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Muslime in Yangon

Magisterarbeit 2008 94 Seiten

Südasienkunde, Südostasienkunde

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungen

Anmerkung zur Bezeichnung von Orts-Namen und zur Transkription

1. Einleitung
1.1. Untersuchungsgegenstand und Fragestellung
1.2. Aufbau und Gliederung der Arbeit
1.3. Forschungssituation
1.4. Eine Anmerkung zur Methodik
1.5. Forschungsüberblick

2. Geschichte und Gegenwart der Muslime in Myanmar
2.1. Ankunft zur Zeit der Könige
2.2. Die Kolonialzeit
2.3. Die Vor- und Nachbereitung der Unabhängigkeit
2.4. Von der Unabhängigkeit in die Gegenwart: Ausschreitungen und Pogrome
2.5. Beispiele von anti-muslimischen Ausschreitungen bis zum Jahr 1988
2.6. Nach dem Jahr 1988
2.7. Tage im September 2007
2.8. 2008 Das Referendum über die neue Verfassung

3. Identität oder Identitäten?
3.1. „Was ist Identität?“ Eine Antwort aus sozialwissenschaftlicher Perspektive
3.2. Burmese Muslim vs. Indian Muslim?
3.3. Burmanization: Assimilation oder Integration?
3.3.1. Was ist Assimilation?
3.3.2. Was ist Integration?
3.4. Burmanization als Assimilation
3.5. Burmanization als Integration
3.6. Ein weiteres Problem des Begriffes Burmanization

4. Muslime in Myanmar
4.1. Was ist ein Muslim?
4.2. Facetten des Islam in Myanmar
4.3. Sonderfall: Rohingya
4.4. Muslimische Gemeinden in Myanmar
4.5. Die myanmarische Minderheitenpolitik und die Muslime Myanmars

5. Die muslimische Gemeinde in Yangon
5.1. Ethnische Zugehörigkeit
5.2. Die Moscheen des Pabedan-Viertels
5.2.1. Die Cholia Moschee
5.2.2. Die Mogul Schia Moschee
5.3. Sprachen
5.4. Alltägliches
5.4.1. Kleidung
5.4.2. Essen als Identitätssymbol
5.4.3. Essen als Treffpunkt
5.4.4. Gesten als Identitätsrituale
5.5. 786 – Eine Verschwörung

6. Abgrenzungen nach Innen: „we actually face discrimination here!“
6.1. Erste Abgrenzung: Muslim von Muslim
6.2. Zweite Abgrenzung: Muslime von Buddhisten
6.2.1. Yussuf Habeeb
6.3. Dritte Abgrenzung: Aus der Perspektive der burmesischen Mehrheit
6.4 . Noch zwei Bezeichnungen: Burmese Indian und Burmese Indian Muslim
6.5. Waffen in der Moschee

7. Organisationen
7.1. Zivilgesellschaftliche Organisationen
7.2. Tablīghī Jamā‘at
7.2.1 Missionierungsbestrebungen und daraus resultierende sprachliche Besonderheiten im Burmesischen
7.3. Jam‘ iyyat al-‘Ulamā al-Islām Myanmar
7.4. Politische Organisationen

8. Kontakte nach Außen
8.1. Eine Lebensansicht: Fayez Abdullah
8.2. Internationalagierende islamische Organisationen: die Islamic Development Bank und die Aga Khan Foundation
8.3. Al Qaida
8.4. The First Conference of Burmese Muslims, New York Juli 2008

9. Schlussfolgerung

Appendix
Appendix 1: Liste der Interviewpartner (Beiträge in der Arbeit zitiert)
Appendix 2: Glossar

Literaturliste

Internetquellen

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung zur Bezeichnung von Orts-Namen und zur Transkription

In dieser Arbeit verwende ich den Namen Myanmar, weil dieser durch die Vereinten Nationen offiziell anerkannt ist. Die Entscheidung für die Verwendung der Bezeichnung Myanmar sollte nicht politisch verstanden werden. Ich beabsichtige damit weder meine Befürwortung der politischen Verhältnisse in Myanmar noch meinen Widerstand gegen die myanmarische Regierung auszudrücken. In Zitaten richte ich mich nach der Bezeichnung, die der jeweilige Autor für sich gewählt hat. Für die Geschichte Myanmars vor dem Jahr 1989 verwende ich die Bezeichnung Burma. Wenn ich über eine historische Entwicklung spreche, die bis in die heutige Zeit reicht, verwende ich die Schreibweise Burma/Myanmar.

Die Transkription von Ortsnamen orientiert sich an der gängigen Schreibung der Namen in der englischsprachigen Literatur. Ich entschied mich für diese Schreibung, weil sie eine größere Wiedererkennung garantiert, auch wenn diese linguistisch nicht immer einwandfrei ist. Bezogen auf die Personennamen habe ich die von den Befragten selbst angewandte Transkription verwendet. Alle arabischen Begriffe werden entsprechend der Vorgaben für die Umschrift der Morgenländischen Gesellschaft [1] ins Deutsche gebracht. Ausgenommen sind arabische Begriffe, welche in einer eigenen Rechtschreibung in der deutschen Sprache existieren und durch den Duden bestimmt sind. Für die Übersetzung von burmesischen Wörtern benutze ich das Myanmar-English Dictionary [2], das vom burmesischen Bildungsministerium herausgegeben wird. Es dient mir auch als Transkriptionsvorlage. Eine Auswahl von fremdsprachigen Begriffen wird im Glossar erläutert. Sie werden bei ihrem ersten Erscheinen im Text kursiv gesetzt. Namen von Parteien und Organisationen erscheinen immer in kursiver Form.

Die Interviews erscheinen in einer überarbeiteten Übersetzung. Ich gebe im vorliegenden Text nur die Aussagen wieder, die für das Thema meiner Arbeit von Bedeutung sind. Da die Mitschriften der überwiegend in Englisch und Burmesisch geführten Interviews durch eine Vielzahl von Zitaten aus dem Arabischen, Persischen und Urdu vermischt waren, habe ich die Interviews in dieser Arbeit auf Deutsch wiedergegeben. Ich hoffe auf diese Art und Weise eine größere Verständlichkeit für den Leser zu erreichen und dennoch ein gutes Abbild der Aussagen wiederzugeben.

