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Viktorianismus und Bloomsbury Group

Eine Debatte über Moral und Weltbild

Hausarbeit 2008 22 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Fragestellung
Literaturlage

Der Viktorianismus
Die Lebenswelt des Viktorianers

Virginia Woolf und der Viktorianismus
Die Erfahrungen Virginia Woolfs mit dem viktorianischen Lebensstil
Die Eltern und die Unterdrückung der Frau
Das Elternhaus und der menschliche Umgang
Die Duckworth-Brüder und die viktorianische Gesellschaft
Die Auseinandersetzung Virginia Woolfs mit dem viktorianischen Lebensstil
Bloomsbury Group und die Abkehr vom viktorianischen Lebensstil

Schluss

Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellen
Literatur

Einleitung

Die Bloomsbury Group war eine Gruppe junger Künstler, Literaten und Intellektueller, die in ständig wechselnder Zusammensetzung Anfang des 20. Jahrhundert zusammenkamen und Gesprächsabende abhielten. Dabei übten die einzelnen Mitglieder der Bloomsbury-Group starken Einfluss auf die englische Gesellschaft aus und förderten die Künste mit deren neuen Bewegungen ungemein. So wie beispielsweise Roger Fry, der mit seinen Ausstellungen die nachimpressionistische Malerei nach England brachte.1 Diese Gruppe formierte sich in einem gesellschaftlichen Umfeld, das noch sehr stark durch das Viktorianische Zeitalter geprägt war und stieß mancherorts auf wenig Gegenliebe. Worin bestanden die Differenzen zwischen dem viktorianischen Lebensstil und der Lebensauffassung der Bloomsbury Group?

Fragestellung

In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, wie sich die Bloomsbury Group von den Vorstellungen des Viktorianismus insbesondere in ihrem Lebensstil und ihrer Denkweise abgesetzt hat. Hierzu wird im ersten Abschnitt der Viktorianismus näher betrachtet, indem die Denk- und Lebensweise sowie die Moralvorstellungen und das Weltbild dieser Zeitepoche dargestellt werden. Darauf folgend soll erörtert werden, wie sich die Bloomsbury Group mit dem Viktorianismus auseinandersetzte. Da jedoch die Bloomsbury Group kein Individuum und genauso wenig eine homogene Gruppe war, soll die Auseinandersetzung an dieser Stelle exemplarisch an den Erfahrungen und Gedanken von Virginia Woolf behandelt werden. Von besonderem Interesse ist hierbei, in welchem Umfeld Virginia aufwuchs, wie sie durch den Viktorianismus geprägt wurde und schließlich, wie sie sich individuell entwickelte und sich vom viktorianischen Lebensstil distanzierte.

Literaturlage

Die Literatur zum vorliegenden Thema ist als außerordentlich gut zu bezeichnen. Zum Viktorianismus als einem Teil der englischen Geschichte sind zahlreiche Publikationen erschienen, die diese Epoche entweder eingereiht in andere oder allein stehend behandeln und analysieren. In Übersichtswerken über die englische Geschichte, die auch in deutscher Sprache verfügbar sind, kann sich schnell ein grober Überblick verschafft werden. Auch die viktorianischen Werte sind verschiedenfach untersucht worden und dementsprechend anschaulich dargestellt. Hierbei muss jedoch größtenteils auf englischsprachige Literatur zurückgegriffen werden.

Zu der Bloomsbury Group sind ebenfalls zahlreiche Publikationen vorhanden, die häufig biografische oder literaturwissenschaftliche Themen behandeln. Aus diesem Grund wurde die vorliegende Arbeit hauptsächlich auf Primärliteratur aufgebaut. Die Quellenlage ist als ausgezeichnet zu bewerten, sind doch viele Autobiografien und Biografien, die die Mitglieder der Bloomsbury Group voneinander anfertigten vorhanden. Oftmals liegen diese Schriften editiert und sogar übersetzt vor, da sie verlegt und somit einem großen Publikum zugänglich gemacht wurden. Als wichtigstes Werk sei hier „Augenblicke (Moments of Being)“ von Virginia Woolf2 zu nennen, in einzelne autobiografische Texte von ihr zusammengefasst wurden.

