Lade Inhalt...

Psychosoziale Beratung im Internet als Problemintervention bei Jugendlichen

Eine empirisch-quantitative Untersuchung

Diplomarbeit 2008 171 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Zielsetzung und zentrale Forschungsfrage
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Stand der Forschung

2. Internet
2.1 Definition und Entstehung des Internets
2.2 Gesellschaftliche Bedeutung des Internets
2.3 Internetnutzung
2.3.1 Internetnutzung in Deutschland
2.3.2 Internetnutzung und Nutzungsverhalten Jugendlicher in Deutschland

3. Psychosoziale Online-Beratung
3.1 Definition der psychosozialen Online-Beratung
3.2 Online-Beratungsstellen in Deutschland
3.3 Formen der Online-Beratung
3.3.1 E-Mail-Beratung
3.3.2 Chat-Beratung
3.3.2.1 Einzel-Chat-Beratung
3.3.2.2 Gruppen-Chat-Beratung
3.3.3 (Moderierte) Foren-Beratung
3.3.4 Frequently Asked Questions (FAQ)
3.4 Vor- und Nachteile der Online-Beratung

4. Hypothesen
4.1 Allgemeine Hypothesen zur Online-Beratung
4.2 Hypothesen zur Problemintervention durch Online-Beratung
4.3 Hypothesen zu den verschiedenen Beratungsformen
4.4 Hypothesen zu der Zielgruppe
4.5 Hypothesen zu der cvK in der Online-Beratung

5. Methode
5.1 Grundgesamtheit und Stichprobe
5.2 Fragebogen
Exkurs: Vor- und Nachteile von Online-Umfragen
5.3 Feldzugang
5.3.1 Feldzugang Online-Beratungsstellen
5.3.2 Feldzugang Schulen
5.4 Pretest
5.5 Datenerhebung

6. Ergebnisse
6.1 Soziodemografische Zusammensetzung der Online-Gruppe
6.2 Soziodemografische Zusammensetzung der Kontrollgruppe
6.3 Ergebnisse zu den allgemeinen Hypothesen zur Online-Beratung
6.3.1 Hypothese 01
6.3.2 Hypothese 02
6.3.3 Hypothese 03
6.3.4 Hypothese 04
6.4 Ergebnisse zu den Hypothesen zur Problemintervention durch Online-Beratung bei Jugendlichen
6.4.1 Hypothese 05
6.4.2 Hypothese 06
6.4.3 Hypothese 07
6.4.4 Hypothese 08
6.4.5 Hypothese 09
6.4.6 Hypothese 10
6.5 Ergebnisse zu den Hypothesen zu den verschiedenen Beratungsformen
6.5.1 Hypothese 11
6.5.2 Hypothese 12
6.5.3 Hypothese 13
6.6. Ergebnisse zu den Hypothesen zu den Zielgruppen von Online-Beratung
6.6.1 Hypothese 14
6.6.1.1 Hypothese 14a
6.6.1.2 Hypothese 14b
6.6.1.3 Hypothese 14c
6.7 Ergebnisse zu den Hypothesen zu der cvK in der Online-Beratung
6.7.1 Hypothese 15
6.7.2 Hypothese 16
6.7.3 Hypothese 17

7. Zusammenfassung und Diskussion

8. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die psychosoziale Online-Beratung für Jugendliche. Psychosoziale Online-Beratung ist als internetbasiertes Pendant zur konventionellen Face-to-Face-Beratung zu verstehen. Der Hauptunterschied zwischen der konventionellen und der virtuellen[1] Beratung besteht darin, dass die Interaktionspartner[2] sich bei der Face-to-Face-Beratung am selben Ort befinden, während die Gespräche bei der Online-Beratung technisch vermittelt werden. Virtuelle Beratung kann, ebenso wie eine Face-to-Face-Beratung zur Prävention, Intervention, Nachsorge und als Selbsthilfetreffpunkt für Klienten eingesetzt bzw. genutzt werden. Beide Beratungsformen können unterschiedliche Arten von Unterstützung und Hilfe anbieten, welche sich nach den jeweiligen Anliegen der Ratsuchenden unterscheiden lassen.

In der vorliegenden Arbeit liegt der Fokus auf psychosozialen Problemlagen. Als „psychosozial“ werden Phänomene bezeichnet, „die gleichzeitig psychischer und sozialer Natur sind bzw. die durch die Interdependenz psychischer und sozialer Prozesse gekennzeichnet sind“ (Klima 1994: 526).

Allem Anschein nach wird die psychosoziale Beratung in Deutschland immer wichtiger. So machen unter anderem die Fälle von Kindeswohlgefährdung und Jugendkriminalität, welche in den Jahren 2007 und 2008 gehäuft in den deutschen Medien thematisiert wurden, deutlich, dass das Netz der Beratung (und auch der Betreuung) in Deutschland noch ausgeweitet werden muss. Der Bereich der Online- Beratung ist in Deutschland derzeit noch neu und befindet sich im Aufbau. Jedoch scheint er gerade für junge Erwachsene und Jugendliche von großer Bedeutung zu sein. „Surfen“, „chatten“, „googlen“ - diese und andere, verwandte Begriffe sind in den Sprachgebrauch vieler Jugendlicher fest eingebunden. Das Internet ist für die meisten jungen Erwachsenen fester Bestandteil des alltäglichen Lebens geworden. Online-Beratung scheint somit zunächst ein geeignetes Mittel zu sein, um junge Erwachsene mit ihren Problemen zu erreichen. Pubertät und Adoleszenz bergen für viele Jugendliche schwere und vermeintlich unüberwindbare Probleme, mit welchen sie sich oft allein gelassen fühlen. Ein umfassendes soziales Netz ist daher von enormer Wichtigkeit.

1.1 Zielsetzung und zentrale Forschungsfrage

Ziel dieser Arbeit ist es anhand einer empirischen Fragebogenstudie zu eruieren, inwieweit Online-Beratung bei Problemen von Jugendlichen intervenieren[3] kann und inwiefern die Beratung im Internet dem Umgang Jugendlicher mit ihren Problemen und ihren Methoden der Problemlösung entspricht. Diese Frage ist im Hinblick auf die Relevanz von Online-Beratung für junge Erwachsene von zentraler Bedeutung. Sollten die Strategien, die zur Lösung eines Problems in der Beratung durch den Berater vermittelt werden nicht auf die Bedürfnisse der Jugendlichen angepasst sein, so kann davon ausgegangen werden, dass die Beratung für die jungen Klienten kaum von Nutzen ist.

Die zentrale Forschungsfrage impliziert drei weitere, wichtige Fragestellungen.

Als erstes stellt sich die Frage nach den verschiedenen Beratungsformen. Gibt es Unterschiede in den Interventionsmöglichkeiten durch die verschiedenen Möglichkeiten der Beratung im Internet? Die zweite wichtige Fragestellung behandelt die Thematik der Zielgruppe. Hier soll betrachtet werden, ob und warum Jugendliche eine Zielgruppe von Online-Beratung sind. Zudem stellt sich die Frage, welche Eigenschaften virtuelle Beratung inne haben muss, damit Jugendliche das Angebot nutzen. Die letzte Fragestellung behandelt die Thematik der computervermittelten Kommunikation (cvK). Inwiefern beeinflusst diese die virtuelle Beratung von Jugendlichen? Welchen Einfluss hat die fehlende Mimik und Gestik in der Interaktion auf die Kommunikationspartner der Online-Beratung?

Im Folgenden soll nun der Aufbau der Arbeit näher erläutert werden.

1.2 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit ist in einen theoretischen (Kapitel 1 bis 3) und einen empirischen Teil (Kapitel 4 bis 8) untergliedert.

In dem theoretischen Teil wird im Folgenden der derzeitige Stand der Forschung (Kapitel 1.3) intensiver betrachtet. Anhand ausgewählter empirischer Studien und theoretischer Publikationen werden bestehende Kenntnisse aus dem Bereich der Online-Beratung dargestellt und Forschungsdefizite, insbesondere im Hinblick auf die in Kapitel 1.2 dargestellte Forschungsfrage, aufgedeckt.

Anschließend behandelt das zweite Kapitel dieser Arbeit die derzeitige Relevanz des Internets für Jugendliche in Deutschland. Hierzu wird zunächst der Begriff „Internet“ definiert (Kapitel 2.1) und allgemein über die gesellschaftliche Bedeutung des Internets referiert (Kapitel 2.2). Darauf aufbauend wird auf die Internetnutzung in Deutschland (Kapitel 2.3.1) und anschließend speziell auf das Internetnutzungsverhalten Jugendlicher eingegangen (Kapitel 2.3.2). In diesem Kapitel wird folglich zum einen der sekundäre Forschungsgegenstand, das Internet beschrieben und zum anderen verdeutlicht, dass die Internetnutzung unter Jugendlichen in Deutschland weit verbreitet ist.

Im dritten Kapitel wird der primäre Forschungsgegenstand, die psychosoziale Online-Beratung, näher beschrieben. Um sich dieser Begrifflichkeit zu nähern, werden zunächst die Begriffe „psychosozial“ und „Beratung“ separat definiert (Kapitel 3.1). Anschließend folgt ein Überblick über das Angebot an Online- Beratungsstellen in Deutschland (Kapitel 3.2), um darauf aufbauend die verschiedenen Formen der Online-Beratung zu beschreiben (Kapitel 3.3). In Kapitel 3.4 werden anschließend die Vor- und Nachteile der Online-Beratung im Vergleich zu der konventionellen psychosozialen Beratung diskutiert.

Der erste Teil dieser Arbeit bildet somit die theoretische Grundlage für den empirischen Teil, welcher mit der Darstellung der zu prüfenden Hypothesen (Kapitel 4) beginnt.

Am Anfang dieses Kapitels werden die allgemeinen Hypothesen zur Online- Beratung erläutert (Kapitel 4.1). Anschließend folgt die Vorstellung und Begründung der Hypothesen zur Problemintervention durch Online-Beratung (Kapitel 4.2). In Anlehnung daran werden daraufhin die Hypothesen zu den verschiedenen Beratungsformen dargestellt (Kapitel 4.3). Es folgen die Hypothesen zu der Zielgruppe von psychosozialer Online-Beratung (Kapitel 4.4), und abschließend eine Erläuterung zu den Hypothesen zu der cvK in der Online-Beratung (Kapitel 4.5).