1. Einleitung

1.1. Untersuchungsgegenstand und Fragestellung

Myanmar ist ein vorwiegend buddhistisch geprägtes Land. Muslime leben an allen Orten, die sie in Myanmar bewohnen, in der Minderheit. Mein Forschungsinteresse galt vor meiner Ankunft in Myanmar eben diesen Minderheiten, die meist in urbanen Zentren zu finden sind. Es war meine Absicht die muslimischen Gemeinden in Yangon, Moulmein, Mandalay und Sittwe und deren Verhältnis zu ihren buddhistischen Nachbarn zu untersuchen. Nach der ersten Woche meines Aufenthaltes in Yangon zeichnete sich ab, dass die bereits gesammelten Informationen für die Bearbeitung meines Magisterthemas ausreichen würden. Die bis dahin geführten Interviews deckten bereits ein Themenspektrum von Analphabetismus über Scheidungsrecht bis hin zur Zakāt ab. Eine Erweiterung um die Gemeinden anderer Städte hätte zu einer Anzahl von Daten geführt, die ich im Rahmen einer Magisterarbeit nicht hätte bewältigen können.

Nach den ersten Gesprächen in Yangon wurde mir bewusst, dass das Verhältnis von Buddhisten und Muslimen, wenn diese es mir gegenüber beschrieben, in erster Linie auf Feindbildern basiert. Diese Feindbilder schienen mir besonders stark auf Seite der Buddhisten ausgeprägt zu sein, wobei ich dafür keine quantitativen Aussagen treffen kann. Die Annahme basiert auf meiner eigenen Einschätzung der Interviews und verschiedener Ereignisse der jüngeren myanmarischen Geschichte; das heißt, auf Ereignissen, seit dem nationalen Erwachen, der Unabhängigkeitswerdung und den verschiedenen politischen Phasen, in denen sich der unabhängige Staat Burma/Myanmar immer noch befindet. Einige Muslime in Yangon leben erst seit mehreren Jahrzehnten, einige bereits in der vierten Generation in Myanmar. Sie leben als Minderheit in einem Land, in dem sie sich mit diesen Vorurteilen und Feinbildern, die ihnen in der myanmarischen Gesellschaft entgegengebracht wurden, konfrontiert sehen. Ich vertrete die Annahme, dass dieser Umstand einen Einfluss auf ihre Identität und ihr religiöses, politisches oder ethnisches Selbstverständnis haben muss, die Identitätsfindung einer Gemeinde aber auch durch andere Faktoren beeinflusst wird. Ausgehend von dieser Annahme entwickelte ich die Forschungsfrage: Wie konstituiert sich die muslimische Gemeinde in Yangon? Meine Arbeitshypothese für die Beantwortung dieser Frage lautet folgendermaßen: Bei der Abgrenzung der Muslime von der buddhistischen Mehrheit handelt es sich um eine Abgrenzung von sozialen Gruppen untereinander. Diese Abgrenzung sollte nicht in erster Linie als ethnische Abgrenzung verstanden werden, wie die bisherige Forschung es suggeriert. Verschiedene Merkmale und Aspekte dieser sozialen Abgrenzung untersuche ich innerhalb dieser Arbeit. Dabei werde ich mich der Beantwortung der Forschungsfrage und der Bestätigung der Arbeitshypothese von verschiedenen Seiten nähern.

1.2. Aufbau und Gliederung der Arbeit

Im ersten Teil dieser Arbeit widme ich mich einer zweckgebundenen Betrachtung ausgewählter Aspekte der Geschichte der Muslime Myanmars. Ich bin der Ansicht, dass die ausgesuchten Aspekte für die Identitätsbildung der muslimischen Gemeinde in Yangon von Bedeutung sind. In einem nächsten Schritt befasse ich mich mit Definitionen von Identität und deren Anwendung in der wissenschaftlichen Literatur zu Ethnizität und ethnischen Gruppen in Myanmar. Diese theoretische Vorüberlegung dient als Grundlage für das Verstehen und die Interpretation der Interviews und meiner Beobachtung während des Forschungsaufenthalts. Die Ergebnisse meines Forschungsaufenthalts sind Bestandteil der Kapitel vier bis sieben. Die befragten Muslime haben in verschiedenen Gesprächen und Alltagssituation Aussagen über ihre Identität getroffen. Dazu gehörten Aussagen über ihre Sprache, Lebensweise, Lebensumstände und ihr islamisches Selbstverständnis. Im vierten Kapitel widme ich mich jedem dieser Aspekte gesondert. Ethnologische und politikwissenschaftliche Deutungsansätze helfen dabei, die Beobachtungen und Aussagen zu interpretieren.

Die Wahrnehmung der eigenen Gemeinde als Minderheit in einem Land auf der einen Seite und das Zugehörigkeitsgefühl zur muslimischen Weltgemeinschaft auf der anderen Seite, haben für die Bearbeitung der Forschungsfrage eine gleichwertige Relevanz. Im fünften Kapitel werden einzelne Identitätsmerkmale der Gemeinde in Yangon beschrieben. Das Kapitel dient der Betrachtung der Bindeglieder zwischen dem „Heimatland“ und der „muslimischen Weltgemeinschaft“. Die Bedeutung der Kategorie „muslimische Weltgemeinschaft“ wird im siebten Kapitel diskutiert. Die Aussagen der befragten Gemeindemitglieder stehen dabei im Vordergrund.

Ich erhoffe mir von dieser Vorgehensweise und der Anwendung eines multidisziplinären Interpretationsansatzes der Beantwortung meiner Forschungsfrage näher zu kommen. Ziel meiner Arbeit ist es das Selbstverständnis und die Eigenpräsentation der Identität der muslimischen Gemeinde zu untersuchen und wiederzugeben.

