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Heuristiken und Urteilstechniken

Einblick in die Theorie der Urteilsbildung mit besonderem Fokus auf die verschiedenen Formen der mentalen Verkürzung

Seminararbeit 2009 19 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Gliederung

Vorwort

Gliederung

Zitat

1. Wie einfach und schnell wir urteilen oder Wie wir einfach und schnell urteilen

2. Entstehung von Urteilen

3. Definition und Bedeutung von Urteilsheuristiken

4. Formen von Urteilsheuristiken
4.1. Verfügbarkeitsheuristik
4.2. Heuristik der Verankerung
4.3. Heuristik der Repräsentativität
4.3.1. Stichprobe repräsentativ für die Grundgesamtheit
4.3.2. Element repräsentativ für die Kategorie
4.3.3. Handlung repräsentativ für den Handelnden
4.3.4. Wirkung repräsentativ für die Ursache
4.3.5. Repräsentativität und Wahrscheinlichkeit

5. Zusammenfassung und Fazit

Literatur

Vorwort

Diese Abhandlung soll einen Einblick in die Theorie der Urteilsbildung bieten, wobei ein besonderer Fokus auf die verschiedenen Formen der mentalen Verkürzung jenes Prozess gelegt wird. Die Bedeutung und grundsätzlichen Anwendungsszenarien dieser Urteilsheuristiken werden theoretisch beleuchtet und erfahren anhand verschiedener Beispiele praktische Illustration. Der Leser soll über ein Verständnis und Wissen zu diesem Thema angeregt werden, ein stärkeres Bewusstsein für die Chancen und Risiken jener mentalen Abkürzungen zu entwickeln. Dies wiederum kann helfen, die Qualität von Urteilen und Entscheidungen zu verbessern, birgt diese höchst effiziente und ökonomische Methode gleichzeitig die Gefahr von systematischen und vorhersehbaren Fehlern.

Wörtliche Zitate sind deutlich kenntlich gemacht durch das kursive Schriftformat und die Einrückung. Theoretische Aspekte werden innerhalb des Textes durch zahlreiche Beispiele untermauert. Auf eine Übersetzung englischer Zitate wurde zur Begünstigung einer Wiedergabe des originären Inhaltes bewusst verzichtet.

Beim Verspüren eines über diese Abhandlung hinausgehenden Interesses zu diesem Thema sei der Leser dazu angehalten, sich im Literaturverzeichnis kundig zu machen.

Stephanie Rohac November 2008

„If we are to learn to improve the quality of the decisions we make, we need to accept the mysterious nature of our snap judgments.“[1]

Viele Leute glauben, daß sie denken, wenn sie lediglich ihre Vorurteile neu ordnen.

(William James)

1. Wie einfach und schnell wir urteilen oder Wie wir einfach und schnell urteilen

Tagtäglich werden Urteile gefällt. Sie verhelfen zu Entscheidungen und bilden damit einen wichtigen Teil von Entwicklung. Urteile sollen möglichst wenig fehlerbehaftet sein, schließlich sind die nachgelagerten Entscheidungen in vielen Fällen mit gewichtigen Konsequenzen verbunden. Was tun Politiker, wenn ein adäquater Einsatz von haushalts- oder finanzpolitischen Instrumenten gewährleistet werden muss? Sie beurteilen die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und passen die Maßnahmen an diese Bewertungen an. Was tun Finanzberater, um eine gewinnbringende Anlagestrategie zu implementieren? Sie versuchen, die Gewinn- und Umsatzentwicklung von Unternehmen zu beurteilen und anhand dieser Informationen eine zielorientierte Entscheidung zu treffen. Was tun Führungskräfte, wenn Schlüsselpositionen neu zu besetzen sind? Sie beurteilen die Leistungen und Potentiale der Mitarbeiter oder Bewerber, und treffen entsprechende Entscheidungen zu Beförderungen oder Einstellungen. Was tun Verbraucher, um das richtige Auto zu finden? Sie beurteilen die auf dem Markt angebotenen Kraftwagen und entscheiden sich durch Abgleichen der Angebote und ihrer Anforderungen für ein Gefährt.