Im fünften Kapitel wird auf das methodische Vorgehen in dieser Arbeit eingegangen. Zu Beginn werden die Grundgesamtheiten und die Stichproben der beiden zu untersuchenden Gruppen festgelegt (Kapitel 5.1) und daran anschließend die beiden in dieser Arbeit verwendeten Fragebögen vorgestellt und erläutert (Kapitel 5.2). Der darauf folgende Exkurs über die Vor- und Nachteile einer Online-Beratung ist sinnvoll, da diese Form der Datenerhebung nach wie vor wissenschaftlich umstritten ist. Die Feldzugänge zu den Online-Beratungsstellen (Kapitel 5.3.1) und zu den Schulen (Kapitel 5.3.2) werden in den darauf folgenden Kapitel erläutert. Die Beschreibung der beiden Pretests folgt in Kapitel 5.4, um daran anschließend auf die Phasen der Datenerhebung näher einzugehen (Kapitel 5.5). In Kapitel 6 werden die Ergebnisse dargestellt, diese anschließend zusammengefasst und diskutiert (Kapitel 7) und ein Fazit bzw. ein Ausblick zu der Thematik gegeben (Kapitel 8).

1.3 Stand der Forschung

Die zunehmende Verbreitung von Online-Beratung hat dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der veröffentlichten Studien, konzeptionellen und theoretischen Beiträge enorm angestiegen ist. Allerdings ist diese Menge von Veröffentlichungen recht unübersichtlich, da es sich bei der Beratung via Internet um ein interdisziplinäres Forschungsfeld handelt. Die synchrone und asynchrone cvK macht die Online-Beratung zu einer Thematik der Informatik (vgl. Kreidenweis 1990), der Medien- und Kommunikationswissenschaften (vgl. Döring 2003) und der Linguistik (vgl. Beißwenger 2000). Die rechtlichen Aspekte der Online-Beratung werden juristisch diskutiert (vgl. Laga 2002: 62ff.). Die meisten Publikationen und Studien sind der Pädagogik und der Psychologie zuzuordnen. Soziologische Studien und Publikationen liegen bis dato kaum vor.

Um sich dem Stand der Forschung zu nähern, scheint es sinnvoll, die Publikationen in (wissenschaftliche) Veröffentlichungen über die Qualität und Publikationen über die Wirksamkeit virtueller Beratung aufzuteilen.

Die Qualitätsstandards von Online-Beratungen wurden in der Fachliteratur ausreichend diskutiert. Die Deutsche Gesellschaft für Online-Beratung (DGOB) hat

im Jahr 2005 auf der Basis der Erfahrungen von Online-Beratern „für die verschiedenen Beratungsbereiche gemeinsame Mindeststandards entwickelt, die für Online-Beratung maßgebend sind“ (Deutsche Gesellschaft für Online-Beratung (DGOB) 2005) . Die Fachzeitschrift e-beratungsjournal hat sich ebenfalls ausführlich mit dieser Thematik auseinander gesetzt und verschiedene Ansätze zur Sicherung der Qualität dargelegt (vgl. Kühne 2006; Wenzel 2006; Knatz 2006).

Studien zu der Qualitätssicherung gibt es vor allem im psychologischen Bereich. So hat zum Beispiel van Well im Jahr 2000 im Rahmen seiner Dissertation eine vergleichende Untersuchung zwischen traditionellen Beratungsangeboten und Online-Beratungsangeboten durchgeführt (vgl. van Well 2000). Der Schwerpunkt dieser Studie liegt auf der Thematik der „Internet-Sucht“, so dass nur geringfügig allgemein gültige Aussagen über die Qualität der Beratung getroffen werden können, Insbesondere auch weil lediglich Klienten der Telefonseelsorge Köln, welche auch eine Online-Beratung anbietet, befragt wurden. Eine erste Analyse der Qualität der verschiedenen Online-Beratungstypen führte das Kompetenzzentrum Informelle Bildung (KIB) im Jahr 2003 durch. Die Typen der Online-Beratung wurden durch die verschiedenen Zielgruppen und Beratungsarten (E-Mail-Beratung, Chat-Beratung etc.) bestimmt und weisen alle laut der Vorstudie sowohl Vor- als auch Nachteile auf. Als Fazit hält das KIB fest, dass es für die weit gefächerte Zielgruppe der Online- Beratung heterogene Angebotsstrukturen geben muss, welche bestimmte Kennzeichen haben sollten, damit die Qualität der Beratung gesichert ist (vgl. Kompetenzzentrum Informelle Bildung (KIB) 2003: 10). Eine weiterführende Studie der KIB liegt zu diesem Zeitpunkt nicht vor.

Cook und Doyle führten 2002 eine Studie durch, bei welcher die Qualität der Beziehung zum Berater im Mittelpunkt stand. Eine Stichprobe von 15 Klienten einer Online-Beratung und eine vergleichbare Kontrollgruppe, deren Befragte die traditionelle Beratungsform in Anspruch genommen haben, war Grundlage dieser Studie. Zusammenfassend halten die Autoren fest, dass auf der Ebene der Online- Beratung die Qualität der Beziehung zum Berater gleichwertig oder sogar intensiver ist, als auf der Ebene der traditionellen Beratung (vgl. Cook, Doyle 2002: 103). Durch die geringe Größe der Stichprobe kann diese Studie jedoch nur unter bestimmten Umständen generalisiert werden.

Diese Beispiele zeigen, dass die Forschung im Bereich Qualität und Qualitätsstandards von Online-Beratungen noch ausgeweitet werden muss, damit allgemein gültige Aussagen getroffen werden können.

In Bezug auf die theoretischen und empirischen Publikationen über die Wirksamkeit von Online-Beratung gibt es zum einen viele Effektstudien zu einzelnen psychischen Störungsbildern und zum anderen Studien zur Überprüfung der Wirksamkeit von Online-Beratung.

Die theoretischen Publikationen zu den einzelnen psychischen Störungsbildern sind zahlreich. So wird der Effekt der Online-Beratung auf Depressionen zum Beispiel von Laszig und Rieg diskutiert (vgl. Laszig, Rieg 2003). Kral betrachtet das Potential der Intervention durch virtuelle Beratung bei Essstörungen von Jugendlichen und Erwachsenen (vgl. Kral 2002). Die Informations- und Interventionsmöglichkeiten via Internet bei Angststörungen werden von Eichenberg und Portz behandelt (vgl. Eichenberg, Portz 2005). Die Liste der theoretischen Publikationen zu einzelnen psychischen Störungsbilder ist nahezu beliebig fortsetzbar.

Empirische Studien zu den einzelnen Störungsbildern sind ebenso zahlreich. Lange et al. beschäftigten sich im Jahr 2001 mit der Intervention von posttraumatischen Belastungsstörungen. Online-Beratung hat nach Aussage der Autoren einen positiven Effekt auf das Störungsbild. Die Stichprobe von 25 Klienten ist jedoch nur bedingt repräsentativ. Eine Längsschnittstudie zu diesem Thema liegt derzeit nicht vor. Powell et al. führten 2003 eine Querschnittsanalyse in sechs europäischen Ländern durch. Ziel war es, die Interventionsmöglichkeiten via Foren- und Peer-to-Peer- Beratung[4] bei Depressionen herauszustellen. Die Ergebnisse zeigen, dass die virtuelle Form der Beratung bei Depressionen durchaus hilfreich ist und dass die Angebote in den verschiedenen Ländern unterschiedlich greifen. Die Autoren merken jedoch an, dass die Studie im Sommer durchgeführt wurde und dass dadurch eventuelle Verzerrungen der Ergebnisse nicht auszuschließen sind, da die Anzahl der saisonbedingten Depressionen (z.B. die Form der Winterdepression) in die Studie nicht eingeflossen sind (vgl. Powell et al. 2003: 4).

Winzelberg untersuchte die virtuellen Interventionsmöglichkeiten bei Essstörungen und konnte anhand einer Studie zeigen, dass die Intervention durch Online-Beratung bedingt hilfreich ist und die Methodik und Struktur der Beratung noch verbessert werden muss (vgl. Winzelberg 1997). Zum einen ist die Stichprobengröße, wie bei Portz und Eichenberg, von 57 Befragten nur bedingt repräsentativ, zum anderen ist die Studie im Jahr 1997 veröffentlicht worden und bedarf, unter anderem aufgrund der technischen und inhaltlichen Weiterentwicklung der Online-Beratung einer Aufarbeitung der Thematik.

In Bezug auf die allgemeine Wirksamkeit von Online-Beratung wurden ebenfalls zahlreiche theoretische Publikationen veröffentlicht (vgl. z.B. Lang 2001; Eichenberg 2003; Risau, Schumacher 2005; Hinrichs 2003). Jedoch sind zu diesem Thema bis dato wenige Studien konzipiert und durchgeführt worden. Die vorhandenen Studien behandeln die Interventionsmöglichkeiten einzelner Online- Beratungsstellen. Eichenberg beschäftigt sich mit der virtuellen Beratung von

„ProFamilia“ (vgl. Eichenberg 2007). Götz hat 2003 eine qualitative Studie mit jugendlichen Nutzern vom „Kummernetz“ durchgeführt (vgl. Götz 2003). Weiterführend sind die von den Online-Beratungsstellen eigenständig durchgeführten Evaluationsstudien zu der Wirksamkeit ihres virtuellen Beratungsangebotes zu nennen (vgl. z.B. Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. (bke) 2006; kids- hotline 2006). Zudem gibt es Wirksamkeitsstudien über die einzelnen Beratungsformen. So untersuchen Klapproth und Niemann die Wirksamkeit von E- Mail-Beratung (vgl. Klapproth, Niemann 2000) und Hintenberger die Form der Chat-Beratung (vgl. Hintenberger 2006). Eine ausführliche Studie, unabhängig von einzelnen Beratungsstellen und -formen, liegt derzeit nicht vor.

Im Folgenden wird der sekundäre Forschungsgegenstand, das Internet und die Relevanz dessen für die Gesellschaft näher betrachtet.

