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Jüdische Kinder und Jugendliche im zweiten Weltkrieg

Seminararbeit 2008 22 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Gliederung

1. Vorwort

2.1. Zu Hause
2.2. Das Ghettoleben / hinter den Mauern
2.3. Die Flucht und das Verstecken auf deutscher Seite

3.1. Vorstellung und Einführung des Schicksals
3.2. Die Lebenswelten
3.3. Die Bedeutung von Familie und weiteren Bezugspersonen
3.4. Gründe für das Scheitern bzw. den Erfolg der Flucht und des Überlebens

4.1. Einschnitt für die kindliche / jugendliche Entwicklung
4.2. Das Problem der Aufarbeitung

5. Zusammenfassung

6. Literaturliste

1. Vorwort

Gegenstand dieser Arbeit soll die Betrachtung der Lage jüdischer Kinder und Jugendlicher im zweiten Weltkrieg sein. Diesbezüglich möchte ich das Thema von zwei Seiten beleuchten. Einerseits will ich den Versuch wagen einen allgemeinen Überblick und Einblick in das Leben jüdischer Kinder und Jugendlicher aufzuzeigen. Hierbei sollen die verschiedenen Lebensstationen dargestellt werden. Bezogen auf die spezielle Situation der jüdischen Bevölkerung möchte ich die Umstände und Verhältnisse der Ghettos und der Flucht im Kontrast zur Vorkriegszeit bzw. zur ursprünglichen Lebenswelt (zu Hause) darstellen. Auf das Leben in den Konzentrationslagern werde ich nicht ausführlicher eingehen, da sich die benutzte Literatur auf die Ghetto- und Fluchtsituationen beschränken und ich diese im Sinne des folgenden Kriegsschicksals näher beleuchten will. Des Weiteren sollen das Spiel-, Sozial- und Kulturverhalten thematisiert und die Frage beantwortet werden, welche psychischen Konsequenzen die Kriegszeit für die Kinder und Jugendlichen hatte.

Neben diesem allgemeinen Teil steht das Schicksal einer jüdischen Jugendlichen anhand ihrer biografischen Darstellung im Warschauer Ghetto im Mittelpunkt. Aus diesem Beispiel heraus befasse ich mich mit der Frage welche Bedeutung der zweite Weltkrieg und die nationalsozialistische Herrschaft für die eigene Identitätsbildung und den eigenen Glauben hatten. Im Zusammenhang mit dem Thema des Ghetto- und des Fluchtlebens möchte ich versuchen Gründe für das Scheitern bzw. für das Gelingen dieses anzuführen. Diesbezüglich wird gefragt welche Relevanz beispielsweise dem Alter, der Familie (und Freunden / Bekannten) und dem Geld zukommt.

2.1. Zu Hause

In den Ghettos, in den Konzentrationslagern und auf der Flucht war die Herkunft der einzelnen Personen oder Familien bedeutungslos, denn die Verbundenheit zueinander und das Durchleben des gleichen grausamen Schicksals überwand jegliche soziale Stellung. So gleich alle Personen jüdischer Herkunft dort schienen, so unterschiedlich war ihr Zu Hause bzw. ihre Umwelt im alltäglichen, normalen Leben gewesen. Es gab reiche und arme, gebildete und ungebildete und orthodoxe oder weltliche jüdische Familien. Kein Haushalt glich dem anderen und daher ist es schwierig verallgemeinernde Aussagen zu treffen. Es gab große Haushalte mit zahlreichen Familienmitgliedern verschiedener Altersstufen (Generationen), aber auch Paar- oder Singlehaushalte. Der Berufsstatus der jüdischen Bevölkerung erstreckte sich von der Hausfrau über selbstständige Unternehmer oder Arbeiter bis hin zu der Führung eines Familienunternehmens. Trotz dieser Unterschiedlichkeit und Einzigartigkeit einer jeder Person erfuhren alle durch die nationalsozialistische Herrschaft die gleiche Diskriminierung.

