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Rebellen der Straße - Die Lebenswelt der Punks

Forschungsarbeit 2008 11 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Werte der Punk-Kultur

3. Randkultur der Revolution und Rebellion / Randkultur des Schutzes und des Überlebens

4. Inklusion und Zugehörigkeit

5. Symbole der Punks

6. Rituale
6.1. Solidaritätsriten
6.2. Initiationsriten

7. Status

8. Literatur

1. Einleitung

Nachdem bei meinen Forschungen in Wien die Stimmung innerhalb meiner untersuchten Gruppe aufgrund von negativen Medienberichten immer mehr in Richtung einer Ablehnung meiner Untersuchung ging, habe ich beschlossen, die Studie in Salzburg und Bonn fortzusetzen, da ich über einen Bekannten Kontakte zur Punkszene in diesen Städten herstellen konnte.

Obwohl ich die Ergebnisse aus Wien in meiner Arbeit nicht verwende, haben mir die verworfenen Beobachtungen sehr geholfen diese Randkultur zu verstehen und auch länderübergreifend gemeinsame Strukturen aufzudecken.

Meine Arbeit soll Einblick in die Kultur und Lebenswelt der Punks geben, ihre Grundwerte aufzeigen und die Bedeutung ihres gemeinsamen Handelns erläutern.

Ich gehe dabei der Frage nach, auf welche Weise eine Person in die Gruppe aufgenommen wird, mich interessiert vor allem auch, wie Mitglieder der Punk-Kultur an fremden Orten, also z.B. bei einem Festival, mit Punks, die sie nicht kennen umgehen. Anhand welcher Symbole werden Gleichgesinnte erkannt? Wie sehen die Rituale der Punks aus und welche Funktionen erfüllen sie? Wie kann man in dieser Kultur zu Ansehen gelangen?

All diese Fragen werde ich im Folgenden beantworten.

2. Werte der Punk-Kultur

Die Kultur der Punks ist geprägt durch eine rebellische Einstellung gegenüber dem bestehenden System, repräsentiert durch Institutionen wie Politik, Polizei, Gerichte, Schulen, Kirchen, Finanzinstitutionen sowie Großkonzerne. Ein Teil der Werte, die dieses System vermittelt wird von Grund auf abgelehnt, Werte etwa wie Anpassung, Disziplin, Tugend, Sittlichkeit, Frömmigkeit, Macht, Reichtum.

Andere in der Gesamtgesellschaft angesehnene Eigenschaften wie z.B. Mut, Solidarität, Loyalität, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit sind ebenfalls Teil des Wertesystems der Punks, es wird allerdings kritisiert, dass oft gerade oben genannte Institutionen und andere Autoritäten entgegen diesen gepredigten Idealen handeln.

Daher sind Doppelmoral, Unehrlichkeit, Heuchelei, "nach dem Mund reden", Feigheit, Spießertum, Rassismus, Sexismus, Eigenschaften also, die ebenso mit der Gesamtgesellschaft und ihren

Repräsentanten verbunden werden, in der eigenen Kultur höchst verpönt.

In Konfliktsituationen werden diese Werte zum Teil auch mittels Anwendung von Gewalt durchgesetzt, die sich vor allem gegen Gruppen von Neonazis und die Staatsgewalt richtet, wobei der Anstoß der Gewalt längst nicht immer von den Punks ausgeht. Aber man leistet traditionell aktiven oder passiven Widerstand und weiß sich bei einem Angriff zu wehren. Ebenso werden unliebsame Eindringlinge, die bestimmte Grenzen überschreiten zuerst versucht verbal zu vertreiben und falls das nicht den gewünschten Effekt hat auch durch Androhung von körperlicher Gewalt. Aufgrund der Ablehnung von externen Machtstrukturen wird Saktionierung selbst in die Hand genommen. Sanktionen können in Form von Ignorieren, Gewalt, Vertreibung beziehungsweise Ausschluß von ehemaligen Mitgliedern ausgeübt werden.