2. Internet

2.1 Definition und Entstehung des Internets

Um den Begriff „Internet“ zu definieren, soll zunächst kurz auf die ursprüngliche Entstehung eingegangen werden. Das Internet ist aus dem 1969 entwickelten ARPAnet (Advanced Research Projects Agency Network) hervorgegangen. Ursprünglich war das ARPAnet ausschließlich zur Vernetzung von Universitäten in den USA gedacht. Spätestens 1993, mit der Entstehung des Internetdienstes „World Wide Web“ (WWW), ein Computernetzwerk mit weltweit verknüpften

Informationen, wurde das ARPAnet vom Internet abgelöst (vgl. Döring 2003: 2)[5]. Der Begriff „Internet“ ist die Abkürzung für „Interconnected Networks“ und bezeichnet im weitesten Sinne „den weltweiten Verbund von Computersystemen, in dem verschiedene Dienste angeboten werden [...], also eine Gruppe untereinander verbundener Netzwerke“ (Duden 2007: 367).

Um diesen Begriff noch etwas genauer einzugrenzen, sollen im Folgenden die für diese Arbeit relevanten Internetdienste kurz vorgestellt werden.

Die Electronic-Mail (E-Mail) ist neben dem WWW der Dienst, der im Internet am häufigsten genutzt wird (vgl. Döring 2003: 50). Dieser Dienst ermöglicht es den Nutzern, schriftliche Nachrichten über das Internet zu verschicken. Hauptsächlich wird der E-Mail-Dienst dazu verwendet Textbotschaften zu versenden. Es können aber ebenso Dateien (Bilder, Dokumente etc.) an andere Nutzer verschickt werden. Die E-Mail ist kostengünstiger und schneller als ein Brief, die Dateien und Texte liegen in elektronischer Form vor und können direkt weiter verarbeitet und/oder verwaltet werden. Sowohl in der beruflichen als auch in der privaten Kommunikation hat sich die E-Mail, gegenüber dem herkömmlichen Brief als Medium weitestgehend durchgesetzt (vgl. ebenda).

Ein weiterer wichtiger Internet-Dienst ist der Chat (engl.: plaudern). Hier kann zwischen drei verschiedenen Formen, abhängig von technischen Bedingungen und Zugangsmöglichkeiten, unterschieden werden.

Um einen Internet Relay Chat (IRC) (z.B. www.germany-irc.eu) zu verwenden, muss der Nutzer verschiedene Voraussetzungen erfüllen. Er muss eine Software[6] installieren, eine Verbindung zu einem IRC-Netzwerk herstellen und über „Kenntnisse bestimmter technischer Kompetenzen bei Kommunikationsbefehlen“ (Dorta 2005: 19) verfügen.

In den webbasierten Chats (z.B. www.chatworld.de) sind diese technischen Zugangsvoraussetzungen für die Nutzer vereinfacht. Sie benötigen lediglich einen Webbrowser[7] und können sich dann mit Hilfe eines Passwortes und eines Pseudonyms („Nickname“) an einem Web-Chat anmelden. In der Regel sind Chats

zeitlich nicht beschränkt, haben eine hohe Fluktuation in der Beteiligung und können entweder thematisch gebunden oder ungebunden sein. Aus diesen Gründen sind webbasierte Chats das System, welches derzeit am häufigsten genutzt wird (vgl. ebenda).

Die dritte Form sind Chats von kommerziellen Anbietern (z.B. www.edencity.de). Diese sind kostenpflichtig. Die Bedienung erfolgt ähnlich wie bei den webbasierten Chats. Aufgrund der Kosten für die Nutzer wird diese Form des Chats verhältnismäßig selten genutzt.

Ein weiterer, für diese Arbeit relevanter Internetdienst ist das Forum (z.B. www.libase.de). Foren können als elektronische „Schwarze Bretter“ bezeichnet werden, in denen sich Nutzer in den meisten Fällen über spezielle Themen austauschen. Das Spektrum der Themen ist nahezu unerschöpflich. Ähnlich wie bei einem webbasierten Chat muss der Nutzer sich mit einem Pseudonym und einem Passwort registrieren und ist dann dazu berechtigt, Beiträge, so genannte „Postings“ zu schreiben. Diese Beiträge können von allen Besuchern des Forums gelesen und von allen Mitgliedern kommentiert und beantwortet werden.

Die Darstellung der Internetdienste macht deutlich, dass insbesondere die kommunikativen Tätigkeiten im Internet sehr vielseitig sind. Dem Nutzer sind auch darüber hinaus keine Grenzen gesetzt, sich im Internet zu informieren und/oder zu unterhalten. Welche Auswirkungen und Bedeutungen diese Möglichkeiten auf die Gesellschaft haben, wird im folgenden Kapitel dargestellt.

2.2 Gesellschaftliche Bedeutung des Internets

Ist das Internet ein Massenmedium? Die positive Beantwortung dieser Frage könnte zum einen viele Rückschlüsse auf die Bedeutung des Internets für die Gesellschaft und zum anderen auch Aussagen über den Stellenwert einer Online-Beratung in der Gesellschaft zulassen.

Die Definition von Massenmedien ist laut Maletzke eng mit den Bedingungen von Massenkommunikation verknüpft. Maletzke beschreibt Massenkommunikation als "jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich (also ohne begrenzte und personell definierte Empfängerschaft), durch technische Verbreitungsmittel (Medien), indirekt (also bei räumlicher oder zeitlicher oder raumzeitlicher Distanz zwischen den Kommunikationspartnern) und einseitig (also ohne Rollenwechsel zwischen den Aussagenden und Aufnehmenden) an

ein disperses Publikum [...] vermittelt werden" [Hervorhebung durch den Autor im Original] (Maletzke 1978: 32).

Mit dispersen Publika sind die Rezipienten der Massenmedien gemeint, die in der Regel räumlich voneinander getrennt, keine überdauernden sozialen Gebilde sind und sich gemeinsam einem Gegenstand, den Aussagen der Massenkommunikation widmen (vgl. ebenda: 28f).

Diese Bedingungen für Massenkommunikation sind laut Kepser heute unzureichend und müssen wie folgt vervollständigt werden (vgl. Kepser 1999: 180ff).

Um das Internet als Massenmedium klassifizieren zu können, müssen die Bedürfnisse der Rezipienten nach Information, Meinungsbildung und Unterhaltung, wie bei den klassischen Massenmedien gestillt werden.

Des Weiteren muss der Frage nachgegangen werden, ob das Internet eigene Mediengattungen (verschiedene Textsorten, Sparten, Genres etc.) mit einer medienspezifischen Ästhetik herausgebildet hat, ob sich Medienkonversionen[8] nachweisen lassen und ob es eine metamediale[9] Berichterstattung gibt.

Ferner müssen die ökonomischen Aspekte der klassischen Massenmedien mit denen des Internets vergleichbar sein, um es als Massenmedium zu klassifizieren. So sollte zum einen die wirtschaftliche Bedeutung des Internets in etwa der der etablierten Massenmedien entsprechen und zum anderen sollte das Internet seitens der Politik und Justiz ähnlich beeinflusst und kontrolliert werden wie Fernsehen, Zeitung etc. (vgl. ebenda: 185).

Nun gilt es, diese Bedingungen mit den einzelnen Diensten des Internets zu vergleichen. Ein Vergleich mit dem gesamten Internet erscheint aufgrund der vielen unterschiedlichen Kommunikationsmodi als nicht sinnvoll. Aus diesem Grund soll anhand der für diese Arbeit relevanten Dienste dargestellt werden, inwieweit diese massenmedialen Charakter haben.

Die Internetdienste Forum, E-Mail und Chat entsprechen nicht den vorangestellten Bedingungen für Massenmedien. Entscheidend ist, dass bei allen drei Diensten die einseitige Kommunikation nicht gegeben ist. Der Status des Senders und/oder des Empfängers kann und wird von den Nutzern ständig gewechselt. Als Beispiel kann hier die Kommunikationsstruktur in Foren genannt werden. Wie bereits in Kapitel

2.1 beschrieben, sind Foren in etwa mit einem „Schwarzen Brett“ vergleichbar. Eine einseitige Kommunikation würde wie auch bei einem Chat die Funktion des Dienstes aufheben. Außerdem sind alle drei Dienste individualkommunikativ. So ist zum Beispiel bei der E-Mail die Empfängerschaft der Botschaft begrenzt. In der Regel wird eine E-Mail von einem Sender an einen Empfänger gesendet. Ausnahmen sind zum Beispiel Werbe-E-Mails oder Newsletter[10]. Diese Ausnahmen bilden allerdings nicht die Regel und sind eher von kommerziellem Interesse.

Die weiteren Bedingungen für die Klassifikation der Dienste als Massenmedium müssen an dieser Stelle für die drei oben genannten Internetdienste nicht geprüft werden, da bereits bewiesen ist, dass diese Internetdienste keine Massenmedien sind. Im Gegensatz zu E-Mail, Chat und Forum treffen die 13 Bedingungen von Maletzke und Kepser auf das WWW zu:

