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Schattenwelten - Kulturelle und soziale Strukturen des Rotlichtbezirks von Lahore, Pakistan

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 19 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung und Abgrenzung

2. Die Position der Prostitution in der pakistanischen Gesellschaft
2.1 Kurzer geschichtlicher Abriss
2.2 Heutige Stellung der Hera Mandi

3. Prostitution und Kaste in der Hera Mandi
3.1 Kanjar: Die Unterhaltungskünstler
3.2 Mirasi: Die Musiker
3.3 Like Oil and Water: Relationen zwischen Kanjar und Mirasi

4. Die Lebenswelt der Hera Mandi
4.1 Organisation des Arbeitslebens
4.2 Die Definition des sozialen Status`

5. Geschlechterverhältnisse der Kanjar in der Hera Mandi
5.1 Die gesellschaftliche Position der Männer
5.2 Die begrenzte Freiheit der Frauen

Quellenverzeichnis

1. Einleitung und Abgrenzung

In der westlichen Welt versteht man unter Prostitution die "gewerbsmäßige Ausübung sexueller Handlungen"[1]. Wir betrachten Prostitution in erster Linie als etwas, in das Frauen (und in zunehmendem Maße auch Männer) aufgrund finanzieller oder auch psychologischer Perspektivlosigkeit "hineingeraten", oder, schlimmer noch, zu dem sie gezwungen werden.

Auch gehen wir davon aus, dass der (temporäre) Verkauf des eigenen Körpers tiefe seelische Narben hinterlässt, die sich kaum wieder tilgen lassen. Prostitution steht in der gesellschaftlichen Hierarchie auf einer der untersten Stufen. "Sexarbeiter" erregen unser Mitleid, unsere Verachtung, auch: die Faszination des Verbotenen. Wenig vorstellbar ist in unserer vom Determinismus der Rationalität geprägten Denkart, dass Prostitution an anderen Orten vollkommen andere Implikationen beinhaltet, dass sie strengen Regeln folgt, die sich statt am Gesetz am Ritual, an der Tradition statt am Preis orientieren.

In Südasien ist Prostitution kein hohler Körper, kein Konstrukt, das allein dem Broterwerb dient, sondern vielmehr die Ausübung der Liebeskunst im eigentlichen Sinne des Wortes: Sie bedeutet das Vereinen von Körperlichkeit mit der Ausübung der Unterhaltungskunst. So sind Tanz, Gesang, Poesie und gewerbsmäßige Sexualität in Südasien seit Jahrtausenden eng miteinander verknüpft: "The nexus between prostitution and the performing arts is as old as prostitution itself."[2] Die Ausübung der Liebeskunst beschränkt sich somit nicht auf bloße Körperlichkeit, sondern ist sowohl Träger zahlreicher kultureller Besonderheiten als auch weiblicher Selbstausdruck. Als Beispiel dafür werde ich in der vorliegenden Arbeit das Prostitutionssystem in Lahore, Pakistan, untersuchen.

Prostitution war und ist in Pakistan unsichtbar. Das Geschäft mit dem Körper findet im Verborgenen statt, in einer Schattenwelt, die eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten gehorcht und deren Realität wenig mit der der übrigen pakistanischen Gesellschaft zu tun hat. In Lahore, gelegen im westlichen Bundesstaat Punjab, bewegt sich die Prostitution nicht nur innerhalb gesellschaftlicher, sondern auch geographischer Grenzen: Sie spielt sich praktisch ausschließlich innerhalb eines Bazars im Nordwesten der ummauerten Altstadt ab, der als Hera Mandi oder auch Shahi Mohalla bekannt ist. Wörtlich übersetzt bedeutet Hera Mandi "Diamanten Markt", obwohl dort nie Edelsteine zum Kauf angeboten wurden. Mit "Diamanten" sind vermutlich vielmehr die Prostituierten gemeint, die hier ihrer Arbeit nachgehen.

Prostitution gilt als universales Phänomen, das sich durch alle Zeiten hinweg in beinahe jeder Gesellschaft findet – mit regional sehr unterschiedlichen Konnotationen, Bewertungen, Ausübungsformen und Regeln. Für die Ethnologie kann die Untersuchung der Prostitutionssysteme verschiedener Gesellschaften somit überaus aufschlussreiche Informationen liefern und – genau wie andere in allen Kulturen vorkommenden Merkmale, wie beispielsweise das Inzesttabu oder der Glaube an die Existenz einer menschlichen Seele - sinnvolle Informationen bereitstellen, um kulturelle Gemeinsamkeiten oder Unterschiede verschiedener Gesellschaften miteinander in Beziehung zu setzen.[3] „Ethnographies are useful for taking one aspect of a society as a window into the larger system.“[4]

