Lade Inhalt...

Der Wandel des öffentlichen Raums

Vergleich theoretischer Positionen und Illustration an der Zwischennutzung des Palasts der Republik in Berlin

Bachelorarbeit 2007 65 Seiten

Raumwissenschaften, Stadt- und Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Habermas
2.1 Genese der bürgerlichen Öffentlichkeit
2.2 Genauere Untersuchung einzelner Phänomene der bürgerlichen Öffentlichkeit
2.3 Verfall der Öffentlichkeit im 19. und 20. Jahrhundert
2.4 Kontroverse Diskussion der bürgerlichen Öffentlichkeit

3 Sennett
3.1 Leben im Öffentlichen Raum des 18. Jahrhunderts
3.2 Die Erschütterung des öffentlichen Lebens im 19. Jahrhundert
3.3 Das Verschwinden des öffentlichen Raums im 20. Jahrhundert

4 Zukin
4.1 Öffentlicher Raum als Austragungsort kultureller Kämpfe und der Produktion von Symbolen
4.2 Veränderungen der Öffentlichkeit von Konsumräumen
4.3 Ästhetisierung des öffentlichen Raums
4.4 Widerstandsfähige öffentliche Räume

5 Vergleich der Theorien von Zukin und Sennett
5.1 Vergleich der Grundannahmen
5.1.1 Entstehung des öffentlichen Raums
5.1.2 Unterscheidung öffentlicher und privater Räume
5.2 Vergleich der Bewertungen
5.2.1 Einfluss von Alltagsverhalten
5.2.2 Bedeutung des öffentlichen Raums:
5.3 Fazit des theoretischen Vergleichs

6 Illustration der Theorien an der Zwischennutzung des Palasts der Republik
6.1 Unterschiedliche Entstehung und Nutzung von öffentlichem Raum im Palast der Republik
6.1.1 Entstehung und Nutzung in der DDR
6.1.2 Zwischennutzung durch Volkspalast
6.2 Kritische Spiegelung der Theorien Sennetts und Zukins am Volkspalast
6.2.1 Anwendung der Theorie Sennetts
6.2.2 Anwendung der Theorie Zukins
6.3 Fazit der Anwendung der Theorien

7 Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Place de la Defense

Abbildung 2: Georges Seurat - Un dimanche après-midi à l'Île de la Grande Jatte

Abbildung 3: Aussenansicht des Palast der Republik

Abbildung 4: Veranstaltung im Volkspalast

1 Einleitung

Zur Motivation des Autors:

Während meiner Schulzeit habe ich mit meinen Eltern am Hölderlinplatz im „Stuttgarter Westen“ gewohnt. Dieser Stadtbezirk hat eine sehr heterogene Bevölkerungsstruktur und ist äusserst dicht besiedelt, so dass auf engstem Raum verschiedene Lebensentwürfe aufeinander prallen.1 Im Vergleich zu anderen Stadtbezirken in Stuttgart gibt es überdurchschnittlich viele ledige Personen2 und wesentlich mehr Einpersonenhaushalte3. Der Anteil an Ausländern, die Zahl der Arbeitslosengeldempfänger und die Übergangsquote auf Gymnasium, Real- und Hauptschule bewegen sich im Stuttgarter Mittel. Ein Drittel der Bewohner sind in Stuttgart geboren, die Anderen sind wegen ihres Arbeitsplatzes oder um zu Studieren in dieses Gebiet gezogen.4 Die Einwohnerzahl ist in den vergangenen Jahren weitgehend konstant geblieben.5 Der Hölderlinplatz liegt im nördlichen Teil des Stadtbezirks und bildet durch sein vielfältiges Angebot an Dienstleistungen und Einkaufsmöglichkeiten ein Zentrum des Stadtteils: Apotheken, Kioske, Lebensmittelgeschäfte, eine Bank, ein Tabakgeschäft, ein Pralinengeschäft, ein Uhrenladen und einige Restaurants sind im Parterre der meist mehrstöckigen Häuser untergebracht. Direkt am Hölderlinplatz befindet sich ausserdem die Endhaltestelle einer Strassenbahn. Auch wenn es nie Cafes mit Sitzgelegenheiten im Freien gab, diente der Platz als Treffpunkt für Jugendliche, die sich um die Wartebänke der Bahn versammelten. Bekannte, die sich zufällig trafen, verweilten für ein kurzes Gespräch auf dem Platz und samstags offerierte ein Marktstand Obst und Gemüse. Der Platz war ständig bevölkert von Menschen, die sich einige Zeit dort aufhielten.