- Öffentliche Kommunikation: Es gibt beim WWW keine definierte Empfängerschaft. Jeder ist dazu berechtigt auf das WWW zuzugreifen. Die Ähnlichkeit zum Massenmedium Fernsehen besteht darin, dass ein technisches Gerät dafür die Voraussetzung ist.
- Technisch vermittelte Kommunikation: Um das WWW zu nutzen, müssen sowohl der Empfänger als auch der Sender über einen Computer verfügen. Eine Verbindung zum Internet ist außerdem zwingend erforderlich.
- Indirekte Kommunikation: Raum- und Zeitdistanzen können über das WWW überwunden werden (vgl. Kepser 1999: 234). Im Hinblick auf die Raumdistanz kann, im Gegensatz zu dem Massenmedium Zeitung, sogar weltweit problemlos auf die Inhalte von Webseiten zugegriffen werden. Die Zeitdistanz ist ebenfalls nahezu unerheblich. Sind Webseiten nicht mehr online verfügbar, so ist es möglich mittels anderer Webseiten (z.B. www.archive.org) die Inhalte früherer Versionen wieder abzurufen.
- Einweg-Kommunikation: Im WWW wird einseitig kommuniziert. Wenn über WWW-Inhalte seitens des Empfängers Rückmeldungen gegeben werden, dann in der Regel über andere Internetdienste (E-Mail etc.) und nicht über die Webseiten
selbst. Zudem fehlen reflexive Kommunikationsstrukturen. Ein Kommentar kann, ähnlich wie in Tageszeitungen über den Leserbrief, zwar über die Webseite von dem Empfänger an den Sender übermittelt werden, allerdings findet hier in der Regel keine Interaktion wie in Individualmedien statt. Hier kann eher von einer Reaktion auf den Seiteninhalt gesprochen werden.
- Disperses Publikum: Das WWW hat ein disperses Publikum. Die Rezipienten des Internets sind in der Regel räumlich getrennt, keine überdauernden sozialen Gebilde und alle Mitglieder des Publikums widmen sich dem WWW.
- Information/Meinungsbildung/Unterhaltung: Zu Beginn des WWW war der Informationsgewinn das vorherrschende Angebot. Heute sind meinungsbildende und unterhaltende Web-Seiten gleichermaßen vertreten (vgl. Kepser 1999: 235).
- Mediengattungen: Laut Kepser gab es 1999 noch keine Mediengattungen (vgl. ebenda). Mittlerweile hat sich das Internet aber dahingehend verändert, dass es unzählige Gattungen gibt. Als Beispiele sind hier u.a. Blogs (z.B. www.blogspot.com), Community-Portale (z.B. www.studiVZ.net) und Online- Shops (z.B. www.amazon.de) zu nennen. Es ist anzunehmen, dass sich im Laufe der nächsten Jahre noch weitere Gattungen etablieren werden.
- Individuelle Ästhetik: Das WWW nutzt als ästhetisches Potential den Hypertext[11]und multimediale Darstellungsformen (vgl. ebenda: 239).
- Medienkonversionen: In das WWW werden die Medienangebote aller gängigen Massenmedien übertragen. So berichten zum Beispiel Fernsehsender (z.B. www.ard.de), Radiosender (z.B. www.einslive.de) und Zeitschriften (z.B. www.spiegel.de) per WWW über ihre Inhalte.
- Metamediale Berichterstattung: Im WWW können Kataloge (z.B. www.newscientist.com) und Suchmaschinen (z.B. www.google.de) als Metamedien klassifiziert werden.
- Wirtschaftliche Bedeutung: Der kommerzielle Nutzen des WWW ist sehr hoch. So kann zum Beispiel durch Zugangsgebühren für Web-Seiten, Firmen- Webseiten zur Kundenakquise und durch Werbung auf Webseiten Profit gemacht werden.
- Kontrolle durch Politik und Justiz: Publikationen im WWW sind öffentlich zugänglich und unterliegen somit auch der Kontrolle von Politik und Justiz. Verschiedene rechtspolitische Ebenen haben mit dem Internet zu tun. Das Namen- und Markenrecht greift bei der Vergabe von „Internet-Adressen“ und Jugendschutzgesetze, wenn es um Gewalt und Darstellungen von Sexualität im Internet geht. Datenschutzgesetze gelten bei jeglichen Publikationen in denen personenbezogene Daten im Internet veröffentlicht werden.

Somit kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass das WWW ein Massenmedium im klassischen Sinne ist. Allerdings muss die eingangs gestellte Frage, ob das gesamte Internet ein Massenmedium ist verneint werden.

Höflich spricht in diesem Zusammenhang von einem „Hybridmedium“ (Höflich 1997: 104). Eine derartige Begriffsfindung erscheint sinnvoll, da dadurch der übergreifende Charakter des Internets, mit den verschiedenen Diensten und Kommunikationsmöglichkeiten deutlich wird. In einem Medium schließen sich die Funktionen zusammen, die bis zu der Entstehung des Internets von separaten Medien übernommen wurden (vgl. ebenda: 85).

Die Kombination von Maletzkes Definition für Massenkommunikation und Höflichs Begriffsfindung für das Internet werden in dieser Arbeit als Definition für das Internet verwendet.

Das Internet ist folglich ein Hybridmedium, dessen einzelne Dienste unter bestimmten Bedingungen über massenmedialen Charakter verfügen. Die Diskurse zur Bedeutung des Internets sind heterogen und variieren je nach Zusammenhang[12]. So sehen zum Beispiel Kulturkritiker in der voranschreitenden Zahl der Internetanschlüsse die Gefahr eines Kulturverfalls in Deutschland (vgl. Döring 2003: 36). Internet-Pioniere hingegen sehen im Internet die Chance, dass die Nutzer des Hybridmediums mehr individuelle Freiheiten entwickeln können (vgl. ebenda). Grundsätzlich kann jedoch festgehalten werden, dass das Internet im alltäglichen Leben technisch hoch entwickelter Regionen gegenwärtig ist und nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen hat (vgl. ebenda: 29). Politische Parteien nutzen das Internet unter anderem für ihren Wahlkampf und sehen in ihm die Chance

für eine Informationsgesellschaft. Wirtschaftlichen Nutzen hat das Internet sowohl für Unternehmer, Arbeitnehmer und Kunden. Hervorzuheben ist hier insbesondere die Globalisierung der Weltmärkte. Der internationale Handel wird durch das Medium enorm vereinfacht. Für den Nutzer, der das Internet eher zur Gestaltung der eigenen Freizeit nutzt, sind in Bezug auf den kommerziellen Nutzen unter anderem „Online-Flohmärkte“ (z.B. www.ebay.de) interessant (vgl ebenda: 32f.) Die Wissenschaft profitiert vom Internet durch neue Methoden (Online-Umfragen etc.), enorm vereinfachte globale Projekte und neue Forschungsfelder (cvK etc.) (vgl. ebenda: 34f). Nicht zuletzt durch die globale Vernetzung von Computern, befindet sich unsere Gesellschaft in der Transformation von einer Industrie- zur Informationsgesellschaft.

Zudem geben die Anzahl der Nutzer und deren Nutzungsverhalten Aufschluss über die Bedeutung des Internets und den Stellenwert von Online-Beratungen in Deutschland. Im Folgenden soll auf diese Thematik näher eingegangen werden.

2.3 Internetnutzung

Kann Online-Beratung bei Problemen von Jugendlichen intervenieren? Um eine aussagekräftige Antwort auf diese Frage zu erhalten, muss zunächst geprüft werden, ob die Internetnutzung in Deutschland unter Jugendlichen weit verbreitet ist.

Hierzu soll vorab auf die Nutzung bzw. Nicht-Nutzung des Internets in Deutschland allgemein eingegangen werden, um daran anschließend speziell das Nutzungsverhalten Jugendlicher näher zu betrachten.

Die im Folgenden zitierten statistischen Daten beruhen auf den Angaben des (N)Onliner-Atlas 2007. Durch die Kooperation von TNS Infratest[13], der Initiative D21 14und wechselnden Sponsoren kann diese Studie seit dem Jahr 2001 jährlich realisiert werden. Im Jahr 2007 bestand die Grundgesamtheit der Studie aus 65,07 Millionen Menschen und rekrutierte sich aus der deutschsprachigen Bevölkerung ab [14] Jahren, die zu dieser Zeit über einen Telefonanschluss verfügten (vgl. ebenda).

2.3.1 Internetnutzung in Deutschland

Die zentrale Aussage des (N)Onliner Atlas 2007 ist, dass im Jahr 2007 insgesamt 39,17 Millionen Menschen ab 14 Jahren (60,2%) in Deutschland Zugang zu einem Internetanschluss hatten (vgl. TNS Infratest 2007: 10).

24,1 Millionen Menschen (39,8%) der deutschen Bevölkerung haben das Internet im Jahr 2007 nicht genutzt. 3,45 Millionen Menschen (5,7%) dieser so genannten „Offliner“ haben jedoch die Absicht sich binnen der nächsten zwölf Monate ab Zeitpunkt der Umfrage einen Zugang zum Internet zu verschaffen.

Die Studie zeigt, dass einige soziodemografische Aspekte einen erheblichen Einfluss auf die Nutzung oder Nicht-Nutzung des Internets haben. Im Folgenden soll auf drei Aspekte näher eingegangen werden, um einen Eindruck über die Wirkung dieser Bereiche auf die Nutzung bzw. Nicht-Nutzung des Internets zu vermitteln.

(1) Gebiete: Die Verteilung der Internetnutzer auf die deutschen Bundesländer zeigt deutliche Unterschiede. In den ostdeutschen Bundesländern ist die Zahl der Internetnutzer im Vergleich zu den anderen deutschen Bundesländern geringer. Ein prägnantes Beispiel ist Sachsen-Anhalt. Hier hatten 33,4% der Menschen ab 14 Jahren im Jahr 2007 Zugang zum Internet. Hingegen waren in demselben Jahr in Nordrhein-Westfalen 60,6% online. Jedoch konnte insgesamt ein bundesweiter Zuwachs im Vergleich zu den Vorjahren gemessen werden (vgl. ebenda: 11).

(2) Geschlecht: Im Hinblick auf das Geschlechterverhältnis lassen sich ebenfalls Unterschiede erkennen. So zeigt sich zwar, dass immer noch mehr Männer (67,1%) als Frauen (53,8%) das Internet nutzen, der Zuwachs bei der weiblichen Bevölkerung jedoch größer ist als bei der männlichen. Somit kann „[...]eine sukzessive Annäherung von Frauen und Männern in der näheren Zukunft erwartet werden“ (ebenda: 13).

(3) Bildung: In Bezug auf die Bildung sind laut des (N)Onliner Atlas 2007, auch in Übereinstimmung mit den letzten Jahren, die Schüler (91,6%) in der Nutzung des Internets führend. Im Vergleich dazu ist die Bevölkerungsgruppe mit dem Abschluss der Volksschule ohne Lehre nur zu 30,5% online. In Bezug auf den Bildungsstand kann insgesamt festgehalten werden: Je geringer die Bildung eines Jugendlichen, desto unwahrscheinlicher ist derzeit auch die Nutzung des Internets.

Anzumerken ist jedoch, dass TNS-Infratest in der Studie weder über die Zeit, welche die „Onliner“ im Internet verbringen, noch über die Nutzungsbedingungen (Internetcafé, eigener Internetanschluss etc.) berichtet. So kann keine Aussage darüber getroffen werden, in welchem Umfang die Nutzer das Internet nutzen und unter welchen Gegebenheiten. In Bezug auf die Wirksamkeit von Online-Beratung wäre insbesondere der Aspekt des Nutzungsumfangs von großer Bedeutung, da die Vertrautheit mit dem Internet vermutlich eine virtuelle Beratung begünstigen würde. Abschließend kann an dieser Stelle zumindest die Aussage getroffen werden, dass die deutliche Mehrheit der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren mindestens einmalige Erfahrungen mit dem Internet vorzuweisen hat.