„Die Zermürbung der Juden begann mit einer juristischen Definition.“[1] Durch die Reichsbürgergesetze änderte sich der Alltag der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, als auch im übrigen Europa schlagartig. Zu jedem Thema wurde fortan die sogenannte Judenfrage gestellt und der jüdischen Bevölkerung wurde das Bild des Fremden, des Anderen und des Außenseiters auferlegt.

Im Kontext dieser Arbeit stellt sich die Frage, wie die Jugendlichen und Kinder mit diesem beginnenden Prozess der sozialen Ausgrenzung umgingen? In jedem Bereich waren die antisemtischen Maßnahmen zu spüren und grenzten die Welt und das Umfeld der Kinder ein. Man kann sagen die Kinder spürten die Schikane auf zwei verschiedene Ebenen. Zum einen durch die Eltern, die ihren Beruf verloren und sich so das Einkommen und die Versorgung der Familie veränderte oder sogar drastisch verschlechterte und zum anderen erlebten die Kinder die Ausgrenzung am eigenen Leib.[2] In diesem Zusammenhang spielt vor allem die Schule eine bedeutende Rolle. Damals wie heute stellt sie einen Fixpunkt für das jugendliche und kindliche Leben dar, in diesem Raum verbringen sie einen Großteil ihrer Zeit und bauen den Kontakt zu einer peer-group / Freunden auf. Die Ausgrenzung der jüdischen Schüler aus dem Bildungssystem vollzog sich langsam, aber für die Schüler schmerzhaft. Die erste Stufe bestand darin, dass die Kinder in der Schule durch Schulkameraden diskriminiert und beschimpft wurden. Zu teilen wurde dieses Verhalten von den Lehrern gefördert und bewusst hervorgerufen (Hetze). Ein weiteres Gefühl der jüdischen Ausgrenzung erfolgte durch den Ausschluss von Ausflügen und Fahrten und durch die diskriminierenden Äußerungen im Unterricht im Rahmen des Schulstoffes. Nach weiteren Gesetzgebungen seitens der Nationalsozialisten wurden die jüdischen Kinder schließlich von der Schule verwiesen. Besonders die Kinder auf höheren Schulen trafen die Diskriminierung und der Verweis sehr hart, denn für sie gab es keine Möglichkeit zu wechseln bzw. stellten die jüdischen Schulen keine gleichwertige Alternative dar.[3] Neben diesem Einschnitt in die kindliche Bildung, Entwicklung und Entfaltungsmöglichkeiten waren der Verlust von Freunden und der Ausschluss aus der Klassengemeinschaft und der peer-group für die Kinder und Jugendlichen weitaus dramatischer. Wetzel beschreibt dies wie folgt:

„Die jüdischen Jugendlichen und Kinder haben schwerer unter den Diskriminierungen gelitten als die Erwachsenen; sie verspürten ihr allmählich fortschreitendes Isoliert-Sein stärker als ihre Eltern, denen es oft gelang, Beziehungen zu nichtjüdischen Freunden noch eine Zeitlang, manchmal sogar bis zum Schluss aufrechtzuerhalten. Kam es dennoch zu einem Bruch, so waren sie viel eher in der Lage, diese Tatsache rationell zu begreifen und zu verarbeiten. Junge Menschen reagierten in solchen Fällen viel emotionaler und konnten den Ausschluss aus dem Freundeskreis gar nicht oder nur schwer verarbeiten.“[4]

