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Hugo Balls Karawane als Unterrichtsgegenstand

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 21 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Gliederung

1. Dadaistische Lyrik im Unterricht - Vorüberlegungen
1.1. Behandlung von Lyrik im Unterricht
1.2. Geschichtlicher Hintergrund und epochale Einordnung
1.3. Hugo Ball und das Lautgedicht als Ausdruck des Protestes
1.4. Berücksichtigung des Lehrplans und Beschreibung der Lernziele

2. Hugo Balls „Karawane“ als Lerngegenstand
2.1. Skizzierter Unterrichtsversuch
2.2. Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge
2.3. Exkurs: Fächerübergreifende Ansätze für den Musik- und Sportunterricht

3. Schlussgedanke

4. Anhang
4.1. Literaturverzeichnis
4.1.1. Primärliteratur
4.1.2. Sekundärliteratur
4.1.3. Internetadressen
4.2. Abbildungsverzeichnis

1. Dadaistische Lyrik im Unterricht - Vorüberlegungen

1.1. Behandlung von Lyrik im Unterricht

Bevor man sich im Sekundarstufenbereich I und II mit Lyrik befasst, sollte man als Lehrer einige wichtige Überlegungen anstellen. Unter dem Aspekt, dass die Schüler sich wahrscheinlich zum letzten Mal mit lyrischen Texten auseinandersetzen werden,[1] ist es besonders wichtig, die Unterrichtsplanung zukunftsorientiert im Sinne eines Unterrichts anzusetzen, von dem die Schüler auch im außerschulischen Bereich weiter zehren können. Das Wecken von längerfristigem Interesse und die Motivation zur Behandlung von Lyrik steht dabei im Vordergrund.[2]

Da das Gedicht „Karawane“ in einer 10. Klasse unterrichtet wird, sind entwicklungspsychologische Aspekte besonders zu berücksichtigen. Während Kinder im Grundschulalter bis etwa zum 13. Lebensjahr noch eine große Freude am spielerischen Umgang mit der Lyrik haben, nimmt dieses Vergnügen und auch der geschärfte Sinn für klangliche Raffinessen mit dem Beginn der Pubertät deutlich ab.[3] Die Schüler können in der 10. Klasse oft wenig mit Lautgedichten anfangen, weil diese für sie augenscheinlich keinen Sinn ergeben. Bedingt ist dies durch die Tatsache, dass die Jugendlichen sich während der Pubertät in einem Umbruch und auf der Suche nach neuer Orientierung befinden. Sie müssen selbständig lernen, Ihren Körper zu akzeptieren, unabhängig zu werden und sich ein eigenes Wertesystem aufzubauen.[4]

Man sollte daher als Lehrer nicht abweisend reagieren, wenn die Schüler nicht sofort einen Zugang zu dadaistischen Lautgedichten finden. Durch Unterrichten im kontextuellen Zusammenhang ist es vielmehr wichtig, sie bei der Suche nach dem Sinn der lyrischen Texte unter Berücksichtigung der Zeitgeschichte dabei zu unterstützen.

1.2. Geschichtlicher Hintergrund und epochale Einordnung

Dada ist eine neue Kunstrichtung. Das kann man daran erkennen, daß bisher niemand etwas davon wusste und morgen ganz Zürich davon reden wird. Dada stammt aus dem Lexikon. Es ist furchtbar einfach. Im Französischen bedeutets Steckenpferd. Im Deutschen: Addio, steigt mir bitte den Rücken runter, auf Wiedersehen ein ander Mal! Im Rumänischen: Ja wahrhaftig, Sie haben Recht, so ist es. Jawohl, wirklich. Machen wir. Und so weiter.

Ein internationales Wort. Nur ein Wort und das Wort als Bewegung.[5]

Will man das Lautgedicht „Karawane“ von Hugo Ball in einer 10. Jahrgangstufe am Gymnasium zum Unterrichtsgegenstand machen, sollte man sich unbedingt darüber informieren, welche Vorkenntnisse die Schüler auf diesem Gebiet bereits mitbringen. Es sind Fragen zu klären, weshalb sich Künstler wie Hugo Ball, Hans Arp, Richard Hülsenbeck, Tristan Tzara und Marcel Janco gerade unter dem Namen „Dada“ während dieser Epoche in Zürich zusammengefunden haben.[6]

Obwohl man davon ausgehen darf, dass sich die Schüler bereits im Geschichtsunterricht mit dem Ersten Weltkrieg und der Zeitgeschichte um 1916 eingehend befasst haben, ist die kurze Erläuterung der neutralen Stellung der Schweiz während der zwei Weltkriege zum Textverständnis besonders wichtig und sollte daher nicht als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden.[7]

