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Analyse der Hauptcharaktere in Hermann Hesses 'Steppenwolf'

Examensarbeit 2008 43 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Romanfiguren – ein Überblick

3. Die Figur Harry Haller
3.1 Rolle und Funktion der Sexualität Hallers

4. Die Rolle der Hermine
4.1 Rolle und Funktion der Sexualität Hermines

5. Hermine, Maria und Pablo

6. Inszenierung der Figuren

7. Der Herausgeber, der Professor und das Prinzip des Bürgerlichen im Vergleich zum Protagonisten

8. Schlussbemerkungen

A. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Steppenwolf von Hermann Hesse bietet eine Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche am Beispiel des Protagonisten Harry Haller. Die Konzeption, Rolle und Bedeutung nicht nur der Protagonisten im Roman, sondern auch die der anderen bedeutsamen Charaktere soll in der vorliegenden Untersuchung näher behandelt werden. In der Analyse wird der Steppenwolf fortlaufend mit der Gattungsbezeichnung des Romans bezeichnet werden, obwohl die Primärausgabe den Begriff Erzählung verwendet. Dies soll bewusst ignoriert werden, da der Steppenwolf für eine Erzählung zu komplex ist, nicht nur was die Länge betrifft, sondern auch was Aufbau, Struktur und Vielschichtigkeit der Thematik angeht.

Bei der Betrachtung von Romanfiguren ist es wichtig, dass zunächst zwischen den Begriffen „Figur“ und „Charakter“ unterschieden werden muss; die Figur betrifft die dargestellte Person im Allgemeinen, während sie selbst über einen Charakter verfügt und durch besonders prägende Wesenszüge zum „Charakter“ wird[1]. Dieses Prinzip soll auch für die vorliegende Untersuchung gelten. Der Titel der Arbeit wurde bewusst so gewählt, um zu verdeutlichen, dass es vorwiegend um das Wesen der Romanfiguren geht, weil die Bezeichnung „Charakter“ diesen Aspekt in den Vordergrund stellt, auch wenn im fortlaufenden Text überwiegend von „Figuren“ die Rede sein wird.

Insbesondere die Figuren Hermine, Maria und Pablo, welche Haller direkt umgeben, sind auffallend schillernde Charaktere. Ihre Darstellungen erfolgen oftmals in märchenhaftem Kontext und unter beinahe übernatürlichen Umständen, so dass ihre Echtheit oder Existenz faktisch angezweifelt werden kann, was in der vorliegenden Untersuchung thematisiert werden soll. Die Frage nach der Echtheit der Charaktere tut jedoch ihrer Stellung und ihrem Einfluss auf den Handlungsverlauf keinen Abbruch. Gleichwohl soll der Frage nachgegangen werden, ob sich ein Erlebnis in der Wirklichkeit der Erzählung oder in der Vorstellung der Erzählfigur (Harry Haller) abgespielt hat. Die genannten Figuren des Romans sollen mit besonderem Augenmerk auf ihre Rolle und Funktion grundlegend interpretiert werden.

Die Psyche eines Menschen wird unter anderem durch triebbestimmte Wünsche, sexuelle Erfahrungen und Sehnsüchte geprägt. Diese Tatsache ist spätestens seit Sigmund Freud hinlänglich bekannt[2]. Im Steppenwolf spielt die Sexualität der Figuren eine wichtige Rolle, da sie zur Dynamik der sie betreffenden Handlung entscheidend beiträgt. Um dies deutlicher zu machen, sollen in dieser Arbeit dem Thema Sexualität zwei Unterkapitel gewidmet werden, und zwar vorrangig am Beispiel des Protagonisten Haller und der weiblichen Hauptfigur Hermine.

Da Maria und Pablo praktisch nur dank Hermine existieren und agieren, werden sie und die mit ihnen verbundene Darstellung der Sexualität gemeinsam mit Hermine in einem Kapitel behandelt. Es soll dabei auch gezeigt werden, dass Maria und Pablo im Grunde ähnliche Funktionen für den Protagonisten – und damit für den Roman an sich – erfüllen. Neben Hermine sind sie gleichfalls von Bedeutung für den Roman allgemein und die Rolle der Sexualität. Anhand der nunmehr vier genannten Figuren soll u. a. durch ausgewählte Textbeispiele gezeigt werden, dass ihre spezielle Auslegung und Inszenierung elementar für den Roman sind. Ebenfalls soll geklärt werden, in welcher Hinsicht die geschlechtliche Liebe ein zentrales Thema der Erzählung darstellt und generell prägend für den Handlungsverlauf des Romans ist.