Es lässt sich zusammenfassend sagen, dass sich kurz nach der Machtübernahme seitens der Nationalsozialisten der Lebensalltag der jüdischen Kinder veränderte und sie bereits in ihrem häuslichen und privaten Umfeld mit Schikane und Einschränkungen leben mussten. Die Gesetzgebungen der Nationalsozialisten waren eine regelrechte Bestrafung, denn sie raubten den Kindern die Freiheit sich privat unbeschwert im Park, im Kino oder woanders zu bewegen. Darüberhinaus stellten die staatlichen und schulischen Institutionen einen zusätzlichen und stärker spürbaren Raum der Diskriminierung dar und innerhalb ihres Rahmens führten sie zu dem Verlust des vertrauten Freundes – und Personenkreises. Bereits Zu Hause wurde ihre Welt und ihr Dasein immer eingeengter und kleiner. So kam es, dass viele Familien und Einzelpersonen ihr Umfeld verließen; manche gewollt (Flucht), aber viele gezwungenermaßen (Deportationen, Umzug ins Ghetto).

2.2. Das Ghettoleben / hinter den Mauern

Im Zusammenhang mit der Vorstellung eines jüdischen Kriegsschicksals sind das Ghettoleben und die eigentliche Flucht bzw. das Verstecken von Interesse.

Der Zwangsumzug der jüdischen Bevölkerung in das städtische, jüdische Ghetto stellt eine Loslösung aus der eigenen vertrauten Gemeinschaft (Freunde, Bekannte …) dar und eine totale und soziale „Isolierung von der nicht-jüdischen Gemeinschaft“.[5] Besonders im osteuropäischen Raum war die Gründung von Ghettos typisch, da dort eine weitaus höhere Zahl von Juden lebte. Die jüdische Bevölkerung einer Großstadt wurde auf bestimmte, meist heruntergekommene Bezirke konzentriert. Die jeweiligen Stadtgebiete boten für die Vielzahl der Menschen nur minimalen Raum und so kam es, dass sich ca. 6 Personen oder Familienmitglieder ein Zimmer teilen mussten. Die Wohnungen reichten trotz dieser personalen Überbelastung nicht aus und zahlreiche Menschen lebten auf der Straße und bettelten dort, stahlen und hungerten. So mussten beispielsweise 30 % der Stadtbevölkerung von Warschau auf 2,4 % des Stadtgebietes zusammengedrängt leben.[6] Das Ghetto, der mangelnde Platz und die fehlende Hygiene förderten die Entstehung und Verbreitung von Krankheiten.

Im jüdischen Viertel oder auch Ghetto herrschte eine spezielle Atmosphäre. Zum einen versuchte man einen gewissen Alltag einzuführen und baute so ein soziales und kulturelles Leben auf. Es wurden jüdische Schulen aufgebaut bzw. Zusammenkünfte mit Lehrern organisiert, um das bröckelnde Bildungswesen zu retten. Obwohl jegliche kulturelle Veranstaltungen, Lesungen und ähnliches verboten und seitens der Nazis kontrolliert wurden, gab es den lebensnotwendigen Schwarzmarkt, Cafés und Clubs. Es wurden jegliche Schlupflöcher genutzt, um Kultur, Bildung und Unterhaltung aufrecht zu erhalten.

„Es herrscht eine große Frivolität im Ghetto, um die Sorgen ein wenig zu lindern. Tagsüber, wenn die Sonne scheint, stöhnt das Ghetto. Doch abends gehen alle tanzen, auch wenn sie nichts im Magen haben … Als wäre eine Mizwa zu tanzen. Je mehr einer tanzt, um so mehr ist es ein Zeichen seines Glaubens an die „Unvergänglichkeit Israels“. Jeder Tanz ist ein Protest gegen unsere Unterdrücker.“[7]

