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Familie als Pflege- und Betreuungsinstanz alter Menschen

Diplomarbeit 2005 137 Seiten

Soziologie - Alter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Einleitung

Vorgehensweise

1. Demographischer Hintergrund
1.1 Bevölkerungsentwicklung
Abbildung 1: Bevölkerungspyramide
EXKURS: Theoretische Erklärungsansätze zur sinkenden Fertilität
Frühe Wohlstandstheorien des Geburtenrückgangs
Familientheoretische Erklärungsansätze
Theorie der säkularen Nachwuchsbeschränkung von Hans Linde
Mikro- analytische Erklärungsansätze
1.2 Mortalität und Morbidität
Abbildung 2: Überlebenskurve
1.3 Familien und Haushaltsgröße

2. Das Alter
2.1 Versuch einer Altersdefinition
2.2 Quantität vs. Qualität
2.3 Position der Alten in der Gesellschaft
2.3.1 Position der Alten in den letzen 500 Jahren – ein kurzer geschichtlicher Abriss
2.3.2 „Die neuen Alten“
2.4 Wohnverhältnisse

3. Pflege- und Hilfsbedürftigkeit
3.1 Begriffsklärung
3.2 Gesundheitszustand älterer Menschen Demenzerkrankung als ausgewählte alterspezifische Erkrankung
3.3 Unterstützungsbedarf

4.Die Familie
4.1 Definition von Familie
4.2 Familie im Wandel: Ausdifferenzierung und Emotionalisierung
4.2.1 Entwicklung der Familie
4.2.2 Familie und Umwelt
4.2.3 Funktionswandel der Familie
4.2.3.1 Herausbildung von Emotionalität
4.2.3.2 Sozialemotionale Leistungen der Familie
4.2.4 Zusammenfassende Betrachtungen
4.3 Lebensformen im Wandel der modernen Gesellschaft bzw. die Kernfamilie als Normaltypus der Moderne?

5. Pflege und Versorgung alter Menschen
5.1 Geschichtliche Entwicklungen in der Altenpflege
5.2 Verantwortung und Zuständigkeit
5.3 Der Staat als Versorgungsinstanz
5.3.1 Pflegesicherung
5.3.2 Staatsausgaben für die Pflege von alten Menschen
5.3.3 Demographische Alterung als Grund für eine Kostensteigerung im Gesundheitswesen?
5.4 Aktuelles Pflegesystem
5.4.1 Die offene Altenhilfe
5.4.2 Die geschlossene Altenhilfe
5.4.3 Heim vs. Hilfe zu Hause

6. Der Familienverband als Pflege- und Betreuungsinstanz: Probleme, Belastungen, Aussichten
6.1 Erwartungen und Ideologien in der Familienpflege
6.2 Pflegende Angehörige
6.2.1 Pflegevoraussetzungen
6.2.2 Pflegetätigkeiten
6.3 Gründe für die Pflege zu Hause
6.4 Probleme bei der Pflege alter Menschen im Familienverband
6.4.1. Psychische Belastungen
6.4.2 Physische Belastungen
6.4.3 Belastungen durch anfallende Kosten und unzureichende Wohnverhältnisse
6.4.4 Zeitliche Belastungen
6.4.5 Pflegetätigkeit und Beruf
6.4.6 Mangelnde soziale Absicherung
6.4.7 Zusammenfassende Bemerkungen und Forderungen betroffener Personen
6.5 Die Tragfähigkeit der modernen Familie in Bezug auf die chronische Pflegebedürftigkeit eines Mitglieds
6.6 Unterstützungsleistungen für die Pflege in der Familie
6.6.1 Unterstützung durch stationäre und teilstationäre Pflegedienste
6.6.2 Unterstützung durch ambulante Dienste
6.6.3 Interaktionen zwischen pflegenden Angehörigen und professionellen Hilfesystemen
6.7 Selbsthilfegruppen
6.8 Neuorientierung in der Pflege als Herausforderungen für die Zukunft

7. Resümee

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bevölkerungspyramide

Abbildung 2: Überlebenskurve

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Bevölkerungsangaben 1961 – 2001, Prognose (mittlere Variante) 2001 – 2050

Tabelle 2: Zahl der Einpersonenhaushalte der älteren Bevölkerung in Österreich in den Jahren 1995, 2015, 2030 und Steigerungsraten

Tabelle 3: Indikatoren der Haushaltsausstattung bzw. der Wohnbedingungen in Beschäftigtenhaushalten und in Pensionistenhaushalten in Österreich

Tabelle 4: Beispiel für eine Auflistung an ( instrumentellen ) Aktivitäten des täglichen Lebens

Tabelle 5: Abhängigkeit des Pflegegelds vom Pflegeaufwand

Tabelle 6: Chronische Krankheiten nach Altersgruppe und Geschlecht

Tabelle 7: Geschätzte Anzahl von Demenzerkrankungen (alle Demenzkrankheiten, Alzheimer - Demenz, vaskuläre Demenz) in Österreich (a)

Tabelle 8: Pflegegeldbezieherinnen (Bund und Länder) nach Alter, Stand 31. Dezember 2002

Tabelle 9: Einschränkungen bei der Ausübung von Aktivitäten des täglichen Lebens in Prozent

Tabelle 10: Betreuungsbedürftige Personen in Österreich, nach Altersgruppe und Betreuungsbedürftigkeit (1992)

Tabelle 11: Sozialausgaben

Tabelle 12: Gründe gegen die Pflegeübernahme der Mutter/ des Vaters (in Prozent; 18+jährige, Österreich 1998, n=1.000)

Tabelle 13: Verhältnis der Hauptbetreuungsperson zur betreuungsbedürftigen Person, in Prozent

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Familie als Pflege- und Betreuungsinstanz alter Menschen“.

Zum jetzigen Zeitpunkt kümmern sich in unserer Gesellschaft überwiegend Familienangehörige und nahe Verwandte um hilfs- und pflegebedürftige Menschen. Ob diese Relation so bleibt, ist höchst ungewiss.

Die Aktualität der Thematik ergibt sich aus einem eindeutigen demographischen Trend:

Die demographische Alterung wird die Zahl alter Menschen in den kommenden Jahrzehnten weiter stark wachsen lassen, während sich die Zahl der Jüngeren verringert. Nicht unwahrscheinlich ist, dass damit auch die Gruppe jener Personen wachsen wird, welche auf Grund körperlicher oder geistiger Behinderungen auf die Unterstützung anderer angewiesen sind. Gleichzeitig schrumpft die Zahl jener, die Hilfe leisten könnten. Darüber hinaus bewirken sinkende Heiratshäufigkeit, abnehmende Kinderzahlen und steigende Scheidungshäufigkeit eine zunehmende „Singularisierung“ unserer Lebensformen, gesamtgesellschaftliche Individualisierungstendenzen bewirken ein Loslösen von alten Rollenmustern und eine wachsende Freiheit in Hinsicht der Lebensplanung. Damit ist absehbar, dass informelle familiäre Unterstützungsnetzwerke unter nahen Angehörigen „dünner“ werden könnten.

Da der Großteil der Pflegeleistungen immer noch innerhalb des Familienverbandes stattfindet, ist es umso mehr von Bedeutung sich mit der Situation pflegender Angehöriger auseinander zu setzten.

Von besonderer Wichtigkeit ist hierbei für die helfenden Angehörigen Unterstützung zu gewährleisten, um damit die Pflege in der gewohnten Umgebung angemessen und dauerhaft zu ermöglichen. Gesellschaftliche Unterstützungsmaßnahmen sollten die nach wie vor vorhandene Bereitschaft von Familienmitgliedern zur häuslichen Pflege fördern und sie in sofern entlasten, um Überforderungen vorweg einzudämmen.

Vorgehensweise

Die Arbeit gliedert sich in sieben Teile, welche wie folgt aufgebaut sind:

Im ersten Teil wird das Altern der Bevölkerung anhand statistischer Daten sowie unter Berücksichtigung von Entwicklungsprognosen dargestellt. Um ein genaueres Verständnis betreffend der demographischen Entwicklung zu erlangen, wird in der Folge ein Exkurs über die sinkende Fertilität eingeführt. Weiters wird auf die zwei Komponenten Morbidität und Mortalität eingegangen. Am Ende des Kapitels beschäftige ich mich mit Haushaltsstrukturen, um eine genaue Vorstellung darüber zu erlangen, in wie weit Pflege zu Hause durch Wohnumstände begünstigt wird.

Im zweiten Kapitel wird auf das Alter eingegangen. Hier soll auf die Frage der demographischen und sozialen Definition dieser Gruppe, sowie auf ihre Stellung im gesellschaftlichen Gefüge eingegangen werden. Überdies wird ein Blick auf die Wohnverhältnisse alter Menschen geworfen, um herauszufinden, inwiefern diese adäquat für die häusliche Pflege sind.

Im dritten Teil wird versucht Hilfs- und Pflegebedürftigkeit zu definieren, hernach das Problem der Pflegebedürftigkeit alter Menschen quantitativ erfasst und generell auf den Gesundheitszustand älterer Menschen eingegangen, wodurch sich abschätzen lässt, wie viele pflegebedürftige alte Menschen in Österreich leben und wie groß der Unterstützungsbedarf tatsächlich ist.