In Harry Hallers Fall geht im Besonderen um (sexuelle) Erlebnisse, die ein Mann im fortgeschrittenen Alter macht, und um die Frage, wie sich diese Erfahrungen auf seine Befindlichkeit und sein Verhalten auswirken. Im Zentrum dieser Erfahrungen steht Hermine, eine Romanfigur, deren Rolle und Wirkung auf Haller im Zuge der vorliegenden Untersuchung klarer werden soll. Doch auch Hallers vorherige Verfassung und die Lebenssituation, in der er sich vor der Begegnung mit Hermine befand, ist einer eingehenden Betrachtung würdig, da sich seine innere Gesamtentwicklung nur unter Berücksichtigung der Entfaltung seines Sexuallebens nachvollziehen lässt. Aus heutiger Sicht mögen die erotischen oder sexuellen Beschreibungen im Steppenwolf im Bezug auf ein allgemeines öffentliches Schamgefühl nicht mehr sonderlich anstößig sein. Als der Roman 1927 veröffentlicht wurde, stieß die offene Darstellung des Geschlechtstriebs in den betreffenden Textstellen aber überwiegend auf Ablehnung und Empörung[3]. Für die heutige Analyse ist die seinerzeitige Rezeption des Werks jedoch weitgehend unbeachtlich, weil der Autor mit den im Roman beschriebenen sexuellen Erfahrungen Hallers die große Bedeutung von Sexualkontakten für das Innenleben eines Menschen als zeitloses Thema darstellen wollte.

Gegen Ende der Analyse soll zur weiteren Konturierung des Protagonisten auch die Sicht und die Figur des Herausgebers und des Professors kurz beleuchtet werden. Diese beiden Erscheinungen stehen auch exemplarisch für die Bürgerlichkeit im Steppenwolf, eines der zentralen Themen.

2. Romanfiguren – ein Überblick

Figuren tragen die Handlung in der Epik, also das Geschehen eines Romans, einer Erzählung oder auch eines Dramas. Ohne die Figuren kann es den Lauf einer Geschichte kaum geben. Hierin besteht der Unterschied zur Gattung der Lyrik, denn Gedichte müssen nicht zwangsläufig Personen und deren Erlebnisse behandeln. In der Poesie ist es möglich, z.B. nur das Naturerleben oder ein Gefühl zu thematisieren, welches dann aber wiederum mit menschlichem Verständnis wahrnehmbar ist. Dazu bedarf es des lyrischen Ichs in einem Gedicht, das als Voraussetzung für die Rezeption der Dichtung quasi zwangsläufig im Hintergrund vorhanden ist.

Die Wirkung einer Figur in der Epik geht auf die klassische Tragödie zurück. Zur Vermittlung der Botschaft des Autors und Beeindruckung der Zuschauer bedurfte es eines glaubhaften Protagonisten und gegebenenfalls eines ebenbürtigen Antagonisten. Das Wesen einer Tragödienfigur ist nach Aristoteles durch vier primäre Merkmale gekennzeichnet: Tüchtigkeit, Angemessenheit, Ähnlichkeit und Gleichmäßigkeit[4]. Für den vorliegenden Kontext ist das Merkmal der Ähnlichkeit hervorzuheben: Harry Haller ist eine Figur, die polarisiert. Einerseits mögen seine Gedankengänge irritieren und vielleicht sogar abstoßen. Auf der anderen Seite offenbart er Ansichten, die so mancher Leser denkbar gut nachvollziehen kann. Dadurch wird Haller zur Identifikationsfigur, was nicht nur in der Antike schon Priorität hatte, sondern auch in moderner Zeit wichtig ist. Der Held einer Tragödie nach klassisch griechischem Vorbild musste ein möglichst hohes Identifikationspotential bieten, da der damalige Zuschauer Mitgefühl mit dem Protagonisten entwickeln sollte. Die heutige Rezeption funktioniert entsprechend; ein Romanheld, der besondern authentisch wirkt, und mit dem der Leser sich außerordentlich gut identifizieren kann, sichert den Erfolg eines Werks. Dies gilt selbst für moderne Genres wie Science Fiction und insbesondere für Darstellungen, die eine psychologische Sicht auf die Figuren bieten. Auch wenn es sich, wie bei Haller im Steppenwolf, um eine geradezu pathologisch anmutende Figur handelt, liegt der Reiz für den Leser entweder in der Faszination des Unbekannten und Dunklen der menschlichen Psyche oder gerade in der Möglichkeit einer Identifikation mit der wölfischen Seite des Protagonisten, also auch dem Wiedererkennen eigener antizivilisatorischen Neigungen.

