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Systemtheoretische Betrachtung des Erziehungssystems und des sozialen Hilfssystems der Gesellschaft unter Berücksichtigung auftretender Konfliktfelder

Studienarbeit 2008 35 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1 Einleitung

2 Allgemeiner systemtheoretischer Teil
2.1 Systemtheoretischer Rahmen
2.2 Differenzierung sozialer Systeme
2.2.1 Funktionssysteme
2.3 Autopoiesis als grundlegender Richtungswechsel

3 Das Erziehungssystem der Gesellschaft
3.1 Sozialisation als Differenzierungsmerkmal zur Erziehung
3.2 Grundverständnis der Erziehung
3.3 Erziehung als soziales System
3.4 Konstitutive Merkmale des Erziehungssystems

4 Das soziale Hilfesystem der Gesellschaft
4.1 Grundverständnis und Code
4.2 Verbindungen zu anderen Systemen
4.3 Zur Funktion des Systems
4.4 Programm des sozialen Hilfesystems

5. Praktische Probleme im Erziehungssystem
5.1 Zwischen ökonomischen Nutzen und persönlicher Entwicklung
5.1.1 Der zunehmende Zeitrahmen schulischer Erziehung
5.2 Probleme im Interaktionssystem Unterricht
5.3 Sozialpädagogischer Eingriff
5.4 Konflikte in der Zielstellung schulischer Bildung
5.5 Einfluss sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse in der Pädagogik
5.6 Der pädagogische Takt
5.7 Zwischen Zwang und Autorität

6 Resümee

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang

9 Erklärung

1 Einleitung

Unter Berücksichtigung des systemtheoretischen Kontextes nach Niklas Luhmann soll in dieser Studienarbeit Bezug auf zwei Funktionssysteme der Gesellschaft genommen werden. Aufgrund persönlichen Interesses werden in der Folge auf die gesamtgesellschaftliche Pädagogik des Erziehungssystems und ihre Verflechtungen und Konfliktpunkte mit dem sozialen Hilfesystem der Gesellschaft eingegangen. Da das Erziehungssystem weit mehr umfasst, als die organisational-verwaltete Erziehung in der Schule, soll an dieser Stelle angemerkt werden, dass sich der Schwerpunkt der Arbeit auf die pädagogische Bildung in diesem Rahmen bezieht. Es wurde bereits längst erkannt, dass die Schule nicht ausschließlich als Bildungseinrichtung dienen kann, sondern dass ihr ebenso ein Erziehungsauftrag zukommt. Aus dieser Erkenntnis heraus, sind im Laufe der schulgeschichtlichen Entwicklungen bereits einige Erneuerungen im Bildungssystem von statten gegangen: die Entwicklung weg von Frontalunterricht und hin zu gruppenpädagogischen und selbstbestimmten Übungen, die Entstehung von Schulsozialarbeit, der erhöhte Pädagogikanteil im Studium der jüngsten Lehrergenerationen, individuelle und bedürfnisangepasste Schulformen (z.B. Waldorfschulen, Montessori-Konzepte usw.). Allerdings zeigt sich auch, dass die gesellschaftliche Entwicklung in einem scheinbar viel schnelleren Maße fortschreitet. Dieses hat gemäß der Individualisierungsthese nach Beck nicht ausschließlich positive Folgen. Zwar entstehen immer mehr Möglichkeiten für den Einzelnen, seinen Horizont zu erweitern, sich aus der „Optionsflut die Rosinen herauszupicken“ und somit ein selbstbestimmtes, liberalistisches und flexibles Leben zu führen. Jedoch muss auch hier die zweite Seite der Medaille gesehen werden. Ein großer Teil der Bevölkerung fühlt sich mit dieser Informations- und Optionsflut überfordert und kann der Individualisierung folglich nur Sach- und Entscheidungszwänge als Last entnehmen. Beck spricht hier von „Riskanten Freiheiten“, wenn er die größere Autonomie und die erweiterten Handlungsoptionen mit den strukturellen Zwängen in Relation setzt. (Vgl. Berger 1996: 51ff.; Peuckert 2008: 326ff.)

