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Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern: Bangalore, Indien

Examensarbeit 2002 105 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Methodik
1.1. Forschungsliteratur
1.2. Datengrundlage
1.3. Vorgehensweise
1.4. Begriffsklärung

2. Bangalore –ein Porträt
2.1. Eine statistische Sicht
2.2. Demographische Situation
2.3. Kurzer Abriss der Geschichte Bangalores
2.4. Wirtschaftliche Bestandsaufnahme Bangalores
2.4.1. Wirtschaftliche Tradition
2.4.2. Branchenstruktur in Bangalore

3. soziale Probleme - Hemmnisse für die Wirtschaft
3.1. Einkommensdisparitäten: IT – Branche versus traditionelle Berufe
3.2. Der Wohnungsmarkt zwischen Luxusanwesen und Slums
3.2.1. Wohnungsmarktlage seit Beginn der 90iger Jahre
3.2.2. Marginalsiedlungen in Bangalore
3.3. Kriminalität
3.4. Straßenkinder – das schwächste soziale Glied

4. Infrastruktur – Problemkind der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung
4.1. Trinkwasserversorgung
4.2. Energiekrise
4.3. Ausbildungsmöglichkeiten und Bildungsniveau in Bangalore
4.3.1. Die schulische Bildungspolitik in Indien
4.3.2. Alphabetisierung in Bangalore
4.3.3. Die akademische Ausbildung
4.4. Die medizinische Versorgung
4.5. Verkehrsnetz
4.5.1. Verkehrsaufkommen
4.5.2. Ausbau des Straßennetzes
4.5.3. Eisenbahnnetz
4.5.4. Flugnetz
4.6. Telekommunikation
4.7. Ursachen der Infrastrukturkrise
4.8. Bewertung der Infrastruktur durch ansässige Firmen

5. Umweltprobleme – Atemlos in die Zukunft?
5.1. gesetzliche Grundlagen
5.1.1. Umweltgesetzgebung in Indien
5.1.2. gesetzliche Grundlagen auf Bundesebene
5.2. Wasserverschmutzung
5.3. Luftverschmutzung
5.4. Müll

Schlussbetrachtungen

Anhang
Verzeichnis der Abbildungen
Verzeichnis besuchter Internetseiten

Indias City of the future”, „Silicon Valley of India” oder auch “Indias indisputable boomtown for business environment“ - einige Bezeichnungen[1], die die rasante Wirtschaftsentwicklung von Bangalore zu umschreiben versuchen und auch als Leitthemen der regionalen Eigenvermarktung in Indien verwendet werden.

Bangalore, Hauptstadt des Bundesstaates Karnataka und Konzentrationsraum der Information Technologie (IT) Industry, hat sich in den letzten Jahren weltweit einen Namen gemacht. Bangalore ist im Herzen Südindiens auf dem Dekkanplateau gelegen und die fünftgrößte Metropole des Landes. Die auch als „Garden City“[2] bezeichnete Stadt entwickelte sich in den 1990iger Jahren zu einer der am schnellsten wachsenden Agglomerationen Asiens. Durch die zunehmende Globalisierung der Märkte und der Ansiedlung großer internationaler Unternehmen in Bangalore gelang es, ein ernstzunehmender Konkurrent auf dem internationalen IT - Markt zu werden. Bangalore gilt als Mythos[3], als Erfolgsmodell einer vernetzten globalisierten Welt, als Vorbild für andere indische Städte. Doch wenn man sich außerhalb der Prachtbauten und High-Tech Enklaven in dieser Stadt umsieht, wird bald deutlich, dass diese Entwicklung ihre ernstzunehmenden Schatten hinterlassen hat. Aufgabe dieser Arbeit soll es sein, die Probleme dieser rasanten Entwicklung zu benennen und nachzuweisen, dass sich die sozialen Disparitäten und Umweltkonflikte durch die rasante wirtschaftliche Entwicklung zusätzlich verstärkt haben.

Für die Erarbeitung des Themas sind folgende Kernfragen zu beantworten:

- Welche Entwicklung erfuhr Bangalore auf dem Weg zur IT- Metropole?
- Wie wirkte sich das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum auf den
Arbeits- und Wohnungsmarkt aus?
- Zu welchen städtischen Strukturen führte die hohe Zuwanderung von Bevölkerungsgruppen in Bangalore?
- Inwiefern ist die indische Metropole Bangalore von der „Tradition“ Frauendefizit betroffen?
- Wie hoch ist der Grad der vorhandenen Überlastungserscheinungen im infrastrukturellen Sektor ( Verkehrnetz, Ver- und Entsorgungssysteme)?
- Welche Ausbildungsmöglichkeiten stehen den verschiedenen Bevölkerungs- gruppen zur Verfügung?
- Bedeutet eine wachsende Metropole gleichzeitig einen relativen Anstieg der Kriminalität?
- In welchem Maße ist Bangalore von Umweltverschmutzung betroffen?

Die Probleme, die Bangalore als Metropole in Indien und demzufolge in einem Entwicklungsland betreffen, können jedoch nicht isoliert betrachtet werden.

Um Zusammenhänge aufzeigen zu können, wird, nachdem im ersten Kapitel eine allgemeine Abhandlung über die verwendete Forschungsliteratur, vorhandenen Statistiken, Vorgehensweise und Klärung der Begrifflichkeiten gegeben wurde, im zweiten Kapitel ein Überblick über die Bevölkerungssituation und die wirtschaftliche und historische Entwicklung der Metropole im Süden Indiens gegeben.

Inhalt des dritten Abschnitts sind die vorhandenen sozialen Konflikte, die unter anderem aus dem Arbeitsmarkt und den darausfolgenden Einkommensunterschieden resultieren. Näher beleuchtet wird der Wohnungsmarkt und insbesondere die Ausbreitung der Marginalsiedlungen. Ebenso soll die Problematik der zahlreichen Straßenkinder Gegenstand der Ausführungen sein. In dem sich anschließenden Themenbereich wird die allgemeine Infrastruktur thematisiert. Inwiefern kann sie mit der ökonomischen als auch demographischen Situation Schritt halten ? Welche Nachteile könnten oder sind bereits für den Wirtschaftsstandort Bangalore erwachsen?