Allein diese Auswahl an Situationen verdeutlicht, dass die Bewertung von Informationen, die zumeist in ein Urteil mündet, oftmals eine entscheidende Basis zur Auswahl verschiedener Alternativen bildet. Selten ist der Fall, dass diese Urteilsprozesse sich durch Vollständigkeit und Transparenz auszeichnen. Vielmehr liegen nicht hinreichend zuverlässige statistische Daten, unzureichende Informationen, ein hoher Grad an Komplexität und Wirkungszusammenhängen sowie Zeitdruck vor. Diese allgegenwärtigen Rahmenbedingungen erschweren fundierte Urteile, während gleichzeitig ein Zwang zur Entscheidung besteht. Deshalb kann es sich in einigen Situationen als ökonomisch von Vorteil erweisen, Abkürzungen des Urteilsprozesses vorzunehmen. Allein die Vorstellung, im Vorfeld einer jeden Entscheidung langwierige Prüfungsprozesse aller möglichen Details durchzuführen, scheint paradox und völlig ineffizient. Stattdessen ist das

Zurückgreifen auf mentale Abkürzungen ein Weg, der erheblich Aufwand ersparen kann.[1]

Die Betrachtung dieser mentalen Strategien und Abkürzungen von Urteilsprozessen bilden den Kern dieser Arbeit. Dabei erfolgt eine Konzentration auf die Beantwortung der folgenden Forschungsfragen: Wie entstehen Urteile? Was sind Urteilsheuristiken? Welche Bedeutung hat diese Art der Urteilsfindung? Welche Arten der Vereinfachungen respektive Abkürzungen können unterschieden werden und inwiefern beeinflussen diese das Urteil?

2. Entstehung von Urteilen

Die Basis für Urteilsprozesse bilden Wahrnehmungen. Im weitesten Sinne bezieht der Begriff sich auf den allgemeinen Prozess, Ereignisse und Objekte zu begreifen. Diese können dem kognitiven System oder aus der externen Umwelt stammen. Dabei geht es um die sinnliche Empfindung, das Verständnis, die Identifikation und die Klassifizierung sowie die entsprechende Vorbereitung einer Reaktion auf diese Umweltreize.[2]

„Wahrnehmung wird definiert als perzeptiv-kognitive Integration von Informationen und ist ein Prozess, bei dem äußeren Reizen, die entsprechend ihrer physikalischen Eigenschaften sowie interner physiologischer und psychologischer Vorgänge in organismisch relevante Informationen übersetzt werden, spontan Bedeutung zugewiesen wird.“[3]

Diese kognitiven Bedeutungszuweisungen zu internen Reizmustern bilden externe Umweltreize ab oder korrelieren mit diesen. Um den Prozess der Verarbeitung von Informationen zu erleichtern, folgen diese Bedeutungszuweisungen einfachen Faustregeln und intuitiven Strategien.[4]

Der folgende Abschnitt ordnet den Begriff der Urteilsheuristiken in einen Gesamtzusammenhang innerhalb der Psychologie und grenzt den Begriff basierend auf wortgeschichtlichen Ursprüngen für weitere Erörterungen ab. Zudem wird erläutert, welche Bedeutung den Urteilsheuristiken beigemessen werden sollte, wobei dies als ein entscheidender Schritt zur Erkenntnis der Chancen und Risiken dieser mentalen Strategie gelten kann.