Ich möchte in der vorliegenden Arbeit die verborgene Kultur der Hera Mandi untersuchen und, neben der Darstellung des Alltagslebens ihrer Bewohner, kulturelle sowie soziale Besonderheiten herausarbeiten. Es geht mir dabei vor allem darum, soziale Ordnungsmuster aufzuzeigen, die das Leben in solchen Bereichen ordnen, in denen keine staatliche Regulierung herrscht – wie im Falle der Prostitution. Dabei beziehe ich mich hauptsächlich auf die 2001 erschienene Studie "Taboo! The Hidden Culture of a Red Light Area" der pakistanischen Soziologin und Frauenrechtlerin Fouzia Saeed, die die erste wissenschaftliche Untersuchung in der Hera Mandi darstellt. Daraus geht hervor, dass sich das Prostitutionsgeschäft an Vorgaben von Kaste, Klasse, Ethnie, Familie und, vor allem, Tradition orientiert. Saeed setzt den Fokus ihres Buches auf genderpolitische Aspekte und ordnet die Prostitution und den Umgang damit in den gesamtgesellschaftlichen Kontext ein. Sie sieht in ihr einen Gegenpol zur patriarchalen Ordnung, eine Form der Rebellion gegen religiöse und soziale Zwänge.[5]

Nach Saeed wagte auch die britische Soziologin Louise Brown die Reise in den als äußerst gefährlich verschrienen Bezirk. Ihr darauf basierendes Buch "Maha, die Tänzerin. Meine Reise in die Welt eines orientalischen Rotlichtbezirks" stellt meiner Ansicht nach allerdings eher eine literarische Aufarbeitung persönlicher Erlebnisse dar als eine wissenschaftlich fundierte Studie, in dem sich keinerlei mit empirischen oder qualitativen Methoden der Kultur- und Sozialanthropologie gewonnenen Ergebnisse finden.

Die schwierige Quellenlage ist vermutlich nicht zuletzt auf die Tabuisierung der Prostitution im Allgemeinen zurückzuführen. Als Saeed, die einen angesehen Posten im Kultusministerium in Islamabad innehatte, ihre Forschung begann, ging ein entrüsteter Aufschrei durch die Presse. Sie berichtet in ihrem Buch, wie sie sich über zahlreiche Widerstände seitens ihrer Kollegen, Vorgesetzten, Familie und der Öffentlichkeit hinwegsetzen musste, die ihr Vorhaben nicht nur für überflüssig, sondern auch für gefährlich hielten. Gefährlich nicht nur im physischen Sinne, sondern auch insofern, dass sie einen gesellschaftlichen Bereich thematisierte, der im kollektiven Bewusstsein schlichtweg nicht vorhanden war und sein sollte[6]. In Pakistan folgt die Prostitution vor allem einer Regel: Man tut es, man spricht aber nicht darüber.

2. Die Position der Prostitution in der pakistanischen Gesellschaft

2.1 Kurzer geschichtlicher Abriss

Religiöse Prostitution, bei der der Sexualakt einem sakralen Zweck dient, hat in Indien und damit auch im Punjab eine lange Tradition. Seit circa 1000 v. Ch. geben schriftliche Quellen Auskunft über die Existenz der Prostitution oder vielmehr dem Kurtisanentum in Indien. Ebenso früh geriet sie in Verruf: Bereits der hinduistische Gesetzgeber Manu verdammte die Prostitution in seinen Schriften und legte damit den Grundstein für eine fortwährende, Grenz- und Religionsübergreifende Diffamierung auf dem indischen Subkontinent.[7] Mit der Eroberung Nordindiens durch die Perser im 16. Jahrhundert und der anschließenden Etablierung des Mogul-Reiches erfuhr die Prostitution eine leichte Aufwertung und Annerkennung als Kunstform, was vermutlich nicht zuletzt damit zusammenhing, dass die Prostituierten nur für die herrschende Klasse, die Aristokratie also, und zum Teil für das Militär arbeiteten und selber nicht selten der Oberschicht entstammten.

Der Mogul Akbar, der von 1556 bis 1605 in Nordindien herrschte, führte Gesetze zur Regulation der Prostitution ein, „to ensure some balance between the interests of the state on the one hand and those of the prostitute and the customer on the other hand”.[8]

Im Kolonialreich der Briten wurde diese Praxis der „irregulären Regulation“ beibehalten, und auch wenn die Prostitution niemals als Gewerbe anerkannt wurde, so wurde

der Besuch eines Bordells eher als eine Lasterhaftigkeit als ein wirkliches Verbrechen betrachtet. Mit der Herrschaft der Europäer veränderten sich die kulturellen und sozialen Werte, so dass die Prostitution, die im Mogulreich eine gewisse Anerkennung als Kunstform genossen hatte, zum bloßen Sexgeschäft verkümmerte – zumindest in ihrem Ansehen. Tatsächlich gelang es, innerhalb des geschlossenen Systems, in welchem sich die Prostitution von jeher abspielte, die Tradition von Tanz und Gesang aufrechtzuerhalten.[9]