Vermehrt zeigt sich daher, dass das stark tradierte, staatliche Schulsystem, trotz ansatzweiser Versuche, nicht mehr in vollem Umfang der ganzen Bandbreite an sozialen Problemlagen und erzieherischen Defiziten gegenüberstehen kann, ohne deren Auswirkungen in der Bildung zu spüren. Schlagworte, wie „PISA-Studie“, „Schulaversion“, „Gewalt in der Schule“, „ADHS-Welle“ und „Zeitmangel der Lehrkräfte“, sind in nahezu jeder pädagogischen Diskussion zum Thema Schule anzufinden. Fokus dieser Arbeit soll es somit sein, die Grundlagen dieser Problemfelder aus systemtheoretischer Perspektive zu durchleuchten und mögliche Zugänge und Ansätze aufzuzeigen. Dabei werden die nachfolgenden Fragestellungen zur Bearbeitung hilfreich sein:

„Wie sind die Systeme, Erziehungssystem und soziales Hilfesystem, inhaltlich und charakteristisch aufgebaut?“, „Welchen speziellen Codes und Programmen folgen sie?“, „Wo liegen die Schnittpunkte dieser zwei Funktionssysteme?“, „Welche Probleme können hierbei auftreten?“, „Wie kommt es aus systemtheoretischer Sicht zu diesen Konfliktfeldern?“, „Welche Bemühungen, Ansätze und Ideen bestehen bereits, die diese Probleme grundlegend zu bearbeiten versuchen?“ und „Was lässt sich aus der Analyse dieser Arbeit schließen?“.

Nachdem diese Fragestellungen der Einleitung einen roten Faden durch die Arbeit darstellen sollen, wird im Kapitel 2 kurz ein systemtheoretischer Rahmen zum besseren Verständnis des Themas aufgezeigt. Desweiteren wird im Kapitel 3 auf das Erziehungssystem der Gesellschaft genauer Bezug genommen. Darauf folgend wird die soziale Hilfe als Funktionssystem im vierten Kapitel analysiert, wonach im darauffolgenden Kapitel die Verflechtungen und Konfliktpunkte dargestellt werden. Abschließend erfolgt im Schlusskapitel ein kritisches Resümee.

2 Allgemeiner systemtheoretischer Teil

2.1 Systemtheoretischer Rahmen

Niklas Luhmann hat mit seiner Systemtheorie ein bis dahin neues, in der Art noch nicht vorhandenes Beobachtungsschema der Gesellschaft entwickelt, an dem er letztlich insgesamt fast 30 Jahre gearbeitet hat. Er selbst versteht sein Gesamtwerk sozialer Systeme als „Beitrag zur Selbstbeschreibung der Gesellschaft“ (Luhmann 1992: 137). Die „moderne“ Gesellschaft, in der eine funktionale Ausdifferenzierung in verschiedene Systeme und Subsysteme stattfindet. Dabei stellt er fest, dass er selbst nicht als äußerer Beobachter fungiert, da jeder ein Teil der Gesellschaft ist. Resultierend gelangt er zu dem Schluss einer „paradoxen Ausgangslage mit großen Konsequenzen“ (Berghaus 2004: 16). Er greift die Arbeiten Gotthard Günthers auf, der sich überlegt hat, ob es denkbare Möglichkeiten gibt, „eine Welt zu beschreiben, die sich selbst nicht reflektieren kann, aber eine Mehrheit an Reflexionszentren enthält“ (Luhmann 2005a: 17). Luhmanns Theorie beinhaltet somit „eine Beschreibung über die Gesellschaft in der Gesellschaft“ (Berghaus 2004: 16; vgl. Luhmann 1992: 137ff.). Da dieses ein sehr weitgefächertes, facettenreiches und durchaus breites Vorhaben darstellt, wählt er den Weg der „Reduktion von Komplexität“. „Reduktion von Komplexität bezeichnet die zentrale Funktion von Systemen, die Gesamtheit der in der Welt möglichen Ereignisse einzuschränken.“ (Kneer/Nassehi 1993: 46) Luhmann verallgemeinert und standardisiert seine Aussagen der gesellschaftlichen Beschreibung soweit, dass sie die Gesellschaft als Ganzes umfassen. Um die Relevanz und die Validität zu überprüfen, bricht er seine Theorie auf die einzelnen Sub- bzw. Funktionssysteme herunter und wendet sie an dieser Stelle an. Er reduziert somit die Komplexität seiner sozialen Systeme und erhebt den Anspruch, dass sie universell sei, d.h. „den gesamten Bereich der Wirklichkeit abzudecken“ (Berghaus 2004: 25). Luhmann unterteilt die „Wirklichkeit“ in drei verschiedene Arten von Systemen: biologische, psychische und soziale Systeme (Vgl. Anhang 1). Dabei ist sein zentraler Untersuchungsgegenstand als Soziologe das soziale System. Aus der beobachtenden Perspektive stellen soziale Systeme die Möglichkeit dar, die Gesellschaft in ihrer Vollkommenheit zu erfassen und sie mittels funktionaler Differenzierung in Form von Subsystemen zu untergliedern. „Es gibt für sie folglich nichts Soziales, was sich nicht auf soziale Systeme zurückführen lassen könnte.“ (Hohm 2000: 17)

