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"Special Olympics". Menschen mit geistiger Behinderung im Sport

Eine Medienanalyse

Bachelorarbeit 2008 110 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Special Olympics International
2.1 Geschichte der SOI und SOD
2.2 Idee und Ziele des SO
2.3 Prinzipien der SO
2.4 Klientel der SO – Menschen mit geistiger Behinderung
2.4.1 Allgemeine Definition
2.4.2 Definition geistiger Behinderung durch die SO

3 Special Olympics Deutschland
3.1 Bekanntheitsgrad der SO in Deutschland
3.2 Finanzierung
3.3 Partner der SOD
3.3.1 Überblick Partner
3.3.2 Sponsoren
3.4 Das Prinzip der Sportpaten
3.4.1 Prominente Sportpaten

4 Special Olympics National Games 2008 in Karlsruhe
4.1 Sportarten
4.2 Zeitraum
4.3 Volunteers
4.4 Rahmenprogramm
4.5 Healthy Athletes

5 Zusammenfasssung

6 Medien
6.1 Medienwirkung
6.2 Konsumentenerwartung
6.3 Innere und Äußere Faktoren
6.4 Behinderung und Medien
6.4.1 Blick auf Behinderung gestern und heute
6.4.2 Darstellung von Behinderung in den Medien
6.5 Behinderung und Sport in den Medien
6.5.1 Quantitative Aspekte
6.5.2 Qualitative Aspekte
6.5.3 Einstellung von Journalisten und Rezipienten gegenüber Sportlern mit Behinderung
6.6 Das Pressekonzept von SOD
6.6.1 Ziele der Pressearbeit
6.6.2 Zielgruppen der Besucher
6.6.3 Zielgruppen der Pressearbeit
6.6.4 Strategische Überlegungen
6.6.5 Sprachvorgabe für Journalisten
6.6.6 Gefahr der begrifflichen Festlegung
6.6.7 Anzuwendende Terminologien

7 Berichterstattung über die SO in Karlsruhe
7.1 Quantitative Analyse
7.2 Qualitative Analyse
7.2.1 1. Artikel: Frankfurter Allgemeine Zeitung – „Ein 0:6 darf schon mal „Weltklasse“ sein“
7.2.2 2. Artikel: Süddeutsche Zeitung – „Der Weg nach draußen“
7.2.3 3. Artikel: Die Welt – „Höher, schneller, toleranter“
7.2.4 Zusammenfassung

8 Fazit der SOD

9 Resümee

10 Persönliche Schlussbetrachtung

11 Literaturverzeichnis

Danksagung

Bedanken möchte ich mich insbesondere bei Herrn Prof. F. und Frau Dr. T., die meine Arbeit betreuten und den Aufenthalt unserer Studentengruppe bei den Special Olympics National Games 2008 in Karlsruhe organisierten.

Mein Dank gilt außerdem dem Presseteam von SO Deutschland, das mir in Karlsruhe die Möglichkeit bot, Einblicke in die journalistische Arbeit zu sammeln und die geladenen Medienvertreter zu begleiten. Aus Vielen möchte ich an dieser Stelle meinen Interviewpartnern danken. Ihre Antworten fließen in diese Arbeit immer wieder mit ein.

Herzlichen Dank!

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: SOI – offizielles Logo

Abb. 2: Ehemaliger Weltklasseskifahrer Billy Kidd (USA) bei den ersten internationalen World Winter Games in Steamboat Springs, Colorado (USA) mit einem Teilnehmer

Abb. 3: Patrick Brehmer SO Athlet und SOI Global Messanger bei der Entzündung des Olympischen Feuers in Karlsruhe 2008

Abb. 4: SO World Summer Games

Abb. 5: SO World Winter Games

Abb. 6: SO National Summer Games

Abb. 7: SO National Winter Games

Abb. 8: Athletenportrait einer Sportlerin mit Down-Syndrom von Luca Siermann

Abb. 9: SOD – offizielles Logo

Abb. 10: Bastian Schweinsteiger mit SO-Athlet

Abb. 11: Fussballspieler Maik Franz bei einem gemeinsamen Training mit SO-Athleten

Abb. 12: SONG´08 – offizielles Logo

Abb. 13: Sportarten und Athleten bei den SONG ´08

Abb. 14: Tennisspielerin bei den SONG ´08

Abb. 15: Fußballspieler bei den SONG ´08

Abb. 16: Zusammensetzung der Volunteers bei SONG ´08

Abb. 17: Wettbewerbsfreies Angebot bei den SONG ´08

Abb. 18: Athletin bei Special Smiles, Healthy Athletes Programm in Karlsruhe

Abb. 19: Torch Run mit Athleten

Abb. 20: TV-Berichte im Vergleich

Abb. 21: Anzahl Fernsehberichte mit Zuschauerzahl im Vergleich

Abb. 22: Printberichte im Vergleich

Abb. 23: Anzahl der Berichte und Auflagenhöhe im Vergleich

Abb. 24: Zeitungsbericht vom 20.7.2008 aus der „FAZ

Abb. 25: Zeitungsbericht vom 19.7.2008 aus der „Süddeutschen Zeitung

Abb. 26: Zeitungsbericht vom 17.7.2008 aus „Die Welt

1 Vorwort

Vom 16.06.2008 bis zum 20.06.2008 fanden in Karlsruhe die sechsten Special Olympics National Games statt. Eine Woche lang waren tausende Menschen mit geistiger Behinderung aus ganz Deutschland in der Karlsruher Innenstadt anzutreffen. Bei den Wettbewerben maßen sie ihre Fähigkeiten in insgesamt 17 verschiedenen Sportarten von Badminton bis Tischtennis. Obwohl es sich streng genommen um die nationale Olympiade[1] der Menschen mit geistiger Behinderung handelte, hatten sich auch einige ausländische Delegationen behinderter Athleten in Karlsruhe eingefunden. Dies ist bei allen nationalen Veranstaltungen der Special Olympics üblich, da es den Austausch zwischen den einzelnen Ländern fördert und das Netzwerk der Special Olympics festigt.

Wer kennt überhaupt diese Veranstaltung, die oft mit den Paralympics, der Olympiade der Menschen mit körperlichen Behinderungen verwechselt wird? Kann man vermuten, dass die Ursache für den geringen Bekanntheitsgrad der Special Olympics im mangelnden Interesse der Bevölkerung zu finden ist, weil jene sich schlichtweg nicht für Menschen mit geistiger Behinderung interessieren? Welche Mitverantwortung hat eventuell der Ausrichter Special Olympics Deutschland e.V. an dem geringen Bekanntheitsgrad der Spiele? In welchem Maße ist Unkenntnis der Veranstaltung auf die geringe oder nicht vorhandene Berichterstattung durch die Medien zurückzuführen?

