Lade Inhalt...

Warum wird Linz Kulturhauptstadt? Stadtsoziologische Bestandsaufnahme der zukünftigen Kulturhauptstadt Linz

Diplomarbeit 2008 142 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Herangehensweise und Methoden
1.2.1. Das Internet und andere Medien
1.2.2. Die Stadt

2. Beantwortung der Frage
2.1. Die Kulturhauptstadt
2.1.1. Eine kurze Geschichte der Kulturhauptstadt
2.1.2. Der Vergabe-Modus
2.1.3. Kulturhauptstadt und Finanzen
2.1.4. EU und Kultur
2.2. Chronologie der Auswahl von Linz
2.2.1. Die Berichterstattung der OÖN
2.2.2. Bewerbungsunterlagen
2.3. Festivalisierung der Stadtpolitik
2.3.1. Stadtentwicklungsgeschichte nach Häußermann und Siebel
2.3.2. Der Einsatz von Festivals und positive Aspekte
2.3.3. Negative Aspekte
2.3.4. Die Idee der Festivalisierung
2.4. In der Berichterstattung genannte Gründe

3. Ein Blick auf Linz
3.1. Ein Blick auf die Stadtgeschichte
3.1.1. Die Zeit vor 1938
3.1.1.1. Entstehung der Linzer Industrie
3.1.1.2. Die industrielle Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
3.1.2. Linz im Nationalsozialismus
3.1.2.1. Reichswerke und Führerstadt
3.1.2.2. „Hitropolis“
3.1.2.3. Lage von Linz als Standortkriterium für die NS-Industrie
3.1.2.4. Mauthausen
3.1.2.5. NS Wohnbau
3.1.3. Linz in der Zweiten Republik
3.1.3.1. Entstehung der VÖEST
3.1.3.2. Prägende Bürgermeister?
3.1.3.2.1. Ernst Koref (1945-1962)
3.1.3.2.2. Edmund Aigner und Theodor Grill (1962–1969)
3.1.3.2.3. Franz Hillinger (1969–1984)
3.1.3.2.4. Das Ende des Wachstums
3.1.3.2.5. Hugo Schanovsky (1984–1988)
3.1.3.2.6. Franz Dobusch (seit 1988)
3.1.3.3. Besonderheiten der Linzer Politik
3.1.4. Eine andere Geschichte von Linz/Linz in den 1970ern
3.1.4.1. Das trostlose Linz und was sich daraus entwickelte
3.1.4.2. Einzelinitiativen in der Bildenden Kunst
3.1.4.3. „Von Eela Craig zur Ars Electronica gibt es eine direkte Linie“
3.1.4.4. Aus Rockhaus wird Posthof
3.1.4.5. Berlin, Kopenhagen, Seattle
3.1.5. Die Ära Dobusch
3.1.5.1. Vereinnahmung und Sanierung
3.1.5.2. Image ist alles
3.1.5.3. Inszenierung
3.1.5.4. Bautätigkeit
3.1.5.5. Musterstadt
3.1.5.6. In Linz beginnt’s
3.2. Ein Blick von oben
3.2.1. Die Donau, der rechte Winkel und die Morphologie
3.2.2. Groß-Linz
3.2.3. Grünes Linz
3.3. Ein Blick von innen
3.3.1. Zuschreibungen durch die lokale Presse
3.3.2. Material der Stadt Linz
3.3.3. In der Stadt
3.4. Ein Blick von außen
3.4.1. Reiseführer
3.5. Ein kritischer Blick

4. Linz und die Kulturhauptstadt
4.1. Erwartungen

5. Zusammenfassung

6. Abbildungsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

8. Pressequellen

9. Quellen aus dem Internet

1. Einleitung

09, Linz 2009, „Linz Zweitausend-Nein“[1]. Linz, eine Stadt wird von einem Thema beherrscht: Linz 2009, Kulturhauptstadt Europas. Das nahende Ereignis wirft schon Jahre zuvor seinen Schatten voraus und betrifft verschiedenste Bereiche des Linzer Stadtlebens. Die lokale Berichterstattung setzt das Stadtleben weitläufig in Zusammenhang mit diesem Großereignis. PolitikerInnen verweisen auf ihre Erfolge, die es der Stadt ermöglichen, sich ein Jahr lang im europäischen Rampenlicht zu präsentieren. ProtagonistInnen der städtischen Kultureinrichtungen melden sich zum Thema zu Wort, manche kritisieren, die Wirtschaft diskutiert über Kultur und an allen Stellen der Stadt wird gebaut. In Linz gibt es das Ars Electronica Festival, damit rechtfertigt die Stadt ein Kulturstadtimage. In Linz gibt es die Stahlindustrie, Linz ist auch Industriestadt und war es einst ausschließlich. Warum erstrahlt die Stadt an der Donau dann aber im Jahr 2009 als Europäische Kulturhauptstadt?

Kulturhauptstadt, Fußball Europameisterschaft, Biennale, olympische Spiele oder ein neues Kunstmuseum. Groß angelegte Unterhaltungsformate prägen nicht nur in Linz die Stadtpolitik. Diese Veranstaltungen haben sich schon lange zu einem Instrumentarium in der kommunalen Verwaltung entwickelt. Die StadtpolitikerInnen erkannten in einer Zeit, als die Städte erstmals in der Geschichte des Siedlungswesens in die Krise geraten waren, dass eine Möglichkeit, der Stadtentwicklung neue Impulse zu geben, darin bestand, jene emanzipativen Kräfte und Entwürfe, die in den 1970er von einer globalen Aufbruchsstimmung stimuliert überall aufkamen, aufzugreifen und ihre praxisgeprüften Konzepte professionalisiert in die Stadtpolitik aufzunehmen. Aus kleinen Straßenfesten und selbstorganisierten Strukturen wurde die Idee der Festivalisierung entwickelt. Kunstfestivals, Sportereignisse, usw. wurden ab diesem Zeitpunkt hinsichtlich ihres Stadtentwicklungspotenzials veranstaltet. In Linz wurde und wird diese Form der Stadtpolitik vom seit zwanzig Jahren regierenden Bürgermeister Franz Dobusch praktiziert. Progressive Strömungen einer alternativen Kulturszene waren und sind auch in Linz ein Pool für frische Gedanken, die von der Kommunalverwaltung vereinnahmt werden können.

Die Kulturhauptstadt ist ein Festival, stadtstrategische Ziele werden mit seinem Einsatz verfolgt. Welcher Art diese Ziele sind und welche Gründe es noch gibt, warum Linz auserkoren wurde, ab dem 1.Jänner 2009 gemeinsam mit dem litauischen Vilnius, für ein Jahr lang Hauptstadt der Kultur von Europa zu sein, soll mit dieser Diplomarbeit ergründet werden. Eine stadtsoziologische Bestandsaufnahme der Historie, des Stadtraums und gegenwärtigen Ambitionen soll aus verschiedenen Perspektiven erblicken, warum Linz 2009 Kulturhauptstadt wird und wer die „Stahlstadtkinder“ sind.

1.1. Problemstellung

Linz trägt im Jahr 2009 den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“. Dies ist ein Status, den die Europäische Union (EU) jährlich an eine oder mehrere Städte vergibt. Eine Hauptstadt bezeichnet für gewöhnlich das Zentrum einer Region, entweder das Politische, das Wirtschaftliche oder, wie in diesem Fall ganz explizit erwähnt, das Kulturelle. Das Gebiet, das mit diesem Titel eine temporäre Hauptstadt erhält, ist hier Europa, oder besser gesagt, die Mitgliedstaaten der EU. Der Inhaber dieser Hauptstadtwürde wird also bestimmt, für ein Jahr das kulturelle Zentrum der 27 Mitgliedsstaaten zu sein. Diese Annahme kann angesichts der ständigen Kulturmetropolen, die sich in diesem Gebiet befinden, jedoch nicht ganz stimmen. Denn wie soll eine auf Zeit auserkorene Stadt die etablierten Kulturstädte Europas, wie Paris, Florenz, London, Barcelona, Prag usw., jemals in den Schatten stellen. Als kulturelles Zentrum, dessen Bedeutung nicht zuletzt durch die heraushebende Beifügung „Hauptstadt“ suggeriert wird, müsste sie dies aber.

Wir müssen also davon ausgehen, dass eine Europäische Kulturhauptstadt nicht wort-wörtlich als eine Hauptstadt zu verstehen ist, die als erste Stadt einer Region die anderen Städte überflügelt, sondern, dass andere Maßstäbe angelegt werden. Davon, dass diese Bezeichnung aber nicht gänzlich sinnentleert gemeint ist, ist aber auszugehen und daher muss sie auf eine kontinentale kulturelle Bedeutung des Namensträgers hinweisen.

Linz wäre vor nicht all zu langer Zeit wohl in nur geringem Ausmaß mit Kultur in Verbindung gebracht worden. Die Stadt an der Donau stand eher für Industrie, Stahl und Chemie. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Linz eine wenig bedeutende Kleinstadt in der bäuerlichen Provinz. Seitdem hat sich auf verschiedenen Ebenen ein beispielloser Wandel vollzogen. Linz steht heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts, anders da als vor dreißig, sechzig oder neunzig Jahren – ein Wandel, der sich nicht zuletzt auch darin manifestiert, dass sich die oberösterreichische Landshauptstadt nun auf das Jahr 2009 vorbereitet, um als Europäische Kulturhauptstadt einen kulturell bedeutenden Ort für ein fast 500 Millionen Einwohner fassendes Gebiet darzustellen.

Trotzdem sich viel verändert hat, kann man in manchen Aspekten eine gewisse Kontinuität attestieren. So haften der Stadt trotz kultureller Meilensteine und High-Tech Ambitionen immer noch bäuerliche sowie industrielle Züge an und wirken, sowohl nach innen, wie auch nach außen. Dass das Kulturhauptstadtjahr jedenfalls von enormer Bedeutung für die Stadt und ihre Einwohner ist, wird zumindest durch Berichterstattungen unterschiedlichster Provenienz vermittelt. Verweise auf das Großereignis finden sich nicht zuletzt im Zusammenhang mit einer regen Bautätigkeit.

In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, warum Linz Kulturhauptstadt wird, warum zahlreiche und intensive Investitionen und Anstrengungen unternommen werden und welche Ziele damit verfolgt werden. Dabei wird das Großereignis als Festival im Sinne von Häußermann und Siebel[2] eingestuft, um anhand des bearbeiteten Datenmaterials zu zeigen, dass Linz mit diesem Event spezifische stadtpolitische Ziele verfolgt. Welcher Art diese Ziele sind und welchen stadtspezifischen Grundlagen sie entspringen, soll durch eine kritische Bestandsaufnahme der Stadt Linz, in ihrer aktuellen Situation und in ihrer Geschichte, ergründet werden.

1.2. Herangehensweise und Methoden

Um der Forschungsfrage auf den Grund zu kommen, und um sich ein Bild von der Stadt zu machen, stehen der Untersuchung die verschiedensten Materialien zur Verfügung.

