen Geschlechtskörpers, ergibt sich für Butler aus der Prägung, die der Konstruktionsakt erfahren hat. So wirft Butler die Frage auf:

„[...] Verhält sich das biologische Geschlecht zum sozialen Geschlecht wie weiblich zu männlich“?[18]

In “Das Unbehagen der Geschlechter“ skizziert sie die Meinung der Schriftstellerin und Lebensgefährtin Jean Paul Sartres, Simone de Beauvoir, zu dieser Fragestellung. Wenn wir davon ausgingen, dass der Leib eine Situation wäre, würde es keinen Rückgriff auf den Körper geben, der nicht bereits durch kulturelle Bedeutungen interpretiert wäre. Daher könne das Geschlecht keine vordiskursive und anatomische Gegebenheit sein.[19]

Butler stellt die gewagte These auf, dass das Geschlecht (sex) nach seiner Definition schon von je her gender gewesen sei.[20]

Damit verleiht sie der Frage nach dem Grad der Konstruktion von biologischem und sozialem Geschlecht ein neues Gesicht, da die Kontroverse über die Bedeutung der Konstruktion auf eine andere Ebene verlagert wird. So kann man weiterführend die Frage Butlers aufgreifen: „[...] Inwiefern der Körper erst in und durch die Markierung(en) der Geschlechtsidentität ins Leben gerufen wird“.[21]

Die Qualität und der Umfang der Konstruktion von Geschlechtskategorien hängen also anscheinend noch von einem anderen Faktor ab. Ich habe bereits das „regulierende Ideal“ erwähnt, was an dieser Stelle wieder zum Tragen kommt. Doch was ist dieses Ideal, die regulierende Norm, die bestimmen kann, ob die Geschlechtsidentität oder das Geschlecht festgelegt oder frei verfügbar ist? De Beauvoir hat einmal tiefgründig in ihrem Buch “Das andere Geschlecht“ geschrieben: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird es. Kein biologisches, psychisches, wirtschaftliches Schicksal bestimmt die Gestalt, die das weibliche Menschenwesen im Schoß der Gesellschaft annimmt.“[22]

Auf dieses Zitat, oder Teile von ihm, werden wir im Verlauf der folgenden Seiten sicherlich noch einmal stoßen, ist es doch wichtig, um die Konstruiertheit unseres Wesens zu verstehen. Butlers Ansatzpunkt im Hinblick auf die Thematisierung des Geschlechts ist meiner Meinung nach eine ziemlich radikale Leseart der Einsicht von de Beauvoir. Die höhere Wertschätzung des Männlichen in der Gesellschaft wird nicht noch neben einer an sich neutralen Geschlechterdifferenz konstruiert, wie es in vielen Ansätzen zu diesem Thema angenommen wurde, die “Biologie als Schicksal“ angesehen haben. Wenn man sich die Interaktion genauer betrachtet, kann man feststellen, dass wir Männlichkeit als Dominanz und Weiblichkeit als Unterordnung symbolisch vollziehen.[23] An dieser Stelle kommt der sprachliche Diskurs ins Spiel. Dieser stellt auf den ersten Blick eine unsichtbare Macht dar, die uns umgibt und kann bei Bedarf als Waffe eingesetzt werden. Um Butler zu verstehen, muss man sich anschauen, wie sie für sich selbst den Begriff Diskurs definiert:

„Diskurs ist nicht bloß gesprochene Wörter, sondern Begriffe der Bedeutung; nicht bloß, wie es kommt, dass bestimmte Signifikanten bedeuten, was sie nun mal bedeuten, sondern wie bestimmte diskursive Formen Objekte und Subjekte in ihrer Intelligibilität ausdrücken. In diesem Sinne benutze ich das Wort Diskurs nicht in seiner alltagssprachlichen Bedeutung, sondern ich beziehe mich damit auf Foucault. Ein Diskurs stellt nicht einfach vorhandene Praktiken und Beziehungen dar, sondern er tritt in ihre Ausdrucksformen ein und ist in diesem Sinne produktiv.[24]

Die dem Diskurs eigene Fähigkeit zur Konstruktion sozialer Wirklichkeit bietet im Bezug auf den Grad der Konstruktion des sozialen Geschlechts gender mehrere Konfigurationsmöglichkeiten. „Die Schranken der Diskursanalyse der Geschlechtsidentität implizieren und legen von vorneherein die Möglichkeiten der vorstellbaren und realisierbaren Konfigurationen der Geschlechtsidentität in der Kultur fest.“[25]

Butler wolle mit ihrer dekonstruktivistischen Geschlechtertheorie aufzeigen, dass der Geschlechtskörper ein Effekt hegemonialer Diskurse ist, wobei das angeblich natürlich gegebene sex in Wirklichkeit materialisierte Geschichte, Effekt von Machtverhältnissen und nicht zuletzt Ausdruck des gender darstellt.[26]

Diskurse erzeugen laut Butler gewissermaßen die Wirkungen, die sie benennen, sie sind der Horizont des möglichen Sinns und produzieren in gewissem Sinne die Realität.[27] So basiert die sprachliche Konstruktion der Geschlechtskategorien auf einem einfachen Prinzip: Diskursive Ordnungen sind Bedingungen dafür, dass es uns möglich ist, Begriffe zu haben, mit denen wir mit anderen kommunizieren und interagieren können bzw. für uns selbst Erklärungen bilden können. Wir stehen also immer innerhalb des Diskurses und können uns nicht etwa in einem Raum bewegen, wo es keine Diskurse gibt. „Es ist unmöglich [...], außerhalb der diskursiven Gepflogenheiten zu stehen, durch die wir konstituiert sind.“[28]