Abschließend wird erläutert, welche Rolle dem Umweltschutz in Indien zugesprochen wird und inwiefern die Anwendung der Gesetze in Bangalore erfolgt. Es wird erläutert, welche Auswirkungen das industrielle und demographische Wachstum auf die Wasser- und Luftreinhaltung haben und in welchem Maße dies direkt auf die Lebensqualität der Bevölkerung zurückgreift.

1. Methodik

1.1. Forschungsliteratur

Obwohl Bangalore als südindisches Wirtschaftszentrum bereits auf eine langjährige Entwicklung zurückblicken kann, gilt ihr wirtschaftlicher Take off und die daraus erfolgten sozialen und ökologischen Konsequenzen in der Forschungsliteratur als ein eher junges Phänomen. Die Zahl wissenschaftlicher Publikationen über diese Thematik wächst erst allmählich, weil das bisherige Augenmerk sich hauptsächlich auf die ökonomische Entwicklung richtete, die im IT – Bereich erst in den frühen 1990igern ihren Anfang nahm.

Ein sehr aktuelles und ausführliches Beispiel dafür ist die Arbeit von Martina FROMHOLD-EISEBITH[4]. Die Autorin, die als Dozentin am geographischen Institut der Universität Salzburg tätig ist, stellte einen Vergleich zwischen den Technologieregionen Bandung/ Indonesien und Bangalore an, indem sie detailliert mit Hilfe statistischer und selbst erhobener Wirtschaftsdaten als auch empirischer Untersuchungen die wirtschaftliche Entwicklung und globale Vernetzung der beiden Städte darstellt. Als weitere, jedoch nicht so umfangreichen Darstellungen, neben anderen zahlreichen Publikationen von FROMHOLD-EISEBITH (die hauptsächlich in verschiedenen geographischen Zeitschriften erschienen sind), sind CHONG (2002)[5], HOFFMANN (1997)[6], KRAAS (1997[7] und 1998[8] ) als auch FELDBAUER (1997)[9] zu nennen. Erst in diesem Jahr veröffentlichte CHONG[10] sein Buch: „Business

environment and opportunities in india – bangalore and ist surrounding regions“.

Hauptaugenmerk legt er auf den wirtschaftlichen status quo und analysiert ausführlichst jeden einzelnen Wirtschaftsbereich. Den Finanzdienstleistern widmet er ein eigenes Kapitel. Der größte Abschnitt im gesamten Werk gilt den infrastrukturellen Einrichtungen. Negativ ist allerdings anzumerken, dass er die medizinische Versorgung vollkommen außer Betracht lässt und es an keiner Stelle zu einer Bewertung seinerseits kommt. Seine Ausführungen gleichen eher einer Aneinanderreihung, die weder verdeutlichen, dass die Infrastruktur völlig überlastet ist, noch welche direkten Folgen dies nach sich führt. Das Anfangskapitel über die umfassenden topographischen Gegebenheiten in Indien scheint unangebracht, da es keinen direkten Bezug zum Hauptthema gibt. Um sich einen Überblick über den derzeitigen wirtschaftlichen und infrastrukturellen Zustand über Bangalore zu machen, ist die Arbeit: „Business environment and opportunities in india – bangalore and ist surrounding regions“ aber durchaus geeignet.

Zur Umweltproblematik in Indien gibt es lediglich allgemeine Publikationen, worüber vor allem Stephan PAULUS[11] mehrfach Untersuchungen anstellte. Inhalt seiner Arbeiten sind hauptsächlich die Ausmaße der Umweltverschmutzungen in Indien und ihre direkten Auswirkungen auf die Lebensqualität der Einwohner. Besondere Wichtigkeit für diese Examensschrift hatte seine Dissertation: „Umweltpolitik und wirtschaftlicher Strukturwandel in Indien“ von 1992, mit der er die Doktorwürde an der Freien Universität Berlin erlangte. Ausführlich stellt er die wirtschaftliche Entwicklung und Bevölkerungspolitik seit der Unabhängigkeit Indiens dar und nimmt direkten Bezug auf die Rolle der Umweltpolitik Indiens und die Ausmaße der Umweltverschmutzung im Land.

Die Problematiken, die aus diesem High-Tech-Boom allerdings erwuchsen, wurden in der Forschung bisher wenig betrachtet. Als Wissenschaftler, die sich explizit mit den negativen Facetten Bangalores auseinander setzten, ist zum einen Malini GRIESMEYER zu nennen. Die Dissertationsschrift mit dem Thema „Residential Densities and Living Conditions in an Indian Metropolis – A case study of Bangalore“ wurde 1987 an der Universität Bangalore verfasst und 1993 veröffentlicht.

Anzumerken an dieser Arbeit ist jedoch, dass die aktuellsten verwendeten Daten aus dem Jahr 1981 stammen, deren Herkunft nicht angegeben wurde und die Arbeit somit nicht den aktuellsten Ansprüchen genügt.

Ein kürzerer und mit aktuelleren Daten versehener Aufsatz ist zum anderen von RAVINDRA (1993)[12] erschienen, die sich als erste überhaupt in wissenschaftlicher Form mit den Umweltproblemen, insbesondere der Wasser- und Luftverschmutzung und der Müllproblematik in Bangalore auseinander setzte. Ebenfalls veröffentlichte DITTRICH (1998; 2000)[13] Essays, in denen er sich mit den sozialen Disparitäten in Zusammenhang mit der Ungleichheit auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt auseinander setzte.

Desgleichen ist von Christoph DITTRICH, der als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Kulturgeographie der Universität Freiburg tätig ist, die Habilitationsschrift

zu erwähnen. Für seine Arbeit mit dem Titel „Globalisierung, Verwundbarkeit und Probleme der Existenzsicherung in der indischen Software-Metropole Bangalore“ arbeitete er mehrere Monate in Bangalore und stellte sie im Sommer diesen Jahres fertig. Demzufolge sind diese Ergebnisse auch noch nicht publiziert, wurden aber zum Teil von seiner Seite für diese Arbeit zur Verfügung gestellt.

1.2. Datengrundlage

Quellen und Erhebungen von Wirtschaftsdaten in Indien werden im umfangreichen Maße publiziert. Der „Annual Survey of Industries“ (ASI)[14] bietet die detailliertesten Daten über Wertschöpfung, Produktion, Beschäftigung, Kapitalstock, Löhne und andere Kennzahlen jeweils für einzelne Industriebranchen und zu laufenden Preisen. Diese Daten werden jährlich seit 1959 vom National Sample Survey und von der Central Statistical Organisation (CSO) erhoben und aufbereitet. Der Nachteil dieser Statistik ist, dass lediglich registrierte Betriebe erfasst werden und somit die meisten kleinen und mittleren Betriebe unberücksichtigt bleiben.

