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Zu den orthographischen Prinzipien des Deutschen

Theorie und Praxis

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. DIE ORTHOGRAPHISCHEN PRINZIPIEN IN DER THEORI
1.1 Kurzer wissenschaftsgeschichtlicher Abriss zur Entwicklung der orthographischen Prinzipien
1.2 Definitionen zu „Prinzipien der Schreibung“, „orthographische Prinzipien“ und „orthographische Regeln“
1.3 Die einzelnen orthographischen Prinzipien des Deutschen
1.3.1 Das phonographische Prinzip
1.3.2 Das silbische Prinzip
1.3.3 Das morphologische Prinzip
1.3.4 Weitere Mittel der Wortschreibung
1.4 Zusammenfassung, Problematisierung und Bewertung

2. DIE ORTHOGRAPHISCHEN PRINZIPIEN IN DER PRAXIS
2.1 Didaktische Standpunkte zu den orthographischen Prinzipien
2.2 Zur kindlichen Aneignung der orthographischen Prinzipien: Kurzer Abriss zum kindlichen Schriftspracherwerb
2.3 Didaktische Konsequenzen für die Unterrichtung der orthographischen Prinzipien
2.3.1 Didaktische Konsequenzen für die Unterrichtung des phonographischen Prinzips
2.3.2 Didaktische Konsequenzen für die Unterrichtung des silbischen Prinzips
2.3.3 Didaktische Konsequenzen für die Unterrichtung des morphologischen Prinzips

3. Fazit

4. Quellenverzeichnis

Einleitung

Im Zuge der kürzlich durchgeführten Rechtschreibreform ist die deutsche Orthographie und deren Prinzipien sowohl von theoretischer wie auch von praktischer Seite verstärkt auch in der Öffentlichkeit „heiß diskutiert“ worden. Dabei standen sich im Allgemeinen zwei Lager gegenüber: die einen kritisieren die Überbewertung der Rechtschreibung (Steinig 2004: 128) und bewerten die deutsche Orthographie als ein „in sich stimmiges System“. Die andere Seite sieht die deutsche Rechtschreibung als eine Aneinanderreihung von Andersschreibungen und Chaos an (vgl. Ossner 2006: 147). Besonders Lehrer geraten bei solchen Diskussionen in Bedrängnis, vor allem wenn sie danach gefragt werden, wie viele Prinzipien oder Grundsätze der Schreibung es eigentlich gebe bzw. wie diese zu erläutern seien (vgl. Rahnenführer 1980: 231). Dass manche Unsicherheiten von Seiten der Lehrer eigentlich gar nicht ihr Verschulden ist und dass sogar die Theorie selbst gar keine genaue Definition zu den orthographischen Prinzipien aufweisen kann und damit die auf letztere aufbauende Praxis erst recht ins Schwanken geraten muss, soll an dieser Stelle bereits schon einmal angedeutet werden. Welche der beiden Meinungen zur deutschen Orthographie – stimmiges System oder Chaos – nun zutrifft, soll in dieser Hausarbeit geklärt werden. Den Fokus dabei bilden die orthographischen Prinzipien des Deutschen, die in einem ersten Teil unter theoretischen Aspekten und in einem zweiten Teil unter praktischen unterrichtsbezogenen Gesichtspunkten betrachtet werden sollen. Bei der folgenden Betrachtung der orthographischen Prinzipien kommt es mir vor allem darauf an, deren wesentlichste Eigenschaften exemplarisch zu erläutern und nicht bis ins letzte Detail alle Einzelheiten darzustellen. Dies würde den Rahmen dieser Hausarbeit erheblich sprengen. Daher muss diese Betrachtung leider unvollständig bleiben.

1. DIE ORTHOGRAPHISCHEN PRINZIPIEN IN DER THEORI

1.1 Kurzer wissenschaftsgeschichtlicher Abriss zur Entwicklung der orthographischen Prinzipien

Die theoretische Beschäftigung mit der deutschen Schreibung und den damit verbundenen theoretischen wie praktischen Problemen reicht weit zurück und beginnt bereits im 16. Jh. (vgl. Rahnenführer 1980: 232). Im 18. Jh. wurde diese Beschäftigung dann v.a. 1722 von H. Freyer verstärkt fortgeführt. Zu dieser Zeit standen sehr voneinander abweichende Auffassungen von Prinzipien und deren Anzahl nebeneinander. Einige Beispiele von angenommenen Prinzipien waren u.a. das Aussprache-Prinzip[1] oder das Etymologie-Prinzip[2] etc. Zu einem ersten Höhepunkt der Theoriebildung zu den Prinzipien der deutschen Schreibung kam es im 19. Jh. durch R. v. Raumer, der 1863 als erster Theoretiker der Rechtschreibung das „phonetische Prinzip“ als das führende Prinzip des Deutschen herausstellte (vgl. Rahnenführer 1980: 232f). 69 Jahre später erkannte Th. Steche als erster die funktionale Notwendigkeit und Berechtigung der verschiedenen orthographischen Prinzipien, die er jedoch im Einzelnen noch nicht definierte. Steche hob besonders zwei Prinzipien als wichtigste des Deutschen hervor: einmal die Lauttreue und den „Grundsatz der Stammgleichheit“, der beim Lesen für eine rasche Informationsentnahme sorge (vgl. Rahnenführer 1980: 234).

