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Sozialer Wandel von Bildungsinstitutionen

Als Produkt von veränderten Bedeutungszuschreibungen

Seminararbeit 2008 30 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozialer Wandel auf der Makro, Meso und Mikroebene
2.1. Der symbolische Interaktionismus

3. Bildung im sozialen Wandel
3.1. Vorbemerkung
3.2. Die Geschichte der Bildung vom 8 Jahrhundert bis ins Mittelalter
3.2.1. 1. Argumentation – der wachsende Einfluss von Klöstern
3.3. Vom Mittelalter bis zum Buchdruck
3.3.1. 2. Argumentation – eine Erfindung rationalisiert die Wissensvermittlung
3.4. Vom Mittelalter bis zur Aufklärung
3.4.1. Das Gedankengut der Aufklärung
3.4.2. Die Ebenen der Veränderung
3.4.3. Die ersten pädagogischen Diskurse
3.4.4. Wichtige Diskurse während der Helvetik
3.4.5. 3. Argumentation – die Umsetzung des aufklärerischen Gedankengutes
3.5. Von der Bundesverfassung bis zur Bildungsexpansion
3.5.1. Die Industrialisierung und das Aufstreben der Wirtschaft
3.5.2. Die Pädagogische Entwicklung bis 1950
3.5.3. 4. Argumentation – allgemeine Schulbildung in Abhängigkeit von Wohlstand
3.6. Bildungsexpansion ab Mitte des 20 Jahrhunderts
3.6.1. Was sind die Gründe für die Bildungsexpansion
3.6.2. Auswirkungen der Bildungsexpansion
3.6.3. 5. Argumentation – das Aufstreben der Frauen

4. Zukünftiger sozialer Wandel

5. Abschliessende Gedanken

6. Bibliographie
6.1. Bücher
6.2. Internetseiten
6.3. Zeitschriften
6.4. Zeitungsberichte

1. Einleitung

Sozialer Wandel geht immer einher mit gesellschaftlichen, politischen und sozialen Veränderungen. Sozialer Wandel findet laut der formalen Definition in der Soziologie auf drei verschiedenen Ebenen statt. Auf der Makro, Meso und der Mirkoebene.

Im Rahmen dieser Arbeit soll aufgezeigt werden, dass sozialer Wandel nicht als linearer Prozess innerhalb dieser Ebenen stattfindet sondern dass ein wechselseitiger Prozess zwischen den drei Ebenen besteht, welcher erst einen fortwährenden Wandel ermöglicht.

Auf theoretischer Basis möchte ich die wechselseitige Beziehung der drei Ebenen stark auf dem symbolischen Interaktionismus von Blumer begründen.

Die institutionalisierte Bildung scheint mir als geeignetes Beispiel um aufzuzeigen, wie sich sozialer Wandel in der Geschichte vollzieht und von welchen Faktoren der Wandel abhängt. Das Augenmerk soll vor allem darauf gelegt werden, welchen Einfluss die Bildung auf die Entwicklung der Gesellschaft hatte und noch immer hat. Anhand dieser Darstellung soll bewiesen werden, dass die drei Ebenen unmittelbar Zusammenhängen und als lineare Betrachtungsweise undenkbar sind.

Spätestens seit der Bildungsexpansion wird Bildung als eine der wichtigsten Institutionen der Gegenwart betrachtet. Durch Bildung soll die soziale Ungleichheit verringert werden und die Wirtschaft zu Höchstleistungen angekurbelt werden (vgl. Tippelt 1990,1). Zudem gilt die Tatsache, dass Individuen ohne Bildung in der heutigen Gesellschaft kaum mehr selber Überlebensfähig sind, da Ihnen die wichtigste Grundlage für ein eigenes Einkommen fehlt und somit die Selbstbestimmung über ihr Leben entzogen wird.

