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Konstruktive Selbstreflexion oder destruktive Abstinenz - vita contemplativa bei Aristoteles und Machiavelli sowie ihre Relevanz für das politische Gemeinwesen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 11 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Im politischen Denken der Antike wurde dem Einzelnen innerhalb der jeweiligen Polis – einer doch sehr idealisierten Umwelt[1] – eine vergleichsweise aktive Rolle zugewiesen.[2] Neben ihrer beruflichen Tätigkeit stellte die politi­sche Partizipation ein Konstitutivum im Stadtstaat dar – sei es in Form von Mitwirkung an Gesetzen, Fragen der Ausgestaltung der Verfassung oder Abstimmungen über die Be­setzung politischer Ämter. Aristoteles (384-322) charakteri­sierte dementsprechend den Menschen als ein von Natur aus politisches Wesen, der allerdings im Umkehrschluss über eine relativ begrenzte private Sphäre verfügte – zumal seine individu­elle Stellung gegenüber der Ge­meinschaft eher schwach war.[3] In der aristotelischen Tradition wur­den zwei Formen unterschieden, wie sich der Einzelne – gleichwohl nicht jeder – in „Übereinstimmung mit sich selbst und [seinen] Mitbürgern“[4] zum Wohle des Gemeinwesens einbringen konnte.[5] Das Betreiben der theoreti­schen Wissenschaften, bspw. der Philosophie, war allein auf das Erkennen der objektiven Wahrheit ausgelegt, wobei der menschliche Geist hier keinerlei Schranken unterwor­fen war.[6] Dies stellte das konstitutive Element für das Aus­üben der praktischen Disziplinen Politik und Ethik dar, dessen Ergebnis in rechtmäßigem wie ethisch-moralischem Handeln zum Nutzen der anderen – und somit des Gemeinwesens – be­stand.[7] Dank des vorherigen Prozesses der Erkenntnis­gewinnung ließ sich ebendieses als rich­tig oder falsch klassifizieren – erkenntnistheoretische Reflexion über das Sein – vita con­templativa [8] – ermöglichte die Erarbeitung von konkret-normativen Handlungsan­weisungen und Richtlinien das Sollen – die vita activa.[9] Das gute und edle Leben innerhalb des Gemeinwe­sens um seiner selbst willen anzustreben war Ausdruck tugendhaften Handelns. Ebendieses sah Aristoteles jedoch nicht als naturgegeben an,[10] vielmehr war Erziehung und Gewöh­nung daran vonnöten – es bedurfte quasi eines adäquaten gesellschaftlichen Umfel­des mit den entsprechenden – latenten wie ma­nifesten – Normen und Werten.[11] Davon ausge­hend, dass nicht die Quantität, sondern vielmehr die tugendhafte Qualität der jeweiligen Mit­wirkung entscheidend war, lässt sich mit Aristoteles folgendes festhalten: Je höher der Grad politischer Partizipation, desto besser sind auch die Möglichkeiten, das Gemeinwesen gut zu regieren. Zudem bedeutet in diesem Falle Absenz politischen Engagements eine zumindest potentielle Destruktivität und Feind­schaft im inneren der Polis.[12]

Da der materielle Aspekt in dieser Arbeit noch eine Rolle spielen wird, soll er auch bei dem griechischen Denker näher beleuchtet werden. Wie erwähnt stellte das Streben nach dem er­reichbaren Glück um seiner selbst willen stellt das höchste Gut dar, wohingegen die Akku­mulation von Reich­tum lediglich stets als Mittel zum Zweck verfolgt wurde.[13] Nichtsdesto­trotz galten mate­rielle Werte[14] als ein legitimes Mittel der Belohnung, solange dessen Umfang durch das Aus­maß der geleisteten tugendhaften Dienste gerechtfertigt war. Auch musste die Grundversor­gung zum Überleben eines jeden Einzelnen gesichert sein, um das Streben nach dem höchsten Glück überhaupt zu ermöglichen[15] – wobei allerdings äußere Güter der reinen Erkenntnisrefle­xion durchaus im Wege stehen konnten.[16]

In der Renaissance führten humanistische Denker eine kontroverse Debatte um das für und wider von vita activa und vita contemplativa [17], wobei hier Cicero bzw. Seneca die primären Bezugspunkte bildeten. Befürworter einer kontemplativen Le­bensweise, wie bspw. Petrarca (1304-1374), verunglimpften politisches Engage­ment als Ausdruck von „Ruhmgier und Eitel­keit“ sowie Zeichen „mangelnde[r] Selbstbeherr­schung“,[18] welches zumal zu unehren­haf­ten bzw. ungerechten Handlungen zwinge, die zudem weder verlässlich noch von Dauer seien. Einen selten verfolgten Mittelweg beschritt diesbezüglich Landino (1424-1492), welcher das Stre­ben nach unvergänglicher Erkenntnis zwar als Erfüllung des menschlichen Intellekts an­sah, tätiges Leben jedoch als präventive Maßnahme erachtete, Körper und Seele vor Lastern zu bewahren. Das zumindest latent permanent vorhandene Risiko, mit dem per­sönlichen Enga­gement zu scheitern und die damit verbundene Resigna­tion war eine bedeu­tende Einfluss­größe in dem ambivalenten Verhältnis gegenüber der Po­litik.[19]

[...]


