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Widerstand in Nationalsozialismus und DDR - Ein Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 37 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition des Widerstandsbegriffes

3. Ein Vergleich der deutschen Diktaturen

4. Der Widerstand im Nationalsozialismus
4.1 Widerstand der Arbeiter
4.2 Widerstand der Kirchen
4.3 Widerstand aus dem Exil
4.4 Jugendwiderstand
4.5 Militärischer und konservativer Widerstand
4.6 Bewertung

5. Widerstand in der DDR
5.1 Widerstand von bürgerlichen Parteien und SPD
5.2 Der Volksaufstand des 17. Juni
5.3 Jugendwiderstand
5.4 Flucht und Ausreise als Widerstand
5.5 Widerstand der Kirche
5.6 Die Bürgerrechtsbewegungen und politischen Gruppen
5.7 Bewertung

6. Vergleichende Schlussbetrachtung

7. Literatur und Quellen

1. Einleitung

Spätestens nach dem großen öffentlichen Aufsehen, für welches der Film „Valkyrie“ gesorgt hat, in welchem Tom Cruise Claus Schenk Graf von Stauffenberg verkörpert, wird das Thema deutscher Widerstand während des Nationalsozialismus erneut öffentlich diskutiert. Ohnehin lässt sich beobachten, dass Filme mit dieser Themenstellung in den letzten Jahren einen Aufschwung erleben[1] und dieses Kapitel der deutschen Geschichte somit einem breiten (Kino- und Fernseh-) Publikum präsentiert wird. Auch dass es während der zweiten deutschen Diktatur, der DDR, Widerstand aus der Bevölkerung gegeben hat, ist jüngst als Stoff für Filmdramen entdeckt worden[2].

Wie also lässt sich der deutsche Widerstand während der beiden Diktaturen einordnen? Wollen diese Filme eine möglichst große Anzahl an Zuschauern ansprechen, soll sich diese Semesterarbeit wissenschaftlich mit dem deutschen Widerstand während des Nationalsozialismus und in der DDR beschäftigen. Es wird zu untersuchen sein, ob und in wie weit sich der Widerstand in beiden deutschen Diktaturen vergleichen lässt.

Zu diesem Zweck wird zuallererst der Widerstandsbegriff definiert werden, um ihn auf beide Systeme gleichermaßen anwenden zu können.

Ob sich das Terrorregime Hitlers, welches Millionen von Todesopfern forderte, überhaupt mit dem System der DDR vergleichen lässt, wird in diesem Zusammenhang ebenfalls diskutiert werden müssen, bevor die konkreten Formen des Widerstandes dargestellt werden.

Wer waren die widerständigen Gruppen während der doppelten Diktaturerfahrung? Was waren die Mittel, mit denen sie gegen das jeweilige Regime vorgingen und wie versuchten die Führungen der NSDAP, beziehungsweise des Zentralkomitees der SED dagegen vorzugehen und den Widerstand einzudämmen? Lassen sich letztlich Phasen der Aktivitäten gegen den Staat ausmachen?

Nach dem Hauptteil wird in einer Schlussbetrachtung zu prüfen sein, inwieweit die Formen des Widerstandes und die repressiven Maßnahmen seitens des Staates in Nationalsozialismus und der DDR Parallelen aufweisen und wo Unterschiede bestanden.

Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der Erinnerung an Ereignisse, Personen und Werte des Widerstandes gegen eine Diktatur in einer postdiktatorischen, parlamentarischen Demokratie. Gerade in Bezug auf die ehemalige DDR, die heute Gefahr läuft als „Kuscheldiktatur“ verharmlost zu werden, scheint diese Fragestellung unabdingbar zu sein.

