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Die Ära Malraux - Kulturpolitik im Frankreich der sechziger Jahre

Seminararbeit 1997 24 Seiten

Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

0.VORREDE

1.WER IST ANDRÉ MALRAUX?

2.KULTURPOLITIK UNTER MALRAUX
2.1 Aufgaben und Aktionsbereiche des ersten französischen Kultusministeriums
2.2 Kulturkonzept
2.3 Die Ära Malraux in Zahlen und Fakten
2.3.1 Ausstellungen
2.3.2 Staatliche Fonds und Kredite
2.3.3 Denkmalschutz und -pflege
2.3.4 Kulturgutpflege und -bereicherung
2.3.5 Die Maisons de la Culture
2.3.5. a) ORGANISATORISCHES
2.3.5. b) DAS KONZEPT
2.3.5. c) ERGEBNISSE
2.3.6 Die „planification nationale“ und die „programmation des équipements publics
2.4 Gesamtbilanz der Ära Malraux
2.4.1 Die Freiheit der Künstler
2.4.2 Kulturelle Dezentralisierung und Demokratisierung
2.4.3 Kulturpolitik = Prestigepolitik?

3. BIBLIOGRAPHIE

0. VORREDE

E inige Tage bevor der General Charles de Gaulle am 1. Juni 1958 zum französischen ministerpräsidenten gewählt wurde, hatte er einen Mann mit bewegter Vergangenheit aufgefordert, ihn bei einer wichtigen Mission zu unterstützen. Die Mission lautete: „ refaire la France “ (Lacouture 1973: 358). Der Mann war der Schriftsteller André Malraux, der vom 8. Januar 1959 bis zum Rücktritt de Gaulles am 28. April 1969 das Amt des ersten französischen Kultusministers bekleiden sollte.

Über zehn Jahre lang war Malraux Mitglied der V.-Republik-Regierung. Eine zehn Jahre währende „traversée du désert“ (Chirac 1996), während derer Malraux sich dem Regime und der Person de Gaulles gegenüber so treu ergeben erwies, daß Letzterer in seinen Memoiren schreiben sollte:

À ma droite, j’ai et j’aurai toujours André Malraux. [...] L’idée que se fait de moi cet incomparable témoin contribue à m’affermir.“

(Aus: Charles de Gaulle: Mémoires d’Espoir, tome I, Le Renouveau, Seite 285. In: Lacouture 1973: 364).

Auf dem ersten Blick mag ein solcher Personenbund überraschend vorkommen. Vor allem bei Berücksichtigung der Vergangenheit dieser schillernden Persönlichkeit namens Malraux, für den Instanzen wie Revolution und Antifaschismus eine durchaus wichtige Rolle gespielt hatten. Der „kommunistische Intellektuelle“ geht einen Bund ein mit dem Staatsmann, der für die Linke als die Verkörperung einer „rückwärtsgewandtennationalistischen Ideologie“ (Frankreich-Lexikon 1981: 323), dessen Regime im Ausland als „succédané du fascisme“ (Lacouture 1973: 362) galt.

Das sind selbstverständlich Klischees. Und Klischees verbergen zwar meistens einen gewissen Wahrheitsgehalt, können aber eine Vereinfachung und sogar Verfälschung der Wirklichkeit zur Folge haben.

Obwohl der eigentliche Gegenstand dieser Seminararbeit die Kulturpolitik in der Ära Malraux bildet, lohnt es sich, um diese besser zu verstehen, die Klischees und Legenden des Lebens Malraux’ bis 1958 ein wenig zu hinterfragen, was im Abschnitt 1 dieser Seminararbeit geschieht. Der 2. Abschnitt ist ganz dem ersten französischen Kultusministerium gewidmet, wobei folgende Aspekte behandelt werden:

- die organische Struktur sowie die festgelegten Aufgaben des Ministeriums;
- der aus einer bestimmten Auffassung von Kultur gewonnene ideologische Rahmen der malrauschen Kulturpolitik;
- die kulturpolitische Aktion Malraux’ in Fakten und Zahlen dargelegt;
- eine Gesamtbilanz der Ära Malraux, in der Schwerpunkte wie Kulturdemokratisierung und -dezentralisierung sowie der Beitrag der staatlichen action culturelle zum französischen und gaullistischen Prestige und die Freiheit der Künstler besondere Berücksichtigung finden.

1.WER IST ANDRÉ MALRAUX?

M it 23 Jahre nahm er, aufgrund einer Kunstraubaffäre in Französisch-indochina, Kontakt mit dem dortigen korrupten und brutalen Kolonialregime auf. Ein Jahr später, 1925, gab er in Saigon die proannamitische Zeitung L’Indochine enchaînée heraus . Zu dieser Zeit soll er sich an den revolutionären Aktivitäten der Kuomintang -Regierung in Südchina beteiligt und mit dem legendären Tschiang Kai-schek zusammengearbeitet haben[1]. Im Jahre 1934 traf er Trotzki, fuhr nach Berlin als Präsident des Weltkomitees für die Befreiung des bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitrow und des Führers der deutschen KP Ernst Thälmann, wurde Mitglied zahlreicher antifaschistischer Komitees und Organisationen. Im spanischen Bürgerkrieg beteiligte er sich als Organisator der ausländischen Luftstreitkräfte im Dienste der republikanischen Regierung, bevor er im Zweiten Weltkrieg in der französischen Panzerwaffe kämpfte. Nach Flucht aus deutscher Gefangenschaft (1940) betätigte er sich in der Résistance und befehligte nach der Befreiung Paris’ (25. August 1944) die elsaß-lothringische Partisanenbrigade.

Die Biographie des Georges-André Malraux, dessen zwanzigsten Todestag am 23. November 1996 mit der Überführung seiner Überreste ins Panthéon gefeiert wurde, liest sich wie eine Reise in die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Das ist aber lange nicht alles. Der am 3. November 1901 in Paris geborene Sohn eines Industriellen veröffentlichte von 1928 bis 1943 sechs Romane, die größtenteils als Kanons der französischen und europäischen „littérature engagée“ gelten.

Im Hintergrund dieser Romane stehen die obenerwähnten, von Malraux erlebten, brisanten und aktuellen Gegebenheiten, die im Europa der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre die Gemüter bewegten, wie die chinesische Revolution[2] (LesConquérants von 1928 , La Condition humaine von 1933[3] ), das französische Kolonialregime in Indochina (La Voie royale von 1930), die revolutionären und antifaschistischen Gewerkschaftsaktivitäten der deutschen Kommunisten (Le Temps du mépris von 1935), der spanische Bürgerkrieg (L’Espoir von 1937[4] ), die Résistance (Les Noyers de l’Altenburg von 1943).

Außer dieser historischen sind auch metaphysische und politisch-ideologische Dimensionen in Malraux’ Romane zu verzeichnen, deren Entwicklung von Roman zu Roman der Entwicklung des malrauschen Denkens, Handelns und Schaffens im Verlauf der Jahrzehnte entspricht.

Den Abenteurer und Nonkonformist Malraux der zwanziger Jahre bewegte zunächst die Revolte des Einzelnen gegen die Absurdität des Lebens, das unabdingbar zum Tode schreitet, einen ungelösten und unlösbaren Paradox, der aber den Menschen zur selbstlosen und somit lebensgefährlichen, dennoch den Tod herausfordernden und dem Leben sinngebenden Aktion führte (vgl. Boutet de Monvel 1973: 5).

Diese Aktion, die zunächst der romantisch-abenteuerliche und individualistische Charakter des dépaysement und der archäologischen Suche prägte[5], verwandelte sich rasch in revolutionäre und somit kollektive Aktion gegen Imperialismus und Unterdrückung.

In der Zeit, da er Herausgeber der obenerwähnten proannamitischen Zeitung war - 1925 -, entdeckte Malraux den Wert der „Solidarität der politischen Aktion“ (Jurt 1982 : 169) und der Brüderlichkeit im revolutionären Kampf, die seine Romane und sein Leben prägen sollten[6]. Dabei näherte er sich dem kommunistischen Denken und der Sowjetunion.

Aber Malraux verstand den Marxismus „als eine Organisationsmethode der revolutionären Aktion und nicht so sehr als Instrument der Erkenntnis der Realität“ (Jurt 1982 : 171).

In diesem Sinne wurde er zwar niemals Mitglied der französischen KP, war aber - wie übrigens beinahe die gesamte intellektuelle Linke Europas der dreißiger Jahre - von der Gewißheit beseelt, die Komintern sei die einzige politische Kraft in der Lage, dem Faschismus, der in Europa Einzug hielt, Halt zu bieten.