2.2 Differenzierung sozialer Systeme

Die sozialen Systeme unterteilt Luhmann in flüchtige Interaktionssysteme, organisierte Interaktionssysteme, formale Organisationssysteme und Funktionssysteme. Dabei stellen sie flüchtige Interaktionssysteme die Mikro- und Funktionssysteme die Makroebene dar. Auf der absoluten Mikroebene der flüchtigen Interaktionen sind die folgenden Charakteristika ausschlaggebend: unmittelbare An- und Abwesenheit, kommunikative Relevanz nur für alles anwesende (situationsbezogene Sachdimension), face-to-face-Kommunikation, kurzweiliges und normalerweise einmaliges Zustandekommen. Am Beispiel, wenn eine Person eine ihr unbekannte zweite Person nach dem Weg oder der Urzeit fragt, wird diese Form des sozialen Systems deutlich. (Vgl. Hohm 2000: 20ff.)

Die nächst höhere, systemische Ebene beschreibt die organisierten Interaktionssysteme. Bei ihnen ist zwar eine Erwartbarkeit der Anwesenheit von zentraler Bedeutung, jedoch wird eine „Kontinuität der Kommunikation unter Bedingungen der raum-zeitlichen Abwesenheit“ (Hohm 2000: ausgeschlossen. In rein zeitlicher Dimension besteht allerdings die Option der Wiederholung, so dass sie nicht grundsätzlich an Zufälligkeit ausgemacht werden kann. Der Rahmen ist von einem ursprünglichen Anfang und einem endgültigen, entweder zuvor terminierten oder offenen Ende sowie einem zwischenzeitlich, mehrmaligen Wiederbeginn geprägt. Im Gegensatz zu flüchtigen Interaktionssystemen kommt bei den organisierten Interaktionssystemen neben der oralen Sprache auch die Schrift hinzu. Ihr obliegt in diesem Zusammenhang eine Entlastungs-, Kontroll- bzw. Kritik- und thematische Steuerungsfunktion. Das letzte charakteristische Beispiel besteht darin, dass bei organisierten Interaktionen auch Rollenfunktionen von Bedeutung sein können. Die ärztliche Sprechstunde, ein Hochschulseminar, kollegiale Teamsitzungen oder Selbsthilfegruppen sind Beispiele für ein solches soziales System. (Hohm 2000: 23ff.)