Diese Arbeit setzt sich mit der Organisation der Special Olympics International sowie Special Olympics Deutschland e. V. auseinander. Die Special Olympics National Games 2008 in Karlsruhe bieten außerdem einen aktuellen Anlass um das Zusammenspiel von Veranstaltung, Sport, Behinderung und den Medien auf unterschiedliche Weise zu beleuchten.

Ich habe die Spiele während ihrer gesamten Dauer von einer Woche besucht und hatte als akkreditierter Mitarbeiter des Pressezentrums der Special Olympics National Games 2008 in Karlsruhe die Möglichkeit, einen persönlichen Einblick in die Pressearbeit der Veranstalter und der eingeladenen Medienvertreter zu gewinnen.

Die Arbeit widmet sich der Beschreibung des Ausrichters (Special Olympics Deutschland e.V.), seiner Dachorganisation (Special Olympics International), der Veranstaltung an sich (Special Olympics National Games 2008 in Karlsruhe) und ihrer Berichterstattung in den Medien, vornehmlich der Fernsehberichterstattung und den Berichten in den lokalen, regionalen und überregionalen Tageszeitungen Deutschlands.

Der Einfachheit werde ich nachfolgend mit folgenden Abkürzungen arbeiten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Arbeit ist wie folgt gegliedert: Im ersten Teil werden die SO untersucht, bevor im zweiten Teil die Analyse von Medienberichten erfolgt.

Der erste Teil der Arbeit unterteilt sich in 3 Punkte: Zum einen beschäftige ich mich mit der aus den USA kommenden Bewegung der SOI. Dabei werde ich einen allgemeinen Blick auf die Idee, Geschichte sowie auf die Athleten werfen. Als nächstes werden die nationalen Aktivitäten von SOD behandelt, bevor ich drittens die SONG ’08 eingehender beschreibe.

Die Informationen zu den SO sind der Internetseite www.specialolympics.de, www.specialolympics.org, www.nationalgames.de oder den Informationsbroschüren zu von SOD. entnommen. Zudem finden teilweise auch Auszüge aus Interviews mit Vertretern von SOD Eingang in diese Arbeit. Dabei zitiere ich die Aussagen sinngemäß um ihre Verständlichkeit zu gewährleisten. Der genaue Wortlaut sowie die Interviews finden sich im Anhang.

Im deutschsprachigen Raum gibt es derzeit noch keine wissenschaftliche Literatur, die dieses Thema behandelt.

Die Erkenntnis ist nicht neu: Was nicht medial stattgefunden hat, hat nie stattgefunden. Nur wer direkt den SONG ´08 beiwohnte oder von der Veranstaltung in irgendeiner Weise berührt wurde, hat Erfahrungen aus erster Hand sammeln können. Der große Rest der Bevölkerung war auf das angewiesen, was Journalisten in medial aufbereiteter Form als Nachricht, Bild, Information und Geschichte berichteten. Diese Informationen und Eindrücke bilden das Gerüst der Meinungsbildung in der Bevölkerung. Wie genau dabei die Vorstellungen sind, die sich jeder machen kann, variiert je nach Menge und Gehalt der Informationen, die den Empfänger erreichen.

Dem Journalisten kommt somit eine große Verantwortung zu. Wie mit dieser Verantwortung umgegangen wird, versuche ich im zweiten Teil dieser Arbeit zu ermitteln. Ich werde die Beziehung zwischen Behinderung und Medien verdeutlichen, bevor ich die Berichterstattung der Printmedien über die SONG `08 einer Begutachtung nach quantitativen und qualitativen Kriterien unterziehe, indem ich sie mit den Berichten über die SONG `06 vergleiche. Da eine Aufarbeitung der gesamten medialen Berichterstattung durch Fernsehen, Radio, Printmedien und Internet den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, verzichte ich hier auf eine umfassende Analyse der elektronischen Medien und beschränke mich im Wesentlichen auf die Darstellung der SONG `08 in den Printmedien sowie in Fernsehberichten.

In einem abschließenden Abschnitt interpretiere ich die Ergebnisse meiner Untersuchung und versuche einen Ausblick auf die zukünftige Entwicklung der Bewegung der SO zu geben.

Die persönliche Schlussbetrachtung versucht in einer eigenen Stellungnahme die Schlussfolgerung aus meiner Untersuchung mit der gesamtgesellschaftlichen Situation zu verbinden.

2 Special Olympics International

Die SO ist mit 170 Länderorganisationen auf der ganzen die größte Sport-Organisation für Menschen mit geistiger Behinderung. Es handelt sich dabei um eine vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannte Organisation, was sie berechtigt, sich „olympisch“ zu nennen.

SO hat sich den folgenden zwei Bereichen verschrieben:

- Der Förderung und Durchführung von Sportprogrammen für Menschen mit geistiger Behinderung
- Der Durchführung von öffentlichkeitswirksamen Sportveranstaltungen für Menschen mit geistiger Behinderung Derzeit bieten SO ein ganzjähriges Sporttraining sowie Wettkämpfe für weltweit 2,5 Million Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit geistiger Behinderung an.

Neben den weltweiten Spielen (SO World Summer Games und SO World Winter Games) hat sich in vielen Ländern auch eine Ausrichtung von nationalen Spielen (SO National Summer Games und SO National Winter Games) durch nationale SO - Ausrichter etabliert. In Deutschland ist dies Special Olympics Deutschland e. V...

Zwischen den landesweiten „National Games“ werden auch immer wieder sportartenspezifische Veranstaltungen, wie beispielsweise Fußballturniere und Leichtathletikevents, unter der Trägerschaft der verschiedenen nationalen SO ausgetragen.

Abbildung 1: SOI – offizielles Logo

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.kirchennetz.info/dek/_data/SpOlympics_logo.jpg

2.1 Geschichte der SOI und SOD

Eunice Kennedy (*10. Juli 1921), die spätere Eunice Kennedy Shriver, eine Schwester von Robert und John F. Kennedy, gründete 1968 die SO Bewegung. Ihre ältere Schwester Rosemary Kennedy hatte Dyslexie[2], wobei sich ihre geistige Behinderung erst nach einer vom Vater Joseph P. Kennedy verordneten Lobotomie[3] deutlich ausprägte. Diese Maßnahme wurde durchgeführt, da sich der Vater um den scheinbar sittenlosen Umgang seiner Tochter mit dem anderen Geschlecht sorgte, was auf die einflussreiche Kennedy-Familie eine rufschädigende Auswirkungen hätte haben können. Nach dem Eingriff war Rosemary schwer behindert und verbrachte nahezu ihr gesamtes Leben in einer Heilanstalt in Wisconsin.