Der zweite Weltkrieg stellte das Ende dieser „revolutionären“ Periode dar. Im Jahre 1939 wandte sich Malraux endgültig und vollständig vom Kommunismus ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er in der ersten Regierung de Gaulles (November 1945 - Januar 1946) zunächst technischer Berater auf den Gebieten der Beziehungen zur Intellektualität, der Kulturpolitikprogramme, der Meinungsumfragen u.a., dann Informationsminister mit den Geschäftsbereichen Presse und kulturelle Angelegenheiten, um dann von 1947 bis 1950 das Amt vom Propagandadirektor des im April 1947 gegründeten Rassemblement du peuple français (RPF) zu bekleiden.

Ein Beispiel für seine geistige Haltung in dieser Zeit ist die am 5. März 1948 an die französischen Intellektuellen gehaltene Rede, in der er die Sowjetunion nachdrücklich angriff und vor der Drohung des stalinistischen Kommunismus warnte (vgl. Malraux [1948]).

Was sein schriftstellerisches Schaffen anbelangt, verließ Malraux nach dem Krieg das Gebiet des Romans und veröffentlichte nur noch kunstphilosophische Werke wie La Psychologie de l’art (1947-1949), Le Musée imaginaire de la sculpture mondiale (1953-1955) u.a. und seine Antimémoires (ab 1967).

Malraux ist niemals ein echter Kommunist gewesen und nach dem Krieg war er auch kein echter Antikommunist. Man könnte seine Aktion sowohl vor wie nach dem Krieg zusammenfassend als antifaschistisch bezeichnen und dabei all die Instanzen herausstellen, die dieser Begriff umfaßt wie Menschlichkeit, Würde, Mut.

Dennoch bleibt eine Tatsache, daß ein Wandel vom revolutionären zum konservativen Denken bei Malraux stattfand, was in seinem Fall einen Wandel vom intellektuellen compagnon de route zum Ästhetiker bedeutet. Diesen Wandel illustrieren folgende Äußerungen Malraux’ zu Kunst und Kultur vor und nach dem Zweiten Weltkrieg:

DIE KUNST ALS REVOLUTIONÄRES POLITIKUM : Das Kunstprojekt des Bildhauers Lopez

„-[...] il faut dire aux artistes: vous avez besoin de parler aus combattants? (à quelque chose de précis, pas à une abstraction comme les masses). Non? Bon, faites autre chose. Oui? Alors, voilá le mur. Le mur, mon vieux, et puis c’est tout. Deux mille types vont passer devant chaque jour. Vous les connaissez. Vous voulez [Hervorhebung im Original] leur parler.’

[...] Ils [les combattants] avaient en commun avec leurs peintres cette communion souterraine qui [...] était la révolution; ils avaient choisi la même façon de vivre, et la même façon de mourir.“

(Malraux [1937]: 57f., 60).

DIE ENTPOLITISIERTE KULTUR

„Il est vrai qu’il y a une donné historique de la pensée, un conditionnement de la pensée. Mais [...] vous avez lu Platon! Ce n’est tout de même pas en tant qu’esclaves, ni que propriétaires d’esclaves! [...] le probleme qui se pose, c’est précisément de savoir ce qui assure la transcendence partielle des cultures mortes.“

(Malraux [1948]: 339).

Dieser Wandel bedeutet auch das Ende des Solidaritäts- und Brüderlichkeitstraumes der Internationalen, den Malraux vor allem im Spanischen Bürgerkrieg erlebt und den der real existierende Kommunismus unter Stalin untergraben hatte.

Statt dessen pflegte Malraux vor allem nach 1945, ganz im Sinne de Gaulles, das Streben nach einer Stärkung des französischen Staates im Inland und der weltpolitischen Stellung Frankreichs, und zwar zur Gewährleistung der demokratischen Freiheiten:

„Ce que nous défendons ici sera défendu avant la fin de ce siècle par toutes les grandes nations d’Occident. Nous voulons rendre à la France le rôle qu’elle a tenu déjà à plusieurs reprises, aux époques romane et gothique comme au XIXe siècle, et qui a imposé son accent à l’Europe quand il était à la fois celui de l’audace et celui de la liberté. À peu près tous, vous êtes, dans le domaine de l’esprit, des libéraux. Pour nous, la garantie de la liberté politique et de la liberté de l’esprit n’est pas dans le libéralisme politique, condamné à mort dès qu’il a les Staliniens en face de lui: la garantie de la liberté, c’est la force de l’État au service de TOUS [Hervorhebung im Original] les citoyens.“

(Malraux [1948]: 354f.).

2. KULTURPOLITIK UNTER MALRAUX

2.1 Aufgaben und Aktionsbereiche des ersten französischen Kultusministeriums

„Il [Malraux] s’efforce de mettre du désordre dans un ministère qui n’existe pas...“

(Emmanuel Berl in L’Aurore, 10. Oktober 1967. in: Lacouture 1973: 371).

O bwohl sich diese Worte auf die Aufgaben Malraux’ als Informationsminister in der ersten Regierung de Gaulles beziehen, treffen sie teilweise auch für die zweite Hälfte des Jahres 1958 zu.

Was war genau die Mission Malraux’? Worin bestand sein Ministerium?

Nach Lacouture (1973: 359f.) wurde Malraux zum „ministre délégué à la présidence du Conseil, chargé d’abord de l’Information“ (am 4. Juni 1958), „puis de l’expansion et du rayonnement de la culture française“ (am 27. Juli 1958) ernannt. Aber der „ministre sans portefeuille“ - der vielleicht lieber Minister des Innern oder des Krieges gewesen wäre - beschäftigte sich bis Januar 1959 vor allem mit Fragen der gaullistischen Propaganda.

Erst mit der Wahl Michel Debrés zum Premierminister und der Bildung dessen Kabinetts im Januar 1959 wurde Malraux zum „ministre d’État chargé des Affaires culturelles“ ernannt und einige der schon vorhandenen kulturellen Staatsorgane wurden ihm im Februar unterstellt[7]. Dennoch mußte er noch ein weiteres halbes Jahr warten, bis nicht nur seine Ernennung offizialisiert, sondern auch sein Ministerium, das erste französische Ministerium für kulturelle Angelegenheiten, rechtmäßig geschaffen wurde.

Dem Kultusminister wurden nun folgende Einrichtungen unterstellt, die bisher zum Zuständigkeitsbereich des ministre de l’Éducation nationale (I. bis IV.) und des ministre de l’Industrie et du Commerce (V.) gehört hatten[8]:

I. Direction générale des Arts et Lettres [9],
II. Direction de l’Architecture,
III. Direction des Archives de France,
IV. Services de l’éducation populaire,
V. Centre national de la cinématographie.

Nach demselben Dekret übernahm Malraux’ Ministerium auch die kulturellen Aktivitätenbereiche des Haut-Commissariat à la Jeunesse et aux Sports.

Bis 1969 wurden andere Organe geschaffen wie z.B.[10]:

- Comission de l’équipement culturel et du Patrimoine artistique (1961),
- Service de la Création artistique (1962),
- Comités régionaux des Affaires culturelles (1963 ),
- Service des Études et de la Recherche (1963 ),
- Inventaire général des monuments et richesses artistiques (1964 ),
- Bureau des fouilles et antiquités (1964),
- Réunion des théâtres lyriques municipaux (1964),
- Service de la Musique (1966),
- Centre national d’Art contemporain (CNAC),
- Orchestre de Paris (1967),
- Institut de l’Environnement,
- Service des archives du film,
- Centres d’actions culturelles (1968),
- neun Maisons de la Culture.

Es sind, wie in Politique culturelle (1988: 29f.) erwähnt, seit dem Ancien Régime offizielle Maßnahmen zur Förderung und Unterstützung der Kultur zu verzeichnen. Aber durch das Dekret vom 24. Juli 1959 wurde das erste Staatsorgan konstituiert, das sich ausschließlich mit kulturellen Fragen beschäftigte.

Dieses Dekret legte auch das zu erreichende Ziel des neuen Ministeriums fest:

„Le ministère chargé des Affaires culturelles a pour mission de rendre accessibles les œuvres capitales de l’humanité, et d’abord de la France, au plus grand nombre possible de Français; d’assurer la plus vaste audience à notre patrimoine culturel, et de favoriser la création des œuvres de l’art et de l’esprit qui l’enrichissent.“

(In: Foulon 1987: 229).