1.3. Forschungssituation

Bei der Vorbereitung für die Forschung dieser Arbeit, wollte ich einen Fragebogen erstellen, der dazu dienen sollte die Einstellung möglicher Interviewpartner zu Muslimen und Buddhisten abzufragen. Mit Hilfe des Fragebogens wollte ich eine quantitative Komponente in meine Forschung einbringen, um eine größere Aussagefähigkeit zu erreichen. Ich wurde dabei von universitärer Seite darauf hingewiesen, dass ich mich dem Vorwurf der Sozialspionage ausgesetzt sehen könnte, wenn die Verteilung von Fragebögen in Myanmar zu großes Aufsehen erregen sollte. Der Untersuchungsgegenstand „Muslime in Myanmar“ birgt in sich eine gewisse Brisanz. So ist sich die myanmarische Regierung durchaus bewusst, dass „der Westen“ Myanmar gern für seine Minderheitenpolitik rügt. Die myanmarische Regierung hat kein positives Interesse an der Anwesenheit von ausländischen Beobachtern, wie zu letzt bei der Vorbereitung für das Referendum über den Verfassungsentwurf zu Beginn des Jahres 2008 deutlich wurde. Das Referendum war trotz der verheerenden Katastrophe, die durch den Zyklon Nargis hervorgerufen wurde, durchgeführt worden. Auch beim Umgang mit der durch den Sturm verursachten Verwüstung und der sich anbahnenden humanitären Katastrophe zeigte sich die Angst vor externer Einflussnahme. Die Wahl meines Untersuchungsgegenstandes und meine Kenntnis der politischen und sozialen Situation im Land haben mich daher zu dem Entschluss kommen lassen, auf das Verteilen von Fragebögen zu verzichten.

Myanmar ist ein widersprüchliches Land. Während Lautsprecherwagen durch die Straßen fuhren und die Bevölkerung aufriefen sich für das Referendum zu registrieren, Vitamine an die Kinder zu geben und fremde Besucher beim Bezirkschef unverzüglich anzumelden, sprachen meine Interviewpartner sehr offen über alle gesellschaftlichen, religiösen und politischen Aspekte zu denen ich sie befragte. Sie legten großen Wert darauf sich zu äußern und ihrer Kritik Gehör zu verschaffen, trotz oder gerade wegen einer für sie allgegenwärtigen politischen Unterdrückung und der staatlichen Einmischung in das alltägliche Leben. Jeder meiner Informanten war sich darüber bewusst, dass ich seine bzw. ihre Aussagen für meine Arbeit verwenden werde. Jeder von ihnen bestand aber auch darauf, dass wir unsere Gespräche nicht als Interviews bezeichnen, damit kein Außenstehender auf die Idee kommen könnte, dass sie womöglich mit Journalisten sprächen. Sicherlich war dies eine Sorge, die sich aus dem internationalen Medieninteresse an Myanmar im Jahr 2007 ergeben hatte.

Im September 2007 war es landesweit zu Protesten gegen die Regierung gekommen, die durch die myanmarische Armee gewaltsam aufgelöst wurden. Knapp fünf Monate nach diesen Ereignissen war bei vielen Gesprächspartnern ein gewisser Stolz zu erkennen, wenn sie über diese Revolutionszeit, wie sie in Myanmar genannt wird, sprachen. Meine Gesprächspartner hatten keine Angst mit mir zu reden, direkte Fragen zu diesen Protesten oder anti-muslimischen Ausschreitung wurden aber erst nach einigen Sitzungen beantwortet. Es war mir möglich in Myanmar zu forschen, auch wenn ich nicht alle Informationen bekam, um die ich gebeten habe. Dies aber auch nur, weil ich nicht das erste „Nein“ akzeptiert habe und mich entgegen allgemeiner Anstandsregeln unangemeldet zu Büros von Organisationen begeben habe, zu denen ich vorher nie Kontakte gehabt hatte. Abgesehen von einer Adresse einer muslimischen Familie, wusste ich nicht, wen ich für meine Arbeit befragen könnte. Meine unangemeldeten Besuche waren daher eine unerlässliche Grundlage für das Gelingen der Forschung. Im Hauptbüro der Jam‘ iyyat al-‘Ulamā al-Islām („Rat islamischer Gelehrter“ vgl. 7.2.) Myanmar in Yangon und an den Läden vor dem Gebäude hat mein erster Besuch zwar eine allgemeine Aufregung ausgelöst und wurde von einigen auch durchaus skeptisch gesehen, alle weiteren Besuche waren aber sehr erfolgreich.

1.4. Eine Anmerkung zur Methodik

Meine in Yangon gewonnene Interviewerfahrung lässt sich treffend durch dieses Zitat zusammenfassen: „ Bei jedem offenen, ethnographischen Interview lernen (mindestens) zwei Menschen einander kennen. Es findet ein interkultureller Interaktions- und Kommunikationsprozess statt. “ (SCHLEHE 2003: 71). Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich eine Vertrauensbasis zwischen den Befragten und mir. Erst nach drei Wochen entstand ein ernsthaftes Problem. Das Interesse an meiner Person war von einem Tag auf den anderen enorm. Sowohl bereits vertraute als auch neue Gesprächspartner lenkten jede Unterhaltung zu dem Umstand, dass ich zum Islam konvertieren sollte. Daher war es mir in der letzten Woche meines Aufenthaltes kaum möglich, neue Informationen zu sammeln.

