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Zur Nikomachischen Ethik VIII bis IX: Freundschaft (philia)

Ein kurzer, hermeneutischer Umriss

Essay 2008 10 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

I. Definition und Weite des Wortes Freundschaft

II. Die Arten der Freundschaft

III. Wer kann einander Freund werden?

IV. Grenzen der Freundschaft, Proportionalität und Gerechtigkeit

V. Das Strebenswerte/Schlussbemerkungen

Einleitung

Freundschaft nimmt einen großen Teil gesellschaftlichen Lebens ein. Gern laden wir unsere Freunde zum essen ein, ermahnen unsere Kinder stets freundlich gegenüber Fremden zu sein und helfen unseren Freunden, wenn sie Probleme haben.

Es ist ein sehr abstraktes System von einander mögen bis hin zu Abhängigkeiten und Hilfeleistungen. Wir bezeichnen viele Menschen in unserem Kreis als Freunde, der Nachbar ist ein Freund, der kleine Junge hat davon besonders viele – jeder Bekannte ist Freund. Und dennoch ist der Schwager Schwager und nicht Freund, der Vater ist Vater, die Cousine erst recht nicht die Freundin eines jungen Mannes.

Die Abgrenzung ist schwierig und auch die Definition eines besten Freundes ist kaum möglich. Brauchen wir denn Freunde; ist jemand besser, desto mehr Freunde er hat; was darf ich von meinen Freunden erwarten?

Bei genauerer Betrachtung wird eine Einordnung des Begriffes und aller konnotativen Werte schwierig.

Die Breite des Begriffes spiegelt sich auch in der Nikomachischen Ethik, in den Büchern VIII bis IX, wider (hier die deutsche Übersetzung in der Reclam-Ausgabe von Franz Dirlmeier). Im Folgenden sollen die Ausführungen Aristoteles’ konzentriert werden. Die verschiedenen Arten der Freundschaft und deren Bedingungen sind noch greifbar, doch bereits bei der Frage, was die Freundschaft (philia) ist, der Definition, oder gar die Frage ob sie als oberstes Gut fungieren kann oder eben doch nicht autark ist, treten Schwierigkeiten auf.

Die nachfolgende hermeneutische Textinterpretation befolgt die Stringenz der Niko- machischen Ethik (NE) und versucht einen kurzen Überblick des Begriffes darzustellen.

I. Definition und Weite des Wortes Freundschaft

Der Begriff der Freundschaft (philia) ist in der Nikomachischen Ethik (NE) sehr weit gefasst und berührt vielerlei Bereiche. Eine Typologie der Freundschaft ist schwer und dem Wort eigen auch nur im Umriss möglich.

Die Freundschaft ist „irgendwie eine Trefflichkeit“1, die Hilfe bietet und ein natürlicher wechselseitiger Trieb zwischen Erzeuger und Erzeugtem ist, und zu edlen Taten anspornt. Zentrale Begriffe sind die des „Wohlwollens“2 und des „Wohltuns“3 auf gegenseitige Weise. Dabei bezieht sich das Wohlwollen und Wohltun auf zweierlei: Einerseits ist nicht nur der Gedanke des Wollens angesprochen, sondern auch die Tätigkeit es nach außen zu zeigen und zu leben. Dieses Zeigen wird Hilfe genannt, Pflege oder auch Zusammenhalt. Trotzdem ist weder Wohlwollen noch Wohltun allein Freundschaft (, wenn dann nur als passive Form4).

Zur Abgrenzung nennt Aristoteles mehrere Bedingungen der Freundschaft:

a) GEGENSEITIGKEIT - Die Freundschaft soll gegenseitig sein. Bei Aristoteles bedeutet dies also, dass jeder dem Freund als Person Gutes wünschen soll, „um der Person des Freundes willen“5;
b) LEBENDIGKEIT - sie kann daher nicht zwischen leblosen Dingen und Menschen entstehen. Ein Freund des Weines, oder des Wortes ist im eigentlichen Sinne kein Freund, den Wort und Wein sind leblose Gegenstände.
c) SICHTBARKEIT - Freundschaft muss auch nach außen hin sichtbar werden. Es genügt nicht, das bloße Wohlempfinden jemanden gegenüber, den man vielleicht noch gar nicht gesehen hat.
d) ZIELWERTIGKEIT - Freundschaft soll vor allem zwei Werte zum Ziel haben, den Wert des Guten und der Trefflichkeit6. Freundschaft an sich ist dabei auch ein Wert und unterscheidet sich von dem Streben nach Geltung.7
e) EINHEITLICHKEIT - Um Freundschaft leben und zeigen zu können, ist es notwendig, dass Freunde sich sehen und auch an den gleichen Zielen arbeiten und sich zu guten Dingen bringen. Es folgt also die Einheitlichkeit im räumlich(-zeitlichem)8
Sinne, als auch die im Streben nach gleichen Zielen. Diese Einheitlichkeit ist dann angenehm und gut.9
f) DAUERHAFTIGKEIT – Bei allen Bedingungen sollte zur Freundschaft immer auch die Zeit in Bezug gesetzt werden. Die Dauer einer Freundschaft steht im engen Zusammenhang mit dem Begriff der Gegenseitigkeit. Freunde müssen einander

Erfahrungen sammeln und sich auch durch die Zeiten hindurch begleiten um sich gegenseitig zu Trefflichem zu bringen.10

Je nach Ausprägung der einzelnen Bedingungen entstehen also auch unterschiedliche Typen der Freundschaft. Von der Abstufung Wohlwollen und Freundschaft abgesehen, unterscheidet Aristoteles mehrere Freundschaftstypen, die sich vor allem in der Zielwertigkeit der Freundschaft unterscheiden.