2.2 Kulturkonzept

André Malraux hat sein Leben lang Kultur zu definieren versucht, vielleicht „plus opiniâtrement qu’il ne s’attachait à définir les compétences de son ministère“, wie sein ehemaliger Mitarbeiter Anthonioz (1987: 208) betont. Am Schluß des Abschnittes 1. Wer ist André Malraux?, S. 6 wurden zwei Äußerungen Malraux’ zu Kunst und Kultur angeführt. Als Minister erklärte Malraux die Ziele seiner Kulturpolitik, die durch ihre demokratisch gesinnte Ausprägung an das Kunstprojekt Lopez’ in L’Espoir vage erinnerte[11]:

„Désormais, la collectivité a reconnu sa mission culturelle. Autant qu’à l’école, les masses [Unterstreichung von mir] ont droit au théâtre, au musée. Il faut faire pour la culture ce que Jules Ferry faisait pour l’instruction.“

(In: Lacouture 1973: 372, ohne Quellennachweis).

Aber das Wort Massen, das für Lopez einen ungenauen und deshalb nicht zufriedenstellenden Charakter gehabt hatte, vermied Malraux nicht mehr. Und die Künstler hatten keine (revolutionären) Botschaften zu vermitteln, sondern vielmehr und nur noch ästhetische Emotionen:

„La connaissance, c’est l’étude de Rembrandt, de Shakespeare ou de Monteverdi; la culture, c’est notre émotion devant la Ronde de Nuit, la représentation de Macbeth ou l’exécution d’Orfeo.“

(Am 15. Mai 1962 in New York. In: Hartmann o.J.: 8).

Malraux wollte also eine Kulturpolitik verwirklichen, die den Massen den Zugang zur Kultur gewährleistet, d.h. eine demokratisierte Kultur. Dabei verkannte er die gerade ab Ende der fünfziger Jahre an Bedeutung zunehmende Massenkultur, die größtenteils eine Jugend- und Freizeitkultur ist.

Dafür einige Beispiele:

a) Von 1958 bis 1965 verfünffachte sich die Zahl der Fernsehapparate in Frankreich: 1958 besaßen 9% der französischen Haushalte einen Fernsehapparat, 1965 waren es 42% (vgl. Sirinelli 1995: 448). Trotzdem gehörten das Fernsehen und das Radio nicht zu den Geschäftsbereichen des Kulturministeriums[12].
b) Der Verleger Daniel Filipacchi versammelte auf einem Konzert auf der place de la Nation am 22. Juni 1963 anläßlich des ersten Jahrestages der Gründung seiner Jugendzeitschrift Salut les copains mehr als 100000 Jugendliche (vgl. Sirinelli 1995: 445). Dennoch beschäftigte sich das Ministerium für kulturelle Angelegenheiten nicht mit Jugend- und Freizeitaktivitäten[13].

Zeitalter des Fernsehens, Radio, Popmusik, Yeah-Yeah -Welle, Jugend- und Freizeitpresse und andere Massenphänomene der Sixties - das alles existierte für den Kultusminister nicht, genausowenig wie das Buch[14], die Schule, der Sport oder eventuelle Kulturaustauschprogramme mit dem Ausland.

Der erste französische ministre des Affaires culturelles befaßte sich eher mit der haute culture. Ein Blick auf die ihm unterstellten Einrichtungen und die per Dekret festgelegte Mission genügen, um dies zu bestätigen. Malraux befaßte sich ein wenig mit dem Theater, ein wenig mit dem Film, ein wenig mit der (klassischen) Musik, aber vor allem mit den bildenden Künsten - Malerei, Bildhauerkunst, Architektur.

Wie Mesnard (1990: 98) betont, charakterisierte sich die per Dekret festgelegte Mission durch eine „conception patrimoniale“, die bereits in der III. Republik den Services des Beaux-Arts durch den Beschluß vom 29. März 1882 erteilt worden war. Aber Mesnard (1990: 98f.und 102) zufolge war für Malraux trotz einer „politique patrimoniale et monumentale“ die, wie ich finde, revolutionäre Idee von Kultur und Wissenschaft als Religionersatz wichtiger als die „conception patrimoniale“ des Dekrets vom Juli 1959.

Trotzdem entsprach die malrausche Kulturpolitik, die für die damalige Zeit sicherlich demokratisch konzipiert war, einer dennoch durchaus klassischen, traditionellen, konservativen, elitären Auffassung von Kultur, die sich an das Konzept von héritage und patrimoine culturel richtete und aus der die loisirs und die volkstümliche Schöpfung genauso wie die avantgardistische und experimentelle Produktion bis auf wenigen Ausnahmen ausgeschlossen blieben.

2.3 Die Ära Malraux in Zahlen und Fakten

2.3.1 Ausstellungen

Die Ära Malraux war eine Zeit großer Ausstellungen, von denen einige großen Erfolg unter der Bevölkerung fanden[15].

Neben Expositionen französischer Kunst - wie z.B. anläßlich des 100. Todesjahres des führenden Malers der französischen Romantik Eugène Delacroix (1963), den Retrospektiven der Werke des bedeutensten Künstlers der Fauves Henri Matisse und des vom Kubismus beeinflußten Fernand Léger oder der Ausstellung Trésors des églises de France (1965) - fanden auch europaweit bedeutende Künstler Berücksichtigung durch beispielsweise die Retrospektiven des Mitgründers des Kubismus Pablo Picasso (1966-1967), die Exposition der Gemälde des Johannes Vermeer, eines der großen Meister der holländischen Malerei (1966) und die Vorstellung L’Art du XVIe siècle européen. Für einen Hauch von Exotik wurde auch gesorgt - so konnte man wertvolle Kunst- und Kulturgegenstände aus verschiedenen Ländern und Epochen in Toutankhâmon (1967), Siècle d’or espagnol, L’Art d’Iran, Trésors de l’Inde und Chefs-d’œuvre de l’art mexicain u.a. bewundern.

Die Titel dieser Ausstellungen bestätigen die offizielle Zuwendung an die allgemein anerkannte Hochkunst, während Volks- oder Avantgarde-Produktionen nicht berücksichtigt wurden.

2.3.2 Staatliche Fonds und Kredite

Verschiedene staatliche Initiativen im Sinne der Produktion und Verbreitung kultureller Güter sind auch zu verzeichnen.

Es wurden beispielsweise Fonds zur Entwicklung der Filmindustrie (1959) und zur Förderung des Privattheaters (1964) gegründet.

Die théâtres nationaux haben eine Verdoppelung der Subventionen zwischen 1959 und 1966, von 23,6 Mio. F auf 53,8 Mio. F (für das Jahr 1966 geplante Summe), erfahren (nach einer Bilanz 1965 von Le Monde. In: Foulon 1987: 233). Außerdem wurde die Kinosteuer verringert mit dem Ziel, die Eintrittspreise zugänglich zu halten.

Im ersten Jahr seiner gestion hatte Malraux die Gelder für staatliche Bestellungen bei Komponisten von 60 000 F auf 120 000 F verdoppelt; zwischen 1960 und 1961 wurden die Kredite an die sociétés de concert um 37,5% erhöht (vgl. Foulon 1987: 233), aber die Musik mußte noch bis 1966 auf die Gründung des Service de la musique und auf ein ehrgeiziges Reformprogramm warten (vgl. Mesnard 1990: 102).

Unter den Gesetzen sind zweifellos die wichtigsten: die Loi du 1% - das einen Prozentsatz von 1% der Gesamtkosten staatlicher Bauvorhaben für Kunst reservierte - und das Gesetz, das zum ersten Mal die soziale Versicherung der Künstler zur Wirklichkeit machte (vgl. Foulon 1987: 233).

Der Staat appellierte an den Mäzenat, indem er selbst durch Sonderbestellungen bzw. einkäufe die künstlerische Produktion ankurbelte. Die Rasenflächen der Tuileries wurden mit Figuren des 1944 verstorbenen Bildhauers Aristide Maillol geschmückt; der russisch-jüdische Maler Marc Chagall bekam den Auftrag, in der Opéra de Paris einen plafond zu malen, der im September 1964 enthüllt wurde; André Masson malte den plafond des Odéon; Olivier Messiaen komponierte Et expecto resurrectionem mortuorum zum Gedenken der Toten der beiden Weltkriege (vgl. Foulon 1987: 233; Mesnard 1990: 102).

Hier müssen auch die Maisons de la Culture erwähnt werden, die gleichfalls die Kulturdiffusion als Ziel gesteckt hatten.