2. Definition des Widerstandsbegriffes

In der DDR-Widerstandsforschung werden die Begriffe Widerstand, Opposition, Protest usw. unterschiedlich gebraucht. Ilko-Sascha Kowalczuk verwendet beispielsweise Widerstand und Opposition synonym[3] und unterscheidet wiederum vier Grundtypen von abweichendem Verhalten: „1. Gesellschaftliche Verweigerung, 2. Sozialer Protest, 3. Politischer Dissens, 4. Massenprotest.“[4]

Nach Karl Wilhelm Fricke dagegen, dessen Modell diese Arbeit folgt, sind beide Begriffe strikt voneinander abzugrenzen. Demnach versteht er unter Opposition eine politische Gegnerschaft, welche sich „relativ offen, relativ legal zu entfalten versucht“[5]. Widerstand hingegen verzichte auf „jede Möglichkeit zu offener und legaler Entfaltung“[6] und sei daher aus der Sicht der Staatsobrigkeit als unzulässig und kriminell anzusehen.

Im Hinblick auf den angestrebten Vergleich scheint es zudem sinnvoll zu sein, die Ansätze aus den Forschungen zum nationalsozialistischen Widerstand auf jenen der DDR zu übertragen, wie es zum Beispiel Detlev Peuckert mit der Abstufung von Nonkonformität, Verweigerung, Protest und Widerstand versucht hat.[7]

Der von Martin Broszat aus der medizinischen Terminologie entlehnte Begriff der „Resistenz“, als „wirksame Abwehr, Begrenzung, Eindämmung der NS-Herrschaft oder ihres Anspruches, gleichgültig von welchen Motiven, Interessen und Kräften“[8] charakterisiert wird, hat den Vorteil, dass er ein relativ breites Spektrum von systemabweichendem Verhalten abdeckt, ohne zu weit gefasst zu sein. Der Resistenzbegriff reicht vom aktiven Gegenhandeln Einzelner oder Vieler, wie Streik in einem Betrieb, über zivilen Ungehorsam, wie die Verweigerung des Hitler-Grußes, bis hin zur einfachen innerlichen Erhaltung von nicht-nationalsozialistischen Idealen, etwa der Ablehnung von Antisemitismus.[9]

Insbesondere wenn das auflehnerische Verhalten eines Einzelnen oder einer Gruppe nicht politisch motiviert ist – andernfalls kann man auf die Definitionen von Opposition und Widerstand nach Fricke zurückgreifen – ist dadurch der Begriff der Resistenz für diese Arbeit vorzuziehen, da die Grenzen zwischen anderen Begriffen wie „Nonkonformität“, „Dissens“ oder „Verweigerung“ nicht völlig klar zu ziehen sind.

3. Ein Vergleich der deutschen Diktaturen

Es mag eine Binsenweisheit sein, aber dass Vergleichen nicht Gleichsetzen meint, sondern vielmehr durch einen Vergleich kennzeichnende Unterschiede und Gemeinsamkeiten deutlich werden, soll an dieser Stelle erwähnt sein.

Bevor allerdings die freilich eklatanten Unterschiede zwischen dem NS-Regime und der DDR behandelt werden, müssen jene Merkmale zur Sprache kommen, welche sowohl für die eine als auch für die andere Diktatur charakteristisch waren und die daher eine direkte Gegenüberstellung der Systeme sinnvoll machen.

So sind die DDR, als auch der nationalsozialistische Staat als totalitär zu bezeichnen. Analogien gab es dementsprechend bezüglich der Ausübung der Herrschaft, nämlich der Durchsetzung des totalen Machtanspruches der jeweiligen Partei durch den allgegenwärtigen Sicherheitsdienst und der Gleichschaltung von Politik und Gesellschaft durch einen indoktrinierenden Propagandaapparat. Dieser Unterdrückungsstaat basierte jeweils auf einer antiliberalen und pseudodemokratischen Ideologie und hatte im Falle der DDR das baldige Ziel der Schaffung einer „Neuen Gesellschaft“, im Nationalsozialismus wurde die homogene „Volksgemeinschaft“ angestrebt.[10]