Eine Romanfigur zeichnet sich im Allgemeinen durch das äußere Erscheinungsbild aus, wenn es denn vom Erzähler geschildert wird. Des Weiteren durch die erkennbaren Charaktereigenschaften, die nicht zwangsweise explizit beschrieben werden müssen, sondern durchaus auch durch Darstellung des Verhaltens der Figur nachvollziehbar werden können[5]. Das Verhältnis zu anderen Romanfiguren kann den Protagonisten konturieren, ebenso wie die näheren Lebensumstände, etwa die soziale oder berufliche Position. All diese Kategorien, die eine Figur sicht- und greifbar machen, sind auch für Harry Haller bedeutsam: Da wäre zunächst sein zumindest anfangs etwas ungepflegtes Äußeres, was der fiktive Herausgeber als „unsorgfältig gekleidet“ bezeichnet (8). Dann die innere Zerrissenheit durch den ewigen Kampf zwischen Mensch und Wolf in ihm, die sich besonders in Situationen äußert, während derer er sich eigentlich durch andere geehrt fühlt und fühlen sollte, jedoch nicht zu verhindern vermag, dass „der andere Harry (…) dachte, was [er] doch für ein eigentümlicher, verlogener Bruder sei, dass [er] vor zwei Minuten noch gegen die ganze verfluchte Welt grimmig die Zähne gefletscht hatte und jetzt beim ersten Anruf, beim ersten Gruß eines achtbaren Biedermanns übereifrig ja und amen sagte.“ (84) Ferner kennzeichnet Haller ein entwurzelt wirkendes Sozialverhalten, welches am deutlichsten wird, als Haller beim Professor zu Abend isst; diese Szene soll am Ende der Arbeit noch ausführlicher behandelt werden. Schließlich charakterisiert ihn noch die Diskrepanz zwischen Bildung und Lebensführung, die sich immer wieder zeigt und ausdrücklich vom Herausgeber am Anfang des Romans beobachtet wird: „Dass er ein Gedanken- und Büchermensch war und keinen praktischen Beruf ausübte, war bald zu sehen.“ (16)

All diese Charakteristika schaffen die Basis für die Figur Harry Haller. Hinzu kommen noch der Facettenreichtum und die psychologische Tiefgründigkeit, die aus dem Entwurf Haller erst das werden lassen, was er ist: Die titelgebende Figur des Steppenwolfs.

Manchmal wird ein Stück Vergangenheit im Leben einer Romanfigur aufgerollt, um gewisse Verhaltensweisen innerhalb der laufenden Handlung deutlicher oder verständlicher zu machen. Im Steppenwolf ist dies der Fall. Hallers finale Lebenskrise ist die Konsequenz eines vorher stattgefundenen Entfremdungsprozesses. Auch wenn Haller eine wölfische Seite in sich hat, die menschlich-psychologische Sicht auf ihn ist elementar für den Roman. Ebenfalls entscheidend für die Auseinandersetzung mit Hesses Werk ist die Tatsache, dass Haller eine Art Mischwesen, das aus verschiedenen Persönlichkeiten besteht, darstellt. Für die Interpretation bedeutet dies eine besondere Herausforderung, ebenso wie für die Einordnung der Konzeption seiner Rolle in die Tradition der Auslegung von Romanfiguren. Helga Esselborn-Krumbiegel bezeichnet Hallers Erfahrungen als „Ich-Zerfall und neue Ich-Werdung“ in einem „unabsehbar sich wiederholenden Prozess“[6]. Haller vereint also nicht nur die unterschiedlichsten Wesen in sich, er vernichtet sich auch beinahe selbst – aber eben nur so weit, dass es ihm noch möglich ist, auf andere Art und Weise, als jemand anderes, d.h. als veränderte Person, weiter zu leben. Im folgenden Kapitel soll auf das Wesen des Protagonisten vertieft eingegangen werden.

