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Der Seldon-Plan

Isaac Asimovs Science-Fiction aus wissenssoziologischer Perspektive quergelesen

Hausarbeit 2007 35 Seiten

Soziologie - Wissen und Information

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorangehendes
Zum Inhalt der Arbeit

Zu Asimov

Die Foundation-Trilogie „Die Psychohistoriker“
Zur Trilogie
Zum Inhalt

Die Asimovsche Psychohistorik

Der „Seldon-Plan“

Zum Verhältnis Science-Fiction – Soziologie

Betrachtungen aus wissenssoziologischer Perspektive
Die verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit
Wissensträger im galaktischen Imperium
Laien
Experten
Spezialisten
Professionelle
„Gläubige und Hochstapler“
Die Verteilung des Wissens im galaktischen Imperium
Explizites Wissen:
Implizites Wissen:
Allgemeinwissen und Allerweltswissen
Vertrautheitswissen
Bekanntheitswissen
Sonderwissen
Geheimwissen
Wissen, Nicht-Wissen und Zu-Viel-Wissen
Der Seldon Plan und die Konstruktion der Wirklichkeit
Wie wirklich ist der Seldon-Plan?
Modellbildung von sozialen Handlungen als Voraussetzung für den Seldon-Plan
Konstruktionen von Wirklichkeiten und die Perspektivität
Menschen als Produkt der Umwelt
Im Roman dargestellte Perspektiven

Fazit

Ausblick

Vorangehendes

Laut Robert K. Merton „gehört das Nichtwissen als ein Noch-nicht-Wissen zu den wesentlichen Voraussetzungen wissenschaftlichen Arbeitens“ (Knoblauch: 2005, S. 278). Es kann aber nur als Ausgangspunkt für eine wissenschaftliche Arbeit verwendet werden, wenn das Nicht-Wissen vorab beschrieben wird. Das soll in den folgenden Absätzen geschehen.

Zum Inhalt der Arbeit

Die Wissenssoziologie legt zugrunde, dass die Wirklichkeit sozial konstruiert ist und beschäftigt sich damit, wie diese Wirklichkeit konstruiert wird (vgl. Berger: 1997, S. 1). Die Literaturwissenschaft betrachtet diese sozial konstruierte Wirklichkeit als faktische Wirklichkeit und unterscheidet dazu die fiktionale Wirklichkeit. Die zuletzt genannte ist die Wirklichkeit, die in Texten als wirklich erscheint, obwohl sie Teil einer nichtwirklichen Welt ist. Sie hat aber prinzipiell keine feste Beziehung zur sozial konstruierten Wirklichkeit (vgl. Schweikle: 1990, S. 157). Sowohl in der Wissenssoziologie als auch in der Literatur werden Wirklichkeiten konstruiert. Die Frage, wie diese Konstruktion jeweils erfolgt, ist Mittelpunkt der Literaturwissenschaft und der Wissenssoziologie.

Die Aussage, dass die fiktionale Wirklichkeit prinzipiell keine feste Beziehung zur sozial konstruierten faktischen Wirklichkeit hat, stelle ich hier in Frage. Ich behaupte, dass zumindest in der Science-Fiction-Literatur im engeren Sinne zwischen diesen beiden Wirklichkeiten sehr wohl ein Bezug besteht. Beide Wirklichkeiten werden nach denselben Prinzipien konstruiert, auch wenn von anderen Voraussetzungen ausgegangen wird. Die Konstruktion von Wirklichkeit und der Umgang mit Wissen folgen in der fiktiven Wirklichkeit der Science-Fiction-Romane und -Erzählungen den gleichen Regeln und werden von den gleichen Einflussfaktoren bestimmt wie in unserer faktischen Welt.

Isaac Asimov schuf in seinen Werken ein fiktives Universum, in dem die allermeisten seiner Romane und Erzählungen, deren Handlungen sich insgesamt über immerhin 18000 Jahre erstreckt (vgl. Brin: 2006, S. 429ff), spielen. Asimov kreierte damit eine umfangreiche und detaillierte fiktive Wirklichkeit. Sie bietet sich zur Untersuchung der Eingangsthese an, da in ihr teilweise psychologische und wissenssoziologische Gedanken und deren Auswirkungen auf die Wirklichkeit explizit angesprochen werden.

