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Das Russlandbild in der Reiseliteratur ausgewählter europäischer Länder

Diplomarbeit 2006 80 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Definition: Reiseliteratur
1.2 Anknüpfungspunkte: Europa und Russland
1.3 Methode und Zielsetzung

2. Das Russlandbild im Kontext europäischer Reiseberichte - vom 16. Jahrhundert bis heute
2.1 Beginn der Neuzeit: Barbarentum und Despotie
2.2 Aufklärung: Europäisierung und Kulturoptimismus
2.3 Restauration: Mir und Allmenschlichkeit
2.4 auf dem Weg zum Krieg: Revolution und Ideologisierung
2.5 aktuell: Globalisierung und Pluralismus

3. Motive des Russlandbildes in der gegenwärtigen europäischen Reiseliteratur
3.1 Natur - Exotismus und Ökologie
3.2 Gesellschaft – Verwestlichung und Improvisation
3.3 Geschichte - Totalitarismus und Demokratisierung

4. Schluss

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Definition: Reiseliteratur

Reiseliteratur wird gelesen, um fernab der eigenen Realität fremde Erlebniswelten kennen zu lernen. Die – wenn auch nur fiktive – Erfahrung des Abenteuers lässt den Alltagsstress und die Verpflichtungen der sozialen Umwelt vergessen. Was dieses Fremde genau ist, lässt sich schwer definieren. Aber genau dieses schwer fassbare, unheimliche Element ist es, welches den Reiz der Fremde ausmacht.

Das Verständnis von Fremdheit ist aber durch das Eigene konstruiert; denn damit etwas als fremd wahrgenommen wird, muss es sich von bestimmten Normen des Gewöhnlichen und Bekannten absetzen. Das Fremde entsteht also aus einer Negativwahrnehmung der eigenen Erwartungen und Haltungen, indem es diese nicht erfüllt, sondern von ihnen abweicht. Somit wird das Fremde zum integrativen Bestandteil der Wahrnehmung des Eigenen, indem es eine Abgrenzungsfunktion erfüllt. Die Erfahrung des Fremden ist es, die die Grundvoraussetzung des Reiseberichts ist, denn die Andersartigkeit ist „das Auswahlprinzip, nach welchem der Reisende die Fülle seiner Beobachtungen einteilt in erzählenswerte und nicht erzählenswerte.“[1]

Als Gegenbild des Heimischen hat das Fremde weniger mit der unbekannten Kultur und Weltwahrnehmung zu tun, sondern ist vielmehr ein Spiegelbild der eigenen Vorstellungen und der eigenen Identität. Dabei kann das Fremde als „Resonanzboden des Eigenen“, als „Gegenbild“, als „Chance zur Ergänzung und Vervollständigung“ oder als „Komplementarität“ verstanden werden. Diese vier Ordnungsschemen des Fremdverstehens gehen jeweils von verschiedenen Erfahrungshorizonten aus. Je nachdem, inwieweit der Reisende bereit und in der Lage ist, die fremde Kultur als bildend für das eigene Selbstverständnis aufzunehmen, reichen die Interpretationen und Reaktionen von Konfrontation bis hin zu Assimilation.[2]

Der Reisende sieht sich selbst im Spiegel des Fremden und kehrt durch einen Umweg zu sich zurück. Dabei ist er nicht mehr derselbe der er war, als er aufbrach – er hat gelernt, sich selbst zu vergleichen und gleichermaßen von außen zu sehen. Er sieht sich selbst nun vor dem Hintergrund seiner neu gewonnen Erfahrungen, die sein eigenes Weltbild relativieren. So bringt die Reise eine Neueinschätzung eigener Positionen, indem der Reisende eine andere Perspektive einnimmt, die ihm nur durch die Erfahrung des Anderen möglich geworden ist. Je mehr sich der Reisende auf die fremde Kultur einlässt, desto stärker kann er von seinen eigenen Vorstellungen abstrahieren und zu einer echten Verständigung gelangen. Somit sagt die Reiseliteratur mehr über die Fähigkeit zur interkulturellen Kommunikation und die Auseinandersetzung mit eigenen Werten aus, als dass sie ein natürliches Bild über die Fremde gibt.

Allgemein sieht sich die Reiseliteratur dem Problem der Eingrenzung und methodologischen Forschung gegenüber. Es fehlen festgelegte und genaue Kriterien, nach denen die Reiseberichte ausgewählt und zusammengefasst werden sollten. Es herrscht Uneinigkeit darüber, was einen Reisebericht ausmacht, denn die Gesamtheit der unter der Gattung Reiseliteratur gefassten Publikationen weicht inhaltlich wie formal stark voneinander ab. Das zeigt sich schon bei der Uneinigkeit der Begriffsbezeichnung: Reisebericht, Reisebeschreibung, Reiseroman, Reiseliteratur.[3] Man kann aber festhalten, dass die Minimalkriterien darin bestehen, dass dem verfassten Bericht eine reale Reise zugrunde liegen muss und die beschriebenen Darstellungen auf eigener Erfahrung und Anschauung basieren sollten.[4]

Grundsätzlich ist es ebenso schwer, eine umfassende Übersicht der europäischen Reiseberichte von der frühen Neuzeit bis heute nach Russland zu erhalten, weil es entsprechende Kompilationen nicht gibt und die Zahl der Publikationen unüberschaubar ist. Es liegen Einzelbesprechungen vor; vor allem das 16. und 17. Jahrhundert lenkt zunehmend das Interesse von Forschern auf sich. In dieser Zeit beginnt sich die Gattung der Reiseliteratur herauszubilden; Entdeckungsfahrten und neue Wissenschaften wie die Astronomie rücken die Fremde in das Blickfeld des gesellschaftlichen Erfahrungshorizonts, so dass die „Eröffnung neuer Räume“ und die damit zusammenhängende „Grenzüberschreitung ins Unbekannte“ zur Grunderfahrung der beginnenden Moderne werden.[5] Im Zuge der Aufspaltung in methodologisch-objektive und ästhetisch-singuläre Betrachtungsweise im 18. Jahrhundert bricht die Form des Reiseberichts jedoch in zwei Strömungen des wissenschaftlichen und literarischen Reiseberichts auseinander, die sich diametral gegenüberstehen.[6] Mit den neu entstehenden Medien und der journalistischen Presse, die zunehmend die Funktion des Reiseberichts übernehmen, verliert die Reiseliteratur schließlich im 19. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung.