Während sich der Vater bald dem Kontakt zu seiner Tochter verwehrte, berührte Eunice das Schicksal ihrer älteren Schwester sehr. Hieraus entstand hieraus ihre Motivation sich für die Belange von Menschen mit geistiger Behinderung einzusetzen. Im Jahr 1963 veranstaltete die heutige Ehrenpräsidentin von SOI auf ihrem Familienanwesen ein eintägiges Sommercamp für Menschen mit geistiger Behinderung, um ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten im Sport zu erforschen. Die Idee der SO war geboren.

Im Nachfolgenden sind die wichtigsten internationalen und deutschlandweiten Meilensteine der SO-Bewegung aufgelistet.

Im Juni 1963 veranstaltete Eunice Kennedy Shriver in ihrem Haus ein eintägiges Sommercamp in Maryland für Kinder und Erwachsene mit geistiger Behinderung. Sie erkannte, dass Menschen mit geistiger Behinderung viel leistungsfähiger im Sport und bei körperlichen Aktivitäten sind, als es die meisten Experten bislang für möglich hielten. Die Veranstaltung war ein Erfolg, so dass sich im Weiteren die American Association for Health, Physical Education and Recreation und die Joseph P. Kennedy, Jr. Foundation dafür einsetzten, dass ein gemeinsames nationales Programm für Körpererziehung Menschen mit geistiger Behinderung entstand, bei welchem auch Wettbewerbe in verschiedenen sportlichen Disziplinen ausgetragen wurden.

In den Jahren 1964 bis 1968 gründeten sich hunderte Organisationen in ganz Amerika, welche durch die Kennedy Foundation finanziert wurden.

Im Juli 1968 wurden die ersten internationalen SO Spiele mit rund 1000 Athleten mit geistiger Behinderung aus 26 US-Staaten und Kanada in Chicago veranstaltet. Die angebotenen Sportarten beschränkten sich damals noch auf Leichtathletik, Floor Hockey und Schwimmen.

Im Dezember 1968 wurde SO Inc. als gemeinnützige, karitative Organisation gegründet. Ziel der SO wird es systematisches Sporttraining und Wettbewerbe im Sinne der olympischen Tradition für Personen mit geistiger Behinderung anzubieten.

Schon im Januar 1970 fanden in allen 50 US-Staaten, sowie in Kanada, Programme im Sinne der SO-Bewegung statt. 50.000 Athleten nahmen an lokalen Sporttrainings und Wettbewerben teil.

Im Juni 1970 fanden die ersten SO außerhalb der USA in Frankreich statt. Es nahmen rund 550 Sportler mit geistiger Behinderung aus Frankreich teil.

Im August 1970 feierten Athleten aus den USA, Frankreich und Puerto Rico gemeinsam die zweiten SO World Games in Chicago.

Das Olympische Komitee der USA erteilte SO 1971 die Offizielle Genehmigung, den Titel " Olympics " zu tragen. Es dauerte allerdings bis zum Februar 1988 bis das Internationale Olympische Komitee (IOC) auch die offizielle Anerkennung der SO unterzeichnete.

Im August 1972 fanden die dritten SO World Games mit 2.500 Sportlern in Los Angeles statt.

Über 3.100 Angehörige des Militärs unternahmen 1975 einen 5.100 km langen Marathon-Staffellauf von Washington D. C. nach Los Angeles, Kalifornien. Hunderte von Schul - Laufmannschaften und anderen Freiwilligen beteiligten sich an dem Non - Stop - Staffellauf, um finanzielle Mittel für die Sportler der vierten internationalen SO zu sammeln und auf die Veranstaltung aufmerksam zu machen. Die Idee des „Torch Run“ war geboren.

Im August 1975 nahmen 3.200 Athleten aus zehn Ländern an den vierten SO World Games teil, die in Mt. Pleasant im Bundestaat Michigan ausgetragen wurden.

Im Februar 1977 fanden die ersten internationalen Winterspiele der SO in Steamboat Springs im US Bundesstaat Colorado statt; über 500 Athleten nahmen an den Ski- und Eislaufwettbewerben teil. Die Fernsehanstalten CBS, ABC und NBC zeigten zudem erstmals Bilder von den Spielen. Von diesem Zeitpunkt an finden die SO World Winter Games alle 4 Jahre, immer im Wechsel mit den SO World Summer Games, statt.

Abbildung 2: Ehemaliger Weltklasseskifahrer Billy Kidd (USA) bei den ersten internationalen World Winter Games in Steamboat Springs, Colorado (USA) mit einem Teilnehmer

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellle: www.specialolympics.org/.../b_kidd.jpg

Im Juli 1977 verzeichnete die SO-Bewegung eine Anzahl von 700.000 Sportlern. Der Anteil der Erwachsenen nahm zu. Neunzehn Länder hatten Programme, die sich an den SO orientieren.

Im Jahre 1980 stellte SO erstmals ein Trainingsprogramm für Trainer auf. Das erste offizielle SO-Regelwerk wurde 1984 veröffentlicht.

1986 war das „Internationale SO-Jahr“, das seinen Höhepunkt in den internationalen SO-Sommerspielen in New York findet. Zu dem Motto „SO - Unifying the World“ passt, dass sich im Februar 1990 die Sowjetunion dazu entschied der SO-Bewegung beizutreten. SO war damit die erste internationale Organisation, die in den GUS-Staaten Zutritt erlangen konnte.

Am 3. Oktober 1991 erreichten die SO Deutschland. Special Olympics Deutschland e.V. wurde gegründet. Es war eine gemeinsame Initiative der großen deutschen Behindertenverbände, die sich für die Möglichkeit des Sporttreibens von Menschen mit geistiger Behinderung einsetzten. Trotzdem sollte es noch 7 Jahre bis zu den ersten SONG in Deutschland dauern.

Die 5. World Winter Games mit 1.600 Athleten aus über 50 Ländern fanden erstmals nicht in Nordamerika, sondern 1993 in Österreich (Salzburg und Schladming) statt. Deutschland war mit 112 Sportlern vertreten.

Bei den ersten deutschen SONG 1998 in Stuttgart nahmen über 1.000 Athleten in den unterschiedlichsten Disziplinen wie Fußball, Leichtathletik, Radfahren, Schwimmen, Tischtennis, Badminton, Triathlon und Judo teil. Die SO National Summer Games finden seitdem alle 2 Jahre statt.

1999 fanden die ersten SO National Winter Games in Erfurt und Oberhof mit 300 Aktiven in sechs Sportarten aus sechs Bundesländern statt. Auf nationaler Ebene werden seither jedes Jahr im Wechsel die Summer und Winter Games ausgetragen.

