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Die Wendlafigur in Frank Wedekinds Kindertragödie „Frühlings Erwachen“

Über die Problematik ihrer kindlichen Sexualität

von Manuela Drechsel (Autor)

Seminararbeit 2007 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Zu Thema und Ausgestaltung der Arbeit

2. Über den Umgang mit der Sexualität in der Entstehungszeit von „Frühlings Erwachen“
2.1 Definition Sexualität
2.2 Die Tabuisierung der Sexualität im 19. Jahrhundert

3. Die kindliche Sexualität der Wendlafigur
3.1 Wendlas Rolle in der Kindertragödie
3.2 Charakterisierung der Figur Wendla Bergmann
3.2.1 äußere Erscheinung
3.2.2 Soziale Lage
3.2.3 äußeres Verhalten und psychische Dispositionen
3.3 Wendlas masochistische Neigungen
3.4 Die Aufklärung Wendlas durch ihre Mutter
3.5 Wendlas erster Geschlechtsverkehr
3.6 Die Beziehung zwischen Wendla und ihrer Mutter
3.7 Die Beziehung zwischen Wendla und Melchior

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Zu Thema und Ausgestaltung der Arbeit

„Hab ich nun eine Schwester, die ist seit zwei und einem halben Jahr verheiratet, und ich selber bin zum dritten Male Tante geworden und ich hab gar keinen Begriff, wie das alles zugeht […] Sag`s mir, geliebtes Mütterchen!“1. So bittet Wendla Bergmann ihre Mutter in dem 1891 veröffentlichten Drama „Frühlings Erwachen“, das Frank Wedekind selbst als Kindertragödie betitelt, um Aufklärung.

Die vierzehnjährige Wendla Bergmann sowie die Freunde Melchior Gabor und Moritz Stiefel leiden unter der strengen Moral von Schule und Elternhaus. Wendla, die aufgrund der unterlassenen Aufklärung ihrer Mutter von Melchior schwanger ist, wird von dieser zu einer illegalen Abtreibung genötigt, die sie nicht überlebt. Auf ihrem Grabstein steht die Lüge, dass sie an der Bleichsucht gestorben sei. Moritz erschießt sich, weil er nicht versetzt wird und seinen Eltern die Schande ersparen will. Melchior wird im letzten Moment von einem vermummten Herrn am Selbstmord gehindert.

Warum wird Wendla von ihrer Mutter nicht ordnungsgemäß aufgeklärt? Wie geht Wendla mit ihrer kindlichen Sexualität um und wie entwickelt sich die Beziehung zu Melchior?

Diesen Fragen möchte ich mich in meiner Hausarbeit widmen.

Ich werde mich hierbei zuerst zu dem Thema Sexualität äußern und die Tabuisierung der Sexualität im 19. Jahrhundert beleuchten. Anschließend ordne ich die Rolle der Wendla Bergmann in die Kindertragödie ein, charakterisiere sie und stelle wichtige Etappen ihrer sexuellen Entwicklung dar. Zum Schluss gehe ich auf Wendlas Beziehungen zu ihrer Mutter und zu Melchior ein.

Die Familie Stiefel, die Eltern Gabor, die Gymnasiallehrer, die Zöglinge der Korrektionsanstalt und den vermummten Herren lasse ich in meiner Bearbeitung außen vor. Sie befinden sich nicht in dem Rahmen, der für die Fragestellung meiner Arbeit von Bedeutung ist.

Ich werde textanalytisch und interpretierend vorgehen und meine Ergebnisse mit der zahlreichen Sekundärliteratur vergleichen.

2. Über den Umgang mit der Sexualität in der Entstehungszeit von „Frühlings Erwachen“

2.1 Definition Sexualität

Unter der Sammelbezeichnung Sexualität werden Gefühle, Bedürfnisse und entsprechende Verhaltensweisen von Menschen zusammengefasst, die dem Geschlechtstrieb, insbesondere der Befriedigung dieses Triebes entsprechen.

Dabei geht es nicht nur um den geschlechtlichen Akt als solchen, sondern auch um Variationen, wie Masturbation, Masochismus und Sadismus.

An der Sexualität des Menschen ist fast der gesamte Komplex körperlicher und seelisch- geistiger Beziehungen beteiligt.

Außer von individuellen seelischen Erwartungen und Wünschen, geistigen Einstellungen und Erfahrungen wird sie besonders von kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnissen, Normen und Institutionen beeinflusst.2.

2.2 Die Tabuisierung der Sexualität im 19. Jahrhundert

Zur Bearbeitung dieser Thematik habe ich das Werk „Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers“ von Stefan Zweig herangezogen. Er beschreibt den Umgang mit der Sexualität im 19. Jahrhundert folgendermaßen: „Unser Jahrhundert empfand die Sexualität als ein anarchistisches und darum störendes Element, das sich nicht in ihre Ethik eingliedern ließ, und das man nicht am lichten Tage schalten lassen dürfe, weil jede Form einer freien, einer außerehelichen Liebe dem bürgerlichen >Anstand< widersprach. […] Es wurde also die stillschweigende Vereinbarung getroffen, den ganzen ärgerlichen Komplex weder in der Schule, noch in der Familie, noch in der Öffentlichkeit zu erörtern und alles zu unterdrücken, was an sein Vorhandensein erinnert.“3.

Das heißt, dass die Gesellschaft zur damaligen Zeit unaufrichtig mit der Sinnlichkeit umgegangen ist. Keiner war bereit, sich zu seiner Sexualität zu bekennen. Deswegen wurde das Thema totgeschwiegen.