Das vierte Kapitel widmet sich dem Thema Familie. Nachdem versucht wird eine geeignete Definition von Familie zu finden, wird auf ihre geschichtliche Entwicklung und Veränderung eingegangen. Nachdem der Mythos der „heilen“ vorindustriellen Großfamilie als zweckbezogene Halbwahrheit entlarvt ist, wird der These vom Funktionsverlust der modernen Familie die These der Fähigkeit zur Anpassung an jeweilige gesellschaftliche Bedingungen gegen]übergestellt.

Ohne einer neuen „Familienromantik“ zu verfallen wird grundsätzlich die Tragfähigkeit der modernen Familie in Bezug auf die Bewältigung der chronischen Pflegebedürftigkeit eines Mitglieds bejaht. Dennoch wird die Frage aufgeworfen, ob die normative Sicherung (durch allgemeingültige Wertvorstellungen) intergenerativer Unterstützungsleistungen auch in Zukunft gewährleistet und ob nicht die familiale Hilfeleistung durch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungstendenzen bedroht sei.

Nachdem in den ersten vier Kapiteln der Weg über die Themen „demographische Bevölkerungsstruktur“, „Alter“, „Pflegebedürftigkeit“ und „Familie“ geebnet wird, werden im fünften Kapitel die verschiednen Teilbereiche zusammengefasst. Ausgehend von der geschichtlichen Entwicklung der Altenpflege, wird die Frage nach der grundsätzlichen Verantwortung und Zuständigkeit im Bereich Altenpflege aufgeworfen. Daraufhin soll der Staat als Versorgungsinstanz beschrieben und ein Einblick in das aktuelle Pflegesystem geschaffen werden.

Das sechste Kapitel bildet den zentralen Kern der Arbeit. Hier wird das Thema „Pflege in der Familie“ von verschiedenen Seiten her beleuchtet. Nachdem ich mich mit Erwartungen und Ideologien in der Familienpflege auseinandersetze, werden pflegende Angehörige näher beleuchtet. Von den Gründen und Motiven für die Pflege ausgehend wird über Belastungen und Probleme hinweg ein weiteres Mal die Tragfähigkeit der modernen Familie in Bezug auf den chronischen Unterstützungsbedarf ihrer pflegebedürftigen Mitglieder hinterfragt.

Am Ende des Kapitels wird ein Überblick über bestehende Unterstützungsleistungen für pflegende Angehörige vermittelt, weiters werden wichtige Punkte für Verbesserungen angeführt und ein Anstoß für eine Neuorientierung in der Familienpflege gegeben.

Der letzte Teil der Arbeit umfasst eine Zusammenfassung der zentralen Punkte und eine Anführung zusammenfassender Schlussbetrachtungen.

1. Demographischer Hintergrund

1.1 Bevölkerungsentwicklung

In der Bevölkerungswissenschaft wird zwischen dem Umfang und dem Altersaufbau einer Bevölkerung unterschieden. Wie viele Menschen ein bestimmtes Gebiet zu einem bestimmten Zeitpunkt bewohnen, wird vom Bevölkerungsumfang festgehalten. Wie sich eine Bevölkerung auf die einzelnen Altersgruppen verteilt, wird vom Altersaufbau angegeben. Jede Veränderung in der Größe und Zusammensetzung einer Bevölkerung ist das Resultat der Entwicklung von Fertilität, Mortalität und Migration. Die Fertilität bezieht sich auf die Anzahl der Geburten in einer Bevölkerung, den wichtigsten Indikator für die Mortalität oder auch Sterblichkeit bildet die Lebenserwartung bei der Geburt, die Komponente der Migration ist als einziger Faktor auch kurzfristig beeinflussbar und wirksam.

Um die Basis für ein klares Verständnis der heutigen Bevölkerungsentwicklung zu schaffen, möchte ich im Folgenden kurz auf das Konzept des demographischen Übergangs eingehen. Dieses generalisiert die historisch belegten Übergänge von hoher zu niedriger Sterblichkeit und Fertilität zu einem Modell. Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten und Trends in der demographischen Vielfalt entstand aus parallelen Forschungsarbeiten das „Modell des demographischen Übergangs“, dessen früheste Formulierung auf Landry und Thompson zurückgeht. Notestein vom Office for Population Research der Universität Princeton und Davis sprachen 1945 erstmals von einer „demographic transition“. Dieses Konzept beschreibt Gemeinsamkeiten in der Reihenfolge demographischer Veränderungen, die sich in fast allen Länder der Welt, sowohl im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts wie auch in den Kolonien und Entwicklungsländern des 20. Jahrhunderts beobachten ließen und zum Teil noch beobachten lassen.[1]

Der Übergang zu modernen demographischen Verhältnissen begann jeweils mit einem deutlichen Rückgang der Sterblichkeit. Davor gab es allenfalls starke Schwankungen durch Seuchen, Kriege und Naturkatastrophen. Doch ab einem bestimmten Zeitpunkt sank die jährliche Zahl der Verstorbenen pro 1.000 Einwohner (= rohe Sterberate). Später folgte ein Rückgang der Fruchtbarkeit. Damit reduzierte sich die jährliche Zahl der Geburten pro 1.000 Einwohner (= rohe Geburtenrate). Solange die Sterblichkeit bereits sinkt, die Geburtenraten aber noch hoch sind, wächst die Bevölkerung.

Der demographische Übergang wird durch sechs Phasen beschrieben:

1. „Prätransformative Phase“ (Phase der Vorbereitung): In der vorindustriellen Gesellschaft waren Geburten- und Sterberaten hoch. Die Sterblichkeit schwankte stark, mitunter von einem Jahr zum nächsten. Die durchschnittliche Lebenserwartung war gering. Die Bevölkerung wuchs – wenn überhaupt – nur sehr langsam.
2. „Frühtransformative Phase“ (Phase der Einleitung): Mit Einsetzen der gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse sankt zuerst die Sterblichkeit. Die Lebenserwartung begann zu steigen. Da die durchschnittlichen Kinderzahlen anfänglich hoch blieben, Begann die Bevölkerung beträchtlich zu wachsen.
3. „Mitteltransforamtive Phase“ (Phase des Umschwungs): Mit der Zeit reagierten die Familien auf die veränderten Lebensbedingungen und die sinkende Säuglings- und Kindersterblichkeit mit einer Beschränkung ihrer Kinderzahl. Die Geburtenrate begann zu sinken. Das Bevölkerungswachstum ging wieder zurück.
4. „Spättransformative Phase“ (Phase des Einlenkens): Geburten- und Sterberaten pendeln sich in etlichen Ländern inzwischen auf niedrigem Niveau ein. Notstein et. al. hatte bei der Formulierung und Weiterentwicklung des Konzepts des demographischen Übergangs am Ende des Übergangsprozesses wieder ein demographisches Gleichgewicht zwischen Fruchtbarkeit und Sterblichkeit vor Augen. Dieses hätte in der vierten Phase wieder erreicht werden sollen.
5. „Posttransformative Phase“ (Phase des Ausklingens): Diese Phase ist durch sehr niedrige Geburten- und Sterberaten gekennzeichnet. Die Menschen haben durchschnittliche eine sehr hohe Lebenserwartung und der Bevölkerungsanteil der über 60-jährigen ist sehr hoch.
6. „Neue Posttransformative Phase“ (Phase des zweiten demographischen Übergangs):Aufgrund des veränderten Altersaufbaues ist diese Phase durch extrem niedrige Geburtenraten charakterisiert. Laut dem Modell sollen die Sterberaten wieder leicht ansteigen und das Bevölkerungswachstum stagnieren bzw. leicht abnehmen. Weiters ist die Lebenserartung sehr hoch und der Anteil an alten Menschen extrem hoch.[2]

Die Erfahrungen der letzten 50 Jahre in Europa und anderen Industriestaaten zeigen, dass der demographische Übergang nicht auf ein Gleichgewicht zwischen Geburten und Sterbefällen zusteuert. In einer Reihe von Ländern sank die rohe Geburtenrate bereits unter das Niveau der rohen Sterberate. In anderen Industrieländern steht diese Entwicklung noch bevor. Ursache ist die anhaltend niedrige Fertilität. Für eine Trendwende gibt es keine Anhaltspunkte. Tatsächlich sind die durchschnittlichen Kinderzahlen pro Familie in den meisten Industriestaaten und in einigen Entwicklungsländern inzwischen so niedrig, dass dort die einheimischen Bevölkerungen längerfristig schrumpfen werden. Aufgrund der beobachteten Trends sprechen verschiedene Autoren von einem „zweiten demographischen Übergang“. Der zweite demographische Übergang ist dadurch charakterisiert, dass immer weniger Kinder geboren werden und die Familie immer „kleiner“ wird.

Wissenschaftsgeschichtlich kann das Konzept des demographischen Übergangs als Bemühung um Komplexitätserfassung gesehen werden. Die Kernaussagen des Transformationsmodells können zwar in wenigen Sätzen dargelegt, nicht aber auch begründet werden. Streng genommen handelt es sich somit nicht um eine Theorie, weil der zu erklärende Sachverhalt theoretisch nicht fundiert wird, sondern um eine generalisierende Beschreibung eines historischen Vorgangs, deren heuristischer Wert für Klassifizierung und Typologisierung von Bevölkerungsvorgängen jedoch unbestritten ist.[3]

Vom theoretischen Modell ausgehend soll im Kommenden die derzeitige Bevölkerungsstruktur näher beleuchtet werden, um die Bevölkerungsentwicklung klar erfassen zu können.