Auch heute leidet die Gattung der Reiseliteratur noch unter der Unterscheidung in Sachliteratur und Fiktion, ohne sich in einer der beiden Sparten geschlossen behaupten zu können. Dabei ist die Reiseliteratur gerade durch das Ineinandergreifen von Faktendarlegung und fiktiven Elementen bestimmt, denn sie verbindet auf einzigartige Weise einen persönlichen Erfahrungsbericht mit analytischen Momenten, die sich aus der Wahrnehmung des Reisenden ergeben. So kann man Reiseliteratur weder als rein journalistische Fachliteratur noch als schöngeistige Belletristik begreifen. Die dargelegten empirischen Fakten sind genauso entscheidend wie die – mal mehr, mal weniger - reflektierende Darstellungsweise des Erzählers. Deshalb ist die Reiseliteratur nur aus der Verflechtung dieser formalen und inhaltlichen Momente zu verstehen:

Die Gattungspoetik des Reiseberichts liegt somit im Zusammenspiel mehrerer Bereiche: in der jeweiligen Auswahl seiner Gegenstände, der impliziten wie expliziten Rechtfertigung dieser Auswahl, der argumentierenden Glaubhaftmachung der Gegenstände, Beobachtungen und Erfahrungen sowie der stilistischen Mittel, die zu dieser Glaubhaftmachung beansprucht werden.[7]

Im Anschluss an Habsmeier sehe ich den entscheidenden wissenschaftlichen Wert der Reiseliteratur nicht in dem Zeugnis über das fremde Land, sondern in ihrem mentalitätsgeschichtlichen Aussagecharakter. Reiseberichte sind vordergründig keine „Quellen zu den beschriebenen Ländern oder der literarischen Phantasie ihrer Autoren“, sondern „Zeugnisse für die spezifische Denkungsart des Verfassers und indirekt für die Mentalität seines Heimatlandes“.[8] Scheidegger spricht von einem “unbewussten Ethnozentrismus“[9], den der Reisende in seinen Beobachtungen äußert.

Dieser ergibt sich aus der abgrenzenden Wahrnehmung zur eigenen Kultur, wobei häufig ähnliche Stereotype über das fremde Land und seine Gesellschaft geäußert werden. Dabei verstehe ich den Begriff des Stereotyps zunächst als neutrale Beschreibung eines sprachlichen Phänomens, der weder negativ noch positiv vorgeprägt ist. Darstellungen einer Kultur sind notwendigerweise an Stereotypen gebunden, um überhaupt ein generelles Bild zu gestalten. Stereotype sind Äußerungen, die sich auf eine Gruppe beziehen, diese klassifizieren und mit bestimmten Eigenschaften versehen. Sie helfen bei der Einordnung und reduzieren die Komplexität der Wahrnehmungen auf ein kontrollierbares und verständliches Muster.[10]

Ihre soziale Funktion ist dabei „nach innen integrieren und nach außen abgrenzen“.[11] So stehen Stereotypen über fremde Sitten im engen Zusammenhang mit dem Selbstverständnis einer Gruppe und tragen konstruktiv dazu bei, indem sie ein - häufig besonders positives oder besonders negatives – Gegenbild zur eigenen Kultur bilden, über das sich die Gruppe indirekt eigene Werte oder Fehler zuschreibt. Stereotypen als Wunschbilder einer möglichen Welt z. B. sagen mehr über den Träger bzw. Benutzer des Stereotyps und seine Befindlichkeit aus als über die Bezeichneten, indem das Fremde als unpassend oder unnormal empfunden wird. Sie weisen hin auf eine Empfindlichkeit der jeweiligen Gesellschaft, die Stereotypen verwendet.[12]

Je höher die Abstraktion ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Stereotypen zu statischen Klischees geraten, die eher Vorurteile schüren als ernsthaften Zugang zu der fremden Kultur ermöglichen. Gleichzeitig wirkt diese fremde Kultur aber verändernd auf Werturteile ein, je offener der Reisende für neue Eindrücke ist und je mehr er bereit ist, sich von eigenen Wertvorstellungen kritisch zu distanzieren.

So lässt sich feststellen, dass die Reiseliteratur ohne den Zusammenhang der Entstehungsgeschichte aus kulturellen, politischen und sozialhistorischen Bedingungen systematisch nicht zu erklären ist, da sie eng in den Kontext der gesellschaftlichen Struktur und die kollektive Identität des Kulturraumes eingebunden ist:

Die Geschichte der Reisebeschreibungen ist unzertrennbar mit der Geschichte als einem globalen Zusammenhang zwischen einer (…) ständig wachsenden Zahl interagierender soziokultureller Formationen verbunden.[13]

Die kollektive Identität einer Gesellschaft ist ein verallgemeinerndes Konstrukt, welches ein bestimmtes Wertesystem verkörpert: „Kollektive Identitäten finden im übereinstimmenden praktischen Verhalten sowie im qualitativen Selbst- und Weltbeschreibungen Ausdruck, in denen Menschen übereinkommen.“[14] Sie dient einerseits als Handlungsgrundlage, indem sie staatliche und gesellschaftliche Aktionen legitimiert, andererseits ist sie eine nachträgliche Rechtfertigung und Sinnzuschreibung, die historische Zusammenhänge konstruiert. Diese kollektive Identität ist nicht unwandelbar, sondern den Veränderungen der Gesellschaft ausgesetzt. Indem sie neue Einflüsse aufnimmt und sich von veralteten Konventionen löst, ist sie Ausdruck eines kontinuierlichen gesellschaftlichen Integrationsprozesses.

Die Reiseliteratur bezieht sich genauso wie die kollektive Identität eines gesellschaftlichen Raumes auf ein Wir-Gefühl, welches Grundlage für die Wahrnehmung und Interpretation aller interkulturellen Beziehungen ist. Außerdem ist die Reiseliteratur durch ihre Form sozusagen eng mit der Konstruktion von Identität verbunden: Genauso wie Identität durch Beobachtung und Imitation von Anderen gebildet wird,[15] vollführt die Reiseliteratur diesen Lernprozess, indem der Reisende lernt, die Fremde wahrzunehmen und zu verstehen.