Auch werden weder der primäre oder tertiäre Sektor, noch die Elektrizitätswirtschaft oder das Baugewerbe erfasst. Da die Erhebungsverfahren äußerst zeitaufwendig sind, stehen diese Wirtschaftsdaten häufig mit einer hohen zeitlichen Verzögerung von bis zu sechs Jahren zur Verfügung.

Eine Alternative bietet da der „Index of Industrial Production“ (IIP)[15]. Die Einstellung erfolgt relativ kurzfristig, meist innerhalb eines Jahres. Doch wie auch beim ASI werden nur registrierte Betriebe widergespiegelt. Die Daten beruhen auf Stichproben des „Directorate General for Technical Development“ (DGTD). Hierbei wird die industrielle Produktionsentwicklung auf der Basis einer relativ großen Zahl repräsentativer Produkte geschätzt.

Vom CSO wird ebenfalls die „National Accounts Statistic“ (NAS)[16] veröffentlicht, in der seit 1970 reale Wirtschaftsdaten zu finden sind. Sie umfasst alle drei Wirtschaftssektoren und ist von jeher in unveränderter Klassifikation verfügbar. Die Daten für registrierte und unregistrierte Betriebe werden extra ausgewiesen, die für nicht registrierte Betriebe beruhen auf Schätzungen und Stichproben.

Beim Bundesamt für Außenhandelsinformationen erhält man aktuelle und ausführliche Marktanalysen , Wirtschaftsdaten und allgemeine Informationen zu Indien und weiteren 200 Ländern. Neben Publikationen, die auch für diese Arbeit verwendet wurden, sind Informationen auch über das Internet auf der Seite www.bfai.de abrufbar. Im Gegensatz zu den Internetseiten des Government of India sind diese Daten nicht kostenlos[17].

Daten zu den sozialen und ökologischen Problemen Bangalores zu finden, gestaltete sich hingegen als deutlich schwieriger. Aufgefunden werden konnten diese durch intensive Internetrecherche auf folgenden Seiten: www.mospi.nic.in und www.moh.fw.nic.in. Auf diesen Homepages werden Umwelt-, Verkehrs- und Bevölkerungsdaten folgender Statistiken zusammengefasst:

- Motor Transport Statistic
- Indias Development Report
- Central Pollution Control Board
- Tata Energy Research Institute
- Ministry of Urban Affairs & Employment
- Central Electricity Authority
- Central Water Comission

Die Seite www.censusindia.net verfügt über Statistiken von 2001, die in folgende Kategorien unterteilt sind: Administrative units, Population, Population (0-6), Literate population and literacy rate, workers und non-workers. Diese Daten sind für Gesamtindien, einzelne Bundesstaaten, Distrikte als auch für einzelne Städte kostenlos abrufbar.

Eine letzte erwähnenswerte Statistik ist an dieser Stelle das National Crime Records Bureau (http://ncrb.nic.in) zu nennen. Auf dieser Homepage sind sämtliche Daten, die in Zusammenhang mit polizeilicher Arbeit von 2000 stehen, tabellarisch erhältlich.

Was allerdings die Genauigkeit aller indischer Statistiken betrifft, so sollten diese Daten immer mit Vorbehalt betrachtet werden. Sie sind häufig ungenau, da sie teilweise auf Schätzungen beruhen und die Realität nicht immer genau widerspiegeln.

Es besteht, so scheint es, von staatlicher Seite kaum ein Interesse daran, reale demographische Statistiken zu erstellen, da sie zum einen ein negatives Bild auf die politischen Entscheidungsträger werfen könnten, zum anderen muss befürchtet werden, dass potentielle ausländische Investoren durch die Statistiken abgeschreckt werden könnten.

Es darf aber auch nicht außer acht gelassen werden, dass die einzelnen Bundesstaaten weder über ausreichende finanzielle Mittel oder Mitarbeiter verfügen, um umfangreiche Zählungen und Auswertungen durchzuführen.

Als Ergänzung wurden daher Daten, die von Martina Fromhold-Eisebith und Christoph Dittrich in Bangalore aufgrund eigener Forschungsvorhaben erhoben worden sind, verwendet.

1.3. Vorgehensweise

Am Anfang der Arbeit stand ein umfangreiches Literaturstudium. Da jedoch, wie unter Abschnitt 1.1 bereits erläutert, die sozialen und ökologischen Probleme in Bangalore wenig reflektierte Themen in der Entwicklungsländerforschung sind, stieß man bei der literarischen Recherche schnell an Grenzen.

Somit war eine intensive Internetrecherche ein wichtiger zweiter Hauptschritt. Die am häufigsten verwendeten Websites[18] waren u.a.:

- www.bangalorebuzz.com
- www.bangalorenet.com
- www.bangalorebest.com,
- www.onlinebangalore.com
- www.bangaloresoftware.com
- www.virtualbangalore.com
- www.karnatakastatepolice.com
- www.bcp.gov.in
- www.mohfw.nic.in
- www.mospi.nic.in
- www.blrforward.com

Bei den Tageszeitungen erschienen folgende als besonders interessant:

- The Hindu (www.thehindu.com)
- Indian Express (www.expressindia.com)
- Times of India (www.timesofindia.com)
- Times of Bangalore (www.bangaloretimes.com)
- The Telegraph (www.telegraphindia.com)

Da trotz der umfassenden Recherche nicht alle Datenlücken geschlossen werden konnten, wurden von der Verfasserin über das Internetkommunikationsprogramm ICQ Befragungen über die allgemeine Wohnsituation und Mietpreislage in Bangalore durchgeführt. Befragt wurden circa 25 Männer und fünf Frauen im Alter zwischen 22 und 41 Jahren, die zum größten Teil in der IT Branche tätig sind. Diese Umfrage ist aufgrund der geringen Anzahl der Befragten, derer gesellschaftlichen Stellung und gleichen Alters keineswegs repräsentativ, ermöglicht es aber, einen Einblick in den Wohnungsmarkt der privilegierteren Schicht Bangalores zu geben.

Die Initiative, auf Wohnungsanzeigen einer Onlineplattform zu antworten, erwies sich als wenig effektiv, da sich bei 40 Anfragen nur zwei potentielle Vermieter meldeten.