Bei all diesen systemimmanenten Gemeinsamkeiten der beiden deutschen Diktaturen ist auf der anderen Seite die Entfesselung eines Weltkrieges mit über 50 Millionen Toten und der Völkermord an den europäischen Juden durch das Hitler-Regime singulär. Auch die Lebensdauer beider Staaten unterscheidet sich bezeichnend voneinander. So überdauerte das Dritte Reich zwölf Jahre, von denen es sich fast sechs im Krieg befand. Die DDR dagegen hatte über vierzig Jahre Bestand und war Teil einer friedlichen Weltordnung.[11] Daraus folgt, dass sich auch die Lebensumstände innerhalb der Systeme bedeutend voneinander unterschieden haben. Demgemäß könnte man die relativ kurze Zeit von der „Machtergreifung“ 1933 bis zum Krieg und schließlich der Niederlage 1945 als permanenten Ausnahmezustand begreifen, währenddessen spätestens seit 1939 das alltägliche Leben nicht mehr in den gewohnten Bahnen verlief. Die DDR dagegen befand sich zwar in einer permanenten Legitimationskrise und konnte nur durch Repressionen seitens der SED fortbestehen, dennoch existierte über Jahrzehnte ein geregeltes Alltagsleben. Dies manifestierte sich öffentlich freilich anders, als im Privaten.[12] Der Schriftsteller Günter de Bruyn hat diesen Zustand in seinem Lebensbericht „Vierzig Jahre“ folgendermaßen beschrieben:

„[…] Die Beherrschten hatten gelernt, sich in Genügsamkeit zu bescheiden, und auch die Herrschenden begannen, sich mit dem Volk abzufinden. Sie verkündeten zwar weiter die unantastbare Lehre, weil ihre Legitimation einzig darauf beruhte, sahen aber von ihren kühnen politischen Zielen weitgehend ab. Von Ordnung und Wohlstand war mehr als vom Vorwärtsschreiten und Siegen die Rede. Begeisterung wurde nur noch von jenen verlangt, die aufsteigen wollten, bei den anderen genügte schon Unterordnung. Die Wirksamste Agitationsvokabel wurde Geborgenheit. Es gab eine Art Stillschweigeabkommen zwischen oben und unten. Wer die bestehende Machtkonstellation anerkannte und ihre Regeln

befolgte, wurde weitgehend in Ruhe gelassen. […]“[13]

Aufgrund der beschriebenen Resignation der DDR-Bevölkerung liegt ein weiterer elementarer Unterschied zum Dritten Reich in der Bestätigung der Ordnung durch das Volk. So regierte man im Arbeiter- und Bauernstaat vierzig Jahre lang gegen selbiges, während sich Hitler noch bis weit in den Krieg hinein der Unterstützung eines Großteils der deutschen Bevölkerung sicher sein konnte.[14]

Entsprechend unterschiedlich fielen in der Folge auch die Reaktionen auf den Kollaps der Diktaturen aus. Der Fall der Mauer am 9. November 1989 löste Stürme der Begeisterung bei der ostdeutschen Bevölkerung aus. Man war nun unverhofft befreit von der verhassten Diktatur und konnte hoffnungsvoll in eine wiedervereinigte und damit gemeinsame Zukunft blicken. Im Gegensatz dazu fühlten sich die Deutschen am 8. Mai 1945 nicht als Befreite. Die Menschen fühlten sich wahrhaft ohnmächtig in ihrem fremdbesetzten Land, dessen Zukunft ungewiss war.[15] Der bereits erwähnte Martin Broszat fürchtete dementsprechend, „[…] dass mir selbst und allen anderen erwachsenen Deutschen jetzt – berechtigterweise – eine zehn- zwanzigjährige Zeit der Sklavenarbeit im Dienste der Siegermächte bevorstehe als Buße für die von Deutschland inszenierte Kriegskatastrophe. […]“[16].

Zuletzt sei erwähnt, dass die ideologische Prägung der beiden Diktaturen eine völlig entgegengesetzte war. Basierte der Nationalsozialismus auf nationalistischen, pseudohistorischen, antisemitischen, rassistischen und aufklärungsfeindlichen Idealen, sind die Wurzeln des Sozialismus im Humanismus und der Aufklärung zu finden – zumindest theoretisch. Praktisch zeigte die DDR durch ihr diktatorisch oktroyiertes Geschichts- und Gesellschaftsbild eine erschreckende Gleichförmigkeit mit dem Dritten Reich.[17]

Für die folgende Untersuchung des Widerstandes gegen die deutschen Diktaturen ist es wichtig gewesen, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen DDR und Nationalsozialismus aufzuzeigen, da nicht der Eindruck entstehen soll, die eine oder die andere zu verharmlosen. Die DDR mag im direkten Vergleich die „mildere“ Diktatur gewesen sein, dennoch haben beide totalitären Systeme Leben zerstört und einen Widerstand gegen sich mobilisiert, welcher nun genauer betrachtet werden wird.