[1] Vgl. Weber-Schäfer, S. 51.

[2] Als ein Ergebnis der Arbeit kann hier schon vorweg genommen werden, dass dies nach Meinung des Autors

nur möglich ist, da der nicht tugendhafte Mensch mehr als Ausnahme, denn als Regel gilt, vgl. Weber-

Schäfer, S. 45.

[3] Vgl. hierzu Hartmann u. a., S. 17-19 sowie Weber-Schäfer, S. 37 und Demandt, S. 229.

[4] Weber-Schäfer, S. 43.

[5] Zur Polis als der „Aktualität der menschlichen Natur und [..] Verwirklichung des menschlichen

Seinkönnens“ vgl. Münkler: Machiavelli, S. 118 sowie Weber-Schäfer, S. 46.

[6] Vgl. hierzu und im Folgenden Hartmann u. a., S. 26-32 sowie Rapp, S. 14.

[7] Vgl. Weber-Schäfer, S. 41. Dies stellte zudem den bedeutendsten Schritt hin zum guten und edlen Leben dar, s.

dazu auch Rapp, S. 18. Hierzu auch Münkler: Machiavelli, S. 117.

[8] In der „Betätigung des vernünftigen Seelenteils“ besteht vollkommenes Glück, da es Muße bedeutet und der

Mensch es ohne Erschöpfung betreiben konnte, vgl. Rapp, S. 35 sowie Nikomachische Ethik X,7. Da dies

einerseits aber nicht für jeden erreichbar war und zum anderen auch der glücklichste Mensch in den äußeren

Verhältnissen seiner Polis lebte, konzediert Aristoteles ein quasi zweitbestes politisches Leben, vgl.

Nikomachische Ethik I,3. Hier musste die Vernunft Charakter und Emotionen anleiten. Vgl. hierzu auch die

gegenüber Rapp relativierende Sichtweise in Münkler: Machiavelli, S. 120 und Anm. 77.

[9] Zur Notwendigkeit der gesteuerten und praktizierten Vernunft vgl. auch Rapp, S. 22.

[10] Vgl. hierzu auch Weber-Schäfer, S. 38 und 44/45. Nicht tugendhafte, also falsche Charakterzüge seien nur

schwer revidierbar, dazu Rapp, S. 52.

[11] Ein illustratives Beispiel findet sich bei ebd., S. 28/29.

[12] Vgl. ebd., S. 59. Der Begriff der Freiheit ist hier eher negativ konnotiert als Absenz politischer Teilhabe.

[13] Vgl. dazu auch Weber-Schäfer, S. 50. Nicht durch Vermögen, sondern durch Teilhabe an der Rechtsprechung

oder der Wahrnehmung politischer Ämter zeichneten sich die Menschen aus.

[14] Unabdingbar waren jedoch die richtige Verteilung des Vermögens bzw. Maßnahmen des Ausgleichs, um die

Stabilität des Gemeinwesens zu gewährleisten sowie Korruption und Neid vorzubeugen, die den Menschen

für politische Partizipation disqualifizierten, s. hierzu Münkler: Machiavelli, S. 120 sowie ebd: Pipers

Handbuch, Bd. 3, S. 37.

[15] Die Relevanz von Reichtum wurde also nicht vollends negiert, vgl. Rapp, S. 24 und 32 sowie Weber-Schäfer,

S. 50.

[16] Vgl. Nikomachische Ethik X,8.

[17] Zu den unterschiedlichen politischen Erwartungshaltungen von „Bürger- und Literatenhumanisten“ vgl. knapp

Münkler: Niccolò Machiavelli, S. 27 sowie Münkler: Machiavelli, S. 272.

[18] Münkler: Pipers Handbuch Bd. 2, S. 565.

[19] Ebd., S. 563. Im Verlauf der Krise der Renaissance tendierten die Humanisten zunehmend zur vita

contemplativa, vgl. Münkler: Machiavelli, S. 231/233. Zu der nur begrenzt sinnvollen „Substantialisierung

von [diesen] Denkströmungen“ in der Literatur vgl. ebd., S. 32 und 118 sowie Münkler: Pipers Handbuch,

Bd. 2, S. 553.

Details

Seiten
11
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640250288
ISBN (Buch)
9783640250257
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120641
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Politikwissenschaft, Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Konstruktive Selbstreflexion Abstinenz Aristoteles Machiavelli Relevanz Gemeinwesen

Autor

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