Es folgten Anschreiben an verschiedene deutsche Organisationen über die verschiedenen Problemfelder, die in dieser Arbeit behandelt werden. Allerdings war die Resonanz eher gering. Lediglich terre des hommes stellte interessante Materialien zur Problematik der Straßenkinder in Bangalore zur Verfügung.

Ein weiteres ausgeschöpftes Mittel zur Erkenntnisgewinnung waren Experteninterviews. Dafür stand der Verfasserin Dr. Christoph Dittrich vom Geographischen Institut der Universität Freiburg zur Verfügung. Er selbst war im Rahmen seines Forschungsprojektes insgesamt neun Monate in Bangalore tätig und konnte so mit interessanten Thesen und Gedankenanstößen, die in mehreren Interviews ausgetauscht wurden, zum Gelingen dieser Arbeit beitragen. Außerdem stellte er eigene Forschungsergebnisse als auch Teile seiner bisher unveröffentlichten Habilitationsschrift für diese Examensschrift zur Verfügung.

1.4. Begriffsklärung

Im Zusammenhang mit Bangalore wird häufig der Begriff „Metropole“ genannt, ohne eigentlich genau zu definieren, was man unter diesem Begriff zu verstehen hat. Welche Kennzahlen machen aus einer Stadt eine Metropole oder eine Megacity beziehungsweise trifft einer der Begriffe überhaupt auf Bangalore zu?

Unter Metropolen versteht man städtische Agglomerationen, in denen mehr als eine Million Menschen leben, somit ist Bangalore eindeutig auch als eine solche zu bezeichnen. Metropolen weisen heute eine besondere Dynamik auf.

Bereits 1990 lebten 33 Prozent[19] der städtischen Bevölkerung in solchen Agglomerationen, die es in Industrie- und Entwicklungsländern gleichermaßen gibt. Der Metropolisierungsgrad liegt beispielsweise in Australien bei ca. 50,6 Prozent und in den USA bei 36,2 Prozent. Doch besonders die Entwicklungsländer weisen einen sehr hohen Metropolisierungsgrad auf. Als Beispiele wären Argentinien (42,5 Prozent), Brasilien (35,3 Prozent) oder Mexiko( 32,5 Prozent) zu nennen.

Um 1900 gab es lediglich 13 Metropolen weltweit, 1990 ist diese Zahl bereits auf 275 angestiegen. Um eine bessere Differenzierung vornehmen zu können, gibt es außerdem den Begriff der Megacitys oder auch Megastädte. Nach einer rein quantitativen Abgrenzungen werden so die Metropolen der Welt bezeichnet, die eine Bevölkerung von mehr als fünf Millionen Einwohnern[20] bzw. mehr als acht Millionen Einwohnern[21] aufweisen.

Nach der UNO Definition handelt es sich bei Megacities um Agglomerationen mit mehr als acht Millionen Einwohnern. Dies ist allerdings ein Wert, der nicht statistisch ist und möglicherweise, wie auch der Metropolenbegriff, wieder angepasst werden muss.

Auch wenn es sinnvoller erscheint, den höheren Stellenwert zu bevorzugen, weil die große Bevölkerungszahl besonders hervorgehoben wird, scheint es doch eher müßig, da bei den Bevölkerungszahlen einer Stadt auch immer die Fläche, die zur Verfügung steht, berücksichtigt werden muss. Internationale Statistiken beruhen jedoch nicht auf ähnlichen Bezugsflächen, so dass nur die absoluten Bevölkerungszahlen international vergleichbar sind. Nach der UN-Definition leben heute 10 Prozent der Weltbevölkerung in solchen Megastädten (zum Beispiel Delhi, Kairo, Tokio oder Mexiko-City). Ein eindeutiger Trend ist auch hier in der Richtung zu sehen, dass die ansteigende Zahl von Megastädten (Megapolisierung) heute vor allem von den Entwicklungsländern getragen wird.

So waren 1994 in der Rangliste der größten Städte der Erde gerade noch drei Megastädte aus den Industrienationen vertreten. Nach UN-Berechnungen wird bis zum Jahr 2015 nur noch eine Megastadt aus der Ersten Welt stammen (Tokio).

In Indien gibt es insgesamt zwei Megacities[22] (Bombay und Neu Delhi) und 25 Metropolen, die in der folgenden Tabelle aufgelistet sind:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Indische Städte mit mehr als einer Million Einwohner

Quelle: Census of India (www.censusindia.net).

Seit der Unabhängigkeit 1949 wurde Indien als Entwicklungsland kategorisiert, obwohl der Begriff „Entwicklungsland an sich nicht unumstritten ist. Er gilt als wertend und setzt die Länder Westeuropas und Nordamerikas mit fortschrittlich und hochentwickelt gleich und gibt somit die Entwicklungsrichtung für Länder der Dritten Welt vor.

Eine einheitliche Definition gibt es nicht, daher wird am häufigsten das pro Kopf Einkommen als Maßstab genutzt[23]. Der statistische Aussagewert ist allerdings doch recht begrenzt, da weder informelle Arbeit noch Selbstversorgung mit berücksichtigt werden.

Typische Kennzeichen sind aber auch eine hohe Arbeitslosigkeit, ein überbesetzter Dienstleistungssektor, viele Beschäftige in der Landwirtschaft, Auslandsverschuldung sowie eine unzureichende Infrastruktur.

Während es in Ländern der sogenannten Ersten Welt das Problem des Geburtenrückgangs gibt, so scheint das Bevölkerungswachstum in den Ländern der Dritten Welt ungebrochen. Eine niedrige Alphabetisierungsrate, Verstädterung und eine instabile politische Lage können weitere Merkmale eines Entwicklungslandes sein.

Häufig leiden große Teile der Bevölkerung in Entwicklungsländern unter Massenarmut, Unterernährung und Krankheiten.

Alle Faktoren beeinflussen sich gegenseitig, müssen jedoch nicht in jedem Falle alle in einem Land auftreten. Es kann aber festgehalten werden, dass Indien auch mehr als 50 Jahre nach der Entlassung in die Unabhängigkeit von allen Faktoren im hohen Maße betroffen ist.