4. Der Widerstand im Nationalsozialismus

Der deutsche Widerstand gegen das Regime Hitlers ging von den verschiedensten sozialen Gruppen aus und wirkte sowohl in Deutschland selbst wie auch vom Ausland aus. Er konnte sich als Resistenz durch den Rückzug ins Private bei gleichzeitiger Erhaltung der kontranationalsozialistischen Überzeugung oder Verweigerung des Hitlergrußes, durch die Bildung oppositioneller Gruppen, die gegenseitig Informationen austauschten, bis hin zu aktivem Widerstand, wie dem illegalen Vertrieb verbotener Schriften oder der Planung und Ausführung von Anschlägen und Staatsstreichen offenbaren. Gegen alle Formen des Widerstandes ist mit erbarmungsloser Härte vorgegangen worden.

Martin Broszat und Elke Fröhlich haben in chronologischer Differenzierung drei Haupttypen des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus deklariert:

Erstens einen kommunistisch-sozialistischen Widerstand im proletarischen Milieu der Arbeiterschaft 1933/34. Zweitens die partielle Resistenz und Volksopposition, vor allem im kirchlich-religiösen Bereich 1935-1940/41. Letztlich die Fundamentalopposition und Umsturzplanungen konservativer Eliten 1938-1944.[18]

4.1 Widerstand der Arbeiter

Die erste zu betrachtende Gruppe ist die deutsche Arbeiterschaft, vertreten durch Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschaften. Sie sahen sich gleich zu Beginn von Hitlers Diktatur einem ungleich mächtigen Gegner gegenübergestellt – der SA. Zwar hatte sich Hitlers Schlägertruppe schon in den Jahren vor 1933 einen zweifelhaften Ruhm erworben, nun aber sann Hitler über die für den 5. März 1933 angesetzten Neuwahlen nach der absoluten Mehrheit im Parlament und ließ seinen „Wahlkampf“ mit entsprechender Härte auf der Straße führen. Die Anhänger der KPD waren als Reaktion auf den vom holländischen Anarchisten van der Lubbe gelegten Reichstagsbrand seit dem 27. Februar 1933 bereits einer beispiellosen Verfolgungswelle ausgesetzt und daher nahezu kaltgestellt. Dennoch errang Hitler statt der erhofften Mehrheit nur 43,9% der Stimmen und musste sein Kabinett mit Unterstützung der DNVP bilden. Die Opposition der Wähler von SPD (18,3%), KPD (trotz Verfolgung 12,3%) und Zentrum (18%) hatten ihn um die absolute Mehrheit gebracht. Auch als Hitler dem Reichstag das sogenannte „Ermächtigungsgesetz“ am 23.3.1933 vorlegte, stimmte eine mutige Minderheit von 94 Stimmen der SPD[19] gegen selbiges. Ein letzter oppositioneller, aber sinnloser Akt. Das Gesetz wurde dank der Stimmen von DNVP und Zentrum angenommen, Hitler hatte nun jene umfangreichen Befugnisse, die er benötigte, um absolut in Deutschland zu herrschen.[20]

Die SPD orientierte sich in der Folge an ihrem Kampf zur Zeit der „Sozialistengesetze“ Bismarcks. Das heißt Selbstauflösung der Partei, Emigration der Parteiführer und Druck von Zeitschriften und Zeitungen im Ausland, sowie deren illegaler Vertrieb über Mittelsmänner in Deutschland.[21]

So gründeten sie die SoPaDe (als Unterscheidung zur Inlands-SPD) am 28.5.1933 in Prag[22], die vom Ausland in Kontakt mit Gruppen von Jungsozialisten und anderen Vermittlern stand und darüber zahlreiche sozialistische Periodika in Deutschland veröffentlichen konnte.[23]