Neben Literatur zu stadtsoziologischen Themen, auf deren Basis die Erkenntnisse über Linz interpretiert werden sollen, werden in dieser Arbeit besonders Materialien aus den Printmedien und dem Internet herangezogen. Auch in Funk (auch freie Radios, FRO[3] ) und Fernsehen wird über Linz und das Großereignis berichtet, allerdings weisen die zwei erstgenannten Medien eine viel größere Zahl von Artikeln und Berichten auf. In einem Interview, das im Rahmen einer Lehrveranstaltung des Instituts für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Linzer Johannes Kepler Universität mit der Leiterin der Abteilung Städtische Kulturentwicklung, Gerda Forstner, durchgeführt wurde, verweist diese darauf, „dass im Moment der Hauptteil an Kommunikation mit dem potenziellen Publikum über die Printmedien erfolgt. Auch dem Internet kann eine große Bedeutung beigemessen werden.“[4]

1.2.1. Das Internet und andere Medien

Die Bedeutung des Internets wird also auch von der Stadt anerkannt. In der Tat finden sich, wie weiter unten kurz ausgeführt, themenrelevante Internetauftritte diverser Anbieter. Die Kulturhauptstadt 2009 wird aber nicht nur auf speziellen Seiten thematisiert, sondern auch in der Online Berichterstattung österreichischer Medien. Da die meisten Vertreter bei ihren Artikeln, Berichten und Interviews hier die Möglichkeit gewähren, als registrierteR NutzerIn Kommentare abzugeben, würde sich die Miteinbeziehung selbiger in die Ergründung der Forschungsfrage anbieten. Aufgrund des großen Ausmaßes und der wissenschaftlich schwer durchzuführenden Einordnung dieser Quellen wird in dieser Arbeit aber darauf verzichtet.

Bei der Suche im Internet nach relevanten Spuren für eine Bestandsaufnahme der Stadt Linz bezüglich ihrer kulturellen Ambitionen fällt auf, dass es zwar eine große Anzahl an Internetauftritten und Erwähnungen auf verschiedensten Seiten gibt[5], in einschlägigen Seiten sozialer Netzwerke innerhalb des so genannten Web 2.0 ist die Kulturhauptstadt 2009, die Stadt der neuen Medien, wie sie sich selbst gerne darstellt, aber eher spärlich bis gar nicht zu finden. Dies eröffnet „TrittbrettfahrerInnen“ mit humoristischer und/oder kritischer oder auch anderer Motivation (z.B.: ein Videoprojekt einer Schulklasse oder private Aufnahmen) die Möglichkeit, diese Plätze zu besetzen. Auf dem Videoportal „youtube“ (www.youtube.com), wo nach Registrierung einE jedeR kurze Videos hoch laden kann, werden für den Suchbegriff „Linz Kulturhauptstadt“ 16 Treffer angezeigt[6]. Die Linz 09 GmbH hat hier offensichtlich keine Videos veröffentlicht. Dafür finden sich Beiträge, die sich direkt auf das Kulturhauptstadtjahr beziehen, dieses aber sicher nicht im Sinne der Intendanz oder der Stadt Linz bewerben. Darunter ein bizarres Musikvideo mit dem Titel „get funky Kulturhauptstadt 09“[7] oder eine Kameraeinstellung mit Blick von der Nibelungenbrücke in Richtung Osten, die eine halbe Minute lang die in grauen Nebel gehüllten Kulissen der beiden Donauufer zeigt. Die Überschrift „linz 2009 european capital of culture“[8], sowie einige Schlüsselwörter mit denen das Video versehen ist, und die da in Auszügen lauten „nazi concentration camp kz mauthausen“ erhärten den Verdacht, dass der Urheber dieses Beitrags eher ein düsteres Bild von der Stadt Linz zeichnen wollte.

Im sozialen Netzwerk „myspace“ (www.myspace.com) bringt die Suche nach dem Begriff „Linz Kulturhauptstadt“ 179 Treffer. Neben den vielen Einträgen von Linzer MusikerInnen und NutzerInnen – hier finden sich auch wieder kritisch humoristische „TrittbrettfahrerInnen“[9] - zeigt das Suchergebnis an erster Stelle ein Video eines Nutzers mit dem Synonym (Nickname[10], Avatar[11] ) „Hubert von Goisern“, das von der Schifftour des oberösterreichischen Künstlers handelt. Der Name des Videobeitrags lautet „Linz Europa Tour – Hubert von Goisern“. Die Art der Präsentation und der dazu gehörige Text lassen darauf schließen, dass das Video vom offiziellen Umfeld des zum Botschafter von Linz 09 erklärten Hubert von Goisern hoch geladen wurde.

Ansonsten gibt es eine Menge offizieller Informationen im Internet. Bei den Printmedien erbringen hier die Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) die meiste Berichterstattung. Artikel, die in dieser Arbeit zitiert werden, wurden hauptsächlich aus dem Online Archiv der OÖN (http://www.nachrichten.at) entnommen. Eine weitere Quelle, neben einigen Exemplaren aus Papier, ist die Online Ausgabe des Standards (http://derstandard.at). Ebenso wichtige Quellen für Informationen zu Linz und zum Thema Kulturhauptstadt sind offizielle und private Internet Seiten. Die Seite der Stadt Linz (http://www.linz.at) stellt das offizielle Stadt-Portal ins World Wide Web dar. Neben der offizielle Homepage der Linz09 GmbH. (http://www.linz09.at) gibt es auch noch eine inoffizielle Seite (http://www.linz09.info), die die Meinung einer privaten Vereinigung namens „business & culture“ mit dem Herausgeber und leitenden Redakteur Dr. Conrad Lienhardt vertritt. Zu den veröffentlichten Artikeln können Benutzer problemlos und ohne Anmeldung ihr Meinung „posten“. Es existierte noch dazu ein privater „Webblog“ (http://kulturhauptstadtlinz.at/), eine Art Internet Tagebuch, eines Linzers namens Jürgen R. Plasser, der mit seiner Seite eine „Kritische Betrachtung von Linz und dessen Werdung zur Kulturhauptstadt 2009“[12] veröffentlichte. Im September 2008 war diese Seite aber nicht mehr aufrufbar.

Aktualität und Herkunft sind wohl die wichtigsten Kriterien für Online Quellen.[13] Weitere dem Internet entnommene Informationen sind entsprechend gekennzeichnet.

Selbstverständlich sind auch die Publikationen der Stadt Linz hier von Bedeutung. So werden neben den Online Veröffentlichungen auch Prospekte, Zeitschriften, Linz Bücher, sowie die aktuellen Erscheinungen des Linz Buchs und das erste Programmbuch Linz 09 1/3 in die Untersuchungen miteinbezogen.

1.2.2. Die Stadt

Neben diesen Schreibtischtätigkeiten gelangen Informationen über das zu erforschende Feld Linz auch auf andere methodische Art in diese Bestandsaufnahme. Robert Ezra Park, der Begründer der Chicagoer Stadtsoziologie vertrat die Ansicht, dass den StudentInnen vor allem die Kunst des „Sehens“ vermittelt werden sollte. Sie sollten lernen, mit bloßem Auge ihr Forschungsobjekt zu erkennen.[14] Es ging ihm darum, die Forschung vom Schreibtisch und von den technischen Utensilien zu lösen, und die Augen auf das „wirkliche Leben“ zu richten indem in das Forschungsfeld hineingegangen wird. Sein Ursprung und sein Ideal sind dabei die Figur des Reporters und des Detektiven.[15] Durch Zufall, dem „Beobachten von Belanglosigkeiten“[16], dabei durchaus Spaß und Müßiggang zulassend, erlangt der ForscherErkenntnisse. „Lässt sich ein romantischeres Bild vom Stadtforscher zeichnen?“[17]

Des Weiteren ist das Forschungsfeld die Stadt Linz die Heimatstadt des Autors, und als solche ein viel beobachtetes und bekanntes Gebiet. Diese Vertrautheit birgt vielleicht eine Gefahr, in Form einer fehlenden Distanz, für die wissenschaftliche Bearbeitung, doch bietet diese Nähe auch die Chance von oftmaligen ethnologischen Streifzügen.

2. Beantwortung der Frage

Durch verschiedene Erklärungsversuche soll der Frage, warum sich die Stadt Linz im Jahr 2009 als europäische Kulturhauptstadt präsentieren wird, nachgegangen werden. Zunächst erscheint es sinnvoll, das Konzept Europäische Kulturhauptstadt näher zu betrachten und den formalen Weg der Stadt Linz nachzuzeichnen. Danach werden einschlägige Theorien der Stadtsoziologie, insbesondere die von Häußermann und Siebel beschriebene Festivalisierung der Stadtpolitik, bemüht, um die Motivation einer Stadtverwaltung zu ergründen, sich auf die Ausrichtung einer solchen Veranstaltung einzulassen. Mit Blicken aus verschiedenen Perspektiven wird dann die spezielle Situation und Entwicklung von Linz betrachtet und auf erklärende Tatbestände untersucht, sowie mit der Theorie der Stadtsoziologie verglichen und kritisch analysiert.

2.1. Die Kulturhauptstadt

2.1.1. Eine kurze Geschichte der Kulturhauptstadt

Melina Mercouri, bekannt auch durch ihre Hauptrolle im amerikanischen Spielfilm „Topkapi“[18], wo sie an der Seite von Maximilian Schell und Peter Ustinov einen Einbruch in das Topkapi Museum in Istanbul plant und durchführt, war griechische Kulturministerin, als im Jahr 1985 in Athen das erste europäische Kulturhauptstadtjahr, das auf ihren Vorschlag hin begründet worden war, ausgetragen wurde. Ab diesem Zeitpunkt sollte jedes Jahr eine europäische Stadt (später auch mehrere) diesen Titel tragen, „mit dem Ziel, das kulturelle Erbe Europas zu würdigen, den kulturellen Austausch zwischen den europäischen Ländern zu intensivieren und zur Annäherung der europäischen Völker beizutragen.“ [19] Nachdem mit Athen eine der Wiegen der europäischen Kultur den Namen tragen durfte, folgten weitere renommierte Kulturmetropolen: Florenz, Amsterdam, Berlin und Paris. Woraufhin im Jahr 1990 Glasgow, eine Stadt ohne diesen Status, den Titel zugesprochen bekam. Bis zehn Jahre später zum ersten Mal nicht nur eine Stadt Kulturhauptstadt war, kamen zwischen 1991 und 1999 bis auf zwei Ausnahmen (Thessaloniki (1997) und Weimar (1999)) „richtige“, also Hauptstädte von Nationalstaaten zum Zug. Dabei handelte es sich durchwegs um Städte, die mit Bedacht auf kulturelle Aspekte ausgewählt geworden zu sein schienen. Madrid (1992), Lissabon (1994) oder Weimar (1999), die Stadt Goethes. Zu Beginn der 1990er Jahre wurde auch der europäische Kulturmonat eingeführt. Neben Linz im Jahre 1998 wurden folgende Städte dafür ausgewählt: Krakau (1992), Graz (1993), Budapest (1994), Nicosia (1995), St. Petersburg (1996), Ljubljana (1997), Valletta (auch 1998) und Plovdiv (1999).[20]

Die Vergabe des Titels Kulturhauptstadt an Avignon, Bergen, Bologna, Brüssel, Krakau, Helsinki, Prag, Reykjavik und Santiago de Compostela im Jahre 2000 erscheint, bei allem Respekt für die Genannten, ein wenig als eine „Inflation“ des Begriffs. Prag oder Brüssel sind allemal große Kulturstätten, aber die ganz großen Namen hatten bereits die Ehre. Zunehmend kamen auch teils kleinere und teils mit Kultur weniger assoziierte Städte zum Zug. 2004 teilten sich die Industriestadt Lille und die Hafenstadt Genua den Titel.