Als kurze Zwischenbilanz kann also festgehalten werden, dass bis zur ersten Hälfte des 20. Jh. die orthographischen Prinzipien bzw. die sprachwissenschaftlichen Grundlagen der Schreibung in der Fachliteratur noch keine sehr große Rolle gespielt haben (vgl. Rahnenführer 1980: 234). Ursache hierfür war vor allem die Abkapselung der deutschen Sprachwissenschaft vom Ausland, aus welchem theoretische Auffassungen und Untersuchungsergebnisse bis nach 1945 unbeachtet blieben und daher keine Weiterentwicklung stattfinden konnte. Dies änderte sich erst in den 50er Jahren, in welchen eine intensivere Auseinandersetzung mit den Prinzipien der Schreibung begann (Rahnenführer 1980: 235). R. Donath machte 1954 darauf aufmerksam, dass die einzelnen Prinzipien zusammenwirken und daher kein Prinzip allein maßgebend sein können bzw. jedes seine Berechtigung habe. Dabei bezog er sich auf die folgenden von ihm angenommenen Prinzipien: das phonetische, grammatische, historische und das logische Prinzip. Unter dem grammatischen Prinzip fasste er syntaktische, d.h. Groβ- und Kleinschreibung, wie auch morphologische Erscheinungen (Stammschreibung) zusammen. Eine Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Prinzipien bzw. nach der Regel, nach welcher sich bei der Schreibung eines Wortes diese Prinzipien miteinander verbunden haben, findet er noch nicht. Ein Jahr später beschäftigen sich H. Moser und J. Knobloch weiter mit der Frage nach dem Wesen der orthographischen Prinzipien, scheitern jedoch bei ihren Versuchen. Lediglich bedeutsam an Mosers Arbeit ist, dass er als erster die Bezeichnung des „phonetischen Prinzips“ durch die des „phonologischen Prinzips“ ablöst (Rahnenführer 1980: 235f). Knobloch gelangte bei seinen Untersuchungen zu der Erkenntnis, dass sich die verschiedenen Prinzipien nicht nur - wie Donath 1954 herausfand, zusammenwirken – sondern mehr noch, sich gegenseitig durchkreuzen (Rahnenführer 1980: 236f). Nimmt man hier noch einmal eine kurze Bilanz vor, so kann man feststellen, dass bis zur Mitte der 60er Jahre einzelne, sehr unterschiedliche Prinzipien und Grundsätze lediglich aufgezählt, jedoch in keiner Arbeit näher erläutert oder definiert werden. Unklar bleibt, was überhaupt unter Prinzipien verstanden wurde (Rahnenführer 1980: 237). 1965 und 1974 erörtert Joachim Riehme, unter Einbezug internationaler Forschungsergebnisse, wichtige sprachwissenschaftliche Grundlagen für die Schreibung. Er beschreibt insgesamt sechs Prinzipien der Orthographie: das phonologische (phonematische), etymologische (morphologische), historische, logische (semantische), grammatische und das graphisch-formale Prinzip (vgl. Rahnenführer 1980: 237). Außerdem wirken seiner Ansicht nach verschiedene Prinzipien gegen- und miteinander. Dabei bilden das phonematische und das morphematische Prinzip eine besondere Einheit (Sprechform, Bedeutung, Schreibform). Mit dem Ende der 60er Jahre und in den 70er Jahren kommt es zu einer immer deutlicheren Auseinanderentwicklung der bereits stark voneinander abweichenden Auffassungen zur Rolle der Prinzipien der Schreibung (vgl. Rahnenführer 1980: 239). Andere wiederum, wie G. Schreinert, sprechen dem morphematischen Prinzip (nach sowjet. Vorbild) eine führende Rolle zu (vgl. Rahnenführer 1980: 240). Ein ganz neuartiger Ansatz hingegen legen 1975 Nerius und Scharnhorst vor, die die orthographischen Prinzipien erstmals in linguistische Zusammenhänge einordnen und begründen können, dass den Prinzipien auf verschiedenen Sprachebenen Korrespondenzbeziehungen zugrunde liegen, z.B. die Beziehung der phonologischen zu anderen Ebenen des Sprachsystems zur graphischen Ebene etc. (Rahnenführer 1980: 241). Ausgebaut wurde dieser Ansatz 1976 von F. Nieckula, der die Beziehung der Schreibung zu verschiedenen Bereichen und Ebenen des Sprachsystems noch weiter untersuchte sowie das morphematische Prinzip als gleichberechtigtes Prinzip gegenüber dem phonologischen Prinzip nebenordnete (Rahnenführer 1980: 243; 245).