Vera Nünning listet eine interessante Unterteilung in vier mentale Figurenmodelle auf, die wiederum von Ralf Schneider stammen: Kategorisierung, d.h. die Figur wird einer bereits existenten Gattung, einem Typ, zugeordnet; Individualisierung, d.h. Erweiterung der Figurenmerkmale durch zusätzliche personale Informationen; Entkategorisierung, d.h. grundlegende Wesensveränderung der Figur und schließlich vollständige Personalisierung, was das Gegenteil von Kategorisierung bedeutet, da die Figur als Einzelperson umfassend beschrieben und verstanden werden soll[7]. Wendet man diese vier Modelle auf Haller an, kommt man jedoch zu dem Schluss, dass er sich in jede Modellart einordnen lässt: Er, oder besser gesagt ein Teil von ihm, ist ein Stereotyp, wie z.B. der Einzelgänger. Des Weiteren werden durch das Traktat spezifische Informationen über ihn geliefert, die sowohl zur Individualisierung als auch zur Entkategorisierung beitragen. Schließlich verlangt die Analyse des Harry Haller ebenfalls nach ausführlicher Untersuchung der Figur, was diese personalisiert. Hermine, Maria und Pablo sind wohl eher der Kategorisierung zugehörig; zumindest Maria und Pablo sind klassische Typen – sie die schöne Bettgefährtin, er der südländische Bonvivant. Hermine wird zumindest noch einer Individualisierung unterzogen, da sie über einen längeren Zeitraum an Hallers Seite wirkt, dabei mehr Facetten als Maria oder Pablo von sich preis gibt, und direkten Einfluss auf Haller ausübt, was sie ja letztendlich auch charakterisiert.

Die Tatsache, dass Haller sich nicht eindeutig zuordnen lässt, festigt die Ansicht weiter, dass es sich bei ihm um eine dynamische, sich entwickelnde Figur handelt.

3. Die Figur Harry Haller

Bei der Betrachtung der zentralen Gestalt ist es zunächst einmal wichtig festzuhalten, dass sich Haller offensichtlich nicht nur durch eine dominante Wesensart gekennzeichnete Charakterlichkeit auszeichnet. In erster Linie ist er eine gespaltene Persönlichkeit, bestehend aus einer wölfischen und einer menschlichen Hälfte. Diese befinden sich in einem ständigen Konflikt miteinander; es ist der Kampf zwischen dem misanthropischen Zivilisationsfeind und dem angepassten Bürger. Die wölfische Seite Hallers steht jedoch dominierend im Vordergrund, was man daran sieht, dass es sowohl in Hallers eigenen Schilderungen als auch und vor allem im Traktat des Steppenwolfs überwiegend um die – allerdings eher negativ geprägte – Wahrnehmung des Steppenwolfs in ihm geht. Wenn aus der Sicht des Menschen Harry Haller, im Gegensatz zum Steppenwolf Haller, berichtet wird, dann thematisieren diese Schilderungen meist die Übermacht der wölfischen Natur. Aus der Sicht eines Außenstehenden, etwa aus der bürgerlichen Perspektive des fiktiven Herausgebers, existiert der Mensch Haller immerhin und zeichnet sich durch Belesenheit und Kenntnis der gesellschaftlichen Konventionen aus. Haller wird auch zweimal in Begleitung einer Frau gesehen, der er offenbar nahe steht. Trotzdem wirkt er einsam und deprimiert. Seine Lebensführung ist ungesund; allein in seiner Wohnung trinkt er übermäßig und raucht viel. Aus den Darstellungen des Herausgebers ist zu entnehmen, dass Haller das Leben eines potentiellen Selbstmörders lebt – mit Blick auf den gesamten Roman als Opfer seiner eigenen inneren Zermürbtheit.