Speziell soll die „Foundation-Trilogie“ in dieser Arbeit untersucht werden. Eine Schlüsselrolle hat in ihr der Seldon-Plan inne, der direkt wissenssoziologische Ideen und Mechanismen beinhaltet. An ihm möchte ich nachweisen, dass wissenssoziologische Aspekte in Asimovs Werken und speziell im vom Seldon-Plan geprägten Foundation-Universum[1] eine tragende Rolle spielen. Darüber hinaus möchte ich zeigen, dass die Wissenssoziologie auch über ihren Fachbereich hinaus von Belang ist und deren theoretische Grundlagen für die gesamte Science-Fiction-Literatur eine besondere Bedeutung haben. Es ist nicht möglich, innerhalb dieser Arbeit alle wissenssoziologischen Aspekte, die sich in Asimovs Werk finden lassen, zu untersuchen. Daher beschränke ich mich auf die Romane der Foundation-Trilogie und konzentriere mich dabei auf herausragende Abschnitte. Sozusagen ein wissenssoziologischer Streifzug durch das Foundation Universum.

Auf den Inhalt der Romane kann ich aufgrund des Rahmens, den die Arbeit vorgibt, nicht vertiefend eingehen, ich beschränke mich auf eine kurze Inhaltsangabe und weitere Erläuterungen an notwendigen Punkten.

Zu Asimov

Isaac Asimov war ein US-amerikanischer Biochemiker und Schriftsteller russischer Herkunft. Er wurde 1920 in Petrowsk, einem Vorort von Smolensk, geboren, lebte aber seit 1923 bis zu seinem Tode 1992 in den USA. Er schrieb hunderte von Büchern, Science-Fiction ebenso wie viele populärwissenschaftliche Bücher über vorwiegend naturwissenschaftliche Themen. (vgl. Saekow: 2007)

Seine herausragendsten Werke sind die Foundation Trilogie und die Robotergeschichten, in denen er sich vor allem mit den ethischen, sozialen und psychologischen Konsequenzen der künstlichen Intelligenz beschäftigt (vgl. Coron: 1995, S. 331).

Die Foundation-Trilogie „Die Psychohistoriker“

Zur Trilogie

Die Foundation-Trilogie entstand zwischen 1951 – 1953 und besteht aus den Büchern „Der Tausendjahresplan (Originaltitel: Foundation)“, „Der galaktische General (Foundation and Empire)“ und „Alle Wege führen nach Trantor (Second Foundation)“.

Zum Foundation-Zyklus gehören weitere Geschichten, die vor und nach der Foundation-Trilogie spielen. Verwirrenderweise erschienen sie aber nicht in chronologischer Reihenfolge, so wurde etwa der direkte Vorgänger der Foundation-Trilogie erst 40 Jahre nach deren Erscheinen geschrieben.

Zum Inhalt

Der Kern des Foundation Universums ist die Foundation Trilogie, deren Inhalt in dieser Arbeit vorrangig von Bedeutung ist.

Sie erzählt vom Niedergang des galaxisweiten, 25 Millionen Planeten umfassenden Imperiums und von der Entwicklung der Psychohistorik, mit deren Hilfe der vollständige Zusammenbruch der Zivilisation verhindert und der Aufbau einer neuen, beständigeren Gesellschaft ermöglicht werden soll. Zu diesem Zweck werden zwei Organisationen gegründet. Die eine, die Zweite Foundation, wirkt im geheimen, die andere, die Erste Foundation, ist vordergründig auf dem Planeten Terminus mit dem Sammeln des Gesamtwissens der Galaxis und deren Veröffentlichung in der Enzyklopedia Galaktika beschäftigt.

Der Leser erfährt aus unterschiedlichen Perspektiven, wie die historischen Mechanismen, mit denen sich die Psychohistorik beschäftigt, über 400 Jahre hinweg arbeiten.