Ein anderes Problem war gleich zu Beginn der ersten Gespräche entstanden, ließ sich aber einfacher beheben. Den muslimischen Interviewpartnern war es sichtlich unangenehm, wenn ich gefragt habe, ob ich die Gespräche aufnehmen darf. Sie zögerten meist so lange mit der Antwort, bis ich selbst angeboten habe, auf Tonmitschnitte zu verzichten. Ich habe mir stattdessen handschriftliche Notizen gemacht, die ich nach den jeweiligen Gesprächen sofort weiter ergänzt und bearbeitet habe. Diese Form der Datenaufnahme erforderte ein hohes Maß an Konzentration war aber für den Gesprächsverlauf oft von Vorteil. Rückfragen zu bereits Gesagtem konnte ich mit einem Blick auf meine Notizen begründen, so dass mein besonderes Interesse an heiklen Themen wie Scheidung, Armut oder Steuern zumindest ein wenig kaschiert wurde und von den Interviewpartnern meistens unbemerkt blieb.

Jedes nicht standardisierte Interview ist eigen und neu, und es wird sowohl geprägt von der Konstellation als auch von der Beziehung der Beteiligten und vom Kontext der Begegnung. Es erfordert hohe Aufmerksamkeit und Offenheit für unerwartetes (Serendipity Prinzip). Das macht die Methode zur immer währenden Herausforderung, nicht nur für die fachlichen Fähigkeiten der Interviewenden, sondern ebenso für die soziale und interkulturelle Kompetenz aller Gesprächspartner. “ (SCHLEHE 2003: 71). Diese von SCHLEHE beschriebenen Umstände werden für jedes Interview, das in der Arbeit verwendet wird, einzeln erklärt. Das heißt, dass jedes Interview mit einer Erläuterung des Kontextes in dem es geführt wurde eingeleitet wird und die besonderen Herausforderungen dieser Interviews Erwähnung finden. Die Interviews geben die Meinungen der Befragten wieder. Ich verzichte darauf diese zu kommentieren oder eventuelle, inhaltliche Fehler zu berichtigen.

Wie auf diesen ersten Seiten deutlich wird, habe ich mich dafür entschieden, dass Personalpronomen „ich“ zu verwenden, wenn ich eine eigene Beobachtung, Annahme oder Einschätzung wiedergebe. Diese Entscheidung für das Personalpronomen „ich“ an Stelle der Bezeichnung „der Autor“ bzw. „die Autorin“ basiert auf zwei Gründen. Zum einen erscheint es mir notwendig deutlich zu machen, dass meine Anwesenheit bei den Interviews und meine Persönlichkeit einen „kontaminierenden“ Einfluss auf den Gesprächsverlauf hatten. Dieser Umstand kann nicht durch den Gebrauch der Worte „Autor“ oder „Autorin“ eliminiert werden. Zum anderen bezweifle ich, dass es für die Objektivität einer wissenschaftlichen Arbeit von Bedeutung ist, wenn das Personalpronomen „ich“ verwendet wird. Für die Wiedergabe der Interviews verwende ich sowohl die förmliche Anrede „Sie“, als auch das kollegiale „Du“. Ich möchte auf diese Art und Weise auf das Verhältnis zwischen meinen Interviewpartnern und mir hinweisen. Meine Redebeiträge kennzeichne ich dabei mit dem Buchstaben F für Frage, obwohl es an einigen Stellen auch vorkommt, dass ich eine mir gestellte Frage eine Antwort gebe. Die Redebeiträge der Interviewpartner werden mit den Initialen des Vornamens markiert.

Ich bin im Rahmen dieser Arbeit um Objektivität bemüht, bin mir jedoch des Einflusses, den meine Person auf diese Forschung hatte bewusst und versuche dies in die Schlussfolgerungen mit einzubeziehen.

Für das Sammeln von Informationen habe ich mich dem in der Ethnologie sehr verbreiteten, offenen ethnographischen Interview und Leitfadeninterview bedient. Für die Auswertung der gesammelten Informationen habe ich mich meist an soziologischen Definitionen und Deutungsansätzen orientiert. Die Ergebnisse der Auswertung habe ich wiederum dazu verwandt einzelne ethnologische Kategorien zu demontieren.

1.5. Forschungsüberblick

Für das neunte Jahrhundert ist die Ankunft muslimischer Reisender auf dem Gebiet des heutigen Myanmar belegt. Deren Reiseberichte, wie zum Beispiel die Berichte von Ibn Battuta[3] sind die frühsten Schriftstücke, die Informationen zum Islam und Muslimen in Burma enthalten. Im Jahr 1845 schrieb ein burmesischer Muslime namens Ali SORĀĞ ŠIR die Geschichte der Muslime Burmas nieder. Es ist das älteste und erste – zumindest erhaltene – Schriftstück, das sich ausschließlich mit den Muslimen in Burma befasst (SORĀĞ ŠIR 1845).

Im Jahr 1972 wurde die Studie Moshe YEGARs The Muslims of Burma. A Study of a Minority Group veröffentlicht (YEGAR 1972). Seine Forschung begann im Jahr 1960 und erstreckte sich über einen Zeitraum von fast 10 Jahren, in denen YEGAR an der israelischen Botschaft in Rangoon beschäftigt war. Er schuf mit dieser Studie ein vielzitiertes Standardwerk, das die Geschichte der Einwanderung der Muslime nach Burma und ihre politischen Organisationen bis zum Jahr 1962 beschreibt. Dieses Werk stellt die erste Monographie zu Muslimen in Burma dar. Im Jahr 2002 erschien ein weiteres Buch YEGARs mit dem Titel Between Integration and Secession. The Muslim Communities of the Southern Philippines, Southern Thailand, and Western Burma/Myanmar. (YEGAR 2002). Das Kapitel, das sich mit den Muslimen in Arakan befasst, basiert grundsätzlich auf der Studie von 1972 und konzentriert sich ausschließlich auf die politischen Bestrebungen der Rohingya im Unionstaat Rakhine. Diese Studie YEGARs wurde auch ins Burmesische übersetzt und wird von der Jam‘ iyyat al-‘Ulamā al-Islām vertrieben. Weitere aktuelle Schriften zu Muslimen in Myanmar in burmesischer Sprache waren nicht auffindbar. Ein Buch, das sich mit den vier größten Religionen Myanmars beschäftigt, ist im September 2006 erschienen. Der Verfasser NYO DAUNG beschreibt darin den Hinduismus, den Buddhismus, das Christentum und den Islam (NYO DAUNG 2006). Erst im Mai 2008 erschien die zweite Monographie zu den Muslimen Myanmars: The Burmanization of Myanmar’s Muslims von Jean A. BERLIE (BERLIE 2008). BERLIE widmet sich dem Thema aus der Perspektive des Ethnologen. Seine Studie basiert auf einer Feldforschung aus den Jahren 1999 und 2007. Dabei erstreckt sich sein Forschungsinteresse auch auf die Muslime in Yunnan, China. BERLIE befasst sich vor allem mit den aus China eingewanderten Muslimen (BERLIE 2004).

