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Narrative Analyse zum Buch Rut: Rollen und Charaktere

Hausarbeit 2006 18 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorieteil
2.1 Der Begriff des Charakters
2.2 Der Begriff der Rolle
2.3 Charaktere in einer (biblischen) Erzählung
2.3.1 The «dynamic» and «static» characters
2.3.2 The «flat» and «round» characters
2.3.3 «Traits» and «habits»
2.3.4 Characters and plot
2.4 Das Rollenspiel nach Greimas

3. Anwendung auf das Buch Rut
3.1 Personen des Buches Rut und ihre Charakterisierung
3.1.1 Rut
3.1.2 Noomi
3.1.3 Boas
3.1.4 Orpa
3.1.5 Elimelech
3.1.6 Der Löser
3.1.7 Machlon und Kiljon
3.1.8 Andere Personen der Ruterzählung
3.2 Anwendung des Rollenspiels von Greimas auf das Buch Rut

4. Schlussbemerkung

5. Literatur

1. Einleitung

Das Proseminar «Biblische Methodenlehre» beschäftigte sich mit verschiedenen Methoden der Bibelexegese, die dann exemplarisch vorgestellt wurden. Ich befasse mich in dieser Hausarbeit mit der narrativen Analyse: Rollen und Charaktere.

Zunächst werde ich in einem Theorieteil die Begriffe «Charakter» und «Rolle» näher beleuchten, um ihre Bedeutungsvielfalt zu verdeutlichen.

Im Anschluss beschäftige ich mich mit der Charakterisierung von Personen in (biblischen) Erzählungen und zeige verschiedene Kategorien auf, mit deren Hilfe Figuren in einer Erzählung charakterisiert werden können. Im letzten Unterpunkt des Theorieteils stelle ich das Rollenspiel nach Algirda J. Greimas vor.

Das Kapitel drei dieser Arbeit befasst sich mit der Anwendung der Theorien auf das Buch Rut. Zunächst teile ich die in der Ruterzählung vorkommenden Personen anhand ihrer Charakterisierung in verschiedene Kategorien ein und stelle im Anschluss das Rollenspiel Greimas bezogen auf das Buch Rut kurz dar.

2. Theorieteil

2.1 Der Begriff des Charakters

Mit dem Wort Charakter werden unterschiedliche Assoziationen verknüpft. Einem Menschen kann umgangssprachlich ein «guter» oder auch ein «schlechter» Charakter nachgesagt werden. Der eigene Charakter gilt als «individuell» wie auch «formbar».

Was jedoch ist der Charakter genau, bzw. was zeichnet einen Charakter aus?

Der Charakter ist ein individuelles Merkmal; eine Kennzeichnung der Eigentümlichkeit einer Person. Ebenso wie ein Mensch kann auch eine Sache Charakter besitzen.

In der Kunst beispielsweise werden Dingen Charakter zugesprochen, da auch Kunstwerke individuelle Eigenschaften besitzen, die sie zumeist erst zu Kunstwerken machen und diese sie damit von anderen Werken abgrenzen.

Etymologisch betrachtet ist das Wort Charakter entlehnt aus dem französischen «caractère», dieses wiederum aus dem griechischen «charaktếr», der Ableitung des griechischen Wortes «charássein», was soviel bedeutet wie «einritzen», bzw. »prägen«. Bereits im Griechischen hat dieses Wort die moralische Bedeutung eines «Unterscheidungsmerkmals».[1] Auch daran wird deutlich, dass der Charakter Individuen voneinander unterscheidet und jeder seine eigene «Prägung» besitzt.

2.2 Der Begriff der Rolle

Auch der Begriff der Rolle wird, ähnlich wie der Begriff des Charakters, in unterschiedlicher Weise verwendet. Die Fülle der Bedeutungen reicht von der Rolle des Schauspielers, der Hechtrolle beim Bodenturnen, über die Rolle als drehbare Walze in der Mechanik bis hin zur sozialen Rolle, die als Erwartungshaltung an das soziale Verhalten eines Menschen angesehen wird (Familienrolle, Geschlechterrolle, Freizeitrolle etc.). Das Wort Rolle geht zurück auf das französische «rôle», das wiederum vom lateinischen Wort «rotulus», bzw. «rotula» (Rädchen) hergeleitet wird. Das aus dem Lateinischen entlehnte «Rodel» beschreibt die Rolle als ein zusammengerolltes Schriftstück. Die Rolle des Schauspielers geht auf den im 16. Jahrhundert aufkommenden Brauch zurück, den Eigenanteil am Spiel auf Rollen zu schreiben, von denen nur die gerade benötigte Stelle sichtbar, der Rest aufgerollt ist.[2]

Zusammenfassend betrachtet wird deutlich, dass der Hauptunterschied zwischen einer Rolle und einem Charakter darin besteht, dass man einen Charakter «besitzt», eine Rolle jedoch «übernimmt». Jedes Individuum besitzt nur einen Charakter, kann, bzw. muss jedoch verschiedene Rollen übernehmen.

2.3 Charaktere in einer (biblischen) Erzählung

Nahezu jede Erzählung, folglich auch eine biblische, wird durch Aktanten, durch handelnde Personen, getragen. Die Aktanten weben den Faden der Erzählhandlung fort und stehen im Mittelpunkt einer Erzählung.[3] Sie stellen, salopp ausgedrückt, das Herzstück einer Erzählung dar.