Die Asimovsche Psychohistorik

Psychohistorik ist der Name einer fiktiven Wissenschaft zur Berechnung der Gesellschaftsentwicklung über Jahrhunderte hinweg, die Hari Seldon gemeinsam mit Gaal Dornik entwickelt hat.

„Psychohistorie - ... Gaal Dornick hat die Psychohistorie, unter Benutzung nichtmathematischer Begriffe, als jenen Zweig der Mathematik bezeichnet, der sich mit den Reaktionen von großen Menschenmassen auf bestimmte soziale und ökonomische Stimuli befasst ... Allen diesen Definitionen liegt die Voraussetzung zugrunde, dass die Menschenmasse, auf die man sich bezieht, groß genug für eine gültige statistische Berechnung ist. Die notwendige Größe einer solchen Masse lässt sich aus Seldons Erstem Theorem festlegen, das ... Weiterhin ist es erforderlich, dass sich die Menschenmasse selbst nicht ihrer pychohistorischen Analyse bewusst ist, damit ihre Reaktionen wirklich willkürlich...

Die Grundlage für eine gültige Psychohistorie liegt in der Entwicklung der Seldon-Funktionen, die ihre Eigenschaften aufzeigen, die kongruent zu denen solcher sozialen und ökonomischen Kräfte wie ...
Encyclopedia Galactica“
(Asimov: 1983, S. 21)

Die Psychohistorik versteht sich als Teil der Mathematik, die Seldon-Funktionen beziehen aber auch große Teile der Ökonomie, Psychologie und Soziologie mit ein. „[...] durch die Verallgemeinerung des psychologischen Wissens von einem einzelnen auf die Gruppe konnte schließlich auch die Soziologie in mathematischen Formeln ausgedrückt werden“ (Asimov: 1983, S. 477). Im Kern baut die Psychohistorik aber auf die statistische Mechanik und die Gaskinetik auf: Die Richtung und Geschwindigkeit eines einzelnen Gasmoleküls in einem System kann nicht vorhergesagt werden. Wendet man aber die Statistik und ein Wissen über die Normalverteilung der Molekülgeschwindigkeiten an, kann das Gesamtverhalten einer Gasmenge recht genau vorhergesagt werden. Analog dazu kann mit den Seldon-Funktionen die Wahrscheinlichkeit eines Gesamtverhaltens großer Menschenmengen vorhergesagt werden.

In eng begrenzten Bereichen ist dies durchaus nachvollziehbar: Jeder Pendler kann vorhersagen, wann er auf seiner Strecke mit Stau rechnen muss, auch wenn er nicht weiß, welche Personen unterwegs sein werden. Mit ähnlichen Methoden kann eine Uni-Mensa in etwa vorhersagen, wie viele Gäste mittags zum Essen kommen werden. Bei einer Wahlergebnisvorhersage wird das Verfahren schon ungleich schwieriger und das Ergebnis ungenauer. Entsprechend erschließen sich die vollständigen mathematischen und psychologischen[2] Grundlagen nur Genies wie ihrem geistigen Vater Hari Seldon.

Die Asimovsche Psychohistorik muss von der tatsächlich existierenden Psychohistorie abgegrenzt werden. Über die Namensähnlichkeit hinaus besteht kein Zusammenhang.

Der „Seldon-Plan“

Hari Seldon überprüfte seine psychohistorischen Gleichungen, indem er die bekannte Geschichte der Menschheit (in den Romanen immerhin ein Zeitraum von über 12 000 Jahren) in sie einsetzte und die Übereinstimmung mit seinen Modellrechnungen kontrollierte. Als nächsten Schritt wandte er seine neue Wissenschaft auf die Zukunft der Menschheit an und erkannte schnell, dass sich das galaxisweite Imperium, das sich unter der Regierung eines Kaisers über immerhin 25 Millionen Planeten erstreckt, am Abgrund befand und eine 30000 jährige Zeit des Niedergangs und der Anarchie bevorstand. Seldon suchte daher mithilfe der Psychohistorik nach Möglichkeiten, diese Zukunft zu beeinflussen. Er fand eine Möglichkeit, durch die geringfügige Veränderung der Ausgangspunkte die Phase des Chaos auf eine Übergangszeit von 1000 Jahren zu beschränken, nach der eine stabile und zivilisierte Gesellschaft entstehen würde.