Besondere Beachtung verdient bei der Erklärung des Epochenbegriffs vor allem die Suche nach geeigneter Zeitliteratur, weil die in der Schule verwendeten Literaturgeschichten leider oft fehlerhaft sind.[8] Das Verständnis einiger Dadaismus-Kapitel setzt beispielsweise eine extensive Behandlung des Expressionismus voraus.[9]

1.3. Hugo Ball und das Lautgedicht als Ausdruck des Protestes

Auch der biographische Hintergrund Hugo Balls muss näher erläutert werden. Nur dadurch kann eine sinnvolle Auseinandersetzung mit seinem Lautgedicht stattfinden. Es ist interessant zu wissen, dass Hugo Ball zusammen mit Wassily Kandinsky 1914 in München ein Projekt zum expressionistischen Theater in Angriff genommen hat. Es sollte eine Mischung der Bereiche Kunst, Musik und Sprache mit dem Titel „Das neue Theater“ entstehen. Dieses Vorhaben scheiterte aber durch den beginnenden Ersten Weltkrieg.[10] 1916 griff Hugo Ball diesen Gedanken im Cabaret Voltaire in Zürich später wieder auf.[11]

Auch die Art und Weise, wie der sehr religiöse Hugo Ball seine Gedichte vorgetragen hat, sind für die Schüler zum Erschließen des Kontextes von großer Bedeutung. So waren z.B. die Vorführungen stets begleitet von „pantomimischer, tänzerischer oder instrumenteller Untermalung.“[12] Dazu schmückte man die Wände mit Collagen und trug meist kubistische Masken.[13]

Besonderes Augenmerk verdient es, die Schüler dafür zu sensibilisieren, worum es sich bei Lautgedichten handelt und was Hugo Ball selbst darunter verstanden hat; nämlich „eine neue Gattung von Versen […], Verse ohne Worte“.[14] Dabei darf wiederum der historische Kontext nicht außer Acht gelassen Acht gelassen werden. Hugo Ball, der aus Protest gegen die Initiatoren des Ersten Weltkrieges 1915 in die neutrale Schweiz nach Zürich emigrierte, zeigte diese Protesthaltung auch in seinen Lautgedichten.[15] Er bezeichnet sie als „[…] extrem gemeinte humane Antithese zum herrschenden Repertoire seiner Zeit“.[16] Damit lehnte er sich gegen eine Sprache auf, die aus seiner Sicht keine Individuelle mehr ist, sondern vielmehr ein „gesellschaftliches Phänomen“, das vom Einzelnen nur im stetigen Austausch mit anderen aufgebaut werden kann.[17] Er spricht auch von der „vermaledeiten[n] Sprache, an der Schmutz klebt“.[18]

Die Schüler müssen also darauf hingewiesen werden, dass Lautgedichte teilweise so weit von der Muttersprache entfernt sind, dass manchmal vertraute Worte nur noch im Titel selbst zu finden sind. Wie in dem Gedicht „Karawane“ kann dabei eine völlig neue Sprache entstehen. Es ist dann von besonderer Bedeutung, auf die Assoziationen hinzuweisen, die zwischen Titel und Text bestehen. Bei näherer Betrachtung des Textes lassen sich nämlich durchaus nur leicht verfremdete Formen deutscher Worte erkennen. So wecken z.B. die Wortklänge „jolifanto“, „grossiga“ und „russula“ in Verbindung mit dem Titel „Karawane“ durchaus Gedankenverknüpfungen zu „Elefant“, „groß“ und „Rüssel“.[19] Damit die Schüler und Schülerinnen also die ganze Bedeutung des Gedichtes erfahren können, muss das Gedicht sowohl unter historischen, epochalen wie auch biografischen Aspekten betrachtet werden.

1.4. Berücksichtigung des Lehrplans und Beschreibung der Lernziele

Wenn man dadaistische Lyrik im Unterricht einsetzen möchte, sollte als weitere Überlegung auf jeden Fall der Lehrplan und der Wissenstand der Klasse berücksichtigt werden. Bei unserem Unterrichtsversuch mit dem Lautgedicht „Karawane“ haben wir dafür eine 10. Klasse am Gymnasium ausgewählt.

Was den Deutschunterricht angeht, kann man davon ausgehen, dass sich die Schüler bereits mit Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt haben. Sie sollten bereits das Informieren, Argumentieren und Vortragen sicher beherrschen, was für die spätere Gruppenarbeit wichtig werden wird.