Im Jahre 2004 gab es einen politischen Grundsatzentscheid für einen Imagegewinn und Zeiteinsparungen, in der ganzen Stadt schnellere, aber auch grössere Strassenbahnen einzuführen. Da die neue Bahn die spitze Kurve der alten Bahn nicht fahren konnte, sollte es zu einer Neugestaltung des Hölderlinplatzes kommen. Anwohner, Architekten und Lokalpolitiker meldeten sich in öffentlichen Diskussionen zu Wort, bis sich die Stadtverwaltung für ein Planungskonzept entschieden hatte. Entstanden ist eine Endhaltestelle für zwei Strassenbahnen mit einem Hochbahnsteig als Fläche zum Warten, Ein- und Aussteigen. In der Folge konnten sich die Menschen an der Haltestelle und die übrigen Passanten nicht mehr auf Strassenniveau begegnen, so dass die Wartebänke unbesetzt blieben. Zudem wurde es Autofahrern ermöglicht, auf einer kleinen Strasse direkt über den Platz zu fah]ren. So ist am Hölderlinplatz eine komplexe Verkehrssituation entstanden, die durch eine Vielzahl von Schildern und Ampeln koordiniert werden muss. Für die Fussgänger ist der Platz zu einer reinen Durchgangsstation geworden. Spontane Begegnungen sind sehr selten geworden, da die Aufmerksamkeit der Menschen primär dem Verkehr gewidmet ist. Lediglich der Bordstein bietet heute noch einen Ort für spontane Kommunikation. Weil der Stadtverwaltung diese Entwicklung nicht entgangen ist, wurde versucht den Platz, durch eine Lichtskulptur und einen anderen Bodenbelag6, als Aufenthaltsort wieder attraktiver zu machen. Dies ist jedoch nicht gelungen.

Da ich diese Entwicklung hautnah verfolgen konnte, wollte ich den Wandel des öffentlichen Raums verstehen: Wie hat sich der öffentliche Raum verändert? Welche Mechanismen und Gruppen sind dafür verantwortlich, dass sich öffentlicher Raum verändert? Wie hängt die Gestalt des öffentlichen Raums mit dem Verhalten der Menschen in ihm zusammen?

Zur Methodik:

Diese Arbeit versucht, sich dem öffentlichen Raum in einer generalistischen Weise zu nähern und sich nicht schon vor der Aufarbeitung der Theorie auf bestimmte Phänomene, einen Zeitraum oder ein konkretes Beispiel zu beschränken. Diese Methodik soll es ermöglichen, eine Idee des Lebens im öffentlichen Raum und der Mechanismen zu bekommen, die für Entstehung und Veränderung verantwortlich sind. Das Verhältnis zwischen einem Verständnis der Öffentlichkeit und Interpretationen des öffentlichen Raums entspricht der Beziehung zwischen einer allgemeinen Ursache und einem eher unmittelbaren Effekt.7 Neben einer Darstellung des eher politisch-abstrakten Konzepts Öffentlichkeit, wird der Wandel des materiellen öffentlichen Raums und seine Wirkung auf die Nutzung durch die Menschen untersucht. Durch eine Darstellung des Wandels wird ein Zusammenhang zwischen der Gestaltung und dem Verhalten im Raum sichtbar werden. Gleichzeitig ermöglicht die längerfristige Betrachtung eine Einordnung aktueller Veränderungen. Damit die Darstellung nicht abstrakt und unbestimmt bleibt, werden die theoretischen Überlegungen anhand eines Beispiels illustriert. Der Palast der Republik wurde in der DDR als politisches und kulturelles Zentrum am Berliner Schlossplatz erbaut. Nach der Wiedervereinigung wurde das leer stehende Gebäude unter dem Titel Volkspalast durch die Initiative einer Gruppe von Künstlern und Architekten einer veränderten Nutzung zugeführt. Der Volkspalast eignet sich als Anschauungsobjekt, da hier an einem zentralen Ort eine aussergewöhnliche Aneignung des Raums ohne bauliche Veränderungen stattgefunden hat.