Die eigene Lebensweise und deren Verteidigung ist ein wichtiger Aspekt in der Kultur der Punks.

3. Randkultur der Revolution und Rebellion / Randkultur des Schutzes und des Überlebens

Allein der letzte Absatz macht deutlich, dass die Gruppe der Punks einerseits der "Randkultur der Revolution und Rebellion", zugleich aber auch der "Randkultur des Schutzes und des Überlebens"

zuzuordnen ist.[1] Diese Typisierung ist bloß eine idealtypische, das heißt eine Kultur kann durchaus

Merkmale aus verschiedenen Typen aufweisen.[2] Bei den Punks sind Elemente aus beiden der oben genannten Typen von Randkulturen wichtig für das Verständnis ihrer kulturellen Handlungsweisen.

Traditionell leistet diese Kultur bestehenden Herrschaftsinstrumenten Widerstand, seien es bei Demonstrationen Straßenschlachten mit der Polizei oder im kleineren Rahmen Proteste gegen Platzverweise oder Verhaftungen.

Ebenso fungiert diese Randkultur als wichtigster Gegenpol zu faschistischen, nationalsozialistischen sowie rechtsextremen Gruppierungen. Bei Kundgebungen solcher ewiggestrigen Vereinigungen kann mit Sicherheit mit einer Gegenwehr von seiten der Punks gerechnet werden.

In diesem Sinne ist die Gruppe sehr politisch, auch wenn sich nicht jedes Mitglied dieser Kultur so

bezeichnen würde.

Weiters ist der Wunsch nach einer Veränderung der Staatsform im Sinne der Abschaffung von Herrschaftsinstrumenten weit verbreitet unter den Punks. In jedem Fall kann die beschriebene

Denk- beziehungsweise Handlungsweise auf eine Typisierung einer Randkultur der Revolution und Rebellion schließen.

Andererseits ist die Bedeutung der Gemeinschaft für den Schutz des Individuums und das gemeinsame (Über-)Leben nicht zu unterschätzen. Ein Großteil des Lebens der Punks findet auf öffentlichen Plätzen statt, meist in der Nähe von Einkaufsstraßen, Bahnstationen, Kirchen oder Parks. Die Elemente einer Randkultur des Schutzes und des Überlebens weisen einige Parallelen zum Leben der Stadtstreicher auf. Schon allein durch die Tatsache, dass ein Teil der Gruppe seinen Lebensunterhalt durch Betteln, oder in der Sprache der Punks "schnorren" bestreitet. ( Der Begriff "schnorren" kommt ursprünglich aus der Gaunersprache, dem Rotwelsch und hat sich im 18. Jahrhundert weiter verbreitet. Der Begriff bezeichnet zunächst die "Tätigkeit des Bettelmusikanten, der die Schnorrpfeife spielt."[3] ) Nicht umsonst wird für das Bitten um Kleingeld, Zigaretten oder Nahrungsmittel eine eigene Bezeichnung verwendet. Die Punks grenzen sich bewusst ab von Bettlern, die Mitleid erregend auf dem Boden knien, vielleicht noch mit gefalteten Händen. Im Gegensatz zur Tradition herkömmlicher Bettler sprechen sie selbstbewusst und durchaus Lebensfreude demonstrierend, Passanten auf der Straße an und fragen meist nach Kleingeld. Diese Tätigkeit wird, wenn möglich zumindest in Zweiergruppen, häufig auch in größeren Gruppen durchgeführt, da man sich in Gemeinschaft nebenbei unterhalten und Spaß haben kann. Manchmal steht auch das gesellige Beisammensein im Vordergrund und nebenher wird geschnorrt. Oft wird abwechselnd geschnorrt und das gesammelte Geld oder die dafür erworbenen Lebensmittel und Getränke in der Gruppe aufgeteilt.