2. Sozialer Wandel auf der Makro, Meso und Mikroebene

„In der heutigen Soziologie wird sozialer Wandel formaler als Veränderung in der Struktur eines sozialen Systems definiert“ (Weymann 1998,14). Wobei mit „der Struktur eines sozialen Systems“ nicht nur die Mesoebene, also Institutionen gemeint sind. Vielmehr werden alle drei gesellschaftlichen Ebenen, die Mikro, Meso und Makroebene mit einbezogen. Weymann hält fest, dass sozialer Wandel auf allen drei Ebenen beobachtet werden kann. Auf der Makroebene, welche die Sozialstruktur und Kultur umfasst; der Mesoebene der Institutionen, korporativen Akteure und Gemeinschaften und der Mirkroebene der Personen und ihren Lebensläufen (vgl. Weymann 1998,14). Diese Unterteilung der drei Ebenen beschreibt jedoch eine horizontale Veränderung als sozialen Wandel. Demnach wird sozialer Wandel nur innerhalb dieser einen, im Fokus stehenden Ebene, beobachtet. Es wird dabei der Tatsache keine Beachtung geschenkt, dass bei der strukturellen Veränderung der einen Ebene dies auch Auswirkungen auf die zwei weiteren Ebenen hat.

Genau diesen Zusammenhang, dass sozialer Wandel nicht nur horizontal sondern auch vertikal voneinander Abhängig ist, ja sich sogar gegenseitig bedingt, soll in dieser Arbeit gezeigt werden. Dabei wird bis in das 8 Jahrhundert zurückgeblickt um in vier Teilschritten bis zur Gegenwart den wechselseitigen Prozess darzustellen.

Zudem möchte ich für die weitere Arbeit eine formale Vereinfachung der drei Ebenen vornehmen. Ist von der Makroebene die Rede, werde ich in Zukunft nur noch von der Kultur und den damit verbundenen Werten sprechen. Auf der Mesoebene, sollen Institutionen gemeint sein und bei der Mikroebene gehe ich von der einzelnen Person, dem Individuum per se aus.

Die Definition von Bildung soll bewusst offen gelassen werden. Da in jedem geschilderten Zeitabschnitt die Bildung anders definiert und angewendet wird. Auch dies ist ein wichtiges Indiz dafür, dass „Bildung“ ein Produkt von sozialem Wandel ist.

2.1. Der symbolische Interaktionismus

Nachdem ich die drei Ebenen kurz umrissen habe, soll durch den symbolischen Interaktionismus nach Blumer theoretisch begründet werden, dass diese drei Ebenen keinesfalls linear und unabhängig voneinander existieren.

In einem ersten Schritt werden die drei Prämissen von Blumer aufgeführt um die Mikroebene zu begründen. In einem zweiten Schritt soll die Logik von Blumer weitergeführt werden um die Verknüpfung auf die Meso und Makroebene aufzuzeigen.

Blumer geht stark von der Mikroebene aus, in dem er die von Mead eingeführten sozialen Interaktionen zwischen den einzelnen Individuen weiter untersucht.

Blumer setzt in seiner ersten Prämisse voraus, dass der Prozess des Handelns auf der Basis einer Bedeutungszuschreibung beruht. Er stellt fest, dass eine Bedeutung für ein „Ding“ nicht einfach von sich aus besteht, sondern erst durch soziale Interaktion eine Bedeutung für den Handelnden erhält. Er billigt der Bedeutung einen „eigenständige(n) zentrale(n) Stellenwert“ (Blumer 1973,82) zu.

Wir sagen einem Tisch nur Tisch, weil dieser im Laufe einer Sprachentwicklung diesen Namen erhalten hat. Und nicht nur das „Ding“, der Tisch an sich erhält den Namen, sondern mit der Bezeichnung „Tisch“ wird ihm auch eine Bedeutung zugeschrieben. Wir lernen, dass wir auf einen Tisch Dinge abstellen können sowie dass Tische verschiedene Formen und Gestaltungen aufweisen können, doch im Allgemeinen die gleiche Funktionen aufweisen.

