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Zwischen Einfall und Zufall - Friedrich Dürrenmatts Komödientheorie und deren Auswirkungen auf "Die Physiker"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Intentionen der Dramatik Dürrenmatts

3. Die Theorie der Komödie

4. Formale Auswirkungen der Komödientheorie auf „Die Physiker“

5. Das Komische in Friedrich Dürrenmatts Komödie "Die Physiker"

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach 1945 haben vor allem zwei Autoren zur Weiterentwicklung der Komödie beigetragen. Friedrich Dürrenmatt und Peter Hacks. Seine These, dass den gegenwärtigen Zuständen nur noch die Komödie beikomme, bezog er ohne Unterscheidung auf die sozialistischen Strukturen der DDR als auch auf die nicht-sozialistischen der BRD. Bernhard Greiner schreibt, Dürrenmatt predige wie von einer Kanzel über die Widrigkeiten der Welt und verliere sich z.T. in zu ernsten Sinnfragen. Darüber wird in dieser Arbeit zu diskutieren sein. Zu beantworten wird die Frage sein, handelt es sich bei Dürrenmatts „Physikern“ um eine Komödie oder eher um eine Tragikomödie?

Um sich Friedrich Dürrenmatts Werk nähern zu können, ist es entscheidend, seine Welt-und Theaterauffassung zu kennen. Die Auseinandersetzung mit dieser wird den ersten Teil der Arbeit umfassen, in zweiten Teil wird über die formalen Auswirkungen auf „Die Physiker“ zu sprechen sein und im Schlußteil wird versucht, die Gattungsfrage zu lösen.

2. Die Intentionen der Dramatik Dürrenmatts

„[...] die Aufgabe der Dramatik ist, Gestalt, Konkretes zu schaffen. Dies vermag vor allem die Komödie.“[1] Dürrenmatt spiegelt die Welt im Theater wider und stellt so das Paradoxe in ihr dar. Seine Dramen haben häufig einen aktuellen Bezug, ähnlich dem Zeitstück, da die Gegenwart, im Fall der „Physiker“ der Kalte Krieg, gezeigt werden soll. Zur aktuellen Situation der Welt spielt er verschiedene Möglichkeiten der Reflexion dessen auf der Bühne durch, durchdenkt sie und regt so das Publikum zur intensiven Beschäftigung an. Dürrenmatt kritisiert, identifiziert sich der Zuschauer zu stark mit der Handlung und dem ‚Helden‘, sei keine kritische Auseinandersetzung mit dem Dargestellten, also mit der gespiegelten Welt möglich. Und er hat Recht, es muss Abstand vom Bühnengeschehen erzeugt werden, um dem Zuschauer den nötigen Überblick zu ermöglichen.

Nur durch Provokation, so Friedrich Dürrenmatt, ist es überhaupt möglich, das Publikum soweit zu bringen, sich vom Gezeigten zu distanzieren. Allerdings müsse der Autor Mittel finden, die es dazu bewegen, dieser Provokation freiwillig entgegenzutreten.[2] In seiner Theaterproblematik führt Dürrenmatt z.B. an, wie widersprüchlich die Existenz der Welt sei, welche „nur noch ist, weil die Atombomben existieren: aus Furcht vor ihnen.“[3] Da sich die Wirkungsabsichten von dramatischen Texten verändert und sie neue Darstellungsformen benötigen, eine neue, überarbeitete Dramaturgie, so Dürrenmatt, entwickelte er seine Komödientheorie.[4]