Die Zahlen der TNS-Infratest Studie werden weitestgehend durch andere Studien bestätigt. Laut dem Statistischen Bundesamt hatten im ersten Quartal 2006 insgesamt 65% der deutschen Bevölkerung ab zehn Jahren Zugang zu einem Internetanschluss (vgl. Statistisches Bundesamt 2007: 114). Die höhere Prozentzahl lässt sich dadurch begründen, dass die Internetnutzung hier bereits ab dem zehnten Lebensjahr abgefragt wurde und nicht wie bei dem (N)Onliner Atlas 2007 ab dem vierzehnten Lebensjahr.

Im Folgenden wird nun speziell auf die Internetnutzung und das Nutzungsverhalten von Jugendlichen eingegangen.

2.3.2 Internetnutzung und Nutzungsverhalten Jugendlicher in Deutschland

Die Nutzung des Internets korreliert mit dem Alter: Jugendliche nutzen das Internet wesentlich häufiger als ältere Kohorten. Laut dem (N)Onliner Atlas 2007 haben im Jahr 2007 insgesamt 8,645 Millionen Jugendliche und junge Erwachsene (88,1%) im Alter von 14 bis 29 Jahren das Internet genutzt (vgl. TNS Infratest 2007: 12). Im Vergleich kann die Kohorte der 50 bis 59-jährigen betrachtet werden. Im Jahr 2007 hatten in dieser Altersklasse 4,150 Millionen Menschen (58,3%) einen Zugang zum Internet. Diese Zahlen verdeutlichen, dass das Internet bei der so genannten „Generation @“ (Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest 2007: 3) einen sehr hohen Stellenwert hat.

Die Nutzungsfrequenz der Jugendlichen bestätigt diese Aussage. Die Anwender, also die Nutzer des Internets, sind täglich (Montags bis Freitags) nach eigenen Angaben im Durchschnitt ca. 114 Minuten online (Jungen: 131 Minuten / Mädchen: 97 Minuten) (vgl. ebenda). Dabei ist aber zu beachten, dass Nutzungsfrequenz und -dauer pro Tag mit zunehmendem Alter zunächst ansteigen und dann vermutlich aufgrund der Lebensumstände (berufliche und schulische Entwicklung) wieder zurückgehen (zwölf- bis 13-jährige: 78 Minuten; 16- bis 17-jährige: 138 Minuten; 18 bis 19-jährige: 118 Minuten) (vgl. ebenda).

In Bezug auf das Nutzungsverhalten von Jugendlichen berichtet die Jugend, Information, (Multi-)Media-Längsschnittstudie (JIM-Studie) 2007 darüber, dass jugendliche Anwender ihr Hauptaugenmerk auf die kommunikativen Tätigkeiten im Internet legen. Am häufigsten nennen die Jugendlichen den Austausch mit anderen Anwendern, Freunden und Bekannten via Instant Messenger[15].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 01: Internet-Aktivitäten 2007 (täglich/mehrmals pro Woche)

An zweiter Stelle steht das Empfangen und Versenden von E-Mails (vgl. ebenda: 39). Neben der Kommunikation ist das Beschaffen von schulischen und/oder beruflichen Informationen (36%), allgemeinen Informationen (38%), Nachrichten/Aktuelles (38%) im Internet für die jugendlichen Nutzer bedeutend (vgl. ebenda). Zu dem Bereich der Informationsbeschaffung kann auch der Bereich des Anhörens von Musik gezählt werden. Abbildung 01 zeigt, dass Jungen fast bei allen Online-Aktivitäten eine intensivere Anwendung vorzuweisen haben. Die Geschlechterverteilung macht deutlich, dass „bei Mädchen der Anteil kommunikativer Onlinetätigkeiten größer [ist] als bei Jungen, diese wiederum verbringen einen deutlich höheren Anteil mit Spielen“ (ebenda: 41).

Die Angaben in diesem Kapitel machen deutlich, dass laut der zitierten Studien Jugendliche in Deutschland als Zielgruppe von Online-Beratungen a priori geeignet sind. Sie verbringen viel Zeit im Internet und können in Folge dessen mit dem selbigen umgehen und haben keine technischen Berührungsängste.

Im folgenden Kapitel soll explizit auf den primären Forschungsgegenstand, die psychosoziale Online-Beratung eingegangen werden.

3. Psychosoziale Online-Beratung

Die vorangehenden Kapitel haben gezeigt, dass das Internet in Deutschland fester Bestandteil des alltäglichen Lebens geworden ist. Das Hybridmedium ist weder aus dem privaten noch aus dem beruflichen Bereich wegzudenken. Auch die Beratung via WWW ist für viele Menschen zur Gewohnheit geworden. Die Angebote sind vielfältig. Juristische (z.B. www.kanzlei-prof-schweizer.de), medizinische (z.B. www.netdoktor.de) und technische Online-Beratungsstellen (z.B. www.biotech- portal.de) sind genauso wie psychosoziale virtuelle Beratungsstellen im WWW vertreten. Psychosoziale Online-Beratungsstellen sind in Bezug auf das Angebot und die Art der Beratung ebenso zahlreich. Der Nutzer kann sich von (selbstständigen) Psychologen und/oder Pädagogen, aber auch von Beratern eingetragener Vereine o.ä. zu allen erdenklichen psychosozialen Problemen (Suizidgedanken, Liebeskummer, Probleme in der Partnerschaft, psychische Krankheiten, Sucht, Probleme in Schule und Arbeit etc.) beraten lassen.

Im Folgenden soll zunächst der Begriff „Online-Beratung“ definiert werden, um daran anschließend einen Überblick über die Angebote von Online-Beratung in Deutschland zu geben. Anschließend werden die Formen virtueller Beratung vorgestellt und abschließend folgt eine Diskussion über die Vor- und Nachteile der Beratung via WWW.

3.1 Definition der psychosozialen Online-Beratung

Was ist „psychosoziale Online-Beratung“? Um diese Begrifflichkeit zu definieren, erscheint es sinnvoll, den Ausdruck aufzuspalten.

„Psychosozial“ bezeichnet, wie bereits in Kapitel 1.2 erläutert, Phänomene, „die gleichzeitig psychischer und sozialer Natur sind bzw. die durch die Interdependenz psychischer und sozialer Prozesse gekennzeichnet sind“ (Klima 1994: 526). Von einer psychosozialen Belastung bzw. einem psychosozialen Problem eines Individuums oder einer Gruppe kann folglich dann gesprochen werden, wenn eine negative Veränderung der psychischen Situation und des sozialen Umfeldes stattfindet. Typische psychosoziale Krisen im Jugendalter sind Abweisungen von potentiellen Partnern, Probleme in Bezug auf die berufliche und schulische Gegenwart bzw. Zukunft und die Entwicklung eines gesunden Körpergefühls.

Der Begriff der „Beratung“ ist dehnbar und kann vielseitig definiert werden. In der Alltagstheorie wird der Berater als „Ratgeber“ verstanden. Demgegenüber stehen psychologische und pädagogische Definitionen von Beratung, welche Beratung einheitlich als „soziale Interaktion, in deren Verlauf eine kompetente Beraterin/ein kompetenter Berater einer Klientin/einem Klienten hilft, ein aktuelles oder zukünftiges Problem des Klienten zu lösen“ (Kastner-Koller, Deimann 1993: 74) bezeichnen. Im Vordergrund dieser Definition stehen die Förderung von Problemlösekompetenzen und nicht das Bereitstellen von Ratschlägen, wie in der alltagstheoretischen Definition (vgl. Rechtien 1998: 9). Demzufolge trägt Beratung dazu bei den Klienten Klarheit über ihre Probleme zu verschaffen und die eigene Problemlösekompetenz zu fördern. Die Eigenverantwortlichkeit der Klienten wird betont. Demnach ist Beratung ein zwischenmenschlicher Prozess in welchem eine Person in und durch die Interaktion mit anderen Personen mehr Klarheit über eigene Probleme und deren Bewältigungsmöglichkeiten gewinnt. Das Ziel von Beratung ist die Förderung von Problemlösekompetenz (vgl. ebenda: 16)[16]. Beratung ist sowohl im Alltag unter Freunden, Bekannten und Familienangehörigen als auch auf professioneller Ebene im Bereich der Sozialarbeit, der Psychologie, der Medizin, des juristischen Rechts etc. anzutreffen.

Die Deutsche Gesellschaft für Beratung (DGfB) formulierte für die professionelle Beratung auf der psychosozialen Ebene folgende Kriterien:

- Es werden sowohl Personen und Gruppen als auch Organisationen in Bezug auf Probleme und Belastungen in ihrem privaten und beruflichen Umfeld beraten. Beratung ist als eine soziale Dienstleistung zu verstehen, welche auf Personen und Strukturen bezogen ist (vgl. Deutsche Gesellschaft für Beratung (DGfB) 2003: 3).
- Beratung „befasst sich auf einer theoriegeleiteten Grundlage mit unterschiedlichen Entwicklungsaufgaben und multifaktoriell bestimmten Problem- und Konfliktsituationen“ (ebenda).
- Die Tätigkeit der Beratung ist immer auf das Subjekt, die Aufgabe und den Kontext zu beziehen (vgl. ebenda).
- Beratung „ist eingebettet in instutionelle, rechtliche, ökonomische und berufsethische Rahmenbedingungen, innerhalb derer die anstehenden Aufgaben, Probleme und Konflikte dialogisch bearbeitet und geklärt werden“ (ebenda).
- Die Tätigkeit der Beratung ist von anderen (professionellen) Interventionsformen abzugrenzen (vgl. ebenda). Zum Beispiel ist es wichtig, dass eine Beratung nicht mit einer Therapie gleichgesetzt wird. Die Therapie soll den Klienten Lösungen für Probleme vermitteln. Die professionelle Beratung liefert Vorbereitungen bzw. Intentionen zu einer Problemlösung und nicht die Lösung selbst.
- Beratung kann die individuellen Ressourcen eines Ratsuchenden reaktivieren und intensivieren, sie kann gesundheitsfördernd, präventiv, heilend wirken und/oder einem Klienten ermöglichen wieder in das berufliche und/oder private Leben einzusteigen. Dies geschieht jeweils in Abhängigkeit von den Anforderungen bzw. Problemlagen des Klienten (vgl. ebenda: 4).
- Beratung „stellt sich Anforderungen aus den Bereichen von Erziehung und Bildung, Sozial- und Gemeinwesen, Arbeit und Beruf, Wohnen und Freizeit, Gesundheit und Wohlbefinden, Ökologie und Technik, Pflege und Rehabilitation, Ökonomie und Politik sowie des Rechts“ (ebenda: 3).