Diese Randkultur ist immer wieder Ziel von Angriffen rechtsradikaler Gruppen, z.B. von Neonazis oder türkischstämmigen Grauen Wölfen. Um sich vor solchen Attacken zu schützen oder sich dagegen zu wehren ist der Zusammenhalt in der Gruppe unverzichtbar.

Auch in Hinblick auf die Möglichkeit einer Unterkunft hat das Leben in der Gruppe Bedeutung. Die Gemeinschaft kann dem Einzelnen Informationen über Schlafplätze bei Bekannten oder in besetzten Häusern geben. In der Gruppe ist der Schutz beim Übernachten im Freien oder in Abbruchhäusern besser gewährleistet als allein.

Und nicht zuletzt beim Besetzten von leer stehenden Häusern hat gemeinsames Handeln eine große Bedeutung. Einerseits ist es zielführender solche Aktionen mit zahlreicher Belegschaft durchzuführen, da es in einer breiteren Öffentlichkeit gefahrloser und erfolgreicher möglich ist.

Andererseits hat das Häuserbesetzen einen hohen symbolischen Wert für diese Randkultur, was auch einige Sympathisanten und Unterstützer auf den Plan ruft.

4. Inklusion und Zugehörigkeit

Soziale Inklusion erfolgt über das Deuten gemeinsamer Symbole, auf welche ich im folgenden Kapitel noch eingehen werde.

Durch das äußere Erscheinungsbild wird Zugehörigkeit symbolisiert und anerkannt. Folgendes Beispiel aus Bonn soll den Prozess der Inklusion aufgrund der symbolischen Wirkung veranschaulichen. Eine Gruppe von drei Personen aus Österreich (bestehend aus Punks und Skinheads) kommt nach Bonn und will am Bahnhof an einem Kiosk einen Kasten Bier kaufen. Als die kleine Gruppe die Rolltreppe zum Bahnhofsareal hinunterfährt, kommt schon ein einzelner Punk, der keinen der Gruppe kennt, freudig auf sie zu, begrüßt sie und gibt den Österreichern die Hand. Es wird darüber gesprochen, woher man kommt, was man vor hat und schnell stellt sich heraus, dass das Geld für einen Kasten Bier nicht ausreichend ist. Der Bonner Punk schlägt vor, das restliche fehlende Geld dazu zu legen, der Kasten wird gemeinsam gekauft und zusammen zum angestammten Punkertreffpunkt der Stadt - einem Platz mit einer großen Wiese in der Mitte und einem Brunnen- getragen. Das Bier wird im Brunnen eingekühlt und auch allen später zur Gruppe gestoßenen Punks zum Trinken angeboten. Die mittlerweile rund zehnköpfige Runde lässt sich vom Regen nicht abhalten unter dem Schutz eines Daches am Boden zu sitzen, sich zu unterhalten und gemeinsam zu trinken. Eine Person der österreichischen Gruppe, die vor Jahren schon in Bonn gelebt hat, kennt einige der anderen Punks von früher. Als die Österreicher jedoch am Bahnhof auf den Punk aus Bonn getroffen sind, hat dieser die Gruppe gerade erst kennen gelernt. Die Aufnahme der österreichischen Punks und Skinheads in die Gruppe aus Bonn war eine Selbstverständlichkeit aufgrund der angenommenen gemeinsamen Identität, die durch Symbole im Erscheinungsbild der Personen vermittelt wird.

[...]


[1] Girtler, Roland: Randkulturen, 1995: 37f

[2] vgl. Girtler, Roland: Randkulturen, 1995: 37

[3] Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache

Details

Seiten
11
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640258529
Dateigröße
353 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121659
Institution / Hochschule
Universität Wien – Soziologie
Note
Sehr Gut
Schlagworte
Kultursoziologie Punks Kulturforschung Rebellen Straße Punkbewegung Punkkultur Subkultur Randkultur Lebenswelt Ritual Teilnehmende Beobachtung

Autor

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