2.2 Idee und Ziele des SO

“Let me win, but if I can’t win, let me be brave in the attempt.”

(Offizieller SO Eid, vgl. www.specialolympics.de)

„Lasst mich gewinnen! Doch wenn ich nicht gewinnen kann, lasst mich mutig mein Bestes geben!“

Der Eid stammt von der Mutterorganisation aus den USA und zeigt auf, was einer der Leitgedanken der SO ist. Nicht das Gewinnen steht im Vordergrund, sondern das Teilnehmen, das gemeinsame Sporttreiben und die Freude seine individuelle Leistung zu zeigen.

Dass die Medaillen und der Sieg den Athleten jedoch sehr wichtig sind verdeutlich folgende Aussage:

Alle wollen gewinnen, das ist ganz entscheidend. Aber auf der anderen Seite, wenn sie nur Platz 24 erreichen und anschliessend ihre Urkunde haben, dann ist das auch gut, denn sie haben, und deswegen ist der Eid genial, ihr Bestes gegeben. Das Beste was in ihrem Vermögen war und diese Orientierung ist auch richtig. Aber natürlich wollen die gewinnen! (vgl. Schmeißer, Zitat 22)

Eunice Kennedy Shriver gründete die Organisation mit dem Ziel Menschen mit geistiger Behinderung die sportliche Betätigung zu vereinfachen und ihnen eine öffentliche Bühne zur Demonstration ihrer Leistungsfähigkeit zu stellen.

Dahinter stand ihre Überzeugung, dass Menschen mit geistiger Behinderung ein gleichberechtigter öffentlicher Raum in der Gesellschaft zusteht und sie durch eine größere Präsenz zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz finden können.

SOD verspricht sich verschiedene positive Effekte. Die sogenannten normalen Mitbürger sollen von den Spielen erfahren, die Wettkämpfe besuchen oder idealerweise bei den Wettkämpfen durch Freiwilligenarbeit (Volunteerarbeit) mit eingebunden werden. Beim Zusehen können sich die Besucher ein eigenes Bild von der Leidenschaft und sportlichen Leistungsfähigkeit der behinderten Sportler machen, was zu einer positiveren Einstellung gegenüber ihnen führen kann. Dadurch soll die Anerkennung von Menschen mit geistiger Behinderung innerhalb der Gesellschaft verbessert werden.

Gerade die Möglichkeit als Volunteer bei den SO mitzuarbeiten bietet Raum für persönlichen Kontakt und Austausch zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen. Kontakt mit Menschen mit Behinderung allein, ist jedoch keine Variable, die zwangsläufig zu einer positiveren Einstellung des Nicht-Behinderten führen muss. Es ist vielmehr die Qualität des Kontakts die darüber entscheidet, ob eine Einstellungsveränderung positiver oder negativer Art erfolgt. (vgl. Cloerkes 2001, S.114ff)

Durch den Sport und den Wettkampf sollen Menschen mit geistiger Behinderung ihre Kompetenzen fördern und gestalten lernen, Erfahrungen sammeln und sich entwickeln. Dabei ist nicht nur die Entwicklung der körperlichen Fähigkeiten oder der motorischen Koordination gefragt. Die stärkenden Elemente des Sports sollen dem Menschen mit Behinderung dienlich sein, sich positiv zu entwickeln.

Folgende positive Entwicklungen können sich durch Sport ergeben:

- Verbesserung der körperlichen Fitness und des seelischen Wohlbefindens
- Sportliche Fähigkeiten entwickeln
- Freude an der Bewegung empfinden
- Entwicklung der Persönlichkeit und Selbstständigkeit durch die Erfahrung eigener Wirksamkeit
- Anerkennung der Leistung durch sich selbst oder andere und dadurch ein gesteigertes Selbstbewusstsein und ein besseres Selbstwertgefühl

Des Weiteren bieten die Spiele die Möglichkeit weiterer positiver Entwicklungen über den Sport hinaus.

- das Knüpfen von Freundschaften und Kontakt mit anderen Menschen mit oder ohne geistige Behinderung
- Unterstützung und Anerkennung durch die Familie und das Umfeld erfahren
- sportliche Aktivitäten in der Öffentlichkeit für mehr soziale und gesellschaftliche Anerkennung
- „Transfererfahrungen“ - Idealerweise sollen die Teilnehmer der SO die erworbenen Kompetenzen in das Alltagsleben des Athleten transferieren. Dass heißt, sie sollen die gemachten positiven Erfahrungen verinnerlichen und mit nach Hause, in die Klassenzimmer, in die Arbeit und Werkstätten nehmen.

Bsp.: Ein Athlet entwickelt in seiner Sportart eine ihm ungewohnte eigene Leistungsfähigkeit. Seine Umgebung reflektiert diese Leistung im positiven Sinne. Diese Erfahrung führt beim Athleten zu einem gesteigerten Selbstbewusstsein. Alltagssituationen werden durch das positive Selbsterleben nun anders wahrgenommen und auf der Basis einer gewachsenen Ich-Stärke heraus beurteilt. Aufgrund der veränderten Beurteilung können seinem Verhalten neue Handlungsmöglichkeiten erwachsen, was gleichermaßen für den Menschen sowie für sein Umfeld positive Auswirkungen haben kann.

Sonia Schmeißer, in Karlsruhe zuständig für den Bereich überregionale Pressearbeit und Pressechefin der SONG `08 beschreibt den Effekt des Sports folgendermaßen:

Der Sport, der ja den Teamgedanken in sich trägt, ist eine sehr gute und bewährte Methode die Menschen aus ihrer Isolation zu holen. Viele von den Athleten sind im Laufe der Jahre dazu befähigt worden, selbst leben zu können; in Berlin hatten wir ganz konkrete Beispiele dafür. Ohne diese ganze Geschichte wäre das nicht passiert und es phänomenal, so was erreichen zu können. (vgl. Schmeißer, Zitat 15)

Abbildung 3: Patrick Brehmer SO Athlet und SOI Global Messanger bei der Entzündung des Olympischen Feuers in Karlsruhe 2008

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.nationalgames.de/veranstaltungswoche_teil1+M5e723094b0e.html

Ziel der Veranstaltung ist es, neben dem Erhalt der positiven Eigenschaften des Sports, ein akzeptierendes Miteinander von Nicht-Behinderten und Behinderten anzustreben.

Alle Menschen mit geistiger Behinderung sollen die Chance haben, produktive Bürger zu werden, die von ihrem gesellschaftlichen Umfeld akzeptiert und respektiert werden. (vgl. SO Pressemappe, S.4)

Als ein Mittel, dieses Ziel zu erreichen, motiviert SO jene Athleten, die sehr leistungsstark in ihren Sportarten sind, nicht nur am SO-Training, sondern auch an regulärem Schulsport oder Vereinssport und ähnlichem teilzunehmen. Ob sie dann weiterhin bei SO teilnehmen wollen, liegt in ihrer Entscheidung.