Als erstmals 2003 eine österreichische Stadt den Platz einnehmen sollte war es nicht Wien, sondern, „wer hätte das gedacht“[21], Graz. Die Unterstellung der „Inflation“ des Begriffs bezieht sich auf die mit der Kulturhauptstadt einhergehende Anerkennung und Ehre, die im neuen Jahrtausend nicht mehr so hoch angesehen zu sein schien, dass die österreichische Kulturmetropole der zweitgrößten Stadt des Landes den Vorzug ließ. Für Wien stellt eine Europäische Kulturhauptstadt nicht eine Stellung dar, die unbedingt erlangt werden muss. Wien strebt andere Ehren an, wie zum Beispiel eine Expo.

Da die Europäische Kulturhauptstadt nicht jedes Jahr Paris heißen kann, ist der Ausdruck „Inflation“ unverschämt und unbegründet. Nicht zuletzt ist auch der Charakter der Veranstaltung darauf angewiesen, ein möglichst breites europäisches Spektrum mit einzubeziehen, um eben die Aufgabe, der Herausstellung der europäischen Vielfalt im Sinne der Integration und des Zusammenwachsens, erfüllen zu können.

Die Städte ihrerseits erwarten sich ebenfalls etwas von dem einjährigen Titel. Besonders solche, die aus ihrer Regionalbedeutung herausbrechen und in weitere internationale Kreise vordringen wollen. Ganz im Sinne der noch zu behandelnden Thesen von Häußermann und Siebel wird das Instrumentarium Europäische Kulturhauptstadt von verantwortlichen und zuständigen Akteuren/Akteurinnen als Mittel zur Beeinflussung der Stadtentwicklung gesehen.

„Spätestens seit Glasgow 1990 ‚[...] dient der Titel als ein Instrument für Stadterneuerung, Imagewandel und Etablierung auf einer europäischen Kulturlandkarte.’“[22]

2.1.2. Der Vergabe-Modus

Der Modus der Vergabe hat sich im Laufe der Jahre etwas verändert. So werden seit dem Jahr 2000 mehr als eine Kulturhauptstadt pro Jahr benannt. Es ist ebenso ein Bestreben, jedes Jahr eine Kulturhauptstadt aus den neuen östlichen Mitgliedsstaaten zu präsentieren. Die Austragungsländer wurden über Jahre hinaus bestimmt, die Entscheidung für eine Stadt findet also in einem nationalen Auswahlverfahren statt. So gab es etwa in Deutschland einen starken Wettkampf unter den Bewerberstädten für die Austragung des Kulturhauptstadtjahres 2010.

Essen mitsamt dem Ruhrgebiet konnte sich letztendlich durchsetzen. Für das Jahr 2009 verlief die Entscheidung etwas anders, wie wir später sehen werden.

Die Ernennung erfolgt durch den Europäischen Rat: „Vier Jahre vor Beginn legt jeder betreffende Mitgliedstaat der EU, unter Berücksichtigung der von der Jury ausgesprochenen Empfehlungen, die Bewerbung einer Stadt vor. Der Europäische Rat ernennt zwei Städte offiziell zur ‚Kulturhauptstadt Europas’.“[23]

Die genannte ExpertInnen-Jury setzt sich aus Personen zusammen, die von den europäischen Behörden sowie den betreffenden Mitgliedsstaaten bestellt werden. Sie prüft die Bewerbungen und gibt eine Stellungnahme ab.

2.1.3. Kulturhauptstadt und Finanzen

Einer auserwählten Stadt wird von der EU in erster Linie die Ehre, den Namen Kulturhauptstadt zu tragen, verliehen, die Finanzierung obliegt der geehrten Stadt, ihrer Region und ihrem Mitgliedsstaat. Es werden zwar auch Zuschüsse für eine Kulturhauptstadt im Rahmen des EU–Programms „KULTUR“ (2007–2013) gewährt, diese können jedoch nur für Projekte und nicht für Bauvorhaben oder andere Investitionen verwendet werden.[24]

Für Linz 09 wird das Budget zu je einem Drittel von Stadt, Land und Bund erbracht. Aus EU Töpfen wird nur ein kleiner Teil beigesteuert. 64 Millionen Euro sind für das Projekt Kulturhauptstadt veranschlagt, je 20 Millionen steuern die Körperschaften bei, Sponsoren beteiligen sich mit 2 Millionen, der Ticketverkauf soll 1,4 Millionen einbringen, und der kleine Beitrag der EU beläuft sich auf 0,5 Millionen Euro, dieser, den OÖN zufolge „mickrige“ Betrag, wird zudem erst 2010 überwiesen.[25]

2.1.4. EU und Kultur

Zunächst noch ein Blick auf die formalen Grundlagen dieser Großveranstaltung:

Dass die Europäische Union großen Wert auf die kulturelle Entwicklung in Europa legt, ist nicht zuletzt in den Verträgen von Maastricht und Amsterdam festgehalten. Der Union geht es um die Bewahrung und Entfaltung europäischer Kulturen, um Vielfalt und Offenheit. Diese kulturellen Werte sollen die Basis für eine solidarische Gesellschaft bilden.[26]

Der Artikel 151 des Vertrags von Amsterdam geht genau auf die Bestrebungen der EU in diesem Bereich ein und birgt in sich die Rechtsgrundlage für die Kulturförderung durch die Abhaltung eines Kulturhauptstadtjahres. Der Beschluss 1419/1999/EG, der mit 2003 in Kraft trat.[27], definiert das Projekt Kulturhauptstadt und umreißt in Artikel 3 Zielvorgaben bzw. Evaluierungskriterien:

„Artikel 3

Die Benennung beinhaltet ein Kulturprojekt von europäischer Dimension, das sich im wesentlichen auf die kulturelle Zusammenarbeit gemäß den in Artikel 151 des Vertrags vorgesehenen Zielen und Maßnahmen stützt.

Bei der Benennung wird angegeben, wie die benannte Stadt folgende Ziele zu erreichen gedenkt:

- Herausstellen der den Europäern gemeinsamen künstlerischen Strömungen und Stile, zu denen die benannte Stadt Anregungen gegeben oder einen wesentlichen Beitrag geleistet hat;

- Förderung von Veranstaltungen mit Kulturschaffenden aus anderen Städten der Mitgliedstaaten, die zu einer dauerhaften kulturellen Zusammenarbeit führen, und Förderung ihrer Mobilität innerhalb der Europäischen Union;

- Unterstützung und Förderung des kreativen Schaffens als wesentlicher Bestandteil jeder Kulturpolitik;

- Mobilisierung und Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten an dem Projekt und damit Gewährleistung der sozialen Wirkung der Aktion und ihrer Kontinuität über das Jahr der Veranstaltungen hinaus;

- Förderung des Empfangs von Bürgern aus der Union und der größtmöglichen Bekanntmachung der geplanten Veranstaltungen mit Hilfe aller multimedialen Mittel;

- Förderung des Dialogs zwischen den europäischen Kulturkreisen und denen anderer Teile der Welt und in diesem Sinne Betonung der Öffnung gegenüber anderen und des Verständnisses für andere, die grundlegende kulturelle Werte darstellen;

- Herausstellung des historischen Erbes und der Stadtarchitektur sowie der Lebensqualität in der Stadt.“[28]

Ob Linz diesen Zielvorgaben entsprechen kann und in welcher Weise es diese Punkte erfüllen könnte, darauf wird später noch eingegangen werden, hier soll zunächst der Weg von Linz bis zur Zusage vor allem anhand der Berichterstattung der Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) nachgezeichnet werden:

2.2. Chronologie der Auswahl von Linz

Im August 2000 schreiben die OÖN:

„Die europäisch erstellte Bilanz des Europa-Kulturmonats in Linz 1997 war durchwegs positiv und macht Mut für Größeres:“[29]

Der Artikel berichtet, dass Linz erste Schritte unternommen habe, sich für die Funktion einer Kulturhauptstadt Europas zu bewerben.

Da das Jahr 2009 einer österreichischen Stadt vorbehalten ist, sprechen die OÖN im März 2001 von einem „unklaren innerösterreichischen Konkurrenz-Szenario“[30]. Der Artikel berichtet zudem, dass in Linz schon erste Arbeitsschritte in Richtung Leitthemen, Marketing Konzept und Gewinnung von Unterstützern der Linz Bewerbung unternommen wurden.

Zu Beginn des Jahres 2004 wird in Beiträgen über kulturelle Belange oder das Thema Kulturhauptstadt selbst die Situation der Mitbewerber-Städte beschrieben und Stadtpolitiker zu den Chancen für Linz zitiert:

„’Sehr gelassen’ sieht Dobusch laut Austria Presseagentur die mögliche Bewerbung Salzburgs zur Europäischen Kulturhauptstadt 2009. Salzburg werde nach dem Mozartjahr 2006 ‚zu wenig Zeit haben, um für Linz ein ernsthafter Gegner zu sein’. Dasselbe gelte für Klagenfurt, das eine Kandidatur überlegt.“[31]

„Die Konkurrenz aus dem eigenen Land fürchten die Linzer nicht: ‚Wir sind in dieser Frage in der Zielgeraden, während Salzburg noch nicht einmal am Start steht.’ [Anm.: wird der Linzer Kulturdirektor Siegbert Janko zitiert] Das Fragezeichen hinter einer möglichen Klagenfurter Bewerbung wird ebenfalls sehr groß gesehen.“[32]

Im Mai 2004 kann vermeldet werden:

„Europäische Kulturhauptstadt 2009. St. Pölten, Krems, Klagenfurt, Salzburg, Linz. So sah die Liste der möglichen Bewerber noch vor knapp einem Jahr aus. Die Liste ist geschrumpft. St. Pölten weg, Krems weg. Klagenfurt weg. Salzburg drückt sich seit Monaten um eine klare Entscheidung“[33]

Die bis zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich als Interessenten in Erscheinung getretenen niederösterreichischen Städte waren also schon aus dem Rennen bevor ein Wettkampf richtig losging. Klagenfurt und Salzburg konzentrierten sich wahrscheinlich schon auf die Fußball Europameisterschaft 2008. Dass Linz die wohl hungrigste Stadt Österreichs in Hinblick auf die Austragung des Kulturjahrs war und auch die größten Chancen zu haben schien, schildert auch der Bericht der OÖN vom 11.6.2004:

„Linz scharrt dafür ja bereits emsig in den Startlöchern, da sich [...] nun nach St. Pölten und Klagenfurt höchstwahrscheinlich auch Salzburg aus der Bewerbung für 2009 zurückziehen wird.“[34]

Im Juli wird die Bewerbungsmappe „Linz 2009“[35] präsentiert und im September der Bundesregierung übergeben.[36] Am 13.9.2004 kann das Blatt über die Übergabe der Bewerbungsunterlagen für die europäische Kulturhauptstadt 2009 durch die oberösterreichischen Delegation, bestehend aus Bürgermeister Franz Dobusch, Kulturreferent und Vizebürgermeister Erich Watzl und Landeshauptmann Josef Pühringer, an Kunststaatssekretär Franz Morak berichten.[37] Vier Tage später meldet die Zeitung, dass Linz als einzige Bewerberin ins Rennen geht.[38] Im März 2005 beschließt der Linzer Gemeinderat die Gründung der „Linz 2009 – Kulturhauptstadt Europas OrganisationsGmbH“, deren Budget mit einem voraussichtlichen Wert zwischen 60 bis 65 Millionen Euro genannt wird.[39]

„Ich werde wohl als Vorsitzender des kürzesten Hearings in die Geschichte der EU- Kulturhauptstadt-Jury eingehen“[40], so wird Charlie Hennessy, Opernchef von Cork, in den OÖN nach dem Hearing vorm EU Parlament am 14.4.2005 zitiert. Die einzige Bewerberin konnte sich vor der ExpertInnenjury gut präsentieren. Im November desselben Jahres schließlich konnte die größte Tageszeitung Oberösterreichs verkünden: „Wie zu erwarten, haben gestern in Brüssel die 25 EU-Kulturminister Linz [...] zur Kulturhauptstadt 2009

gekürt.“[41] Der Beschluss 2005/815/EG des Rates der Europäischen Union vom 14.11.2005 erklärt Linz und Vilnius zu „Kulturhauptstädten Europas 2009“[42]

2.2.1. Die Berichterstattung der OÖN

Die Berichterstattung der Oberösterreichischen Nachrichten zum Thema Kulturhauptstadt zeigt sich seit dem Jahr 2001 sehr umfangreich. Das Online Archiv der Zeitung unter www.nachrichten.at bringt bei der Suche[43] nach dem Begriff „Kulturhauptstadt“ in den Jahren 2001 bis 2008 1216 Treffer, also 1216 Artikel, die das Wort „Kulturhauptstadt“ beinhalten. Dass damit zwangsläufig die Bestrebungen von Linz gemeint sind, ist nicht gesagt. Zumal Graz im Jahr 2003 diesen Titel trug und die OÖN natürlich darüber berichteten, sei es mit oder ohne Linz Bezug. Bei der Eingabe der Begriffe „Kulturhauptstadt Linz“ finden sich im selben Zeitraum 1084 Artikel. Dies sagt ebenso wenig über die Qualität des Berichts bezogen auf das Thema Linz 09 aus, es zeigt uns lediglich die quantitative Häufigkeit von Artikeln auf, in denen diese Worte vorgekommen sind. Die qualitativ für diese Arbeit interessantesten Artikel wurden durch Spezifizierung der Suchbegriffe bzw. des Zeitraums und durch die Beobachtung der Ausgaben während der Forschungszeit gefunden.

Die OÖN begrenzen sich nicht nur auf Berichterstattung und Kommentare, sondern zeichnen sich durch eine gewisse Anteilnahme am Ereignis aus. Die Zeitung scheint sich für das Gelingen des Projekts mitverantwortlich zu fühlen. Zumindest werden breite Information, Miteinbindung und Animation der LeserInnen angestrebt. Neben Berichten und durchaus auch kritischen Kommentaren kommen in Interviews ExpertInnen zu Wort, die um Rat, Lob und Kritik gebeten werden. Auffallend sind zudem bestimmte Serien, die im Bezug zum Kulturhauptstadtjahr standen und stehen und seit Beginn 2007 zu beobachten sind. Eine Reihe stellte Linzer Straßennamen vor, eine weitere stellte sich die Frage: „Ist Linz schön?“[44]

Zudem wurden Informations- und Diskussionsveranstaltungen zum Thema durchgeführt. In der Berichterstattung der OÖN über Linz 09 werden auch die Erwartungen bestimmter Personen auf das große Jahr artikuliert. Erwartungen an das Projekt, an das Linz 09 Team, aber auch Erwartungen an Linz selbst. Darüber hinaus wird auch gerne einmal erläutert, was es mit einer Kulturhauptstadt auf sich hat bzw. wie andere Städte damit umgegangen sind und welche Erfahrungen sie gesammelt haben.

Aber nicht nur die OÖN machen die Kulturhauptstadt zu einem Dauerbrenner, auch andere Zeitungen mischen mit spezieller Berichterstattung oder Veranstaltungen mit. Die Online Version des Standards (http://derstandard.at/) sammelt relevante Berichte in der Rubrik „Linz 2009“, eine Unterrubrik von „Kulturhauptstädte Europas“. Am 17.4.2008 wurde seitens der OÖ-Kronen Zeitung zu einer Diskussionsveranstaltung ins sogenannte „Krone Forum“ im Hauptquartier des Blattes in der Khevenhüllerstraße geladen. Der Titel dieser gut besuchten Podiumsdiskussion lautete „Wer freut sich noch auf Linz 09?“ und zeigte somit eine gewisse Stimmungslage in der Stadt gegenüber den Entwicklungen rund um das Großprojekt zu diesem Zeitpunkt auf. Mitdiskutant und Intendant der Linz 09 GmbH Martin Heller musste im Rahmen der Erörterungen einräumen, dass es dem Konzept für die Abhaltung eines Kulturhauptstadtjahres von Linz anzumerken war, dass die Stadt die einzige Bewerberin war. Dies ist nach der Betrachtung des Weges von Linz zur Erreichung dieses Titel eine eindeutige Erklärung und für unsere Forschungsfrage ein erste konkrete, wenngleich eher oberflächliche Antwort. Linz ist im Jahr 2009 Europäische Kulturhauptstadt, weil es diese Einrichtung gibt, die Stadt sich dafür beworben hat und als einzige Bewerberin den Zuschlag erhalten hat (müssen). Dass es Linz anzumerken war, die einzige Interessentin zu sein, klingt nicht schmeichelhaft und scheint auf eine falsche Herangehensweise zu schließen. Ein Blick auf die Bewerbungsunterlagen soll zeigen, was damit gemeint sein kann.

2.2.2. Bewerbungsunterlagen

Die Publikation „Linz 2009“, herausgegeben vom Linzer Kulturdirektor Siegbert Janko, stellt die offizielle Bewerbung der Stadt Linz für das Kulturhauptstadtjahr 2009 dar. Ganz im Gegensatz zur Definition des Vizeintendanten Ulrich Fuchs, der eine Kulturhauptstadt eher als „Stipendium für etwas zu Entwickelndes“[45] sieht, denn als „Auszeichnung für etwas Geleistetes“[46], wird in der schlecht gebundenen Veröffentlichung[47] in erster Linie auf bestehende Kultureinrichtungen verwiesen, dazu ein spezieller Charakter der Stadt bemüht und damit die Reife der Stadt für den Titel der Kulturhauptstadt behauptet. Die wandlungsreiche Geschichte der Stadt („Von der Stahlstadt zur Kulturstadt“[48] ), eine Beschreibung, was Linz „ist“ bzw. sein soll („Linz ist Klang und Wolke“ [49] , „Linz ist Stahl und Strom“[50] oder „Linz ist Stifter und Anstifter“[51] ) und eine 20seitige Aufzählung Linzer Kulturinstitutionen sind die Kernpunkte der Bewerbung von Linz. Es finden sich keinerlei Zielsetzungen oder Vorhaben, die mit 2009 in Angriff genommen werden sollen. Zudem fällt auf, dass sich unter den angeführten Kultureinrichtungen auch eine große Anzahl an Kulturinitiativen befindet, die sich der so genannten Freien Szene zurechnen, darunter z.B der KV „Biosphäre 3“[52], der einst Konzerte in der KAPU veranstaltete, aber schon lange nicht mehr existent ist. Diese Freie Szene wird im Laufe dieser Arbeit noch öfters zum Thema, auch im Zusammenhang mit der Entwicklungsgeschichte der Stadt, und damit auch näher beschrieben. Neben den Linzer VertreterInnen der Freien Szene wurden in der Bewerbungspublikation auch viele Kultureinrichtungen aus ganz Oberösterreich rekrutiert, um eine „blendende Visitenkarte“[53] vorweisen zu können.

Die Kritik, dass diesem Konzept die exklusive, ja alleinige Bewerbung anzumerken war, scheint auf den Umstand anspielen zu wollen, dass nur mit Bestehendem geworben und der Titel „Kulturhauptstadt“ als Belohnung missverstanden wurde. Pläne und Ziele, auch im Hinblick auf die Vorgaben der EU in Artikel 3 (vgl. Kapitel 2.1.4.), die es wahrscheinlich zu konkretisieren gegolten hätte, wenn es eine Konkurrenz gegeben hätte, seien nicht in das Konzept miteingebracht worden.[54]

2.3. Festivalisierung der Stadtpolitik

Im vorigen Kapitel wurde dargestellt, wie der Titel „Kulturhauptstadt“ an Linz verliehen wurde, und damit der einfachste Grund für die Beantwortung der Forschungsfrage genannt. Um die Motivation der Stadt Linz ergründen zu können, sich den enormen Investitionen für eine Großveranstaltung wie denen des Kulturhauptstadtjahrs auszusetzen, wenden wir uns nun einer Theorie der Stadtsoziologie zu.

Dass Städte sich gerne mit Großveranstaltungen wie einem Kulturhauptstadtjahr, oder Kunstfestivals, Sportveranstaltungen usw. präsentieren, dieses Phänomen ist nicht neu, und wurde bereits 1993 von den Stadtsoziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel beschrieben. In ihrer Aufsatzsammlung „Festivalisierung der Stadtpolitik“ zeigen die Autoren, wie Stadtverwaltungen zur Erreichung bestimmter Ziele in der Stadtpolitik Großveranstaltungen einsetzen. Durch die Analyse einiger Fallbeispiele verschiedener Autoren weisen sie auf Vorteile und Nachteile aber auch Gründe für die Notwendigkeit dieses Trends in der Stadtpolitik hin.

Mit „Festivalisierung der Stadtpolitik“ ist die temporäre Inszenierung eines großen Projekts seitens einer Stadtverwaltung zum Zwecke der positiven Beeinflussung der Stadtentwicklung gemeint. Seien es die Spiele in der antiken Arena, die Olympischen Spiele, sowohl der Antike als auch der Moderne oder Weltausstellungen - der Drang der Mächtigen sich in pompöser Weise zu inszenieren begleitet die Menschheitsgeschichte seit jeher. Art und Weise, das Spektakel einzusetzen haben sich aber seit den 1970er Jahren verändert. Neu ist der Einsatz für stadtpolitische Ziele. Insofern soll die Theorie der „Festivalisierung“ erklären helfen, warum sich Linz aus eigenen Stücken darum bemüht hat, den Titel „Kulturhauptstadt“ zu erreichen, das Spektakel, das Festival Kulturhauptstadtjahr durchzuführen.