Der Seldon-Plan ist die Bezeichnung für alle Maßnahmen, welche die Übergangszeit verkürzen soll. Er beinhaltet die Gründung einer „Foundation“, die vordergründig in einer Enzyklopedia Galaktika das gesamte Wissen der Menschheit bewahren soll. Diese Erste Foundation auf Terminus hat im Seldon-Plan die Aufgabe, als Einflussfaktor auf das historische Geschehen im Sinne des Plans zu wirken. Da gemäß der Psychohistorik die Beeinflussung einer Menschengruppe nur möglich ist, wenn diese nichts davon weiß, bekommt die Erste Foundation, um im Sinne des Plans zu funktionieren, keinerlei Zugang zu Wissen über die Psychohistorik. Seldon gründet hingegen im Geheimen die aus wenigen Personen bestehende „Zweite Foundation“. Durch sie soll die Psychohistorik verfeinert werden und die Menschheit durch geringfügige telepathische Beeinflussung im Sinne des geheimen optimalen Planes manipuliert werden.

Dabei stützt sich Seldon auf auf folgende Annahmen:

• Es gibt innerhalb der nächsten 1000 Jahre keine grundlegenden Veränderungen in der Gesellschaft.

• Die Reaktion der Menschen auf Reize jeder Art bleibt in den nächsten 1000 Jahren gleich.

(Vgl. Asimov: 1983, S. 376f)

Unter Annahme der Gültigkeit dieser Funktionen kann die Psychohistorik zur Anwendung kommen und die Menschheit somit hoffnungsvoll in eine große Zukunft blicken.

Die neuralgischen Punkte des Seldon-Plans, die Punkte, an denen sich die Geschichte in eine günstige oder ungünstige Richtung wenden kann, werden „Krisen“ oder „Seldon-Krisen“ genannt. Die Aufgabe der Zweiten Foundation ist es, diese Krisen vorherzusehen und die gesellschaftlichen Voraussetzungen zum Zeitpunkt der Krisen so zu gestalten, dass die Entwicklung in die günstige Richtung verläuft.

Zum Verhältnis Science-Fiction – Soziologie

Es ist mittlerweile sehr schwer, das Genre Science-Fiction zu definieren, zumal der Begriff oft nur als Verkaufskriterium verwendet wird. Überblickt man aber die ernsthaften Versuche, dies zu tun, kristallisiert sich schnell ein inhaltlicher Aspekt heraus: „Zukünftige – zumeist techn. – Entwicklungen werden aus dem zeitgenöss. Wissen extrapoliert“ (Schweikle: 1990, S. 422). Einleuchtend ist so die Absicht einiger Autoren und Literaturwissenschaftler, den Begriff Science-Fiction durch den Begriff „Speculative Fiction“ zu ersetzen: „Geschichten, deren Ziel es ist - durch Projektion, Extrapolation, Parallelen - Versuche mittels schriftlich formulierter Hypothesen, etwas über das Wesen des Universums, der Menschen, der 'Wirklichkeit' zu erforschen, zu entdecken, zu lernen (Hervorhebung i. Orig. kursiv), ...“ (Stableford: 1993).

Technische Entwicklungen ziehen letztendlich auch soziale Entwicklungen nach sich. Insofern haben neben den Naturwissenschaften, deren Fortschreiten extrapoliert wird, selbstredend auch die Geisteswissenschaften und in besonderem Maße die Soziologie als Wissenschaften einen hohen Stellenwert in der Science-Fiction.

Die Unterteilung in Soft-Science-Fiction und Hard-Science-Fiction entspricht dieser Vorstellung. In der „Hard-Science-Fiction“ liegt der Schwerpunkt des Fortdenkens auf den „hard sciences“, den Naturwissenschaften. Die Soft-Science-Fiction beschäftigt sich dagegen hauptsächlich mit der Extrapolation geisteswissenschaftlicher, meist soziologischer Inhalte.

