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Die Reinmar-Walther-Fehde

Trugschluss oder Tatsache? Die Thematik geprüft anhand eines literaturwissenschaftlichen Meinungsvergleiches

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 18 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Allgemeines zur Reinmar-Walther-Fehde

3. Die Meinung von Konrad Burdach

4. Günther Schweikles Ansicht

5. Ricarda Bauschkes Auffassung

6. Die drei Ansichten vergleichend zusammengefasst

7. Meine Meinung zur Reinmar-Walther-Fehde

8. Literaturnachweis

1. Vorwort

Das Anliegen dieser literaturwissenschaftlichen Hausarbeit zur Reinmar-Walther-Fehde ist es, in erster Linie herauszufinden, in wie weit die Meinungen einzelner Literaturwissenschaftler über dieses doch umstrittene Thema auseinandergehen, beziehungsweise übereinstimmen. In zweiter Linie soll diese Hausarbeit auch mir persönlich etwas mehr Aufschluss darüber geben, ob es nun tatsächlich eine Fehde zwischen Reinmar dem Alten und Walther von der Vogelweide gegeben hat, oder ob dies lediglich eine Erfindung, Vermutung, oder auch das Produkt einer Überinterpretation einiger ihrer Werke ist.

Um dieses Anliegen zu realisieren, habe ich mich mit den Meinungen der Literaturwissenschaftler Konrad Burdach, Günther Schweikle und Ricarda Bauschke auseinandergesetzt, die sich in zeitlich versetzten Abständen mit der Reinmar-Walther-Fehde befasst haben.

Bei der Bildung meiner eigenen Meinung über die Reinmar-Walther-Fehde habe ich mich von diesen drei Argumentationen leiten lassen und hoffe, dass ich nach dem Abschluss dieser Arbeit eine plausible Antwort auf die Frage nach der Existenz, beziehungsweise Nicht-Existenz der Reinmar-Walther-Fehde gefunden haben werde.

2. Allgemeines zur Reinmar-Walther-Fehde

Die sogenannte Reinmar-Walther-Fehde dürfte wohl jedem Literaturwissenschaftler und Mediävisten ein Begriff sein, aber dennoch gehen die Meinungen über dieses durchaus strittige Thema weit auseinander. Während die Einen sagen es hätte sehr wohl eine „Sängerstreit“ zwischen Reinmar dem Alten und Walther von der Vogelweide gegeben, glauben die Anderen eher nicht daran, mit der Begründung, das man ja eigentlich viel zu wenig über die tatsächlichen Umstände der damaligen Zeit wisse und dass die Überlieferungen auch keine zu einhundert Prozent verlässlichen Quellen sein. Ein weiteres Argument wäre die umstrittene Authentizität einiger Lieder Reinmars.

Doch was weiß man eigentlich über die Reinmar-Walther-Fehde, über die Gegebenheiten der Zeit um 1200 und über das Verhältnis zwischen Reinmar und Walther? Klar ist jedenfalls, dass es einen Zusammenhang zwischen Reinmar und Walther gab. Die beiden Dichter haben sich und ihre Werke gekannt und bestimmte Lieder einem gleichen Publikum vorgetragen. Im Allgemeinen jedoch, lassen sich nur ungenaue Aussagen über die genaue Lebenszeit, die Abstammung und den tatsächlichen Lebenslauf der beiden Minnesänger machen. So wird vermutet, dass Reinmar, der ja in der Literaturgeschichte als Reinmar der Alte und Reinmar von Hagenau bekannt ist, Ritter war und einem adeligen Reichsministerialengeschlecht entstammt. Des Weiteren soll Reinmar um 1157 in einer kleinen Stadt im Elsass, nämlich Hagenau, geboren sein und um 1190 mit dem Dichten angefangen haben. Der Dichter verließ seine Heimat angeblich schon früh und hielt sich dann an österreichischen Höfen auf, wo er als Hofdichter für die hochadeligen Damen tätig war. Die längste Zeit soll er jedoch den Status als Wiener Hofpoet gehabt haben.