Nach dem Mikrozensus des Jahres 2001 hat Österreich mittlerweile um die 8 Millionen Einwohner. Die Zahl der Einwohner wird nach Prognosen bis zum Jahr 2030 weiterhin ansteigen und danach, sollte es nicht zu massiven Zuwanderungen kommen, wieder sinken.

Eine Analyse der Bevölkerungsentwicklung zeigt eine sich verändernde Altersstruktur der österreichischen Bevölkerung. Trotz der Schwächen und Grenzen von langfristigen Prognosen, die auf geschätzten Parametern wie Fruchtbarkeitsentwicklung, Sterblichkeitsrate und Wanderungsbewegungen beruhen, stimmen alle Studien darin überein, dass sich der Anteil alter Menschen weiterhin erhöhen wird. So befindet sich die österreichische Bevölkerung ähnlich anderer europäischer Länder in einem Prozess demografischer Alterung. Dieser Prozess lässt sich durch die massive Zunahme des Anteils älterer Menschen charakterisieren. Der größerer Anteil alter Menschen wird durch einen rapiden Rückgang der Geburtenraten sowie einen Rückgang der Sterblichkeit, also einen Anstieg der Lebenserwartung (Durchschnittliche Lebenserwartung für Männer in Österreich 76 Jahre; durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen in Österreich 82 Jahre) verursacht. In erster Linie ausschlaggebend ist dafür die sinkende durchschnittliche Kinderzahl pro Frau (derzeitige durchschnittliche Kinderzahl pro Frau von 1,4 in Österreich; zum Vergleich um 1900: 4,1). Die steigende Lebenserwartung trägt erst dann zur demographischen Alterung bei, wenn die Sterberaten im mittleren und höheren Erwachsenenalter nachhaltig zurückgehen.

Durch das Ansteigen des Anteils älterer Menschen leben wir in einer „ergrauenden Welt“. Die Bevölkerungszusammensetzung hat sich in den letzten hundert Jahren immer mehr verschoben. „Einen anschaulichen grafischen Niederschlag findet die Bevölkerungsentwicklung in der so genannten Bevölkerungspyramide. In dieser werden für einen bestimmten Zeitpunkt die prozentuellen oder absoluten Anteile eines Geburtenjahrganges and der Gesamtbevölkerung entlang der x- Achse aufgetragen, wobei Männer links, die Frauen rechts dargestellt werden. Die y- Achse bildet sich durch das Aufeinanderstapeln der einzelnen Geburtenjahrgänge. Abbildung 1 zeigt anschaulich, welche Aussagekraft sich in einer derartigen Darstellungsweise verbirgt. So lassen sich zum Beispiel gerade die großen Ereignisse des letzten Jahrhunderts eindeutig ablesen. An der Spitze der Pyramide erkennt man einen deutlichen Frauenüberschuss, der zu einem großen Teil auf die vielen gefallenen Männer im 2. Weltkrieg zurückzuführen ist. Auch die drastischen Geburtenrückgänge während der politischen und wirtschaftlichen Krisen in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts sind ablesbar, erkennbar durch die markanten Einschnitte in der Pyramide. Ebenso auffällig sind die Ausbuchtungen in der unteren Hälfte der Grafik, die den Baby- Boom der 60er- Jahre widerspiegeln. Betrachtet man die Basis der Pyramide, so fällt auf, dass hier eine ständige Verschmälerung stattfindet, welche die rückläufigen Geburtenzahlen repräsentiert. Im zeitlichen Verlauf wandern solche Einschnitte und Ausbuchtungen immer weiter nach oben, so das ersichtlich wird, dass auch für die nächsten Jahrzehnte die Alterung der Bevölkerung ihre Fortsetzung finden wird: Während die Einschnitte mit der Zeit weg fallen, wandern die Ausbuchtungen immer mehr nach oben. Das heißt, anstelle der geburtenschwachen Jahrgänge treten die geburtenstarken an die Spitze der Pyramide, wodurch der Altenanteil an der Gesamtbevölkerung naturgemäß steigt. Das Phänomen der doppelten Alterung, also der Alterung von der Spitze her, lässt sich hier nicht darstellen, würde aber bei einem Vergleich mit einer weiter zurückliegenden Pyramide ersichtlich: Die aktuelle Pyramide würde deutlich höher sein und an der Spitze auch deutlich mehr Personen aufweisen.“[4]

Abbildung 1: Bevölkerungspyramide

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistik Austria, Demographisches Jahrbuch 2003

Momentan gibt es 1,2 Millionen Menschen in Österreich, die über 65 Jahre sind. Prognosen sagen voraus, dass sich diese Zahl bis zum Jahr 2031 fast verdoppeln wird und somit auf 2,1 Millionen steigen wird. Der Anteil von Menschen über 65 an der Gesamtbevölkerung wird sich somit von ca. 16 Prozent auf 25,1 Prozent steigern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Bevölkerungsangaben 1961 – 2001, Prognose (mittlere Variante) 2001 – 2050

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistik Austria, Demographisches Jahrbuch 2003

Auf Grund des Trends in Richtung „doppelte demographische Alterung“ (das überproportionale Ansteigen der Zahl von sehr alten Menschen, durch Geburtenrückgang einerseits und Ansteigen der Lebenserwartung andererseits, ist ein Charakteristikum der demographischen Entwicklung) wird ein Großteil der Bevölkerung ein wirklich hohes Alter erreichen. Die Zunahme der Hochaltrigkeit als gesellschaftliches Phänomen hat sich sehr rasch vollzogen. So stieg beispielsweise die Zahl der über 60-Jährigen in Österreich zwischen den Jahren 1869 und 1995 auf das Vierfache, jene der über 65-Jährigen auf das Fünffache des Ausgangsniveaus. Die Zahl der über 75-Jährigen hatte sich im Vergleich dazu verzehnfacht. Und jene der über 80- jährigen ist heute schon rund zwanzigmal so groß wie im letzten Drittel des 19. Jahrhundert. Das Phänomen der „doppelten demographischen Alterung“ stellt auch eines der zentralen Merkmale der zukünftigen Bevölkerungsentwicklung Österreichs dar.[5]

Aus demographischer Sicht beruht dieses „doppelte Altern“ unter den über 60-Jährigen, also die überproportional starke Zunahme der Zahl Hochaltriger, zum Teil auf den so zu erwartenden weiteren Rückgang der Sterblichkeit im hohen Alter. Doch in der Hauptsache ist dies ein Effekt des „Alterns“ der beiden Boom- Generationen von 1939/43 bzw. 1960/64. In Summe führt beides dazu, dass sich die demographische Binnendifferenzierung der Gruppe der älteren Menschen in den kommenden Jahrzehnten deutlich verändern wird.[6]

Die Zahl der Menschen, die 85 Jahre und älter sind, wird von derzeitigen 140.000 (2001) bis zum Jahr 2031 auf an die 300.000 ansteigen. Prognosen zufolge soll sich die Zahl bis zum Jahr 2050 nahezu vervierfachen (ca. 500.000; mittlere Variante!).

Noch deutlicher wird der zukünftige demographische Bedeutungsgewinn des hohen Alters bzw. die demographische Binnendifferenzierung der Altersphase sichtbar, wenn man die zahlenmäßige Entwicklung anderer Lebensphasen zum Vergleich heranzieht[7], weil nicht allein die Zahl der älteren Menschen bedeutsam ist, sondern vielmehr das relative Verhältnis verschiedener Altersgruppen zueinander. Eine steigende Zahl von alten Menschen wirft dann Probleme auf, wenn gleichzeitig die Zahl der beitragspflichtigen Erwerbstätigen sinkt.