Darüber hinausgehend kann Science-Fiction sogar bezüglich ihrer sozialen Funktion definiert werden. Alvin Toffler schrieb hierzu, dass Science-Fiction „durch die Auseinandersetzung mit Möglichkeiten, die normalerweise nicht in Betracht gezogen werden – andere Welten, andere Vorstellungen – , unser Repertoire an möglichen Reaktionen auf diese Veränderungen erweitert.“ (zitiert nach: Stableford: 1993).

Die Science-Fiction[3] steht in keinerlei Konkurrenz zur Wissenssoziologie, kann sich aber deren Erkenntnisse und Modelle zu Eigen machen, um über die Dokumentation in soziologischen Studien hinauszugehen und die gewonnenen Erkenntnisse weiterzudenken. Tatsächlich geschieht dieses Weiterdenken in vielen Werken der Science-Fiction. Als Vordenker, Visionäre und Mahner haben sich Science-Fiction Autoren wie zum Beispiel Aldous Huxley, Stanislaw Lem, William Gibson, Philip K. Dick und Isaac Asimov hervorgetan. Sie nehmen teils offen und teils indirekt Bezug auf die Soziologie und deren Erkenntnisse.

Die Chance für die Soziologie besteht darin, dass ein Künstler Entwicklungen und deren Gründe intuitiv erfasst (vgl. Sterling: 2005, S. 2) und dessen Ideen dann umgekehrt wieder Eingang in die sozialwissenschaftliche Arbeit finden kann. Der Wissenschaft stünden dann spekulative Thesen zur Verfügung, die sie noch überprüfen müsste, anstatt das Feld ohne Intuition zu bearbeiten. Die Science-Fiction könnte als Impulsgeber für Gebiete dienen, die aufgrund der Komplexität entweder gar keine oder nur eine sehr aufwändige Untersuchung zulassen. Die fiktive Wirklichkeit kann als Erprobungsfeld oder Simulation bei Fragestellungen verwendet werden, auf die sonst keine Antwort möglich wäre oder deren Beantwortung wesentlich langsamer und mühsamer vonstatten ginge.

Schriftsteller profitieren von der Soziologie, da diese die theoretische Grundlage mitbildet, die für die Konstruktion einer fiktiven Wirklichkeit hilfreich ist. Dazu sind auch literarische Mittel notwendig, deren Verwendung erfolgt aber nicht unter literaturwissenschaftlichen Prämissen, die Literaturwissenschaft untersucht diese Verwendung nur. Die Verwendung hängt vielmehr vom intuitiven sozialen und emotionalen Verständnis des Dichters ab[4].
Je mehr beide Bereiche miteinander verknüpft wären, um so eher könnten sie sich in ihrer Arbeit befruchten. Wie weit die Übereinstimmung zwischen der Science-Fiction und der Wissenssoziologie bereits ist, lässt sich beim Vergleich der Texte Gibsons und Blooms unschwer übersehen: „ Cyberspace. Eine Konsens-Halluzination, tagtäglich erlebt von Milliarden zugriffsberechtigter Nutzer in allen Ländern [...] ( Gibson: 2005, S. 11) – „Die Wirklichkeit ist eine gemeinsame Halluzination“ (Bloom: 1999, S. 122).

Betrachtungen aus wissenssoziologischer Perspektive

Wissenssoziologie hat sich mit allem zu beschäftigen „was in einer Gesellschaft als 'Wissen' gilt, ohne Ansehen seiner absoluten Gültigkeit oder Ungültigkeit“ (Berger: 1997, S. 3). In diesem Kapitel betrachte ich verschiedene wissenssoziologische Aspekte und untersuche, ob sie sich im Roman wiederfinden.