Die Teilung des Punjabs nach Abzug der Briten und die daraus resultierende Staatsgründung Pakistans 1947 als explizit muslimisches Land hatte für die Prostitution die faktische Illegalität zur Folge: Prostitution wird in Pakistan heute mit Gefängnis- oder Todesstrafe geahndet – zumindest offiziell. Das Gesetz gilt für Freier und Prostituierte gleichermaßen. Dennoch, so I.A. Rehmann im Vorwort zu Saeeds Studie, habe sich für die Prostituierten bezüglich ihrer gesellschaftlichen Position wenig geändert: „The rajas have been replaced by politicians, who are comparatively much lower on the cultural scale, more interested in sexual gratification, and less capable of valuing prostitutes for skill in essential performing arts.”[10] Die eigentliche Veränderung besteht somit nicht in größerer staatlicher Repression oder einem verminderten Status innerhalb der Gesamtgesellschaft, sondern vielmehr in einem allgemeinen kulturellen Niedergang, der auf der Fokussierung auf das bloße Geschäft mit dem Körper unter Beiseitelassen aller kulturellen Raffinessen fußt.

2.2 Heutige Stellung der Hera Mandi

Die Bewohner der Hera Mandi sind an staatliche Unterdrückung gewöhnt. Nichtsdestotrotz empfinden sie diese als ungerecht, da sie sich selbst nicht als Angehörige einer Minderheit, sondern als pakistanische Staatsbürger und gute Muslime betrachten, die Steuern zahlen und dementsprechende Rechte genießen sollten. Die Realität sieht allerdings anders aus: Die Prostitution spielt sich wie gesagt im Verborgenen ab, sie steht außerhalb der Gesellschaft und ist damit vollkommen rechtlos. Die Arbeitszeit ist gesetzlich stark eingeschränkt: Nur von 23 bis 1 Uhr morgens darf dem Prostitutionsgeschäft nachgegangen werden.[11] Hinzu kommen regelmäßige Razzien und (oftmals ungerechtfertigte) Verhaftungen von Mohalla-Bewohnern durch die Polizei, die die herrschende Rechtlosigkeit zur Überschreitung ihrer Kompetenzen missbraucht.[12]

Wenn die kothas, was man im weitesten Sinne als „Bordell“ übersetzen kann, um ein Uhr schließen, kommen Saeeds Informanten zufolge die „wirklichen“ Kunden: hochkarätige Politiker und andere Mitglieder der pakistanischen Oberschicht, die, protegiert von der Polizei, ihre Geliebten aufsuchen. In der Tradition der südasiatischen Prostitution ist es durchaus üblich, einen Langzeit-Liebhaber zu haben – ähnlich wie bei den japanischen Geishas geht es nicht vordergründig darum, Sex für eine Nacht zu verkaufen. Vielmehr ist es das erklärte Ziel jeder Prostituierten, eine möglichst ertragreiche Langzeitverbindung mit einem möglichst reichen respektive angesehenen Mann einzugehen, der, so lange die Beziehung Bestand hat, einen monatlichen Betrag zahlt und dafür exklusive Rechte an seiner Geliebten genießt.[13] Bei der Prostitution im Punjab handelt es sich traditionell eher um ein Kurtisanentum, dessen Etablierung vor allem auf die Zeit der Mogul-Ära zurückgeführt wird. Die höchste Klasse der Kurtisanen, tawaifs genannt, waren hochgebildete Künstlerlinnen, die Gesang und Tanz perfekt beherrschten und hohes Ansehen genossen. Man kann sie nicht als Prostituierte klassifizieren, da ihr Beruf wesentlich mehr von ihnen verlangte (und bis heute verlangt) als das bloße Anbieten sexueller Dienstleistungen.[14]

Die Besucher, die die Hera Mandi nach ein Uhr morgens aufsuchen, müssen sich nicht an die Geschäftszeiten halten, um sich ein Mädchen auszusuchen. In der entspannten Atmosphäre des Rotlichtmilieus werden Saeed zufolge wichtige politische Entscheidungen getroffen und Geschäftsverbindungen geknüpft: „It`s a place where the powerful relax“, schreibt sie.[15]

[...]


[1] http://lexikon.meyers.de/meyers/Prostitution

[2] vgl. Saeed 2001, foreword viii

[3] vgl. dtv-Atlas Ethnologie 2005, S. 149

[4] Saeed 2001, preface xix

[5] Saeed 2001, foreword viii

[6] vgl. Saeed 2001, S.13 ff

[7] vgl. Saeed 2001, foreword xii

[8] Saeed 2001, foreword xi

[9] vgl. Saeed 2001, foreword xiii

[10] Saeed 2001, foreword x

[11] vgl. Saeed 2001, S.11

[12] vgl. Saeed 2001, S. 77

[13] vgl. Saeed 2001, S.196

[14] vgl. Saeed 2001, S.143

[15] Saeed 2001, S.95

Details

Seiten
19
Jahr
2008
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121882
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
Schattenwelten Kulturelle Strukturen Rotlichtbezirks Lahore Pakistan Ethnographie Punjab

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