Zur Auswahl der Theoretiker:

JÜRGEN HABERMAS hat das Konzept Öffentlichkeit in seiner ganzen Vielfalt erstmalig begründet. Ihm ist es gelungen, die Dialektik der Öffentlichkeit einer sozio-kulturellen und politschen Weise Perspektive darzustellen.8 Er nutzte für sein Unterfangen historische Studien und setzte sich mit den wichtigsten Denkern des 18. und 19. Jahrhunderts intensiv auseinander und integrierte sie in seine Theorie. Seinen Kritikern ist es meist nur gelungen, einzelne Ansätze oder Darstellungen kritisch zu hinterfragen. Da HABERMAS im Laufe seines Schaffens die Öffentlichkeit immer mehr „entmaterialisiert“9 und sich von tatsächlichen Räumen und Begegnungen zu einer normativen Theorie der Kommunikation bewegt hat, soll seine Theorie in Bezug auf seine Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Sein Werk hatte nicht nur eine immense Wirkung in der wissenschaftlichen Welt, sondern motivierte auch unterschiedliche Akteure, die Charakteristika der bürgerlichen Öffentlichkeit in der Realität zu verwirklichen. So gilt HABERMAS beispielsweise als der Wegweiser des amerikanischen Journalismus.10 Auch die meisten Beiträge in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, die sich mit dem öffentlichen Raum auseinandersetzen, kommen nicht umhin, sich mit HABERMAS kritisch auseinanderzusetzen, um ihre eigenen Thesen als Weiterentwicklung oder Kritik seiner Konzeption theoretisch zu verorten.

Der amerikanische Soziologe RICHARD SENNETT hat seine Grundthese vom Verfall des Lebens im öffentlichen Raum bereits 1972 in the fall of public man vorgestellt und seitdem in einer Reihe von Veröffentlichungen und Vorträgen weiterentwickelt. SENNETT geht es nicht um die Beschreibung einer politischen Öffentlichkeit, er möchte einen Zusammenhang zwischen baulichen Veränderungen des öffentlichen Raums und den Ausdrucksmöglichkeiten der Menschen aufzeigen. Um zu einer umfassenden Theorie des Wandels zu gelangen, greift SENNETT auf eine Fülle soziologischer Studien zurück und bezieht literarische Quellen als Zeitzeugnisse in seine Studien mit ein. Obwohl er „gelernter“ Soziologe und Historiker ist, verbindet er seine gesellschaftlichen Analysen mit städtebaulichen und architektonischen Erkenntnissen und wurde so zum regelmässigen Redner bei Urbanistik-Kongressen.

SHARON ZUKIN ist eine amerikanische Stadtforscherin, die an der City University of New York als Professorin tätig ist. In ihren eigenen Studien untersucht sie die Auswirkungen kultureller Bestrebungen und des aktuellen Wirtschaftssystems auf den öffentlichen Raum. Ihre Beschreibungen reichen historisch nicht so weit zurück wie bei SENNETT und folgen auch keinem dominierenden Muster. Aber genau das ist ihre grosse Stärke. Als Stadtforscherin liegt ZUKINS Interesse in den verschiedenen Arten physisch erfahrbarer öffentlicher Räume11. Sie untersuchte Plätze, Strassen und Parkanlagen, aber auch Themenparks, Shoppingcenter und andere Orte, die nicht als typisch öffentlicher Raum erkennbar sind und deshalb von den meisten Autoren ausgelassen werden. Ihre Beschreibungen der Veränderungen in Gestalt und Nutzung sind detailliert und mit grosser gedanklicher Offenheit recherchiert. Sie ist bereit eigene Thesen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu revidieren. ZUKINS Ausführungen zur Privatisierung und der Kreation neuer Konsumräume haben sich zu Standardkonzepten entwickelt, die einen Referenzpunkt für die gegenwärtige Urbanistikliteratur darstellen.