Diese Aktanten, als stark ausgeprägte Gestalten einer Erzählung verstanden, werden auch als Charaktere bezeichnet. Rimmon-Kenan zufolge entwickelt sich ein Charakterbild aus einem Netzwerk einzelner Charakterzüge. Diese Charakterzüge leiten sich aus verschiedenen Charakterindikatoren her, die im Laufe einer Erzählung zusammengesetzt werden. Für Rimmon-Kenan gibt es zwei grundsätzliche Textindikatoren für die Beschreibung von Charakterzügen: Die direkte und die indirekte Beschreibung. Bei der direkten Beschreibung wird ein Charakterzug beispielsweise durch ein Adjektiv oder ein abstraktes Substantiv dargestellt.

Bei der indirekten Beschreibung wird der Charakterzug nicht explizit als solcher erwähnt, sondern durch Aktionen des Charakters, seine Aussagen, seine äußere Erscheinung oder seine physische und menschliche Umgebung (z.B. Beschreibung seines Hauses oder seiner familiären Verhältnisse) dargestellt.[4] Utzschneider und Nitsche zufolge können „Figuren unmittelbar und mittelbar, und zwar jeweils im Hinblick auf «Äußeres» oder «Inneres», charakterisiert werden.“[5] In diesem Zusammenhang deuten sie an, dass handelnde Personen in biblischen Texten oftmals mittelbar, also durch ihre Handlungen und Reden, beschrieben werden, während unmittelbare Beschreibungen eher kurz ausfallen, bzw. sparsam verwendet werden. Auch werden Utzschneider und Nitsche zufolge die inneren und äußeren Merkmale dieser Personen nur sehr zurückhaltend beschrieben. Der Verzicht auf längere Beschreibungen dieser Merkmale ist ihrer Auffassung nach nicht auf die primitive Erzählform biblischer Texte zurückzuführen, sondern dient vielmehr dazu, den Leser mit den Figuren «mitfiebern» zu lassen.[6] Der „Verzicht auf die Beschreibung der emotionalen Innen-Seite der Personen […] hat ein gewaltiges Wirkpotential auf die Leser; sie fiebern gewissermaßen […] mit.“[7]

Wie Rimmon-Kenan deutet auch Meurer an, dass eine Person innerhalb einer Erzählung durch Adjektive und Beschreibungen aufgebaut und charakterisiert wird.

Um einen Text auszulegen ist es seiner Auffassung nach sinnvoll, zuerst die Personenkonstellation zu betrachten.[8]

Ihm zufolge sollten dazu „einerseits die jeder Person zukommenden Beschreibungen (Adjektive, Charakterisierungen, etc.) und andererseits deren Redebeiträge zusammengestellt werden.“[9] Er vergleicht die Arbeit eines Exegeten dabei mit kriminalistischer Spurensuche, da manche Hinweise zur Charakterisierung einer Person nur indirekt, bzw. versteckt im Kontext zu erschließen sind. Für ihn besteht die kriminalistische Arbeit eines Exegeten ebenso darin, die Beziehungen der Charaktere untereinander näher zu beleuchten.

Die Hinweise, wie und in welcher Weise die verschiedenen Aktanten in Beziehung zueinander stehen, sind auch hier oftmals nicht an der Oberfläche, sondern nur in der tieferen Struktur des Textes abzulesen.[10]

Es ist weithin bekannt, dass die Charaktere einer Erzählung einen unterschiedlichen Stellenwert in der Erzählung einnehmen. Ebenso liegt es auf der Hand, dass nicht jede in einer Erzählung auftretende Person eine Hauptperson darstellen kann. Eine Erzählung muss folglich neben Hauptpersonen auch Nebenpersonen und Statisten aufweisen. Wie sind diese jedoch voneinander zu unterscheiden, bzw. was zeichnet Haupt- und Nebenpersonen und Statisten als solche überhaupt aus?

Jean Louis Ska versucht diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Er bezieht sich in seinem Werk »Our Fathers Have Told Us» vor allem auf bereits bestehende Theorien bekannter Bibelexegeten zur narrativen Analyse biblischer Texte. In Kapitel sechs seines Werkes stellt er verschiedene Kategorien vor, mit deren Hilfe die Figuren einer Erzählung charakterisiert werden können. Diese sind:

1. «Dynamic» and «static» characters
2. «Flat» and «round» characters
3. «Traits» and «habits»
4. Characters and plot
5. Characterization of personages
6. The semiotic model[11]

Nachfolgend sollen einige dieser Kategorien näher beleuchtet werden, um eine Grundlage für die Anwendung auf das Buch Rut zu schaffen.

[...]


[1] Vgl. Kluge 1999, 152.

[2] Vgl. ebd., 691.

[3] Vgl. Meurer 1999, 23.

[4] Vgl. Rimmon-Kenan 1983, 59ff.; vgl. auch Ska 1990, 87ff.

[5] Utzschneider / Nitsche 2001, 167.

[6] Vgl. ebd.,168ff.

[7] Ebd., 170.

[8] Vgl. Meurer 1999, 24.

[9] Ebd.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. Ska 1990, 83ff.

Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640269099
ISBN (Buch)
9783640268221
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122144
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Schlagworte
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