Die verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit

Dass hier Literatur Gegenstand ist, hat zur Folge, dass verschiedene Ebenen der Wirklichkeit betrachtet werden müssen. Wenn hier über die Konstruktion von Wirklichkeit gesprochen wird, müssen wir zumindest drei Ebenen differenzieren:

1. Zum einen besteht die Wirklichkeit der Welt, in der ein Roman gekauft werden kann. Diese Wirklichkeit wird als faktische Wirklichkeit bezeichnet, sie wird als gegeben betrachtet und die Aussagen über sie werden von den meisten Menschen intersubjektiv geteilt.
2. Innerhalb dieser faktischen Wirklichkeit gibt es die subjektive Wirklichkeit des Lesers, der ein Werk rezipiert und durch Füllung von Leerstellen und Verknüpfung mit seinem Weltwissen seine Wirklichkeit konstruiert. Diesem Leser wird die fiktive Wirklichkeit mit literarischen Mitteln vermittelt.
3. Letztlich besteht noch die Wirklichkeit der Protagonisten im Roman. Sie wird als fiktive Wirklichkeit bezeichnet.

Die Verknüpfung dieser Ebenen ist kompliziert, umso mehr, wenn auch noch berücksichtigt wird, dass die faktische Wirklichkeit und ihr Wissen nicht statisch ist, sondern sich im Laufe der Zeit ändert. Seit dem ersten Erscheinen der Foundation-Romane sind mittlerweile über 50 Jahre vergangen. Diese Überlegung ist relevant, da oben die Extrapolation aktuellen Wissens als Merkmal der Science-Fiction genannt wurde. Der Autor legt die technische und soziale Struktur zugrunde, die er kennt. Darüber hinaus extrapoliert er nicht alles, da er bestimmte Aspekte nicht mehr reflektiert, sondern als unbestrittenen Boden wahrnimmt (vgl. Selke: 2006).

Als markantes Beispiel für nicht extrapoliertes Wissen kann das Verhältnis zwischen den Geschlechtern dienen. So diskutieren im zweiten Teil der Trilogie (Der galaktische General) die Figuren über den Sinn der Ehe, eine Diskussion die heute beziehungsweise in die Zukunft extrapoliert sicherlich weniger konservativ geführt werden würde (vgl. Asimov: 1983, S. 269f) .

Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll die Untersuchung der fiktiven Wirklichkeit stehen. Die Überlegungen zu den verschiedenen Ebenen sollen nicht im Mittelpunkt der Arbeit stehen, sind aber unverzichtbar, um eingrenzen zu können, welche Ebene beschrieben wird. Die Unterscheidung ist notwendig, um die Bezüge zwischen der faktischen und fiktiven Wirklichkeit und die übereinstimmende Gültigkeit der Prinzipien zur Konstruktion von faktischer und fiktiver Wirklichkeit klar hervorzuheben.

Wissensträger im galaktischen Imperium

Asimov beschreibt das Wissen in seinem Werk als untrennbar mit der „Sozialstruktur“ (Asimov: 1983, S. 33) verbunden. Das gilt ebenso für die Wissenssoziologie, bei der unter anderem die Analyse der Wissensträger von großer Bedeutung (vgl. Knoblauch: 2005, S. 287). Bei dieser Analyse wird die soziale Rolle und Funktion des Wissensträgers untersucht, aber auch welche Art von Wissen er hat. Eine einheitliche Kategorisierung ohne Überschneidungen von Wissensträgern existiert nicht, mit den folgenden Begriffen Laie, Professioneller, Experte, Spezialist können aber weite Bereiche des gesellschaftlichen Wissens abdecken. Diese Typen spielen auch im Foundation Universum eine Rolle und erfüllen unterschiedliche Aufgaben im Roman.

Ein reiner Typ von Wissensträger ist in der faktischen Wirklichkeit aber nicht vorhanden: Jeder ist bezüglich verschiedener Aspekte Laie, Experte, Spezialist, ... . Der Spezialist für Atomphysik kann bezüglich der Psychologie Laie sein und ein Laie in vielerlei Hinsicht ist zumindest dann Experte, wenn es um seine eigenen Ansichten oder Gefühle geht. Entsprechend sind die Wissensträger in der fiktiven Wirklichkeit des Foundation-Universums ebenfalls nicht eindimensional.