3. Definition und Bedeutung von Urteilsheuristiken

Der Begriff der Urteilsheuristiken entstammt der Forschung zur sozialen Kognition. Im Allgemeinen betrachtet diese den Dreischritt zur Entscheidungsfindung respektive Urteilsbildung. Mit der Auswahl der entsprechenden Informationen beginnend, verläuft dieser Prozess über die Interpretation der selektierten Informationen schließlich hin zum Entstehen der Entscheidung oder dem Fällen eines Urteiles. Neben der automatisierten Verwendung von Schemata, kognitiven Strukturen, die in starkem Maße die Selektivität der Wahrnehmung bestimmen, wird weiterhin in Urteilsheuristiken unterschieden, die sich vornehmlich auf den späteren Teil des beschriebenen Dreischrittes beziehen.[5]

In welcher Weise gelangen Menschen unter unzureichenden Rahmenbedingungen zu einem Urteil, einer Einschätzung, einer Ursachenerklärung, bestimmten Vorhersagen oder Schlussfolgerungen? Wie oben bereits angedeutet, zählen jene Rahmenbedingungen unter alltägliche, natürliche Grundgegebenheiten. Unvollkommenheit oder Begrenztheit, Zeitmangel oder –druck, ein entsprechendes

Maß an Komplexität oder auch ungenügend Informationen zum entsprechenden Sachverhalt sind als nahezu alltägliche Faktoren zu berücksichtigen.[6]

„Many decisions are based on beliefs concerning the likelihood of uncertain events such as the outcome of an election, the guilt of the defendant, or the future value of the dollar. These beliefs are usually expressed in statements such as ‘I think that…’, ‘chances are…’, ‘it is unlikely that…’ and so forth.”[7]

Das Wort Heuristik entstammt dem Griechischen und bedeutet soviel wie ‚entdecken‘, ‚finden‘.[8] Als Urteilsheuristiken werden jene Strategien bezeichnet, die mithilfe von Vereinfachungen den Urteilsprozess beschleunigen und somit eine rasche Lösung des vorliegenden Urteilsproblems erzeugen können.[9] Sie sind dem Teilgebiet der kognitiven Täuschungen zuzuordnen, wobei Forschungsansätze hierzu vor allem zum Ziel haben, Gesetzmäßigkeiten zu allgemeinen Erkenntnisprozessen zu gewinnen.[10] War es im Laufe der menschlichen Entwicklung sicherlich an einigen Stellen von Vorteil, in relativ kurzer Zeit zu einem situativ angemessenen Urteil zu gelangen, kann dies im Gleichschritt allerdings auch die Anfälligkeit für logische Fehler erhöhen.[11] Im Folgenden soll dennoch vor allem auch auf die positive Wirkung der Heuristiken hingewiesen werden:

„Urteilsheuristiken stellen […] vereinfachende Entscheidungsregeln dar, die eine Urteilsbildung ermöglichen, ohne dass die verfügbaren Informationen erschöpfend und logischen Regeln folgend systematisch verarbeitet werden (müssen). [Sie] können demnach als effiziente ‚kognitive‘ Werkzeuge verstanden werden, die der Vereinfachung der Informationsverarbeitung dienlich sind und daher hilfreich sein können, sich in einer komplexen Umgebung zu orientieren und zu entscheiden.“[12]

Heuristiken sind Faustregeln, die eine Urteilsbildung unter oben genannten natürlichen Bedingungen erleichtern können, dabei allerdings auch zu systematischen Verzerrungen der Urteile führen können.[13] Sie sind mentale Abkürzungen, die eine effiziente Urteilsbildung ermöglichen und gleichzeitig die

Gefahr in sich birgen, dass diese Faustregeln für die entsprechende Situation unpassend sind, eine falsche Anwendung erfahren und schließlich zu einem inkorrekten oder fehlerhaften Urteil führen.[14]

Mit dem Wissen um die grundsätzlichen Vor- und Nachteile dieser Strategien, werden im nachfolgenden Kapitel vor allem die unterschiedlichen Formen der Heuristiken beschrieben. In Abhängigkeit der Umstände erfahren unterschiedliche Formen Anwendung und zeichnen sich somit durch unterschiedliche Wirkungen aus.

4. Formen von Urteilsheuristiken

Offensichtlich bieten Heuristiken eine effektive Methode, um schnell Entscheidungen unter suboptimalen Bedingungen treffen zu können. Damit sind diese Vereinfachungen tatsächlich eine Erleichterung, bergen allerdings gleichzeitig die Gefahr, dass durch Simplifizierung entstandene Verzerrungen der Keim für Fehlurteile sind.