In Bezug auf den Begriff der „Online-Beratung“ können diese Kriterien uneingeschränkt übernommen werden. Der Unterschied besteht darin, wie bereits in Kapitel 1 erläutert, dass keine Face-to-Face-Interaktion stattfindet. Im Gegensatz zu

einem klassischen Beratungssetting[17] findet eine rein textbasierte Kommunikation statt (vgl. Stegbauer 2000: 21), weshalb der Online-Berater andere Fähigkeiten braucht als ein traditioneller Berater. Er hat u.a. keine Möglichkeit, Gestik und Mimik des Klienten zu interpretieren (vgl. Beck 2007: 2). Im Folgenden wird auf die Ursprünge und die Verbreitung von Online-Beratungstellen näher eingegangen.

3.2 Online-Beratungsstellen in Deutschland

Als Vorreiter der deutschen Online-Beratung kann die Katholische Telefonseelsorge Köln (www.telefonseelsorge.de) genannt werden. Seit 1995 bietet diese eine psychologische Beratung im Internet an (vgl. Funke, Krüger 1998b: 95). Ab diesem Zeitpunkt ist das Angebot an Online-Beratungen stetig angestiegen. Ein offizielles Verzeichnis der in Deutschland ansässigen Online-Beratungsstellen gibt es bislang nicht. Die Internetseite www.das-beratungsnetz.de gibt den Ratsuchenden jedoch einen Überblick über Beratungsstellen zu verschiedenen thematischen Schwerpunkten. Das Beratungsnetz.de hat in Deutschland 140 virtuelle Beratungsstellen verzeichnet, welche, wie Tabelle 01 zeigt, insgesamt zu 31 verschiedenen Problemlagen beraten (vgl. das-beratungsnetz.de 2007). Wie viele Online-Beratungsangebote es in Deutschland tatsächlich gibt, ist nicht zu ermitteln, da die Anzahl der Beratungsstellen ständig variiert. Das WWW unterliegt einem ständigen Umbruch. Webseiten, welche gestern noch online waren, können heute schon nicht mehr erreichbar sein. Andere Webseiten scheinen erreichbar zu sein, sind aber veraltet, da die Inhalte nicht mehr gepflegt werden. Die Suche mit einer Internetsuchmaschine (www.google.de) unter dem Begriff „Online-Beratung“ ergibt

111.000 Ergebnisse. Selbstverständlich sind hier auch wissenschaftliche Artikel und sonstige Publikationen etc. enthalten. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass die Anzahl der virtuellen Beratungsstellen in Deutschland weit höher ist als das Beratungsnetz.de verzeichnet hat. Der Angebotsschwerpunkt der 140 virtuellen Beratungsstellen liegt, laut dem Beratungsnetz.de im Bereich

„Soziales/Zwischenmenschliches“ (252 Angebote) (vgl. ebenda). In dieser Sparte ist das Angebot auf dem Gebiet „Probleme mit Familie/Verwandtschaft“ am größten (57 Angebote, z.B. www.beratungscentrum-monheim.de) (vgl. ebenda). Am

zweithäufigsten haben die Ratsuchenden die Möglichkeit sich aus dem Thema „Psyche“ beraten zu lassen (229 Angebote). Am häufigsten wird hier zu

„Ängste/Depressionen“ (54 Angebote, z.B. www.lichtblick-lehnin.de) beraten (vgl. ebenda). Die Beratung zu „Körperlichen Beschwerden“ ist mit 48 Angeboten am seltensten vertreten (vgl. ebenda). Es kann davon ausgegangen werden, dass Ratsuchende hier eher eine konventionelle Beratung bei einem Arzt o.ä. vorziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 01: Themen der Online-Beratungsstellen (In Anlehnung an: www.das-beratungsnetz.de; Stand: 23.Januar 2008)

Diese Angaben verdeutlichen die Fülle des Angebots in Deutschland. Neben der Suche nach einer passenden Beratungsstelle steckt der Ratsuchende außerdem in dem Dilemma, sich für die passende Beratungsform zu entscheiden. Im Folgenden soll auf die unterschiedlichen Formen der Online-Beratung näher eingegangen werden.

3.3 Formen der Online-Beratung

Die Online-Beratung bedient sich den verschiedenen Kommunikationsformen des Internets.

Zum einen gibt es die interaktiv-kommunikative und zum anderen die passive Form der Kommunikation. Erstere zeichnet sich dadurch aus, dass der Nutzer selber aktiv an der Kommunikation teilnimmt und grundsätzlich ein Dialog zwischen den Interaktionspartnern zustande kommen kann (vgl. Götz 2003: 13). Die passive Form der Kommunikation zeichnet sich dadurch aus, dass der Nutzer sich über bestimmte Themen informieren kann. Die reine Informationsgewinnung und nicht die Teilhabe an einer Kommunikation steht hier im Vordergrund (vgl. ebenda).

Ein weiteres Merkmal der Internet-Kommunikation ist die Unterscheidung in synchrone und asynchrone Kommunikation. Die synchrone Kommunikation findet (nahezu) gleichzeitig und die asynchrone Kommunikation zeitversetzt statt. Im Folgenden werden die einzelnen Dienste des Internets vorgestellt, welche in der virtuellen Beratung eingesetzt werden.

3.3.1 E-Mail-Beratung

Wie bereits in Kapitel 2.1 erläutert, ist die E-Mail eine digitale asynchrone Kommunikationsform mit hauptsächlich interaktiv-kommunikativem Charakter. Laut Döring lassen sich vier verschiedene Typen von E-Mails unterscheiden. Im Kontext der Beratung kann hauptsächlich von „Ongoing Conversation“ (Döring 1999: 52) -E- Mails gesprochen werden[18]. Diese Form der E-Mail „ist Bestandteil einer längeren Korrespondenz, sie bezieht sich auf zurückliegende Äußerungen und fordert zu mehr oder minder elaborierten neuen Kommentaren und Stellungnahmen auf“ (ebenda). Der Ratsuchende muss ebenso wie die Beratungsstelle über eine E-Mail-Adresse und die erforderlichen technischen Ressourcen (Computer, Internetzugang) verfügen, um eine E-Mail-Anfrage zu stellen bzw. eine Antwort auf eine solche zu geben.

Die Stärke der E-Mail-Beratung besteht darin, dass sie dem herkömmlichen Briefschreiben im Hinblick auf die anderen Beratungsformen am nächsten kommt. Bereits das Formulieren der Problemlagen verschafft dem Ratsuchenden „Entlastung, Erleichterung, Klarheit“ (Knatz, Dodier 2003: 18). Das Problem kann ausführlicher geschildert werden als zum Beispiel bei einer Chat-Beratung. Der Ratsuchende steht nicht unter einem zeitlichen Druck, da die E-Mail unabhängig von Tages-, Nacht- und Öffnungszeiten der Beratungsstellen versandt werden kann. Zudem können im Gegensatz zum klassischen Beratungssetting die eingehenden E-Mails sowohl auf Berater- als auch auf Klientenseite abgespeichert und der Inhalt beliebig oft abgerufen werden. Problematisch ist der Aspekt des Datenschutzes. E-Mails werden in der Regel „offen“ über das Internet übertragen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine dritte Person die Anfragen des Ratsuchenden bzw. die Antworten des Beraters mitlesen oder abfangen kann, da die E-Mail nicht direkt sondern über Zwischenstufen (Server) vermittelt wird[19]. Die „Niedrigschwelligkeit“[20]der E-Mail- Beratung ist ebenso hoch wie bei den anderen virtuellen Beratungsformen, da die schriftliche Form der Kommunikation keinen Aufschluss über das Geschlecht, die soziale Herkunft, körperliche Behinderungen, Hautfarbe etc. zulassen muss, es sei denn, der Klient teilt diese Informationen mit (siehe Abbildung 02).

Beispiel einer E-Mail-Anfrage

„Hallo an wen auch immer, oh man, was will ich eigentlich, Hilfe, ja wahrscheinlich irgendwie sowas. [...] Das Problem: Ich! Sorry, nein irgendwie geht es mir zur Zeit beschissen und da ist der Impuls >>ich will tot sein und ich kann es auch umsetzen<<, aber will ich das wirklich, nicht wirklich, sonst würde ich diese Mail wohl kaum schreiben, irgendwie suche ich Hilfe, schnelle Hilfe, klar das Telefon waere eine schnellere Hilfe, stimmt, aber ich spreche nicht, habe keine gesprochene Sprache, also auch keine Möglichkeit zu telefonieren. [...] Ich will sterben

– haltet mich davon ab – die Doppelbotschaft“ (Knatz, Dodier 2003: 16f).

Abb. 02: Beispiel einer E-Mail-Beratung

3.3.2 Chat-Beratung

Eine weitere Form der virtuellen Beratung ist die Chat-Beratung. Im Kontext der Beratung wird überwiegend über webbasierte Chats kommuniziert (vgl. Kapitel 2.1). Es können zwei Formen von Chat-Beratungen unterschieden werden. Die Einzel- Chat- und die Gruppen-Chat-Beratung. Die technischen Voraussetzungen (Computer, Internetzugang, Webbrowser, „Nickname“ und Passwort) sind bei beiden Beratungsformen identisch. Ebenso wie die E-Mail-Beratung ist die Chat-Beratung interaktiv-kommunikativ. Die Kommunikation in einem webbasierten Chat findet (nahezu) synchron statt. Das heißt, dass die Texte, welche an der Tastatur des jeweiligen Nutzers geschrieben werden, unmittelbar, evtl. mit minimaler zeitlicher, technisch bedingter Verzögerung, auf den Monitoren der anderen Nutzer des Chats erscheinen (vgl. Döring 2003: 80). Im Folgenden sollen nun die beiden Formen der Chat-Beratung näher erläutert werden.