Laien

Der Laie ist der einzige Wissensträger, der in Hinsicht auf einen bestimmten Aspekt über kein Sonderwissen verfügt. Schütz grenzt dabei den Mann von der Straße und den gut informierten Bürger innerhalb der Kategorie voneinander ab. Der Mann von der Straße hat ein Rezeptwissen. Er hat Erfahrungen gemacht und weiß in vielen Situationen, was zu tun ist. Er hat höchstens ein Bekanntheitswissen, ein Wissen, mit dem er aber nicht in der Lage ist, seine Behauptungen und Handlungen fundiert zu begründen. Auch der gut informierte Bürger hat nur ein Bekanntheitswissen, es ist aber genauer und ermöglicht ihm in seinen Begründungen zumindest einen Bezug zu weitergehendem Wissen. (vgl. Knoblauch: 2005, S. 291)

Im Roman besteht bezüglich des Seldon-Plans die Galaxisbevölkerung nur aus Laien. Jeder weiß um den Plan, jeder weiß, dass Krisen zu durchstehen sind, aber darüber hinaus kann (mit Ausnahme der Zweiten Foundation) niemand mit der Psychohistorik umgehen.

Interessant ist im Roman das Wissen um die Atomtechnik. Die Atomenergie wird von vielen im Alltag verwendet, es kommen Atommesser, Atomfahrzeuge, Atomwaffen und neben Atomgeneratoren in Fingerhutgröße als Energiequelle für viele Haushaltsgeräte auch Atomkraftwerke bei Asimov vor. Viele Atomgeräte werden von Laien bedient, die lediglich wissen, welcher Schalter oder Regler welches Ergebnis bewirkt, über den genauen Aufbau aber nicht Bescheid wissen, geschweige denn in der Lage sind, ein entsprechendes Gerät selbst zu konstruieren. Die breite Bevölkerung besteht aus Laien, die höchstens das Wissen eines gut informierten Bürgers über die Atomtechnik haben.

Seldon selbst entwickelte sich im Laufe seines Lebens bezüglich bestimmter Aspekte vom Laien zum gut informierten Bürger. Selbst als anerkannter Mathematiker war er doch Laie in den Geschichtswissenschaften, der Psychologie und Metereologie und war gezwungen, mit Experten anderer Fachgebiete zusammenzuarbeiten. Dabei wurde er nicht selbst Experte sondern höchstens zu einem gut informierten Bürger, der um die groben Zusammenhänge weiß, für begründete Entscheidungen aber dennoch einen Experten zu Rate ziehen musste.

[...]


[1] In der Sammelausgabe „Die Psychohistoriker“ von 1983, auf die ich mich hier beziehe, wird anstatt von der Foundation von der Stiftung gesprochen, gemeint ist dasselbe. In allen späteren Übersetzungen wird stets der Begriff Foundation verwendet, für dessen Verwendung ich mich in dieser Arbeit entschieden habe.

[2] Asimov bezieht sich in der Foundation-Trilogie fast ausnahmslos auf die Psychologie und Mathematik als Grundlagen der Psychohistorik. Die Erweiterung um ökonomische, soziale und vor allem wissenssoziologische Aspekte erscheint mir aber plausibel und zwingend und erfolgt in späteren Werken auch durch Asimov selbst (vgl. Asimov: 1997, S. 99).

[3] Science-Fiction ist in diesem Zusammenhang nicht nur als literarisches Genre verstanden sondern weiter gefasst als „fiktionale Forschung“.

[4] Aufgrund ihres Wesens trifft dies vor allem auf die Science-Fiction zu, aber auch auf viele andere Literaturbereiche. Ich beschränke mich hier aber auf die Science-Fiction wie sie oben beschrieben wird, da eine Untersuchung der Gesamtheit der Literatur zu weit führen würde.

Details

Seiten
35
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640263974
ISBN (Buch)
9783640264117
Dateigröße
647 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121907
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Wissenssoziologie Science Fiction Konstruktion der Wirklichkeit Fiktionale Wirklichkeit fiktionale Realität

Autor

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Titel: Der Seldon-Plan