Aufgrund solcher Überlegungen werden häufig so genannte demographische Belastungsquoten (oder Lastenquoten) berechnet. Diese Indikatoren messen das Verhältnis zwischen der potentiellen Erwerbsbevölkerung und wirtschaftlich abhängigen Personen. Folgende demographische Belastungsquoten werden üblicherweise verwendet:

- Jugendlastquote (Zahl der unter 15-jährigen je 100 15- 59jährige, in %) in Österreich: 27,1%
- Alterslastquote (Zahl der über 60-jährigen je 100 15- 59jährige, in %) in Österreich: 33,9%
- Gesamtlastquote (Summe aus Jugend- und Alterslastquote, in %) in Österreich: 61,1%[8]

In Österreich wird die Zahl der Kinder und Jugendlichen unter 19 Jahren in den kommenden zehn Jahren sinken. Insgesamt beträgt der Rückgang bis zum Jahr 2050 ca. 25%. Gleiches gilt für die Postadoleszenz und das junge Erwachsenenalter (19 bis 34 Jahre). Das höhere Erwachsenenalter (35 bis 54 Jahre) gewinnt demographisch zunächst an Bedeutung, doch schon nach 2010 wird die Zahl der Personen in dieser Altersgruppe sukzessive kleiner werden. Die Zahl der Personen im späten Erwerbs- und frühen Ruhestandsalter (55 bis 69 Jahre) wird bis 2025 um 50% steigen, nach 2025 aber wieder sinken. Weiter stark zunehmen wird dagegen die Zahl der Menschen im höheren Alter (70 bis 84 Jahre), insbesondere aber im hohen Alter (85+ Jahre).[9]

Bezogen auf die Geschlechterverteilung wird die Zahl der alten Menschen derzeit stark vom Frauenanteil dominiert. Auf je 100 Frauen über 65 Jahren fallen derzeit 61 Männer derselben Altersklasse. Für Menschen über 85 ist das Geschlechterverhältnis 100 Frauen zu 34 Männern. Hauptgrund für dieses disproportionale Verhältnis ist die kürzere Lebenserwartung von Männern (Männer: 76 Jahre; Frauen 82 Jahre). Ein anderer, wenn auch bald irrelevanter, Grund ist die große Anzahl von Männern, die im Krieg gefallen sind. Der große Anteil von Frauen im hohen Alter hat in Österreich seinen Höhepunkt bereits überschritten. Für die Zukunft wird ein ausgeglicheneres Verhältnis vorausgesagt und somit die Altersphase aus demographischer Sicht heterogener. Die Zahl älterer Männer wird Prognosen zufolge in den kommenden Jahrzehnten deutlich stärker steigen als die Zahl der älteren Frauen. (Annahme kleiner werdender Unterschiede in der Lebenserwartung) So werden 2025 auf 100 Frauen über 60 Jahren bereits 85 Männer kommen.[10]

EXKURS: Theoretische Erklärungsansätze zur sinkenden Fertilität

Die Gründe für die geringen Geburtenzahlen und damit das „Altern eines Volkes“ sind derart vielseitig, dass man mit finanziellen Maßnahmen allein gewiss nicht dagegen angehen kann. Festzuhalten ist, dass Kinder in der heutigen entwickelten Welt ihren instrumentellen Charakter verloren haben, sie vermitteln nicht mehr das Bild von Haus- und Hofarbeitern, und ebenso wenig das Bild von der Sicherung im Alter. Im Ländervergleich wird bemerkbar, dass mit einer höheren Entwicklung geringe Geburtenzahlen einhergehen, sprich je größer der Freiheitsspielraum des einzelnen in Bezug auf Beruf, Privatleben und Freizeitgestaltung ist, umso weniger kommt es zu einem Festlegen im Sinne von Kinderplanung. Schlagwörter wie Flexibilität und Mobilität lassen sich mit einem „Ja“ zu Kindern immer schwieriger vereinbaren, eben weil ein Kind Verzicht auf Freiheitsraum bedeutet.[11]

Da sich die Bedingungskonstellationen des generativen Verhaltens je nach Kontextbedingungen, Geburtenjahrgängen und Zeitperioden ändern, lässt sich kein einheitliches theoretisches Modell für den Rückgang der Fertilität in der Literatur finden.

Ich möchte im Rahmen dieser Arbeit vier verschiedene Zugänge zur Theorienfindung vorstellen: Erklärungsansätze früher Wohlstandstheorien, Familientheoretische Ansätze, die Theorie der säkularen Nachwuchsbeschränkung von Hans Linde und Mikro- analytische Erklärungsansätze.

Frühe Wohlstandstheorien des Geburtenrückgangs

Der Geburtenrückgang im Rahmen des demographischen Übergangs führte rasch zu Versuchen, Erklärungen des Fertilitätsverhaltens und vor allem der langfristigen Geburtenentwicklung zu finden.[12]

Ausgegangen wurde von einer hohen Geburtenrate, die sich durch die zu erklärenden Faktoren zu einer rückläufigen Geburtenhäufigkeit entwickelte.

Da sich in der ersten Phase des demographischen Übergangs große Unterschiede zwischen Regionen und sozialen Schichten feststellen ließen, richteten sich erste Erklärungsansätze auf die differentielle Fertilität. Feststellbar war, dass Gruppen mit höherem ökonomischen Status den Geburtenrückgang anführten, so wurde eine kausale Beziehung zwischen dem sozio- ökonomischen Statuts und der Geburtenzahl aufgestellt. Es entstanden die „frühen Wohlstandstheorien“, welche davon ausgingen, dass der Geburtenrückgang mit einem Steigen des ökonomischen Wohlstandes in Verbindung zu bringen war.

Je nach verschiedenen Wohlstandstheorien wurde entweder die verschärfte Konkurrenz der Genüsse bzw. eine verstärkte Konsumorientierung oder der Wunsch nach sozialer Mobilität (Aufstiegsstreben) betont.[13] Vertretern dieses Denkansatzes war klar, dass Wohlstand nur in mittelbarem Zusammenhang zur Fruchtbarkeit stehen kann und erst durch intervenierende Faktoren (rationale Kosten- Nutzen Entscheidungen, veränderte Wünsche) zu einem Geburtenrückgang führen kann.

Ausgehend von Frankreich fanden Wohlstandstheorien zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch im deutschen Sprachgebiet rasche Verbreitung. Vertreter waren beispielsweise Brentano (1909) und Mombert (1929).

Kritisieren kann man die frühen Wohlstandstheorien vor allem auf Grund ihres geringen Bezugs auf gewandelte Familienstrukturen und der veränderten Stellung von Nachkommen.

Familientheoretische Erklärungsansätze

Heute besteht ein breiter Konsens darüber, dass der langfristige Geburtenrückgang mit Veränderungen der Familienstrukturen und –funktionen zusammenhängt. Als entscheidend wird insbesondere der Wandel von Kosten und Nutzen von Kindern angesehen. Vor allem zwei Autoren – der Australier John C. Caldwell (1978, 1982) und der Deutsche Hans Linde (1984) – haben die familientheoretischen Aspekte in umfassende Theorien des säkularen Fertilitätsrückgangs integriert.[14]

Die „Wealth- Flow- Theory“ des Geburtenrückgangs von John C. Caldwell basiert auf dem ökonomischen und emotionalen „Reichtumstransfer“ zwischen den Generationen. Die Theorie geht davon aus, dass langfristig nur zwei stabile Formen des Geburtenniveaus existieren:

Eine Situation, in der es aufgrund der vorherrschenden familialen Strukturen und Generationsbeziehungen für Eltern rational ist, viele Kinder zu haben. Dies ist vor allem der Fall, wenn Familien – eingebettet in ein umfassendes Verwandtschaftssystem – zentrale wirtschaftliche Produktions- und Sicherungsgemeinschaften darstellen, wie dies in agrarischen oder frühindustriellen Gesellschaften zu beobachten ist. Erstens sind Kinder schon früh wertvolle Arbeitskräfte, auf dem Land oder für die Heimproduktion. Zweitens garantieren nur viele Nachkommen das oft prekäre Überleben der Familie. Drittens garantieren viele überlebende Kinder in einer Gesellschaft, in der es keine soziale Wohlfahrt gibt, die Altersversorgung der Eltern.[15] So also der „Reichtumstransfer“ von den Kindern zu den Eltern verläuft, ändert sich das generative Verhalten tendenziell nicht.

In der zweiten Situation wird es für die Eltern unökonomisch viele Kinder zu bekommen, weil Kinder direkt und langfristig hohe wirtschaftliche Kosten bereiten. Kinder wurden im Zuge der industriellen Entwicklung als Arbeitskräfte immer unbrauchbarer und auch im Agrarbereich verlor mit der mechanisierten Landwirtschaft die Kinderarbeit an Bedeutung. Demgegenüber stiegen die Kosten von Nachkommen kontinuierlich an. Bedenkt man nur die Einführung der Schulpflicht, so verstärkte diese den Druck auf ökonomisch schwächer gestellte Familien sich kostspieligen Erziehungsidealen anzupassen.

Der Wandel gesellschaftlicher Strukturen im Zuge des Industrialisierungsprozesses hat somit eine Umkehr des Reichtumsflusses und damit eine Verminderung des Fertilitätsniveaus bewirkt.[16]

Theorie der säkularen Nachwuchsbeschränkung von Hans Linde

Auch Linde begreift das generative Verhalten - und namentlich die in allen industrialisierten Gesellschaften beobachtete Nachwuchsbeschränkung – als eine Dimension des familialen Strukturwandels im Zuge der Industrialisierung Europas. Im Zentrum der Theorie von Hans Linde stehen die Veränderungen der sozio- ökonomischen Rahmenbedingungen, die über innerfamiliale Nutzen- Kosten- Kalküle zu einer Verminderung des familialen Stellenwertes von Kindern führen.[17]

Vor allem drei historische Entwicklungen macht Linde für den Rückgang der durchschnittlichen Kinderzahl verantwortlich:

- Die Ausgliederung der Produktion und der Erwerbstätigkeit aus dem Familienverband
- Der Ausbau der sozialen Sicherungssysteme (welche die persönliche Versorgung und Altersvorsorge von familialen Verhältnissen entkoppelte)
- Die Verstärkung individueller Konsumoptionen (Kinder bedeuten nicht nur direkte Kosten, sondern schränken auch die Wahlmöglichkeiten der Eltern ein –

„Opportunitätskosten von Kindern“)

Linde betont in seinen Ausführungen das komplexe Zusammenspiel aller drei Faktoren im geschichtlichen Abriss. So wird ein Muster geringer Geburtenhäufigkeit durch die Abwertung von Kindern als Arbeitskräfte bzw. als Element der Altersversorgung in Kombination mit höheren Opportunitätskosten von Kindern stabilisiert.