Unterschieden wird in Verfügbarkeitsheuristik, Heuristik der Repräsentativität sowie der Heuristik der Verankerung. Die Verfügbarkeitsheuristik findet vor allem Anwendung im Prozess von Häufigkeits- oder Wahrscheinlichkeitsurteilen, während die Heuristik der Repräsentativität für die Einordnung von Elementen in übergeordnete Kategorien verwendet wird. Desweiteren ist die Heuristik der Verankerung oder Anpassung bei verschiedensten Urteilsfindungsprozessen entscheidend.[15]

[...]


[1] GLADWELL, M., Blink: The Power of Thinking without Thinking, 2005.

[1] ARONSON, E./ WILSON, T.D./AKERT, R.M., Sozialpsychologie, 2004, S. 76.

[2] ZIMBARDO, P.G. & GERRIG, R.J., Psychologie, 2004, S. 157.

[3] FISCHER, P., FREY, D. & GREITEMEYER, T., Urteile und Fehlurteile, in: FREY, D., VON ROSENSTIEL, L. & GRAF HOYOS, C. (Hrsg.), Wirtschaftspsychologie, 2005, S. 364.

[4] FISCHER, P., FREY, D. & GREITEMEYER, T., Urteile und Fehlurteile, in: FREY, D., VON ROSENSTIEL, L. & GRAF HOYOS, C. (Hrsg.), Wirtschaftspsychologie, 2005, S. 364.

[5] ARONSON, E./ WILSON, T.D./AKERT, R.M., Sozialpsychologie, 2004, S. 97

[6] STRACK, F., Urteilsheuristiken, in: FREY, D. & IRLE, M., Theorien der Sozialpsychologie, Band III, Motivations- und Informationsverarbeitungstheorien, 1985, S. 239.

[7] TVERSKY, A. & KAHNEMAN, D., Availability: A heuristic for judging frequency and probability, in: KAHNEMAN, D. & SLOVIC, P. & TVERSKY, A. (Hrsg.), Judgment under uncertainty: Heuristics and biases, 1982, S. 3.

[8] ARONSON, E./ WILSON, T.D./AKERT, R.M., Sozialpsychologie, 2004, S. 76.

[9] STRACK, F., Urteilsheuristiken, in: FREY, D. & IRLE, M., Theorien der Sozialpsychologie, Band III, Motivations- und Informationsverarbeitungstheorien, 1985, S. 240.

[10] STRACK, F., Urteilsheuristiken, in: FREY, D. & IRLE, M., Theorien der Sozialpsychologie, Band III, Motivations- und Informationsverarbeitungstheorien, 1985, S. 239.

[11] FISCHER, P., FREY, D. & GREITEMEYER, T., Urteile und Fehlurteile, in: FREY, D., VON ROSENSTIEL, L. & GRAF HOYOS, C. (Hrsg.), Wirtschaftspsychologie, 2005, S. 364.

[12] BLESS, H. & KELLER, J., Urteilsheuristiken, in: BIERHOFF, H.-W. & FREY, D. (Hrsg.), Handbuch der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie, 2006, S. 294.

[13] STRACK, F., Urteilsheuristiken, in: FREY, D. & IRLE, M.(Hrsg.), Theorien der Sozialpsychologie, Band III, Motivations- und Informationsverarbeitungstheorien, 1985, S. 241.

[14] ARONSON, E./ WILSON, T.D./AKERT, R.M., Sozialpsychologie, 2004, S. 76 f.

[15] STRACK, F., Urteilsheuristiken, in: FREY, D. & IRLE, M.(Hrsg.), Theorien der Sozialpsychologie, Band III, Motivations- und Informationsverarbeitungstheorien, 1985, S. 242.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640260928
ISBN (Buch)
9783640260980
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121471
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Heuristiken Urteilstechniken Differentielle Kommunikationspsychologie

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