Der in Deutschland verbliebene Internationale Sozialistischen Kampfbund (ISK), die Gruppe Neubeginnen und die Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) verteilten hitlerfeindliche Flugblätter, halfen verfolgten Personen bei der Flucht oder beim Untertauchen und lieferten sich sogar offene Schlägereien mit der Deutschen Arbeiterfront (DAF), Hitlers Einheitsgewerkschaft, wurden jedoch 1938 gänzlich zerschlagen.[24]

Die KPD hatte einen noch höheren Blutzoll zu verzeichnen. Nachdem sie im März 1933 in die Illegalität abgetaucht waren, begannen sie sogleich mit dem, nach marxistischem Vorbild, zentralistischen Aufbau ihrer Partei im Untergrund. Da diese Struktur im Überlebenskampf mit der Gestapo nicht unbedingt nützlich war, wurden zwischen 1933 und 1935 die neu gebildeten Organisationen, die ebenfalls zahlreiche Flugblätter, Broschüren und Zeitschriften aus dem Ausland verteilten, immer wieder zerschlagen, sodass sich 1935 circa 225.000 Kommunisten in Haft befanden und unzählige den Tod gefunden hatten.[25]

Ab dem Jahr 1936 versackte schließlich der Widerstand der Arbeiterschaft zusehends und die meisten in Deutschland verbliebenen zogen sich ins Private zurück, was einerseits mit den hohen Verlusten, gerade auf Seiten der Kommunisten, aber auch mit den bemerkenswerten Erfolgen der Wirtschafts- und Sozialpolitik Hitlers[26] zusammenhing. Spätestens der deutsch-sowjetische Freundschaftspakt von 1939 brachte zumindest den kommunistischen Widerstand zum Stillstand.[27]

Der Widerstand der Gewerkschaften war indessen vorzüglich organisiert. Trotz des allgemeinen Verbots von Gewerkschaften außer der DAF, trotz Verhaftungen ihrer Führer und trotz Beschlagnahmung des Eigentums wurde eine illegale „Reichsleitung“ ins Leben gerufen, die nicht nur Arbeiter und Angestellte, sondern auch die Abteilungen Transport, Industrie, Presse etc. umfasste.[28]

Nach Massenverhaftungen 1937 begann man mit einem dezentralisierten Wiederaufbau. Das Resultat war ein deutschlandweites Netz von Gewerkschaftsführern, von denen 1945 ein Großteil am Wiederaufbau Deutschlands beteiligt war.[29]

4.2 Widerstand der Kirchen

Sowohl die katholische wie auch die protestantische Kirche erhofften sich zunächst eine wiedererstarkende Bedeutung unter Hitler. So hatte er in seiner Regierungserklärung beide Kirchen „als wichtige Faktoren der Erhaltung unseres Volkstums“ eingeladen, den kommenden Staat mitzugestalten. Auch im Parteiprogramm der NSDAP war die Rede von einem angestrebten „positiven Christentum“.[30]

All das, sowie das zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikanstaat geschlossene Konkordat vom 20.7.1933, in dem den katholischen Institutionen und Organisationen innerhalb des Reichs Autonomie gewährt wurde, schien den Kirchen eine vielversprechende Zukunft zu bescheren. Doch Hitler sollte schließlich auch versuchen, die Kirchen gleichzuschalten.