Die Kinder und Jugendlichen konnten sich so in einem gewissen Grade wohl fühlen, denn durch andere Kinder und die Unternehmungen fanden sie Ablenkung. Gerade in diesem Zusammenhang kam dem Spielen und dem Spielverhalten eine große Rolle zu.[8] Die Tatsache, dass die Kinder und Jugendlichen von jeglichem (europäischen) Kulturgut ausgeschlossen wurden, machte eine alternative Beschäftigung umso notwendiger. Allerdings gewann das kindliche Spiel unter diesen besonderen Umständen eine besondere Bedeutung. Es handelt sich nicht nur um eine oberflächliche Tätigkeit, sondern um eine Möglichkeit zur Verarbeitung der grausamen Wirklichkeit. Die Utensilien waren begrenzt, aber die Varianten und Ideen der Kinder schienen grenzenlos. Sie kannten Bunker- und Versteckspiele, Kriegsspiele oder auch Rollenspiele. Auch der arrangierte Unterricht wurde als Spiel getarnt und bei Gefahr als spielerische Situation dargestellt. Hier zeigt sich, dass jegliches Spiel von Ernst geprägt war und sich die Kinder der ständigen Gefahr bewusst zu sein schienen. Bei den Kriegsspielen zeigten sich die Gefühle und Hoffnungen der Kinder, gleichzeitig aber auch wie realistisch sie das Ghettoleben warnahmen. Sie spielten (die täglichen) Entführungen nach oder auch Erschießungen. Selten wollten die Kinder die Rollen der Nazis einnehmen und stets gingen die Juden, Russen … als Sieger hervor; ein Wunsch bzw. Phantasie, der sich in der Realität nicht zu erfüllen schien. Gerade an diesem Beispiel des kindlichen Spiels zeigt sich ein starker Überlebensdrang und „Der geistige und physische Terror konnte die Menschen zwar physisch vernichten, doch es gelang ihm nicht, sie moralisch restlos zu erniedrigen.“[9]

Neben diesem Versuch die Normalität aufrechtzuerhalten und der Schaffung von „normalen“ Fixpunkten (Schulen, Parks, Bars …) herrschte stets das Gefühl der Angst und Isolierung. Nach Belieben suchten sich die Deutschen Personen aus und erniedrigten, folterten und erschossen sie. Auch vor den Kindern und Jugendlichen wurde nicht Halt gemacht. Die Zahl der umgekommenen Kinder und Jugendlichen durch Kinderaktionen, Verschleppung oder auch Zwangsabtreibungen kann nicht eindeutig festgelegt werden.

[...]


[1] Dwork, Debórah: Kinder mit dem gelben Stern, Europa 1933-1945. München 1994. S. 20.

[2] Zu Teilen gingen auch Kinder arbeiten um nach Kündigung der Eltern Lebensunterhalt zu sichern.

[3] Zum Thema Schule und Bildung unter dem nationalsozialistischen Regime bietet der Beitrag von Juliane Wetzel eine gute Übersicht: Wetzel, Juliane: Ausgrenzung und Verlust des sozialen Umfeldes. Jüdische Schüler im NS-Staat in: Benz, Ute / Benz, Wolfgang (Hrsg.): Sozialisation und Traumatisierung. Kinder in der Zeit des Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1992. S. 92-102.

[4] Vgl. Wetzel 1992. S. 101.

[5] Vgl.: Keilson, Hans: Trennung und Traumatisierung. Jüdische Kinder im Untergrund in Holland während deutscher Besatzung 1940-1945 in: Benz, Ute / Benz, Wolfgang (Hrsg.): Sozialisation und Traumatisierung. Kinder in der Zeit des Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1992.S 40-57. S.41.

[6] Vgl.: Dwork 1994. S. 183.

[7] Vgl.: Eisen , George: Spielen im Schatten des Todes. Kinder im Holocaust. Dießen 1993. S. 130.

[8] Vgl.: Eisen untersucht in seinem Buch „Spielen im Schatten des Todes“ in mehreren Kapiteln die Bedeutung und Folgen den kindlichen Spiels. Hierbei werden einige Beispiele und zahlreiche Illustrationen angeführt.

[9] Vgl.: Eisen 1993. S. 127.

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640248742
ISBN (Buch)
9783640248902
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120607
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Schlagworte
Jüdische Kinder Jugendliche Weltkrieg

Autor

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Titel: Jüdische Kinder und Jugendliche im zweiten Weltkrieg