Die Reiseliteratur erfüllt neben ihrer Funktion der Bestätigung der eigenen kollektiven Identität eine bildende Funktion. Indem sie Eindrücke über ein fremdes Land vermittelt, stellt sie alternative Gesellschaftsmodelle vor und stellt den absoluten Anspruch des eigenen Weltbildes in Frage. Dies ist eine notwendige Voraussetzung für die Weiterentwicklung einer Gesellschaft, da es im Idealfall neue Impulse für eine Änderung von veralteten Konventionen gibt, außerdem ein generelles Bewusstsein für den die Kommunikation gefährdenden Einfluss von Vorurteilen sowie die potentielle Fehlbarkeit von Wertsystemen aufzeigt. Gerade in der heutigen Welt, die immer stärker durch gegenseitige Interaktionen und Abhängigkeiten gekennzeichnet ist, gewinnt die Reiseliteratur eine neue Aktualität, da diese wechselseitigen Beeinflussungen zu ihrer Struktur gehören.

1.2 Anknüpfungspunkte: Europa und Russland

Europa und Russland verbindet eine sich durch die Jahrhunderte ziehende gemeinsame Mentalitätsgeschichte. Spätestens seit der so genannten Europäisierung Russlands durch Peter I. sind die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wege verwoben. Schon seit Beginn der Neuzeit ist Russland ein wichtiger Handelspartner Großbritanniens; unter Katharina II. kommen deutsche Siedler nach Russland, und ausländische Fachkräfte, darunter Franzosen, Engländer und Schotten, steigen bis in die „Spitzenpositionen von Verwaltung, Heer und Marine“ auf.[16] Im 18. Jahrhundert entstehen familiäre Bindungen der Zaren mit deutschen Geschlechtern, was sich im 19. Jahrhundert verstärkt fortsetzt.[17] Ende des 19. Jahrhunderts schließlich weitet sich die kulturelle Entwicklung aus: es entsteht ein enges Beziehungsgefüge zwischen deutschen und russischen Schriftstellern, die sich gegenseitig stark beeinflussen. Lew Kopelew spricht von einer „Wahlverwandtschaft“ zwischen Deutschen und Russen, die sich im Mythos der ‚russischen Seele’ niederschlägt.[18] Thomas Mann sieht in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen einen gemeinsamen Ursprung der kulturellen Entwicklung beider Völker: „Die Entstehungs geschichte deutscher und russischer Humanität – ist nicht auch sie dieselbe – eine Leidensgeschichte nämlich?“[19] Trotz der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert haben sich bis heute Stimmen und Stimmungen gehalten, die eine deutsch-russische Schicksalsgemeinschaft annehmen.

Aber die Geschichte Russlands ist auch gekennzeichnet durch Entwicklungen, die durch nichteuropäische Elemente bestimmt ist. Da Russland auf zwei Kontinenten liegt, sind seit dem Mittelalter außer den europäischen ebenfalls asiatische Einflüsse dominant und haben die Kultur und Gesellschaft mitgeprägt. Außerdem ist mit der Orthodoxen Kirche und der historischen Bindung an Byzanz eine andere Glaubensgrundlage gegeben, die sich deutlich von der europäischen Bindung an das antike Rom und die katholische Kirche abhebt und ein anderes Weltverständnis voraussetzt. Kulturgeschichtlich gesehen haben sich die neuzeitlichen Ideen der Renaissance und der Aufklärung teils mit Verspätung oder weitaus weniger in Russland durchgesetzt, als das auf dem europäischen Kontinent der Fall war. Dies hängt einerseits mit der lange währenden Abschottung Russlands gegenüber dem Ausland zusammen, andererseits sind die politischen Strukturen seit jeher anders als in Europa:

Im Westen wurde die Macht der Monarchen vor allem durch die verbrieften Rechte der Stände, der Korporationen und der Kirche beschränkt. In Rußland konnte sich dieses System von „checks and balances“ nicht in einem solchen Ausmaß wie im Westen etablieren. Hier verkörperte beinahe ausschließlich der Monarch den Staat. Der russische Staat war nicht absolutistisch wie z.B. Frankreich unter der Herrschaft Ludwigs XIV., sondern autokratisch.[20]

Statt rechtlich-gesellschaftlicher Kontrollfunktionen wurde diese Aufgabe durch ein abstraktes Wahrheitsideal – die Pravda - erfüllt, das als verbindlich und allgemeingültig galt:

Bei der Pravda handelte es sich um eine Art Synthese, die aus solchen Begriffen besteht wie Gerechtigkeit, Anstand, Wahrhaftigkeit und einiges mehr. Wenn der Zar diesem Ideal nicht entsprach, durfte ihm der Gehorsam verweigert werden.[21]

Aber gerade diese doppelte Beziehung von Gemeinsamkeit und Andersartigkeit macht die Beziehungen Europa-Russland reizvoll, indem sie Ansatzpunkte zu einer gemeinsamen Entwicklung bietet, dabei aber durch unterschiedliche Perspektiven alternative Modelle gegeneinander abwägen kann. Denn kollektive Identität wird nicht durch Gleichheit konstruiert, sondern durch Differenz. So konnten sich Europa und Russland gerade durch ihre verschiedenen Perspektiven innovative Impulse geben:

Die ost-westliche kulturelle Symbiose ist gerade deshalb möglich, weil Europa ein janusköpfiges Gebilde darstellt – mit einem gemeinsamen Fundament und unterschiedlichen Gesichtern. Wäre der Osten nur eine Kopie des Westens oder umgekehrt, hätten sie voneinander kaum profitieren können.[22]

Nicht nur haben sich westliche und östliche Ideen gegenseitig beeinflusst, sondern sie sind auch geographisch nicht deutlich trennbar. Schon unter Kaiser Augustus, der sich als Herrscher von Europa und Asien verstand, waren die Einheitsidee und die Teilungsidee durch die zwei Reichsteile Okzident und Orient dialektisch miteinander verbunden.[23] Die Frage nach Russlands besonderer Rolle, gegeben durch die geographische Lage zwischen Europa und dem asiatischen Reich, hat Wissenschaftler und Historiker immer wieder beschäftigt, ohne dass sie zur Zufriedenheit beantwortet worden konnte. Die gegenwärtige Debatte um den Neo-Eurasimus in Russland zeigt, wie aktuell die geographische Verortung für die politische und kulturelle Identität Russlands und dementsprechend seine Beziehungen zu Europa sind.[24] Die zentralen Fragen sind also heute wie damals: wo hört Europa auf und gehört Russland zu Europa? Es ist für Europa, aber auch für Russland wesentlich, wie sich diese Fragen entscheiden, denn davon hängt nicht nur die politische und gesellschaftliche Weiterentwicklung in der eurasischen Region ab, sondern auch die zukünftige internationale Mächteverteilung - also die Frage, ob Europa international eine Rolle spielen wird.

Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Auflösung der Beherrschung des europäischen Kontinents durch zwei Großmächte hat Europa sich wieder zu einer international anerkannten politischen Größe entwickelt. Doch trotz der nahezu wirtschaftlichen Einheit fehlen eine gemeinsame Stimme und ein gemeinsamer Wille. Nach der erfolgreichen wirtschaftlichen Integration in den 60er und 70er Jahren ist die europäische Gemeinschaft in eine Sackgasse geraten. Dem Willen nach einem „immer engeren Zusammenschluss“[25] auf politischer Ebene tritt die Angst vor nationalem Souveränitätsverlust entgegen. Die europäische Union erweist sich als funktionalistisches Gebilde, welches keine klaren Grundlagen und Ziele verfolgt. Dies spiegelt sich vor allem in der fehlenden Unterstützung der Bevölkerung, die 2005 die Verfassung für Europa ablehnten.[26] Es ist notwendig geworden, sich Gedanken über eine gemeinsame Identität und gemeinsame Werte zu machen, ohne die eine weitere Integration nicht möglich ist.

Russland hingegen ist ein Vielvölkerstaat, der nach dem Zerfall der Sowjetunion zwischen seiner einstmaligen und wieder angestrebten außenpolitischen Großmachtrolle und internen Problemen steht. In den 90er Jahren herrschte ein überschwänglicher Optimismus der Eingliederung in den Westen vor, aber fehlender Pragmatismus und Konzeptlosigkeit führte in den wirtschaftlichen Ruin. Nach zu großen Erwartungen (sofortige Eingliederung in die europäische Staatengemeinschaft, erhebliche Erhöhung des Lebensstandards) entwickelte sich in Russland aus dem Gefühl der Enttäuschung durch den Westen die Rückkehr zur traditionellen Sicht Russlands als Eurasien, was sich reaktionäre Gruppierungen zu Nutzen machen.[27]

Ähnlich wie in Europa gibt es im heutigen Russland keine Vision. Die Stärkung des einheitlichen Staates scheint die einzige innenpolitische Zielsetzung zu sein. Um separatistischen Strömungen entgegenzuwirken, verstärkte Präsident Wladimir Putin die Zentralisierung des Landes. Diese Zentralisierung allerdings blockiert und hemmt die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, weil es die Eigenständigkeit der Regionen auf ein Minimum reduziert und ihnen somit kaum Handlungsspielräume lässt. Trenin spricht vom „Fehlen einer Gesamtstrategie“.[28] Die von Putin verkündete „russische Idee“ jedenfalls unterstützt nur konservative und rückwärtsgewandte Identitätsmodelle:

Historische Identität bezieht sich vor allem auf Symbole der Macht, den starken Staat, das Imperium - wobei in der "kollektiven" Erinnerung das autokratische und das sowjetische Imperium immer stärker ineinander übergehen.[29]

Was Europa und Russland gegenwärtig gesellschaftlich und kulturell verbindet, ist also die Suche nach einer Identität, die den Bedingungen der globalisierten Welt entspricht. Russland und Europa befinden sich beide in einer ähnlichen Situation des Umbruchs, der Neuorientierung, in der alte Gesellschaftsmodelle nicht mehr greifen und eine allgemeine gesellschaftliche Unsicherheit gegenüber den neuen Tendenzen vorherrscht. Nur die historischen Voraussetzungen sind anders: In Europa hat sich diese Entwicklung langsam aus einer Periode des wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Stabilisierung und Lebensqualitätssteigerung ergeben, die jetzt in Übersättigung und Visionslosigkeit gemündet ist; in Russland entstand diese Situation umbruchartig durch den Zusammenbruch eines sowohl ideologisch als auch politisch gescheiterten Regimes. Während Europa durch ausgeprägte Nationalstaaten bestimmt ist, die sich schwer tun, sich in eine supranationale Gemeinschaft zu fügen, hat Russland Schwierigkeiten, den unterschiedlichen Volksschichten eine übergreifende Identität zu vermitteln, was sich in separatistischen Tendenzen äußert.

Nach dem Wegfall des Ost-West-Gegensatzes kann die kollektive Identität nicht mehr durch politische Bedrohung von außen und somit als Abgrenzung gegen ein konstruiertes Feindbild hergestellt werden. Durch Wissenstransfer, technische Mobilität und Migration werden die Räume immer homogener; gleichzeitig treten regionale Identitäten auf den Plan, die ein Umdenken des Nationenkonzeptes erforderlich machen. Für eine dauerhafte Stabilisierung Europas ist es unabdingbar, dass die politische Zusammenarbeit mit Russland vertieft wird; globale Herausforderungen wie der internationale Terrorismus, der Drogentransfer und die illegalen Migration können nur gemeinsam bewältigt werden[30], aber auch die wissenschaftliche und kulturelle Weiterentwicklung ist auf multilaterale Zusammenarbeit angewiesen, um in der postmodernen „translokalen Gemeinschaft“[31] zu bestehen, die durch Zirkulation von Waren, Information und Personen nationale Grenzen überschreitet. Zudem würde eine klare innen- und außenpolitische Entscheidung Russlands für Europa die Modernisierung Russlands erleichtern und die politische Isolation verhindern.[32]

Europa als jahrhundertealte Idee steht durch die internationalen Machtverschiebungen wieder im Vordergrund. Nicht nur in wissenschaftlichen Texten wird heute die europäische Identität diskutiert, sondern auch auf politischer Ebene wird die Frage der europäischen Zugehörigkeit durch Gebrauch von diversen Metaphern konstruiert und emotionalisiert.[33] Dabei geht die Tendenz zur Berufung auf einen kulturellen Zusammenhang, da eine historische ebenso wie eine geographische Einheit nicht gegeben ist, sondern immer auch andere Gebiete Asiens, der Neuen Welt oder Afrikas in die europäische Selbstbestimmung einbezogen wurden.[34]

Ursprünglich aus der griechischen Mythologie entstanden, ist Europa überhaupt ein normatives und symbolisches Konzept, das im Laufe der Geschichte vielen Wandlungen unterworfen wurde und sich gerade entlang seiner Uneinheitlichkeit und Dichotomien entwickelt hat. So ist die europäische Identität nicht als einheitliches Konzept mit Exklusivanspruch zu verstehen, sondern sie erhält gerade aus der Wertschätzung von nationalen und regionalen Besonderheiten ihr Fundament, indem ihre bestimmenden Merkmale Offenheit und Dialogfähigkeit sind.