Eine wesentliche Begleiterscheinung wirtschaftlicher Industrialisierung und sozialer Modernisierung ist die zunehmende Demokratisierung der Lebenschancen und die wachsende Verbreitung der Möglichkeit, unterschiedliche individuelle Lebenspläne realisieren zu können. Die zentralen makrosoziologischen Erklärungsfaktoren des säkularen Geburtenrückgangs ergeben sich so aus Entwicklungen des industriellen Prozesses, die unmittelbar im Zusammenhang mit der Erweiterung der individuellen Handlungs- und Selektionsspielräume stehen. Die Wahlmöglichkeiten steigen mit zunehmendem Wohlstand, sodass die Entscheidung für bzw. gegen ein Kind im Widerstreit unterschiedlicher Ansprüche steht. Kinder bedeuten Kosten und schränken gleichzeitig die Wahlmöglichkeiten ein. Während der gesellschaftliche Nutzen von Kindern sozialisiert wird, werden so die Kosten weitgehend privatisiert.[18]

Mikro- analytische Erklärungsansätze

Ein erster radikaler mikro- ökonomischer Erklärungsansatz der Fertilität wurde 1960 von Gary S. Becker – einem amerikanischen Soziologen der Chicagoer Schule – formuliert: Nach seinem Ansatz kann die Entscheidung für oder gegen ein Kind dem Entscheidungsprozess bei Konsumgütern gleichgesetzt werden, und analog anderen Konsumentscheidungen wird auch bei generativen Entscheidungen eine Nutzenmaximierung angestrebt.

Eine andere Theorie kommt aus der Psychologie. Namentlich der „Value- of- Children“- Ansatz geht davon aus, dass die Vor- und Nachteile von Kindern im interkulturellen Vergleich erfassbar sind. Der Ansatz, der familiäre Werthaltungen als zentrale Verhaltensdeterminante betrachtet, basiert im Wesentlichen auf drei Grundannahmen[19]:

1. der wahrgenommene Wert von Kindern ist sowohl mit den sozioökonomischen und soziokulturellen Merkmalen einer Gesellschaft als auch mit der sozioökonomischen Lage junger Paare verknüpft. Die antizipierten Vor- und Nachteile von Kindern variieren damit entsprechend der gesellschaftlichen Entwicklung und innerhalb einer gegebenen Gesellschaft zwischen verschiednen Bevölkerungsgruppen.
2. Die Wahrnehmung und Gegenüberstellung von Nutzen und Kosten der Kinder wird durch allgemeine Lebensvorstellungen und –pläne sowie durch die familiäre Situation beeinflusst.
3. Das generative Verhalten, die Entscheidung für oder gegen ein Kind bzw. für eine bestimmte Familiengröße, wird schließlich durch die Abwägung der Vor- und Nachteile von Kindern bestimmt. Paare, die einen größeren Nutzen wahrnehmen, tendieren dazu, mehr Kinder zu haben als Paare, die vor allem Kosten perzipieren.

Annhand des „Value- of- Children“- Ansatzes wurde der mehrdimensionale und kulturabhängige „Wert“ von Kindern herausgearbeitet. Es wurden neun Kategorien bestimmt, denen der positive Wert von Kindern zugeordnet wurde:[20]

1. Werte, die sich auf den Status als Erwachsener und auf die soziale Identität von Mann und Frau beziehen
2. Werte, die im Zusammenhang mit dem Fortleben „durch“ die eigenen Kinder stehen
3. Werte, welche auf die instrumentelle Bedeutung von Nachkommen zur Gewinnung von Einfluss in der Familie abzielen
4. Religiös und kulturell bedingte Werte
5. Werte, die mit dem innerfamiliären Zusammenhalt korrespondieren
6. Werte, die Kinder mit neuen Lebenserfahrungen in Verbindung bringen
7. Reproduktive und prokreative Werte ( z.B. Vaterschaft als Ausdruck der Potenzstärke)
8. Werte, die sich an Nachkommen als Mittel im sozialen Wettbewerb orientieren
9. Werte, die sich am wirtschaftlichen Nutzen von Kindern ausrichten

Vor allem die letzten drei Werte - als Funktionsverlust der Nachkommen – werden als entscheidende Determinanten des säkularen Geburtenrückgangs in den Industrieländern wahrgenommen.

1.2 Mortalität und Morbidität

Setzt man sich mit der Struktur und Entwicklung einer Bevölkerung auseinander, scheint es unumgänglich, die Themenkomplexe Mortalität uns Morbidität genauer zu beleuchten.

Unter Mortalität versteht man ein Todesrisiko, Morbidität bezeichnet die Erkrankungshäufigkeit von Menschen.

Generell kann man sagen, dass sich Lebenserwartung, Lebensbedingungen und durchschnittlicher Gesundheitszustand der Bevölkerung in den vergangenen Jahren deutlich verbessert haben.

Ein statistisch wahrscheinliches Todesrisiko wurde, in den letzten Jahrzehnten immer mehr in die letzten Lebensjahre verdrängt. Am Ende des 19. Jahrhunderts stellte sich in Österreich jener fundamentale Wandel im Bereich der Sterblichkeit ein, der von der Demographie als „epidemiologischer Übergang“ bezeichnet wird. Die Mortalitätsverhältnisse haben sich dabei in dreierlei Hinsicht verändern: Das Sterbealter stieg an, es kam zu einem Wandel des Todesursachenspektrums und die Lebenserwartung erhöhte sich kontinuierlich. Graphisch versanschaulichen lässt sich dieser Trend zur „sicheren“ Lebenszeit mit Hilfe der so genannten Überlebenskurve.

Abbildung 2: Überlebenskurve

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistik Austria, Statistisches Jahrbuch 2003

Da die Überlebenskurve in den letzten Jahrzehnten immer mehr die Form einer Ecke annahm, wird in Bezug auf die demographische Entwicklung von einer „Rektangualisierung“ gesprochen. Unter derzeitigen Sterblichkeitsbedingungen würden bereits 86% der Männer zumindest 60 Jahre alt, bei Frauen liegt der Wert mit 93% noch höher. Statistisch gesehen sind somit die Chancen gestiegen nicht vor einem gewissen Alter zu sterben.

Der folgenden Abschnitt soll einem qualitativen Aspekt des Altwerdens in der heutigen Zeit gewidmet sein: das Thema der Morbidität, sprich der Erkrankungshäufigkeit. Bei einer weiter zu erwartenden Zunahme der Lebenszeit kommt der Morbiditätsentwicklung besondere Relevanz zu.[21] Ich möchte mich der Frage widmen, in welchem Maße eine höhere Lebenserwartung auch mit einer Verlängerung der „gesunden“ Lebensjahre einhergeht. Neue

Konzepte versuchen mit Hilfe von Mortalitätsstatistiken und Angaben zur gesundheitlichen Lage der Bevölkerung eine „behinderungsfreie Lebenserwartung“ zu erfassen. So soll herausgefunden werden, ob die Zunahme der Lebenserwartung auch mit einer Zunahme der gesunden Lebensjahre einhergeht, oder ob eine längere Lebenserwartung mit massiven körperlichen und geistigen Einbrüchen verbunden werden kann.

Optimistische Einschätzungen (wie die„Kompressionsthese“) gehen davon aus, dass eine höhere Lebenserwartung mit einem zeitlichen Hinausschieben der Krankheitsphase auf spätere Lebensjahre einhergeht. Gerechnet wird damit, dass eine Verkürzung der Krankheitsphase vor dem Tod stattfindet. Eher pessimistische Einschätzungen (beispielsweise die „Medikalisierungsthese“) gehen dagegen davon aus, dass die altersspezifische Krankheitshäufigkeit ansteigt. Aufgrund des medizinischen Fortschritts werden früher lebensbedrohende Krankheiten zu chronischen Krankheiten. Diese kosten zwar nicht mehr das Leben, bedürfen aber einer ständigen Behandlung. Immer mehr Menschen erreichen zwar ein hohes Alter, dieses ist jedoch auch von langwierigen Krankheiten und chronischen Beeinträchtigungen begleitet. Die letzten Lebensjahre sind deshalb vielfach von Multimorbidität, funktionalen Einschränkungen sowie einer erheblichen und vielfach verlängerten Pflegebedürftigkeit geprägt. Eine Verknüpfung beider Einschätzungen (wie es das „Konzept der Bi-Modalität“ darstellt) unterstellt, dass sich der Gesundheitszustand der nachkommenden Generationen langfristig verbessert, gleichzeitig aber auch der Anteil gesundheitlich beeinträchtigter und pflegebedürftiger älterer Menschen zunehmen wird.

