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Ist Eva wirklich an allem Schuld?

Ein Blick auf die Schöpfung aus feministisch-theologischer Perspektive

Hausarbeit 2008 17 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die beiden Schöpfungsberichte

1.1 Genesis 2-3
Die vorpriesterschriftliche Überlieferung
1.2 Genesis 1
Die priesterschriftliche Urgeschichte

2. Auslegungstradition und ihre Folgen

3. Feministische Theologie als ein Weg aus der Fehlinterpretation

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Es ist allgemein bekannt, dass die Frau in alttestamentlicher Zeit in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft lebt. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Sammlung der Schriften, aus denen das Alte Testament besteht, sich über einen Zeitraum von ca. 1000 Jahren erstreckt, bevor sie in der nachexilischen Zeit geordnet und endgültig zusammengefügt wurden. Daher kann man auch nicht pauschal von dem Alten Testament oder von der Frau im Alten Testament sprechen. Die Strukturen waren in dieser langen Zeit sicherlich nicht immer gleich. Allerdings haben sich durch Überlieferung und (zumeist männliche) Auslegung gewisse Anschauungen durchgesetzt, die bis vor relativ kurzer Zeit nur wenig in Frage gestellt wurden. Um die Aussagen der Texte wirklich begreifen zu können, muss man zurück zu den Quellen gehen. Durch genaue Textbetrachtung können Differenzen zwischen der historischen Urbedeutung und dem kirchlichen Dogma entdeckt werden. Wenn man die Erzählungen ganz aus ihrer Zeit zu sich reden lässt und zu verstehen versucht, hat man auch die Möglichkeit, ihre Aussagen auf unsere heutige Zeit zu beziehen. Nur so kann man ihre bleibende Botschaft erkennen und dadurch ihren Sinn für unsere moderne Welt entdecken.

Die Schöpfungsgeschichte und der so genannte Sündenfall gehören zu den bekanntesten Erzählungen des Alten Testaments. Fast jeder hat schon von Adam und Eva, ihrer Schöpfung, ihrem Fehlverhalten und der anschließenden Vertreibung aus dem Paradies gehört und meint, über die Rolle, die Eva dabei spielt, genau Bescheid zu wissen. Die auf falscher Auslegung der Texte basierende Anschuldigung, Verurteilung und dadurch angeblich legitimierte Unterdrückung der Frau im Allgemeinen hat sich auf diese Weise über die Jahrtausende halten können. Die wenigsten Menschen haben sich dabei mit der genauen Aussage des Textes selbst befasst, und wenn, dann überwiegend erst in jüngerer Zeit. Das meiste von dem, was man sicher zu wissen glaubt, ist diesem so gar nicht zu entnehmen. Aber die Vorurteile halten sich hartnäckig und das trotz einer mittlerweile sehr differenzierten Exegese.

Im Rahmen dieser Arbeit sollen die beiden Schöpfungsberichte im ersten Buch Mose im Hinblick auf den Menschen und speziell auf die Frau genauer betrachtet, ihre Bedeutung in der Zeit ihrer Entstehung untersucht und ein Blick auf die daraus folgende Wirkungsgeschichte bis heute geworfen werden. Dabei rückt dann die feministisch-theologische Betrachtungsweise in den Mittelpunkt der Untersuchung.

1. Die beiden Schöpfungsberichte

1.1 Der vorpriesterschriftliche Schöpfungsbericht

Gen 2,4b - 3

Da es sich bei Genesis 2,4b-3 um den älteren der beiden Schöpfungsberichte handelt und diese Tatsache auch Auswirkungen auf die Auslegung hat, möchte ich ihn hier an den Anfang stellen. Fast hundert Jahre lang herrschte in der Wissenschaft Konsens, dass dieser Bericht vom so genannten Jahwisten verfasst worden ist. Dagegen sind in jüngerer Zeit eine Reihe von Einwänden erhoben worden (vgl. W. Klaiber 2005, 48), auf die ich hier aber nicht näher eingehen möchte. Einigkeit besteht jedenfalls dahingehend, dass es sich bei dem zweiten Schöpfungsbericht um eine „vorpriesterschriftliche“ Überlieferung handelt, er also wirklich älter ist. Durch das Verweben der beiden Erzählfäden von Gen 1-2,4a und Gen 2,4b-3 ergibt sich ein neuer Sinnzusammenhang in der Gesamttextur der biblischen Urgeschichte. Der jüngere Bericht hat einen viel universaleren Ansatz und gibt dem älteren einen Rahmen, innerhalb dessen dieser gelesen werden sollte. Letztendlich kommt es dadurch zu einem Perspektivwechsel, und die Erzählung von Gottes Schöpfung erscheint in einem neuen Fokus (vgl. W. Klaiber, 2005, 48).