Warum sich überhaupt eine Notwendigkeit für den Einsatz von Vergnügungsveranstaltungen in der Stadtpolitik ergeben hat, erklärt ein Blick auf die historische Entwicklung der Städte, hier im Besonderen auf die deutscher bzw. mitteleuropäischer Städte. Die blühenden Städte des Mittelalters, der Renaissance und des Barock oder die schnell gewachsenen Städte Nordamerikas, die das wohl rasanteste Wachstum bis dato markieren - für sie alle war das Spektakel, das Festival eine Draufgabe, eine Belohnung für die erarbeitete Entwicklung. Ein Ritterturnier hatte gewiss noch andere Aufgaben als die des puren Gaudiums, es handelte sich dabei vielleicht um Spiele der Macht, aber sicher nicht um ein Werkzeug zur Stadtentwicklung. Weltausstellungen Ende des 19. Jahrhunderts dienten der Präsentation und der Festigung des Fortschrittsglaubens, ihr Zweck war aber auch nicht ein stadtplanerischer. Die Städte damals mussten sich nicht Sorgen um Wachstum machen. Die Stadt an sich stand für Wachstum und oftmals Reichtum.

2.3.1. Stadtentwicklungsgeschichte nach Häußermann und Siebel

Hartmut Häußermann und Walter Siebel[55] beschreiben die Entwicklung deutscher Städte (alte Bundesrepublik) seit dem Zweiten Weltkrieg. Für Österreich können diese Entwicklungsmuster aufgrund ähnlicher Verhältnisse (Zweiter Weltkrieg) als ebenfalls zutreffend angesehen werden. Sie beschreiben die zeitgenössischen Trends und gehen dabei nicht auf lokale Besonderheiten ein.

Die Autoren sprechen von drei Stadtentwicklungsphasen:

- Erste Phase: extensive Urbanisierung
- Zweite Phase: intensive Urbanisierung
- Dritte Phase: Desurbanisierung Extensive Urbanisierung

Eine erste Phase, die sich zeitlich um das Jahr 1960 ansiedeln lässt, wird mit „Extensiver Urbanisierung“[56] oder „Phase der Stadterweiterung“[57] beschrieben. In der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders expandierten die Städte ins Umland. Der wirtschaftliche Aufschwung forcierte die Bautätigkeit und verlangte nach neuem Raum. „Aufgabe der Stadtpolitik und -planung in dieser Zeit war es in erster Linie, die räumlichen und organisatorischen Voraussetzungen für diesen Urbanisierungs- und Wachstumsprozess zu schaffen.“[58] Der Ausbau des Verkehrsystems und das Bereitstellen von Bauland wurden von den Stadtverwaltungen vorangetrieben. Die zunehmende Motorisierung der Bevölkerung und der optimistische Fortschritts- und Wachstumsglaube brachte das „Leitbild der autogerechten Stadt“ hervor.

Intensive Urbanisierung

Eine zweite Phase, als „Intensive Urbanisierung“[59] oder „Phase des Stadtumbaus“[60] betitelt, zeichnete sich durch das Ziel der Wachstumssteuerung aus. Das Hauptaugenmerk lag auf der inneren Entwicklung der Stadt, so setzte man auf den Ausbau der sozialen Infrastruktur, die Sanierung alter Bausubstanz (Gentrifizierung) und auch auf den Ausbau öffentlicher Verkehrssysteme. Durch den Zeitgeist beeinflusst (1970er Jahre) hatte die Überwindung von Ungleichheiten eine große Bedeutung. Ebenso wurden wachstumskritische Stimmen laut und soziale Gerechtigkeit galt als hochgeschätzter Wert. Es entwickelte sich das Leitbild der sozialen bzw. nachhaltigen Stadt. Somit war der Abbau städtischer (sozialer und räumlicher) Ungleichheiten oder zumindest die Erweckung des Anscheins der Ausräumung derselben ein Anliegen der Stadtpolitik.

Desurbanisierung

Ab Mitte der 1970er Jahre setzte nach Häußermann und Siebel eine dritte Phase ein, die von den Stadtforschern als „Desurbanisierung“[61] bezeichnet wird. Sie zeichnet sich durch einen radikalen Wandel aus. Weltmarktkrise und die Verschärfung des internationalen Wettbewerbs lösen in den Städten eine Strukturkrise aus: Wenig Investitionen, Abnahme der Arbeitsplätze, Anstieg der Armut. Die Stadtkassen leiden zum Teil bis heute darunter.

„Da bis dahin Stadtentwicklung identisch mit Wachstum war, gab es hierfür weder Konzepte noch Instrumente – und sie wurden auch nicht entwickelt, denn mit einer anderen Perspektive als der des Wachstums konnte und wollte sich niemand anfreunden. Also mussten Strategien entwickelt werden für ein Wachstum unter den Bedingungen der Stagnation.“[62]

Die Stadtpolitik musste also von nun an dafür Sorge tragen, dass sich Wachstum einstellte. Die Strategie des „City-Marketing“ [63] etwa versucht lokales Wachstum zu produzieren, indem die Stadt nach außen als einzigartig, besuchenswert und vor allem existierend präsentiert wird.

„Sich international bemerkbar zu machen, sich weithin sichtbar als zukunftsträchtigen Standort anzubieten und damit externe Investitionen anlocken zu wollen, ist eine der herausragenden Strategien.“[64]

Der Konkurrenzkampf der Städte um finanzkräftige Investoren war zwar schon zuvor auch gegeben, die Voraussetzungen haben sich aber geändert. Durch die Verschärfung des internationalen Wettbewerbs, die Mobilität der Kapitalströme, die Öffnung von Handelsbarrieren und nicht zuletzt durch die fortgeschrittenen Technologien wurde der Einzugsbereich von konkurrierenden Städten immens vergrößert.

„Nun tritt Stuttgart mit Mailand, Hannover mit Barcelona, Hamburg mit Rotterdam und Köln mit Lyon unmittelbar in Konkurrenz um deutsche, japanische amerikanische und andere internationale Investoren.“[65]

Standortfaktoren der alten Schule, wie Verkehrsinfrastruktur, Rohstoffe und Arbeitskräfte sind nicht mehr die entscheidenden Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ansiedlungspolitik. Diese Vorzüge können mittlerweile fast alle Städte vorweisen. Dienstleistungsbetriebe sind meist auch nicht darauf angewiesen. Unternehmen treffen heute ihre Wahl für einen Standort in Hinblick auf das Kulturangebot, die Freizeitmöglichkeiten sowie das lokale Bildungsniveau und –angebot. Diese Faktoren werden im Gegensatz zu den harten Standortfaktoren (z.B. Infrastruktur) weiche Standortfaktoren genannt. Besonders Kultur wird in diesem Zusammenhang als das zentrale Element genannt: „Kultur als Motor der Stadtentwicklung“[66], oder:

„Gefragtes Mittel zum Zweck der Attraktivitätssteigerung von Standorten ist Kultur.“[67] Gleichzeitig zu den Anforderungen des Standortwettbewerbs wird die Arbeit einer Stadtverwaltung (City Management) noch zusätzlich erschwert. Der Spielraum der städtischen Behörden ist aufgrund der Deregulierung des Wirtschaftens und der geringeren Verfügbarkeit an Grundstücken und Finanzmitteln kleiner geworden. Darüber hinaus hat eine Stadtverwaltung heute das Problem, dass sie ihre Arbeit immer wieder gegenüber seiner Bevölkerung legitimieren muss. „Normale“ Verwaltungstätigkeit ist schwer präsentierbar und somit nicht so leicht erfolgreich zu verkaufen. Ein Beispiel dafür ist die Sozialarbeit. Erfolge sind hier nicht so sichtbar oder markant wie etwa eine neue Autobahn. Ein neues Seniorinnenzentrum lässt sich zwar schon herzeigen, aber die tägliche Pflegearbeit darin ist weniger greifbar. Zu den Problemen einer Stadt gehören heute neben dieser „’Unsichtbarkeit’ von politischen Erfolgen“ aber auch noch ein „qualitativer Wandel der Erwartungen

gegenüber der Politik“ und ein „Strukturwandel sozialer Ungleichheit“. Häußermann und Siebel sprechen hier von einer „Krise regulativer Politik“.[68] Ein weiteres Problem für die Stadtpolitik, der dadurch ebenso Aufmerksamkeit entzogen wird, ist die mangelnde Identifikation der Bewohner mit ihrer Stadt. Angesichts einer Entwicklung, die Städte in unüberschaubare Agglomerationen ausufern lässt, verlieren die Kernstädte an Bedeutung – die Kernstadt geht im Siedlungsbrei unter, schreiben Häußermann und Siebel [69], und sprechen damit das Problem der verlorenen Identifikationsmöglichkeit mit seinem Wohnort oder einem Stadtkern an.[70]

2.3.2. Der Einsatz von Festivals und positive Aspekte

Die Lösung für all diese Probleme scheint für die Stadtverwaltung der Einsatz des Festivals. Im Agglomerationsmeer werden „Inseln“ beleuchtet, die den Bewohnern eine Identifikation ermöglichen. Die Medien werden durch kurze, außergewöhnliche Aktionen bestens bedient und greifen diese auch auf. Die Festivalisierung bedeutet zudem für Städte, die nicht gerade zur Riege der Weltmetropolen, wie New York, London oder Paris gehören, dass sie zumindest kurzfristig weltweit oder europaweit in Erscheinung treten können.

„Sevilla, Hannover oder Duisburg müssen dagegen alle Kräfte zusammenraffen, um für die Dauer einer Messe so hoch zu springen, dass der japanische Investor sie wenigstens einmal zu Gesicht bekommt: (...) [eine] Strategie der Schwächeren, denen die internationale

Konkurrenz besondere Anstrengungen abverlangt, die sie nur ein Fest lang durchhalten können.“[71]

Die Politik der Stadt wird sichtbar. Sie kann sich der Bevölkerung als handlungsfähig präsentieren und damit zeigen, dass die Stadtregierung nicht umsonst an ihrem Platz ist.[72]

Für die Personen, die in der städtischen Verwaltung beschäftigt sind bedeutet der Einsatz von Großereignissen einen gewissen Motivationsschub. Die neue Aufgabe, die Vorbereitung und Umsetzung des Projekts, bringt neuen Antrieb. Häußermann und Siebel bezeichnen diesen Effekt als „Eigendoping“: Für die BeamtInnen in den Ämtern bedeutet ein terminlich festgesetztes Ereignis die Ablenkung von der alltäglichen Verwaltungsarbeit, die städtische Regulierungsmaßnahmen oft gegen den Widerstand betroffener Bewohner durchzusetzen hat. Eine frustrierende Arbeit, in die ein Termin, auf den hingearbeitet werden muss, frischen Wind bringt. Häußermann und Siebel sprechen hier von „Zeitdruck und Ausnahmezustand“, die als kraftvolle Mobilisatoren gepriesen werden.[73]

„Sie bieten heilsamen Zeitdruck und glamouröse Ziele, die das Heer der Bürokratie aus dem resignierten Trott der Routinen herausreißen.“[74] Außerdem bringt der Glanz, der von solchen Events ausgeht, sogar sich gegensätzlich gegenüberstehende politische Akteure dazu, im Sinne des nahenden schillernden Ereignisses gemeinsam die Kräfte zu mobilisieren, um Projekte umzusetzen.