In Deutschland fristet der Behindertensport ein vom normalen Sport getrenntes Dasein. SO hat neben der Integration Einzelner in die sportlichen Aktivitäten von Nicht-Behinderten des Weiteren vorgesehen, dass auf lokaler, landesweiter und bundesweiter Ebene, sowohl Amateur- als auch professionelle Verbände, bei Veranstaltungen ihrer Sportart, Athletengruppen von SO in ihr Programm aufnehmen. Dies ist jedoch derzeit nicht der Regelfall. In den USA oder anderen Ländern ist es schon Gang und Gebe, dass sich Menschen mit oder ohne geistige Behinderung gemeinsam bei sportlichen Veranstaltungen engagieren.

In Großbritannien und Spanien wird überhaupt nicht getrennt. Da sind bei einem Judoturnier die Meisterschaften und parallel dazu machen auch die SO–Athleten ihre Meisterschaften. In Spanien gibt es auch viele Veranstaltungen, wo es gar nicht gesondert ausgewiesen ist, die Athleten sind einfach dabei, wie eine eigene Disziplin. Und das ist unsere Zielvorstellung, dass das nicht mehr als was Besonderes wahrgenommen wird, sondern es einfach so ist. (vgl. Schmeißer, Zitat 17)

Ein weiteres Ziel der SO ist es, bei Veranstaltungen eine hohe Medienpräsenz zu erreichen, im Bemühen die Belange von Menschen mit geistiger Behinderung in der Gesellschaft zu stärken. Doch warum ist dies überhaupt nötig?

Fakt ist, dass der Mensch mit Behinderung und der ohne in Deutschland kaum alltäglichen Umgang miteinander haben.

Sie werden meist als zwei konträre Gruppierungen und als solche getrennt betrachtet.

So wird oft von der Integration von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft gesprochen. Peter Radtke, der selbst köperliche Einschränkungen aufgrund der sog. Glasknochenkrankheit hat, formuliert als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien e.V." (abm) dazu folgendes:

„Eine Integration in die Gesellschaft geht von der Vorstellung aus, es handle sich um zwei verschiedene Personengruppen. Gerade dies ist nicht der Fall, Menschen mit Behinderung sind per Definition Teil der Gesellschaft ebenso wie Personen ohne Behinderung.“ (vgl. Radtke 2003, S 5)

Die SO macht also das, was sich für die Gesellschaft von alleine verstehen sollte. Sie unternimmt einen Brückenschlag zwischen den beiden zusammengehörenden Gruppen, welche sich durch Diskriminierung, Institutionalisierung und Marginalisierung von Seiten der meinungsführenden

Nicht-Behinderten, zunehmend voneinander entfernt und entfremdet haben. Notwendigerweise werden also wieder gemeinsame Berührungspunkte gebraucht, insbesonder der Art wie sie die Bewegung der SO anzubieten versucht.

Deswegen ist es ein elementares Bedürfnis der Bewegung, die SO sowie andere Aktivitäten von SO in breiter Öffentlichkeit stattfinden zu lassen. Eine breite Medienpräsenz bei SO Veranstaltungen ist das anvisierte Ziel, damit die Athleten der Gesellschaft ihre Qualitäten demonstrieren können und beiden „Gruppen“ Möglichkeiten offen stehen, näher aneinander zu rücken.

2.3 Prinzipien der SO

SO arbeitet weltweit nach folgenden Prinzipien (vgl. SO Pressemappe, S.4ff):

- Menschen mit geistiger Behinderung aller Länder, Nationen, Geschlechter, unabhängig von Alter, Rassen und Religionen sollen die Möglichkeit haben Sport zu treiben. Niemand darf ausgeschlossen werden.

- Die Teilnahme an SO Trainingsprogrammen und Wettbewerbs-Veranstaltungen ist für alle Personen mit geistiger Behinderung, die mindestens acht Jahre alt sind, möglich, unabhängig vom Schweregrad der Behinderung. Für den Wettbewerb gilt, dass der Athlet ganzjährig an einem Sportprogramm teilgenommen haben muss und bei mindestens 3 Wettkämpfen im Jahr gestartet ist.

Das Training wird von qualifizierten Trainern nach den standardisierten Sportregeln, die von SOI angepasst wurden, durchgeführt.

- Jede SO Organisation sollte Aktivitäten für verschiedene Altersstufen und Leistungslevel in ihre Angebote integrieren; vom wettbewerbsfreien Angebot bis zum Wettkampf für starke Sportler. Aus diesem Grund finden vor den Wettkämpfen Klassifizierungsdurchgänge statt, um leistungshomogene Athleten gegeneinander antreten zu lassen, was dem Prinzip der Chancengleichheit entspricht. Neben der Leistung wird auch nach Alter und Geschlecht getrennt eingeteilt.

- Bei jeder Siegerehrung erhalten die Athleten der ersten drei Plätze wie üblich Gold, Silber und Bronze. Die Athleten vom vierten bis zum letzten Platz erhalten Teilnehmerwimpel und werden wie die anderen auf dem Siegerpodest geehrt. Durch die vielen verschiedenen Leistungsklassen kann es passieren, dass in einer Disziplin je nach Teilnehmerzahl sehr viele Goldmedaillen vergeben werden.

- Kein Sportler darf auf Grund seiner wirtschaftlichen Verhältnisse benachteiligt werden. Sollte ein Athlet nicht über die finanziellen Mittel verfügen bei der Veranstaltung teilzunehmen, kann er von SOD, beziehungsweise von Förderern von SOD, Unterstützung erhalten.

- Obwohl SO in erster Linie eine sportorientierte Organisation ist, wird auf ein Rahmenprogramm bei SO Games Wert gelegt. Kulturelle, soziale und künstlerische Angebote wie Theater, Tanz, Ausstellungen, Konzerte etc. sollen den Teilnehmern und den Besuchern wertvolle und integrative Erfahrungen ermöglichen.

- Ein weiterers wichtiges Prinzip, das für SO immer mehr an Bedeutung gewinnt ist das Healthy Athletes Program, das Gesundheitsprogramm von SO, welches sich für die Gesunderhaltung der SO Athleten einsetzt. Gerade für die Öffentlichkeitsarbeit ist dieses Programm sehr bedeutungsvoll, da es auf großes Interesse stößt.

- SO setzt in seiner Arbeit auf die Integration der Familie des Athleten mit geistiger Behinderung. Familienmitglieder werden dazu angehalten am Training und Wettkampf teilzunehmen. Bei den Spielen gibt es ein Familienprogramm eigens für Familie und Athlet.