Es ist festzustellen, dass der Autor auf einen klar abgegrenzten Antagonisten verzichtet: Protagonist und Gegenspieler sind in ein und derselben Person vereint. Dies erfordert quasi zwangsläufig eine Einsicht in Hallers Innenleben. Von Beginn der Handlung an erfährt der Leser, in welchem Zwiespalt die zentrale Gestalt steckt. Dem Traktat des Steppenwolfs zufolge ist „kein einziger Mensch (…) so angenehm einfach, dass sein Wesen sich als die Summe von nur zweien oder dreien Hauptelementen erklären ließe (…) Harry besteht nicht aus zwei Wesen, sondern aus hundert, aus tausenden“. (65)[8] Übertragen auf den Menschen im Allgemeinen und positiv betrachtet, bedeutet dies, dass die Menschen alle Teile voneinander sind. In unterschiedlicher Anordnung und Stärke der Wesenselemente natürlich, aber theoretisch kann jeder einen beliebigen anderen in sich wieder finden: „Die Fähigkeit der Menschen, für einander zu Spiegeln zu werden, die [hier] thematisiert wird, ist wichtig für das Verständnis des gesamten Romans.“[9] Die spezielle Spiegelsymbolik soll im weiteren Verlauf der Analyse noch eingehender behandelt werden. Negativ gesehen bedeutet die oben beschriebene pars pro toto - Theorie aber, dass es das reine Individuum im Grunde nicht gibt und dass es fast unmöglich ist, die vielen verschiedenen Elemente in einem Menschen zu vereinen oder einen passenden Gegenpart in Form eines anderen Menschen zu finden. Als abstrahiertes Romanthema formuliert lässt sich dies auf den Punkt des Gegensatzes zwischen (erwünschter) Seelenverwandtschaft und (schicksalsbedingter) Isolation bringen.

Im Roman tragen aber auch die unterschiedlichen Erzählperspektiven zu Hallers Facettenreichtum bei: Sie gewähren dem Leser sowohl einen Blick auf seine Persönlichkeit, und zwar durch die Perspektive eines Außenstehenden, als auch – dank des Traktats vom Steppenwolf – eine Einsicht in Hallers Innerstes. Der Roman teilt sich in drei Erzählweisen; die Beobachtungen des fiktiven Herausgebers, welcher der Neffe der Hauswirtin Hallers ist, Hallers eigene Darstellungen in der Ich-Form und dem erwähnten eingeschobenen Traktat, welches in der 3. Person Singular erzählt wird. Obwohl die letzteren Teile streng genommen von ein und derselben Person geschildert werden, erscheinen sie von völlig unterschiedlichem Ursprung zu sein. Dies führt dazu, dass drei verschiedene Perspektiven vorliegen. Diese Erzähltechnik des Autors Hermann Hesse war und ist ungewöhnlich und neuartig. Dadurch, dass dieselbe Zeitspanne und dieselben Ereignisse aus drei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und beschrieben werden, offenbart Hesse dem Leser eine Sicht oder eine Interpretation der menschlichen Subjektivität. Jede einzelne Person nimmt einen bestimmten Sachverhalt individuell und subjektiv wahr. Hallers Schilderungen in der ersten Person weisen darüber hinaus teilweise Züge des Inneren Monologs auf, einem modernen Stilmittel zur besonderen Veranschaulichung der Gedankengänge einer Figur[10]. Vor dem Hintergrund der modernen Epoche, während der Der Steppenwolf verfasst und publiziert wurde, ist klar, dass es sich um eine andere, neue Art der Subjektivität handelt, als diejenige, die noch während vorhergehender literarischer Epochen, wie z.B. der Romantik, regelrecht zelebriert wurde. Hesses Erzähltechnik im Steppenwolf ist als modern zu bezeichnen, obgleich der Roman und seine Figuren von vielfältiger Symbolik, auf die in der vorliegenden Untersuchung noch näher eingegangen werden soll, durchsetzt sind; eine Manier, die sonst eher der Romantik zugesprochen wird. Der gewollte, bewusste Bruch mit der (romantischen) Tradition, den der Beginn der Moderne, gekoppelt an den Realismus, kennzeichnet, zeigt sich im Steppenwolf durch die Erzähltechnik und die Konzeption des Protagonisten. Für den Autoren mag dies kein ganz einfacher Prozess gewesen sein; wenngleich er ein Teil dieser modernen Strömung war, so muss sein Anliegen über bloßen Traditionsbruch und Aufmerksamkeitserregung hinausgegangen sein[11]. In der vorliegenden Analyse soll bewusst auf biographische Einflüsse des Autors auf die Romanthemen und Figuren verzichtet werden. Diese böten sich zwar an, da gewisse Hinweise, wie die Gleichheit der Initialen Hesses und Hallers sowie Tagebucheinträge Hesses, die auf Selbstmordgedanken hindeuten, auffallend sind. Auch ist in der Forschungsliteratur von einer „schweren seelischen Krise“ Hesses die Rede; jedoch soll es hier um die Rolle und Funktion der Figuren gehen und eben nicht um das Privatleben des Autors[12]. Was jedoch auch unter Nicht-Berücksichtigung der persönlichen Verwicklungen des Autors denkbar ist, ist der Einfluss anderer Werke auf den Steppenwolf. Man mag zunächst dabei an Freuds Psychoanalyse denken, doch auch nicht-europäische Einflüsse sind vorstellbar, wie z.B. das Waste Land von T.S. Eliot, veröffentlicht 1922. Das epische Gedicht schildert die (amerikanische) Nachkriegswelt als Ödland[13]. Die Bezeichnung Steppenwolf, genauer gesagt das Wort Steppe, lässt Fremde, Öde, Trockenheit, kurz: eine Brachlandschaft assoziieren[14].