Für ein kommunales Regierungsteam bedeutet der Einsatz von Großereignissen einen durchwegs adäquaten Politikstil angesichts krisenhafter Voraussetzungen in der Stadtpolitik.

Häußermann und Siebel entwickeln eine These für diesen Typus der Politik, den sie als „Festivalisierung der Politik“[75] titulieren:

„Unsere zentrale These ist, dass die Festivalisierung der Politik die Inszenierung von Gemeinsinn und Identifikation mit politischen Institutionen darstellt – eine Form politischer Repräsentation, die sich aus sozialstrukturellen Veränderungen, aus veränderten

Konfliktlinien in der Gesellschaft und aus den wachsenden Schwierigkeiten regulativer Politik ergibt.“[76]

Die Autoren fragen schließlich: „Festivalisierung der Politik als Inszenierung der eigenen Daseinsberechtigung?“[77]

Das angekündigte Großprojekt wird meist mit Versprechungen von Erfolg und Aufschwung angepriesen. Die positiven Effekte für eine Stadtregierung wurden dargelegt, aber die Frage, ob die versprochenen Auswirkungen, die der ganzen Stadt und deren Bevölkerung nutzen, wirklich einsetzen, bleibt noch offen. Können Festivals wirklich eine angekündigte positive Änderung einer problematischen Situation herbeiführen?

Ob ein inszeniertes Großereignis zum erhofften Erfolg führt, kann meistens nicht genau evaluiert werden. Welche Effekte welchen Ursachen entspringen ist schwer feststellbar. Häußermann und Siebel kommen zu dem Schluss: „Eine eindeutige Kosten-Nutzen-Rechnung ist (...) nicht möglich; die direkten ökonomischen Effekte sind selektiv oder widersprüchlich, die indirekten Wirkungen nicht abschätzbar oder lediglich diffuse Hoffnungen.“[78]

Eigentlich gibt es nur zwei Beispiele, die als Erfolg einer Großveranstaltung für die Stadtentwicklung gewertet werden, wobei dabei auch eine gewisse Mythologisierung der Ereignisse mitschwingt: In München werden die Olympischen Spiele 1972, in Barcelona die Olympischen Spiele 1992 als die Initialzündungen für die darauf folgende rasante Entwicklung der Städte gesehen. Ein Aspekt dürfte hier allerdings gewichtigen Einfluss genommen haben. Für beide Länder, Deutschland und Spanien bedeuten diese Ereignisse jeweils eine gewisse Rehabilitierung nach den zuvor überwundenen faschistischen Systemen (Deutschland bis 1945 und Spanien bis 1975).[79]

2.3.3. Negative Aspekte

Neben den Auswirkungen des Einsatzes von Festivals auf die Stadtpolitik und ihren Stil, der durchaus als problematisch angesehen wird, gibt es einige weitere negative Aspekte, die der Politik durch große Projekte generell anhaften.

Die großen Summen, die dafür ausgegeben werden stammen aus öffentlicher Hand und müssen anderen Projekte, anderen städtischen Aufgabenbereichen entzogen werden, um aufbringbar zu sein. „Große Projekte sind Subventionsumlenkungsmaschinen.“[80]

Neben einer generellen Preissteigerung, die während der Veranstaltungstage über eine Stadt hereinbricht, sind Randgruppen der Gesellschaft in keiner Weise Nutznießer eines Großprojekts, ihnen wird im Gegenteil noch mehr Aufmerksamkeit entzogen und sie werden noch mehr an den Rand gedrängt. „Festivalisierung ist auch das organisierte Wegsehen von sozialen, schwer lösbaren und wenig spektakuläre Erfolge versprechenden Problemen.“[81]

Die vielgepriesene Heraushebung und Stärkung der lokalen Identität durch ein Kulturfestival oder einer Fußballeuropameisterschaft kann zudem oft gar nicht erbracht werden. Die reisenden Organisationskomitees können ihre Zelte praktisch überall, unabhängig von lokalen Eigenheiten, aufschlagen. „Dieselben international tätigen Star-Architekten – (...) – bauen überall ihre Sportarenen und Kongreßzentren, in denen überall derselbe Querschnitt durch

die Weltkultur geboten wird. Das öffnet zwar jeder Stadt die Pfründe des Tourismus und die Chance zur Image Politur, aber die lokale Identität verschwindet dabei.“[82]

Die Veränderungen in der Erwartungshaltung gegenüber der Politik werden als Triebkraft für die Festivalisierung gesehen. Gemeint ist damit eine gewisse Politikverdrossenheit, die nur durch starke Reize und laute Signale einer Regierung überwunden werden kann. Dieser Politikstil verschärft aber die Lage und verändert das Demokratieverständnis hinsichtlich der Vorstellung von der Politik der repräsentativen Inszenierungen. Häußermann und Siebel sprechen hier von einem elitären Demokratiemodell.[83] Denn es ist offensichtlich, dass die Großveranstaltungen immer von oben bestimmt werden. Die Idee, ein solches Projekt anzugehen, kommt meist aus einem Kreis führender Köpfe aus Politik und Wirtschaft. „Noch nie hat es eine soziale Bewegung gegeben, die eine Stadtregierung von unten zur Bewerbung um ein großes Ereignis gedrängt hätte.“[84]

Unter Ausschluss eines demokratischen Entscheidungsprozesses wird die Idee bis zur Präsentationsreife geheim vorangetrieben und dann versucht „durch eine Kombination aus elitärem Korporatismus und Populismus“[85], Begeisterung für das Projekt in der Masse zu erzeugen.

„Das ist die fatale Paradoxie der Festivalisierung der Politik: sie erscheint notwendig angesichts der Erosion der kollektiven Basis einer demokratischen Politik – und zugleich befördert sie eben diese Erosion.“[86]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Trend zur Festivalisierung der Stadtpolitik eine Reaktion auf externe und interne Sachverhalte ist, denen eine Stadtverwaltung ausgesetzt ist. Von der Konkurrenzstellung zu anderen Städten bis zum Verhältnis zur eigenen Stadtbevölkerung.

Durch große Projekte macht eine Stadt auf sich aufmerksam, um finanzkräftiges Publikum anzulocken. Sie zeigt damit den EinwohnerInnen, dass die Stadtregierung handlungsfähig ist und zu Recht diese Stellung einnimmt. Ob die erhofften Effekte, die ein Festival erzeugen soll, eintreten, lässt sich allerdings oft schwer evaluieren. Dafür werden unvorteilhafte Auswirkungen und ein zweifelhafter Charakter dieses Politikstils festgestellt. Neben einer Preissteigerung, dem Umlenken von öffentlichen Geldern, die aufgrund des Großprojekts bei anderen städtischen Aufgaben fehlen, zeichnet sich die Politik durch große Projekte durch ein elitäres Demokratieverständnis aus. Randgruppen werden ausgeschlossen und die von oben bestimmte Party animiert zum Wegsehen.

2.3.4. Die Idee der Festivalisierung

Bevor wir einen genauen Blick auf die Stadt Linz werfen, und deren Bestrebungen um das Kulturhauptstadtjahr mit den Thesen der Stadtsoziologie vergleichen, wollen wir uns noch die Frage stellen, wie die Kommunalpolitiker überhaupt auf die Idee gekommen sind, den Weg dieses Politiktyps einzuschlagen, um damit einen gerade auch für Linz bedeutenden Aspekt anzusprechen.

Heiner Zametzer beschreibt in seinem Aufsatz „Achtung Kultur! Vorsicht Kultur!“, aus der Sammlung „Kulturerlebnis Stadt“[87] mit Verweis auf Walter Siebel ebenfalls den „Trend zur Festivalisierung“. Er skizziert die für die Städte krisenhaften 1970er Jahre („von der Profitopolis zur Nekropolis“[88] ) und verweist auf Menschen, die einer Stadtpolitik der Mietervertreibung, des Abrisses und des Betons Widerstand leisteten.

„Die Kapitalisierung von Grund und Boden, die rigorose Ausweitung von gewerblichen Nutzflächen in den Wohngebieten hatte zu einer Mietervertreibung geführt, die zu einem sozialpolitischen Flächenbrand werden drohte. Die Menschen, die sich entschlossen dagegen wehrten, hatten Ende der Sechziger mit ihren Aktionen gelernt, dass sich Selbstbewusstsein lohnt. Sie gingen auf die Straße und mobilisierten die Künstler für ihre Anliegen. Es gab einen unterschwelligen Trotz, der immer wieder zeigen wollte, dass die Menschen ihren Lebensraum nicht aufzugeben gedachten.“[89]

Der bunte Widerstand gegen eine falsche Politik hatte oftmals Erfolg, die grundsätzliche Idee Aktion, Kunst und Politik zu verbinden wurde von den Kommunen aufgegriffen. Die Festivalidee wurde entwickelt. In Händen der Verwaltung wurden Straßenfeste und Ähnliches jetzt allerdings professioneller und größer aufgezogen. Der Erfolg stellte sich schnell ein:

„Hier hatte die Verwaltung plötzlich eine Möglichkeit, innovativ und produktiv zu werden, einen Teil der verlorengegangenen Glaubwürdigkeit zurückzuerobern. Sie schuf die dazu notwendigen Infrastrukturen und brachte Finanzmittel auf.“[90]

Im Wettkampf der Städte um das attraktivere Festival explodierten im Laufe der Zeit die Kosten. „Irgendwann war dann die Frage virulent: ‚Wem gilt der ganze Aufwand? Wieder

den Eliten?’“[91] gibt der Autor zu bedenken und verweist auch auf eine gewisse Vereinnahmung der Kunst durch die Politik: „Bühne und Erfolg verführen jedoch Politik und Verwaltung immer wieder schnell dazu, die von anderen geschaffene ästhetische Leistung für sich in Anspruch zu nehmen, zu instrumentalisieren, sich mit Künstlern zu umgeben, sich die eigene Politik zu ästhetisieren.“[92]

Für unsere Forschungsfrage, warum eine der beiden Kulturhauptstädte 2009 Linz heißt, ist die Theorie der Festivalisierung der Stadtpolitik zentral. Linz nimmt die Anstrengungen, die mit dieser Veranstaltung verbunden sind, auf sich, weil es sich dadurch konkrete Effekte auf die Stadtentwicklung erhofft. Stadtpolitische Ziele sollen mithilfe des Festivals Kulturhauptstadt erreicht werden. Welcher Art diese Ziele sind und welchen Umständen sie entspringen, wird noch untersucht werden. An dieser Stelle sei aber noch darauf hingewiesen, dass besonders die von Heiner Zametzer beschriebene Entdeckung der Festivalidee in progressiven und rebellischen Gesellschaftsschichten und ihre stadtpolitische Verwertung auch auf Linz zutreffen. Die Übernahme von Ideen und Potenzial aus alternativen Strömungen scheint in Linz geradezu gängige Praxis zu sein.