2. Bangalore – Ein Porträt

2.1. Eine statistische Sicht

Entgegen der Eigenwerbung[24] als „Silicon Valley of India“ ist Bangalore nicht im Tal gelegen, sondern in 920 Meter Höhe auf dem Dekkanplateau. Sie ist die fünftgrößte Stadt Indiens und eine der schnellwachsendsten überhaupt in Südasien. Die Einwohnerzahl beträgt derzeit circa fünf Millionen, die Prognosen[25] gehen für die Zukunft jedoch davon aus, dass die Bevölkerung im Jahr 2011 bereits auf sieben Millionen ansteigen könnte.

Die statistischen Angaben dokumentieren die wirtschaftliche Dominanz der Hauptstadt Karnatakas[26]. Bangalore erbringt 45 Prozent[27] der gesamten Wirtschaftskraft des Bundesstaates und 40 Prozent des indischen Softwareexports. Dagegen leben und arbeiten nur rund zehn Prozent[28] aller indischen Informatikingenieure in der Stadt, die 0,5 Prozent der indischen Bevölkerung beheimatet und weniger als 0,1 Prozent der Landesfläche einnimmt.

Der ökonomischen Entwicklung Bangalores kam und kommt die äußerst zentrale strategische Lage zugute. Die Abbildung 2 zeigt die Einbindung der Metropole in ein Hauptstraßennetz, wodurch eine schnelle Erreichbarkeit von allen größeren Städten des Landes gewährleistet wird. Das außerstädtische Verkehrsnetz erstreckt sich zum einen von und nach Madras an die östlich gelegene Koromandelküste, zum anderen nach Mangalore (an die Malagaküste im Westen) als auch in den äußersten Süden nach Trivandrum. Des Weiteren ist Bangalore mit den nördlich gelegenen Metropolen Hyderabad und Bombay über eine direkte Hauptstraßenverbindungen erreichbar.

Neben der Einbindung in ein weitreichendes Verkehrsnetz ist das ganzjährig angenehme Klima[29] durch die Nähe zum Meer und die Lage auf dem Dekkanplateau

ein weiterer Grund, die Bangalore sowohl für einheimische als auch ausländische Investoren und Arbeitsnehmer attraktiv macht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2:Bangalores geographische Lage.

Quelle: Fromhold - Eisebith, Martina: Technologieregionen in Asiens Newly Industrialized Countries: Strukturen und Beziehungssysteme am Beispiel von Bangalore/ Indien und Bandung/ Indonesien, Münster 2001, S.86.

2.2. Demographische Situation

Von dem ständigen Bevölkerungswachstum in Indien sind die Metropolen und Megacities des Landes im Besonderen betroffen, da diese durch die scheinbar besseren Lebensbedingungen eine besondere Anziehungskraft auf die ländliche Bevölkerung ausüben.

Zu einer Erhöhung der Einwohner kommt es außerdem durch die Verbesserung des Gesundheitssystems und der Hygiene, die zur Senkung der Sterblichkeitsrate besonders bei Säuglingen und Kleinkindern führen und der gleichzeitigen Erhöhung der allgemeinen Lebenserwartung. Da die Geburtenzahlen in Indien jedoch konstant[30] geblieben sind, wächst die Bevölkerung weiterhin an.

Die Bevölkerungssituation in Bangalore zeigt die Abbildung 3. Seit der wirtschaftlichen Liberalisierung Anfang der 90iger Jahre hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt. Darf man den Prognosen Glauben schenken, so wird das ehemalige Pensionärsparadies[31] in circa zehn Jahren die acht Millionen Marke überschritten haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 : Bevölkerung in Bangalore (1975 – 2015)

Quelle: Dittrich, Christoph: Globalisierung, Verwundbarkeit und Probleme der Existenzsicherung in der indischen Software-Metropole Bangalore (unveröffentlichte Habilitationsschrift), Geowissenschaftliche Fakultät, Universität Freiburg 2002.

Bei einer näheren Betrachtung der Bevölkerungszahlen und Bevölkerungsentwicklung ergibt sich der interessante Aspekt der Geschlechterverteilung in Indien, da diese eine enorme Divergenz aufzeigt. Fast über all auf der Welt gibt es ein Gleichgewicht zwischen weiblichen und männlichen Neugeborenen. Im Laufe des Lebens verschiebt sich dieses Bild: Frauen haben meist eine höhere Lebenserwartung als Männer. Somit wäre ein Frauenüberschuss als normal zu bezeichnen, das indische Frauendefizit ist hingegen ein abnormales Phänomen. 1901 gab es, wie Abbildung 4 zeigt, auf 1.000 Männer noch 982 Frauen, ein Wert, der durchaus noch als normal zu bezeichnen ist. In den folgenden Jahrzehnten nahm die relative Anzahl der Frauen aber drastisch ab. Der Tiefpunkt war 1971 erreicht, als die Anzahl der Frauen auf 1.000 Männer auf 886 gesunken war. Bis 2001 konnte sich diese Situation nur leicht entspannen, da die Frauenquote auf wieder auf 906 anstieg[32].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4:Geschlechterverteilung in Bangalore 1901-2001 (Anzahl der Frauen auf 1000 Männer)

Quelle: Census of India (www.censusindia.net).

Doch worin sind die Ursachen dieser Entwicklung zu sehen? Obwohl Bangalore eine der modernsten Städte Indiens ist, gilt dies nicht für das Frauenbild. Trotz gesetzlichen Verbots ist es auch heute noch Sitte, dass die Eltern der Braut der Familie des Bräutigam eine hohe, den finanziellen Möglichkeiten der Brautfamilie oft übersteigende, Mitgift zahlen. Mädchen gelten in diesem Zusammenhang als finanzieller Verlust. Häufig kommt es daher besonders in den Familien, in denen es bereits ein oder zwei Töchter gibt, zur Ermordung weiblicher Säuglinge. In diesem Falle kommt die Modernität Bangalores zugute: dort, wo es modernste Kliniken mit westlichem Standards wie Ultraschall gibt, gibt es auch die Möglichkeit, weibliche Föten abzutreiben. Es ist ebenfalls verboten, wird jedoch in der Praxis umgangen.

Eine Abtreibung dieser Art kostet circa 500 Rs. (13 US $)[33], was für eine Familie aber immer noch leichter zu finanzieren ist, als später eine Mitgift von 50.000 Rs. zu zahlen.