Für die Protestanten sollte dies einerseits durch die von Hitler unterstützte Bewegung der „Glaubensgemeinschaft Deutsche Christen“ (GDC) und eine zentralistische Reform der Landeskirchen hin zu einer Reichskirche mit einem Reichsbischof an ihrer Spitze erreicht werden. Demzufolge gewannen die Deutschen Christen am 23.7.1933 die Kirchenwahlen mit 70-75% und konnten durch die Mehrheit in der Generalsynode den sogenannten „Arierparagraphen“ in die Statuten der Landeskirchen aufnehmen. Für Empörung sorgte außerdem eine Rede des Berliner Gauführers der GDC, Dr. Reinhold Krause, welche die „Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lohnmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten“, sowie von allem Undeutschen im Gottesdienst“ forderte. Diese Verspottung des Alten und Neuen Testaments war selbst den nationalsozialistischen Deutschen Christen zu viel und so verließen als Reaktion viele ihre Organisation. Um den Opfern des vom „Arierparagraphen“ betroffenen kirchlichen Amtsträgern Solidarität zu bekunden und ihnen durch Spenden zu helfen, rief der Pfarrer Martin Niemöller zur Bildung eines Pfarrernotbundes auf, dem Anfang 1934 schon 37% der Pfarrer beigetreten waren.[31]

Aus dem Pfarrernotbund ging die Bekennende Kirche (BK) hervor, deren Kampf gegen das Regime durch die Theologische Erklärung von Barmen gestützt wurde, welche sich gegen die staatliche Alleinherrschaft, besonders auf geistig-dogmatischem Gebiet, sowie das nationalsozialistische Neuheidentum aussprach.[32] Die Situation spitzte sich mit einer am 28.5.1936 mit einer von der BK verfassten Denkschrift an Hitler persönlich zu. Es wurde darin mutig Stellung zu Themen wie Judenhass, Rechtlosigkeit, Entkonfessionalisierung, KZ und Gestapo bezogen. Die Denkschrift sorgte schließlich sogar, kurz vor der Olympiade in Berlin, in der Auslandspresse für Aufsehen und sorgte für eine Reihe von Verhaftungen und Inhaftierungen in das KZ Sachsenhausen, wo mit Friedrich Weißler, einem jüdisch-stämmigen Christen, der erste Märtyrer der BK seinen Tod fand.[33] In Abwandlungen fand jene Denkschrift auch als Kanzelabkündigung und als Flugblatt Aufmerksamkeit. So entschied sich Hitler schließlich, gegen die Leitung der BK, nämlich Martin Niemöller vorzugehen. Dessen Verhaftung löste Empörung auch im Ausland aus. Vor dem Reichsgericht jedoch erfuhr Niemöller eine überraschende Milde[34], sodass seine Strafe bereits mit der Untersuchungshaft verbüßt war und er als freier Mann das Gerichtsgebäude verließ. Hier wurde er jedoch sofort von der SS aufgegriffen und als „persönlicher Gefangener des Führers“ im KZ Buchenwald inhaftiert.[35]

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte Hitler in der Folge ein zeitaufwändiges außenpolitisches Betätigungsfeld, das seine Aufmerksamkeit beanspruchte. Die Überwachungen und Verhaftungen von Pastoren wurden aber dennoch fortgesetzt. Während dieser Zeit war es Theophil Wurm, Bischof von Baden-Württemberg, der gegen die Ermordung geisteskranker Menschen, sowie die Deportation der Juden mündlich und schriftlich protestierte.[36]

Die katholische Kirche, in deren Konfession Hitler selbst erzogen worden war, erlebte drei Wellen der Unterdrückung. In den Jahren 1935-1937 versuchte das Regime, die katholische Kirche bei der Bevölkerung in Misskredit zu bringen und schürte Vorurteile gegen den katholischen Ultramontanismus, die Verführung im Interesse Roms, sowie eine fehlende Loyalität gegenüber dem Staat. Verbunden war diese Hetzkampagne mit zahlreichen Verhaftungen und Prozessen gegen Priester wegen Sittlichkeits- und Devisendelikten. Da die Diffamierungskampagne nicht die gewünschte Wirkung erzielte, wurde ab 1937 dazu übergegangen, die Daumenschrauben weiter anzuziehen. Die Zahl der Priester, gegen welche Strafmaßnahmen erhoben wurden, betrug 12.105 von insgesamt 27.000; die Strafen reichten vom Verhör bis zur Todesstrafe. Außerdem wurden nun alle katholischen Jugendorganisationen und Presseorgane verboten.[37]

In der dritten Welle wurden mit der Operation „Klostersturm“ 1940 etliche Klöster und Orden in Deutschland enteignet und deren Mitglieder vertrieben.[38]

Der Papst reagierte im März 1937 mit seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ auf die Entwicklungen im Reich. Er verurteilte darin das nationalsozialistische Neuheidentum, den Antisemitismus und Rassismus und forderte die Gläubigen auf, all dem zu widerstehen. Überhaupt reichte der Papst zwischen 1933 und 1939 insgesamt 55 Protestnoten gegen die groben Verletzungen des Konkordates in Berlin ein, von denen 45 unbeantwortet blieben.