Zur Vorgehensweise:

Die Arbeit beginnt mit einer Darstellung des Konzepts der bürgerlichen Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert und dem Verfall im 20. Jahrhundert. Die Darstellung orientiert sich am Strukturwandel der Öffentlichkeit und seine Inhalte werden zunächst ohne Wertung wiedergegeben. Damit die Ausführungen von HABERMAS nicht unreflektiert stehen bleiben, werden anschliessend die wichtigsten Kritikpunkte und gegensätzliche Konzeptionen angesprochen. Danach wird das Wechselspiel zwischen Gestaltung des öffentlichen Raums und dem alltäglichen Verhalten der Menschen in SENNETTS Theorie verfolgt. Es wird SENNETTS Grundthese dargelegt, dass Veränderungen in der Gestalt der Städte seit dem 18. Jahrhundert die Menschen unfähig machten, sich im öffentlichen Raum frei zu bewegen. Anhand von ZUKINS Theorie wird im Anschluss aufgezeigt, wie der Umbau von Konsumräumen und die staatliche Neugestaltung und Privatisierung von Strassen und Parks öffentliche Räume in der jüngsten Vergangenheit verändert haben.

Nun sollen zunächst die wissenschaftlichen Beschreibungen von ZUKIN und SENNETT zur Entstehung von öffentlichem Raum und zur Dichotomie öffentlich und privat gegenübergestellt werden. Im nächsten Schritt wird dann verglichen, wie beide Theoretiker den Einfluss von Alltagspraktiken und den öffentlichen Raum in der heutigen Zeit bewerten. Am Ende werden beide Theorien am Palast der Republik zur Zeit der Volkspalast - Zwischennutzung illustriert und so an der Realität überprüft.

2 Habermas

Der Strukturwandel der Öffentlichkeit löste bei seiner Erstveröffentlichung im Jahre 1962 eine breite wissenschaftliche Debatte über Funktionen und Formen der Öffentlichkeit in verschiedenen Epochen aus, an der sich Soziologen, Politikwissenschaftler und Philosophen gleichermassen beteiligten. Auch als das Werk dreissig Jahre später zum ersten Mal in englischer Sprache erschienen ist, führte es zu erheblichen Kontroversen. Gegenstand des Buches ist das historisch einmalige Phänomen der bürgerlichen Öffentlichkeit, die aus der Beziehung zwischen Kapitalismus und Staat im 17. und 18. Jahrhundert kreiert wurde. HABERMAS möchte aufzeigen, was die Kategorie der Öffentlichkeit in der bürgerlichen Gesellschaft bedeutete und inwiefern sie sich in Bedeutung und Funktion nach ihrer Errichtung verändert hat. 12