Die folgende Ebene der formalen Organisationssysteme hat bereits eine solche Komplexität erreicht, dass jedes einzelne dieser Systeme relativ eindeutig einem Funktionssystem zugeordnet werden kann. So wird beispielsweise die Organisation der Hochschule dem Wissenschaftssystem zugeschrieben. Es zeigt sich, dass sie in Bezug auf ihre Umwelt eine deutlich höhere Eigenkomplexität aufweisen, als dies bei den zuvor genannten Systemen der Fall war. Aufgrund ihrer quantitativen Größe der Kommunikationsstruktur ist es möglich, dass einzelne Systemelemente ausgetauscht werden können, ohne eine direkte Folgeerscheinung im System zu bemerken. Auch eine interaktive Anwesenheit der Elemente ist somit nicht zwingend notwendig. Dieses wird an dem Beispiel anschaulich, in dem das Organisationssystem einer bestimmten Hochschule weiterhin fortbesteht, auch wenn ein bis dahin wichtiges Element, wie eine bestimmte Fakultät, entfällt. Das System ist „durch eine kommunikative Vernetzung von Entscheidungen, die an Erwartungsstrukturen orientiert sind, welche die Form von Entscheidungsprogrammen annehmen“ (Hohm 2000: 31), gekennzeichnet. Sie sind nicht mehr nur auf Nahräume, also kleinräumige Zonen beschränkt. Die verwendeten Medien dehnen sich von oraler Sprache, über die Schrift bis zu den elektronisch gesteuerten Medien aus. Bereits innerhalb dieses Systems findet eine horizontale und vertikale Differenzierung anhand der fachlichen und funktionalen Kompetenzen statt. Somit kann durch den Rang und den Rechtsstatus die Dimension der Qualifikation und der Entscheidungsmacht festgestellt werden. Um am Beispiel der Hochschule zu bleiben, besteht ein recht klares Qualifikations- und Machtgefälle zwischen einem Professor und seiner Sekretärin oder der Hauswirtschaftskraft. In den verschiedenen Organisationssystemen kommt jedoch jedem eine unterschiedliche Bedeutung des Hierarchieprinzips und des Komplexitätsgrades zu Gute. Als abschließendes Merkmal zeigt sich eine Differenz an freiwilliger und zwangsweiser Mitgliedschaft. (Vgl. Hohm 2000: 31ff.)

2.2.1 Funktionssysteme

Die Funktionssysteme der Weltgesellschaft erstellen im Beobachtungsschema Luhmanns die Makroebene der sozialen Systeme. Sie sind die Ausdifferenzierung der Handlungsbereiche, um gesellschaftliche Bezugsprobleme im entsprechenden Teilsystem zu bearbeiten. Beispielhaft erwähnt werden an dieser Stelle das Wirtschafts-, Rechts-, Wissenschafts-, Erziehungs- und Soziale Hilfesystem. Die zwei letztgenannten werden in den Kapiteln 3 und 4 erklärt und beschrieben. Bezüglich der Funktionen dieser Systeme besteht unter ihnen in dem Sinne eine Gleichheit, als „dass die moderne Gesellschaft auf keines von ihnen ohne gravierende Folgeprobleme verzichten kann.“ (Hohm 2000: 43). Hohm (2000: 43) beschreibt weiter: „Funktionssysteme sind folglich selbstsubstitutive soziale Systeme, die ihre kommunikativen Prozesse und Strukturen nur durch Eigenevolution und/oder Steuerung ersetzen können und dadurch zugleich ihre Funktionserfüllung zu steigern versuchen.“ Dabei findet eine sehr starke Grenzziehung zu den anderen Funktionssystemen statt, bei der die eigene Autonomie gewahrt werden soll und gleichzeitig ein Austauschprozess mit anderen Systemen aufrechterhalten wird. Ein „System“ beschreibt einen Kommunikationstyp, der „das System in der Gesellschaft vom Rest der Gesellschaft unterscheidet, und geeignet ist, durch rekursive Verknüpfung zu einem Netzwerk genau dieser und keiner anderen kommunikativen Operation das System zu reproduzieren.“ (Baecker 1994: 99) Ziel ist es, den evolutionären Prozess der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung mit Hilfe der eignen Funktion voranzutreiben. Man kann erst dann von einem eigenständigen Funktionssystem der Gesellschaft sprechen, „wenn bestimmte Handlungs- beziehungsweise Kommunikationszusammenhänge mit einem speziellen Sinn ausgestattet sind, der erkennbar werden läßt, daß sie eine gesamtgesellschaftliche Funktion erfüllen, die nur und ausschließlich in diesem Funktionssystem erfüllt wird.“ (Baecker 1994: 97; vgl. Kneer/Nassehi 1993: 131; Hohm 2000: 42ff.)

