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Vergleich zwischen "Herr Lehmann" von Sven Regener und "Aus dem Leben eines Taugenichts" von Joseph von Eichendorff

Facharbeit (Schule) 2007 18 Seiten

Deutsch - Erörterungen und Aufsätze

Leseprobe

Inhalt

1. Sven Regener: „Herr Lehmann“
1.1 Vorstellung des Autors und Inhaltsangabe des Werkes
1.2 Der Protagonist: Frank Lehmann
1.2.1 Charakterisierung des Protagonisten
1.2.2 Lebensphilosophie und Weltbild des Protagonisten
1.3 Analyse der sprachlichen Gestaltung und der philosophischen Aussagen
1.4 Erzähler/ bzw. Autorenhaltung

2. Joseph von Eichendorff: „Aus dem Leben eines Taugenichts“
2.1 Vorstellung des Autors und Inhaltsangabe des Werkes
2.2 Der Protagonist: Der Taugenichts
2.2.1 Charakterisierung des Protagonisten
2.2.2 Lebensphilosophie und Weltbild des Protagonisten
2.3 Analyse der sprachlichen Gestaltung und der philosophischen Aussagen
2.4 Einordnung in die Epoche der Spätromantik

3. Ein Vergleich
3.1 Vergleich der Protagonisten
3.1.1 Übereinstimmung der Wesensmerkmale
3.1.2 Grundsätzliche Verschiedenheiten der beiden Figuren
3.2 Vergleich der Lebensphilosophien der beiden Figuren
3.3 Vergleich der Konzeption beider Werke und der Autorenabsicht
3.4 Erklärung der Verhaltensweisen im zeitlichen Kontext
3.5 Kritik an Mensch und Gesellschaft

Fazit

Hinführung

In dieser Facharbeit werden zwei Werke vorgestellt und verglichen, die zunächst sehr unterschiedlich erscheinen. Die spätromantische Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ von Joseph von Eichendorff wird dem zeitgenössischen Roman „Herr Lehmann“ von Sven Regener gegenübergestellt. Hierbei sollen die Parallelen herausgearbeitet werden, die sich einmal bei der Betrachtung der Protagonisten und zum anderen aus der Autorenintention ergeben. Des Weiteren soll die unterschiedliche Beleuchtung der jeweiligen Protagonisten im literarischen Kontext beider Werke verglichen werden. Darüber hinaus beschäftigt sich die Arbeit mit dem von beiden Schriftstellern angeprangerten fehlenden Wandel des Philistertums in einer Zeitspanne von über 180 Jahren.

1. Sven Regener: „Herr Lehmann“

1.1 Vorstellung des Autors und Inhaltsangabe des Werkes

Der Autor ist Sven Regener, geboren am 1. Januar 1961 in Bremen. Neben dem Beruf als Schriftsteller ist er u.a. noch Musiker in der Band ‚Element of Crime’.

Sein Erstlingswerk ‚Herr Lehmann’ wurde in mehrere Sprachen übersetzt (u.a. ins Französische, Englische, Polnische und Norwegische) und hielt sich mehr als 20 Wochen auf der SPIEGEL- Bestsellerliste.

Das Romangeschehen ist in West-Berlin angesiedelt und erstreckt sich vom Sommer des Jahres 1989 bis zum Mauerfall im November des gleichen Jahres.

Der dreißigjährige Protagonist Frank Lehmann wohnt in einer Eineinhalbzimmerwohnung in Berlin-Kreuzberg und arbeitet als Tresenmann in der schäbigen Kneipe „Einfall“. Die fortlaufenden Kapitel beschreiben, wie sich der Protagonist verliebt und wieder verlassen wird. Außerdem werden der Besuch der Eltern und der Nervenzusammenbruch seines besten Freundes thematisiert. Neben diesen Ereignissen tritt der Mauerfall bzw. die Wiedervereinigung West- und Ostdeutschlands in den Hintergrund, obwohl der historische Event exakt auf den 30. Geburtstag des Herrn Lehmann fällt.

1.2 Der Protagonist: Frank Lehmann

1.2.1 Charakterisierung des Protagonisten

„Der Mensch ist ein Wesen mit freiem Willen.“1 So äußert sich die Lebensphilosophie des Frank Lehmann, der am 09. November 1959 in Bremen geboren wurde und zwischen 1980 und 1988 nach Berlin zog. Im Abschnitt SO 36 in Berlin-Kreuzberg will er auch für den Rest seines Lebens bleiben. Seine Freunde nennen ihn nur „Herr Lehmann“. Über sein Äußeres erfährt man wenig, lediglich der Ansatz eines Bierbauches und die helle Haut, „weiß wie ein Fischbauch“2, werden erwähnt. „Du bist ein Fossil. Du gehst auf eine Party und denkst, huch, was sind die alle gut drauf. Du hast ja keine Ahnung, was abgeht. Das ist ja schon niedlich, wie du drauf bist.“3 charakterisiert ihn sein Chef und beschreibt damit die Lebensgestaltung des Frank Lehmann. In seiner Tätigkeit als Tresenmann ist er zwar nicht perfekt, fühlt sich jedoch qualifiziert und zufrieden. In seiner kleinen Eineinhalbzimmerwohnung bewegt sich der Protagonist in einer räumlichen Eingeschränktheit, die er keineswegs verlassen will.4