2.1 Genese der bürgerlichen Öffentlichkeit

HABERMAS begreift die bürgerliche Öffentlichkeit als eine „epochaltypische Kategorie; sie läßt sich nicht aus der unverwechselbaren Entwicklungsgeschichte jener im europäischen Hochmittelalter entspringenden ‚bürgerlichen Gesellschaft’ herauslösen und, idealtypisch verallgemeinert, auf formal gleiche Konstellationen beliebiger geschichtlicher Lagen übertragen“13. Im Mittelalter war Öffentlichkeit eher ein „Attribut der Herrschaft“14 - ein Charakteristikum des Machthabers. Die Öffentlichkeit eines Landes existierte nicht abseits von König und Hof. Dies war die Glanzzeit der repräsentativen Öffentlichkeit. Der Fürst und seine „Landstände“ repräsentierten ihre Herrschaft, statt für das Volk, vor dem Volk.15 Allmählich entwickelte sich jedoch diese höfische Gesellschaft zu einer neuen Art der Geselligkeit der Salons des 18. Jahrhunderts. Aristokraten spielten eine entscheidende Rolle in der frühen bürgerlichen Öffentlichkeit. HABERMAS wollte nicht behaupten, dass die Öffentlichkeit durch klassenspezifische Zusammenstellung ihrer Mitglieder bürgerlich wurde, sondern für ihn war die Gesellschaft bürgerlich und produzierte daher eine bestimmte Form der Öffentlichkeit.16 Diese neue Geselligkeit zusammen mit einem rational-kritischen Diskurs, der in den Salons und Kaffeehäusern entstanden ist, hängt für Habermas mit dem Aufstieg der Nationalstaaten auf Basis der frühen kapitalistischen Handelswirtschaft zusammen. Dieser Prozess führte zu einer Idee der Gesellschaft, unabhängig von einem Herrscher oder Staat und einem privaten Raum, getrennt von der Öffentlichkeit.17 Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich „die Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft, die dem Staat als der genuine Bereich privater Autonomie gegenübersteht“.18 Die kapitalistische Marktwirtschaft bildete die Basis für diese bürgerliche Gesellschaft, aber sie beinhaltete genauso Institutionen der Geselligkeit und des Diskurses, die nur schwachen Bezug zum Wirtschaftssystem hatten. HABERMAS zeigt welchen Einfluss die Printmedien in der frühen Ausbreitung der Marktwirtschaft über die lokalen Grenzen hatten. Fernhandel bedeutete fast einen genauso direkten Handel von Nachrichten wie von Gütern. Kaufleute brauchten Informationen über Preise und Nachfrage, aber die geschriebenen Zeitungen, die dieses Informationsbedürfnis befriedigten, begannen sehr schnell auch andere Informationen zu transportieren. Allerdings fehlte ihnen zunächst das Moment der Publizität, um breite Bevölkerungsteile zu erreichen. 19 Die zunehmende Verbreitung von Zeitungen half sowohl, die Fähigkeit zu lesen zu fördern, als auch das geschriebene Wort als eine Quelle von wichtigen öffentlichen Informationen zu etablieren. Diese Entwicklungen sind in der Phase des Merkantilismus revolutionär geworden, als sich die National- und Territorialwirtschaften herausbildeten und der moderne Staat wachsen musste, um diese Territorien zu verwalten. Die Entwicklung einer permanenten, staatlichen Verwaltung, gestützt durch eine ständige Armee, kreierte die Sphäre der öffentlichen Gewalt. „Der Permanenz der Kontakte im Waren- und Nachrichtenverkehr (Börse, Presse) entspricht nun eine kontinuierliche Staatstätigkeit“20. Die öffentliche Gewalt konsolidierte sich zu einem greifbaren Gegenüber, die von der repräsentativen Öffentlichkeit des Herrschers unterschieden werden kann und von den gewöhnlichen Privatleuten, die weil sie kein Amt innehatten, von der öffentlichen Gewalt ausgeschlossen waren. „’Öffentlich’ in diesem engeren Sinne wird synonym mit staatlich.“21 Die Öffentlichkeit selbst war aber nicht gleichzusetzen mit dem Staatsapparat. Sie umfasste alle, die sich an Diskussionen über Themen beteiligen konnten, die durch die Verwaltung des Staates aufgekommen sind. Die Teilnehmer an diesen Diskussionen umfassten also sowohl Staatsangestellte als auch private Bürger. Die bürgerliche Gesellschaft begann zu existieren als ein Resultat der unpersönlichen Staatsgewalt.22 Es wurde für die Menschen erstmals möglich, die Gesellschaft in den Beziehungen und Organisationen zu erkennen, die kreiert wurden um das Leben zu unterstützen. Diese konnten in die Öffentlichkeit gebracht werden, wenn ein Interesse an öffentlicher Diskussion oder staatlichem Handeln gefordert wurde. Auf diese Weise begann eine bestimmte gebildete Elite von sich selbst als Öffentlichkeit zu denken und wandelte dabei die abstrakte Idee vom Publikum als Gegenstück zu öffentlicher Gewalt in eine Reihe konkreter Praktiken. Die Mitglieder dieser elitären Öffentlichkeit begannen, sich selbst als Gegenspieler zur öffentlichen Gewalt und nicht mehr nur als Objekt der Staatshandlungen zu sehen.