In Anbetracht dieser Tatsachen sollte versucht werden, durch ein bewegliches Identitätenkonzept das Verbindende jenseits der Nationen zu vereinen, ohne dass dabei die regionalen Spezifika aufgegeben werden müssen. Dazu ist es notwendig, die Diskussion um das geographisch trennende Element zwischen Europa und Russland zugunsten der Gemeinsamkeiten der kulturellen Entwicklung zurückzustellen. Die Diskussion um die europäische Identität kann dazu beitragen, indem sie als Ziel für eine gemeinsame Verständigung definiert wird, die den dialektischen Bezug beider Mentalitäten in den Vordergrund stellt:

Die europäische Identität würde als Aufgabe begriffen: als Synthese von Orthodoxie und westlichen Konfessionen, Durchdringung der Orthodoxie mit dem Logos des Westens und Gewinnung der Einheit des Glaubens durch Wiedererlangen der Rechtgläubigkeit, Stärkung der Differenz im östlichen Einheitsparadigma und Stärkung der Einheit im Differenz-Paradigma des Westens.[35]

1.3 Methode und Zielsetzung

Ich werde in dieser Diplomarbeit untersuchen, wie sich das Russlandbild in der europäischen Reiseliteratur seit Beginn der Neuzeit bis zur aktuellen Situation darstellt. Der Fokus der Untersuchung liegt auf der identitätsstiftenden Funktion der Reiseliteratur nach Russland im Bezug auf Europa. Das heißt, inwieweit kann man aus dem Russlandbild der europäischen Reiseliteratur Rückschlüsse auf ein Selbstverständnis Europas ziehen und auf welche Weise wird europäische Identität konstruiert. Dabei gilt zu beachten, dass es kein einheitliches europäisches Russlandbild gibt, da bei jedem Autor andere Bedingungen – nationale, sozial-kulturelle, individuelle usw. – gegeben sind. Dennoch geht jeder Reisende von einem tradierten Bild aus, so dass Beobachtungen und angeeignetes Vorwissen schwer zu trennen sind.[36] Ebenso wenig gibt es eine einheitliche europäische Identität; man kann aber eine generelle verbindende Mentalität ausmachen, die aus gemeinsamen kulturellen und gesellschaftlichen Werten erwächst. Dabei zielt mein Augenmerk auf die Entstehung und das Zusammenwirken von Stereotypen und Vorstellungen, die das europäische Russlandbild bestimmen.

Also setze ich die Reiseberichte über Russland in Beziehung zu den politischen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Bedingungen, um Aussagen über die mentalitätsgeschichtliche Entwicklung der europäischen Gesellschaft treffen zu können. Mich interessieren einerseits die Bedingungen der Reise, d. h. welche Möglichkeiten der Beobachtung und Erfahrung haben die Verfasser und welche Grenzen sind ihnen gesetzt. Es gilt zu unterscheiden, wer überhaupt solch eine Reise unternehmen kann und aus welchen Gründen er sie trifft – individualgeschichtlich, in Ausübung einer Funktion usw. Entscheidend ist also die Einbindung in die gesellschaftliche Mentalität, die organisatorischen Bedingungen, sowie die persönliche Anlage des Reisenden – sei es Bildungsstand, Vorkenntnisse oder allgemeine Reflektionsfähigkeit.[37] Andererseits ist die Darstellung der Reise entscheidend: welches sind die zentralen Themen des Reiseberichtes, woraus beziehen die Autoren ihre Informationen, inwieweit verarbeiten sie eigene Erfahrungen oder gängige Vorurteile über Russland und wie vorbestimmt sind sie in ihren Werturteilen.

Ich beschränke mich in meiner Analyse auf Deutschland und Großbritannien, erstens, aus notwendigen Gründen der quantitativen Eingrenzung, zweitens, weil diese beiden Länder seit dem Mittelalter eine kontinuierliche politische oder wirtschaftliche Beziehung zu Russland haben und diese sich auch in der Reiseliteratur niederschlägt (siehe 2.1), und drittens, weil Deutschland und Großbritannien als kontinentale und insulare Großmacht das Schicksal und die Identität Europas auf verschiedene Weise entscheidend mitgeprägt haben.

Im zweiten Teil werde ich die geschichtliche Entwicklung der europäischen Reiseliteratur nach Russland vom 16. Jahrhundert bis heute anhand von ausgewählten Epochen und bedeutenden Vertretern präsentieren. Dabei stelle ich die Entwicklung der Reiseliteratur als Gattung in Zusammenhang mit den Veränderungen des Russlandbildes dar. Mich interessiert, inwieweit die formalen und inhaltlichen Merkmale der Berichte die politisch-kulturellen Bedingungen widerspiegeln. Ich zeige auf, wie sich seit Beginn der Neuzeit zwei gegensätzliche Wahrnehmungen von Russland entwickelt haben, einerseits die Zuschreibung von Bedrohung und Rückständigkeit und andererseits die Verortung einer Utopie, die in die Zukunft projiziert ist. Diese beiden Strömungen, die in unregelmäßigen Abständen unterschiedlich populär sind, symbolisieren auf der einen Seite die Angst der Europäer vor der Macht Russlands, auf der anderen Seite die Enttäuschung über die fehlende Verwirklichung von politischen und gesellschaftlichen Erwartungen in Europa.