2.3 Autopoiesis als grundlegender Richtungswechsel

Den Denkanstoß für seine Systemtheorie und den damit verbundenen Paradigmenwechsel erhielt Luhmann durch die Biologen und Neurophysiologen H. R. Maturana und F. J. Varela, die bereits in den sechziger und siebziger Jahren die autopoietischen Grundlagen bei den biologischen Systemen darstellen. (Vgl: Kneer/Nassehi 1993: 47) Autopoiesis bedeutet hierbei, dass sich die Systeme stets selbstständig aus ihren eigenen Elementen erzeugen. „Als autopoietisch wollen wir Systeme bezeichnen, die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren.“ (Krause, 2005: 323) Bei den dynamischen, sozialen Systemen werden diese Elemente, „also ihre nicht weiter auflösbaren Letzteinheiten“ (Kneer/Nassehi 1993: 65), als Kommunikation beschrieben. (Vgl. Luhmann 2005c: 13) Die Elemente der einzelnen Systeme sind von Funktionssystem zu Funktionssystem verschieden, so bspw. bei dem Wirtschaftssystem die kommunikative Operation des Zahlens über das Medium Geld. In dieser Perspektive liegt ein weiterer zentraler Unterschied zu vorhergegangenen Theorien. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde stets der Mensch als Ganzes, als Element bzw. Fixpunkt eines Systems verstanden. Luhmann löst erstmals in der Soziologie die Einheit „Mensch“ in verschiedene Teilsysteme auf. Der Mensch ist für ihn eine strukturelle Kopplung biologischer, psychischer und sozialer Systeme, bei denen sich die Systeme jedoch gegenseitig beeinflussen können. (Vgl. Kneer/Nassehi 1993: 70f.) Mit dieser Betrachtungsweise verliert der Begriff „Mensch“ in Luhmanns Systemtheorie maßgeblich an Gewicht. Anders umschrieben konstituiert sich die Gesellschaft aus systemtheoretischer Sicht nicht anhand des Menschen (als eigenständiges und kleinstes System), sondern es wird aus Kommunikation eine Gesellschaft mit differenzierten Funktionssystemen, also sozialen Systemen, konstruiert. Hierbei verliert der Begriff Mensch für Luhmann massiv an Bedeutung. (Vgl. Berghaus 2004: 32ff.)