„Weil die dem Staat gegenübertretende Gesellschaft einerseits von öffentlicher Gewalt einen privaten Bereich deutlich abgrenzt, andererseits aber die Reproduktion des Lebens über die Schranken privater Haushalte hinaus zu einer Angelegenheit öffentlichen Interesses erhebt, wird jene Zone des kontinuierlichen Verwaltungskontraktes zu einer ‚kritischen’ auch in dem Sinne, dass sie die Kritik eines räsonierenden Publikums herausfordert.“23 Die bürgerliche Gesellschaft in der Konzeption von HABERMAS hat also nicht nur Interessen formuliert und einen Gegensatz zwischen Staat und Gesellschaft etabliert, sondern auch die Praxis eines rational-kritischen Diskurses bei politischen Angelegenheiten eingeführt. 24 Die Grundidee der bürgerlichen Öffentlichkeit basiert auf der Vorstellung HABERMAS’ von der Existenz eines Allgemeinwohls. Dieses ist ausreichend elementar, so dass ein Diskurs darüber nicht durch unterschiedliche Einzelinteressen verzerrt wird und zu einem Konsens25 führen kann.26

Bürgerliche Öffentlichkeit des 17. und 18. Jahrhunderts ist bei HABERMAS also ein Element einer Vierteilung des gesamten sozialen Bereichs. Die patriarchalische Familie und die Marktökonomie gehören zum privaten Bereich, während der Staat Ort der öffentlichen Gewalt ist. Die Öffentlichkeit liegt zwischen diesen Bereichen.27 HABERMAS nennt sie die „Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute“28.

2.2 Genauere Untersuchung einzelner Phänomene der bürgerlichen Öffentlichkeit

Nachdem die Konzeption von Öffentlichkeit bei HABERMAS eingeführt ist, können nun einige Phänomene der Entwicklung zur bürgerlichen Öffentlichkeit genauer untersucht werden.29 Zwei Prozesse helfen HABERMAS, die Öffentlichkeit zu institutionalisieren, wie sie sich aus der höfischen Gesellschaft entwickelt hat. Zum einen wurde die Familie wieder belebt als die Grundlage des gewöhnlichen Lebens und der damit verbundenen wirtschaftlichen Aktivität, zum anderen ermöglichte sie die Teilnahme des Familienoberhaupts am öffentlichen Leben. Darüber hinaus war die Öffentlichkeit von Anfang an in der Welt der Buchstaben konstituiert. Diese zwei Prozesse sind ineinander verzahnt.30

„Das Selbstverständnis von öffentlichem Räsonnement ist spezifisch von solchen privaten Erfahrungen geleitet, die aus der publikumsbezogenen Subjektivität der kleinfamilialen Intimsphäre stammen.“31 In der neuen ehelichen Familie ist Privatheit nicht nur auf die Bürde der Notwendigkeit des klassischen Griechenland oder auf die ökonomische Kontrolle durch den Besitz von Eigentum beschränkt. Die Familie wurde als teilweise getrennt von der materiellen Produktion verstanden. So wie Staat und Gesellschaft gespalten waren, so wurden Wirtschaft und Familie innerhalb des privaten Bereichs unterschieden.32 Die Familie wurde idealisiert als Ort der „intimen Beziehungen der Menschen als blosse Menschen im Schutz der Familie.“33 Die auf sich selbst bezogene Familie mit eigenen Gesetzen wurde als Befreiung von externen Zwängen gesehen. NANCY FRASER hat argumentiert, dass dieser Standpunkt eine Idealisierung oder zumindest eine Akzeptanz der Selbst-Idealisierung der patriarchalischen Familie ist, in der die Frau unterdrückt wurde.34 Zur selben Zeit half die literarische Öffentlichkeit, die Kultur als einen autonomen Bereich zu entwickeln. „Indem Kultur Warenform annimmt und sich damit zu ‚Kultur’ (als etwas, das um seiner selbst willen da zu sein vorgibt) […] eigentlich erst entfaltet, wird sie als der diskussionsreife Gegenstand beansprucht, über den sich die publikumsbezogene Subjektivität mit sich selbst verständigt“35. Neben dieser geschaffenen Subjektivität liegen die grössten Beiträge der literarischen zur politischen Öffentlichkeit in der Entwicklung institutioneller Grundlagen. London hatte schon in der ersten Dekade des 18. Jahrhunderts dreitausend Kaffeehäuser. Die Salons in Frankreich und die Tischgesellschaften in Deutschland hatten eher einen privaten Charakter und waren nicht so inklusiv wie die Kaffeehäuser. In allen diesen Instanzen waren dennoch bestimmte Merkmale charakteristisch.36