Der Großteil der Literatur zum Islam in Südostasien beschäftigt sich mit dem Islam und den muslimischen Gesellschaften in Malaysia und Indonesien. Bedeutend weniger Aufmerksamkeit wurde den Muslimen in Thailand zu teil. Wichtig ist es an dieser Stelle M. GILQUINs Buch The Muslims of Thailand (GILQUIN 2005) zu erwähnen. Es stellt die erste Monographie zu den Muslimen in Thailand dar und beschreibt das Verhältnis von Buddhismus und Islam, Muslimen und Buddhisten in Thailand. Dies ist eine der wenige Studien, die sich den muslimischen Minderheiten Südostasiens widmet. YEGAR zieht Parallelen zwischen den Muslimen in Südthailand und den Rohingya in seiner Studie aus dem Jahr (YEGAR 2003).

2. Geschichte und Gegenwart der Muslime in Myanmar

Das Ziel dieses Kapitels ist es, ausgesuchte Ereignisse aus der Geschichte der Muslime in Myanmar zusammenzufassen. Die Zeit der Einwanderung, die Kolonialzeit, die Zeit der Unabhängigkeitswerdung und die frühe Phase des burmesischen Staates spielen für die heutige Identitätsbildung und die Wahrnehmung der Muslime durch die buddhistische Mehrheit eine wichtige Rolle. Ereignisse und Umstände, die in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung sind, werden daher an dieser Stelle genauer betrachtet.

2.1. Ankunft zur Zeit der Könige

Der Aufschwung des Islam im Nahen Osten und seine schnelle Ausbreitung, sicherte muslimischen Händlern eine Schlüsselposition im Handel entlang der Seidenstraßenrouten zwischen Europa und Fernost. Die Entstehung arabischer, persischer und anderer muslimischer Oasenstädte weitete sich schnell nach Osten aus. Schon im 8. Jahrhundert gab es an der Südküste Chinas eine beträchtliche Anzahl von muslimischen „Kolonien“. Die Muslime kamen dabei nicht nur als Händler in die Region, sondern zum Teil auch als Flüchtlinge des Konfliktes zwischen Sunniten und Schiiten. Unter den Flüchtlingen, die nach China kamen, waren viele persischsprachige Schiiten. Bereits vor der Islamisierung hatten sie mit den Chinesen Handelskontakte gepflegt. Vor allem der Handelsweg auf See wurde von Muslimen beherrscht und expandierte bis ins 15. Jahrhundert. Händler siedelten sich entlang der Küstenregionen Indiens an. Von Bengalen aus betrieben sie Handel mit Burma, Malabar, Ceylon und Malakka (YEGAR 1972: 1).

Die Küsten Burmas wurden von muslimischen Seefahrern zum ersten Mal im 9. Jahrhundert erreicht. Dabei landeten sie vor allem entlang der Küsten von Arakan. Einige dieser Seefahrer bildeten Handelskolonien und ließen sich dauerhaft nieder. Auskünfte darüber finden sich vor allem in arabischen und persischen Reiseberichten. Duarte BARBOSA, ein portugiesischer Reisender, der sich zwischen 1501 und 1516 in Indien aufhielt, beschrieb den Handel zwischen Indien und den Muslimen von Pegu. Die Schiffe brachten von Pegu aus vor allem Zucker, Lack, Rubine, importierte Baumwolle, Seide, Opium, Kupfer, Silber, Gewürze und Medikamente auf den südasiatischen Subkontinent. Eine weitere Ware mit der gehandelt wurde, waren die großen Tongefäße, welche als Martaban- oder Pegukrüge bekannt geworden sind. Sie wurden genutzt, um Wasser und Nahrungsmittel auf den Schiffen zu lagern (YEGAR 1972: 3-5).

Die muslimischen Truppen Kublai Khans stießen im 13. Jahrhunderts ebenfalls bis in die Gebiete des heutigen Myanmars vor. Ihre Anwesenheit hinterließ jedoch keinen bleibenden religiösen Einfluss (YEGAR 1972: 4). In Anbetracht dieser Ereignisse warf YEGAR im Jahr 1972 die Frage auf, weshalb Burma nicht islamisiert wurde. Er isoliert für die Beantwortung der Frage drei maßgebliche Faktoren: die Geographie, den Handel und die Religion. Die Gebirgsketten, die das Gebiet des heutigen Myanmar umschließen, haben das Land schon immer gut vor ungebetenen Besuchern geschützt. Dies sei auch einer der Gründe, weshalb mehr Handel mit der malaiischen Halbinsel und den Inseln des heutigen Indonesiens betrieben wurde, als mit Burma. Der Faktor Religion ist jedoch der entscheidende Grund, weshalb das heutige Myanmar ein buddhistisch dominiertes Land sei, so YEGAR. Als die ersten Muslime das heutige Myanmar erreichten, sei der Buddhismus bereits so weit etabliert gewesen, dass eine andere Religion sich nicht gegen ihn behaupten konnte. Obwohl der Buddhismus als gesellschaftliches System allgemein anerkannt war, genossen die eingewanderten Muslime zu Zeiten der burmesischen Königreiche die Freiheit, ihre Religion ungehindert auszuüben (YEGAR 1972: 26). Die Zeit seit der Einwanderung der ersten Muslime bis zur Zeit der britischen Expansion nach Burma war für die bis dahin in Burma lebenden Muslime vergleichsweise unproblematisch. Dies änderte sich mit dem Beginn der Kolonialzeit erheblich.

