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Die Adaption des Romans Fahrenheit 451 von Ray Bradbury durch Francois Truffaut

Seminararbeit 2008 21 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Truffaut und die Adaptionsproblematik

3 Fahrenheit 451
3.1 Von der Idee zum Drehbuch
3.2 Die filmische Umsetzung
3.3 Der Don Quijote Mythos im Film

4 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Literaturadaptionen haben eine lange Tradition in der Geschichte des Films. Bereits 1896 gab es Filmmotive nach Goethes Faust von Louis Lumière und ein Jahr später von Georges Méliès. Diesen, freilich noch nicht als Literatur adaption zu bezeichnenden Beispielen, folgten zu Beginn des folgenden Jahr hunderts Versuche, den Film von seinen populären bis vulgären Ursprüngen (Jahrmarkt, Variétè)“[1] zu befreien und einen künstlerischen Anspruch zu ver leihen. Mit Vorlagen aus Theater und Literatur sollte der Film der breiten Mittelschicht zugänglich gemacht werden. Man erhoffte sich das Prestige der literarischen Vorlage und im Falle von Weltliteratur, den Autor als Aushän geschild für den eigenen Film.

Dieses, wohl auch von lukrativen Interessen geleitete Vorgehen, impliziert ei ne frühe Bewertung des Films gegenüber den alten Künsten, Theater und Literatur und setzte eine, insbesondere in Frankreich, hitzig und kontrovers geführte Debatte über das Wesen der Literaturadaption oder allgemeiner der Adaption, sowie der Emanzipation des Films als eigenständige Kunst, in Gang.

Begreift man die Adaption, spezieller die Literaturadaption als ” sung des Zeichensystems ‘literarischer Text’ durch das neue Zeichensystem ‘Film’“[2], so wird schnell klar, welche Freiheitsgrade dem Adaptor bzw. Dreh buchautor zur Verfügung stehen und welche Konflikte bei diesem Transfor mationsprozess auftreten können.

Im Laufe der Zeit haben sich so viele nationale und auch gesellschaftlich be einflusste Vorgehensweisen entwickelt. Insbesondere in Frankreich herrschte bis in die 60er Jahre das Paradigma der ‘Werktreue’ vor, welches zum Ziel hatte, die literarische Vorlage möglichst genau und vor allem im Geiste des Autors umzusetzen.

Ein Paradigmenwechsel erfolgte erst durch die Arbeiten der Gruppe um die Cahiers du cinéma. Anstelle einer genauen Umsetzung sollte der Film vor al lem als eigenständiges Werk zur Geltung kommen. Der Film sollte keine starre 1:1 Kopie sein, sondern Bilder, Vorstellungen und auch Interpretationen des Drehbuchautors bzw. Regisseurs enthalten. Herauszuheben ist hier vor allem die Arbeit François Truffauts, der bereits 1954 in seinem Artikel Eine gewisse

Tendenz im französischen Film[3], welcher in der legendären Ausgabe Nr. 31 der Cahiers du cinéma erschien, die Adaptionspraktiken des in Frankreich bekannten AutorenDuos AurencheBost sehr polemisch kritisierte.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es nun, die Ansichten Truffauts zur Adap tionsproblematik genauer zu beleuchten und sie auch im Kontext der Nouvelle Vague zu platzieren. Hierzu soll zunächst der oben erwähnte Aufsatz auf seine Kernaussagen hin überprüft und die spätere Umsetzung durch den Regisseur und Adaptor François Truffaut genauer betrachtet werden. Exemplarisch soll hierfür der Film Fahrenheit 451 aus dem Jahr 1966, sowie die gleichnamige Vorlage von Ray Bradbury[4] aus dem Jahr 1953 betrachtet werden. Nach Jules und Jim handelt es sich hierbei wohl um die bekannteste Literaturadaption

Truffauts, welche insbesondere signifikante Unterschiede zur Vorlage aufweist und deshalb für eine weitergehende Untersuchung bestens geeignet ist.