3.3.2.1 Einzel-Chat-Beratung

Die Einzel-Chat-Beratung kann als gängigste Form der Chat-Beratung bezeichnet werden. In der Regel haben die Beratungsstellen, welche diese Form der Beratung anbieten, auf ihren Webseiten eine Liste freier Einzel-Chat-Termine, welche von den Ratsuchenden „gebucht“ werden können. Vergleichbar mit einem Arzttermin werden Datum und Uhrzeit der Beratung vereinbart. Im Gegensatz zu herkömmlichen Chats ist die Beratung via Chat in den meisten Fällen auf 45 bis 60 Minuten zeitlich beschränkt.

Der Vorteil der Einzel-Chat-Beratung liegt darin, dass der Klient wie in der E-Mail- Beratung mit dem Berater in einem Eins-zu-Eins-„Gespräch“ steht. In der Fachliteratur wird von einem „privaten Chat“ (Döring 2003: 91f) gesprochen. Im Hinblick auf den Datenschutz ist die Form der webbasierten Einzel-Chat-Beratung sicherer als die der E-Mail-Beratung, da es ausgeschlossen ist, dass dritte Personen das Beratungsgespräch mitlesen, und die Klienten sich zudem durch ein Pseudonym schützen können. Die schnelle Geschwindigkeit der Kommunikation ist eine prägnante Charakteristik des Chats. Das kann zu Schwierigkeiten führen, da der Ratsuchende im Gegensatz zu der E-Mail-Beratung indirekt dazu aufgefordert wird schnell zu schreiben bzw. zu reagieren (vgl. Döring 2003: 92). Das kann zur Folge haben, dass eine Chat-Beratung nicht den gewünschten Erfolg bringt, da die

Ratsuchenden zum Beispiel elementare Informationen durch die aufkommende „Hektik“ in der Konversation nicht erwähnen.

3.3.2.2 Gruppen-Chat-Beratung

Im Gegensatz zur Einzel-Chat-Beratung ist die Gruppen-Chat-Beratung nicht auf eine Teilnehmerzahl begrenzt. Innerhalb der Gruppen-Chat-Beratung müssen drei Formen unterschieden werden. Der moderierte Chat, der Experten-Chat und der Themen-Chat.

Der moderierte Gruppen-Chat zeichnet sich dadurch aus, dass die Ratsuchenden sich in den Chatraum einloggen und sich thematisch ungebunden unterhalten. Hierbei übernimmt der Moderator die Funktion, Beiträge, welche nicht der so genannten

„Chatiquette“[21]entsprechen, zu entfernen, bzw. Nutzer wegen unsachgemäßer Beiträge (Verletzung des Jugendschutzes etc.) des Chatraumes zu verweisen. Zudem hat er die Aufgabe den beraterischen Charakter der Unterhaltung aufrecht zu erhalten (vgl. Götz 2003: 15). Da die geschriebenen Beiträge prinzipiell von allen Nutzern des Chatraumes gelesen und beantwortet werden können, findet in den moderierten Gruppen-Chats auch eine Beratung unter Gleichgesinnten (Peer-to-Peer-Beratung) statt (vgl. ebenda: 16). Diese Form der Beratung dient der Informationsgewinnung und dem Austausch unter den Ratsuchenden. Beratung im eigentlichen Sinne ist in den meisten Fällen schwierig, da die meisten Teilnehmer des Chats in der Regel

„Laien“ bzw. selbst Betroffene sind und nicht über eine fundierte Ausbildung im beraterischen Bereich verfügen. Aufgrund der unbegrenzten Anzahl von Teilnehmern an dem Chat kann der Berater in den meisten Fällen nicht explizit auf die Klienten eingehen und sie fundiert beraten. Die Geschwindigkeit der Kommunikation ist im Gruppen-Chat-Beratungskontext ebenso problematisch wie in der Einzel-Chat- Beratung. Durch die hohe Teilnehmerzahl kommt es zudem „zu einer Überschneidung bzw. Verschachtelung mehrerer Gesprächsstränge [...] [wodurch] eine differenzierte Argumentation bzw. Elaboration von Sachverhalten [...] in Chats nicht möglich“ (Döring 2003: 92) ist. Laut Götz hat sich eine Teilnehmerzahl von maximal zwölf Personen bewährt (vgl. Götz 2003: 15).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 03: Auszug aus einem Experten- Chat zu dem Thema „Soziale Phobien“ (das-beratungsnetz.de 2003).

Themen-Chat-Beratung ist der moderierten Gruppen-Chat-Beratung sehr ähnlich. Einziger Unterschied ist, dass ein bestimmtes Thema vorgegeben ist, über das sich die in dem Chat Anwesenden unterhalten. Der Moderator übernimmt bei dieser Form der Beratung unter Umständen zusätzlich die Aufgabe, thematisch nicht passende Beiträge zu löschen.

Experten-Chats haben einen anderen Charakter als die zuvor genannten Beratungsarten via Chat. In den meisten Fällen sind sie zeitlich begrenzt, thematisch gebunden und ein Experte, also eine ausgewählte Person „von dem qualifizierte Informationen zu einem Problemgebiet erwartet werden“ (Pappert 1994: 191) wird zu dem Chat hinzugezogen. Die Ratsuchenden schreiben dem Moderator des Chats ihre Fragestellungen, dieser selektiert die Anfragen und stellt dann „relevante“ Beiträge in den Chat. Der Experte beantwortet diese Fragen (siehe Abbildung 03). Die Selektion der Beiträge durch den Moderator kann problematisch sein, weil für den Berater vermeintlich irrelevante, aber für den Klienten bzw. den Experten

wichtige Beiträge so unter Umständen nicht an den Experten weitergeleitet werden. Im Hinblick auf den Datenschutz sind die Formen der Gruppen-Chat-Beratung fast ebenso sicher wie die Einzel-Chat-Beratung, da die Klienten sich auch hier durch ein Pseudonym schützen können. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass die Klienten durch andere sich im Chat befindliche Personen, durch ihr Geschriebenes identifiziert werden können.

3.3.3 (Moderierte) Foren-Beratung

Beispiel für eine Foren-Beratung zu dem Thema „Viel Stress im Leben“.

sofia (15.03.2007, 22:09):

Ich bin erst 19Jahre alt und habe mit 18 schon geheiratet [...]. Ich geh noch zur Schule und bin in der 11. [...] Ich gehe vier Tage die Woche im Kindergarten arbeiten an zwei Tagen muss ich zur Schule [...]. Mein Mann ist arbeitslos und deswegen sind wir HARTZ4 empfänger. Ich bin so was von überlastet. [...] Ich möchte unbedingt die Schule schaffen, aber mit den Depressionen werde ich es wohl nicht hinkriegen.

youth-life-line (21.03.2007, 12:18): Hallo Sofia, deine Situation hört sich momentan wirklich schwierig an. Es ist gut, dass du dir auch schon bei youth- life-line.de einen account angelegt hast. Dort wirst du gerne von jemandem aus unserem Team beraten. [...]

numerobis (09.04.2007, 21:02): Hallo Sofia, Stress gibts wohl überall.

[...] Einige kriegen es aber hin. Hast du dich mal gefragt, was die anders machen? Ich hab dafür ein tolles Forum für dich, wo dir geholfen wird […] Du schaffst das! Grüße Num.

Abb. 04: Beispiel für eine Foren- Beratung zu dem Thema „Viel Stress im Leben“. (Quelle: www.jungeseiten.de)

Die Foren-Beratung ist ebenso wie die E-Mail-Beratung eine interaktiv- kommunikative, asynchrone Beratungsform. Wie in Kapitel 2.1 dargestellt, kann ein Forum mit einem „schwarzen Brett“ verglichen werden. Die geschriebenen Beiträge

können prinzipiell von allen Besuchern der Webseite gelesen werden. Um Beiträge zu kommentieren muss zunächst eine Registrierung im Forum erfolgen. In der Regel melden sich die Besucher der Seite wie auch bei einem Chat mit einem

Pseudonym an. Es hat sich bewährt, dass die Foren in bestimmte Themenbereiche geordnet werden. Mögliche Themenbereiche können zum Beispiel Liebe und Sexualität, Familie, Schule und Ausbildung sein. Die Nutzer der Seite sind dazu angehalten ihre Beiträge den verschiedenen Themenschwerpunkten unterzuordnen. Ein möglicher Beitrag zu dem Thema „Lebenskrisen“ auf der Seite des Jugendnetzes Baden-Württemberg ist

zum Beispiel der durch einen Nutzer verfasste Beitrag „Viel Stress im Leben“ (siehe Abbildung 04). Die Vorteile der

moderierten Foren-Beratung liegen darin, dass sowohl die Moderatoren, als auch Gleichgesinnte auf die Beiträge der Ratsuchenden antworten können. Ähnlich wie in der E-Mail-Beratung haben die Klienten auch in der Foren-Beratung die Möglichkeit, über das, was sie in dem Forum schreiben wollen, länger nachzudenken. Die Datenschutzaspekte der Foren-Beratung sind deckungsgleich mit denen der Gruppen-Chat-Beratung. Die asynchrone Kommunikation in der Foren- Beratung kann ebenso wie in der Beratung via E-Mail zu Problemen führen. Die Zeit, die zwischen der Anfrage des Klienten und der Antwort des Beraters liegt, sollte nicht zu lang sein, da ansonsten „gravierende Interpretationsprobleme“ (Döring 2000: 536) bezüglich der Problemlagen auf beiden Seiten auftreten können.

3.3.4 Frequently Asked Questions (FAQ)

Die Beratung via FAQ (engl.: häufig gestellte Fragen) ist passiv und asynchron. Die Beratungsstellen, welche diese Form der Beratung anbieten, stellen eine Liste mit häufig gestellten Fragen und den dazu passenden Antworten auf ihrer Webseite zur Verfügung (siehe Abbildung 05). Diese Form stellt einen Sonderfall der Beratung dar, da der Ratsuchende keine expliziten Fragen stellt und sich vergleichbar mit der Recherche in Lexika über seine Problemlage informiert. Döring hält fest, dass diese Form der Beratung nicht nur informativ, sondern auch entlastend sein kann, da die Ratsuchenden durch das Lesen der FAQ unter Umständen feststellen können, dass andere Menschen sich mit dem gleichen Problem an eine Beratungsstelle wenden (vgl. Döring 1998: 138f). Datenschutzaspekte müssen bei der Beratung via FAQ nicht berücksichtigt werden, da die Ratsuchenden für diese Form der Beratung keine persönlichen Daten an die Beratungsstelle übermitteln müssen. Die Nachteile der FAQ-Beratung liegen auf der Hand. Da jedes Problem individuell ist und jedes Individuum unterschiedliche Problemlösungsstrategien anwendet, erscheint diese Form der Beratung zur Lösung psychosozialer Problemlagen ungeeignet. Folglich dient die FAQ-Beratung eher der Informationsgewinnung als der Beratung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 05: Auszug aus den FAQ von www.sextra.de (Quelle: Pro Familia Sextra Landesverbände o.J.).

