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Literaturwissenschaftliche Analyse

Kategorien der Erzähltextanalyse

von Dr. Stefan Schweizer (Autor)

Skript 2009 7 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Literaturwissenschaftliche Analyse

Kategorien der Erzähltextanalyse

Einleitung

1. Räume: Raumstruktur

2. Figuren und ihre Anlegung

3. Ereignis und Tat

4. Verhältnis zur Zeit

5. Text-Kontext-Relationen (Altertümelnd: Intertextualität)

6. Formalia

7. Gegenständlichkeiten und Requisiten

9. Erzählsituationen und Perspektivik

10. Fazit

Literatur

Einleitung

Der folgende Text gibt einen kompakten und sehr konzentrierten Überblick über die Notwendigkeiten der literaturwissenschaftlichen Interpretation. Er eignet sich hervorragend zu schriftlichen Prüfungsvorbereitung, zum Lernen literaturwissenschaftlicher Kategorien oder zum Verfassen literaturwissenschaftlicher Texte.

Literaturwissenschaft untersucht die Systematik der endlichen Darstellungsmöglichkeiten eines Textes. Literatur versteht sich dabei als sekundäres Zeichensystem, das keine Referenz zur Wirklichkeit besitzt, aber als Simulation zu betrachten ist. Die Literatur bezieht sich auf andere Zeichensysteme, das sekundäre Zeichensystem thematisiert ein Schema aus der Alltagskommunikation. So entsteht die Fragestellung der Konstruktion und Darstellung des literarischen Textes.

Es gibt v.a. die folgenden neun Strukturmomente, die bei einer Interpretations- und Analyseklausur besonders zu beachten sind. Dasselbe trifft natürlich für Hausarbeiten und wissenschaftliche Aufätze zu.

1. Räume: Raumstruktur

Räume bilden die Ermöglichung einer Handlung und besitzen zusätzliche Bedeutung, wie z.B. Herrschaftspraxis sowie Lebens- und Werthaltungen. Bei Goethes Emilia Galotti ist der Raum des Kabinetts der Ort, an dem politische Entscheidungen absolutistisch getroffen werden. Zusätzlich wird aber über Frauen geredet und dies erzeugt gleich Spannung, denn der Fürst überschreitet damit eigentlich seine Machtbefugnisse. Die Raumsemantisierung ist hier bei Goethe ziemlich schwach, denn die Personen dürfen selber sprechen und müssen nicht (extern) beschrieben werden.

Es besteht insofern ein funktionaler Zusammenhang der Elemente, als durch den Raum die Figuren charakterisiert werden.

Von den Begrifflichkeiten her unterscheidet man zwischen

a) erzählten Räumen (dies sind die Räume, von denen erzählt wird bzw. der Welt- und Wirklichkeitszusammenhang der Geschichte) und
b) Erzählraum (als fiktives Konstrukt: das ist der Raum, den der fiktive Erzähler einnimmt) und
c) Erzählraum + erzählter Raum ergeben das Raumkonzept

Insgesamt sind vier Möglichkeiten vorhanden erzählte Räume zu konstituieren:

1. direkte Beschreibung durch den Erzähler
2. indirekte Darstellung, indem der fiktive Erzähler Figuren in einem Raum handeln lässt, ohne dass die Figuren den Raum durch Figurenrede herstellen
3. durch Figurenrede, die auf Räume bezogen ist, die der Erzähler in Erzählerrede vorgängig beschrieben hat
4. durch Figurenrede, die auf Räume bezogen ist, die zuvor noch nicht durch Erzählerrede beschrieben wurde

2. Figuren und ihre Anlegung

Figuren sind gekennzeichnet durch den Aufbau charakteristischer (Räumlichkeiten, die einer Figur zugemessen werden) Handlungen, auch als Merkmalszuschreibungen. Entscheidend ist die Struktur bzw. Fähigkeit der Figur, über sich selber zu reflektieren (Kriterium der Reflektiertheit der Figur).

Figurenkonstruktion geschieht immer durch Merkmalszuweisungen:

a) direkt: Selbstcharakterisierung und direkte Charakterisierung durch den Erzähler und
b) indirekt: Beschreibung des Erzählers und Handlungsweisen.

3. Ereignis und Tat

Ereignisse und Taten entstehen, indem Figuren Raumgrenzen überschreiten. Dabei gilt, dass je höher die Raumgrenze ist, desto ereignishafter ist das Geschehen zu interpretieren. Hier liegt dann also besonders hoher Interpretationsbedarf.

4. Verhältnis zur Zeit

Im Verhältnis der Figur zur Zeit drückt sich ihre Charakterisierung aus. Dabei gibt es sechs Zeitdimensionen zu differenzieren:

1. Reflexionsmoment
2. Figurencharakteristik
3. Ereignisabfolge
4. Datierung
5. Verhältnis des fiktiven Textes zur Realzeit
6. Ereignisabfolge: narratives Nachholen/Voraussehen

Literaturwissenschaftlich bedeutsam ist v.a. das Verhältnis von Erzählzeit als Zeitaufwand, der benötigt wird, um die Geschichte zu rezipieren (48 Seiten oder 1 Stunde) und erzählter Zeit als Zeitdauer, die das erzählte Geschehen in Wirklichkeit ausfüllen würde. Hierbei gilt es erneut verschiedene Varianten zu beachten:

a. zeitdehnendes Erzählen
b. zeitdeckendes Erzählen
c. zeitraffendes Erzählen
d. Aussparung/Zeitsprung: der überwiegende Teil einer Zeit wird nicht erzählt (explizit/implizit; unbestimmt/bestimmt)
e. sukzessive Raffung (eine in Richtung der erzählten Zeit fortschreitende Aufreihung von Besonderheiten)
f. iterativ-durative Raffung (einzelne, sich regelmäßig wiederholende Tätigkeiten (iterativ) oder den ganzen Zeitraum überdauernde Gegebenheiten (durativ)

5. Text-Kontext-Relationen (Altertümelnd: Intertextualität)

Jeder Text befindet sich in einer literarischen Reihe. So versteht sich der realistische Roman des 19 Jh. im Gegensatz bzw. Kontrast zur Phantastik. Der grüne Heinrich ist demnach als Kontrast zu Jean Paul zu sehen, was auch romanimmanent thematisiert wird. Der grüne Heinrich steht selber in der Tradition zu Goethe, v.a. Dichtung und Wahrheit.

Vor dem Hintergrund des Siegeszugs der Kulturwissenschaften steigt die Bedeutsamtkeit der Frage, welche außerliterarischen Kontexte den literarischen Text beeinflusst haben. In letzter Zeit wird angenommen, dass insbesondere wissenschaftliche Kontexte literarische Texte in ihrer Entstehung geprägt haben bzw., dass wissenschaftliche Theorien literarischen Texten zu Grunde liegen. So kann man richtiger Weise davon ausgehen, dass die Anthropologie der Romantik (Carus, Ennemoser) das literarische Oeuvre Eichendorffs oder Hoffmanns geprägt hat.

[...]

Details

Seiten
7
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640237142
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120290
Note
Schlagworte
Literaturwissenschaftliche Analyse

Autor

  • Dr. Stefan Schweizer (Autor)

    22 Titel veröffentlicht

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Titel: Literaturwissenschaftliche Analyse