Frank Lehmann lässt sich im Folgenden als die perfekte Definition eines Philisters preisen und ist ein Spießer der Extraklasse: Er ist unsportlich, wird von allen anderen als unauffällig5 und simpel6 beschrieben, hasst Pathos und liebt in einer widersprüchlichen Art seine Eltern, feiert auch nur ungern seine Geburtstage und verteidigt seine kleinbürgerliche Umgebung wie ein menschliches Nagetier. Lehmann hat Angst vor dem Alter, er befürchtet, dass sich Erinnerungen anhäufen könnten, die ihn später belasten7 und beschreibt sich selbst als ehemaliger „Carpe-Diem-Typ“8.

Das Umfeld von Lehmann ist auf wenige Personen beschränkt: Sein Kollege Karl ist sein bester Freund, der auch künstlerisch tätig ist. Zu seinem Chef Erwin pflegt er ein freundschaftliches Verhältnis. Er verliebt sich in die schöne Köchin Kathrin, die er an einen Stammkunden, den sog. „Kristall-Rainer“, verliert. Weitere soziale Kontakte unterhält er zu seinen Eltern und dem übrigen Tresenpersonal.

Damit erfüllt Lehmann die Rolle eines Philisters resp. Spießers, der nur im Rahmen des vertrauten Ortes und der vertrauten Umgebung die immergleichen Rituale praktiziert.

„… von Kopf bis Fuß SO 36. Natürlich hat dieser Frank Lehmann, ein Oblomow unserer Tage, der sich vor lauter durch Nichtstun beförderter Dauererschöpfung meist nur noch <<hinlegen>> will, beste Voraussetzungen zur Witzfigur.“9, beschreibt ihn ein Literaturkritiker. Ein anderer zitiert den Autor selbst „’Das ist ein hart arbeitender Mann’, […]‚nur fällt auch das nicht auf.’“10 und belegt ironisch, wie viel Heiterkeit aus der Person des Protagonisten hervorgeht, weil dem Leser dieses „gescheiterte Stück unbeachteter Humanität“ so und in anderen Facetten durchaus schon begegnet sein mag.

1.2.2 Lebensphilosophie und Weltbild des Protagonisten

„Ich bin genau der, der ich bin.“11 Lehmann steht zu sich selbst und somit auch zu seiner Philosophie, eine Philosophie, die vielleicht überhaupt nicht existiert. Er zeigt im gesamten Text kaum Wertevorstellungen, jedoch verteidigt er jene wenige, die er besitzt, wie z.B. den Schutz der Ehre seiner Freunde12 oder das Hinterhertrauern einer verlorenen Liebe13. Die Frage nach Lebensinhalt, also der Verwirklichung der eigenen Philosophie zur Schaffung von moralischem und materiellem Reichtum, beantwortet er so simpel, dass es fast schon kindisch erscheint14. Lehmann ist tatsächlich jenes Fossil, mit dem ihn schon sein Chef charakterisiert, er ist ein „Langweiler par excellence“15, jemand, der durch fehlende Motive und Bewegungsabsichten keinen Eindruck auf Mitmenschen hinterlässt: „Keiner interessiert sich nachhaltig für ihn. Selbst Kathrin, die schöne und geduldige Köchin, läuft weg, weil sie es satt ist, mit einem Kerl zusammen zu sein, der sich nach nichts so sehnt wie danach, ausschlafen zu können, seine Ruhe zu haben“16.

Aus Mangel an eigenständiger Philosophie erscheint Lehmann als erbärmliche Figur, er besitzt auch keinen eigenen Antrieb, d. h. die Frage, was ihn eigentlich am Leben hält, scheint ungeklärt. Was er so undifferenziert von sich verlauten lässt, ist nur im seltensten Falle ernst zu nehmen, „…was er so daherredet, wenn die Nacht lang ist, balanciert auf dem Grat zwischen höherem Unsinn und tieferer Bedeutung.“17

Das allgemeine Weltbild des Frank Lehmann beruft sich weder auf eine Determinierung durch Gott, noch auf eine Beeinflussung durch den Menschen. Es ist viel mehr ein egozentrisches Weltbild, dass ihm das Gefühl vermittelt, er sei der Hauptangriffspunkt aller anderen und damit auch Objekt derselben. Dafür sprechen folgende Geschehnisse: Im 1. Kapitel verweigert ihm ein herumstreunender Hund den Durchgang; im 2. Kapitel sind es seine bestimmenden Eltern, in den weiteren Handlungssträngen betrunkene Kneipengäste, durchdrehende Freunde und eine enttäuschende Liebe.