- Jede SO-Länderorganisation kann eine Delegation zu den Weltspielen, den sich alle zwei Jahre abwechselnden World Summer und World Winter Games, schicken. Voraussetzung ist, dass die SO Standards bezüglich der Vorbereitung von Athleten und Coachs auf die Spiele eingehalten werden. Es wird nach sportlichen Kriterien ausgesucht. Die Teilnahme an den NG ist Voraussetzung. Außerdem kommen bei längeren Reisen aufgrund der entstehenden Belastungen nur bestimmte Behinderungskategorien in Frage. (vgl. Sonia Schmeißer, Zitat 22)

Es gibt pro Land bei SOI einen Teilnehmerschlüssel, der den Ländern die Anzahl der Athleten und Coachs mitteilt.

Überblick über die bisherigen, welt- und deutschlandweiten, Spiele:

Es folgt eine tabellarische Auflistung der weltweiten SO World Summer Games und World Winter Games mit Teilnehmerzahlen und Austragungsorten.

Abbildung 4: SO World Summer Games

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: SO World Winter Games

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es folgt eine tabellarische Auflistung der deutschlandweiten SONG und Winter NG mit Teilnehmerzahlen und Austragungsorten.

Abbildung 6: SO National Summer Games

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: SO National Winter Games

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie man erkennen kann, stieg im Laufe der Vereinsgeschichte die Teilnehmerzahl bei den SO sowohl weltweit als auch national kontinuierlich an. Eine stetige Steigerung, zumindest im nationalen Bereich, ist jedoch auf Dauer nicht zu erwarten. Mit 3600 Teilnehmern bewegten sich die SONG ’08 finanziell und logistisch schon im oberen Grenzbereich, wie ein Kommentar von Brigitte Lehnert, der Vizepräsidentin von SOD verdeutlicht:

Es scheitert vor allem auch an den Sportstätten, an den Möglichkeiten und an der Zeit die wir haben. Wir können nicht den ganzen Tag und die Nacht Sport treiben, also sind wir mit dieser Größenordnung sehr gut bedient. Wenn man es größer machen würde, müsste man auch auf mehr Sportstätten und auf sehr viel mehr Mitarbeiter im professionellen Bereich zurückgreifen können. (vgl. Lehnert, Zitat 29)

Mit den wachsenden Teilnehmerzahlen erhöhte sich auch die Anzahl derer, die als Betreuer (Personenschlüssel:1 Betreuer auf maximal 3 Athleten) und Volunteers bei den Spielen mitmachen. Ob auch die mediale Aufmerksamkeit im Laufe der Zeit gestiegen ist, darf angenommen werden und wird im praktischen Teil dieser Arbeit erörtert.

2.4 Klientel der SO – Menschen mit geistiger Behinderung

Um zu verdeutlichen, um was für Athleten es sich bei den Aktivitäten der SO handelt, wird geistige Behinderung im Folgenden kurz erläutert.

2.4.1 Allgemeine Definition

Der Begriff geistige Behinderung beschreibt eine Personengruppe, die aufgrund komplexer Dysfunktionen der hirnneuralen Systeme erhebliche Schwierigkeiten hat, ihr Leben selbstständig zu führen und die deshalb lebenslange Hilfe sowie Förderung benötigt.

Als Grund für eine spätere geistige Behinderung können sowohl biologisch-organische Beeinträchtigungen, wie auch eine psycho-physische Schädigung des Gehirns oder maßgebliche umweltliche Bedingtheiten in Frage kommen. In vielen Fällen bleibt die genaue Ursache jedoch unbekannt.

Die Auswirkungen genetisch-organischer Schädigungen beziehen sich vor allem auf das Intelligenzniveau und, in Verbindung damit, auf Wahrnehmung, Kognition sowie auf Sprache und motorische und soziale Entwicklung. Generell sind mehrere Funktionen des Organismus betroffen, man kann also von einer Mehrfachbehinderung sprechen. Klassifikatorisch lassen sich leichte oder schwere geistige Behinderungen unterscheiden. Ihre individuelle Ausprägung ist wesentlich von der Sozialisation, vor allem von der pädagogischen Förderung und sozialen Eingliederung abhängig oder entwickelt sich entlang von externen Enwicklungs- und Aufwuchsbedingungen. (vgl. Theunissen 2007, S. 25)

Auch wenn es nur einen geringen Teil aller geistigen Behinderungen ausmacht, ist das Down-Syndrom die wohl bekannteste Art geistiger Behinderung. Dies hängt auch damit zusammen, dass Menschen mit Down-Syndrom oft medienwirksame Darstellung finden und über eine einprägsame Physiognomie verfügen. Sie werden allgemein als lebensfrohe, lustige Zeitgenossen eingeschätzt und vertreten damit den sympathischen geistig behinderten Menschen.

Menschen mit einer geistigen Behinderung sind sehr unterschiedlich, die einen sind niedlich mit Down-Syndrom, die kennt man dann, aber andere sind eben schwerer behindert, die machen durchaus Angst und Berührungsängste sind da. Das macht es schwierig. Es ist nicht so attraktiv.

Ich glaube dass man die Angst vor dem auch nicht so hübschen Bild der geistigen Behinderung nur dadurch nimmt, indem man die Menschen zu solchen Veranstaltungen bringt. (vgl. Lehnert, Zitat 21&22)

Menschen mit dem „niedlichen“ Down-Syndrom werden also als weniger bedrohlich und abschreckend von der Gesellschaft wahrgenommen. Wen wundert es da, dass bereits auf der ersten Seite der Homepage von SOD zwei Athleten mit eben diesem Syndrom abgebildet sind. Man darf zu Recht fragen, ob das damit vermittelte Bild, der Mannigfaltigkeit geistiger Behinderung gerecht wird.

Während meiner Zeit im Pressezentrum der SO wurde eine Reduzierung der Athleten mit geistiger Behinderung auf Athleten mit Down Syndrom durch die Medien heftig diskutiert. Als Konsequenz müsste sich SO fragen, ob sie nicht auch Anteil an der Vermittlung einer zwar medienwirksamen, aber einseitigen Darstellung hat.

Laut Stefanie Giebe, würde sich diese Einseitigkeit jedoch derzeit verändern. Das Relaunch der SOD Homepage wolle die Reduktion auf Menschen mit Down Syndrom abschaffen. Bei anderen Kommunikationsmitteln wie Flyern, sei dies bereits passiert.