Die Ursachen des Frauendefizits sind jedoch noch vielschichtiger. Indische Mädchen werden häufig bereits in sehr jungen Jahren verheiratet und leben ab diesem Zeitpunkt in der Familie des Mannes. Da die jungen Schwiegertöchter am entbehrlichsten sind, weil sie jederzeit ersetzbar wären, leiden diese vergleichsweise häufiger an Unterernährung und mangelnder medizinischer Versorgung. Die schlimmsten, aber auch selteneren Fälle sind in diesem Zusammenhang die Mitgiftmorde[34]. Gebärt eine Frau nicht innerhalb weniger Jahre einen oder mehrere Jungen oder ist der Familie des Bräutigams die Mitgift nicht hoch genug gewesen, läuft die Schwiegertochter Gefahr, einem fingierten Unfall mit beispielsweise einem manipulierten Gaskocher[35] zum Opfer zu fallen. Somit soll für den Ehemann der Weg zu einer erneuten Ehe geebnet werden. Im Jahr 2001 gab es laut Statistik[36] 55 Fälle dieser Mitgiftmorde in Bangalore. Christoph DITTRICH, der sich mehrer Monate aus Forschungsgründen in einem Slum im Stadtteil Koromangala aufgehalten hatte, berichtete hingegen in einem von der Verfasserin geführten Gespräch, dass ihm allein in dieser Marginalsiedlung mit circa 5.000 Bewohnern im Verlauf von zwei Monaten zehn dieser Fälle zu Ohren gekommen sind und die reale Anzahl dieser Morde mindestens zehnmal so hoch seien.

Die Konsequenzen, die aus der Diskriminierung der Frauen ergeben, zeigen sich auch in der folgenden Abbildung 5.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Bevölkerung nach Altersgruppen und Geschlecht in Bangalore 1996

Quelle: Census of India ( www.censusindia.net)

In ihr wird deutlich, dass sich in allen Altersgruppen ein deutliches Defizit an weiblichen Einwohnern zeigt. Besonders groß ist die Spanne in den Lebensjahren 15 bis 25 und 35 bis 59 und wahrscheinlich durch die eben getätigten Ausführungen zu erklären. Auffällig hingegen ist, dass besonders in der Altersgruppe der 0 bis 14jährigen fast ein Gleichgewicht besteht. Ein möglicher Grund könnte die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in dem Zeitraum und die besseren Versorgungsmöglichkeiten sein. Um jedoch ausschließen zu können, dass es sich hierbei lediglich um einen Zufall handelt oder ob sich tatsächlich die soziale Lage der weiblichen Einwohner Bangalores zum Positiven verändert hat, müssen die Geburtenraten der nächsten Jahre weiter beobachtet werden. Ab dem 60. Lebensjahr erfolgt nochmals eine Angleichung der Geschlechterzahlen, was jedoch auf die höhere Lebenserwartung der Frauen zurückzuführen ist.

2.3. Kurzer Abriss der Geschichte Bangalores

Bangalore hat als wirtschaftliches Zentrum eine lange Tradition. Bereits im 17. Jahrhundert war die Stadt auf dem Dekkanplateau ein überregionaler Marktort. Wegen des oben schon erwähnten angenehmen Klimas und der günstigen strategischen Lage wurde sie unter der britischen Herrschaft Anfang des 19. Jahrhunderts zur größten Militärgarnison Südindiens ausgebaut. Außerhalb der Stadt entstand ein eigener Verwaltungs- und Militärstützpunkt. In der Stadt selbst erbauten die Engländer großzügige Villenviertel mit eingeschossigen Bungalows in weitläufigen Gärten. Viktorianische Prachtbauten säumten die Einkaufsstraßen. Parkanlagen und Alleen wurden im gesamten Stadtgebiet angelegt. Noch heute befinden sich in diesen Stadtteilen Regierungs- und Verwaltungsgebäude, Geschäftsviertel, Restaurants, Hotelketten und internationale Unternehmen. Bangalore erwuchs zu einer der beliebtesten Städte Indiens und zum Pensionärsparadies.
Ende des 19. Jahrhunderts gab der regierende Fürst von Mysore die Parole „Industrialisierung oder Untergang“ aus. Dies zog viele Maßnahmen nach sich: zum einen der frühe Ausbau der Stromversorgung[37], zum anderen staatlich forcierte Industrialisierung. Bereits vor 1900 entstanden große, moderne Industrieunternehmen: 1884 wurde gar die erste Dampfmaschine in einer Spinnerei installiert. Im Jahre 1902 verfügte Bangalore als erste Stadt Indiens ein Elektrizitätswerk und ein Stromnetz.

Die Ansiedlung zahlreicher elektrotechnischer Betriebe wurde von staatlicher Seite gefördert, wodurch zahlreiche Arbeitsplätze in Textil-, Eisen- und Stahlfabriken und in elektrotechnischen Betrieben entstanden. Der wirtschaftliche Aufschwung[38] brachte eine große Zuwanderung aus vielen Landesteilen mit sich, so dass die Bevölkerung Bangalores bis zur Unabhängigkeit 1947 auf 900.000 Menschen[39] anwuchs.

Durch die Grundsteinlegung der frühen Industrialisierung und den bereits vorhandenen Arbeitskräften, ließen sich in den 50iger und 60iger Jahren die meisten der großen staatlichen Unternehmen aus den Bereichen Maschinen- und Werkzeugbau, Luft- und Raumfahrttechnik, Elektronik und Telekommunikation mit beträchtlichen Investitionen in Bangalore nieder. Gleichzeitig wurden national und international renommierte Forschungsinstitute[40] eingerichtet wie das Indian Institute for Management, das Indian Institute of Science, die Indian Space Research Organisation oder die National Aerospace Laboratories. Innerhalb weniger Jahre wurde Bangalore zu einem Zentrum der Hochtechnologie und zu Nehrus[41] „India´s city of the future“[42].

2.4. Wirtschaftliche Bestandsaufnahme Bangalores

2.4.1. Wirtschaftliche Tradition

In der jüngeren Entwicklung Bangalores wurde von der vergleichsweise langen Geschichte der Industrialisierung profitiert. Auf der Grundlage der ergiebigen Rohstoff- (Metallerze) und Energiebasis (Wasserkraft) hat sich die Stadt früh zu einem Konzentrationsraum von Textilindustrie, Metallverarbeitung und Verarbeitung landwirtschaftlicher Rohstoffe herauskristallisiert.