Obwohl die methodischen Unterschiede in Messung und Erfassung von Krankheiten und Behinderungen einen Vergleich zwischen Ländern und verschiedenen Kohorten erschweren, wird insgesamt durch Untersuchungen klar, dass Männer und Frauen in westlichen Industrieländern nicht nur lange leben, sondern auch verhältnismäßig lange gesund leben. So werden zwischen 80% und 90% der Lebenszeit von Menschen in entwickelten Ländern behinderungsfrei bzw. ohne Pflegebedürftigkeit verbracht.[22] Damit kann dem allgemeinen Vorurteil, dass durch die älter werdende Gesellschaft und im Besonderen durch die starke Zunahme Hochaltriger auch immer mehr Pflegefälle zu Lasten der Erwerbstätigen Generation fallen zumindest zum Teil widersprochen werden. „Es kann von keinem Automatismus zwischen Hochaltrigkeit und zunehmender Pflegebedürftigkeit gesprochen werden.“[23] Altern kann mehr als individuelles Schicksal angesehen werden, das in seiner Qualität von vielen sozialen, schichtspezifischen, psychologischen und wirtschaftlichen Faktoren beeinflusst wird.

Obwohl Krankheit bzw. Pflegebedürftigkeit und Alter nicht zwangsläufig korrelieren, bleibt die Tatsache unbestritten, dass mit steigendem Alter die zu diagnostizierenden und zu behandelnden Krankheiten zunehmen und das Risiko zur Pflegebedürftigkeit bei den Hochbetagten massiv steigt. Das empirische Wissen über das „vierte Lebensalter“, also die Phase der Multimorbidität (gleichzeitiges Vorhandensein mehrerer signifikanter Erkrankungen, die behandlungsbedürftig sind) und Pflegebedürftigkeit, ist bis heute relativ gering. Festzuhalten ist, dass nach gängigen Studien die Häufigkeit von schweren funktionalen Beeinträchtigungen und von Demenzerkrankungen mit dem Lebensalter nicht linear, sondern exponentiell ansteigt. Sind es in der Lebensspanne zwischen 65 und 69 Jahren 9% der Bevölkerung in Österreich, die 7 oder mehr körperliche Beeinträchtigungen aufweisen, so sind es bei den über 80- jährigen schon über 30%. Der Anteil derjenigen Personen, die nicht mehr in der Lage sind ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten und auf fremde Hilfe angewiesen sind, wächst mit zunehmendem Alter ebenfalls, genauso wie die Prävalenz gleichzeitig nebeneinander bestehender ruhender Leiden und aktiver Krankheiten.[24]

„Multimorbidität beim alternden Menschen ist dadurch erklärbar, dass von der Abnahme der funktionellen Reservekapazität nicht nur ein einzelnes Organ oder Organsystem, sondern in der Regel mehrere Organe betroffen sind.“[25]

1.3 Familien und Haushaltsgröße

Beschäftigt man sich mit dem Thema der Betreuungsbedürftigkeit von alten Menschen, muss man Familien- und Haushaltsstrukturen als wesentliche Rahmenbedingungen für den Bedarf an Diensten und Einrichtungen, und somit den Unterstützungsbedarf, genauer betrachten.

Zunächst sind der Familienstand und die Familiengröße von Bedeutung, denn die familiäre Hilfe steht in engem Zusammenhang mit den Haushaltsstrukturen. Tatsache ist, dass das familiäre Hilfenetz häufiger und intensiver in Anspruch genommen wird, wenn die betreuende und die betreute Person in einem Haushalt wohnen. Bei der Volkszählung 1991 wurden österreichweit rund 3,013 Millionen Haushalte gezählt, das entspricht gegenüber der Volkszählung 1981 einem Zuwachs um neun Prozent, wobei die Zahl der Haushalte deutlich schneller gewachsen ist als die Gesamtbevölkerung, das heißt, die Haushalte werden kleiner.[26]

„Die durchschnittliche Haushaltsgröße lag in Österreich im Jahr 1991 bei rund 2,54 Personen, wobei diese Zahl stark beeinflusst wird von der geringen durchschnittlichen Haushaltsgröße Wiens mit 2,03. Nach einer Schätzung lag der Anteil der Haushalte, in denen ausschließlich Personen über 60 Jahre lebten, im Jahr 1996 bei rund 22 Prozent. Für Haushalte mit älteren Bewohnern sind kleinere Haushaltsstrukturen typische: 71 Prozent der Österreicher und Österreicherinnen ab 60 Jahren leben allein oder mit einer zweiten Person, die ebenfalls über 60 ist.“[27]

Durch die höhere Lebenserwartung ist der Anteil der Frauen in Einpersonenhaushalten mit zunehmendem Alter deutlich höher. 59 Prozent der Frauen ab 75 Jahren leben in Einpersonenhaushalten, 15 Prozent leben in einem Zweipersonenhaushalt. Bei den Männern lebt nur jeder Fünfte allein, 56 Prozent teilen sich den Haushalt mit einer Person ab 60 Jahren.

„Entsprechend der Entwicklung der Altersstruktur wird für die Zukunft mit einer Zunahme der Haushalte mit älteren Bewohnern gerechnet, wobei die Zahl der Einpersonenhaushalte steigen wird. Diese wird gegenüber dem Jahr 1991 bis zum Jahr 2030 in der Altersgruppe der ab 60-jährigen Personen um rund 60 Prozent zunehmen, wobei sich die Einpersonenhaushalte in der Altersgruppe der 60- bis 74-jährigen Personen um rund 60 Prozent und in der Altergruppe der ab 75-jährigen Bevölkerung um rund 55 Prozent erhöhen werden.“[28]

Im Juni 1998 wurde ein Mikrozensus- Sonderprogramm über „die Lebenssituation älterer Menschen“ durchgeführt, demnach ca. 54 Prozent der Personen ab 75 Jahren mit Tochter und/oder Sohn bzw. Schwiegertochter und/oder –sohn in derselben Wohnung oder im selben Haus leben. Auffallend ist, dass ältere Frauen in höherem Ausmaß mit Familienangehörigen zusammen wohnen (ca. 56 Prozent; im Gegensatz zu Männern mit ca. 49 Prozent).

Tabelle 2: Zahl der Einpersonenhaushalte der älteren Bevölkerung in Österreich in den Jahren 1995, 2015, 2030 und Steigerungsraten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: ÖSTAT 1997

2. Das Alter

2.1 Versuch einer Altersdefinition

Anschauungen darüber, wann das höhere Lebensalter beginnt und welche Position Alte in der Gesellschaft einnehmen, haben sich im Verlauf der Geschichte immer wieder verändert. Als eigenständige Lebensphase für eine größere Zahl von Menschen wurde das Alter erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts geschaffen. Eine Binnendifferenzierung nach Altersgruppen („junge“ und „alte“ Alte) erfolgte erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Die Entstehung der Lebensphase Alter fällt mit der Entstehung moderner Industriegesellschaften zusammen. Zwei Entwicklungen waren dafür entscheidend. Erste Voraussetzung war die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates mit seinen Pensions- und Rentensystemen. So wurde ein Anspruch (von der familiären Situation und vom Privatvermögen unabhängig) auf status-sichernde materielle Versorgung nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt gewährleistet. Ebenso stellen Pensionssysteme aufgrund ihrer gesetzlich festgelegten Altersgrenzen für das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben ein wesentliches Element der Institutionalisierung und Standardisierung des Lebenslaufs dar. Zweitens ist der individuelle und gesellschaftliche Bedeutungsgewinn der Lebensphase „Alter“ eng mit der „demographischen Revolution“ der vergangenen 150 Jahre verbunden[29].

Das Altern selbst wird durch die jeweilige Gesellschaft, in der es stattfindet, und deren Kultur beeinflusst. Man kann Alter zugleich als soziale, normative und symbolische Dimension ansehen. Intergenerationale Beziehungen und das Prestige, das alten Menschen zukommt, stehen in Abhängigkeit von sozialen Strukturen mit ihren jeweils gängigen Bildern, Vorurteilen und Erwartungsmustern. Soziale Strukturen ändern sich im Verlauf der Zeit und so verändert sich auch das Altersbild.

2.2 Quantität vs. Qualität

Der folgende Abschnitt widmet sich der Frage „ab wann ein Mensch als alt bezeichnet wird“. Die für diese Arbeit verwendete Literatur richtet sich in ihren Angaben in Bezug auf Zahlen von alten Menschen nach demographisch- chronologisch abgegrenzten Lebensphasen. So entscheidet man sich vorab für eine Altersgrenze (z.B.: Bevölkerungsanteil über 60 Jahren, Bevölkerungsanteil über 65 Jahren), um Angaben über die Größe eines Bevölkerungsanteils geben zu können. Wenn man von einer Altersgrenze von 65 ausgeht, wären ca. 16 Prozent der österreichischen Bevölkerung als alt anzusehen.