Als Objekt der vermeintlichen Angriffe schützt Lehmann sich, indem er einerseits auf seiner räumlichen Eingeschränktheit beharrt, andererseits weder seinen Freundeskreis noch seinen Stadtteil verlässt. Dieser Teufelskreis lässt ihm keine Möglichkeit zur Veränderung.

Ereignisse, die innen- wie auch außenpolitische Konsequenzen mit sich ziehen, lassen ihn kalt. Er interessiert sich nur für seine eigene, kleine Welt.18

1.3 Analyse der sprachlichen Gestaltung und der philosophischen Aussagen

Der Roman „Herr Lehmann“ lässt eine stark gesellschaftskritische Haltung gegenüber dem spießigen Kleinbürger erkennen. Eine Person wie Frank Lehmann kann aufgrund seiner unglaublich grotesken Normalität nicht ernst genommen werden, er stellt eine Figur dar, von der man sich als Leser nur distanzieren kann; eine Identifikation scheint gänzlich ausgeschlossen. Lehmann ist in abgeschwächter Form wahrscheinlich in jedem Bekanntenkreis eines Menschen zu finden, er ist vielleicht der nette Nachbar, der ab und an zum Grillen kommt oder der Büroangestellte in einer Firma, der sich vor lauter Anpassung den Konflikten der Betriebswirklichkeit nicht stellen würde.

Die sprachliche Gestaltung ist so drollig wie die Figur des Herr Lehmann selbst. Regener pendelt mit seinem Stil zwischen dem eines Martin Walser und dem eines Heinz Erhardt, er konstruiert überaus komplexe Hypotaxen, dass diese manchmal eine halbe Buchseite einnehmen – sich jedoch in einer lustigen Naivität auflösen19. Er verzichtet komplett auf ein lokales Idiom, bringt jedoch an manchen Stellen derbe Ausdrücke und Schimpfwörter, welche die untergeordnete gesellschaftliche Stellung des Herr Lehmann noch verdeutlichen. Das Werk ist zugänglich für die breite Masse und umfasst weder pathetische noch gehobene Sprache.

„Es kommt nicht darauf an, dass es wie früher ist, dachte er, es kommt darauf an, dass es gut ist.“20 In Regeners Werk werden nur wenige philosophische Ansätze wie dieser deutlich, jedoch sind sie in der Regel eindeutig. Lehmann bringt dieselben oftmals bei den Überlegungen über ein Leben nach dem dreißigsten Geburtstag hervor. Hierbei macht er sich zwar Gedanken über die Zukunft, kommt jedoch zu dem Schluss, die Welt altersunabhängig zu betrachten, um sich die vermeintlich unnötigen Sorgen zu ersparen. Diese hätten ja nur eine Depression zur Folge, der man – wie allem anderen - aus dem Wege zu gehen hat. Sodann erübrigten sich alle Vergleiche mit der Vergangenheit, sein Leben diene der Erhaltung der Lebensqualität und der Konzentration auf die Gegenwart. Es kennzeichnet das Festhalten seiner Person an den Konstanten seines Lebens. Eine Entwicklung seiner Persönlichkeit ist für ihn nicht vorgesehen, der „Blick über den Tellerrand“ im Hinblick auf unangenehme Folgen demnach zu vermeiden.

1.4 Erzähler-/ bzw. Autorenhaltung

Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren äußert sich Sven Regener konkret zu seiner Romanfigur. „’Ach, ich mag Herrn Lehmann gern’, sagt er.’ Der schlägt sich tapfer. Sein Leben, das ihm gut gefallen hat, das funktioniert nicht mehr. Das zwingt ihn zu reagieren. Am Schluss ist er der Typ, den alle anderen rufen müssen, um wieder aufzuräumen. Sehr tapfer. Wie Kafkas Gregor Samsa, der wacht auf und ist ein Käfer. Damit muss er erstmal klarkommen.’“21 Regener charakterisiert seinen Antihelden genauso, wie der Leser ihn auch vorfindet; der unterschwellige Ton der Ironie lässt sich hier nicht überhören.

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Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640263523
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121352
Note
14 Punkte
Schlagworte
Vergleich Herr Lehmann Sven Regener Leben Taugenichts Joseph Eichendorff

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Titel: Vergleich zwischen "Herr Lehmann" von Sven Regener und "Aus dem Leben eines Taugenichts" von Joseph von Eichendorff