Mit der Strömung des Realismus lassen sich Schlagwörter wie Nihilismus, Entmutigung und Desillusionierung verbinden; diese stellen ein Gegengewicht zur irdischen Verwirklichung durch Sinnlichkeit und Lebensfreude eines Menschen dar. Wie auch im Steppenwolf ist es nicht nur der Einfluss der direkten Umwelt, der thematisiert wird, sondern auch die menschliche Seele und das Körperliche. Wenn man nun noch bedenkt, dass Hauptwerke des Realismus der Gattung des psychologischen Romans zuzuordnen sind[15], dann erstaunt es, dass Hermann Hesse selten unter den Hauptvertretern des Realismus aufgeführt wird. Dies kann nur daran liegen, dass Hesse sich generell nur schwer einer bestimmten Strömung zuordnen lässt. Ohne den Erzähler bzw. die Romanfigur mit dem Autoren verwechseln zu wollen: Die Figur Harry Hallers ist sicher nicht ganz ohne (auto-)biographischen Hintergrund so abgelöst von der restlichen Gesellschaft gezeichnet worden. Gisela Kleine schreibt: „In der Metapher eines (…) Wolfes gerät er ins Bewusstsein seiner Leser als Autor, der am Rande der von ihm geächteten Gesellschaft unzähmbar seiner schriftstellerischen Arbeit nachgeht.“[16] Hierbei ist jedoch zu bedenken, dass Haller dem Herausgeber zufolge sich selbst die Bezeichnung Steppenwolf gegeben hat (7). Das bedeutet, Hallers Abkehr von der bürgerlichen Welt ist bewusst erfolgt, seine Distanzierung manifestiert sich in dem Begriff, den er sich selbst gegeben hat. Sein wölfisches Wesen fungiert also auch als eine Art Refugium und Schutz. Einmal akzeptiert, dass er anders ist, zelebriert und kultiviert er diese Tatsache regelrecht, wenngleich er unter dem Kampf seiner beiden Naturen auch leiden muss. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob überhaupt eine echte schizophrene Störung vorliegt. Wenn Haller sein alter ego kennt und duldet, wenn er sich eines Ausbruchs des Wolfs in ihm bewusst ist, dann bleibt pathologisch im Grunde nur die Unkontrollierbarkeit der Naturen. Landläufig heißt es, ein Verrückter weiß nicht, dass er verrückt ist. Während der ersten Begegnung mit Hermine sagt diese zu ihm: „Du bist keineswegs verrückt, Herr Professor, du bist mir sogar viel zu wenig verrückt!“ (99) Es bleibt wohl Sache der Definition, ob Haller nun im pathologischen Sinne verrückt ist, oder nicht. Problematisch ist allerdings Hallers depressive Grundstimmung und suizidale Neigung. Bevor er Hermine kennen lernt, sieht er keinen anderen Ausweg aus seiner Misere, was einer Depression im Endstadium gleicht.