In der Gesellschaft war die Meinung verbreitet, dass junge Leute ihre eigene Sexualität vergessen, wenn sie nicht darüber aufgeklärt werden.

Während es dem männlichen Geschlecht stillschweigend gestattet war, seine sexuellen Triebe außerhalb der Ehe zu befriedigen, blieben diese Zugeständnisse der Frau untersagt. Auch der Jugend sprach man alle sinnlichen Bedürfnisse, auch noch über die Pubertät hinaus, ab. Durch diesen Prozess des Vergebens und Untersagens wurde die Neugier der Jugend jedoch noch mehr gesteigert.

Die Erwachsenen vergaßen offensichtlich ihre ersten sexuellen Erfahrungen in ihrer Teenagerzeit und unterwarfen ihre Kinder der gleichen Moral, die sie in ihren jungen Jahren erdulden mussten.

Jungen und Mädchen durften sich, wenn überhaupt nur dann treffen, wenn die Möglichkeit einer gesellschaftlichen oder familiären Kontrolle bestand. Mädchen aus gutem Hause, lebten teilweise bis zu ihrem Hochzeitstag in einer völlig asexuellen Atmosphäre.4.

Auch die autoerotischen Handlungen waren den Jugendlichen untersagt. Lehrer und Mediziner verbreiteten die Meinung, dass Masturbation dem menschlichen Organismus erheblichen Schaden zufügt. Das sollte die Jugendlichen abschrecken.

Eine Frau durfte keine Sexualität besitzen, so lange sie nicht verheiratet war. Bei jungen Männern wurde die Sexualität nicht verschleiert. Sie wurden teilweise sogar dazu ermutigt, sich ihre Hörner abzustoßen. Das ganze Sexualleben der Jungendlichen sollte jedoch den Augen der Gesellschaft verborgen bleiben.5.

Zu dem Ergebnis dieser gewaltsam unterdrückten Sexualität von Jugendlichen äußerte sich Stefan Zweig folgendermaßen: „ So war im letzten Grunde jene Generation, der man jede Aufklärung und jedes unbefangene Beisammensein mit dem anderen Geschlecht prüde untersagte, tausendmal erotischer disponiert als die Jugend von heute mit ihrer höheren Liebesfreiheit.

Denn nur das Versagte beschäftigt das Gelüst, nur das Verbotene irritiert das Verlangen, und je weniger die Augen zu sehen, die Ohren zu hören bekamen, umso mehr träumten die Gedanken.“6.

Damit erklärt Stefan Zweig auch, warum sich Wedekind so auf die erotischen Interessen der jugendlichen Hauptfiguren in „Frühlings Erwachen“ konzentriert. Eine Methode der Aufklärung war, nicht nur in Wedekinds Werk, sondern auch im gesellschaftlichen Leben nicht gern gesehen und wurde von allen Instanzen zurückgewiesen: die öffentliche und aufrichtige.7.

3. Die kindliche Sexualität der Wendlafigur

3.1 Wendlas Rolle in der Kindertragödie

Frank Wedekind bezeichnet sein Werk „Frühlings Erwachen“ als Kindertragödie. Das ist eine thematische, aber keine formale Bestimmung. Eine Kindertragödie ist ein literarischer Typus, der die Kinder- und die Erwachsenenwelt gegeneinander setzt und die Kinder an der Welt der Erwachsenen zugrunde gehen lässt. Sie verabschiedet die Helden des traditionellen Dramas. Die Protagonisten sind Kinderfiguren, die nur deswegen untergehen, weil sie erst in die Gesellschaft hineinwachsen müssen. Alle Kinder, auch wenn sie verschieden Schicksale erleiden, erleben ihre Tragödie. Ihre kindlich-unschuldige Menschlichkeit wird von den Gesellschaftsnormen missachtet und zerstört.8.

Die Kindertragödie thematisiert die kindliche Unreife. Sie stellt das Schicksal dar, das die kindlich- unschuldigen Protagonisten in einer lebensfeindlichen und von Lügen geprägten Gesellschaft erleiden.

Die Kinder symbolisieren die Unschuld. Moralisches Handeln ist ihnen fremd.

[...]


1 Wedekind, Frank: Frühlings Erwachen. Husum/Nordsee: Hamburger Leseheft Verlag 2001 (=173. Heft). S. 28-29.

2 Vgl. Retzlaff, Erika. Duden Biologie. 3., vollst. überarb. und erg. Aufl. Mannheim: Dudenverlag 1994. S. 424.

3 Zweig, Stefan: Die Welt von gestern. In: Erläuterungen und Dokumente. Frank Wedekind Frühlings Erwachen. Hrsg. von Hans Wagener. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2005 (=Reclams Universal- Bibliothek Nr. 8151). S. 186-187.

4 Vgl. Zweig, Stefan: Die Welt von gestern. S. 191.

5 Vgl. Splitter, Horst: Frühlings Erwachen. Interpretation. München: Oldenburg 1999. S.13-14.

6 Zweig, S.: Die Welt von gestern. S.189-190.

7 Vgl. Ebd. S. 193.

8 Vgl. Hahn, Manfred: Frank Wedekind. Werke in drei Bänden. Band 1. Dramen 1. Berlin: Aufbau- Verlag 1969. S. 11

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640273416
ISBN (Buch)
9783640273683
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122284
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Wendlafigur Frank Wedekinds Kindertragödie Erwachen“ Neuere Deutsche Literatur

Autor

  • Manuela Drechsel (Autor)

    2 Titel veröffentlicht

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Titel: Die Wendlafigur in Frank Wedekinds Kindertragödie „Frühlings Erwachen“