2.2. Die Kolonialzeit

Zu Beginn der Kolonialzeit lebten nur wenige muslimische Händler und deren Familien in Burma. Dieser Umstand änderte sich jedoch drastisch mit der britischen Expansion zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Durch die britische Eroberung kam eine große Anzahl von “Indern” nach Burma von denen etwa die Hälfte Muslime waren. Bis hin zu den 1970er Jahren kam es immer wieder zu Machtstreitigkeiten zwischen den Muslimen, die vor der britischen Eroberung in Burma lebten und den sogenannten Indian Muslims. Insbesondere während des Kampfes um die Erlangung der Unabhängigkeit und der Gründung eines unabhängigen Staates trat dieser Konflikt deutlich zu Tage. Für diese Machtstreitigkeiten gab es mehrere Ursachen. Die aus Indien eingewanderte muslimische Bevölkerung orientierte sich von Anfang an vor allem an den politischen Entwicklungen in Indien. So gründeten sie im Jahr 1909 eine eigene Niederlassung der All India Muslim League (YEGAR 1972: 47). Zu dieser Zeit entwickelten sich in Burma aber auch Organisationen, die sich ausschließlich mit den Interessen der burmesischen Muslime befassten. Dazu zählte vor allem die Burma Moslem Society, die im Dezember 1909 gegründet wurde. Somit befanden sich bereits mehrere „rivalisierende“ Organisationen im Land, die unterschiedliche Interessen verschiedener muslimischer Gruppen artikulierten (TARLING 1999: 303). Der Beginn der nationalen Bewegung in Burma war eng an den Buddhismus geknüpft, welcher sich als effektiver einigender Faktor erwies. Im weiteren Verlauf wurde der Buddhismus zum tragenden Element der nationalen Bewegung (TARLING 1999: 280-284).

Bereits während des Kampfes um die Unabhängigkeit kam es zu ersten anti-muslimischen Ausschreitungen. Muslime wurden dabei als kalas ’foreign immigrants’ diffamiert (TARLING 1999: 303). Zum Ende der 1930er Jahre entstand vor allem in Upper Burma und im Raum Mandalay eine Art Renaissancebewegung burmesischer Muslime. Die Anhänger der Bewegungen setzten ihren ideologischen Schwerpunkt auf die Artikulation der Interessen der burmesischen Muslime. Sie betonten ihre burmesische Identität und beschuldigten die indischen Muslime, sie würden für ein schlechtes Verhältnis mit den Burmesen sorgen. Die Muslime indischer Abstammung wurden von der Mitgliedschaft ausgeschlossen (YEGAR 1972: 65-66) Die Zwietracht zwischen eingewanderten Indern und Burmesen war bezüglich der Muslime sehr ausgeprägt. Die Feindseligkeiten forderten einige Opfer auf beiden Seiten noch vor dem Ende der Kolonialzeit. So im Juli 1936 als landesweit fast 100 Moscheen in anti-indischen Ausschreitungen zerstört wurden. Diese Feindseligkeit wurde auch mit der Unabhängigkeit nicht überwunden. Die indisch-muslimischen Gemeinden suchten als Reaktion auf die Übergriffe Schutz bei den britischen Kolonialherren. Die Simon Commission – eine Kommission britischer Parlamentarier, die die Aufgabe hatten Verfassungen für Indien und Burma zu erarbeiten – gab die Empfehlung, dass einige Regierungsämter mit Muslimen besetzt werden sollen. Die britische Regierung lehnte diesen Vorschlag jedoch ab. Als Burma im 1937 von Indien losgelöst wurde, gab es keine Regelungen, die die politische Partizipation der Muslime an einer Regierung vorsah (TARLING 1999: 303).

Nach dem Zweiten Weltkrieg forderten die Muslime von der AFPFL (Anti-Fascist People’s Freedom League) – der Partei, die zu dieser Zeit den Unabhängigkeitskampf gegen die Briten dominierte –, dass ihrer Gemeinde eine gesicherte politische Beteiligung in einem unabhängigen Staat zugesichert wird. Sie begründeten diese Forderung mit ihrem Minderheitenstatus, ihrer burmesischen Identität und ihren historisch guten Beziehungen zu den burmesischen Königen. Anführer der AFPFL lehnten es jedoch ab, die Muslime formal als eine nationale Minderheit anzuerkennen. Für die Führung der AFPFL galten die Muslime indischer Abstammung immer noch als „foreign immigrants“ (YEGAR 1972: 71-74). Das Argument, dass im Rahmen der burmesisch-buddhistischen Toleranz die religiösen Minoritäten des Landes nichts zu befürchten hätten, wurde ebenfalls von Vertreter der AFPFL angeführt (TARLING 1999:303).

2.3. Die Vor- und Nachbereitung der Unabhängigkeit

Bereits vor der Unabhängigkeit wurden einige Versuche unternommen, die steigenden Diskrepanzen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Burma auszusöhnen. Als solch ein Versuch ist die Panglong Konferenz im Februar 1947 zu werten, wo sich Vertreter der Chin, Shan und Kachin trafen, um sich im Kampf um die Unabhängigkeit Burmas zu einigen und die Position der drei Minderheiten in einem zukünftigen unabhängigen Staat zu definieren. Die erste Verfassung Burmas konnte den Ausbruch von Gewalt nach der Unabhängigkeit aber nicht verhindern. Als ein Beispiel für diese Gewalt verweist SMITH auf die Ereignisse in Arakan: „ The 1947 constitution proved unable to forestall the violence that erupted at independence. Even before the British departure, law and order were breaking down, with many dacoit bands and pro-communist militias active in the country side.[…] A particular flashpoint was Arakan, where Buddhist Rakhine nationalists led by the Monk U Seinda began what Reuters described as ‘essentially a rebellion for the separation’ of the territory from Burma. Meanwhile, in Arakan’s far north, Muslim activists established a Mujahid party to fight for the creation of an Islamic ‘frontier state’ and join with the newly-created Muslim state of East Pakistan “ (SMITH: 1999 80-87). SMITH bewertet die Ereignisse der 1940er und 1950er Jahre in Burma wie folgt: „ Burma’s independence was born out of bloodshed. Within a year, U Nu’s Anti Fascist People’s Freedom League administration became known as the ‘Rangoon six-mile government’ since this was the limit of its control. […] Meanwhile Rakhine and Muslim insurgencies continued to gather pace in Arakan, where Red Flag communists where also active “(SMITH 2007: 300).

