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Die Großstadtdarstellung in Erich Kästners „Fabian“ und in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 17 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Großstadt

3. Großstadtliteratur

4. Alfred Döblin „Berlin Alexanderplatz“
4.1 Der Anfang des Romans
4.2 Franz Biberkopf in der Metropole

5. Erich Kästner „Fabian“
5.1 Der Anfang des Romans
5.2 Jakob Fabian in der Metropole

6. Der Vergleich zwischen „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin und „Fabian“ vo Erich Kästner
6.1 Franz Biberkopf und Jakob Fabian
6.2 Das Tempo des Erzählens

7. Die Darstellung der Metropole

8. Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit ist der Versuch unternommen, den Roman von Erich Kästner „Fabian“ mit dem von Alfred Döblin „Berlin Alexanderplatz“ hinsichtlich der Darstellung der Großstadt Berlin zu vergleichen.

Die beiden Großstadtromane wurden zu Beginn der 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts veröffentlicht und gehören zu der Literaturrichtung der Neuen Sachlichkeit. Die deutsche Großstadt Berlin bildet den Schauplatz der Handlung in den beiden Werken und ist von einer enormen Bedeutung für den Geschehensvorgang. Die Darstellung der schnelllebigen und chaotischen Metropole wird jedoch auf unterschiedliche Weise von beiden Autoren geschaffen. Auch hinsichtlich der Wahl der Protagonisten und des Milieus, in dem sich die beiden Romane abspielen, kann man Differenzen zwischen den Werken entdecken. Obwohl man bei der Analyse der Großstadtromane viele Unterschiede entdeckt, kann man die beiden Werke zum Vergleich ziehen und einige Ähnlichkeiten feststellen.

2. Großstadt

Seit etwa 200 Jahren bestimmt die Stadt die Entwicklung der modernen Gesellschaft. Die Metropole stellte einen neuen Lebensraum für den Menschen dar, in dem er nicht länger als Teil einer traditionellen kleinen Gemeinschaft ist. In den Großstädten bildeten sich Sitten, die im Gegensatz zu dem Leben auf dem Lande stehen.

Das Berlin am Anfang des 20. Jahrhunderts ist die größte deutsche Stadt und in der künstlerischen Darstellung das Symbol für das moderne Leben. Deutschlands Hauptstadt war damals nicht nur politisches und wirtschaftliches Zentrum, sondern auch die Metropole von Dichtern, Malern und Schriftstellern:

„Im Verlaufe der zwanziger Jahre vergrößert sich die Zahl künstlerischer Werke, in denen die Stadt Berlin Handlungsort ist, Schauplatz von persönlichen oder historischen Ereignissen, ja, in denen die Stadt selbst aktiv die Ereignisse des Geschehens mitbestimmt.“[1]

3. Großstadtliteratur

Im Laufe der Zeiten ist Großstadt zu einem großen Thema der Kunst geworden. Das Städtische hat viele Schöpfer des 19. und 20. Jahrhunderts fasziniert und wurde in zahlreichen künstlerischen Werken behandelt. Die verschiedenen Aspekte der modernen Großstadt waren in der Literatur des Naturalismus und des Expressionismus thematisiert. Im Naturalismus war die Industriestadt mit sozialen Gegensätzen, ausgebeuteten Lohnarbeitern und jedem denkbaren Elend in die Literatur eingegangen. Die spätere expressionistische Dichtung von Georg Heym, Gottfried Benn und Georg Trakl hat zu einem der modernen Großstadt ihre Begeisterung ausgesprochen, zum anderen von der vernichtenden Macht des Städtischen erzählt:

„Die Stadt damals war mehr als das Zentrum der modernen Welt und der eigentliche Lebensraum des Menschen; sie war zu einem phantastischen Gebilde geworden, das von expressionistischen Lyrikern entweder mit einer Art von tödlichen Grauen geschildert worden war, teilweise aber auch in verzückter Faszination beschrieben wurde. Die Stadt war nichts Geringeres als das Abbild der Moderne, sie offenbarte das Wesen der Welt schlechthin.“[2]

Metropole wurde einerseits als faszinierender moderner Lebensraum von Millionen von Menschen dargestellt, anderseits als Bedrohung, Moloch, Ort des Verfalls und Elends. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema in der naturalistischen und der expressionistischen Kunstrichtung hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Großstadtliteratur in der ausgehenden Weimarer Republik ihre Blütezeit erreichen konnte:

„Mit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts erreicht die Geschichte der Großstadtliteratur ihren inzwischen kanonisch gewordenen Höhepunkt, der gleich drei – freilich ungleiche – Klassiker hervorbrachte.“[3]

Angelika Corbineau-Hoffmann in „Kleine Literaturgeschichte der Großstadt“ zählt den Roman von Alfred Döblin „Berlin Alexanderplatz“ zu den mustergültigen Werken der Großstadtliteratur.[4] Die Metropole manifestiert sich im Roman in ihrer noch nicht gekannten Radikalität und die Großstadterfahrungen, die auch in früheren Epochen behandelt wurden, hat Alfred Döblin in seinem Roman, sowohl auf der ästhetisch, als auch auf der stilistischen Ebene revolutionär umgewandelt:[5]

„Die Stadt als episches Objekt und handelndes Subjekt tritt endgültig in die deutsche Literatur ein; die sprachlichen Mittel des naturalistischen Protokolls und der futuristisch- dadaistischen Montage firmieren diesen Vorgang.“[6]