Die Auswahl der einzelnen Reiseberichte beansprucht keine Vollständigkeit, sondern soll exemplarisch für die jeweilige mentalitätsgeschichtliche Entwicklung stehen. Ich beziehe mich bei der Besprechung der ausgewählten Berichte auf Untersuchungen zu den jeweiligen Autoren oder Epochen und zeichne die Entwicklung des Russlandbildes im Zusammenhang mit dem kulturellen und politischen Wandel in Europa nach.[38]

Im Anschluss analysiere ich im dritten Teil detailliert die Konstruktion des Russlandbildes in der gegenwärtigen europäischen Reiseliteratur nach Russland anhand von ausgewählten Berichten. Dabei ist für meine Analyse entscheidend, welche Gemeinsamkeiten in der Wahrnehmungsweise und Stilistik der Reiseberichte zu erkennen sind. Daher untersuche ich die wiederkehrenden Motive, die sich in der gegenwärtigen Reiseliteratur über Russland finden, und systematisiere sie hinsichtlich ihrer Aussagen über die Beschaffenheit der Natur, Gesellschaft und Geschichte des Landes. Dabei stelle ich einerseits die Weiterführung und Auseinandersetzung mit traditionellen Stereotypen des Russlandsbildes dar, andererseits untersuche ich, inwieweit neue Wahrnehmungen und Motive die gegenwärtigen Reiseberichte in das post-sowjetische Russland bestimmen und dabei die alten Stereotypen verändern oder ablösen. In diesem Zusammenhang werde ich zeigen, wie die europäische Selbstwahrnehmung sich gewandelt hat und welche Ansatzpunkte es für eine gemeinsame europäische Identität mit Russland gibt.

2. Das Russlandbild im Kontext europäischer Reiseberichte - vom 16. Jahrhundert bis heute

2.1 Beginn der Neuzeit: Barbarentum und Despotie

Nach Unterbrechung der europäisch-russischen Beziehungen durch die mongolisch-tatarische Herrschaft im Osten beginnt sich das europäische Interesse für Russland zu Beginn der Neuzeit wieder herauszubilden. Während das Großfürstentum Moskau zum Zentrum des Zarenreichs aufsteigt, entstehen in Europa nach Kämpfen zwischen verschiedenen Machtpolen wie Kirche und Kaisertum regionale Machtzentren.[39]

Kaiser Maximilian beginnt mit der Umgestaltung des vom mittelalterlichen Lehnswesen bestimmten Habsburger Reiches zu einem modernen Beamtenstaat mit umfangreichen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Reformen. Die Außenpolitik ist zum Großteil bestimmt von der Angst vor den von Süden nach Europa vorrückenden Osmanen, andererseits hält man ein wachsames Auge auf die im Norden erstarkenden polnisch-litauischen Personal-, bzw. später Realunion und dem Großfürstentum Moskau. Diese Entwicklung zwingt das Habsburger Reich zu Erkundungen der fremden Mächte auf der Suche nach Bundesgenossen, was nicht mehr durch einzelne, gelegentlich geschickte Gesandte erfüllt werden kann, so dass unter Maximilian I. mit der Einrichtung der habsburgischen Reichsinstitutionen ein eigenständiges Gesandtschaftswesen als Vorläufer der modernen Diplomaten entsteht.[40]

Insgesamt sind es im 16. Jahrhundert vor allem drei Gruppen von Reiseberichterstattern: Diplomaten, Abenteurer und Händler. Während die ersten hauptsächlich aus Deutschland kommen, sind es weitgehend englische Händler, die aufgrund von wirtschaftlichen Unternehmungen nach Russland reisen;[41] mit der Muscovy Company entsteht 1553 eine eigene Gesellschaft für kommerzielle Interessen in Russland. Während allerdings die Berichte der Diplomaten und Abenteurer zugänglich sind, bleiben die Berichte der Kaufleute oftmals unter Verschluss, um keine Konkurrenten auf den Plan zu rufen.[42] In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gehören Reiseberichte über Russland noch zu einer Minderheit; dies ändert sich aber mit dem livländischen Krieg (1558 – 1583). Der livländische Krieg weitet sich über die Hansestädte bis nach Dänemark aus, so dass Westeuropa erstmals in Konflikt mit dem Moskauer Staat gerät. Der Ostseehandel wird dadurch stark eingeschränkt, so dass auch England und Holland betroffen sind. Westeuropäische Politiker sind von da an gezwungen, sich mit der Existenz des aufsteigenden Moskauer Staates auseinanderzusetzen.[43]

Die Motivation der Reiseberichterstatter ist zunächst dadurch bedingt, dass so gut wie keine Informationen über das russische Reich zugänglich sind. Die Moskauer vermittelten Ausländern weder ein Bild über ihr Land, noch lassen sie eine große Anzahl an Besuchern zu. Dies geschieht hauptsächlich aus Angst vor diplomatischen Vorteilen für die Ausländer durch bessere Information, da es im Moskauer Staat selbst keine Bildungseinrichtungen gibt, in denen man etwas über fremde Länder lernen kann.[44] So sind die wichtigsten Zentren der Russlandliteratur in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts England, Polen-Litauen und vor allem das Deutsche Reich. Diese Berichte ersetzen in gewisser Weise die fehlende einheimische Dokumentation in Russland:

Angesichts des Mangels an russischen erzählenden Quellen zur Geschichte des Moskauer Staates in dieser Zeit kommt den Ausländerberichten als historischen Quellen besondere Bedeutung zu.[45]

Von den Autoren wird zwar eine nüchterne, sachliche Beschreibung gefordert, doch subjektive Elemente, die Wertungen beinhalten, zeigen erste Ansätze der Entwicklung der Gattung der Reiseliteratur.[46] Das entscheidende Element dieser Reiseberichte ist das anschauliche, auf Erfahrung und Beobachtung beruhende Moment, so dass sie fernab vom abstrakten Formalismus bürokratischer Schriften eine wichtige Quelle für mentalitätsgeschichtliche Zustände bieten. Ähnlich der Autobiographien in Mittel- und Westeuropa bilden sie eine „Brücke zum realen Menschen“[47], die ein genaueres Verständnis der komplexen sozialen Bedingungen möglich macht. Besonders hervorzuheben sind die Werke von Sigmund von Herberstein im deutschen Bereich und Giles Fletcher[48] im englischen Bereich, die beide als Diplomaten nach Moskau reisen und entscheidende Werke über den Moskauer Staat schreiben.