Das sind einige Beispiele für die Bemühungen des Kultusministeriums, durch finanzielle Maßnahmen die Kultur zugänglich zu machen. Es gab sogar ein Projekt des kostenlosen Theaters. Überhaupt war eine Vision von Malraux die Kultur, so wie die Schulbildung bereits war, den Französinnen und Franzosen kostenlos anzubieten.

Trotzdem sind negative Statistiken und Feststellungen bezüglich des Kulturverbrauchs und des Zustandes einiger Kultureinrichtungen zu verzeichnen:

- Mehrere Jahre nach Malraux’ Amtsantritt waren 78% der jungen Menschen niemals auf einem Konzert gewesen; von den Erwachsenen hatten 87% niemals ein Theater besucht, 58% lasen kein Buch (vgl. Bertaud 1981: 330, der diese Angaben ohne Zeitpunkt und ohne Quelle anführt).
- Von 1958 bis 1964 war ein Rückgang der Kinozuschauer um 25% zu verzeichnen (vgl. Foulon 1987: 233), was sicherlich im wesentlichen auf die Verbreitung des Fernsehens zurückzuführen ist.
- Zwischen 1959 und 1968 sanken die Ausgaben der Familien für Kultur und Freizeit um 0,3%, obwohl sich der Lebensstandard um 4,3% erhöht hatte (vgl. Bertaud 1981: 330).
- Während die théâtres nationaux große Unterstützung fanden, verkamen andere Theater, wie z.B. das TNP (Théâtre National Populaire), das während der IV. Republik im Sinne einer kulturellen Demokratisierungspolitik gegründet und zwischen 1951 und 1963 vom großen Schauspieler, Regisseur und Mitbegründer des Festival d’art dramatique von Avignon Jean Vilar geleitet worden war (vgl. Lacouture 1973: 376).

2.3.3 Denkmalschutz und -pflege

Das ist einer der erfolgreichsten Bereiche der gestion Malraux. Unter anderen seien hier erwähnt:

- Die lois-programmes von 1962-1966 und 1968-1970, die die Restaurierung historischer Baudenkmäler beschloß, wie: Louvre, Invalides, Vincennes, Versailles, Fontainebleau, Chambord und die Kathedralen von Paris, Reims und Straßbourg (vgl. Anthonioz 1987: 212).
- Der ravalement von Pariser Fassaden, der aus einem Beschluß aus der IV. Republik stammte und gut unter Malraux ausgeführt wurde (vgl. Lacouture 1973: 374; Anthonioz 1987: 213).
- Die LoiMalraux vom 4. August 1962 über die secteurssauvegardés. Durch dieses Gesetz konnten Denkmalschutzmaßnahmen auf ganze stadtbauliche Gebiete ausgeweitet werden (vgl. Mesnard 1990: 102).

2.3.4 Kulturgutpflege und -bereicherung

Auch für die [16] Pflege und bereicherung des französischen Kulturbesitzes wurde gesorgt.

Im Jahre 1961 wurde eine Comission de l’équipement culturel et du patrimoine artistique gegründet und die Wiedereinrichtung des Louvre realisiert (vgl. Foulon 1987: 234f.).

Drei Jahre später rief das Kultusministerium den Inventaire général des monuments et richesses artistiques ins Leben, dessen Mission lautete:

„recenser, étudier et faire connaître toute œuvre existante ou ayant existé sur le territoire français qui, par son caractère artistique, historique ou archéologique constitue un élément du patrimoine national.“

(In: Bertaud 1981: 331, ohne Quellenangabe; vgl. auch Politique culturelle 1988: 31).

Im selben Jahr wurde das Bureaudes fouilles et antiquités eröffnet, das zahlreiche Ausgrabungen im französischen Territorium realisierte (vgl. Politique culturelle 1988: 31); Lacouture (1973: 374) verweist hingegen darauf, daß die an das archäologische Büro erteilten Kredite zu gering waren, als daß ein gutes Funktionieren gewährleistet werden könnte. Diese Einrichtung initiierte die Kampagne Monuments en péril, die unter anderen zum Ziel hatte, ein Appell an das Mäzenatentum zu verbreiten (vgl. Bertaud 1981: 332).

Andere Maßnahmen waren:

- die Einrichtung eines laboratoire scientifique im Louvre zur Erhaltung und Pflege der Kunstwerke.
- Das Gesetz vom 29. Dezember 1967 zum verstärkten Schutz archäologischer Fundorte
- Die Erneuerung des Musée des Antiquités nationales in Saint-Germain-en-Laye.
- Die Gründung des Service des archives du film.
- Die Eröffnung des Musée des Arts et Traditions populaires.
- Ein Gesetz über das staatliche Vorkaufsrecht auf wichtige Werke.

Andererseits klagt Lacouture (1973: 374) über den Verkauf von mehreren wertvollen Kunstwerken an ausländische Milliardäre und Staaten - wie z.B. La Diseuse de bonne aventure des im Jahre 1593 in Lothringen geborenen peintre du Roy Georges de la Tour, Les Grandes Baigneuses und La Falaise der Impressionisten Paul Cézanne und Claude Monet - und über die geringen Kredite zum Kauf von Kunstwerken.

2.3.5 Die Maisons de la Culture

Die größte Realisation Malraux’ stellen vielleicht die Maisons de la Culture dar, die dem Ideal der demokratisierten und dezentralisierten Kultur entsprachen, indem sie zu einer von sozialen und geographischen Grenzen unabhängigen Kulturdiffusion beitragen sollten.

2.3.5. a) Organisatorisches (nach Notes d’information 1972: 2f.)

Es handelte sich um im ganzen französischen Territorium zu eröffnende kulturelle Institutionen, für deren Erbauungskosten der Staat und die betreffende „Collectivité locale“ - meistens eine Gemeindeverwaltung - jeweils zu 50% verantwortlich waren. Das Gebäude selbst, das nach einem von den genannten Trägern gemeinsam ausgearbeiteten „programme architectural“ errichtet wurde, gehörte nun der Gemeinde, obwohl die Unterhaltskosten, die die Einrichtung mit eigenen Einnahmen nicht decken konnte, durch Staat und Gemeinde jeweils zur Hälfte subventioniert wurden[17].

Allerdings wurden die Maisons de la culture von einer Association de droit privé verwaltet, deren Verwaltungsrat sich nicht nur aus Repräsentanten des Staates und der Gemeindeverwaltung zusammensetzte, sondern auch aus von einer Generalversammlung gewählten Mitgliedern.

So fällte dieser Verwaltungsrat alle Verwaltungsbeschlüsse, darunter auch die Ernennung des Einrichtungsleiters, der aber selbst seine Mitarbeiter auswählte. Letztere mußten allerdings wiederum vom Verwaltungsrat bewilligt werden. Dem gegenüber war der Leiter eines jeden Maison de la Culture außerdem für sämtliche Planungs- und Durchführungsaufgaben verantwortlich.

2.3.5. b) Das Konzept

Lacouture (1973: 374) zufolge handelt es sich hier um „une belle et généreuse idée [...], surgie de souvenirs de voyages en Union soviétique, du Front populaire et de l’Espagne révolutionnaire“ (vgl. auch Frankreich-Lexikon 1983: 70) und beklagt ihre Ausnutzung zwecks gaullistische Propaganda.

Diese Kulturtempel, von denen das erste im Jahre 1961 in Le Havre eröffnet wurde, sollten durch Reproduktionen und Ausstellungen verschiedenster Kulturgegenstände - manche nur als einfache Photographie -, aber auch durch Theater-, Musik-, Ballett-, Kinoveranstaltungen, Dichterlesungen, Bibliotheken, Schallplattensammlungen u.ä. auf eine kulturelle Demokratisierung zielen.

In diesem Sinne bedeuteten die Maisons de la Culture für den Kultusminister das Ende des elitären Charakters von Kultur:

„[...] c’est la conquête progressive d’un public qui ne serait allé ni au théâtre, ni au concert, ni au musée, parce qu’il n’en avait pas la possibilité matérielle ou parce qu’il pensait que cela ne le concernait pas“

(In: Bertaud 1981: 331, ohne Quellenangabe),

aber auch die Möglichkeit, die Pariser Hegemonie in Sache Kultur außer Kraft zu setzen:

„avant dix ans, le mot hideux de province aura cessé d’exister en France.“

(Eröffnungsrede der Maison de la Culture von Amiens am 19. März 1966. In: Anthonioz 1987: 213).