Als zweite Prämisse beschreibt Blumer, was er unter „Dingen“ versteht (Blumer 1973,81):

„unter Dingen wird hier alles gefasst, was der Mensch in seiner Welt wahrzunehmen vermag – physische Gegenstände, wie Bäume oder Stühle; andere Menschen, wie eine Mutter oder einen Verkäufer; Kategorien von Menschen, wie Freunde oder Feinde; Institutionen, wie eine Schule oder eine Regierung; Leitideale wie individuelle Unabhängigkeit oder Ehrlichkeit; Handlungen anderer Personen, wie ihre Befehle oder Wünsche; und solche Situationen, wie sie dem Individuum in seinem täglichen Leben begegnen“.

Die Tatsache, dass ein „Ding“ von sich aus keine Bedeutung hat aber in Form von sozialen Interaktionen eine solche zugeschrieben erhält, ist die dritte Prämisse.

Bedeutungen sind nicht fixiert, wie das Beispiel mit dem Tisch vielleicht vermuten lässt. Sie ist nichts statisches, die Bedeutung für ein „Ding“ ist veränderbar und kann für jedes Individuum verschieden sein. Die Bedeutungszuschreibung, welche in der Gesellschaft durch soziale Interaktion geschieht ist als veränderbarer Prozess zu verstehen.

Die Individuen messen einem „Ding“ eine gewisse Bedeutung zu, welche in diesem Moment an diesem Ort als Konvention gilt. Jedoch können sich diese Konventionen räumlich, zeitlich sowie auch zwischen Individuen verändern oder verschieben.

Damit sollte klar sein, dass eine über Zeit oder Raum veränderte Bedeutungszuschreibung ein Ausdruck für den sozialen Wandel ist.

Blumer hat bereits bei seiner Definition der „Dinge“ auf die Meso und Makroebene hingedeutet. Er spricht bereits dort von in Bezugnahme auf Institutionen und von Leitidealen, welcher einer Kultur vorstehen.

Denn jede Art von sozialem Wandel geschieht auf dem Grundsatz der Bedeutungszuschreibung, welche das Individuum macht. Und diese Bedeutungszuschreibung bezieht sich auf alle drei Ebenen, und zwar in einem wechselseitigen Prozess.

3. Bildung im sozialen Wandel

3.1. Vorbemerkung

Die wechselseitige Beziehung der drei Ebenen sollen bei der Mikroebene, der Bedeutungszuschreibungen der Individuen beginnen um danach über die Mesoebene auf die Makroebene zu schliessen. Dieses Vorgehen soll jedoch nicht über die Tatsache hinweg täuschen, dass bereits die Mesoebene wieder einen Einfluss auf die Makroebene, gleichen falls aber auch auf die Mirkoebene und selbst auf der Mesoebene, hat.

In der Aufzeichnung der wechselseitigen Beziehung wird jeweils nur ein einziger Argumentationsstrang, ausgehend von der Mikroebene, berücksichtigt. Sofern es möglich ist, sollen jeweils nur die wichtigsten geschichtlichen Zusammenhänge erwähnt werden, um die Wechselwirkung sichtbar zu machen.

Des Weiteren ist zu sagen, dass die hier dargestellten geschichtlichen Ereignisse und die Verknüpfungen, welche anhand derer gemacht werden, keinesfalls der Vollständigkeit entsprechen. Jeder in der Geschichte etwas bewanderte Mensch wird meinen Aufzeichnungen noch so vieles beizufügen wissen.

Diese Arbeit soll nicht die vollständige Abbildung der Geschichte darstellen oder den sozialen Wandel vollumfänglich beschreiben. Es soll lediglich ein Versuch sein, den sozialen Wandel als Produkt der veränderten Bedeutungszuschreibungen logisch aufzuzeigen, welcher erst durch den wechselseitigen Prozess zwischen den Ebenen möglich ist.

3.2. Die Geschichte der Bildung vom 8 Jahrhundert bis ins Mittelalter

Sieht man den Aufbau der heutigen Schulbildung an, so sind das Lesen, Schreiben und Rechnen die ersten Fertigkeiten, welche in der Schule vermittelt werden. Beherrscht man erstmals die Schrift, das Lesen und das Rechnen kommen, weitere Fächer aus den Naturwissenschaften und der Allgemeinbildung dazu.