Einen wichtigen Ansatzpunkt für seine theoretischen Überlegungen sieht Dürrenmatt in der Tatsache, dass die Tragödie, nach der Aristotelischen Poetik, nicht fähig ist, eine heutige Welt abzubilden, da die Voraussetzungen hierfür nicht mehr existent sind. „Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus.“[5], schreibt Dürrenmatt in seiner Theaterproblematik. Doch die Übersicht sei verloren gegangen im Chaos der Welt. Verantwortung sei als Leistung eines Einzelnen nicht mehr möglich, weil keiner mehr die Freiheit hätte, aus einer Verantwortlichkeit heraus selbst Entscheidungen zu treffen. Die Entscheidungen eines Individuums werden irrelevant. Doch hier ist ihm nicht zuzustimmen. Ein Individuum kann sowohl eigene Entscheidungen treffen, die Berufs-Partner- und Lebensentwurfswahl steht jedem frei, sicher in den 60er Jahren mit Einschränkungen, besonders für das weibliche Geschlecht. Verantwortung zu übernehmen, sei einzig als gesellschaftliche Gesamtleistung möglich. Doch genau dieses Verantwortungsgefühl, das Gewissen, muss erst wachgerufen werden. Auch hier scheint Dürrenmatt zu pauschalisieren, nicht jeder Mensch scheut die Verantwortung. Das Verantwortungsgefühl sei schlicht nicht existent und vom einzelnen Menschen, auch vom Dichter selbst, nicht realisierbar. Also kann es nicht dargestellt werden. Wenn ein Einzelner keine Verantwortung hat, kann ihm keine Schuld zugewiesen werden, denn wer keine Macht hat, kann nichts bewirken und lädt demnach auch keine Schuld auf sich, einzig die Schuld der Resignation. Demnach ist auch Schuld eine Erscheinung, die ausschließlich die gesamt Gesellschaftlich auf sich laden kann.[6] Dürrenmatt schrieb in seinen Theaterproblemen weiter, als Protagonist sei der tragische Held der antiken Tragödie in der Gesellschaft demnach nicht einzusetzen, da sein innerer Konflikt theoretisch noch existent ist, aber nach außen hin völlig wirkungs- und folgenlos bleibt, folglich also nicht relevant sei. Der Lauf der Welt entfaltet seine ganz eigene Dynamik, auf die der Mensch keinerlei Einfluss hat. Der Mythos als historisch gewachsener Stoff bildet die Grundlage der griechischen Tragödie. Doch bildet der Mythos nach Absicht Dürrenmatts heute konträr zu vergangenen Zeiten nicht mehr die Basis von Glauben und Weltsicht. Oft ist er gar unbekannt. Der Glaube an ihn schwindet und somit hat er in der heutigen Gesellschaft kaum Bedeutung. Der Mythos, auch wenn er realistisch dargestellt würde, wäre als literarische Grundlage für Dürrenmatts Dramen ungeeignet, da er aktuelle Problematiken auf die Bühne bringen will, keine antiken Stoffe. Wenn Dürrenmatt in einigen seiner Stücke dennoch Mythen bearbeitet[7] oder historische Personen als Protagonisten auftreten lässt, dann ausschließlich in parodierter, oft grotesker Form, um durch die Satire und Umwandlung des Stoffes gegensätzliche Aussageabsichten zu verfolgen. Gleichsam verfährt der Autor mit historischen Personen und Ereignissen. Er setzt vertraute Geschichten und Personen in einen, vom Zuschauer nicht erwarteten Kontext, widerspricht so dessen Erwartungen und schafft Distanz und Verfremdung, ähnlich dem epischen Theater Brechts. Notwendig wird dies, da neben den fehlenden Voraussetzungen für die Tragödie für Dürrenmatt auch noch Probleme, die aus der Tragödienstruktur und deren Wirkung auf das Publikum ergeben, bestehen. Dürrenmatt hält es für unmöglich, mit der literarischen Form der Tragödie die Ergebnisse und Wirkungen zu erzielen, die er beabsichtigt, das ist der zweite Aspekt seiner Komödien-Überlegungen.[8]

In der Tragödie wird der Mythos auf die Bühne, das heißt in die Gegenwart, übertragen. Die Distanz zum Stoff werde so ausgelöst. Die Tragödie, so Dürrenmatt, ist das „Theater der Identifikation“. Die Geschichte auf der Bühne wird zur Illusion der Wirklichkeit in der Phantasie des Publikums. Mit dem Schicksal der tragischen Helden identifizieren sie sich, sie können nicht anders. Das Publikum identifiziert sich mit Medea oder Antigone, weil es seine Gefühle nicht zuhause lässt, doch ist die Ursache dafür, dass antike Stoffe in die Gegenwart verlegt werden? Das Ziel der antiken Dichter war die Katharsis, die Reinigung von "Erregungszuständen"[9] wie "Jammer und Schaudern"[10]. Das Publikum wird emotional gefangen genommen, völlig unkritisch blicke es auf das Gezeigte. Die nötige Distanz, die Dürrenmatt erzeugen will, sei mit der Tragödie als Gattung nicht realisierbar. Greiner schreibt, die These von der Distanzüberwindung der Tragödie und der Distanzschaffung der Komödie sei einseitig.[11] Bei jeglicher „Arbeit am Mythos“[12] entstehe Distanz. Wenn Dürrenmatt von der Distanzschaffung der Komödie spricht, „beschneidet er sie um ihre wesentliche dionysisch-karnevalistische Komponente“[13] so Greiner.