Für ihre politischen Studien spielt der Diskurs für Butler auch in der Gesetzgebung eine große Rolle. So postuliert sie, in kulturellen Kontexten, in denen es keine notwendige oder offensichtliche Verbindung zum Gesetz gäbe, würden Formen von Zwangsdiskursivität die Voraussetzungen, unter denen politische Ansprüche erhoben werden könnten, regeln.[29]

Wenn wir an dieser Stelle aus dem bisher Gelesenen ein kurzes Resümee ziehen können, dann steht am Ende die Ansicht Butlers, dass das Geschlecht, sei es biologischer oder sozialer Natur, durch unseren sprachlichen Diskurs konstruiert wird und dieser über den letztendlichen Feinschliff, die Perfektion oder Unannehmlichkeit bestimmen kann. „Wenn Sprache den Körper erhalten kann, so kann sie ihn zugleich in seiner Existenz bedrohen“.[30]

Der Diskurs, unsere Sprache, wirkt gewissermaßen als schöpferische und zerstörerische Kraft in einem, macht Aussage darüber, wie ein Individuum sein wird, kann und muss und unter welchen kulturellen Prämissen seine eigene Darstellung akzeptiert wird.

3. Performativität des Geschlechts durch Sprache: Zitat und Wiederholung im diskursiven Gebrauch; hate speech

In ihrem Buch “Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung“ schreibt Butler: „Die Performanz der Geschlechtszugehörigkeit erzeugt rückwirkend den Effekt eines irgendwie wahren oder bleibenden Wesens“.[31]

Die performative Wiederholung von Normen und der Verweis auf eine kulturelle Matrix bilden wesentliche Kriterien für die Verwendung des Performanzbegriffs bei Butler. Die Performativität sei kein “einmaliger Akt“, denn sie wäre immer die Wiederholung einer oder mehrerer Normen.[32] Die Performativität ist sozusagen ein Bindeglied zwischen Butlers Erörterungen der Kategorie “Geschlecht“ und ihrem Nachdenken über Sprache.[33] Bei John L. Austins Sprechakttheorie ist eine performative Äußerung diejenige diskursive Praxis, die das vollzieht oder produziert, was sie benennt.[34] Laut Austin haben bestimmte Sprechakte Handlungscharakter und führen etwas aus. Dementsprechend bezeichnet man sie als “Performativa“ oder auch “performative Sprechakte“ bzw. “Illokutionäre“. Butler bezieht zur Veranschaulichung ein berühmtes Beispiel von Austin mit in ihre Überlegungen ein um den Effekt der Performativität deutlich zu machen:

[...]


[1] Vgl. Thomas Assheuer, „Die Zeit“, 05.06.2003 Nr.24.

[2] Vgl. Barbara Duden, „Die Frau ohne Unterleib. Zu Judith Butlers Entkörperung. Ein Zeitdokument.“ In : Feministische Studien. Kritik der Kategorie „Geschlecht“, 11.Jg., Heft 2, 1993, 24-33

[3] Vgl. Hannelore Bublitz, „Judith Butler zur Einführung.“ Hamburg: Junius Verlag, 2002

[4] Judith Butler, „Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts.“ Berlin: Berlin Verlag. 1995, 332

[5] Vgl. Paula- Irene Villa, „Judith Butler.“ Frankfurt/M : Campus Verlag, 2003

[6] Vgl. Judith Butler, „ Das Unbehagen der Geschlechter“, 9, 31, 66

[7] Ebd., 105

[8] Ebd., 106

[9] Ebd., 22

[10] Vgl. Judith Butler, „Körper von Gewicht“, 10

[11] Ebd., 21

[12] Ebd., 22

[13] Hannelore Bublitz, 22

[14] Judith Butler, „Unbehagen der Geschlechter“, 22

[15] Vgl. Hannelore Bublitz, 52-53

[16] Judith Butler, „Körper von Gewicht“, 26

[17] Judith Butler, „Unbehagen der Geschlechter“, 26

[18] Judith Butler, „Körper von Gewicht“, 25

[19] Judith Butler, „Unbehagen de Geschlechter“, 26.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] Simone der Beauvoir, „Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau.“ Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 2002, 265

[23] Vgl.: Carol, Hagemann-White, „Die Konstrukteure des Geschlechts auf frischer Tat ertappen? Methodische Konsequenzen einer theoretischen Einsicht.“ In: Feministische Studien. Kritik der Kategorie „Geschlecht“, 11.Jg., Heft 2, 1993, 71

[24] Judith Butler, „Für sorgfältiges Lesen“, 129

[25] Judith Butler, „Unbehagen der Geschlechter“, 27

[26] Vgl. Paula- Irene Villa, „Judith Butler“, 60

[27] Vgl. Judith Butler, „Körper von Gewicht“, 22; Paula- Irene Villa, „Judith Butler“, 24

[28] Judith Butler, „Für sorgfältiges Lesen“, 126

[29] Vgl. Judith Butler, „Hass spricht”, 194

[30] Ebd., 15

[31] Judith Butler, „Psyche der Macht“, 136

[32] Vgl. Judith Butler, „Körper von Gewicht“, 135

[33] Vgl. Sybille Krämer, „ Sprache, Sprechakt, Kommunikation. Sprachtheoretische Positionen des 20. Jahrhunderts.“ Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2001, 241 f.

[34] Vgl. John L. Austin, „Zur Theorie der Sprechakte.“ Stuttgart: Reclam, 1985, 316

Details

Seiten
37
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640274994
ISBN (Buch)
9783640275175
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122329
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1.0
Schlagworte
Judith Butler Sprachphilosophen Gegenwart

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Judith Butler