Der Viktorianismus

Die Epoche des Viktorianismus erhielt ihren Namen von der Königin Viktoria. Ihre Regierungszeit, die 1837 mit der Thronbesteigung der damals Neunzehnjährigen begann und bis zu ihrem Tod 1901 dauerte, markierte gleichzeitig den Beginn und das Ende dieser Epoche. Viktoria gab der Krone viel von ihrem verlorenen Glanz zurück und erwarb sich Respekt und Popularität, deren sich seit langem kein englischer Monarch mehr hatte rühmen können. Die Krone behielt trotz der Bürgerlichen Reform von 1832 noch lange Zeit Einfluss auf Regierung und Politik.3

Die Selbstwahrnehmung der britischen Welt wird deutlich am fünfzigjährigen Regierungsjubiläum der Königin Viktoria am 21.6.1887. Hier wurde die Königin als Symbol der Epoche gefeiert und mit ihr alle die Errungenschaften der Zeit wie die ununterbrochene Reihe von Siegen und Erfolgen für Freiheit, Gerechtigkeit und Humanität, den materiellen und technischen Fortschritt, die Vollbeschäftigung und den steigenden Lebensstandard.4

Das Zeitalter des Viktorianismus war geprägt durch mannigfache Veränderungen der britischen Lebenswelten. Die Industrialisierung schuf einen enormen Reichtum, förderte aber gleichzeitig eine Armut, die weite Teile der Bevölkerung erfasste. Auch veränderte sie die Lebenswelten unzähliger Menschen durch die Transformation der britischen Nation hin zu einer Industrienation. Auch das britische Kolonialreich entfaltete sich zu dieser Zeit und führte zu einer Prosperität auf der britischen Insel.

Die technologischen Neuerungen trugen dazu bei, dass die Epoche von vielen Menschen als eine Zeit des Wandels empfunden wurde.5

Die Religion erhielt in den Zeiten des Wandels des 19. Jahrhunderts großen Auftrieb als Massenreligion. So verbreitete sich die evangelikale Bewegung in England und verknüpfte die seelischen Bedürfnisse der Menschen mit sozialem Engagement.6

In der Zeit des Viktorianismus konnte das britische Imperium durchaus große Erfolge vorweisen und hatte allen Grund zum Selbstbewusstsein. Es gab keinen großen Krieg und keine Furcht vor einer äußeren Katastrophe. Es konnte ein Fortschritt auf allen Gebieten vorgewiesen werden, der sich mit dem wiedererweckten Interesse mit religiösen und moralischen Fragen verband. Die Weltauffassung der meisten Zeitgenossen war bestimmt durch einen christlich interpretierten Liberalismus und Fortschrittsoptimismus. Allerdings wich diese Weltauffassung im späteren Verlauf der Epoche einem Konflikt zwischen Religion und Naturwissenschaften. Die neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften mit der Vorstellung vom Kampf ums Dasein prägten mehr und mehr das Denken, wodurch der Liberalismus langsam einem gewalttätigen Imperialismus wich.7

Die Lebenswelt des Viktorianers

Sicherlich ist es schwierig von einer so langen Zeitspanne wie den Jahren von 1837 bis 1901 allgemein gültige Aussagen über die Vorstellungen der Menschen treffen.8 Daher ist das Wort Viktorianer nicht genau zu definieren. So kann wohl nicht jedermann ab 1837 als Viktorianer bezeichnet werden. Ein Sechzigjähriger war wohl 1837 genauso wenig ein Viktorianer, wie ein solcher 1901 aufhörte einer zu sein. Der Geist dieser Epoche entwickelte sich wohl schon in den Jahren vor der Thronbesteigung Viktorias und wirkte ebenso in den Jahren nach ihrem Tode nach.9

Dennoch sollen hier einige Tendenzen aufgezeigt werden, die typisch für diese Zeit waren. Das Bild des Viktorianismus wurde geprägt durch den Lebensstil der Ober- und Mittelschicht. Der entscheidende Faktor dieses Lebensstils war die Religion mit ihren puritanischen Regeln und einer praktizierten Frömmigkeit, die von der Königin und ihrem Hof strikt vorgelebt wurden. Jeglicher noch so kleine Skandal zog soziale Ächtung nach sich.10

Besonders charakteristisch für die Menschen des viktorianischen Zeitalters war deren ausgeprägter Sinn für die moralische Verantwortung. Der Viktorianer handelte beinahe immer unter Berücksichtigung seines tief verwurzelten Glaubens an die moralische Verpflichtung der persönlichen Verantwortung. Er sah sich seinem Pflichtgefühl gegenüber verantwortlich sowie dem Gedanken für etwas anderes zu leben als für die reine Befriedigung der Grundbedürfnisse, was auch immer dies im Einzelnen war.11