Macht man nun einen Sprung in die Gegenwart, so muss man feststellen, dass in der sprachwissenschaftlichen Literatur noch immer sehr unterschiedliche und z.T. entgegengesetzte Auffassungen zum Wesen der orthographischen Prinzipien vorherrschend sind. Sowohl die Klassifizierung als auch die Benennung der Prinzipien sind nur teilweise unstrittig (vgl. Geier/Schuppener 2004: 105). Einen Grund für die Schwierigkeiten der genauen Prinzipienbestimmung sehen Geier und Schuppener (2004: 105) vor allem in der Vielzahl der Einflussfaktoren, die auf die Rechtschreibung einwirken. Zudem sei es nicht einfach, mit Überlappungen, Widersprüchen oder Inkonsequenzen umzugehen /vgl. Abraham 2007: 56). Viele Probleme ergeben sich aufgrund der Verwendung des lateinischen Alphabets, welches nur in eingeschränkter Weise eine angemessene Laut-Buchstaben-Zuordnung zulasse. Schließlich, durch die historische Entwicklung der deutschen Sprache, sei es gar nicht möglich, alle orthographischen Prinzipien des Deutschen konsequent zu verwirklichen.

Fazit: Mit diesem historischen Rückblick sollte gezeigt werden, dass sowohl damals wie auch heute unterschiedliche Auffassungen der einzelnen Sprachwissenschaftler und Didaktiker zu den orthographischen Prinzipien –bzw. den Prinzipien der Schreibung, wie sie damals genannt wurden – vorherrschten bzw. noch vorherrschen.

1.2 Definitionen zu „Prinzipien der Schreibung“, „orthographische Prinzipien“ und „orthographische Regeln“

Unter „Prinzip“ versteht Rahnenführer (1980: 251) zunächst einmal einen Hilfsbegriff zur Verdeutlichung der Beziehungen zwischen der graphischen und den anderen Ebenen. Anders ausgedrückt, stellen Prinzipien Projektionen der verschiedenen Ebenen bzw. ihre einzelnen Erscheinungen auf die graphische Ebene dar. Dabei wird eine klare Zuordnung der Schreibung zu den verschiedenen Ebenen des Sprachsystems vorausgesetzt. Die „Prinzipien der Schreibung“ sieht Rahnenführer (1980: 252) als die Grundlage der allgemeinsten Formen von Regeln und orthographischen Regeln an, die die Beziehungen der verschiedenen Ebenen zur graphischen Ebene, die Zusammenhänge zwischen ihnen angeben. Wichtig hierbei ist, dass diese Prinzipien über keinen Anweisungscharakter verfügen, wie dies bei normativen orthographischen Regeln der Fall ist. Dies ist an dieser Stelle deshalb zu betonen, da oft der Terminus „Prinzip“ mit dem der „Regel“ synonym verwendet wird. Diese undifferenzierte Verwendung des Terminus ist jedoch kritisch zu betrachten! Fuhrhop (2006: 12) definiert die „Prinzipien der Schreibung“ als Grundsätze für die Beziehung zwischen Einheiten des Schriftsystems und anderen Ebenen. Sobald diese durch gesellschaftliche Konventionen normiert sind, werden sie zu „orthographischen Prinzipien“ (vgl. Ossner 2006: 183). „Orthographische Regeln“ sind dann dementsprechend nach Rahnenführer (1980: 251f) verallgemeinerte Beziehungen zwischen der graphischen und den anderen sprachlichen Ebenen und stellen die Kodifizierung der Normen dar.

[...]


[1] Unter „Ausspracheprinzip“ verstehe ich hier das „phonetische Prinzip“, d.h. jedem gesprochenen Laut soll genau ein Schriftzeichen entsprechen (vgl. Geier/Schuppener 2004:105).

[2] Beim Etymologie-Prinzip sollen etymologisch verwandte Wörter gleich oder ähnlich geschrieben werden (vgl. Geier/Schuppener 2004: 105). Synonyme: morphologisches Prinzip, Stammprinzip, morphematisches Prinzip.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640273409
ISBN (Buch)
9783640273676
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122283
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Prinzipien Deutschen Phonologie

Autor

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Titel: Zu den orthographischen Prinzipien des Deutschen