Aber auch die anderen Bedingungen definieren verschiedene Ausprägungen von Freundschaft.11

II. Die Arten der Freundschaft

Aristoteles führt in der Nikomachischen Ethik im Grunde zwei unterschiedliche Ziele einer Freundschaft auf. Zunächst spricht er von der Nutzen-Freundschaft, später von der Lust- Freundschaft.

a) Die Nutzenfreundschaft, kann sicherlich über gewisse Zeiten hinweg zwei Menschen miteinander Verbinden und erfüllt augenscheinlich auch die anderen Kriterien der Freundschaft. Dennoch ist die Gegenseitigkeit eingeschränkt, denn hier geht es nicht um das Wesen des Freundes, sondern um den Nutzen für einen selbst, oder ein bestimmtes Gut, das durch die „Befreundung“ Nutzen stiften soll.12 Insofern ist dann auch bei Erlangung des Gutes der Grund für die Freundschaft erloschen13, sie überdauert also nur lange Zeiträume, wenn der Nutzen lange nicht erreicht wird.
b) Auch die Freundschaft der Lust wegen ist eigentlich nur eine weitere Freundschaft im „akzidentiellen Sinn“14. Es verhält sich hier ähnlich, anstelle des Nutzens ist Lust der Grund des Zusammenseins.

Es handelt sich also in beiden Fällen lediglich um Reize und Gewinnrechnungen. Aristoteles führt solche Nutzenbestrebungen vor allem im Alter auf. So ist Freundschaft nur Vordergründig zu Existenzsicherung notwendig, dabei muss der Hilfeleistende nicht einmal angenehm sein.

Und in der Jugend ist vorrangig Lust der Grund für Freundschaft. Und so oft Reize Lust bereiten, so oft wechseln auch die Freundschaften. „Das Ende der Jugendblüte aber bedeutet nicht selten auch das Ende der Freundschaft: dem einen ist der Anblick schal geworden, dem anderen wird die gewohnte Aufmerksamkeit nicht (mehr) zuteil.“15

Zwar kann Vertrautheit trotz Aufhebung des Zieles die Freundschaft verlängern, dann allerdings nur, wenn durch langes Beieinandersein die Wesen sich angenährt haben.

Nun haben allerdings beide Formen auch Ähnlichkeit mit einer dritten Freundschaftsform, der vollkommen Freundschaft.

c) Die vollkommene Freundschaft beinhaltet sowohl den Nutzen, da der eine dem anderen gleichsam von Nutzen ist, als auch die Lust, denn „auch die trefflichen Menschen gewähren sich gegenseitig Lust.“16 Trotz dessen ist vor allem die Frage nach dem WAS entscheidend. Während sich die ersten beiden Formen um das Liebevolle und das Nützliche herum aufbauen, wohnt der vollkommenen Freundschaft das Wertvolle inne, das es zu treffen gilt. Dabei bezieht sich Nutzen und Lusterfahrung nicht auf einzelne Gebende oder Erlebende sondern auf beide gleichsam, da beide in ihrem Wesen zum größten Teil einheitlich sind.17

[...]


1 Aristoteles, Nikomachische Ethik (NE), Übersetzung Franz Dirlmeier, Reclams Universal Bibliothek, Stuttgart 1969; Buch VIII, 1155a, S. 213

2 NE, VIII, 1155b, S. 215

3 siehe 1

4 NE, IX, 1167a, S. 254

5 siehe 2

6 NE, VIII, 1156b, S. 218

7 Geltung, siehe: NE, VIII, 1158b, S. 227

8 NE, VIII, 1157b, S. 221

9 NE, VIII, 1158a, S. 223

10 hierzu: NE, I, 1100b: „Denn bei keiner menschlichen Leistung ist so viel ruhige Beständigkeit gewährleistet wie bei der Bestätigung sittlicher Trefflichkeit […], und von den erwähnten Betätigungen haben die höchsten Formen die unbeschränkteste Dauer […].“ weiterhin: NE, VIII, 1156b, S. 218: „Ferner braucht sie [Freundschaft] auch Zeit und gegenseitiges Vertraut- werden. [...] Auch kann man sich erst dann gegenseitig anerkennen und Freund sein, wenn sich einer dem anderen als liebens-wert erwiesen hat und das Vertrauen befestigt ist. [...] Der Wunsch nach Freundschaft entsteht rasch, die Freundschaft aber nicht.“

11 siehe hierzu vor allem: Freundschaften in der Familie: NE, VIII, 1161b, S. 234f.

12 NE, VIII, 1156a, S. 216

13 NE, VIII, 1157a, S. 219

14 siehe 10

15 siehe 11

16 siehe 10

17 NE, VIII, 1156b, S. 218

Details

Seiten
10
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640270699
ISBN (Buch)
9783640270859
Dateigröße
374 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122224
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,0
Schlagworte
Nikomachischen Ethik VIII Freundschaft Aristoteles Politik

Autor

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Titel: Zur Nikomachischen Ethik VIII bis IX: Freundschaft (philia)