Die Konflikte Burmas wurden nach der Unabhängigkeit hauptsächlich von zwei Themen beeinflusst. Dazu zählten die „Ankunft“ des Kommunismus in Burma und die Debatte über die politische Mitbestimmung der Minderheiten, welche die Schaffung eines föderalen Systems wünschten. Die von SMITH beschriebenen Aufstände in Arakan sind ein gutes Beispiel für die Bedeutung von separatistischen Bewegungen und deren Auswirkung auf die burmesische Innenpolitik.

Die separatistischen Bewegungen in Myanmar basierten ihren Unabhängigkeitsanspruch aber nicht auf der Religion, so wie es Anhänger der Mujahid-Partei getan haben. Ethnizität, das ethnischbasierte Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe, ist in Myanmar zu einer weiteren Ideologie entwickelt worden (BROWN 1994: 33-65). Diese bestimmt bis in die heutige Zeit die Innenpolitik Myanmars.

2.4. Von der Unabhängigkeit in die Gegenwart: Ausschreitungen und Pogrome

Seit dem Jahr 1962 wird Burma vom Militär regiert. Der Beobachtungszeitraum der Studie YEGARs aus dem Jahr 1972 endet mit der Machtübernahme des Militärs. Es ist nicht möglich die Ereignisse der myanmarischen Geschichte, bis zur Gegenwart in wenigen Sätzen zusammenzufassen und den tiefgreifenden gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Daher sollen an dieser Stelle vor allem Ereignisse und Themen benannt werden, welche in den Interviews Erwähnung finden. Zu diesen Ereignissen und Themen zählen die anti-muslimischen Ausschreitung, die in verschiedenen Jahren stattfanden, die Ereignisse aus dem August 1988, dem September 2007 und das Referendum über die neue Verfassung aus dem Jahr 2008.

2.5. Beispiele von anti-muslimischen Ausschreitungen bis zum Jahr 1988

Bertil LINTNER beschreibt in seinem Buch “Outrage: Burma's Struggle for Democracy” (LINTNER 1990) die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse des Jahres 1988. In diesem Jahr war die Bevölkerung Burmas in Aufruhr und forderte für sich eine bessere Politik. Im August 1988 wurde der „Aufstand“ der Bevölkerung durch das Militär niedergeschlagen. Das Jahr 1988 war ein Jahr der Unsicherheit. Viele einzelne gewaltsame Ereignisse prägten das desaströse Bild, das im Jahr 1988 von Burma entstand. In dieser Zeit der allgemeinen Aufruhr und Unzufriedenheit kam es wiederum zu Ausschreitung gegen Muslime. LINTNER beginnt mit seiner Beschreibung im Juni und Juli 1984 als es in Moulmein, Martaban und einigen Städten im Irrawaddy-Delta zu anti-muslimischen Ausschreitungen kam, die durch eine Versorgungsknappheit und durch die steigenden Preisen auf den lokalen Märkten initiiert wurden. Er vermutet außerdem, dass die Angriffe von den lokalen Autoritäten angestiftet, zumindest aber geduldet wurden, um von den internen sozialen und wirtschaftlichen Problemen im Lande abzulenken. LINTNER sieht die muslimische Minderheit in diesem Fall als einen „convenient scapegoat “, einen willkommenen Sündenbock (LINTNER 1990: 79).

Laut LINTNER wurden während der ersten Demonstrationen gegen die Regierung im März 1988 hunderte Muslimen in der Yangoner Innenstadt verhaftet und ins Insein Gefängnis gebracht. Unter ihnen seien auch viele Muslime gewesen, die sich lediglich in der Nähe der Demonstrationen aufhielten (LINTNER 1990:79-80).

Im Juni 1988 gewannen die Kampagnen und Demonstrationen gegen die Regierung neues Momentum. LINTNER beschreibt das Erscheinen von Flugblättern: „ The leaflet warnes that ‘an organised gang of Indian Muslims in our native land’ was planning to seduce Buddhist Burmese women in order to produce more Muslims. The ‘Nationalistic Buddhists’ claimed that they had discovered a secret document, signed by the ‘Muslim League’, which promised a monthly allowance of 1,000 Kyats to any Muslim who could make a Buddhist woman pregnant. “ (LINTNER 1990: 80). Der hier beschriebene Inhalt des Flugblattes ist nur deshalb wert zitiert zu werden, weil 20 Jahre später, im März 2008 dieses Gerücht immer noch in Yangon zu hören war. Zwei meiner Interviewpartner berichteten von nahezu identischen „Informationen“ nach denen muslimische Männer buddhistische Frauen heiraten wollen, weil deren Kindern dann ebenfalls Muslime sein werden. Dadurch würde es dann immer weniger Buddhisten geben. (vgl. 6.3.).

In Prome und Taunggyi kam es im Juli 1988 zu kollektiven Ausschreitungen gegen Muslime und deren Geschäfte und Moscheen. In beiden Fällen gab es verschiedene Versionen zum Hergang des Geschehens. In Taunggyi soll ein Novize zum Ziel der Gummischleuder des Sohnes eines muslimischen Teehausbesitzers geworden sein, wobei die Almosenschale des Novizen zerbrochen worden sei. In Prome soll ein Muslim die Ehre eines jungen buddhistischen Mädchens verletzt haben. In beiden Fällen, so LINTNER, gäbe es aber auch Hinweise darauf, dass die Regierung an diesen Ereignissen nicht unbeteiligt gewesen sei (LINTNER 1990: 80-81).