Das ändert aber nichts an der grundsätzlichen Problematik festgelegter starrer Altersgrenzen. Kritik kann vielerorts betreffend einer Analyse der Gegenwartsgesellschaft geübt werden, doch noch schwerwiegender äußern sich starre Altersgrenzen bei historischen Vergleichen betreffend den Wandel von Bevölkerungsstrukturen und ihrer qualitativen Interpretation. So stellt sich unter anderem die Frage: Lässt sich ein 70-jähriger Mann heute mit einem 70- jährigen Mann im 18. Jahrhundert vergleichen? (bei außer Achtlassen der sich stark veränderten Lebenserwartungen.) Ausgehend von genau dieser qualitativen Interpretationsproblematik hat Ryder[30] den demographischen Versuch unternommen, starren Altersgrenzen zu entkommen. Er hat durch die Verknüpfung des Wandels der Altersstruktur mit dem Anstieg der Lebenserwartung einen dynamischen Indikator demographischen Alters gewonnen. Ryder geht davon aus, dass die mit dem Alter verknüpften gesellschaftlichen und individuellen Belastungen in erster Linie in den letzten Lebensjahren auftreten. So kann eine „problematische“ Altersphase definiert werden, die jeweils bei einem chronologischen Alter beginnt, bei dem die restliche Lebenserwartung einen bestimmten Wert unterschreitet. Wenn man beispielsweise als Schwellenwert für die restliche Lebenserwartung 10 Jahre nimmt, zeigt sich, „alt“ war ein Mann im späten 19. Jahrhundert in Österreich mit 65, eine Frau mit 66 Jahren. Heute liegen diese Schwellenwerte für Männer bei 74 und für Frauen bei 78 Jahren. Die „Dynamisierung“ hat folglich großen Einfluss auf die demographische Analyse des Alterungsprozesses. In Österreich zum Beispiel wäre ein so definierter Anteil alter Menschen mit 6% - aufgrund gestiegener Lebenserwartung – nicht höher als vor 100 Jahren, obwohl sich im gleichen Zeitraum der Anteil von über 65- jährigen von 5% auf 15% gesteigert hat.[31]

2.3 Position der Alten in der Gesellschaft

Welchen Platz nehmen Alte Menschen in unserer Gesellschaft ein? Welches gesellschaftliche Bild wird auf die Alten geworfen? Hat sich die Stellung der Alten im geschichtlichen Abriss verändert? Diesen Fragen möchte ich mich im Kommenden widmen.

Jeder Mensch ist aufgrund seiner gesellschaftlichen Aktivitäten durch verschiedene Positionen gekennzeichnet, welche ihrerseits durch gewisse Vorschreibungen und Erwartungen gekennzeichnet sind, die sich im Rollenbegriff manifestieren. Die Position der Alten ist u.a. von zwei Kriterienbündeln bestimmt. Zum einen hängt sie von ihrem Bevölkerungsanteil, ihrer Geschlechterproportion und dem Zivilstandverhältnis ab, zum anderen ist sie von ihrer wirtschaftlich-sozialen Stellung bestimmt. Positionen mit ihren verbundenen Aufgaben werden von außen bewertet und anerkannt, „aus der Zuerkennung der positionsspezifischen Geltungshöhen resultiert – oft vage und bis zu einem gewissen Punkt ambivalent – der Status“[32] eines Menschen. Status spiegelt in der heutigen Gesellschaft die Wertschätzung oder Geltungshöhe, die durch soziale Gliederung hergestellt wird, wider. Das Lebensalter ist neben anderen eines der Kriterien aufgrund dessen die Geltungshöhe eines Status zuerkannt wird, dessen Bewertung meist stark emotional besetzt ist. Laut einer Befragung, die im Jahr 2001 vom Institut für Demographie unternommen wurde, zeigt sich, dass der soziale Status Älterer in Österreich generell sehr hoch eingeschätzt wird, wobei nur geringe Unterschiede zwischen den befragten sozialen Teilgruppen bestehen. (Frauen beurteilen die soziale Stellung älterer etwas positiver als Männer.) Nach Altersdifferenzierungen wird ersichtlich, dass die Antworten der Befragten mit ihrer Lebensstellung variieren, insgesamt aber ältere Menschen kaum als Last, „sondern vielmehr als Bereicherung in kognitiver und emotionaler Hinsicht wahrgenommen, deren Rechte zu berücksichtigen und Probleme ernst zu nehmen sind.“[33]

Um sich ein klares Bild von der Position alter Menschen in unserer Gesellschaft zu schaffen, scheint es notwendig, den Wandel ihrer Stellung in der Geschichte zumindest kurz zu beleuchten.

2.3.1 Position der Alten in den letzen 500 Jahren – ein kurzer geschichtlicher Abriss

„In den Zeitaltern vor der Industrialisierung, so wird häufig vorgebracht, sei es selbstverständliche Pflicht gewesen, die Alten zu ehren, und diese auferlegte moralische Verpflichtung sei bei dem Massencharakter unseres heutigen Lebens verloren gegangen.“[34] Blickt man jedoch auf die letzten 500 Jahre in der Geschichte Europas, kann nicht von einer linearen Evolution im Status des Alters im Sinne einer eindeutigen Verschlechterung oder Verbesserung von Ansehen, Integration bzw. Macht gesprochen werden. Das Leben im Familienverband war in der frühen Neuzeit keineswegs von trauter Idylle geprägt, die Alten Menschen waren Ziel gesellschaftlichen Spotts und Ausgrenzungen unterworfen. Die Jugend wurde zu dieser Zeit als menschliches Ideal verehrt, das Alter als Vorbote des Todes verachtet.

Auch in den darauf folgenden Jahrhunderten bis ins 17. Jahrhundert wurden alte Menschen nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft angesehen. Man konnte mitunter von einer größeren Angst vor dem Alter, mit seinen Synonymen Verfall, Abstieg und Rückbildung, als vor dem Tod sprechen. „Zwar bleibt in der christlichen Lehre und in den moralischen Schriften der Grundgedanke der christlichen Antike von der Wertschätzung des hohen Greisenalters lebendig“[35], doch im Alltag wurden diese Werte kaum berücksichtigt. Alter wird als wertloses Übel angesehen, ohne jeglichen Nutzen.

Die Phase zwischen 16. und 19. Jahrhundert war geprägt durch das Bild der „Lebenstreppe“ als Darstellung des Lebenslaufes. Die erste Hälfte des Lebens bis zum 40. Lebensjahr erscheint als Aufstieg, ab dem Höhepunkt des 50. Lebensjahres vollzieht sich ein Absteigen bis zum Tod. Das Modell der Lebenstreppe teilt den Lebenslauf in rein biologische Phasen ein, das Schwinden der körperlichen Kräfte wird mit einem Verfall des Geistes gleichgesetzt, Alte werden somit deklassiert.

„Peter Borscheid (1987) kommt in seiner Untersuchung des Verhältnisses der Generationen der letzten Zweihundert Jahre zu dem Schluss, dass das Alter zu keiner Zeit früher oder später eine solche Verehrung genossen hat wie nach der Mitte des 19. Jahrhunderts.“[36] Das positive Bild von Alten wurde durch die Verhältnisse der damaligen Zeit geprägt, der überwiegende Teil der Bevölkerung wurde von Bauern gebildet. „Die an Haus und Hof geknüpfte Haushaltskontinuität und die im einzelnen wie auch immer gehandhabte vertragliche Verknüpfung der Hofübergabe an die nächste Generation“[37] war nicht nur mit einem Versorgungsanspruch der Altbauern gegenüber dem Hoferben verbunden, sondern auch mit einem gewissen Wohlverhalten der jüngeren Generation gegenüber den Alten, um nicht mit Erbentzug sanktioniert zu werden. Alter wurde mit dem Besitz von Land und Hof verbunden und somit mit Macht. Auch im Zuge der Aufklärung des 18. Jahrhunderts wurde das Alter, in Verbindung mit verdienstvollen Leistungen, als verehrungswürdig dargestellt.

Im Zuge eines strukturellen Wandels der Gesellschaft im 19. Jahrhundert änderte sich auch das Altenbild und damit die Position der Alten. Die alten Menschen verloren im Verlauf fortschreitender Industrialisierung an Einflussvermögen und Macht - Konflikte mit jüngeren Generationen, welche durch eine Umstrukturierung gesellschaftlicher Arbeit in Lohnarbeit an Abhängigkeit verloren hatten, wurden unvermeidlich. Mit ständiger Modernisierung und Technisierung verloren die Alten auch ihre Rolle als erfahrene Wissensvermittler, mit dieser auch einen Teil ihrer Funktionalität für die Gesellschaft. „Mit der Verlagerung der Berufstätigkeit nach außerhalb der Haushalte ging der unmittelbar sichtbare Beitrag der Alten zur Produktion verloren, und kam andererseits die Haushaltstrennung in den Städten auf, die dann zum Klischeebild der Isolation der Älteren führte.“[38] Verschärft hat sich die Situation und damit das Bild der Alten in der Gesellschaft zusätzlich durch die damals noch fehlende außerfamiliäre Altersversorgung. Der durch den medizinischen Fortschritt immer älter werdende Mensch wurde durch zunehmende Morbidität und abnehmende Funktionalität immer mehr als Last angesehen.