Es wurde keine Gleichheit des Status’ vorausgesetzt, da dieser im gemeinsamen rationalen Diskurs für die Beteiligten irrelevant wurde. „Die Bereitschaft, die vorgegebenen Rollen wechselseitig zu akzeptieren und gleichzeitig zu irrealisieren, gründete im berechtigten Vertrauen darauf, dass innerhalb des Publikums, unter Vorraussetzung des ihm gemeinsamen Klasseninteresses, Freund-Feind-Verhältnisse tatsächlich ausgeschlossen waren.“37 HABERMAS setzt also ein gemeinsames Interesse der Öffentlichkeit voraus. In diesen Diskussionen wird prinzipiell alles zum Thema gemacht, woran die Öffentlichkeit ein allgemeines Interesse hat. Somit werden nun Bereiche problematisiert, die davor nur von Kirche und Obrigkeiten interpretiert wurden.38 Die aufgekommene Öffentlichkeit versteht sich als grundsätzlich inklusiv, das heisst „alle müssen dazugehören können.“ Keine Gruppe konnte sich abschotten, da sie immer noch Teil eines grösseren Publikums all der Privatleute blieb, das sich als Leser, Hörer und Zuschauer, Besitz und Bildung vorausgesetzt, über den Markt der Diskussionsgegenstände bemächtigen konnte.“39

Die literarische Öffentlichkeit produziert die Praxis der literarischen Kritik. Es institutionalisiert sich die Form eines rational-kritischen Diskurses über Objekte von allgemeinem Interesse. Diese konnte direkt in eine politische Diskussion übertragen werden. Räsonierende Privatleute eigneten sich so nach und nach die obrigkeitlich reglementierte Öffentlichkeit an und es etabliert sich eine „Sphäre der Kritik an der öffentlichen Gewalt“40. Dieser Prozess vollzieht sich für HABERMAS als „Umfunktionierung der schon mit Einrichtungen des Publikums und Plattformen der Diskussion ausgestatteten literarischen Öffentlichkeit“.41 Zentral für diesen Transformationsprozess war die Frage, ob die absolute Souveränität der Herrschenden oder generelle, abstrakte und unpersönliche Gesetze das Leben regeln sollten.42 Diese Frage wird heutzutage in den westlichen Demokratien freilich nicht mehr öffentlich debattiert, aber die bürgerliche Gesellschaft musste zunächst ein politisches Bewusstsein entwickeln, um dann die Forderung nach generellen, abstrakten Gesetzesnormen artikulieren zu können. Wie im „westlichen“ Demokratieverständnis verankert, lernte die bürgerliche Öffentlichkeit in der Folge, „sich selbst, nämlich die öffentliche Meinung, als einzige legitime Quelle dieser Gesetze zu behaupten“.43 HABERMAS versteht unter öffentlicher Meinung einen Zugang zur „Wahrheit“. Sie kristallisiert sich in öffentlichen, kritischen Diskussionen heraus und wird durch einen entstandenen Konsens von den Teilnehmern an diesem Dialog geteilt.44

Grossbritannien dient HABERMAS als Modell, um seine Entwicklung der Öffentlichkeit darzustellen. Hier wurde zum ersten Mal die Zensur aufgehoben und Informationen wurden frei zugänglich. Durch die immer kritischere Öffentlichkeit entstand nun auch ein politisches System mit einer ständigen Kontroverse zwischen Regierungspartei und Opposition.45 In Frankreich entstand eine kritisch debattierende Öffentlichkeit Mitte des 18. Jahrhunderts. Erst in den Jahren vor der Revolution haben die Philosophen ihre kritische Aufmerksamkeit von Kunst, Literatur und Religion auf die Politik gerichtet. Die Physiokraten waren stark an dieser Entwicklung beteiligt, da sie als erste sowohl am öffentlichen Diskurs teilnahmen als auch eine Rolle in der Regierung innehatten. So konnte die öffentliche Meinung effektiv werden.46 Mit der Revolution sind die Veröffentlichungen sprunghaft angestiegen und die freie Meinungsäusserung wurde in der Verfassung von 1791 als Grundrecht verankert. In Deutschland fand die kritische Debatte von politischen Themen vorwiegend in privaten Zirkeln der Bourgeoisie statt. Es entstanden zwar Journale mit politischer Ausrichtung, da allerdings der Adel abhängig vom Hof blieb, konnte sich die bürgerliche Gesellschaft nicht als effektives Gegengewicht zur öffentlichen Gewalt des Staates entwickeln.