2 Truffaut und die Adaptionsproblematik

Bereits in seinem ersten Langfilm, Les Quatre Cents Coups (1959), zeigte sich die Liebe Truffauts zur Literatur. Nicht zufällig errichtete dort sein Al ter Ego, Antoin Doinel, einen Altar zu Ehren von Balzac[5], um diesem für ein tiefgreifendes Erlebnis durch seine Bücher zu danken. Die Auseinanderset zung mit der Literatur und insbesondere der Literaturadaption begann bei

Truffaut jedoch viel früher. So beinhaltete sein Artikel, Eine gewisse Tendenz im französischen Film aus dem Jahr 1952 (veröffentlicht 1954), bereits eine Kritik an den überkommenen Praktiken der Literaturadaption. Diese mach te er auch mitverantwortlich für die Tradition de la qualité, dessen Ablösung zum Leitgedanken der Nouvelle Vague wurde.

Im Zentrum seiner Kritik stand vor allem die Adaption literarischer Werke durch das Autorenteam Jean Aurenche und Pierre Bost. Laut Truffaut ha ben die beiden Autoren das Prinzip der Werktreue, durch das Prinzip der

Äquivalenz und damit die wortgetreue Umsetzung, durch die Umsetzung im

Geiste des Autors ersetzt. Im Detail bedeutet dies, dass Szenen, die für nicht drehbar gehalten wurden, einfach durch äquivalente Szenen ersetzt wurden. Hauptkritikpunkte waren, dass von den Adaptoren einfach bestimmt wurde, welche Szenen nun drehbar sind und welche nicht. Weiterhin hielt er es für nur sehr schwer möglich so unterschiedliche Vorlagen, wie die, die von Aurenche und Bost adaptiert wurden, auch wirklich im Geiste des Autors umschreiben zu können.

So legte Truffaut in seinem Artikel auch detailliert dar, wie das Autoren team den Geist der Vorlage systematisch verfälschte und das Drehbuch nach Belieben mit blasphemischen und sexuellen Versatzstücken anreicherte. Fol gendes Zitat, aus dem bereits erwähnten Artikel, resümiert noch einmal die Ergebnisse seiner Untersuchung.

”In ihrem Geist [Aurenche, Bost] enthält jede Geschichte die Figuren A, B, C, D. Innerhalb dieser Gleichung organisiert sich alles nach Kriterien, die ihnen allein [...] bekannt sind. Die Bettge schichten spielen sich nach einer wohlkonzentrierten Symmetrie ab, Personen verschwinden, andere werden erfunden, das Dr eh buch entfernt sich immer mehr vom Original, um zu einem form losen, aber brillanten Ganzen zu werden. Ein neuer Film hältSchritt für Schritt Einzug in die Tradition der Qualität.“[6]

In dieser Aussage spiegelt sich auch die Kritik daran, dass die literarischen Vorlagen selbst wieder von Literaten, wie eben Aurenche und Bost adaptiert wurden. Truffaut wirft ihnen damit auch vor, Probleme, die eigentlich das Bild betreffen, auf der Ebene des Dialogs lösen zu wollen. Dieser Mangel an Vertrauen in die Mittel und Möglichkeiten des Films, führe so schließlich zu den ausgeklügelten Einstellungen und komplizierten Beleuchtungseffekten ganz in der Tradition der Qualität.

Nachdem nun die Kritik Truffauts an den Praktiken der Literaturadaption erläutert wurde, ist es natürlich um so interessanter herauszufinden, welches Vorgehen er für die Adaption literarischer Werke vorschlägt. Im bereits er wähnten Artikel führter als mustergültiges Beispiel Robert Bresson mit der Adaption des Romans Journal d’un curé de campagne von Georges Bernanos[7] an. Bresson habe aus der Vorlage ein eigenständiges Werk gemacht, indem er sich Freiheiten bei der Adaption herausnahm ohne das originäre Werk des Autors zu verraten. Hieraus lässt sich bereits ableiten, dass Truffaut auf eine möglichst genaue Umsetzung des Originals verzichten will, zugunsten eines eigenständigen (filmischen) Werkes, welches auch die Bilder und Vorstellun gen des Regisseurs (die er sich vielleicht beim Lesen der Vorlage gemacht hat) mit einbringt. Gemäß diesem Beispiel stellt er sich ” eine solche vor, die von einem Mann des Films geschrieben ist“[8], da dieser am ehesten die Möglichkeiten des Films kenne und die Vorlage am besten in die Sprache des Films übersetzen könne. Auch gibt diese Vorgehensweise bereits einen Hinweis auf die später proklamierte Politik der Autoren.