In der Tat wurden die von Malraux bezeichneten „cathédrales des temps modernes“ (in: Mesnard 1990: 98) im Rahmen der décentralisation dramatique der fünfziger Jahre konzipiert und sollten dazu beitragen, die geographischen und materiellen Hindernisse und Klüfte zu beseitigen, die die Bevölkerung von dem patrimoine culturel und den Künstlern trennte (vgl. Mesnard 1990: 101; Politiqueculturelle 1988: 31; Notesd’information 1972: 1).

Aber es handelte sich doch um eine „ elitäre Konzeption “ von Kultur, „womit lokale Musikverbände, Literaturzirkel, Volkstumsvereine, Abendkurse u.ä. explizit ausgeschlossen blieben“. Trotz Versuchen einiger Kulturhäuser, diesem Zustand entgegenzuwirken, „ im Sinne einer stärkeren Miteinbeziehung der Besucher (‘animation’), einer didaktischen Konzeption der Kulturvermittlung und einer Zusammenarbeit mit lokalen Verbänden [...], wurden noch unter Malraux Ausbau und Entwicklung der MdC stark gebremst“ (Frankreich-Lexikon 1983: 71).

2.3.5. c) Ergebnisse

Während Anthonioz (1987: 213), ohne Zahlen zu präsentieren, eine Lobrede an die Demokratisierungsmission der Maisons de la Culture hält, wird die Bilanz für das Jahr 1968 von Bertaud (1981: 331, ohne Quellenangabe[18] ) nicht positiv bewertet. Bertaud zufolge kann von Demokratisierung nicht die Rede sein, da die Kulturtempel sich an die ohnehin privilegierten Schichten richteten - durchschnittlich 63% der Besucher besäßen einen Universitätsabschluß; 1967/1968 wären 40% der Besucher Studenten oder Schüler, 15% Lehrer oder Professoren, nur 2-3% Arbeiter und weniger als 1% Bauern. Außerdem waren von den 20 geplanten Kulturhäusern nur neun eröffnet worden[19], die darüber hinaus unter sehr schlechten Bedingungen bis dahin bestanden hätten. Nach Bertaud wären selbst die geplanten zwanzig Einrichtungen nicht genug gewesen, um eine kulturelle Dezentralisation in Frankreich durchzuführen.

Mesnard (1990: 101) spricht dagegen von dem „succès qualitatif [Unterstreichung von mir] des Maisons de la culture réalisées“. Er beruft sich, ohne Statistiken zu präsentieren, auf positive Ergebnisse in bezug auf die Bemühungen um die décentralisation dramatique, sowie auf die partielle Verwirklichung der 1959 gesteckten Ziele „[de] rapprocher la culture, les créateurs et les animateurs, des intéressés, c’est-à-dire du public potentiel.“

Aber wie derselbe Mesnard (1990: 101) betont, wußte der Kultusminister selbst von den bestehenden Schwierigkeiten:

„On n’a pas toujours réussi à établir de bons rapports entre leurs directeurs, les municipalités et l’État, leurs charges excédant parfois les possibilités financières des villes; enfin, les événements de mai ont accentué certaines divergences.“

(André Malraux anläßlich der Budgetdebatte am 15. November 1968)[20].

2.3.6 Die „planification nationale“ und die „programmation des équipements publics“( nach Mesnard 1990: 99f.)

Wie den vorigen [21] Absätzen zu entnehmen ist, existierte ein großes Interesse seitens des Kultusministeriums, die équipements culturels publics zu verbessern und zu vergrößern. Dies war sogar das Ziel der Wirtschaftsplanung der Regierung de Gaulles.

So bestimmte der IV. Plan (für die Jahre 1962-1965) beispielsweise die Vervielfältigung der Maisons de la culture, die Gründung des Inventaire général des monuments et richesses artistiques, die Restauration wichtiger Baudenkmäler und die Förderung der archäologischen Forschung.

Nach dem V. Plan (für die Jahre 1966-1970) stellten die Maisons de la culture noch immer eine der Prioritäten dar. Außerdem wurde darin ein musée du Xxe siècle geplant, das nach einem Entwurf des schweizerisch-französischen Architekten, Malers und Bildhauers Charles-Édouard Jeanneret, genannt Le Corbusier, gebaut werden und Hochschulen für Architektur, Kino, Fernsehen, Künste und Musik beherbergen sollte. Dieses nicht realisierte „Museum des zwanzigsten Jahrhunderts“ war Gegenstand einer von Georges Pompidou veranlaßten Studie zu einem von ihm geplanten Kulturzentrum, das 1977 eingeweiht werden und seinen Namen tragen sollte, das Centre national d’art et de culture Georges Pompidou (vgl. Anthonioz 1987: 211).

Im IV. und V. Plan wurden auch die lois-programmes einbezogen, in denen es sich vor allem um die Pflege historischer Baudenkmäler und die équipements socio-éducatifs handelte (vgl. Mesnard 1990: 100, der in bezug auf die équipements socio-éducatifs leider nicht auf Einzelheiten eingeht; ihm zufolge wurden die lois-programmes gut durchgeführt, insbesondere im Ministerium für Jugend und Sport).

Die Bilanz in bezug auf diese Pläne ist nach Mesnard (1990: 100f.) insgesamt nicht zufriedenstellend. Nur 68% der kulturellen Vorhaben des IV. Plans wurden erreicht, „la culture étant une victime privilégiée du plan de redressement financier“; der kulturelle Teil des V. Planes wurde immerhin zu 86% durchgeführt, aber vor allem bezüglich der Maisons de la culture ist ein Rückstand zu verzeichnen. Außerdem mußten die Projekte neuerer Institutionen - wie die universités artistiques pluridisciplinaires, das neue Musée des sciences et des techniques, das Centre national de formation des animateurs oder das musée du Xxe siècle - aufgegeben werden.

2.4 Gesamtbilanz der Ära Malraux

2.4.1 Die Freiheit der Künstler

Malraux hatte von de Gaulle carte blanche für die Verwirklichung seiner Kulturpolitik bekommen, „le général de Gaulle paraissant ainsi, en matière culturelle, beaucoup plus respectueux que ses successeurs des prérogatives ministérielles“ (Mesnard 1990: 98). Verhielt er sich auf dieselbe Weise gegenüber seinen Untergebenen? Konnten die Künstler und die Leiter der verschiedensten Kultureinrichtungen auf Aktionsfreiheit hoffen?

Das Theaterstück Les Paravents (1960) vom ehemaligen Fremdenlegionär, Landstreicher und Sträfling Jean Genet, in dem scharfe Kritik an das französische Militär ausgeübt wurde, bekam offizielle Unterstützung (vgl. Bertaud 1981: 330). Häufig plädierte der Kultusminister in der Nationalversammlung für die Freiheit der Künstler. So verteidigte er selbst nach Mai 1968 „la liberté des animateurs [...] à l’abri de toute ingérence et de toute pression“ (in der Assemblée nationale am 13.11.1968, in: Foulon 1987: 237). In der Tat betont Mesnard (1990: 99), daß der antifaschistische Kämpfer bei Konflikten zwischen Künstlern und Politikern sich stets für Erstere aussprach.

Um so überraschender wirkt die Untätigkeit und das Schweigen Malraux’ angesichts des Verbotes vom Film La Religieuse (1966) von Jacques Rivette durch Yvon Bourges im Namen de Gaulles und der Zensur gegen das Theaterstück von Armand Gatti über Franco im TNP (vgl. Bertaud 1981:332).

Zwei weitere Episoden mögen auf den ersten Blick gleichfalls überraschend wirken. Bei Berücksichtigung der malrauschen Ansicht einer entpolitisierten Hochkultur - wie unter 1. Wer ist André Malraux?, S. 6 und 2.2 Kulturkonzept, S. 8f. erwähnt - und in Anbetracht der bereits seit Anfang der sechziger Jahre bestehenden Konflikte zwischen dem konservativen Staat und den linksgerichteten und avantgardistischen Leitern und Mitarbeitern kultureller Einrichtungen, fallen sie allerdings nicht unbedingt aus den Rahmen.

Es handelt sich um die Empörung im Kulturministerium anläßlich der Mai-Revolte, als die Maison de la Culture in Bourges zu einem Diskussionforum der Rebellen wurde (vgl. Lacouture 1973: 375f.). Ausgerechnet im Bourges-Kulturhaus, an dessen Wand Malraux’ Worte standen, die die französischen Bürger zum Mitmachen aufriefen:

„Il n’y a pas, il n’y aura pas de Maisons de la culture sur la base de l’État ni d’ailleurs de la municipalité. La Maison de la culture, c’est vous. Il s’agit de savoir si vouz voulez la faire!“

(In: Lacouture 1973: 375).