In „Fabian“ von Erich Kästner und in „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin bleibt die Metropole als Schauplatz für die Handlung immer präsent und wird sowohl mit ihrer fortschrittlichen Technologie, als auch mit ihren Schattenseiten dargestellt. Das Bild Berlins in der ausgehenden Weimarer Republik ist in der Vielfalt von abwechslungsreichen Freizeitangeboten in die Kunst eingegangen. Im Roman von Erich Kästner „Fabian“ ist Deutschlands Hauptstadt von Cafes, Restaurants, Theatern, Kabaretts und anderen Vergnügungsetablissements geprägt. In „Berlin Alexanderplatz“ dagegen wird diese Seite der Metropole dem Leser fast überhaupt nicht zugänglich gemacht.[7] Alfred Döblins Roman spielt sich vor allem in dem Proletarierviertel Berliner Ostens ab, da der Schriftsteller in diesem Stadtteil aufgewachsen ist und seine Arztpraxis geführt hat:

"Ich kenne den Berliner Osten seit Jahrzehnten, weil ich hier aufgewachsen bin, zur Schule ging, später auch hier meine Praxis begann. (...) Hier sah ich nun einen interessanten und so überaus wahren und noch nicht ausgeschriebenen Schlag von Menschen. Ich habe diesen Menschenschlag zu den verschiedensten Zeiten und in den verschiedensten Lagen beobachten können, und zwar in der Weise, die die einzig wahre ist, nämlich indem man mitlebt, mithandelt, mitleidet."[8]

Alfred Döblin macht es dem Leser bewusst, dass die deutsche Hauptstadt in den 20-er und 30-er Jahren des vorausgegangenen Jahrhunderts nicht nur von Angestellten, Arbeiter und Handwerker bevölkert war, sondern auch von Verarmten, Arbeitslosen und allen anderen, die von der bürgerlichen Welt abgestoßen wurden. Zu den Menschen, die aus den bürgerlichen Bahnen geraten sind, gehört auch der Protagonist des Romans „Berlin Alexanderplatz“, Franz Biberkopf.

4. Alfred Döblin „Berlin Alexanderplatz“

4.1 Der Anfang des Romans

Die Leserschaft lernt den Protagonisten des Romans als einen aus der Strafanstalt Berlin - Tegel entlassenen Häftling kennen, der sich wieder in Berlin einzuleben versucht und ein neues, ehrliches Leben anfangen möchte. Franz Biberkopf ist sich jedoch dessen im klaren, dass er auf eine Konfrontation mit der Metropole nicht vorbereitet ist. Er empfindet sogar seine Entlassung als den eigentlichen Beginn der Strafe:[9]

„Man setzte ihn wieder aus. Drin saßen die anderen, tischlerten, lackierten, sortierten, klebten, hatten noch zwei Jahre, fünf Jahre. Er stand an der Haltestelle. Die Strafe beginnt.“[10]

Die großstädtische Realität erscheint dem Protagonisten bedrohlich und wird schließlich mit ihren Versuchungen und Reizen zu seinem Antagonisten.[11] Der ehemalige Sträfling wird von der Dynamik der Metropole verängstigt und verunsichert:

„Er drehte den Kopf zurück nach der roten Mauer, aber die Elektrische sauste mit ihm auf den Schienen weg, dann stand nur noch sein Kopf in der Richtung des Gefängnisses. Der Wagen machte eine Biegung, Bäume, Häuser traten dazwischen. Lebhafte Straben tauchten auf, die Seestrabe, Leute stiegen ein und aus. In ihm schrie es entsetzt: Achtung, Achtung, es geht los. (...) Er stieg unbeachtet wieder aus dem Wagen, war unter Menschen. (...) Gewimmel, welch Gewimmel.“[12]

Die raschfahrende Straßenbahn und die Hinwendung zu der Mauer des Gefängnisses, betonen zum einen die Geschwindigkeit der „Elektrischen“, zum anderen die Passivität des Protagonisten. Er wendet seinen Blick zu dem vertrauten Ort, dem Gefängnis, aber die Straßenbahn fährt ihn ins Unbekannte und Bedrohliche.[13] Franz Biberkopf fühlt sich nicht nur zu Beginn der Erzählung bei der Entlassung aus dem Gefängnis in der Metropole verloren. Als seine Geliebte ermordet wird, wird die Stadt für ihn wieder zum Bösen, symbolisch dargestellt durch die Hure Babylon:[14]

[...]


[1] Kähler, S. 72

[2] Koopmann, S. 77

[3] Corbineau- Hoffmann, S. 141

[4] Vgl. Corbineau- Hoffmann, S. 141

[5] Vgl. Becker, S.294

[6] Schmidt- Henkel, S. 180.

[7] Vgl. Siepmann, S. 73

[8] „Berlin Alexanderplatz“, S. 412

[9] Vgl. Bekes, S. 47

[10] „Berlin Alexanderplatz“, S. 8

[11] Vgl. Becker, S.314

[12] „Berlin Alexanderplatz“, S. 8

[13] Vgl. Blesi, S. 2-3

[14] Vgl. Muschg, S. 424

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640254118
ISBN (Buch)
9783640254262
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121334
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Germanistik
Note
2
Schlagworte
Großstadtdarstellung Erich Kästners Alfred Döblins Alexanderplatz“ Kästner

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