3. Die Theorie der Komödie

Wie schon beschrieben, lehnt Dürrenmatt jede politische Aussage in seinen Stücken ab und doch orientiert sich die Komödientheorie in großen Teilen am epischen Theater Bertolt Brechts. Ein ganz entscheidender Punkt bei beiden Autoren ist die Demontage der Illusion, das Nicht-identifizieren des Schriftstellers mit Publikum und so die Distanzierung desselben vom Bühnengeschehen. Als Ziel seiner Arbeit betrachtet Dürrenmatt die kritische Auseinandersetzung des Zuschauers mit dem Sujet. Denn der Betrachter erkennt sich in dem tragischen Helden wieder und distanziert sich stattdessen von den komischen Personen und vom Komischen.[14] Es stimmt, kein Zuschauer würde sich z.B. mit einem Narr oder Irren und dessen Unfähigkeit, Dinge des Alltags zu bewältigen, gleichsetzen. Eine Komödie, die das Komische als Stilelement einsetzt, macht eine Abwendung des Publikums vom Bühnengeschehen möglich. Im Gegensatz zum epischen Theater Brechts, der die Handlung seiner Stücke durch Lieder, Kommentare, Projektionen etc. immer wieder zum Anhalten bringt, und somit beim Zuschauer Distanz und die Möglichkeit des Nachdenkens schafft, erzeugt Dürrenmatt diesen Verfremdungseffekt, das wichtigstes Prinzip des brechtschen Theaters durch das Komische selbst. Die Komik ist das stilistische Mittel, welches Distanz erzeugt. "Gelächter ist die Kraft, die den komischen Gegenstand von uns weg treibt."[15] Dürrenmatt deutet die Realität um als Parodie und bildet nicht etwa die Wirklichkeit, nein die Verfremdung dessen nach. Die Handlung ist nicht absurd, sie hat nur einen widersprüchlichen Bezug zum Realen, der dem Betrachter vorgeführt wird. Die Dialoge in Dürrenmatt Dramen sind oft völlig paradox. Doch es stellt sich die Frage, ob sich unsere Welt nicht aus unzähligen Widersprüchen zusammensetzt? Der Autor der Physiker benutzt die literarische Form der Groteske, um die paradoxen Erscheinungen der Welt zu thematisieren. Er gewinnt so für seine Arbeit Stoffe, die den Mythos, den die Tragödie benutzt, für die Komödie ersetzen. Jene Verfremdung des Realen in Dürrenmatts Werken hat in der Komödientheorie des Schweizers verschiedene Funktionen. Zum einen produziert sie Distanz, da eine verfremdete Welt vom Betrachter nicht als real existent empfunden wird. Die Distanz sieht Dürrenmatt als Methode, um Komik zu erschaffen, die durch die groteske Umwandlung des Realen hervorgerufen wird.

[...]


[1] Dürrenmatt, Friedrich: Theaterprobleme. Zürich 1955. S. 60.

[2] Friedrich Dürrenmatt. 21 Punkte zu den Physikern. Punkt 17. In: Friedrich Dürrenmatt. Die Physiker. S.92.

[3] Dürrenmatt, Friedrich: Theaterprobleme. Zürich 1955. S. 62.

[4] Vgl. Dürrenmatts theoretische Texten und Reden, z.B. Anmerkungen zur Komödie(1951), Theaterprobleme(1954) Dramaturgische Überlegungen zu den Wiedertäufern (1967).

[5] Dürrenmatt, Friedrich: Theaterprobleme. Zürich 1955. S. 62.

[6] Zierl, Andreas: Affekte in der Tragödie. Orestie, Oidipus Tyrannos und die Poetik des Aristoteles. Berlin 1994. S. 67.

[7] So z.B. in: Herkules und der Stall des Augias.

[8] Dürrenmatt, Friedrich: Theaterprobleme. Zürich 1955. S. 68.

[9] Ebenda.

[10] Dürrenmatt, Friedrich: Dramaturgische Anmerkungen zu den Wiedertäufern. In: Ulrich Profitlich, Komödientheorie. S.259.

[11] Greiner, Bernhard: Die Komödie: Eine theatralische Sendung: Grundlagen und Interpretation. Eine theatralische Sendung: Grundlagen und Interpretation. Stuttgart 2006. S. 460.

[12] Ebenda.

[13] Ebenda.

[14] Müller, Rolf: Komödie im Atomzeitalter: Gestaltung und Funktion des Komischen bei Friedrich Dürrenmatt. Frankfurt am Main 1988. S. 23.

[15] Ebenda.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640271634
ISBN (Buch)
9783640271696
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122265
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,5
Schlagworte
Zwischen Einfall Zufall Friedrich Dürrenmatts Komödientheorie Auswirkungen Physiker

Autor

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