Abbildung 8: Athletenportrait einer Sportlerin mit Down-Syndrom von Luca Siermann

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.so-portraits.de/2005-garmisch.htm

2.4.2 Definition geistiger Behinderung durch die SO

Um Athlet bei den SO zu werden, muss eine vom Arzt attestierte hundertprozentige geistige Behinderung vorliegen. (vgl. Lehnert, Zitat 37&38)

Die SO richten sich nach der Definition der American Association on Mental Retardation (AAMR). Danach liegt eine geistige Behinderung vor, wenn die folgenden drei Kriterien zutreffen:

1. Der Intelligenzquotient IQ ist niedriger als 70 - 75
2. es bestehen starke Einschränkungen in zwei oder mehr adaptiven „skill areas“
3. die Symptome haben sich bereits vor dem 18. Lebensjahr manifestiert.

„Adaptive skill areas“:

Adaptive skill areas bezeichnen Fähigkeiten im „aktuellen Anpassungsverhalten“, d.h. in der effektiven alterstypischen und kulturspezifischen Bewältigung von Alltagsaufgaben beziehungsweise Standardsituationen.

Man definiert elf adaptive skills: Selbstbestimmung, schulische Fertigkeiten, Arbeit, Freizeit, Gesundheit, Sicherheit, Kommunikation, soziale Fertigkeiten, häusliches Leben (Wohnen), Selbstversorgung sowie Teilnahme am öffentlichen Leben und Nutzung von Hilfen.

Eine Person, die Einschränkungen in den intellektuellen Fähigkeiten hat, aber keinerlei Auffälligkeiten hinsichtlich der adaptive skill areas zeigt, muss nicht geistig behindert sein. (vgl.SO-Pressemappe, S.6)

Man darf sich zu Recht fragen, ob es keine geistige Behinderung gibt, die nach dem 18. Lebensjahr entstanden ist. Vor allem Unfälle, Krankheiten oder Schlaganfälle würden bei dieser Definition herausfallen.

Allerdings gilt laut Stephanie Giebe folgendes: In der Regel würde nach Einzelfall entschieden, zudem sei dies ein ganz aktueller Punkt in der weiteren Entwicklung der SOD, der momentan im Präsidium stark diskutiert werden würde. So wie es aussähe wolle man die Zielgruppe erweitern und SO auch für Menschen mit Lernbehinderung und psychische Beeinträchtigungen öffnen, welche wie Menschen mit geistiger Behinderung ebenfalls in Einrichtungen leben und arbeiten. Manche europäischen SO-Länder hätten sich diesbezüglich schon von der Definition der SOI gelöst und würden die Teilnahmefrage flexibler handhaben.

Der Weltgesundheitsorganisation zufolge gibt es weltweit ca. 156 Millionen Menschen mit geistiger Behinderung. Dies entspricht 2% der Weltbevölkerung. In Deutschland gibt es ca. 450.000 Menschen mit geistiger Behinderung, was ca. 0,6 Prozent der Bevölkerung entspricht. Ungefähr 95% der Menschen mit geistigen Behinderungen leben in speziellen Einrichtungen.

3 Special Olympics Deutschland

Abbildung 9: SOD – offizielles Logo

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://specialolympics.de/index2.html

Nachdem die Organisation 1968 in den USA gegründet wurde, etablierte sie sich nach und nach auch in anderen Teilen der Welt. In Deutschland wurde 1991 der eingetragene Verein SOD gegründet. Mittlerweile unterhält der von der nationalen Geschäftstelle in Berlin aus geführte Verein elf Landesverbände. Die Anzahl der Mitarbeiter variiert stark. Für spezielle Veranstaltungen wie die NG werden Praktikanten auf Mini-Job Basis für einen bestimmten Zeitraum eingestellt. In der Geschäftsstelle von SOD gibt es 7 Vollzeitkräfte. Das Präsidium setzt sich aus ehrenamtlichen Mitarbeitern zusammen. Für die Spiele 2009 in Inzell arbeiten derzeit eine Vollzeitkraft sowie ein Vollzeitpraktikant.

Die einzelnen Landesvereine (z.B. SO Bayern, SO Hessen) organisieren und finanzieren sich selbst. Dort gibt es teilweise auch Halbzeitkräfte, ansonsten sind Landesvorsitzende, Sportkoordinatoren, etc. ehrenamtlichen Mitarbeiter.

SOD e.V. orientiert sich inhaltlich an den SO USA, ist aber eigenständiger Ausrichter der nationalen SO National Winter und Summer Games. Auch in finanzieller Hinsicht steht der Verein auf eigenen Beinen.

In Deutschland steht SO in steter Partnerschaft und Austausch mit Institutionen und Organisationen, Werkstätten und Schulen, die in der Förderung und Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung engagiert sind, wie zum Beispiel der Lebenshilfe und Behindertenwerkstätten.

Derzeit betreut SO in Deutschland mit seinem ganzjährigem Sporttraining in vielen olympischen Sportarten über 35.000 Athletinnen und Athleten.

Brigitte Lehnert, die Vizepräsidentin, möchte die aktuelle Zahl von 35.000 SO-Sportlern in den nächsten fünf Jahren auf 70.000 verdoppeln. (vgl. Lehnert, Zitat 34)

Für die Ausbildung und Betreuung der Athleten sorgen ehrenamtliche Coachs, die von SO ausgebildet werden.

3.1 Bekanntheitsgrad der SO in Deutschland

Zur Untersuchung des Bekanntheitsgrades der SO in Deutschland liegt nur eine einzige Studie vor, die in Zusammenarbeit mit Studenten und Professor Dr. Dirk Hass im Dezember 2007 am Künzelsauer Institut für Marketing der Rheinhold Würth Hochschule in Heilbronn stattgefunden hat. Die Studie ist mit 189 Befragten vergleichsweise gering und deswegen auch mit Vorsicht zu betrachten. Aus ihren Ergebnissen lässt sich jedoch eine klare Tendenz ableiten. (vgl. Anhang CD, Studie zum Bekanntheitsgrad) 189 Telefoninterviews wurden mit folgendem Ergebnis geführt:

- Knapp 7% der Befragten kannten die SO und konnten sie inhaltlich richtig erklären.
- In der Befragung wurde deutlich, dass viele die SO mit den Paralympics, der Olympiade für körperbehinderte Sportler verwechselten.

Die Umfrage verdeutlicht, dass SO die öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten weiter ausbauen muss, um seinen Bekanntheitsgrad zu vergrößern und in Zukunft mehr Menschen zu erreichen.