Truffauts erste eigene Adaption war Tirez sur le pianiste aus dem Jahr 1960 nach der Novelle Down There von Davi d Goodis[9]. Als CoAutor für die ses Projekt konnte er Marcel Moussy gewinnen. Nur zwei Jahre später drehte er Jules et Jim nach einem Roman von HenriPierre Roché[10]. Mitverantwort lich für das Drehbuch war diesmal Jean Gruault.

Bezeichnend für diese Projekte (wie auch für viele weitere) war die extrem lange Vorbereitungszeit, in der sich Truffaut mit dem Stoff auseinander setz te. Voraussetzung dafür war jedes Mal ein persönliches und nicht kommerziell geleitetes Interesse am Inhalt der literarischen Vorlage. Einziges außen gelei tetes Interesse, welches man ihm vorwerfen könnte, ist, dass er sein Publikum, auch bei der Wahl der Stoffe, nie aus den Augen zu verlieren suchte.

Die Auswahl und Umsetzung der Stoffe folgt auch nicht einem starren Sche ma, sondern ist dem jeweiligen Werk und seiner Intention angepasst.

[...]


[1] Albersmeier, FranzJosef: Literaturverfilmungen, Frankfurt am Main 1989, S.24 [1]

[2] Albersmeier, FranzJosef; 1989, S.12 [1]

[3] Originaltitel: Un e certaine tendance du cinéma fran¸caise

[4] Ray Douglas Bradbury (*22. August 1920 in Waukegan/Illinois) ist ein US amerikanischer Schriftsteller und Drehbuchautor, zu dessen Schwerpunkten Science Fiction, Horror und Phantastik zählen. Er hat bis heute über 30 Bücher und nahezu 600 Kurzgeschichten veröffentlicht.

[5] Honoré Balzac (*20. Mai 1799 in Tours; 18. August 1850 in Paris) war ein franzö sischer Schriftsteller.

[6] Truffaut, François: Ein e Gewisse Tendenz im französische n Kino, in: François Truffaut Die Lust am Sehen, Herausgegeben und aus dem Französischen Übersetzt von Robert Fischer, Frankfurt am Main 1999, S.303 [2]

[7] Georges Bernanos (*20. Februar 1888 in Paris, 5. Juli 1948 in NeuillysurSeine) war ein französischer Schriftsteller

[8] Truffaut, Françoise; 1999, S.303 [2]

[9] David Goodis (*2. März 1917 in Philadelphia, USA; 7 Januar 1967) war ein be rühmter amerikanischer Schriftsteller und Drehbuchautor.

[10] HenriPierr e Roché (*28.Mai 1879 in Paris, Frankreich; 9. April 1959 in Meudon) war ein französischer Schriftsteller und Kunstsammler. Jules et Jim schrieb er im Alter von 73 Jahren. Berühmtheit erlangte er vor allem durch die Verfilmung dieses Romans und seines zweiten Werks Les Deux Anglaises et le continent durch François Truffaut, den er kurz vor seinem Tod noch kennen lernte.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640250134
ISBN (Buch)
9783640250202
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120509
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Medienwissenschaft
Note
1.0
Schlagworte
Adaption Romans Fahrenheit Bradbury Francois Truffaut

Autor

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Titel: Die Adaption des Romans Fahrenheit 451 von Ray Bradbury durch Francois Truffaut