Soziale Systeme sind demnach „Kommunikationssysteme“. Anhand der bereits dargelegten Definition bedeutet dies, dass sie sich reproduzieren, indem sie „fortlaufend Kommunikationen an Kommunikationen anschließen“ (Kneer/Nassehi 1993: 65). Es wird deutlich, dass sich ein autopoietisches System durch sich selbst ermöglicht und dass es daher selbstreferentiell operiert. Ein System kann nur dann auf sich selbst schließen, wenn es ein Fixpunkt in seiner Umwelt wahrnehmen kann. Selbstreferenz ist somit stets an eine Fremdreferenz gekoppelt, wenn das System nicht als einziges vorhanden ist. „Jedes soziale System erzeugt seine Identität durch eine Differenz bzw. Grenzziehung zur Umwelt.“ (Hohm 2000: 17) In Luhmanns Beobachtungsmodell wird demnach zwischen System und Umwelt differenziert, bei dem „Systeme als offene Gebilde, die mit ihrer Umwelt Austauschprozesse unterhalten“ (Kneer/Nassehi 1993: 47), verstanden werden. Diese Austauschprozesse werden dabei von dem System selbst organisiert, durchgeführt und kontrolliert. Die Basis hierfür liegt wieder in der Autopoiesis des Systems. So gesehen operiert jedes dieser Systeme nur so weit mit der Umwelt, wie es selbst einen Nutzen für das Fortbestehen des eigenen Systems sieht. Die ausgetauschten Ressourcen sichern somit den Erhalt der reproduktiven Elemente. Die kausale Interdependenz der Systeme unterliegt einer strukturellen Kopplung an die Umwelt des Systems, welche jedoch die Autopoiesis selbst, also die Reproduktivitat der Elemente, nicht in ihrem Fortbestand beeinflusst. Sie verleiht der kommunikativen Operation lediglich eine Struktur. „Im Falle sozialer Systeme bezieht sie sich nicht auf die Möglichkeit, Kommunikation fortzusetzen (…), sondern nur auf die Themen der Kommunikation.“ (Luhmann 2005c 17) Auf dieser Grundlage können strukturelle Kopplungen entweder als Irritation oder als destruktiver Faktor die kommunikative Operation beeinflussen. (Vgl. Luhmann 2005c 17) Es erfolgt sozusagen ein kontingent-selektiver und codegeführter Austauschprozess mit der Umwelt. Diese Geschlossenheit mit selektivorganisierter und kognitiver Öffnung wird von Luhmann als „operative Schließung“ des autopoietischen Systems bezeichnet. (Krause 2005: 219f.) Der Code des Austauschprozesses gibt die Grenzen vor, innerhalb derer sich dieser Austausch zu einem der anderen Systeme, also einem Teilbereich der Umwelt, bildet. Im Bereich dieser Wechselbeziehung findet stets eine binäre Codierung statt, bei der die Systeme selbst „die Wahl von Codewerten programmieren“ (Krause 2005: 136). Alles, was außerhalb dieser binären Codierung der System-Umwelt-Beziehung stattfindet, verliert an Bedeutung, wird ausgeklammert und von den Scheinwerfern der sozialen Gebilde nicht erfasst. Aus der Perspektive des jeweiligen Systems wird daher im Folgenden die Beschreibung der Codierung als Leitdifferenz bezeichnet. Bezüglich der Wechselseitigkeit kommt es zu den systemischen Operationen der Inklusion und Exklusion. Hierbei werden spezifische Möglichkeiten der systemischen Koaktion in den Austauschprozess eingeschlossen, also inkludiert, und somit alle anderen Optionen ausgeschlossen (exkludiert). Jedoch werden diese exkludierten Operationen weiterhin für künftige Selektionen verfügbar gehalten (Vgl.: Krause 2005: 163). Grundsätzlich versucht das System stets, die eigene Funktion zu erfüllen, um so die Autopoiesis sicherzustellen. Dazu bedarf es entsprechenden Programmen. Dieses sind „inhaltliche Vorgaben für codegeführte (…) Operationen.“ (Krause 2005: 209). Sie stehen in einem komplementären Verhältnis zu der Leitdifferenz bzw. zu dessen binärer Codierung. So bildet das Programm des autopoietischen Systems Merkmale heraus, an dem es die Relevanz des Umweltfaktors für die Codierung festmacht. Am Beispiel des Wirtschaftssystems zeigt sich, dass anhand des Programms Preise die Leitdifferenz zahlen/nicht-zahlen für das beteiligte System von entscheidender Bedeutung ist. Je nach dem, wie das beteiligte System die Preise ansieht, entscheidet es, ob die Zahlung erfolgt oder nicht.

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Details

Seiten
35
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640431571
ISBN (Buch)
9783640431755
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121854
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim, früher: Berufsakademie Heidenheim
Note
2,3
Schlagworte
Systemtheorie Niklas Luhmann Soziologie Sozialer Arbeit

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Titel: Systemtheoretische Betrachtung des Erziehungssystems und des sozialen Hilfssystems der Gesellschaft unter Berücksichtigung auftretender Konfliktfelder