Eine Werbemaßnahme ist es, dass die Partner und Sponsoren mit dem Emblem der SO gemeinsam werben, da SO keine finanziellen Mittel besitzt, um dies in eigener Regie zu tun. So geschehen beim Fußballspiel der Deutschen Nationalmannschaft im November 2007. Die Firma Würth schaltete Bandenwerbung, in der sie mit ihrer Unterstützung der SOD warb. Dabei erhält Würth ein menschfreundliches Image und der Name der SO wird öffentlichkeitswirksam präsentiert. Wie in der Studie verdeutlicht, weiß der Konsument nur meistens nicht, was die SO eigentlich sind. Laut Brigitte Lehnert liegt der Bekanntheitsgrad der SO im Ursprungsland den USA bei über 90%. (vgl. Lehnert, Zitat 20)

Dazu Sonia Schmeißer:

Unser Ziel ist es auf den Amerikanischen Weg einzubiegen, wo es wirklich verinnerlicht ist. Man kann jeden prominenten Sportler fragen in den USA, ob Sprinter oder Basketballer, die haben alle mit solchen Leuten zu tun, die kennen alle SO, es ist selbstverständlich. Und diese Selbstverständlichkeit zu erreichen, das ist unser langfristiges Ziel. (vgl. Schmeißer, Zitat 18)

3.2 Finanzierung

Die SO ist eine Non-Profit-Organisation und finanziert sich vor allem aus Spenden und über Sponsoren. Dabei unterscheidet SOD zwischen Partnern, Sponsoren und Förderern. Die Unterscheidung erfolgt aufgrund der Größe des Engagements und richtet sich vor allem nach den jährlichen Geld- oder Sachspenden.

Bei den Veranstaltungen trägt der Veranstaltungsort einen Teil der anfallenden Kosten. Die Athleten zahlen einen Teilnehmerbeitrag von ca. 50 Euro pro Person und Woche, müssen aber selbst für Verpflegung und Unterkunft aufkommen. Viele Gemeinden bieten daher öffentliche Einrichtungen oder ähnliches an, um die Kosten für Übernachtungen in Grenzen zu halten. Die Mitarbeit von zahlreichen ehrenamtlichen Volunteers, die sich aus verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen zusammenstellen, nimmt erheblich Anteil daran, dass die Veranstaltung finanziell tragbar ist.

Die NG in Karlsruhe kosteten SOD eine Million Euro. Was laut Brigitte Lehnert recht preiswert sei, da kaum Personalkosten angefallen sind. (vgl. Lehnert, Zitat 25)

3.3 Partner der SOD

Die meisten großen Unternehmen unterstützen verschiedene Organisationen für einen wohltätigen Zweck. Dabei können sie die Spenden für gewöhnlich steuerlich absetzten und das Engagement wirkt sich positiv auf das Image des Unternehmens aus. „Corporate Social Responsibility“ (CSR) beziehungsweise soziale Unternehmensverantwortung ist ein Schlagwort, welches sich einige Firmen gerne auf die Fahne schreiben. Dabei geht es um eine Firmenpolitik, die sich in ökologischen und sozialen Belangen nachhaltig und freiwillig engagiert. Zweck dieses Konzepts ist sicherlich nicht nur die reine Menschenliebe. Ein nach außen hin integeres Image ist für das Unternehmen eine nützliche Werbemaßnahme und wirkt sich auch auf die Identifikation des Mitarbeiters mit dem eigenen Unternehmen förderlich aus. In den USA wird, um den Wert eines Unternehmens zu messen, auch das CSR der Firma berücksichtigt. Dass heißt, der Wert einer Firma steigt mit seinem sozialen Engagement.

3.3.1 Überblick Partner

ABB: Der Technologieriese ABB ist der finanziell tatkräftigste Partner der SO und unterstützt SOD seit 2000. Dabei investierte er in der Gesamtheit mehr als eine Million Euro in die Organisation.

Unter dem Stichwort „Corporate Volunteering“ versteht ABB den freiwilligen Einsatz seiner Mitarbeiter bei Veranstaltungen der SO. Bislang mehr als 1000 ABB-Mitarbeiter waren bereits für SOD tätig.

Ich kenne das sonst überhaupt nicht, dass das in diesem Maße gefördert und unterstützt wird, die Firmen stellen die Leute wirklich flächendeckend frei. Ich weiß es nur von ABB und kenne auch nur die Zahl von Berlin, da konnten sie 200 Volunteers einsetzen und hatten intern 400 Bewerbungen dafür. (vgl. Schmeißer, Zitat 19)

Laut Bernhard Jucker, Vorstandsvorsitzendem der ABB AG, Mannheim: „trainiert der ehrenamtliche Einsatz dabei Sozialkompetenz und Teamfähigkeit sowie Verantwortungsbewusstsein.“ (vgl. ABB, Jucker, Zitat)

Gewinn für das Unternehmen wird folglich nicht ausschließlich durch das verbesserte Image bezogen, sondern auch durch die Kompetenzerweiterung seiner Mitarbeiter. Dazu auch Sonia Schmeißer:

Die sagen, dass die Leute, die wiederkommen sehr verändert sind. Die bekommen was mit, die haben ein Engagement, Sozialkompetenz und ein Teamgeist untereinander, der sich sofort auf die Firma auswirkt. Und dann haben sie natürlich ein riesigen Image - Gewinn. Aber die machen es wirklich aus Überzeugung. Zum anderen erhöht es ja auch die Bindung an das Unternehmen, weil die Mitarbeiter selbst das toll finden, dass das Unternehmen sie freistellt und die Aktion unterstützt. (vgl. Schmeißer, Zitat 20)

S.Oliver: Seit 1998 unterstützt S.Oliver die Helfer und Volunteers der NG mit T-Shirts und Caps. Bei den World Games wird die gesamte deutsche Delegation von S.Oliver vielseitig (z.B. Trainings-Anzüge, Jacken, T-Shirts, Sweatshirts, etc.) ausgestattet.

Adolf Würth GmbH & Co. KG: Seit 2007 neuer Partner der SOD – Beschränkt sich allerdings bislang auf „Marketingleistung“ um den Bekanntheitsgrad zu steigern. Finanzielle Mittel fließen derzeit noch keine.

3.3.2 Sponsoren

Metro Group, Aktion Mensch, Lufthansa, EnBW (nur NG), OTIS

[...]


[1] Olympiade ist strenggenommen der Zeitraum zwischen den Spielen, meint aber im Folgenden die Spiele an sich.

[2] Darunter versteht man Schwierigkeiten mit dem Lesen und Verstehen von Wörtern und/oder Texten – bei einem sonst normalen IQ

[3] Nervenbahnen zwischen Thalamus und Stirnhirn werden durchtrennt – als Folge tritt eine erhebliche Persönlichkeitsveränderung ein

Details

Seiten
110
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668670235
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121988
Institution / Hochschule
Hochschule Reutlingen
Note
2,0
Schlagworte
special olympics menschen behinderung sport eine medienanalyse

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Titel: "Special Olympics". Menschen mit geistiger Behinderung im Sport