Während im ersten Schöpfungsbericht die Weltschöpfung durch das Wort Gottes im Vordergrund steht, beschreibt der vorpriesterschriftliche Bericht im Rahmen einer bäuerlichen Umwelt das handwerkliche Tun Gottes, indem erzählt wird, wie er „formte“ und „baute“. Die Erschaffung der Welt wird hier nur andeutend in einem Nebensatz am Anfang erwähnt, dann wird gleich zu der Erschaffung des Menschen übergegangen. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Woher, dem Ursprung des Menschen (vgl. C. Westermann, 1983, 101). Dabei sind zwei ursprünglich selbstständige Erzählungen so kunstvoll miteinander verwoben, dass eine neue in sich geschlossene Erzählung entsteht.

Die eine Geschichte berichtet von der Erschaffung des Menschen und von Gottes Feststellung, dass „es nicht gut ist, dass der Mensch allein ist“. Er will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei (Gen 2,18). Also erschafft Gott Tiere, die den Menschen ergänzen sollen, aber das erweist sich als nicht ausreichend. Erst in der Erschaffung der Frau ist die Schöpfung des Menschen komplett und gelungen. Mit „Gehilfin“ ist allerdings nicht eine Art Dienerin gemeint, sondern ein ebenbürtiges Gegenüber. Der Mensch bedarf des gegenseitigen Helfens, so ist er von Gott geschaffen, und dieses gegenseitige Helfen ist ein Wesensbestandteil seines Menschseins (vgl. C. Westermann 1976, 309). Der Mensch als Einzelner ist noch nicht das von Gott beabsichtigte Geschöpf, erst in der Ich-Du-Beziehung ist der Mensch wirklich Mensch (vgl. C. Westermann 1983, 104). Gott hat ihn als Mann und Frau geschaffen, und als solche sind sie einander ebenbürtig. „Einheit und Unterscheidung der menschlichen Existenz in der Geschlechterdifferenz wird hier ausgedrückt.“ (W. Klaiber 2005, 56). Adam wird erst im Gegenüber zur Frau zum Mann und die Einheit im Körperlichen - „Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Gen 2,23) – wird von ihm ausdrücklich bejubelt. Sie ist Grundlage für die enge Verbundenheit in der partnerschaftlichen Gemeinschaft. Aus der Tatsache, dass die Frau aus einer Rippe Adams erschaffen wurde, kann weder eine Minderwertigkeit der Frau abgeleitet werden, noch, dass Adam Eva „hervorgebracht habe“, ähnlich einer Geburt. Der Text sagt dies ganz und gar nicht aus, Gott wird ganz klar als alleiniger Schöpfer dargestellt. Adam wird von ihm in einen tiefen Schlaf versetzt und hat keinerlei Anteil am Schöpfungsgeschehen. Dass die Frau aus Fleisch und nicht wie der Mann aus Erde gemacht ist, soll schließlich nur das „Aneinanderhängen der Geschlechter, das immer wieder Zueinanderstreben“ begründen, das der Erzähler in seiner Lebenswirklichkeit immer wieder mit Erstaunen beobachtet (vgl. H. Schüngel-Straumann 1989, S.106).

Die andere Geschichte berichtet von der Schaffung des Gartens, den der Mensch bebauen und bewahren soll, dem Gebot, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen, dem Übertreten dieses Gebots und der anschließenden Vertreibung aus dem Garten. So wird die Erschaffung des Menschen mit seiner ersten Verfehlung in einem Geschehnisbogen zusammengefügt und damit von vorneherein deutlich gemacht, dass zum Sein des Menschen unablösbar auch die Verfehlung gehört. Der Mensch ist von Gott „richtig“ und gut geschaffen, aber eben auch so, dass er gegen seinen Schöpfer ungehorsam sein kann. Nur in der Spannung zwischen seinem Hersein von Gott und der Möglichkeit seines Sich-Stellens gegen Gott ist er Mensch (vgl. C. Westermann 1983, 103). Dadurch wird auch klar, dass der Ungehorsam gegen Gott nicht die Tat eines Individuums (in der allgemeingültigen Auslegungsgeschichte Eva), sondern die des Menschen in der Gemeinschaft, also als Mann und Frau zusammen ist. Die Verführung Adams durch die Frau, ein häufiges und beliebtes Motiv, das über die Jahrtausende immer wieder herhalten musste, um die Frau als verdorben und für den Untergang des Mannes verantwortlich zu zeichnen, wird im Urtext nicht berichtet. Es heißt lediglich „Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.“(Gen 3,6b). Dabei stehen nach Claus Westermann zum einen Verlockung, zum anderen Begehren im Vordergrund. Das Bestreben, klug zu werden, wie Gott zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, beinhaltet die Möglichkeit des Aufstrebens, das Daseinssteigerung bringt (vgl. C. Westermann 1976, 339). Dieses Streben ist durch Gott im Menschen angelegt, dadurch aber auch die Gefahr, durch Übertreten des Gebots mit dem Schöpfer in Konflikt zu geraten. Indem die Frau dem Mann auch von der Frucht zu essen gibt, wird außerdem ein weiterer Aspekt der menschlichen Gemeinschaft deutlich: Sie kann zu gemeinsamer Erfüllung, aber auch zu gemeinsamer Verfehlung führen. Der gemeinsame Ungehorsam hat eine gestörte Beziehung zwischen Mann und Frau zur Folge, welche in der Scham voreinander Gestalt gewinnt. Über die Herkunft des Bösen bzw. der Sünde wird gar nichts gesagt, es bleibt schlicht ohne Erklärung, warum es in die Welt kam (vgl. C. Westermann 1976, 325).