Über das Leben Walthers von der Vogelweide gibt es lediglich ein festes Datum – nämlich der 12. November 1203. An diesem besagten Tag soll Walther eine Reiserechnung von Bischof Wolfger von Passau bekommen haben, in der verzeichnet war, dass der Minnesänger einen Lohn von fünf langen Schillingen für seine Dienste bekommen hatte, um sich einen Pelzrock zu kaufen. Walther soll etwa um 1170 geboren sein und um 1187 mit dem Dichten angefangen haben. Walther soll es im Vergleich mit Reinmar nicht so leicht gehabt haben. „[...] ihn wirft das Schicksal in der Welt umher; bald ist er hier, bald dort; nirgends findet er Ruhe und ausreichenden Unterhalt; fortwährend muss er die Milde der Fürsten [...] anrufen [...] um sich seinen Unterhalt zu gewinnen.“[1] . Reinmar hingegen scheint vom Schicksal begünstigter gewesen zu sein. „Reinmar erscheint frei von jedem materiellen Druck; er ist ein wohlhabender Mann [...] vielmehr scheint er stets ruhig in gesicherter Lage am Wiener Hof gelebt zu haben [...].“[2] .

Man nimmt an, dass Walther Reinmars Schüler am Wiener Hof gewesen sein soll, der sich zuerst sehr stark an seinem Lehrmeister orientierte, bis er im Laufe seiner Lehre seine eigenen Anschauungen entwickelte, die denen Reinmars entgegenstanden. Man nimmt an, die beiden Dichter wären Verfechter verschiedener Minneauffassungen gewesen und hätten sich öffentlich angelegt haben. Für Reinmar war typisch, dass er die Liebe stets als rein geistlichen Vorgang betrachtet. Liebe ist etwas Göttliches und Übersinnliches und von daher steht die Erfüllung der selbigen im Hintergrund. Dennoch sind Reinmars Lieder eher klagend und bringen zum Ausdruck, dass er Freude am Leid hat, welches aus der unerfüllten Liebe zu einer einzigen Dame resultiert, worüber Walther in seinen späteren Liedern spottet.

Des Weiteren vermutet man, dass Walther den „wünneclîche[n] hof ze Wiene“3 1198 verlassen musste, da Reinmar nun Walthers Platz als Hofsänger einnahm, worüber sich Walther lebenslang beklagte, da er sich mit dem Wiener Hof und dem Land Österreich stets sehr verbunden gefühlt hatte, was im folgenden Zitat deutlich wird: „[...] ze Ôsterrîche lernte ich singen unde sagen [...]“4 .

Reinmar soll vor allem bevorzugt worden sein, weil er der Ältere der beiden Dichter war, der mehr Erfahrung auf dem Gebiet der Dichtkunst mitbrachte und in einer besseren finanziellen Lage war, als der „arme“ Walther. So soll es nun zum Streit zwischen den zwei Dichtern, zur besagten Fehde gekommen sein. Ein Streit, der im Grunde genommen auf den zwei absolut verschiedenen Naturen der beiden Dichter beruht.

Doch in wie weit all diese Vermutungen und Annahmen richtig sein könnten, soll der nun folgende Meinungsvergleich zwischen Konrad Burbach, Günther Schweikle und Ricarda Bauschke demonstrieren. Jede der drei folgenden Auffassungen über die Reinmar-Walther-Fehde versucht den Leser mehr oder weniger davon zu überzeugen, dass es eine Fehde zwischen Reinmar und Walther gab beziehungsweise nicht gab. Dabei arbeiten die drei Literaturwissenschaftler mit äußerst schlagfertigen und plausiblen Argumenten, die dem Leser die Möglichkeit geben, das ganze Thema aus einem vollkommen neuen Blickpunkt zu betrachten, was sich durchaus positiv auf die Bildung einer eigenen Meinung auswirkt.