Daraus ist ersichtlich, dass eine gemeinsame Sprache und Schrift benötigt wird, um Wissen überhaupt zu vermitteln. Die gemeinsam geteilte Sprache ist somit der Grundstein der Wissensvermittlung (vgl. Stadler,www.hls.ch(1[1]), Schmidt 2007, 1)

Zur Zeit von Karl dem Grossen, im 8 Jahrhundert, findet man die ersten Belege dafür, dass das Septem Artes liberales[2], die sieben freien Künste, vermittelt wurden.

Als Standartsprache hatte sich das Latein durchgesetzt, was innerhalb der wenigen Gelehrten den Wissensaustausch erleichterte. Damals war die literarische Bildung, das lernen von Lesen und Schreiben, auch für adlige Kinder keineswegs eine Selbstverständlichkeit (vgl. Einhard 1995). Es gab daher nur sehr wenige Gelehrte, welche der Schrift mächtig waren.

Durch die Kriegszüge in Europa wuchs das Reich von Karl dem Grossen allmählich zu einer Reichweite an, welche kaum mehr Überblickbar war. Karl der Grosse sowie später sein Sohn und Nachfolger wollten eine Verwaltungspraxis auf schriftlicher Basis gründen, um die Reichsverwaltung besser zu organisieren. Dafür waren jedoch mehr Menschen nötig, welche die Schrift beherrschten. Es mussten folglich mehr Menschen ausgebildet werden können. Karl der Grosse trieb seine Bildungsreform voran und Klöster sowie Bischöfe erhielten den Auftrag, Schulen zu unterhalten. Der Auftrag wurde an die Köster übertragen, da sie damals die einzige Institution waren, welche die Schrift weitervermitteln konnten. Sie unterhielten Schriftstuben, in welchen Predigten und christliche Schriften abgeschrieben und so erhalten und weiterverbreitet werden konnten (vgl. Schmidt 2007,66).

In Folge dieser Bildungsreform wurden am Hof Gelehrte aus ganz Europa zusammengezogen, um begabten Schülern die Möglichkeit zur Bildung zu geben. Die Klosterstandorte wurden bald der Mittelpunkt des Gelehrtenlebens. Durch christliche Missionare wurde die Schriftkultur im Laufe der Zeit in grossen Teilen Europas verbreitet. (vgl. Schmidt 2007,66).

Durch den Lehrauftrag erhielten die Klöster reichhaltige Geschenke vom Kaiser, wodurch sie ihren Einfluss ständig vergrössern konnten.

Diese erste Bildungsreform verfolgte ein unmittelbares Ziel: die organisierte Verwaltung des Reiches.

Ob Karl dem Grossen dieses Reformprojekt gelang, ist leider nicht bekannt. Sicher ist jedoch, dass durch die Vermehrung der Besitztümer die Kirchen an Einfluss und Macht gewannen. Sowie vollzog sich eine allgemeine Verbesserung des Bildungsstandarts des Klerus, was ihnen wiederum eine Überlegenheit gegenüber dem allgemeinen Volk gab.

[...]


[1] Anmerkung zur Zitierweise des Autors: www.hls.ch(1) bezeichnet den ersten Verweis aus der Website www.hls.ch und ist nach dieser fortlaufenden Nummerierung auch in der Bibliographie zu finden.

[2] Die sieben Künste bestanden aus dem Trivium, welches die Fächer Grammatik, Rhetorik und Dialektik beinhaltet und dem Quadrivium mit den Fächern Arithmetik, Musik, Geometrie sowie Astronomie bzw. Astrologie (vgl. Rupprich 1994).

Details

Seiten
30
Jahr
2008
ISBN (Buch)
9783640260843
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121257
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Soziologisches Institut
Note
5.25 (CH)
Schlagworte
Sozialer Wandel Bildungsinstitutionen Bildungswesen Schule Historie der Schule Institutionalisierung

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