Tatsächlich waren die deutschen Katholiken gegenüber der Religion des Hakenkreuzes resistent. Dies äußerte sich beispielsweise in Wallfahrten und Prozessionszügen. So nahmen 800.000 Menschen, begleitet durch mutige „Heil Christus!“ Rufe, an der traditionellen Aachener Heiltumsfahrt teil.[39]

Gerade auch aus den katholischen Reihen wurde gegen das „Euthanasieprogramm“ der Nationalsozialisten auf dem Instanzweg mit Noten und durch Hirtenbriefe in den Gemeinden protestiert und damit Opposition bekundet. Die herausragendste Persönlichkeit, der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, erreichte durch seine couragierten Predigten gar die offizielle Einstellung des Programms 1941. Sie wurde nun jedoch schlicht auf andere Weise weitergeführt; statt der Vergasung starben die Menschen nun durch Verhungern oder medikamentöse Überdosierung.[40]

[...]


[1] So zum Beispiel die Filme „Edelweißpiraten“ (2004) und „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (2005), sowie der Fernsehfilm „Stauffenberg“ (2004).

[2] Wie zum Beispiel in den Fernsehfilmen „Rebellion hinter der Mauer – Kampf um Meinungsfreiheit“ (2005), „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ (2007), „Prager Botschaft“ (2007), oder im weiteren Sinne dem oscarprämierten Film „Das Leben der Anderen“ (2006).

[3] Vergl. Kowalczuk, Ilko-Sascha, Von der Freiheit, Ich zu sagen. Widerständiges Verhalten in der DDR, in: Poppe, Ulrike et al. (Hg.), Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Formen des Widerstandes und der Opposition in der DDR, Berlin 1996, S. 90.

[4] Derselbe, S. 97.

[5] Fricke, Karl Wilhelm, Opposition und Widerstand in der DDR, Köln 1984, S.13.

[6] Derselbe, S.13.

[7] Peuckert, Detlev, Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde. Anpassung, Ausmerze und Aufbegehren unter dem Nationalsozialismus, Köln 1982, S. 97f.

[8] Broszat, Martin und Elke Fröhlich, Alltag und Widerstand. Bayern im Nationalsozialismus, München 1987, S. 49.

[9] Vergl. derselbe, S. 49f.

[10] Vergl. Finke, Klaus und Dirk Lange, Widerstand gegen Diktaturen in Deutschland. Historisch-politische Bildung in der Erinnerungskultur – ein Überblick, in: Finke, Klaus und Dirk Lange (Hg.), Widerstand gegen Diktaturen in Deutschland. Historisch-politische Bildung in der Erinnerungskultur, Oldenburg 2006, S. 10, sowie Wielenga, Friso, Schatten deutscher Geschichte. Der Umgang mit dem Nationalsozialismus und der DDR-Vergangenheit in der Bundesrepublik, Köln 1995, S. 12.

[11] Vergl. Wielenga, Schatten deutscher Geschichte, S. 20f.

[12] Vergl. derselbe, S. 21f.

[13] De Bruyn, Günter, Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht, Frankfurt am Main 1996, S. 185f.

[14] Vergl. Wielenga, Schatten deutscher Geschichte, S. 22f.

[15] Vergl. Derselbe, S. 24f.

[16] Zitat abgedruckt bei: Schörken, Rolf, Jugend 1945. Politisches Denken und Lebensgeschichte, Frankfurt am Main 2005, S. 30.

[17] Vergl. Wielenga, Schatten deutscher Geschichte, S.22.

[18] Vergl. Broszat/Fröhlich, Alltag und Widerstand, S. 55.