Die Darstellung der unterschiedlichen Beratungsformen macht deutlich, dass die Möglichkeiten der Beratung via WWW sehr zahlreich und unterschiedlich sind. In Abhängigkeit von dem technischen Kenntnisstand, den Interessen und der Struktur der Persönlichkeit legen sich die Ratsuchenden auf die einzelnen Formen der Kommunikation fest oder entscheiden sich für einen „Kommunikationsmix“ (Batinic et al. 1997: 196).

Im Folgenden sollen die Vor- und Nachteile der psychosozialen Online-Beratung zusammenfassend dargestellt werden.

3.4 Vor- und Nachteile der Online-Beratung

„Psychotherapie im Netz klingt auf den ersten Blick wie das Angebot eines virtuellen Stücks französischen Käses: klingt toll, aber schmeckt und riecht nach nichts“ (Funke, Krüger 1998b: 94). Diese humoristische, vergleichende Beschreibung für Online-Psychotherapie von Funke und Krüger kann ohne Einschränkungen auch auf die virtuelle psychosoziale Beratung übertragen werden. Auf den ersten Blick scheint es grotesk, hilfesuchende Menschen über das anonyme Hybridmedium Internet zu beraten. Auf den zweiten Blick lassen sich jedoch auch eindeutige Vorteile der Beratung über dieses Medium erkennen.

Der wohl bedeutendste Vorteil der Online-Beratung ist die Niedrigschwelligkeit des Zugangs zur Online-Beratung. Je niedrigschwelliger ein Beratungsangebot ist, desto geringer sind die Hemmschwellen der Ratsuchenden das Angebot in Anspruch zu nehmen.

Die Anonymität der Kommunikationssituation ist ein Hauptkriterium der Niedrigschwelligkeit. Durch Enthemmung, welche durch die fehlende Gestik, Mimik etc. entsteht, fördert die Anonymität der Kommunikation je nach Charakter des Ratsuchenden entweder prosoziales oder antisoziales Verhalten (vgl. Döring 2003: 196). Eichenberg hält fest, dass bei den Klienten im Vergleich zu einer konventionellen Beratung eine schnellere „Selbstöffnung“ (ebenda) stattfindet und auch prekäre Themen eher angesprochen werden. Das heißt, dass die virtuelle Beratung dem Ratsuchenden eine unverbindliche Kontaktaufnahme bietet (vgl. Eichenberg 2003: 7). Der Ratsuchende kann den Kontakt mit der Beratungsstelle selber steuern und gegebenenfalls ohne jegliche Sanktionen abbrechen.

Der negative Aspekt der Anonymität in der Online-Beratung ist der Missbrauch von Beratungsangeboten sowohl auf Berater- als auch auf Klientenseite.

[...]


[1] Der Begriff „virtuell“ ist auf das lateinische Wort „virtus“ (Mannhaftigkeit, Kraft, Stärke, Tugend) zurückzuführen und bezeichnet etwas, was nicht physisch aber „der Kraft oder Möglichkeit nach vorhanden ist“ (Duden 1990: 815). Die Begrifflichkeit „virtuelle Beratung“ wird in dieser Arbeit mit dem Begriff „Online-Beratung“ synonym verwendet.

[2] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf die parallele Nennung der weiblichen und männlichen Form verzichtet. Es wird ausschließlich die männliche Form verwendet, wobei damit auch ausdrücklich die weibliche Form einbezogen sein soll.

[3] „Intervention“ wird in der vorliegenden Arbeit als „das bewußte, professionelle 'Sich-Einmischen' in die Lebensverhältnisse bestimmter ges. 'Risiko und Problemgruppen' mit therapeutischen Absichten“ (vgl. Hillmann 1994: 389) verstanden.

[4] „Peer-to-Peer-Beratung“ meint die Beratung unter Gleichaltrigen.

[5] Als umfangreiche Quelle zur Geschichte des Internets sei an dieser Stelle auf das Buch von Hafner, K. und Lyon, M. (1996): Where Wizards Stay Up Late: The Origins of the Internet. New York, NY: Simon & Schuster verwiesen.

[6] Software ist ein „Sammelbegriff für alle nicht apparativen Funktionsbestandteile eines Computers, z.B. Betriebssysteme und Anwenderprogramme, die zur Betriebsabwicklung und zur Bearbeitung von Einzelaufgaben wie Textverarbeitung, Erstellen von Grafiken u.a. dienen“ (Brockhaus 2004b: 415).

[7] Webbrowser sind Computerprogramme, mit welchen der Nutzer Webseiten im Internet betrachten kann.

[8] Eine Medienkonversion findet dann statt, wenn Medienangebote von einem Medium in ein anderes übertragen werden.

[9] Metamedien sind „alle medialen Angebote [...], die wiederum über mediale Angebote informieren“ (Kepser 1999: 183). Ein Metamedium ist zum Beispiel eine Fernsehzeitschrift, welche sich schwerpunktmäßig mit dem Programm im Fernsehen beschäftigt.

[10] Newsletter sind elektronische Rundschreiben, welche an die E-Mail-Adresse der Nutzer einer Seite geschickt werden, welche sich vorher für diesen Dienst anmelden müssen.

[11] Hypertexte sind eine technische Normung für eine Art der Datenübertragung im Internet. „Die weltweit größte Hypertext-Struktur ist das World Wide Web (WWW), auf dem die einzelnen Informationsangebote die [...] [Informationspunkte] darstellen, während die anklickbaren Elemente solcher Seiten die Links enthalten, die wieder auf andere [...] [Informationspunkte] (wo auch immer gelagert) verweisen“ (Funke, Krüger 1998a: 136).

[12] Für weiterführende Information zu den Diskursen über die Bedeutung des Internets sei an dieser Stelle auf „Die Google-Gesellschaft“ von Lehmann und Schetsche (2005) verwiesen.

[13] TNS Infratest ist ein Zusammenschluss der beiden Marktforschungsinstitute Infratest und Emnid. TNS Infratest ist das deutsche Mitglied der TNS Group und betreibt in erster Linie Markt-, Sozialforschung und Marketingberatung.

[14] „Die Initiative D21 ist Europas größte Partnerschaft von Politik und Wirtschaft für die Informationsgesellschaft. Sie umfasst ein parteien- und branchenübergreifendes Netzwerk von 200 Mitgliedsunternehmen und -institutionen sowie politischen Partnern aus Bund, Ländern und Kommunen. Ihr Ziel ist es, die Informationsgesellschaft in Deutschland des 21. Jahrhunderts zu stärken“ (Initiative D21 e.V. 2007).

[15] Ein Instant Messenger (Jabber, ICQ etc.) ist ein Internetdienst mit dessen Hilfe Benutzer in Echtzeit chatten können.

[16] Die psychologischen und pädagogischen Formen der Beratung sind zahlreich. Für weiterführende Informationen zu den verschiedenen Beratungsformen bzw. deren Vor- und Nachteile sei an dieser Stelle auf das Buch „Beratung. Theorien, Modelle und Methoden“ (1998) von Rechtien verwiesen. Eine ausführliche Schilderung der verschiedenen Beratungsformen würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit überschreiten.

[17] „Unter dem Begriff des Beratungssettings wird im Allgemeinen der Ort der Beratung (z.B. eine Beratungsstelle), die soziale Konstellation (z.B. anwesende Personen), die Funktion der Beratung (z.B. Aufklärung oder Gesundheitsförderung) und die eingesetzten Instrumente (z.B. systemischer Beratungsansatz oder Mediation) subsumiert“ (Götz 2003: 26).

[18] Die drei anderen Formen von E-Mails sind: „ To do: Die E-Mail enthält den Appell zu einer [...] Handlung. To Read: Die E-Mail enthält [...] Informationen, die zur Kenntnis genommen werden wollen. Indeterminate Status: Es ist unklar zu welchen der drei [...] Hauptkategorien die E-Mail gehört und wie mit ihr verfahren werden soll“ (Döring 1999:52).

[19] Das „Mitlesen“ einer E-Mail kann durch Verschlüsselungsprogramme (PGP etc.) verhindert werden. Die E-Mail wird vom Verfasser mit einem vom Empfänger bereitgestellten Code verschlüsselt, der Empfänger kann die Nachricht bei Erhalt mit einem privaten „Schlüssel“, welcher zusammen mit dem bereitgestellten Code erzeugt wurde, wieder dechiffrieren. Diese Form der Verschlüsselung setzt allerdings ein hohes technisches Verständnis voraus.

[20] Niedrigschwellige soziale Angebote ermöglichen es den Klienten ohne große Hemmschwelle ein Angebot in Anspruch zu nehmen. Im herkömmlichen Beratungskontext heißt das, dass zum Beispiel keine Angaben zur eigenen Person gemacht werden müssen bzw. die Zusicherung die Problemlagen nicht an andere Institutionen (Jugendamt etc.) weiter zu tragen.

[21] Die „Chatiquette“ sind Richtlinien für die Umgangsformen in einem Chat. „Sie werden [...] als Empfehlung bzw. als Orientierungsrahmen für den Umgang miteinander betrachtet“ (Dorta 2005: 227). Für weiterführende Information zur „Chatiquette“ sei an dieser Stelle auf das Kapitel „Chatiquette und die rituelle Ordnung“ in dem Buch „Soziale Welten in der Chat-Kommunikation“ von Dorta verwiesen (Dorta 2005: 226 – 232).

Details

Seiten
171
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640250837
ISBN (Buch)
9783640250936
Dateigröße
11.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121425
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,8
Schlagworte
Psychosoziale Beratung Internet Problemintervention Jugendlichen

Autor

Zurück

Titel: Psychosoziale Beratung im Internet als Problemintervention bei Jugendlichen