Aber es blieb nicht bei der Empörung. Mehrere Direktoren von Maisons de la Culture wurden entlassen, nachdem sie sich der Protestbewegung angeschlossen und „die Selbstverwaltung der Zentren unter Ausschluß von Staat und Gemeinde“ gefordert hatten (Frankreich-Lexikon 1983: 71f.).

Die zweite Episode bezieht sich auf die Odéon -Affäre. Dieses Theater, das im Herbst 1959 zu Théâtre de France umbenannt und in der Anwesenheit de Gaulles wiedereröffnet worden war, wurde, ebenfalls im Rahmen der Mai-Unruhen, zum Schauplatz der „Liquidierung“ seiner Intendanten, des Schauspielers und Regisseurs Jean-Louis Barrault und dessen Frau Madeleine Renaud. Barrault hatte mit den aufständischen Studenten, die sein Theater besetzt hatten, nicht nur das Gespräch gesucht, er hatte sich überdies geweigert, das Theater durch die Polizei räumen zu lassen, woraufhin der Kultusminister ihm im August 1968 den Entlassungsbrief zusandte (vgl. Lacouture 1973: 376f.; Frankreich-Lexikon 1983: 63).

Es spricht dennoch für Malraux, daß er Barrault bis zu diesem Zeitpunkt einen völlig freien Handlungsraum gewährt hatte, wie Barrault selbst in seinen Memoiren beteuert (Jean-Louis Barrault: Souvenirs pour demain. Paris: Seuil, 1972. In: Anthonioz 1987: 209).

2.4.2 Kulturelle Dezentralisierung und Demokratisierung

Bertaud (1981: 331f.) zieht eine harte Bilanz der Kulturpolitik Malraux’, insbesondere im Vergleich mit der Dezentralisation unter der IV. Republik, vor allem in den kommunistischen Gemeindeverwaltungen, die dem kulturellen Bereich noch nie dagewesene Budgets gewährleistet hatten.

Lacouture (1973: 372f., 376, 379) nimmt die Wörter „généreux“ und „désordonné“,„sporadique“ und „imprévisible“,„intermittence“ und „précarité“, um die Aktion des Kultusministers zu charakterisieren.

Tatsache ist, daß die Ziele Demokratisation und Dezentralisation der Kultur nur sehr vereinzelt erreicht wurden, auch wenn Malraux’ ehemalige Mitarbeiter Anthonioz (1987: 213f.), die Situation rosiger zu malen versucht. Für Anthonioz ist die gestion Malraux ohnehin positiv zu bewerten. Er beruft sich beispielsweise auf eine Analyse für die Jahre 1970-1986, wonach Malraux’ Nachfolger keine der von ihm initiierten Aktionen vernachlässigt habe; weitere Angaben zu dieser Analyse macht Anthonioz allerdings nicht.

Trotz der Schaffung der Maisons de la Culture und von drei centres dramatiques in der Provinz, die zusammen mit weiteren in der IV. Republik im Rahmen der décentralisation dramatique eröffneten Zentren[22] in der Lage waren, acht permanente Theatertruppen zu beherbergen - um die wichtigsten Beispiele zu nennen -, kann von Dezentralisierung und Demokratisierung nur bedingt die Rede sein. Eher sind Mißverhältnisse zwischen Paris und Provinz zu verzeichnen, z.B. in bezug auf die Verteilung der Subventionen - so wurden beispielsweise im Jahre 1965 32 Mio. F an die Pariser Opern ausgegeben, während sich alle théâtres lyriques de province eine Summe von 2,8 Mio. F teilen mußten (nach Bilanz 1965 von Le Monde. In: Foulon 1987: 233).

Worin liegt das Scheitern der malrauschen Aktion?

Man könnte hier, zusammen mit Lacouture (1973: 373) Malraux’ lange Abwesenheiten, seine Gleichgültigkeit gegenüber Problemen des Personals oder seine Vorliebe für die „cultures mortes“ anführen.

Michel Debré, der erste Premierminister der Ära de Gaulles, später Wirtschafts- und Finanzminister, verweist auf „le problème de nommer des ministres qui n’ont pas le goût de l’Administration“ (in Gespräch mit Foulon am 21.Januar 1982. In: Foulon 1987: 228).

Dazu kommt eine Reihe persönlicher Probleme: Im Frühjahr 1961 verlor Malraux in einem Autounfall seine beiden Söhne; im Februar 1962 explodierte in dem Haus, in welchem er wohnte, eine bombe; 1965 litt er unter akuter Depression.

Es gab dennoch zwei weitere Gründe, die m. E. zum Scheitern der französischen Kulturpolitik der sechziger Jahre zwangsläufig führen müßten, der einen materieller, den anderen ideologischer Natur.

Das erste Hindernis war ohne Zweifel das Budget des Kultusministeriums, das 1966 0,34% des gesamten Staatshaushaltes betrug. Für das Jahr 1968 wurde eine Erhöhung auf 0,43% vorgesehen, diesen Prozentsatz vermochte man bis zum Ende der gestion Malraux nicht zu überschreiten (vgl. Foulon 1987: 234; Lacouture 1973: 378).

In diesem Zusammenhang bemängeln Lacouture (1973: 378) und Mesnard (1990: 100), daß Malraux seinen Einfluß und seine Beziehung zum Ministerpräsidenten de Gaulle nicht nutzte, um eine Erhöhung des Kulturetats zu erwirken.

Andererseits beteuert Anthonioz (1987: 212) solches sei nicht möglich gewesen:

„[...] durant ‘les années Malraux’ le budget des Affaires culturelles a suivi la croissance du budget de l’État.“

Hinzu kamen Mißverhältnisse und Fehler in der Verteilung und Verwaltung der Gelder, wie von Valéry Giscard d’Estaing in der Sitzung der Assemblée nationale vom 9. November 1967 hingewiesen. So sollte beispielsweise im Jahr 1968 allein für die Opéra und die Opéra - Comique voraussichtlich ein ganzes Viertel des Budgets für kulturelle Angelegenheiten in einer Höhe von 37,8 Mio. F verwendet werden, während lediglich 22,3 Mio. F für die Pflege von nicht weniger als 10 000 Baudenkmälern bestimmt waren. Trotz dieser Konstellation mußte man - Giscard d’Estaing zufolge- die paradoxe feststellung machen, daß die für die Instandhaltung von Monumenten bewilligten Kredite nicht gänzlich verwendet wurden (vgl. Foulon 1987: 234).

Der zweite wichtige Faktor, der den Mißerfolg der malrauschen Kulturpolitik zu erklären vermag, ist deren punktueller Charakter[23]. So orientierten die 1959 gesteckten Ziele von einer die Gesellschaftsschichten und geographischen Regionen übergreifenden kulturellen Diffusion zwar sämtliche ministeriale Initiativen, dennoch entsprachen diese keiner genau definierten „stratégie de démocratisation de la culture“ (vgl. Politique culturelle 1988: 31), die für einen nicht nur theoretischen, sondern vor allem praktischen Kontinuitätsrahmen gesorgt hätten.

Kulturdemokratisierung, das bedeutete für Malraux zwar ein Angebot seitens des Staates, aber auch unbedingt eine eigene Errungenschaft seitens des Bürgers. Malraux zufolge stellte Kultur die Religion des 20. Jahrhunderts dar, die jedoch dem Individuum nicht auferlegt, sondern von ihm errungen und mitgemacht werden sollte.

Mesnard (1990: 100) verweist darauf, daß im V. Plan von „‘développement culturel concerté’“ die Rede ist und er fährt fort mit der Darlegung dieses Konzepts:

„il faut mettre en œuvre tous les moyens susceptibles de créer l’appétit individuel et collectif de la connaissance et du beau.“

Aber Tatsache ist, daß Malraux m.E. die Notwendigkeit übersah, tatsächlich ein Bedürfnis nach Kultur bei den Massen, die er erreichen wollte, zu erwecken, diese Massen für die Kultur zu erobern und dies nicht nur z.B. mittels Vergrößerung und Verbesserung der équipements oder Eintrittspreissubventionierung, sondern gleichfalls durch ein globales und systematisches Aufklärungs- und Aktivitätenprogramm, das beispielsweise die Schulen und Bibliotheken, aber auch die Massenmedien und Freizeitsinstanzen unbedingt einbeziehen und somit auf einer effektiveren interministerialen Zusammenarbeit fußen sollte.