Mit staatlicher Unterstützung entstanden in den 50iger und 60iger Jahren technologieorientierte Investitionsgüterindustrien, die überregionale und nationale Bedeutung erlangten und Bangalore zu einem Industrialisierungszentrum in Indien machten, in dem eine technologische Spezialisierung erfolgte. Folgende landesweit bekannte Unternehmen haben ihre Hauptniederlassungen[43] in der Hauptstadt Karnatakas eingerichtet und sind auch bis heute noch in der Stadt ansässig und Arbeitgeber für rund

80.000 Einwohner der Region.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6:Die wichtigsten indischen Hauptniederlassungen in Bangalore

Quelle: Fromhold - Eisebith, Martina: Technologieregionen in Asiens Newly Industrialized Countries: Strukturen und Beziehungssysteme am Beispiel von Bangalore/ Indien und Bandung/ Indonesien, Münster 2001, S.131.

Es ist ersichtlich, dass bereits wenige Jahre nach der Unabhängigkeit Bangalore im industriellen Sektor des Landes eine entscheidende Rolle spielte. Auch wenn es in Neu Delhi und Bombay seit 1960 eine größere Anzahl von Firmen start up´s gab, muss doch berücksichtigt werden, dass diese beiden Städte schon derzeit zu den bedeutendsten Metropolen Indiens gehörten und über ein gänzlich anderes Arbeitskräftepotential verfügten. Ab 1986 ist eine deutliche Steigerung der absoluten Firmenzahlen zu erkennen: in Bangalore gab es eine Steigerung von 355 Prozent, in Bombay von 256 Prozent, in Kalkutta von 500 Prozent, in Delhi von 683 Prozent, in Hyderabad von 650 Prozent, in Madras von 429 Prozent und in Pune von 133 Prozent im Vergleich zum vorangegangenen untersuchten Zeitraum von 1981-85.

Die Ursachen der überproportionalen Wachstumsraten sind in der Liberalisierung der indischen Wirtschaftspolitik begründet. Während ab der 1990iger Jahre die Neuansiedlung von Firmen in den meisten indischen Städten stagnierte oder gar zurückging, blieb Bangalore ein bevorzugter Standort für Firmengründungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Start up´s von Großkonzernen in ausgewählten indischen Städten (ausgenommen IT Branche)

Quelle: Chia, Siow Yue: Growth and development of the IT Industrie in bangalore and singapore – a comperative study, Singapore 2001, S.12.

Besonders interessant sind in diesem Rahmen die absoluten Daten. Vergleicht man nämlich die Einwohnerzahl der betreffenden indischen Städte und die Anzahl der Firmen, kristallisiert sich Bangalore als bevorzugter Standort heraus. In Abbildung 8 wird deutlich, dass sich nach Bombay Bangalore als Konzentrationspunkt für die Ansiedlung von IT – Betriebe entwickelt hat.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8:Bevorzugte IT Standorte in Indien

Quelle: Chia, Siow Yue: Growth and development of the IT Industrie in bangalore and singapore – a comperative study, Singapore 2001, S.11.

2.4.2. Branchenstruktur in Bangalore

Häufig wir in der Forschungsliteratur der Eindruck suggeriert, dass Bangalore seinen wirtschaftlichen Aufstieg allein der IT – Industrie zu verdanken hat. Im Folgenden wird deutlich, dass auch weitere Industriezweige wichtige Arbeitgeber für diese Stadt sind.

In Abbildung 10 zeigt sich die industrielle Vielfalt Bangalores. Es gibt allein 80 Firmen aus dem Informationstechnologie- und Elektronikbereich (dies entspricht 19,2 Prozent der gesamten Betriebe der Stadt, ausgenommen IT - Branche). An zweiter Stelle folgt der Maschinenbau, bei dem in 78 Betrieben fast 40 Prozent der Arbeitnehmer Bangalores angestellt sind. Zusammen mit den Anbietern elektrischer Anlagen beschäftigen diese drei Branchen mehr als 70 Prozent aller Angestellten der Stadt.

Mittlere und Größere Unternehmen (1996/97) Kleinbetriebe (1991)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Unternehmensstruktur in Bangalore

Quelle: Fromhold-Eisebith, Martina: Technologieregionen in Asiens New Industrialized Countries:

Strukturen und Beziehungssysteme am Beispiel von Bangalore/ Indien und Bandung/ Indonesien,

Münster 2001, S.132.

Trotz der Branchenzahlen darf man die Bedeutung der IT – Industrie nicht außer acht lassen. Bangalore ist maßgeblich am Softwareexport des Landes beteiligt und konnte die Gesamtumsätze von Jahr zu Jahr deutlich steigern. Allein 1995 betrug der Softwareexportumsatz Bangalores 230 Millionen US $, dagegen lag der Gesamtumsatz Indiens bei gerade einmal 255 Millionen US $. Im Folgejahr betrug Bangalores Umsatz 470 Millionen US $, welcher zwei Jahre später bereits auf 1 Milliarde US $ angewachsen war. Die Wachstumsraten lagen in den letzten Jahren zwischen 30 und 50 Prozent - keine andere Branche kann mit diesen Zahlen auch nur annähernd mithalten.

[...]


[1] Feldbauer, Peter (Hg.): Mega – Cities: die Metropolen des Südens zwischen Globalisierung und Fragmentierung, Frankfurt 1997, S. 86.

[2] www.bangalorenet.com.

Selbst zur heißen Zeit des Vormonsuns (Mai/Juni) steigt die Tageshöchsttemperatur kaum über 30° C, während im Tiefland Werte über 40° C die Regel sind. (Ravindra, Ravi: Bangalore – An environment profile, In: Government of India: Managing urban environment in India, New Delhi 1993, Bd.2., S.124 ff.)

[3] Dittrich, Christoph: Stadt der zwei Geschwindigkeiten – Glanz und Elend der indischen Software-Metropole Bangalore, in: Blätter des Informationszentrums 3. Welt, Nr.229, Mai/Juni 1998, Seite 17.

[4] Technologieregionen in Asiens Newly Industrialized Countries: Strukturen und Beziehungssysteme am Beispiel von Bangalore/ Indien und Bandung/ Indonesien, Münster 2001.

[5] Chong, Li Choy: Business environment and opportunities in India – Bangalore and its surrounding regions, St. Gallen 2002.

[6] Hoffmann, Thomas: Bangalore – Indiens Silicon Valley, in: Praxis Geographie, Braunschweig 1997, 27.Jg.,Heft 9, S.38-41.