[19] 26 Abgeordnete der SPD befanden sich bereits auf der Flucht oder in Haft, während die 81 Sitze der KPD komplett leer blieben, da sie schon verboten worden war.

[20] Vergl. Koehn, Barbara, Der deutsche Widerstand gegen Hitler. Eine Würdigung, Berlin 2007, S. 35ff.

[21] Vergl. Dieselbe, S. 33.

[22] Ab Mai 1938 wurde das Parteibüro nach Paris, ab dem Jahr 1940 nach London verlegt.

[23] Wie zum Beispiel der „Neue Vorwärts“, die „Sozialistische Aktion“ und die „Deutschlandberichte“, hierzu vergl. Koehn, Barbara, Der dt. Widerstand gegen Hitler, S. 41.

[24] Vergl. Dieselbe, S.45f.

[25] Besonders betroffen waren der Kommunistische Jugendverband Deutschlands (KJVD) und die Rote Gewerkschaftsorganisation (RGO). Anzumerken ist außerdem, dass die Exilierten- und Auslandsparteizentralen der KPD der KPdSU in Moskau unterstanden. Diese allerdings hatte keine genaue Kenntnis von den Ereignissen in Deutschland und sah im Hitlerregime den Niedergang des Kapitalismus und damit die beginnende proletarische Revolution.

Diese Tatsache blockierte die Zusammenarbeit von Kommunisten und Sozialisten, in denen man als „Sozialfaschisten“ den eigentlichen Gegner sah, weil sie während der Weimarer Republik in bürgerlichen Fraktionen den Staat mitgetragen hatten.

Eine Kurskorrektur fand nach der sog. Brüsseler Konferenz 1935 statt, auf der man die Dezentralisierung der Organisation und die Bildung einer „antifaschistischen Volksfront“ beschloss und wieder Annäherung mit den skeptischen Sozialisten suchte. Hierzu vergl. Dieselbe, S. 50-53.

[26] 1935 waren 90% der vormals arbeitslosen kommunistischen Arbeiter beschäftigt, vergl. Dieselbe, S. 53.

[27] Vergl. Koehn, Barbara, Der dt. Widerstand gegen Hitler, S. 54.

[28] Vergl. Dieselbe, S. 58.

[29] Vergl. Dieselbe, S. 59-61.

[30] Vergl. Ringhausen, Gerhard, Widerstand und christlicher Glaube angesichts des Nationalsozialismus, Berlin 2007, S. 30.

[31] Vergl. Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube, S. 31-34, sowie Koehn, Barbara, Der dt. Widerstand gegen Hitler, S. 88-92.

[32] Vergl. Koehn, Barbara, Der dt. Widerstand gegen Hitler, S. 92-94.

[33] Vergl. Ringhausen, Widerstand und christlicher Glaube, S. 48-51.

[34] Im Anschluss an diesen Prozess wurden dem Reichsgericht alle politischen Strafsachen entzogen und dem Volksgerichtshof mit seinem berüchtigten Präsidenten Roland Freisler überstellt, welcher meistens Todesurteile fällte. Hierzu vergl. Koehn, Der dt. Widerstand gegen Hitler, S.99f.

[35] Gegen Ende des Krieges wurde er gemeinsam mit anderen prominenten Gefangenen aufgrund der herannahenden Amerikaner von der SSnach Österreich abtransportiert und sollte liquidiert werden. Sie wurden jedoch erst von deutschen, dann von amerikanischen Soldaten befreit. Hierzu vergl. Ringhausen, Widerstand und christlicher Glaube, S. 56f.

[36] Vergl. Koehn, Der dt. Widerstand gegen Hitler, S. 103f.

[37] Vergl. Koehn, Der dt. Widerstand gegen Hitler, S. 117ff.

[38] Vergl. Dieselbe, S. 123f.

[39] Vergl. Dieselbe, S. 122.

[40] Vergl. Dieselbe, S. 125ff.

Details

Seiten
37
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640271894
ISBN (Buch)
9783640272143
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121990
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Historisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Widerstand Nationalsozialismus Vergleich Untergang Widervereinigung Anfänge Berliner Republik

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