Außerdem fehlten - wie in Politique culturelle (1988: 31f.) betont wird - für einen solchen kulturellen Plan die Vorschläge einer

„instance d’avis qui êut regroupé de manière pluraliste des représentants de diverses catégories de citoyens issus du monde de la culture, créateurs, gestionnaires d’associations (lucratives ou non), pédagogues, amateurs actifs ou passifs, chefs d’entreprise, travailleurs.“

Aber ein solcher ständiger Kulturrat, der erst zur real demokratischen Ausprägung der Kulturpolitik hätte führen können, entstand erst im Jahre 1971[24].

Selbst der Iv. Plan, bezogen auf die Jahre 1962-1965, wodurch die Kultur zum ersten Mal den Analysengegenstand einer Comission de l’équipement culturel et du patrimoine artistique - in Zusammenarbeit mit Soziologen und Pädagogen u.a. - wurde, erwirkte nicht die gewünschte und wünschenswerte Demokratisation ( vgl. Politique culturelle 1988: 33) .

Aus Furcht vor kulturellem Totalitarismus - wobei wohl die Erinnerungen an die Nazi-Zeit noch zu frisch und die Beispiele aus der stalinistischen Sowjetunion noch zu präsent waren -, also aus einer Rechtsstaatsauffassung heraus, führte der erste französische Kultusminister eine Kulturpolitik aus, die demokratisch sein wollte, aber im großen und ganzen den elitären Charakter von Kultur nicht beseitigen konnte, ja ihn sogar bestärkte.

2.4.3 Kulturpolitik = Prestigepolitik?

Aber es liegt auch der Verdacht nahe, daß die französische Kulturpolitik der sechziger Jahre ein anderes Ziel verfolgte, als das der kulturellen Demokratie, nämlich: die Verstärkung der grandeur française und des Prestiges de Gaulles im In- und Ausland.

War Malraux dabei der Ausführende oder das Instrument ?

Bereits Ende der vierziger Jahre war bei Malraux ein nationalistisches Denken festzustellen, was sich ganz im Einklang befand mit der gaullistischen Ideologie eines starken französischen Staates und einer starken französischen Weltmacht. Dieser Zustand der Dinge veränderte sich in der folgezeit nicht.

So kann niemanden wundern, daß der für die „expansion etrayonnement de la culture française“ verantwortliche Malraux in der zweiten Hälfte des Jahres 1958 sich weniger mit Kultur befaßte, als mit der gaullistischen Propaganda.

In seiner ersten Pressekonferenz am 24. Juni 1958 und bei Ansprachen am 14. Juli, 24. August und 4. September desselben Jahres war Malraux bemüht, das französische Volk und vor allem die linke Intellektualität von der „fidélité du général et de ses compagnons au régime républicain“ zu überzeugen (Lacouture 1973: 363).

Darauf reiste er als Gesandter de Gaulles auf die französischen Antillen und nach Französisch-Guayana - um Stimmen für die gaullistische Verfassung zu sammeln[25] -, dann nach Iran, Japan und Indien - mit dem Anliegen, dem faschistoiden Image des neuen französischen Regimes im Ausland ein wenig entgegenzuwirken.

Was die Aktion Malraux’ als Kultusminister anbelangt, so ist für Bertaud (1981: 329) die Nationalkultur in den sechziger Jahren [asservie] de manière systématique et planifiée aux intérêts du prestige gaulliste“, wobei Malraux in einer Analyse seiner Rolle im gaullistischen Regime als, wenn auch freiwilliges, Instrument erscheint:

„rassurer en quelque sorte les intellectuels et les démocrates, leur faire oublier certaines assises fascisantes du régime en exhibant avec son actif assentiment, le militant antifasciste, l’apologiste de la Chine révolutionnaire, le combatant de la guerre d’Espagne, le résistant de la première heure.“

Lacouture (1973: 361) zufolge stellte die malrausche Kulturpolitik bewußt eine Politik des Nationalprestiges dar, das dem gaullistischen Prestige gleichzusetzen ist und in der Malraux sich zu einer versöhnenden Mission berufen glaubte:

„Malraux se croit alors [1958] une sorte de trait d’union entre de Gaulle et la gauche. Mieux: il se croit la gauche, tout bonnement, le courant de gauche qui, arc-bouté au pouvoir, fait de celui-ci le rempart contre le fascisme. [...] [Il] s’étonne que la gauche ne se rassemble autour de lui en vue de transformer une fois pour toutes de Gaulle en Marianne.“

Als sich Albert Camus und François Mauriac 1958 weigerten, eine algerische Komission pro de Gaulle zu bilden, verstand Malraux die Welt nicht mehr, denn er war überzeugt, de Gaulle bedeute die wirkungsvollste Opposition dem - nun stalinistischen - Totalitarismus, wie er es 20 Jahre zuvor von der Kommunistischen Internationalen in bezug auf den Faschismus geglaubt hatte (vgl. Lacouture 1973: 362).

In Anbetracht der punktuellen und oft sensationslustigen Aktion Malraux’ als Kultusminister - die großen Ausstellungen; die unzähligen Reisen des Ministers um die Welt, von Brasilia und Washington über Kairo und bis Moskau, Tokyo und Peking, bei denen er, eine Art Botschafter der französischen Kultur, aber auch des gaullistischen Regimes, stets Ansprachen zur Kultur und zur Rolle Frankreichs in der internationalen Politik- und Kulturlandschaft hielt; die spektakulären, von Fernsehübertragungen begleiteten Ausleihe der Joconde an die USA (1963) und der Vénus de Milo an Japan (1964); die Grabreden für den Maler Georges Braque (1963) und Le Corbusier (1965); die spektakuläre panthéonisation des Widerstandskämpfers Jean Moulin (1964), um nur einige Beispiele zu nennen - wird man versucht, sich Lacouture und Bertaud anzuschließen. Zumal Malraux selbst kein Hehl daraus machte, was er von seinen Maßnahmen erwartete. Er äußerte sich beispielswewise am 27. Oktober 1966 vor der Chambre des députés folgendermaßen zu den Maisons de la Culture (In: Lacouture 1973: 374):

„[...] la France peut, dans les dix années qui viendront, redevenir, grâce aux maisons de la culture, le premier pays culturel du monde.“

...

André Malraux starb am 23. November 1976 an einer Lungenembolie. Nach dem Rücktritt de Gaulles im April 1969 war er auch zurückgetreten, so daß er seine letzten Lebensjahre seiner Jugendleidenschaft, der Kunstphilosophie, und seinen Antimémoires widmen konnte. Er konzipierte noch ein Projekt der Encyclopédie des grands révolutionnaires, das allerdings nie verwirklicht wurde[26].

Am zwanzigsten Jahrestag seines Todes befand er sich wieder im Dienste des gaullistischen Prestiges, und zwar anläßlich seiner „Panthéonisierung“, die Jacques Chirac, der erste französische Staatspräsident aus den gaullistischen Reihen nach zwölf Jahren, zusammen mit dem Institut Charles de Gaulle als ein aufwendiges, fernsehübertragenes Schauspiel angeordnet hatte.

Wie Müller (1996) in seinem Artikel in der Berliner Zeitung zutreffend betont, „nutzt auch Chirac das Nationalheiligtum zur Demonstration seiner Macht: Endlich soll der Gaullismus im Ehrentempel Einzug halten.“ Ähnliches war bereits unter de Gaulle und Malraux selbst geschehen - anläßlich der Überführung ins Panthéon des Widerstandskämpfers Jean Moulin im Jahre 1964. Nun wird aber ein bekennender Gaullist zum Nationalheld erklärt. Obwohl Müller den Klischees erliegt und den Malraux der Zwischenkriegszeit als Antikolonialist und Kommunist bezeichnet, so hat er nicht Unrecht in der Behauptung, daß, angesichts der von Malraux durchgemachten Metamorphosen, „ein jeglicher seinen Malraux neu zu Grabe trägt [Unterstreichung im Original] , so daß Chirac mit der Zustimmung nahezu aller, unter Umständen auch der antigaullisten, rechnen könnte (vgl. auch Hartig 1996). Zumal er in seiner Rede (vgl. Chirac 1996), einer chronologisch geordneten Aufzählung der Lebensstationen des André Malraux, geschickt, und dennoch vollkommen wahrheitsgetreu, an den Nationalgeist der französischen Bürger appellierte, und sich selbst an die Figur und den Geist Malraux’ und de Gaulles zu verbinden verstand:

„ Vous êtes, André Malraux, en prise directe sur le monde. Vous allez être de ceux qui prennent en charge l’injustice du monde. Personne n’a, avec plus d’éloquence, défendu l’idéal de justice et chanté la fraternité.