[7] Kraas, Frauke: Megastädte: Urbanisierung der Erde und Probleme der Regierbarkeit von Metropolen in Entwicklungsländern, In: Holtz, Uwe (Hg.):Probleme der Entwicklungspolitik, Bonn 1997, S.139-178.

[8] Kraas, Frauke: Determinanten der jüngsten Wirtschaftsentwicklung in Südostasien, in:

Zeitschrift für Wirtschaftsentwicklung, Frankfurt 1998.

[9] Feldbauer, Peter (Hg.): Mega – Cities: die Metropolen des Südens zwischen Globalisierung und Fragmentierung, Frankfurt 1997.

[10] Li Choy Chong ist seit 1996 Professor an der Universität St. Gallen und hielt seine Antrittsvorlesung zum Thema:“ Von Armut zu Wohlstand – Die Wiederholung des Schweizer Wirtschaftswunders in Asien“.

[11] Paulus, Stephan: Wirtschaftswachstum, Strukturwandel und Umweltpolitik in Indien: Ansatzpunkte für eine Ökologisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, Berlin 1989.

Paulus, Stephan: Klimaschutz und nationale Energiepolitik : das Beispiel Indien, Berlin 1992.

Paulus, Stephan: Umweltpolitik und wirtschaftlicher Strukturwandel in Indien, Frankfurt 1993.

[12] Ravindra, Ravi: Bangalore – An environment profile, In: Government of India: Managing urban environment in india, New Delhi 1993, Bd.2, S. 121-141.

[13] Dittrich, Christoph: Leben in der Stadt, in: Deutscher Entwicklungsdienst (Hg.): DED Brief, 2/3,Bonn 2000, Seite 15-17.

Dittrich, Christoph: Stadt der zwei Geschwindigkeiten – Glanz und Elend der indischen Software-Metropole Bangalore, in: Blätter des Informationszentrums 3. Welt, Nr.229, Mai/Juni 1998, Seite 15-17.

[14] www.mospi.nic.in.

[15] www.ubos.org/iip.

[16] www.mospi.nic.in.

[17] Für die Anmeldung müssen 20 € und pro gelesenem Artikel 2,50 € gezahlt werden. Das jährliche Internetabonnement ist für 1055 € erhältlich.

[18] Eine ausführliche Auflistung über alle Websites ist im Anhang zu finden.

[19] Holtz, Uwe: Probleme der Entwicklungspolitik, Bonn 1997, S.141ff.

[20] Feldbauer, Peter (Hg.): Mega – Cities: die Metropolen des Südens zwischen Globalisierung und Fragmentierung, Frankfurt 1997, S.9.

[21] United Nations: Population Growth and Policies in Mega Cities: Bangkok, Population Policy Paper 10, New York 1987, S. 42.

[22] Nach dieser Definition wäre es also auch richtig, Bangalore als Megastadt zu bezeichnen. Da die Bevölkerungszahl jedoch im Grenzbereich liegt, wird in dieser Arbeit weiter der Metropolen –Begriff beibehalten.

[23] Quelle: Geowissenschaften Online (www.g-o.de ).

[24] www.bangalorenet.com.

[25] Pritish Ng.: Environment, population and development: felicitation volume in honour of Prof. S.L. Kaifastha, New Delhi 2001, S.254.

[26] Im Bundesstaat Karnataka leben 45 Millionen Menschen auf einer Gesamtfläche von 192.000 Kilometern.

[27] Fromhold – Eisebith, Martina: Technologieregionen in Asiens Newly Industrialized Countries: Strukturen und Beziehungssysteme am Beispiel von Bangalore/ Indien und Bandung/ Indonesien, Münster 2001, S.77.

[28] Ebenda.

[29] Die Temperaturen bewegen sich ganzjährig zwischen 15 und 30°C. Aus: www.klimadiagramme.de.

[30] Auch wenn die Zweikindpolitik seit der Regierung Indira Ghandis propagiert wird, so gelten Kinder besonders in den unteren Mittelschichten und Unterschichten noch immer als Altersvorsorge.

[31] Vor der wirtschaftlichen Liberalisierung war Bangalore durch das angenehme Klima und hohen Lebensstandard vor allem bei gut situierten Pensionären beliebt, die dort ihren Lebensabend verbrachten.

[33] Eine Aussage von Christoph DITTRICH in einem mit der Verfasserin geführten Interview.

[34] Siehe auch Kapitel 3.3. .

[35] Eine Aussage von Christoph DITTRICH in einem mit der Verfasserin geführten Interview.

[36] National Crime Records Bureau (http://ncrb.nic.in).

[37] Im Jahre 1902 verfügte Bangalore als erste Stadt Indiens über ein Elektrizitätswerk und ein Stromnetz.

[38] 1945 gab es bereits 150 Großbetriebe im gesamten Distrikt. Aus: Fromhold - Eisebith, Martina: Technologieregionen in Asiens Newly Industrialized Countries: Strukturen und Beziehungssysteme am Beispiel von Bangalore/ Indien und Bandung/ Indonesien, Münster 2001, S.130.

[39] Dittrich, Christoph: Stadt der zwei Geschwindigkeiten – Glanz und Elend der indischen Software-Metropole Bangalore, in: Blätter des Informationszentrums 3. Welt, Nr.229, Mai/Juni 1998, Seite 15.

[40] Feldbauer, Peter (Hg.): Mega – Cities: die Metropolen des Südens zwischen Globalisierung und Fragmentierung, Frankfurt 1997, S.87.

[41] Nehru war der erste Premierminister des neuen Staates und bestrebt, Bangalore zu Indiens Stadt der Zukunft zu machen. Unter anderem veranlasste er, dass Mysore als Hauptstadt Karnatakas von Bangalore abgelöst wird.

[42] Ebenda.

[43] Fromhold - Eisebith, Martina: Technologieregionen in Asiens Newly Industrialized Countries: Strukturen und Beziehungssysteme am Beispiel von Bangalore/ Indien und Bandung/ Indonesien, Münster 2001, S.131.

[44] Die Beschäftigungsangaben sind lückenhaft und werden nicht laufend aktualisiert, sollten also unter Vorbehalt betrachtet werden.

Details

Seiten
105
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638180412
ISBN (Buch)
9783638698436
Dateigröße
994 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12043
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Geographisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Probleme Metropolen Entwicklungsländern Beispiel Bangalore Indien

Autor

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Titel: Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern: Bangalore, Indien