Im Kunstunterricht wurden bereits Bilder und Informationen zu Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts behandelt. Die Schüler können deshalb wahrscheinlich bereits den „Dadaismus“, „Futurismus“, „Kubismus“ und „Expressionismus“ von einander abgrenzen. Konkret zu „Dadaismus“ gab es bereits vier bis fünf Einführungsstunden im Kunstunterricht, in denen den Schülern Informationen über die Begriffe „Dada“, „Erster Weltkrieg“ und das „Cabaret Voltaire“ übermittelt wurden.

Aufgabe der Deutsch-Lehrkraft ist es nun, die historischen Zusammenhänge zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Emigration von Schriftstellern und Künstlern herauszustellen, sowie auf die verschiedenen avantgardistischen Ausdrucksformen wie beispielsweise Collagen, Poème simultan[20], Tänze, usw. einzugehen. Dieses Darstellen des historischen Kontextes ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil diese Informationen den Schülern ein leichteres Verständnis der politischen Dimension des Textes ermöglichen.

Obwohl durch die Behandlung von dadaistischen Lautgedichten lustige oder verständnislose Reaktionen seitens der Schüler kaum vermieden werden können, hilft Ihnen die detaillierte Behandlung mit dem Text zu einem neuen Verständnis des Begriffs Sprache und es gelingt ihnen vielleicht mehr zu erkennen, als nur komisch klingende Lautfolgen.

Da die Schüler bereits Erfahrungen im Arbeiten in Gruppen gesammelt haben, bietet sich diese Sozialform besonders zur Behandlung in unserem Unterrichtsversuch an. Auf diese Weise können die Schüler gemeinsam oder in Gruppenarbeit versuchen die Aufgaben zusammen zu lösen. Das steigert die Motivation zum Thema besonders.

Als Lernziele für unseren Unterrichtsversuch sind vor allem die Beschäftigung mit dem Begriff „Dada“, dem Autor „Hugo Ball“ und dem „Lautgedicht“ von Interesse. In diesem Bereich sollen die bereits vorhandenen Kenntnisse vertieft werden.

Ferner soll die Kreativität der Schüler gefördert werden. Dazu eignet sich das Gedicht „Karawane“ besonders, da man zum Denken nach neuen Möglichkeiten angeregt ist. Die Lösung ist nicht auf Anhieb zu finden, sondern ein „Problemlösen“ ist notwendig. In unserem Unterrichtsversuch gibt es nicht nur eine Lösung, sondern mehrere Möglichkeiten sind vorstellbar.

Außerdem sollen die Schüler lernen in einer Gemeinschaft zu arbeiten. Dadurch können auch schwächere Schüler und Schülerinnen mit einbezogen werden, wodurch die Chancengleichheit bewahrt wird. Schließlich lernen Sie dabei Ihre Kenntnisse im Bereich Textverständnis, Exzerpieren und Vortragen weiter zu vertiefen.

[...]


[1] Vgl.: Stocker: Wege zum kreativen Interpretieren, S. 39

[2] Vgl.: Ebd.

[3] Vgl.: Spinner: Umgang mit Lyrik, S. 19

[4] Vgl.: Gudjons: Pädagogisches Grundwissen, S. 129

[5] Hugo Ball: Eröffnungs-Manifest, 1. Dada-Abend, Zürich – 19.07.1916

[6] Vgl.: Ebd.

[7] Vgl.: Kiefer: Dada, Konkrete Poesie, Multimedia, S. 26

[8] Vgl.: Ebd.., S. 26 f.

[9] Vgl.: Kiefer: Dada, Konkrete Poesie, Multimedia, S. 26

[10] Vgl.: Van Rinsum: Interpretationen Lyrik, S: 296

[11] Vgl.: Ebd.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd., S. 297

[15] Vgl. Helmers: Lyrischer Humor, S .45

[16] Ebd.

[17] http://www.jolifanto.de/karawane/karawane.htm, vom 23.04.2007

[18] Ebd.

[19] Vgl. Ebd.

[20] Vgl.: Tagebuch Hugo Ball, Interpretation zu: Poème simultan: […] handelt vom Wert der Stimme.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640266432
ISBN (Buch)
9783640266678
Dateigröße
825 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121872
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsche Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Hugo Balls Karawane Unterrichtsgegenstand Dada Didaktik

Autor

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Titel: Hugo Balls Karawane als Unterrichtsgegenstand