[...]

„En réalité, André Malraux, vous incarnez mieux que tout autre le gaullisme tel que le voulait le général: ni de droite, ni de gauche, mais de France.“

3. BIBLIOGRAPHIE

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- BERNARDES 1997: Bernardes, Betina: Malraux. O escritor é tema de uma biografia feita por Jean-François Lyotard. [Malraux. Der Schriftsteller ist Gegenstand einer von Jean-François Lyotard geschriebene Biographie]. [Interview mit dem Autor]. In: Folha de São Paulo, 12. Januar 1997, 5-5.

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- MÜLLER 1996: Müller, Volker: Neuzugang auf Frankreichs Olymp. In seltener nationaler Eintracht wird André Malraux ins Panthéon umgebettet. In: Berliner Zeitung, 22. November 1996, 27.

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- PAYNE 1973: Payne, Robert: Le ministre. In: André Malraux. [A portrait of André Malraux]. Paris: Buchet/Chastel, 1973, 327-367.

- POLITIQUE CULTURELLE 1988: Objectifs de la politique culturelle française. André Malraux et l’héritage [und] L’élaboration de la politique culturelle. In: Politique culturelle de la France. Conseil de la coopération culturelle. Paris: La Documentation française, 1988, 29-33.

- ROBERT-DIARD 1996: Robert-Diard, Pascale: M. Chirac a célébré André Malraux, „homme de justice et de fraternité“. In: Le Monde, 26. November 1996, 8.

- SIRINELLI 1995: Sirinelli, Jean-François: Das Zeitalter der Massenkultur? In: Rémond, René: Frankreich im 20. Jahrhundert. Zweiter Teil. 1958 bis zur Gegenwart. Band 6 der „Geschichte Frankreichs“.Stuttgart:Deutsche Verlags-Anstalt, 1995, 444-471.

[...]


[1] Dieses ließ Malraux die Welt sein ganzes Leben lang glauben. Sein Biograph Lacouture 1973, bewies dennoch das Gegenteil.

[2] Gemeint ist hier die revolutionäre Aktion der südchinesischen Kuomintang -Regierung in Canton gegen die ausländische Präsenz im China der zwanziger Jahren (vgl. Autrand 1992: 27f.; Boutet de Monvel 1973: 5).

[3] Für La Condition humaine erhielt Malraux den prix Goncourt.

[4] Der Roman L’Espoir wurde 1938-1939 unter dem Titel Sierra de Teruel verfilmt.

[5] Im Oktober 1923 fuhr Malraux mit seiner Frau und einem Freund nach Französisch-Kambodscha in einer unoffiziellen archäologischen Mission, bei der sie im Dschungel nach Khmer-Kunstschätzen suchten. Malraux und sein Freund wurden anschließend von den Kolonialbehörden in Pnom Penh wegen Kunstraubes angeklagt und zum Gefängnis verurteilt. In einem zweiten Verfahren wurde die Strafe allerdings verringert und auf Bewährung ausgesetzt.

[6] Solidarität und Fraternität in der revolutionären Aktion - das sind Instanzen, die bereits in Les Conquérants präsent sind, jedoch erst in La Condition humaine und vor allem in Le Temps du mépris und L’Espoir stärker in den Vordergrund gerückt werden.

[7] Dekret Nr. 59-212 vom 3. Februar 1959, im Journal officiel des 4. Februar 1959. In: Foulon 1987: 227.

[8] Dekret Nr. 59-889 vom 24. Juli 1959, Journal officiel des 26. Juli 1959. In: Foulon 1987: 228f. Siehe auch Politique culturelle 1988: 30.

[9] „[...] comprenant aussi les spectacles, la musique, les musées, les enseignements artistiques spécialisés “ (Politique culturelle 1988: 30).

[10] In Klammern befindet sich das Gründungsjahr der jeweiligen Einrichtung, was in der Literatur (Lacouture 1973: 372; Foulon, 1987: 233f.) nicht immer angegeben wurde.

[11] Diese Absichten stehen theoretisch auch im Einklang mit denen des Front populaire (1936) und der Libération (vgl. Politique culturelle 1988: 30). Interessant ist auch der immer wieder kehrende Bezug auf die III. Republik und die Alphabetisierungsbemühungen.

[12] Das Fernsehen stand unter dem Informationsminister.

[13] Der unter 2.1 Aufgaben und Aktionsbereiche des ersten französischen Kultusministerium s, S. 7, erwähnte Haut commissariat à la Jeunesse et aux Sports, der 1966 zum ministère de la Jeunesse et des Sports wurde, befaßte sich weiterhin mit Fragen der Jugend und Freizeit.

[14] Die öffentlichen Bibliotheken gehörten zu den Zuständigkeitsbereichen des ministère de l’Éducation nationale.

[15] Hierfür sind leider keine Statistiken in der Literatur zu finden. Auch der Zeitpunkt mehrerer dieser Ausstellungen sind darin nicht angegeben.

[16] Siehe auch 2.3.6 Die „planification nationale“ und die „programmation des équipements publics“, S. 15.

[17] Nach Frankreich-Lexikon 1983: 70f. werden heutzutage die Unterhaltskosten „zu zwei Dritteln aus den Einnahmen, zu einem Drittel aus paritätisch von Staat und Gemeinde getragenen Zuschüssen bestritten“.

[18] Diese Statistiken, die merkwürdig anmuten, werden hier nur deshalb nachzitiert, weil der Verfasserin keine anderen zur Verfügung stehen.

[19] In Amiens, Bourges, Firminy, Grenoble, Le Havre, Rennes, Reims, Nevers und Paris (nach Payne 1970: 334); nach Lacouture 1973: 374f.: Le Havre, Grenoble, Caen, Thonon, Rennes, Firminy, Saint-Étienne, Ménilmontant, Amiens.

[20] Siehe 2.4.1 Die Freiheit der Künstler , S. 2 .

[21] Mesnard hält in seinem Aufsatz die Aufgaben und Realisierungen der Ministerien für Kultur und für Jugend und Sport stellenweise nicht auseinander, dies erweckt den Eindruck einer interministeriellen Zusammenarbeit, was den realen Umständen jedoch nicht entspricht. Vgl. auch Frankreich-Lexikon 1981: 24f.

[22] Diese zwischen 1947 und 1952 in Strasbourg, Saint-Étienne, Toulouse und Aix-en-Provence eröffneten „dramatischen Zentren“ stellen ein Beispiel zur kulturellen Dezentralisationspolitik der IV. Republik dar (vgl . Politique culturelle 1988: 30; Frankreich-Lexikon 1981: 106).

[23] Darauf wurde vom Seminarleiter Herr Dr. Hartmann in einem Nachtrag zu dem Referat, das der vorliegenden Arbeit zugrundeliegt, verwiesen. Mesnard (1990: 99), der die von manchen Autoren verwendete Bezeichnung „action diffuse“ ablehnt, spricht eher von symbolischem, exemplarischem Charakter der malrauschen Kulturpolitik.

[24] Es handelt sich hier um den Conseil de développement culturel, dessen Vorsitzende der Dichter Pierre Emmanuel war. Die zahlreichen von diesem Rat ausgearbeiteten Vorschläge wurden allerdings kaum berücksichtigt; der Rat verschwand zwei Jahre nach seiner Gründung, als seine Mitglieder kollektiv zurücktraten (vgl. Politique culturelle 1988: 32). Anders verhielt es sich in bezug auf den Haut commissariat à la Jeunesse et aux Sports (ab 1966 ministère de la Jeunesse et des Sports), der eine starke Zusammenarbeit mit Jugendvereinen unterhielt (vgl. Mesnard 1990: 99).

[25] Am 28. September 1958 wurde diese Verfassung per Volksentscheid angenommen.

[26] Ein Vorwort verfaßte er trotzdem. Es wurde in der Nouvelle Revue Française vom November 1996, die ganz Malraux gewidmet wurde, veröffentlicht.

Details

Seiten
24
Jahr
1997
ISBN (Buch)
9783656909163
Dateigröße
680 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12081
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Kulturpolitik fraanzösische Geschichte Gaullismus

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Titel:  Die Ära Malraux  -  Kulturpolitik im Frankreich der sechziger Jahre