3. Die Meinung von Konrad Burdach

Konrad Burdach hat sich bereits im Jahre 1928 mit der Reinmar-Walther-Fehde auseinandergesetzt und soll darum den Meinungsvergleich zwischen den drei Literaturwissenschaftlern anführen. Bei seiner Argumentation liegt das Hauptaugenmerk auf der Frage in wie weit Reinmar, das Wirken Walthers beeinflusst hatte. Burdach ist sich sicher, dass die Lieder Reinmars und Walthers, sowie Reinmar und Walther selbst, in einem unmittelbaren persönlichen und intertextuellen Bezug zueinander standen und deshalb so viele Gemeinsamkeiten zwischen den Liedern nachgewiesen werden können: „[...] zwischen ihm (Walther) und Reinmar ist eine räumliche und persönliche Beziehung sicher bezeugt, sie lebten am selben Hofe zusammen und Einer kannte die Dichtungen des Andern.“5 . Burdach geht davon aus, dass sich Walther in der Anfangsphase seiner Dichterlaufbahn, also als er noch ein Schüler Reinmars war, sehr stark an ihm orientierte, was sich natürlich auf den Inhalt und den Aufbau seiner Lieder niederschlug. Als erstes Beispiel für seine Behauptungen führt Burdach einen Auszug aus einem Walther-Gedicht an, bei dem annähernd dasselbe Wortgut wie bei Reinmar vorzufinden ist. So heißt es bei Walther „der werlde hort mit wünneclîchen freuden lît an in“6 und bei Reinmar sehr ähnlich „ganzer fröide hâst dû niht, sô man die werdekeit von wîbe an dir niht siht“7 . Diese Ansicht, dass die wahre Freude nur im Dienste der Dame erworben werden kann, war ein durchaus beliebtes Thema im 13./14. Jahrhundert und wurde, Burdachs Meinung nach, erstmals von Reinmar aufgegriffen. Weiterhin stellt der Literaturwissenschaftler fest, dass Walther auch immer wieder die Stilmerkmale der Reinmarschen Dichtungen und die von Reinmar erstmals aufgegriffenen Motive kopierte. Zu diesen Stilmerkmalen gehören zum Beispiel Konditionalsätze oder rhetorische Fragen, mit denen Reinmar des Öfteren zu arbeiten pflegte. Aber auch die äußere Form der Reinmar-Lieder, wie das Versmaß, das Reimschema oder die Strophenanzahl, scheint sich Walther später in seinen Liedern angeeignet zu haben. Zu den oben erwähnten Motiven gehört laut Burdach beispielsweise das Motiv der stæte oder der fröide, welches Reinmar stets vor Walther in seinen Liedern zum Ausdruck brachte, und welche später einfach von Walther übernommen wurden, wie es das folgende Beispiel zeigt. Bei Walther heißt es nämlich „Stæt ist ein angest und ein nôt: in weiz niht ob si êre sî: si gît michel ungemach.“8 . was Herrn Burdachs Ansicht nach auf Reinmar zurückgeht, bei den es bereits vor Walther hieß „si jehent daz Stæte sî ein tugent, der andern [...] frowe [...]. sô wol im der si habe! [...] Stæte hilfet dâ si mac. daz ist mir ein spel: sin half mich nie“9 .

[...]


[1] Burdach, Konrad. Reinmar d. Alte u. Walther v. d. Vogelweide. 1928. S. 8, 9.

[2] Burdach,1928. S. 8.

3 Schweikle, Günther. Die Fehde zw. Walther v. d. Vogelweide u. Reinmar d. Alten. 1994. S. 370.

4 Burdach, 1928. S. 6.

5 Burdach, 1928. S. 101.

6 Ebd. S. 101.

7 Ebd. S. 102.

8 Burdach, 1928. S. 105.

9 Ebd. S. 106.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640252909
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121672
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft, Abteilung Mediävistik
Note
1,3
Schlagworte
Walther von der Vogelweide Reinmar der Alte Reinmar von Hagenau Minnesang Sängerstreit Fehde

Autor

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Titel: Die Reinmar-Walther-Fehde