Wenn man davon ausgeht, dass Hallers über den Roman hinausgehende Bedeutung unter anderem die ist, dass seine Figur die Probleme aufzeigt, an denen die späten zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts krankten, dann trägt auch der Perspektivenwechsel innerhalb des Plots zur Veranschaulichung bei. Der Leser wird quasi gezwungen anzuerkennen, dass es stets mehrere Seiten und Ansichten gibt und dass es um „das Bild einer Spätkultur ohne eigentliche Mitte und ohne wahren Zusammenhalt“[17] geht. Auch der Figur Haller mangelt es an einer gesunden „Mitte“[18], einer Art Ausgeglichenheit, und seine Teilpersönlichkeiten zeichnen sich nicht durch Zusammengehörigkeit aus, vielmehr befinden sie sich im ständigen Kampf gegeneinander. Zumindest durch die letztendliche Vereinigung der wölfischen und der menschlichen Seele, wird eine Form des Gleichgewichts hergestellt. Diese Harmonie ist nicht nur Ausdruck einer individuellen Spiritualität, sondern gilt auch seit Platon als grundlegend für das Funktionieren einer Gesellschaft[19]. Es ist also nicht nur Hallers Geschichte, in der sich Gesellschaftskritik widerspiegelt, diese findet sich eben auch in der Figur und deren Konzeption. Ausgehend von Waßners Ansicht, dass der Leser „in die Wirklichkeit des Lebens hineingerissen [wird]“[20], stellt sich die Frage, ob Haller eine realistische Romanfigur ist. Der gebrochene Held einer Erzählung hat spätestens seit Georg Büchner einen festen Platz in realistischen oder naturalistischen Werken. Eine gesicherte Antwort auf die Frage, wie realistisch Haller ist, fällt schwer, da märchenhaft-unwirkliche Szenen, wie die im magischen Theater, nicht nur den Figuren, sondern auch der gesamten Handlung eine von der Wirklichkeit entrückte Eigenschaft verleihen. Nichtsdestotrotz ist Hallers Figur eine Art Verkörperung wirklichkeitsnaher, zeitgenössischer Phänomene. Die Schizophrenie ist ein realistisches Krankheitsbild. Im Vorwort des Herausgebers stellt dieser selbst bezüglich Hallers „pathologischen Phantasien“ fest:

„Ich sehe in ihnen aber etwas mehr, ein Dokument der Zeit, denn Hallers Seelenkrankheit ist – das weiß ich heute – nicht die Schrulle eines einzelnen, sondern ein Dokument der Zeit selbst, die Neurose jener Generation, welcher Haller angehört, und von welcher keineswegs nur die schwachen und minderwertigen Individuen befallen scheinen, sondern gerade die starken, geistigsten, begabtesten.“ (27)

[...]


[1] vgl. Guntli, Markus: Elemente der Charakterisierung von Romanfiguren. S. 1.

[2] vgl. Freud, Sigmund: Darstellungen der Psychoanalyse. S. 84 ff.

[3] vgl. Bran, Friedrich: Hermann Hesse und die Religion. S. 67: „Zutiefst schockiert wandten sich manche seiner Bewunderer von ihm ab, begeistert begrüßten es andere.“

[4] vgl. Aristoteles. Poetik. S. 47 ff.

[5] vgl. von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur: „direkte“ und „indirekte Charakterisierung“.

[6] Esselborn-Krumbiegel: Der „Held“ im Roman. S. 139.

[7] Nünning, Vera: S. 130 ff.

[8] Seitenzahlen in Klammern beziehen sich fortan auf die Primärausgabe des Steppenwolfs (s. Literaturverzeichnis)

[9] Esselborn-Krumbiegel: Hermann Hesse. Der Steppenwolf. S. 39.

[10] siehe dazu Kapitel „Inszenierung der Figuren“

[11] vgl. Daten deutscher Dichtung: hier wird Hesse mit dem Steppenwolf als Teil der „Gegenströmungen zum Naturalismus“ und mit Narziss und Goldmund als Repräsentant der „Verlorenen und verbürgten Wirklichkeit“ bezeichnet.

[12] Esselborn-Krumbiegel: S. 7.

[13] vgl . The Norton Anthology of American Literature: S. 1587 ff.

[14] Karalaschwili, Reso: S. 34.

[15] vgl. Daten Deutscher Dichtung; z.B. Theodor Fontanes Effie Briest: „Entgültige Wendung von der äußeren Gesellschaftsschilderung zur Seelendarstellung.“ S. 457.

[16] Kleine, Gisela: Zwischen Welt und Zaubergarten. S. 14.

[17] Waßner, Hermann: Über die Bedeutung der Musik in den Dichtungen von Hermann Hesse. S. 53.

[18] ebd.

[19] vgl. Fink, Eugen: Metaphysik der Erziehung im Weltverständnis von Plato und Aristoteles.

[20] Waßner: S. 54.

Details

Seiten
43
Jahr
2008
ISBN (Buch)
9783640262410
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121890
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Analyse Hauptcharaktere Hermann Hesses Steppenwolf

Autor

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Titel: Analyse der Hauptcharaktere in Hermann Hesses 'Steppenwolf'