Seit der Jahrhundertwende kann von einem Aufblicken auf das Alter nicht mehr die Rede sein. Die Jugend wurde zum Orientierungspunkt der Gesellschaft, das Auflehnen gegen alte Werte, alte Sitten und die älteren Generationen selbst zum Alltag. Auch der unbestreitbare Fortschritt des Pensionsvorsorgesystems hatte seine Schattenseiten. „Durch das systematische und kollektive Ausscheiden aus der Berufswelt ab einem bestimmten Alter verknüpfen sich mit dieser Altersgruppe Assoziationen von Funktions-, wenn nicht gar Nutzlosigkeit, von Entbehrlichkeit und von einem Status der Nehmenden, nicht mehr Gebenden.[39]

In der Mitte des 20. Jahrhunderts wird Alter mit Ruhestand, Defiziten, Sinnlosigkeit, Nutzlosigkeit und Rückzug verbunden, der Begriff des „Defizitmodells“ etablierte sich. Bis in die 60er Jahre wurde von einem Abfall der Leistung und Intelligenz im Alter ausgegangen, das immer frühere Austreten aus dem Erwerbsleben wird dadurch ebenso durch soziale Zuschreibungsprozesse erklärbar. Der gesellschaftliche Druck, aufgrund der Leistungsabfallsthese, drängt älter werdende Menschen in Richtung Frühpension. Ein weiteres Vorurteil im Zuge des Defizitmodells war die soziale Isoliertheit alter Menschen. Nach dem gängigen Vorurteil lebt der Mensch im Alter abgeschlossen und vereinsamt. Die negative Betrachtungsweise des Alters führte zu Beginn der 50er Jahre in Amerika zur Entwicklung des Begriffs „AgeIsm“. „Gemeint ist damit, dass in der Gesellschaft eine dem Rassismus ähnliche Diskriminierung gegenüber den Älteren bestehe. Die Vorurteile gegenüber dem Alter führen zwar, so relativieren spätere Untersuchungen diesen Ansatz, nicht zu einem radikal- diskriminierenden Verhalten, jedoch in der Tendenz durchgängig zu einem eher passiven und defizitären Altersbild.“[40]

Altersbilder sind bildhafte Vorstellungen, welche vereinfacht Informationen, Vorstellungen und Meinungen über alte Menschen vermitteln. „Um Altersstereotypen handelt es sich, wenn Menschen aufgrund ihres Lebensalters bestimmte Eigenschaften, Verhaltens- und Rollenerwartungen zugeschrieben werden, ohne die betreffende Person genauer nach ihren Wahrnehmungen, Bewertungen und konkreten Verhaltensweisen zu betrachten.“[41] Quellen für Altersbilder basieren meist auf Alltagstheorien über das Altern. An dieser Stelle möchte ich noch einmal mit Nachdruck festhalten, dass die schon oben beschriebene Auffassung, mit hohem Lebensalter sei Hilfebedürftigkeit, körperliche Gebrechlichkeit und psychischer Abbau so gut wie zwangsläufig verbunden, sich in einem negativen Stereotyp manifestiert, welches soziale Beziehungen und soziales Handeln maßgeblich beeinflusst. Dabei trifft das Bild des kränklichen, hilflosen, vergesslichen alten Menschen nicht nur das Verhältnis und den Umgang der Jüngeren mit den Alten, sondern auch die Alten selbst, in ihrem Selbstverständnis, welches sie in Folge zu ihrem eigenen Nachteil handeln lässt. Das negative Selbstbild fällt den Betagten dann gerade in Krisenzeiten in den Rücken, und mündet oft in verschiedensten Formen des depressiven Rückzugs. Deshalb soll nochmals betont werden, gerade weil in dieser Arbeit der chronisch pflegebedürftige Mensch im Mittelpunkt steht, dass die ältere Bevölkerung zum größten Teil vollständig unabhängig ihr Leben meistert bzw. nur ein kleiner Teil Hilfe beansprucht.

Studien nach gibt es glücklicher Weise kein einheitliches Altersbild, somit werden nicht alle Alten „in einen Topf geschmissen“, sondern unterschiedliche Akzente überwiegen in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. „Crockett et al. (1987) heben hervor, dass als Resultat mehrerer Jahrzehnte der Forschung zum Altersbild die Idee aufgegeben werden müsse, es gebe etwas Derartiges wie ein einheitliches Altersstereotyp. Die Leute erkennen durchaus, dass es verschiedene Arten des Alterns gibt und deswegen unterschiedliche Einstellungen zu Älteren angebracht seien.“[42] Kolland meint, dass unglücklicherweise der Strukturwandel des Alters, einhergehend mit dem frühen Pensionsalter, der steigenden Lebenserwartung und somit der Ausweitung der Altersphase, nicht zu einer Differenzierung des besprochenen Altersbildes geführt hat, sondern zu einer stärkeren Polarisierung (Kolland 2000). Man kann von zwei Altersbildern ausgehen: Auf der einen Seite einem Positiven, das sich auf eine qualitativ neu eingestufte Lebensphase bezieht, nämlich die der jungen „neuen Alten“, welche durch Aktivität, Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und Potential gekennzeichnet sind. Auf der anderen Seite besteht ein negatives Altersbild, welches die „alten Alten“ widerspiegelt, die durch Abhängigkeit, Hilfsbedürftigkeit und Nutzlosigkeit charakterisiert werden.

Die Auswirkungen negativer Altersbilder sind vielseitig:

(a) „Einmal hat ein negatives Altersbild Auswirkungen auf den Älterwerdenden: Die Erwartungshaltung bestimmt die Anpassung an die Situation mit. Eine negative Erwartungshaltung führt zu einer Selektion der Wahrnehmung, indem nur die erwarteten unangenehmen Dinge wahrgenommen, die nicht erwarteten positiven Momente aber übersehen werden.

(b) Zum anderen bringt es den älteren Menschen dazu, seinen eigenen Verhaltensradius einzuschränken. Nicht nur gesundheitliche Beschwerden zwingen in zur Restriktion, sondern in starkem maße auch die Erwartungen der sozialen Umwelt.

(c) Schließlich wäre in diesem Zusammenhang festzustellen, dass das Fremdbild das Selbstbild, d.h. die Art und Weise, wie sich das Individuum innerhalb eines sozial bedingten Bezugssystems wahrnimmt, beeinflusst“[43].

Für die „alte Alten“ fehlt es an Strategien, im Umgang mit dem Ansteigen psychischer und physischer Belastungen - von einem Hinnehmen der Hilfsbedürftigkeit, einem ehrenvollen Ausruhen und sich pflegen lassen kann in den wenigsten Fällen die Rede sein. Der Grund dafür liegt unter anderem in der Tatsache, dass individueller Autonomie in der westlichen Industriegesellschaft eine hohe Wertschätzung zukommt, in Folge dessen wird eine ständige Abhängigkeit für den Betroffenen zu einer starken Belastung der personalen Identität. Es bestehen so gut wie keine Orientierungsmuster, die den Sozialisationsprozess auf dem Weg zum „chronisch kranker und hilfsbedürftiger alter Mensch“ vorzeichnen und damit erleichtern. Betroffene Personen sind in ihrem Selbst- und Fremdverständnis stark stigmatisiert und daher oft bedacht sozial unsichtbar zu erscheinen.[44] Eine Kultur des Alters hat sich deshalb auch mit der Frage zu befassen, wie die Gesellschaft Krankheit und soziale Benachteiligung behandelt und welche Formen von den Älteren selbst zur Bearbeitung von Belastungen (=coping) gewählt werden.“[45]

[...]


[1] Kytir / Münz (2000), S. 30.

[2] Vgl. Höpflinger (1997).

[3] Schimany (2003), S. 13 ff.

[4] Penz (2001), S. 8f.

[5] Kytir / Münz (2000), S. 30.

[6] Kytir / Münz (2000), S. 31.

[7] ebenda, S. 32.

[8] ebenda.

[9] ebenda.

[10] Kytir./ Münz (2000), S. 38.

[11] Lehr (2003), S. 38ff.

[12] Höpflinger (1997), S. 64.

[13] ebenda, S. 64ff.

[14] Höpflinger (1997), S. 66.

[15] ebenda, S. 67.

[16] Schimany (2003), S. 184.

[17] Höpflinger (1997), S. 70.

[18] Schimany (2003), S. 190.

[19] Höpflinger (1997), S. 81.

[20] ebenda, S. 82f.

[21] Schimany (2003), S. 412ff.

[22] Höpflinger (1997), S. 158.

[23] Kytir u.a. (2000), S. 258.

[24] Kytir u.a. (2000), S. 274.

[25] ebenda, S. 275.

[26] Schaffenberger u.a.(1999), S. 12.

[27] ebenda.

[28] ebenda, S. 13.

[29] Kolland (2000), S. 539.

[30] Vgl. Höpflinger (1997).

[31] Kytir u.a. (2000), S. 40 ff.

[32] Rosenmayr u.a. (1978), S. 114.

[33] Gisser (2001), S. 45.

[35] Kolland (2000), S. 540.

[34] Rosenmayr. u.a. (1978), S. 123.

[36] Kolland (2000), S. 540f.

[44] Christen (1989), S. 26.

[45] Kolland (2000), S. 556.

Details

Seiten
137
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640248391
ISBN (Buch)
9783640248643
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v121236
Institution / Hochschule
Universität Wien – Sozialwissenschaftliche Fakultät Wien
Note
Sehr Gut
Schlagworte
Familie Pflege- Betreuungsinstanz Menschen

Autor

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Titel: Familie als Pflege- und Betreuungsinstanz alter Menschen