2.6. Nach dem Jahr 1988

Die von LINTNER geschilderten Fallbeispiele sind in vieler Hinsicht aufschlussreich. Sie lassen eine Struktur erkennen, die für fast jeden beschriebenen Vorfall, der in anti-muslimischer Gewalt mündete, zutreffend ist. Erstens gibt es immer einen angeblichen Auslöser, der durch eine wie auch immer geartete Provokation von Seiten der Muslime ausgeht und zweitens wird hinter jedem dieser Vorfälle die Regierung vermutet. Es ist nicht möglich den Wahrheitsgehalt dieser Schilderungen einzuschätzen. Daher verzichte ich darauf noch weitere detaillierte Beispiele für Ausschreitungen und Übergriffe zu geben. In den 1990er Jahren aber auch für das Jahr 2003 finden sich verschiedene Berichte im Internet, deren Verlässlichkeit, Herkunft und Quellenmaterialien nicht durchschaubar sind und daher hier nicht zitiert werden.[4]

Verlässlicher sind hingegen die Angaben der International Crisis Group (ICG) in einem Bericht vom 7. Mai 2003, dem Myanmar Backgrounder: Ethnic Minority Politics Asia Report N°52.

In May 1996, anti-Muslim literature widely believed to have been written by the SLORC (State Law and Order Restoration Council) was distributed in four towns in Shan State, leading to communal violence. In February 2001 tensions between the Muslim and Buddhist population of Sittwe, the capital of Rakhine State, erupted into large riots during which an unknown number of people were killed and Muslim property was destroyed.[5]

Wie bereits aus den vorangegangen Darstellungen hervorgeht, ist die Geschichte der Muslime in Burma seit der Einwanderung größerer Gruppen von Muslimen zu Beginn der Kolonialzeit von diversen Konflikten durchdrungen, die immer wieder gewaltsame Ausbrüche zur Folge hatten. Dieses geschichtliche Erbe gilt es zu beachten, wenn man die aktuellen Identitätsfindungsprozesse und die Abgrenzung von anderen sozialen Gruppen im Land betrachtet.

2.7. Tage im September 2007

Das Pabedan-Viertel, mein Untersuchungsgebiet war einer der Hauptschauplätze der gewaltsamen Zusammenstöße zwischen der myanmarischen Armee und Demonstranten im September 2007. Damals schaute die Welt auf Myanmar. Parallelen zu den Protesten im Jahr 1988 wurden gezogen. Die Hoffnungen auf einen schnell einsetzenden Wandel im Land waren groß, zumindest zu Beginn der Proteste. Auslöser für diese Proteste war ein für die Bevölkerung unerträglicher Anstieg der Benzin- und Lebensmittelpreise.

Die Ereignisse des September 2007 wurden in den Interviews stets erwähnt. Ohne eine Allgemeingültigkeit für alle Mitglieder der Gemeinde suggerieren zu wollen, sollen die wichtigsten Aussagen verschiedener Mitglieder der Jam‘ iyyat al-‘Ulamā al-Islām hier Erwähnung finden. Insbesondere jüngere Mitglieder der muslimischen Gemeinde nahmen an den Protesten teil. Eine nicht näher zu beziffernde Anzahl von ihnen war im Laufe der Proteste verhaftet worden. Einige von ihnen befanden sich im zum Zeitpunkt meiner Forschung im März 2008 noch in Haft. Die Mitglieder der Jam‘ iyyat al-‘Ulamā al-Islām waren geteilter Meinung darüber, ob sich Mitglieder der Gemeinde an Protesten beteiligen sollten. Sie fürchteten die Vergeltung durch die Regierung und waren überzeugt, dass die Strafen für Muslime noch härter ausfallen würden, als für andere Teilnehmer. Ebenso waren sie aber überzeugt, dass die Muslime sich an den Protesten beteiligen sollten, weil sie sich mehr Mitbestimmungsrechte in einer neuen Regierung wünschen. Nur in Verbindung mit allen demokratischen Kräften im Land, sei es möglich, dieses Ziel zu erreichen (vgl. 6.2.1. und 8.1.).

[...]


[1] Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Seminar für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients (2005/2006) [http://islamwissenschaft.uni-hd.de/material/tutorium_ws0506/transkription.pdf/ aufgerufen am 29.9.2008]

[2] Department of the Myanmar Language Commission, Ministry of Education (2001) Myanmar-English Dictionary (2001), Union of Myanmar

[3] Als ein Beispiel für einen solchen Bericht kann das folgende Buch herangezogen werden : The travels of Ibn-Ba.t.t¯u.ta : AD 1325 - 1354 / aus dem Arabischen übersetzt und revidiert von C. Defrémery und B. R. Sanguinetti, Herausgeber: H. A. R. Gibb, Cambridge University Press, 1972.

[4] Ein Beispielartikel, in dem Angaben über anti-muslimische Ausschreitungen gemacht werden, findet sich in der online Ausgabe der Atimes. Ozturk, Cem (2003) Myanmar's Muslim sideshow [http://www.atimes.com/atimes/Southeast_Asia/EJ21Ae01.html/. zuletzt aufgerufen am 8. 10. 2008] in Atimes [http://www.atimes.com/ zuletzt aufgerufen am 8. 10. 2008]

[5] International Crisis Group (2003) Myanmar Backgrounder: Ethnic Minority Politics Asia Report N°52 [http://www.crisisgroup.org/library/documents/report_archive/A400967_07052003.pdf/.zuletzt aufgerufen am 16. 10. 2008]

Details

Seiten
94
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640248254
ISBN (Buch)
9783640249565
Dateigröße
994 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120750
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Muslime Yangon Evamaria Haupt Myanmar Rangoon Islam Religion Minderheiten Rangun

Autor

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Titel: Muslime in Yangon