In der neueren Auslegung ist man zu dem Konsens gelangt, dass in Gen 2 kein „Urstand“ im Sinne einer zeitlich ausgedehnten Epoche der menschlichen Geschichte dem späteren Zustand menschlicher Existenz nach dem Fall gegenübergestellt wird. Vielmehr wird in Kapitel 2 Menschsein so beschrieben, wie Gott es gewollt hat, und in Kapitel 3 wird gezeigt, wie es durch das Fehlverhalten geworden ist (vgl. W. Klaiber 2005, 58). Es geht um die ätiologische Begründung der Lebenssituation des Menschen, wie sie dem Erzähler vor Augen ist. Diese Welt, von der mühseligen Arbeit des israelitischen Bauern auf steinigem Acker und dem eingeengten Dasein der Frau in der Unterordnung unter den Mann geprägt, entspricht so nicht dem ursprünglichen Willen des Schöpfers. Die unheilvollen Lebenszusammenhänge werden als Folge eines Bruchs in der Beziehung zwischen Gott und den Menschen erklärt: Der Mensch ist nicht mehr eins mit der Natur, Tiere werden zu Feinden (symbolisiert durch die Schlange), die Geburt von Kindern ist für die Frau mit Schmerzen und Gefahr verbunden, und das Urvertrauen zwischen Mann und Frau ist verloren. Zu all dem kommt auch noch der Tod, allerdings nicht als Strafe Gottes, sondern als natürliches Ende des alltäglichen mühsamen Überlebenskampfes. Der Mensch ist aus Erde gemacht und zu Erde wird er wieder werden (vgl. W. Klaiber 2005, 64). Der Erzähler stellt diese Lebensbedingungen als vom Menschen selbst verursachte Minderungen seiner Lebensqualität dar und nicht als göttlichen Willen. Der Weg des Menschen in die Autonomie ist unumkehrbar, was sich im Bild vom verschlossenen Paradies zeigt (vgl. F. Johannsen 2005, 65). Das eigentliche Ziel der Erzählung liegt in der Vertreibung aus dem Garten und der damit verbundenen Erfahrung des Fernsein Gottes in der irdischen Wirklichkeit des Menschen. Hierin liegt auch die Strafe für die Übertretung des Gottesgebots (vgl. C. Westermann 1983, 147). Doch auch „jenseits von Eden“ sorgt Gott für den Menschen, er macht Kleidung für ihn und gibt ihm dadurch Schutz. Der vor Gott bloßgestellte Mensch braucht sich jetzt nicht mehr zu schämen, womit zum Ausdruck gebracht wird, dass Gott ja sagt zu den Menschen, so wie sie sind, auch in ihrer Fehlbarkeit. Indem Adam seiner Frau einen Namen gibt – Chawwa (Eva), was ‚Mutter alles Lebendigen’ bedeutet, zeigt sich, dass der dem Geschöpf mitgegebene Segen unversehrt erhalten bleibt. „Der von Gott entfernte bleibt der von Gott gesegnete Mensch, und durch die Segenskraft bleibt das Leben der Menschen in die Zukunft hinein offen.“ (C. Westermann 1983, 148).

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Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640247363
ISBN (Buch)
9783640861026
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120789
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Philosophische Fakultät, Abteilung Ev. Theologie und Religionspädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Schuld Seminar Frauengestalten Hebräischen Bibel

Autor

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Titel: Ist Eva wirklich an allem Schuld?