2.4. In der Berichterstattung genannte Gründe

„Linz ist 2009 Kulturhauptstadt. Damit wird ein weiteres Kapitel in einer bemerkenswerten Entwicklungsgeschichte der Stadt geschrieben, die einst klar vom Stahl dominiert wurde.“[93]

So kommentieren die OÖN das bevorstehende Ereignis. Durch Eingabe entsprechender Suchbegriffe im Online Archiv der OÖN (http://www.nachrichten.at/archiv) konnten einschlägige Artikel gefunden werden. Zur Ergründung der Forschungsfrage wurden in diesen Berichten Textabschnitte und Zitate herausgehoben, die Angaben darüber machen, welche Gründe es dafür gibt, dass Linz Kulturhauptstadt 2009 wird. Neben dieser oben angeführten ersten Einschätzung zitieren die OÖN dazu in erster Linie die verantwortlichen Politiker von Stadt und Land. Diese äußern ihre Vorstellung darüber, warum Linz Kulturhauptstadt Europas wird, wie folgt:

„Man wolle sich „nachhaltig als moderne, offene, zukunftsorientierte Stadt präsentieren“.“[94]

Wird etwa Bürgermeister Franz Dobusch zitiert.

„Dem schloss sich Pühringer an: ‚Linz und Oberösterreich stellen berechtigt den Antrag, Kulturhauptstadt 2009 zu werden. Wir verdienen uns diesen Titel, sehr geehrter Herr Staatssekretär’, hieß es an Moraks Adresse.“[95]

„Janko: Für 2009 hat Österreich das Vorschlagsrecht. Linz ist zu diesem Zeitpunkt einfach reif dafür,“[96] „Dyk [Anm.: Reinhard Dyk war bis 2001 für die Linzer Kulturpolitik verantwortlich]: Ein wesentlicher Baustein auf dem Weg war sicher der ‚Kulturmonat’, die

‚Kulturhauptstadt’ wäre der nächste logische Schritt.“[97]

Auch aus den Bewerbungsunterlagen zitieren die OÖN, um daraus eine Qualifizierung von Linz als Kulturhauptstadt herauszulesen:

„wo in den Bewerbungsunterlagen für die Europäische Kulturhauptstadt 2009 zu lesen ist:

‚Linz ist für die Kandidatur als Kulturhauptstadt Europas insbesondere wegen der ausgeprägten Zukunftsorientierung der Stadt qualifiziert.’“[98]

Sowohl Bürgermeister Franz Dobusch als auch der für Kultur zuständige Vizebürgermeister Erich Watzl werden mit ihren Bekräftigungen, dass es auch Wunsch der Linzer Bevölkerung ist, den Titel zu erlangen und zu tragen, in der Berichterstattung erwähnt:

„’Ja, das stimmt!’ – bestätigt der Linzer Bürgermeister Dobusch auf die Anfrage der OÖN:

‚die Linzer Bevölkerung steht mit einer sensationellen Zustimmung hinter der Kulturhauptstadt 2009.’“[99]

„In 500 Telefoninterviews hat der Linzer Kulturstadtrat Erich Watzl (VP) von market erheben lassen, wie die Linzer die Bewerbung ihrer Heimatstadt zur Europäischen Kulturhauptstadt 2009 bewerten. Demnach halten 82 Prozent der Befragten diese Idee für positiv, 16 Prozent stehen der Bewerbung ablehnend gegenüber.“[100]

Dieses von den Politikern gezeichnete Bild einer unterschätzten Stadt, die sich nach den Jahren der Transformation einer großen Öffentlichkeit als vollwertige moderne Stadt präsentieren will, wird im Interview mit Intendant Martin Heller noch tiefer analysiert:

„Schließlich verstehe ich die Beweggründe der Stadt viel besser, warum ihr die Kulturhauptstadt als Titel so wichtig ist. Denn damit verbindet sich ein grundlegendes Problem der Stadt: Sie will nach außen kundtun, dass ihre Entwicklung sie an einen ganz anderen Punkt gebracht hat als dahin, wo viele die Stadt nach wie vor vermuten.“[101]

„Dieses Imageproblem von Linz schließt eine Art innere Kränkung ein – dass viele den Erfolg zwar wahrnehmen, aber ihn nicht wahrhaben wollen.“[102]

„Heller: Für die strategischen Köpfe hinter der Bewerbung stand sicher im Vordergrund, bei dieser Gelegenheit die realen Fortschritte, die Linz verbuchen kann, auch nach außen hin zu kommunizieren zum Nutzen der Stadt. Da geht es sehr wohl um ein Stück Anerkennung.“[103]

Im Interview mit Vizeintendant Ulrich Fuchs verweist dieser aber wiederum auf die alleinige Bewerbung der oberösterreichischen Landeshauptstadt:

„Was Linz einbrachte, war bloß eine Beschreibung dessen, was es bereits gibt. Das hatte damit zu tun, dass es keine ernsthafte Konkurrenz gab und Linz relativ unangefochten durchs Ziel rennen konnte.“[104]

Häußermann und Siebel schreiben in ihrer Theorie der Fesitivalisieurng das Bestreben, ein Festival in der Stadt auszurichten, den Eliten einer Kommune zu (vgl.: Kapitel 2.3.3.). „Von unten“ sei eine Stadtregierung noch nie gedrängt worden, solch eine Veranstaltung zu organisieren, heißt es da. Nun wird angesichts der Berichte über die Bewerbung von Linz ersichtlich, dass es sich bei den handelnden Personen eben um führende PolitkerInnen der Stadt und der Region handelt, wie es in dieser stadtsoziologischen Theorie aus den 1990er Jahren betont wird. Der Bürgermeister und sein Stellvertreter berufen sich dabei auf eine überzeugende Mehrheit der Stadtbevölkerung, die den Wunsch, ein Kulturhauptstadtjahr abzuhalten, mitträgt. Der Umfang der Öffentlichkeitsarbeit in der Berichterstattung der Medien, sowie durch Werbekampagnen, der in Linz für das Projekt 2009 eingesetzt wurde, entspricht ebenso der Einschätzung der beiden Stadtsoziologen, dass die Massen durchaus gewonnen werden können. Für die Beantwortung unserer Forschungsfrage bedeuten diese Beobachtungen jedenfalls, dass Linz deswegen Kulturhauptstadt wird, weil sich führende Köpfe der Stadt dazu entschlossen haben, und sie für diese Idee in der Bevölkerung eine Mehrheit gefunden haben.

3. Ein Blick auf Linz

Ein Blick ist die visuelle Wahrnehmung von Objekten. Im Inhaltsverzeichnis dieser Arbeit hat sich ausgehend aus der von Robert Park praktizierten Stadtsoziologie, einen Blick von oben auf das zu beobachtende Feld zu werfen (vgl. Kapitel 1.2.2.), das Wort „Blick“ als roter Faden aufgedrängt, da ebenfalls ein Blick auf Linz geworfen wird. Mit mehreren Blicken wollen wir die Stadt Linz erkunden und die tiefere Bedeutung in dem Wunsch nach europäischen Ehren durch ein Kulturhauptstadtjahr ergründen.

Der Blick auf Linz geschieht in dieser Arbeit zugegebener Maßen in den meisten Fällen als Blick auf geschriebene Wörter. Die Artikel der OÖN werden visuell wahrgenommen indem sie einfach gelesen werden. Dazu gehörende und andere Bilder werden erblickt, gesehen und betrachtet also, und zwar sowohl in Papierform als auch auf dem Bildschirm. Die multimedialen Möglichkeiten des Internets bieten auch bewegte Bilder, so wie das Fernsehen. Es gibt eine Vielzahl von Materialen, die einen Blick auf Linz eröffnen. Der Blick auf Linz findet von verschiedenen Seiten statt. Die Einteilung der Kapitel in dieser Arbeit versucht hier eine gewisse Differenzierung vorzunehmen. Im Grunde wird aber nicht nur Linz an sich erblickt und betrachtet, sondern die Blicke selbst, die auf Linz gerichtet sind, werden erblickt und besehen. Es wird quasi ein Metablick auf Linz geworfen.

Das Blicken beschränkt sich hier aber nicht nur auf die visuelle Tätigkeit, sondern das Hören wird ebenfalls zugelassen. Dies betrifft etwaige Fernsehsendungen bzw. Videos aus dem Internet sowie Radiosendungen oder einfach nur Stadtgeräusche.

Ein Blick auf Linz beinhaltet zuerst den Blick auf die Geschichte der Stadt. Dieser Blick findet natürlich verzerrt durch die Augen anderer statt. Aber wir ersehen zumindest wer die Geschichte erzählt und können daraus wiederum etwas erblicken. Die weitere Einteilung in „Blick von oben“, „von innen“ und „von außen“ bezeichnet jeweils den Blickwinkel, von dem aus Linz betrachtet wird.

3.1. Ein Blick auf die Stadtgeschichte

Über die Geschichte der oberösterreichischen Landeshauptstadt gibt es viele Mythen, Geschichtsbilder sozusagen. In Linz steht die größte Kirche Österreichs, der Mariendom, der durch eine List der Linzer – es wurde an beiden Seiten gleichzeitig zu bauen begonnen – diesen Status erlangte und dem Stephansdom zu Wien diesen Rang ablief. Die Wiener konnten nur mehr insofern intervenieren, dass der Turm einen Meter niedriger als der des Stephansdoms errichtet wurde. Neben der größten ist auch die älteste Kirche Österreichs in Linz zu finden: Die Martinskirche auf dem Römerberg, gleich neben dem Schloss, das Kaiser Friedrich III. ausbauen ließ, weil er hier zeitweise residierte und Linz somit auch zu einer kurzfristigen Residenzstadt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation machte.

Eine der wohl bekanntesten Geschichten über Linz bezieht sich auf Adolf Hitler, der hier seine Jugendjahre verbrachte, und diese Stadt als seine Heimatstadt empfand.[105] Hier ging er ins Realgymnasium Fadingerstraße (zur gleichen Zeit wie Ludwig Wittgenstein), maturierte aber nicht. Hier ließ er nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich die Schwerindustrie aufziehen, träumte von einem gigantischen Umbau seiner Lieblingsstadt und errichtete dafür in der Nähe das Konzentrationslager Mauthausen, das sich mit seinen vielen Nebenlagern über das ganze Land ausstreckte.

Aktuellere Geschichtsbilder zeigen die Stadt des Wandels, die Stadt die von der bäuerlichen Provinzstadt zur Industriestadt verwandelt wurde und dieses Image wiederum abzulegen im Begriff ist, um sich als Kulturstadt zu präsentieren. Die Mythen „Labor der Zukunft“ oder „Medienhauptstadt“ weisen den Weg ins 21. Jahrhundert.