Freiherr Sigmund von Herberstein ist der bekannteste und bedeutendste Gesandte des 16. Jahrhunderts. Seine 1549 veröffentlichten Rerum Moscoviticarum Commentarii sind ein Meilenstein in der Begründung der wissenschaftlichen Russlandkunde und finden innerhalb weniger Jahre eine europaweite Verbreitung.[49] Als erster Vertreter eines entstehenden Gesandtschaftswesens unternimmt er Reisen zum Moskauer Großfürsten Vasilij III. (1517 und 1526/27). Seine Vorbildung ist dabei erstaunlich: Durch sein Studium an der Wiener Universität besitzt er eine universale Kenntnis der Wissenschaft der Zeit: „Gemessen an den bildungsmäßigen, geistig-kulturellen Maßstäben der Zeit war er ein Polyglott und ein Polyhistor“.[50] Zusätzlich ist er vieler Sprachen mächtig: Deutsch, Slowenisch, Russisch, Griechisch, Italienisch, Französisch, und Spanisch. Er dient unter Maximilian I., Karl V. und Ferdinand I., die alle seine diplomatischen Fähigkeiten hoch schätzen. Herberstein unternimmt fast 70 Reisen, 50 davon diplomatische.

Die Rerum Moscoviticarum Commentarii sind eine umfassende Beschreibung über die Gegebenheiten des Moskauer Staates. Herberstein beschreibt darin die Geschichte, die Religion, das Staatswesen, die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen und die Landeskunde. Itinerarien (Reisebeschreibungen), Abbildungen und Karten unterstützen die detailgetreuen Beschreibungen ebenso wie eine genaue Auflistung von Geo-, Topo- und Demographie von Moskau und Umgebung. Bei Herberstein taucht ein zentrales Motiv auf, welches später immer wieder aufgegriffen wird: die Frage nach der kontinentalen Zugehörigkeit Russlands – Europa oder Asien. Auch ansonsten setzt er Maßstäbe mit seiner Beschreibung der Mentalität und der Bevölkerung, so dass bis ins 18. Jahrhundert hinein das von ihm konstruierte Russlandbild bestimmend ist. Für alle Verfasser von Literatur über Russland ist es ein Muss, Herbersteins Buch zu kennen und sich auf ihn zu beziehen. Was die Gattung der Reiseliteratur betrifft, ist Herbersteins Buch zwar auf der Basis der Erfahrungen einer realen Reise aufgebaut, allerdings misst der Autor der Reisebeschreibung selbst wenig Beachtung zu. Während er im Hauptteil seine Beobachtungen beschreibt, ist die tatsächliche Reise als Anhang beigefügt.[51]

[...]


[1] Scheidegger, Gabriele: „Das Eigene im Bild des Anderen. Quellenkritische Überlegungen zur russisch-abendländischen Begegnung im 16. und 17. Jahrhundert“ In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Bd. 35/1987. S. 343

[2] Otfried Schäfer zitiert nach: Herdin, Thomas / Luger, Kurt: „Der eroberte Horizont“ In: Aus Politik und Zeitgeschichte B 47/2001. S. 10. Ich werde mich in der Analyse (3. Teil) auf Bestandteile dieser verschiedenen Theorien des Fremdverstehens beziehen.

[3] Ich verwende in meiner Arbeit die Begriffe Reiseliteratur und Reisebericht, jeweils für die allgemeine Bezeichnung der Gattung oder für die Menge an geschriebenen Reisedokumenten.

[4] Diese Kriterien sind nur Hilfskriterien, da sie zu allgemein sind und die zweite Bedingung kaum nachprüfbar ist. Außerdem treffen sie keinerlei Aussagen über eine formale Eingrenzung der Reiseliteratur.

[5] Brenner, Peter J.: „Die Erfahrung der Fremde. Zur Entwicklung einer Wahrnehmungsform in der Geschichte des Reiseberichts“ In: Brenner, Peter J. (Hrsg.): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Frankfurt a. M. 1989.S. 20

[6] Die Form des literarischen Reiseberichts lasse ich in meiner Analyse außer Acht, weil er einerseits eine gesonderte Gattung darstellt und andererseits die spezifische Doppelung von faktischer Wissensvermittlung und subjektiver Erfahrungsperspektive nicht in sich vereint, die für meine Untersuchung entscheidend ist.

[7] Wolfgang Neuber: „Zur Gattungspoetik des Reiseberichts. Skizze einer historischen Grundlegung im Horizont von Rhetorik und Topik“ In: Brenner (a. a. O.) S. 52

[8] Habsmeier, Michael: „Reisebeschreibungen als mentalitätsgeschichtliche Quellen: Überlegungen zu einer historisch-anthropologischen Untersuchung frühneuzeitlicher deutscher Reisebeschreibungen“ In: Macak, Antoni/ Teuteberg, Hans Jürgen (Hrsg.): Reiseberichte als Quellen europäischer Kulturgeschichte. Aufgaben und Möglichkeiten der historischen Reiseforschung. Wolfenbüttel 1982. S. 1

[9] Scheidegger (a. a. O.) S. 354

[10] Herdin (a. a. O.) S. 11

[11] Hahn, Hans Henning/Hahn, Eva: „Nationale Stereotypen. Plädoyer für eine historische Stereotypenforschung“ In: Hahn, Hans Henning (Hrsg.): Stereotyp, Identität und Geschichte. Die Funktion von Stereotypen in gesellschaftlichen Diskursen. Frankfurt a. M. 2002. S. 28

[12] ebda. S. 26 f.

[13] Habsmeier (a. a. O.) S. 13

[14] Straub, Jürgen: „Personale und kollektive Identität“ In: Assmann, Aleida/ Heidrun Friese (Hrsg.): Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität, 3. Frankfurt a. M. 1998. S. 103

[15] siehe dazu: Mead, George Herbert: Mind, Self and Society from the Standpoint of a Social Behavorist. repr., Chicago 1992. Laut Mead entsteht persönliche Identität durch Identifizierung mit einer Gruppe, die als kollektive Identität ein bestimmtes Wertesystem verkörpert Das Individuum organisiert die Verhaltensweisen der Anderen in eine soziale Einheit – den so genannten generalized other - und richtet seine Aktionen und Reaktionen danach.