Die Scham prägte das Innenleben eines Viktorianers und war allseits präsent. Sie war das Mittel, die Regungen der Natur in Schach zu halten und die viktorianischen Werte wie Anpassung, Arbeitsamkeit, Fleiß und Gehorsam zu fördern. Dieses puritanische Programm, welches den Erfolg der englischen Gesellschaft garantieren sollte, setzte bereits bei den Kindern an, indem diese auf die mannigfachen Formen des Verzichts gedrillt wurden.12

Die Moralvorstellungen der Mittelschicht ergaben sich aus deren wiedererstarkender Religiosität. Sie dienten gleichzeitig als Schutz vor der früheren moralischen Laxheit der traditionellen Aristokratie und dem furchteinflößenden Nichtvorhandensein an kulturellen Standards der neu entstandenen städtischen Massen. Es wurde ein Lebensstil gepflegt, der extrem fromm ausgerichtet war. Deutlich wurde dies im regelmäßigen Bibelstudium, der Institutionalisierung von Familiengebeten, die strikte

Einhaltung des Sabbats und, in strengeren Haushalten, die Ablehnung gegenüber Kartenspielen und alkoholischen Getränke.13

Die Mitglieder der Mittelschicht sahen sich selbst als Gerechte, ähnlich den Kindern Israels, in einer Welt des unzüchtigen Verhaltens, der Sünde. Diese Doktrin der allgegenwärtigen Versuchung folgerte eine extreme Wachsamkeit, sodass beispielsweise beim Umzug des Crystal Palace nach Sydenham festgelegt wurde, dass er sonntags geschlossen bleiben sollte und alle nackten Statuen mit Feigenblättern ausgestattet werden sollten. Die besonders empfindlichen unter den Gerechten waren gegenüber ihren eigenen Verfehlungen nicht weniger wachsam als gegenüber denen Fremder. So waren viele Viktorianer im höheren Alter neurotisch und unglaublich von Schuldgefühlen geplagt. Weniger strikte Gemüter waren pharisäisch, indem sie Gott dankten, nicht so verkommen wie andere zu sein.14

Nach dem viktorianischen Verhaltenskodex waren die Ideale, die ein Mann verfolgen sollte, um sich einen Platz in der Gesellschaft zu verdienen, Sparsamkeit, harte Arbeit und Ansehen.

[...]


1 Spiel, Hilde: Virginia Woolf – Bildnis einer genialen Frau, in: Woolf, Virginia: Augenblicke - Skizzierte Erinnerungen, Mit e. Essay v. Hilde Spiel., Aus. d. Engl. übersetzt v. Elizabeth Gilbert, Stuttgart 1981, S. 17-18.

2 Woolf, Virginia: Augenblicke - Skizzierte Erinnerungen, Mit e. Essay v. Hilde Spiel., Aus. d. Engl. übersetzt v. Elizabeth Gilbert, Stuttgart 1981; Woolf, Virginia: Moments of Being – Unpublished Autobiographical Writings, hg. v. Jeanne Schulkind, Sussex 1976.

3 Kluxen, Kurt: Geschichte Englands – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1985, S. 561.

4 Ebd., S. 564.

5 Vgl. Klein, Jürgen: Virginia Woolf – Genie, Tragik, Emanzipation, München 1984, S. 8-10.

6 Ebd., S. 10.

7 Kluxen, Kurt: Geschichte Englands – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1985, S. 565.

8 Wood, Anthony: Nineteenth Century Britain 1815-1914, Harlow 1982, S. 188.

9 Seaman, Lewis Charles Bernard: Victorian England – Aspects of English and Imperial History 1837-1901, London 1973, S. 4.

10 Wood, Anthony: Nineteenth Century Britain 1815-1914, Harlow 1982, S. 188.

11 Seaman, Lewis Charles Bernard: Victorian England, S. 6.

12 Klein, Jürgen: Virginia Woolf, S. 12.

13 Seaman, Lewis Charles Bernard: Victorian England, S. 12-13.

14 Ebd., S. 13.

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640247141
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120536
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Viktorianismus Bloomsbury Group Auseinandersetzung Moderne

Autor

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Titel: Viktorianismus und Bloomsbury Group