3.1.1. Die Zeit vor 1938

Dass mit dem Spatenstich für die Hermann-Göring-Werke am 13.Mai 1938[106] Linz über Nacht zur Industriestadt transformiert wurde, wird heute von Historikern so nicht mehr gesehen. Sehr wohl gab es davor schon Industriebetriebe, die in ihrer Größe den Anforderungen der Region und der Stadt entsprachen.

Der Mythos von der Industrialisierung durch die Nationalsozialisten wird im Buch „Die Linzer Industrie im 20. Jahrhundert“ des Linzer Statistikers und Historikers Otto Lackinger stark in Zweifel gezogen.

3.1.1.1. Entstehung der Linzer Industrie

Als ersten industriellen Meilenstein in der Geschichte der heutigen Landeshauptstadt ist die im Jahr 1672[107] gegründete Wollzeugfabrik zu nennen. 1726[108] wurde diese Fabrik durch einen schlossähnlichen Bau erweitert. Dieser Industriebau war aus heutiger Sicht deshalb so bemerkenswert, weil er im Baustil des Barock errichtet worden war. Nur wenige Produktionsstätten wurden in dieser Bauepoche gestaltet, daher wäre dieser Bau, würde er heute noch stehen, sicherlich eine Sensation und ein Wahrzeichen der Stadt. Die Wollzeugfabrik wurde 1850 geschlossen und noch im selben Jahr wurde in Teilen der nun freien Räumlichkeiten eine Tabakfabrik eröffnet, die in der Konjunkturphase der 1920er Jahre neu erbaut wurde. Dieser Bau von Peter Behrens, der von der Architektur der Bauhaus Bewegung um Walter Gropius geprägt ist, gilt heute als historisch wertvolles Erbe dieser Industriebauphase der 1920er und 1930er Jahre.[109]

3.1.1.2. Die industrielle Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Linz als provinzielle Bauernstadt, der im riesigen Reich der Habsburger Monarchie keine wirkliche industrielle Bedeutung zukam. Die Industriezentren der k.u.k. Monarchie waren rund um die Reichshauptstadt Wien sowie in Tschechien und Schlesien platziert. Das Land ob der Enns galt als Obstgarten Österreichs und Linz war die von ihrem bäuerlichen Umfeld geprägte Kleinstadt. Die industriell viel bedeutendere Stadt in Oberösterreich war damals Steyr. Dennoch entstanden auch in der Donaustadt zu dieser Zeit industriell produzierende Betriebe. 1902 verfügte Linz auf seinem Stadtgebiet über 45 Industriebetriebe. Innerhalb der heutigen Stadtgrenzen befanden sich damals 71 Industriebetriebe mit 5.295 Beschäftigten. Die Linzer Betriebe deckten fast alle Branchen der Industrieproduktion ab, wobei die Bekleidungs-, sowie die Nahrungsmittel- und Genussmittelindustrie die meisten Beschäftigten aufzuweisen hatten. Darunter fielen die Großbetriebe Tabakfabrik, Franck-Fabrik (nach der heute die Franckstraße benannt ist), zwei Großbrauereien, sowie die in Kleinmünchen ansässige Textil-Industrie.[110]

[...]


[1] Eine kulturhauptstadtkritische Initiative, vgl.: versorgerin ‚0076, Dezember 2007

[2] vgl.: Häußermann, Siebel, 1993

[3] Die Abkürzung FRO bedeutet Freies Radio Oberösterreich

[4] Auer et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.105

[5] Vgl.: www.google.at, Google Suche „Linz Kulturhauptstadt“: ungefähr 113.000 Treffer, 3.09.08

[6] vgl.: www.youtube.com, 3.09.2008

[7] vgl.: http://www.youtube.com/watch?v=0yEJE2rJ6X0, 3.09.2008

[8] vgl.: http://www.youtube.com/watch?v=fR92AMGzjRc, 3.09.2008

[9] vgl.: http://www.myspace.com/perestaltik, 8.09.2008

[10] vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Nickname, 8.09.2008

[11] vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Avatar_(Internet), 8.09.2008

[12] http://kulturhauptstadtlinz.at/about/ 22.02.2008

[13] http://www.vts.intute.ac.uk/acl/tutorial?sid=1075793&op=preview&manifestid=203&itemid=12809. 22.02.2008

[14] vgl.: Lindner, 1990, S.10

[15] vgl.: Lindner in: Brandner Luger, Mörth 1994, S.17f

[16] vgl.: Lindner in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.64

[17] Lindner in: Brandner, Luger, Mörth 1994, S.64

[18] Vgl. http://www.imdb.com/title/tt0058672/ 4.03.2008

[19] Barriere in: http://www.eurosduvillage.com/Europaische-Kulturhauptstadte, 20.10.2008

[20] Hörtler et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.29

[21] Vgl.: Motto http://www.graz03.at/servlet/sls/Tornado/web/2003/design/E9C5613DD9C9DB98C1256CA5005BD90B 4.3.2008

[22] Mettler in: Hörtler et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.30

[23] Hörtler et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.28

[24] vgl.: Hörtler et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.26

[25] vgl. : OÖN, 9.01.2007

[26] vgl.: Hörtler et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.24

[27] Hörtler et al. in: Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik, 2008, S.29

[28] vgl.: http://eur- lex.europa.eu/smartapi/cgi/sga_doc?smartapi!celexplus!prod!CELEXnumdoc&numdoc=399D1419&lg=de, 30.05.2008

[29] OÖN, 24.8.2000

[30] OÖN, 7.3.2001

[31] OÖN, 6.2.2004

[32] OÖN, 10.2.2004

[33] OÖN, 26.5.2004

[34] OÖN, 11.6.2004

[35] vgl.: Janko, 2004

[36] vgl.: OÖN, 2.7.2004

[37] vgl.: OÖN, 13.9.2004

[38] vgl. OÖN, 17.9.2004

[39] vgl. OÖN, 11.3.2005

[40] OÖN, 16.4.2005

[41] OÖN, 15.11.2005

[42] http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2005:305:0036:0036:DE:PDF, 4.06.2008

[43] Archiv Suche auf www.nachrichten.at am 2.06.2008

[44] Die gleiche Frage war auch der Titel eines Projekts von Linz 09, Postkarten, die ausgestattet mit den Antwortmöglichkeiten: Ja - Nein - Kommt darauf an, zum Abstimmen einluden konnten postalisch retourniert werden. Im Internet könnten multimediale Beiträge unter http://www.linz09.at/schoen/ umkompliziert hochgeladen werden. Das Projekt scheint beendet, der Pfad ist nicht mehr betretbar (Forbidden You don't have permission to access /schoen/ on this server. 2.06.2008)

[45] OÖN, 15.5.2006

[46] OÖN, 15.5.2006

[47] nach zweimaligem Umblättern lösten sich die Seiten vom Einband.

[48] Janko, 2004, S.21

[49] Janko, 2004, S.29

[50] Janko, 2004, S.30

[51] Janko, 2004, S.37

[52] Janko, 2004, S.73

[53] OÖN, 2.07.2004

[54] vgl.: Häußermann, Siebel, 1993

[55] vgl. Häußermann, Siebel, 1993, S.10ff

[56] vgl.: Häußermann, Siebel, 1993, S. 11

[57] vgl.: Häußermann, Siebel, 1993, S.13

[58] Häußermann, Siebel, 1993, S.11

[59] vgl.: Häußermann, Siebel, 1993, S.11

[60] vgl.: Häußermann, Siebel, 1993, S.13

[61] vgl. Häußermann, Siebel, 1993, S.12

[62] Häußermann, Siebel, 1993, S.12f

[63] Häußermann, Siebel, 1993, S.12

[64] Häußermann, Siebel, 1993, S.13

[65] Häußermann, Siebel, 1993, S.13

[66] Fuchs in: Xing, 2006, S.42f

[67] Laister, 2004, S.29

[68] vgl. Häußermann, Siebel, 1993, S.24

[69] Häußermann, Siebel, 1993, S.15

[70] Berufsbeziehungen spielen sich in unterschiedlichen, nicht verflochtenen, Kreisen mit rollenreduzierten Beisammensein ab. Es gibt wenig, was eine oder einen an eine bestimmte Gemeinde emotional bindet.

[71] Häußermann, Siebel, 1993, S.15

[72] Die Notwendigkeit aufzufallen scheint auch schon in kleineren Gemeinden gegeben zu sein, wie die ORF Meldung vom 15.03.2008 (http://ooe.orf.at/stories/263899/) zeigt: Die Gemeinde Attersee nennt sich von nun an Attersee am Attersee, die Gemeinde fühle sich zu wenig wahrgenommen, jetzt wolle man stärker auffallen, so der Bürgermeister laut ORF

[73] Häußermann, Siebel, 1993, S.22

[74] Häußermann, Siebel, 1993, S.21f

[75] vgl. Häußermann, Siebel, 1993, S.19

[76] Häußermann, Siebel, 1993, S.23

[77] Häußermann, Siebel, 1993, S.28f

[78] Häußermann, Siebel, 1993, S.19

[79] vgl.: Häußermann, Siebel, 1993, S.18

[80] Häußermann, Siebel, 1993, S.16

[81] Häußermann, Siebel, 1993, S. 28

[82] Häußermann, Siebel, 1993, S.29

[83] vgl. Häußermann, Siebel, 1993, S.29

[84] Häußermann, Siebel, 1993, S.30

[85] Häußermann, Siebel, 1993, S.30

[86] Häußermann, Siebel, 1993, S.30

[87] vgl.: Brandner, Luger, Mörth, 1994

[88] Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.122

[89] Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.122

[90] Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.123

[91] Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.123

[92] Zametzer in: Brandner, Luger, Mörth, 1994, S.125

[93] OÖN, 11.5.2007

[94] OÖN, 13.09.2004

[95] OÖN, 13.09.2004

[96] OÖN, 13.06.2002

[97] OÖN, 13.06.2002

[98] OÖN, 7.09.2004

[99] OÖN, 8.06.2005

[100] OÖN, 21.10.2004

[101] Heller in: OÖN, 28.08.2007

[102] Heller in: OÖN, 28.8.2007

[103] Heller in: OÖN, 28.8.2007

[104] Fuchs in: OÖN, 15.5.2006

[105] vgl.: Laister, 2004, S.64

[106] vgl.: Laister, 2004, S.66

[107] vgl.: Laister, 2004, S.42

[108] vgl.: Laister, 2004, S.48

[109] vgl.: Laister, 2004, S.49f

[110] Lackinger, 2007, S.16f

Details

Seiten
142
Jahr
2008
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121559
Institution / Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz
Note
gut
Schlagworte
Warum Linz Kulturhauptstadt Stadtsoziologische Bestandsaufnahme

Autor

Zurück

Titel: Warum wird Linz Kulturhauptstadt? Stadtsoziologische Bestandsaufnahme der zukünftigen Kulturhauptstadt Linz