[16] Von Rauch, Georg: „Politische Voraussetzungen für westöstliche Kulturbeziehungen im 18. Jahrhundert“ In: Keller 1987. S. 49

[17] Geier, Wolfgang: Russische Kulturgeschichte in diplomatischen Reiseberichten aus vier Jahrhunderten. Wiesbaden 2004. S. 138

[18] Kopelew, Lew: „Am Vorabend des großen Krieges“ In: Keller, Mechthild (Hrsg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht. 19./20. Jahrhundert: Von der Bismarckzeit bis zum Ersten Weltkrieg. West-östliche Spiegelungen. Reihe A Bd. 4. München 2000.

[19] zitiert nach ebda. S. 105

[20] Luks, Leonid: „Gehört Rußland zu Europa? Anmerkungen zu einer Kontroverse“. (Vortrag im Rahmen eines Eichstätter Symposiums zum Thema „Globalisierung und europäische Identität“). In: http://www1.ku-eichstaett.de/ZIMOS

[21] ebda.

[22] ebda.

[23] Böttcher, Winfried: „Vorlesungsskript: Europäische Politik“ Europainstitut Klaus Mehnert. Kaliningrad 2005/06.

[24] In Russland dient der „Neo-Eurasismus“ nach dem Zerfall der Sowjetunion einem neuen Identitätskonzept, das sich an der kulturellen Gesetzmäßigkeit der eigenständig-organischen Weiterentwicklung Russlands orientiert. In Abgrenzung zur Übermacht der westlichen Gesellschaft schafft er ein Selbstbewusstsein, indem er Wege aus der Krise propagiert, die die Unsicherheit der Transformation in den Hintergrund stellen. Kaiser, Markus: „Einführung: Die russische Debatte und ihre Re-Orientierung zwischen Asien und Europa“ In: Kaiser, Markus (Hrsg.): Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Bielefeld 2004. S. 116 ff.

[25] Vertrag über die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft vom 25. März 1957. 6. S. 1248.

[26] In Volksreferenden in den Niederlanden und Frankreich wurde die 2004 von den Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten unterzeichnete Verfassung abgelehnt, was ihr Inkrafttreten im November 2006 verhinderte. Der Ratifizierungsprozess wurde bis Mitte 2007 verlängert. In: Europa. Das Portal der Europäischen Union: www.europa.eu

[27] Trenin, Dmitiri V.: Russland. Die gestrandete Weltmacht. Hamburg 2005. S. 246

[28] ebda. S. 296

[29] Scherrer, Jutta: „Die Erfindung von Russlands Größe“ In: Die Zeit. 2000/37.

[30] Zinkovski, Oleg: „Mit den Beziehungen EU-Russland kann es eigentlich nur aufwärts gehen“ In: Eurasisches Magazin. 07/05. www.eurasisches-magazin.de

[31] Evers, Hans-Dieter/ Kaiser, Markus: „Eurasische Transrealitäten – Das Erbe der Seidenstraße“ In: Kaiser, Markus (a. a. O.) S. 60

[32] Trenin (a. a. O.) S. 266

[33] Hülse vergleicht verschiedene Bildfelder und leitet daraus Komponenten des europäischen Identitätsverständnisses ab. Hülse, Rainer: Metaphern der EU-Erweiterung als Konstruktion europäischer Identität. Baden-Baden 2003.

[34] Schulhoff, Wolfgang: Europa auf dem Weg zur Selbstfindung. Eine historische und politische Betrachtung. Baden-Baden 1997. S. 13

[35] Hahn, Karl: „Orthodoxie und europäische Identität“ In: Daniliouk, Natalia/ Roesler, Karsten und Philipp Hermeier (Hrsg.): Russland – Deutschland – Europa. Ost-West-Wissenschaftsforum. Europa 2000. Studien zur interdisziplinären Deutschland- und Europaforschung. Münster 2004. S. 24

[36] vgl. dazu Scheidegger (a. a. O.) S. 353

[37] Brenner (a. a. O.) S. 27

[38] Die Informationen über die biographischen Fakten und die Werke von Herberstein, Olearus, Weber und Haxthausen beziehe ich – wenn nicht anders markiert – grundlegend aus Geier, Wolfgang: Russische Kulturgeschichte in diplomatischen Reiseberichten aus vier Jahrhunderten. Wiesbaden 2004.

[39] Geier (a. a. O.) S. 6

[40] ebda. S. 36 ff.

[41] Frank Kämpfer: „Deutsche Augenzeugenberichte über die „Zeit der Wirren““ In: Kaiser, Friedhelm: Berthold/Stasiewski, Bernhard (Hrsg.): Reiseberichte von Deutschen über Russland und von Russen über Deutschland. Köln 1980. S. 26

[42] Robel, Gert: „Berichte über Russlandreisen“ In: Keller, Mechthild (Hrsg.): Russen und Russland aus deutscher Sicht. 18. Jahrhundert: Aufklärung. West-östliche Spiegelungen. Reihe A Bd. 2. München 1987 S. 217

[43] Leitsch, Walter: „Westeuropäische Reiseberichte über den Moskauer Staat“ In: Macak, Antoni/ Teuteberg, Hans Jürgen (Hrsg.): Reiseberichte als Quellen europäischer Kulturgeschichte. Aufgaben und Möglichkeiten der historischen Reiseforschung. Wolfenbüttel 1982. S. 153.

[44] ebda. S. 154 f.

[45] Kappeler, Andreas: „Die Deutschen Russlandschriften der Zeit Ivans des Schrecklichen“ In:

Kaiser, Friedhelm (a. a. O.) S. 3

[46] Robel (a. a. O.) S. 218

[47] Leitsch (a. a. O.) S. 168

[48] Fletcher, Giles: Of the Russe Commonwealth. 1591.

[49] Geier (a. a. O.) S. 42 ff.

[50] ebda. S. 47

[51] Leitsch (a. a. O.) S. 161

Details

Seiten
80
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640267811
ISBN (Buch)
9783640267927
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121894
Note
1
Schlagworte
Russlandbild Reiseliteratur Länder Europäische Kultur

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Titel: Das Russlandbild in der Reiseliteratur ausgewählter europäischer Länder