Da sich in allen drei untersuchten Staaten im 18. Jahrhundert Züge einer mehr oder weniger starken bürgerlichen Öffentlichkeit etablieren konnten, folgert HABERMAS, dass ähnliche wirtschaftliche Grundlagen entscheidend dazu beigetragen haben. Für ihn war die Voraussetzung ein „liberalisierter Markt, der den Verkehr in der Sphäre der gesellschaftlichen Produktion, soweit irgend möglich, zu einer Angelegenheit der Privatleute unter sich macht und so die Privatisierung der bürgerlichen Gesellschaft erst vollendet“.47 Es entstand eine Form der Privatheit mit freier Kontrolle über den eigenen, gewinnbringenden Besitz.48 Zur selben Zeit wurde eine fundamentale Gleichheit zwischen Personen etabliert. Diese entsprach der Gleichheit zwischen Besitzern von Gütern am Markt und der zwischen gebildeten Individuen in der Öffentlichkeit. Auch wenn HABERMAS anerkennt, dass nicht alle Personen vollwertige Rechtssubjekte waren, so wurden sie zumindest in einer undifferenzierten Kategorie als Personen zusammengefasst. Durch die Ausdehnung dieser Idee in den Doktrinen des laissez-faire49 und des Freihandels zwischen den Nationen „emanzipierte sich die bürgerliche Gesellschaft als Privatsphäre von den Direktiven der öffentlichen Gewalt“ vollständig, allerdings währte diese Phase „in der langen Geschichte der kapitalistischen Entwicklung nur einen glücklichen Augenblick“50.

Die Öffentlichkeit blieb, auch wenn sie jetzt politische Funktionen übernahm, in der Welt der Buchstaben verhaftet. Bildung und Besitz blieben die zwei Kriterien, die zur Teilnahme am rational-kritischen Diskurs der Öffentlichkeit über das Allgemeinwohl berechtigten. Diese Kriterien definierten einen Mann, der fähig und autonom genug ist, um am rational-kritischen Diskurs über das Allgemeinwohl teilzunehmen.

2.3 Verfall der Öffentlichkeit im 19. und 20. Jahrhundert:

Die Aushöhlung der Grundlagen der Öffentlichkeit ist, wie HABERMAS darlegt, durch eine Refeudalisierung der Gesellschaft entstanden. Das Modell der bürgerlichen Öffentlichkeit, wie HABERMAS es für kurze Zeit im 18. Jahrhundert verwirklicht sah, setzt eine strikte Trennung von öffentlichem und privatem Bereich voraus. Diese Öffentlichkeit besteht aus Privatleuten, die sich versammeln, um Interessen gegenüber dem Staat zu artikulieren.51 Strukturelle Veränderungen sind im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entstanden als private Organisationen begannen, öffentliche Kontrolle zu übernehmen, und der Staat immer mehr in den privaten Bereich eindrang. Die Trennung zwischen Staat und Gesellschaft wurde aufgelöst. Die Gleichstellung der Intimsphäre mit dem privaten Leben zerbrach mit der Polarisierung der Familie und der ökonomischen Gesellschaft. Verglichen mit dem typischen Privatunternehmen des 19. Jahrhunderts verselbstständigte sich die Berufssphäre als eine eigene Sphäre zwischen öffentlichem und privatem Bereich. Grossbetriebe spielten eine zentrale Rolle, die Arbeit von der reinen Privatsphäre des Haushalts und des patriarchalisch geführten Arbeitsplatzes zu lösen.

Ökonomische Unterschiede, die es auch in der bürgerlichen Gesellschaft immer gegeben hat, wurden plötzlich Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Das lag zum einen daran, dass diese Ungleichheiten immer grösser wurden, zum anderen wurde die Öffentlichkeit immer inklusiver. Nun waren auch Personen Teil der Öffentlichkeit, die weder Bürgerrecht noch Produktionsmittel besassen und somit, die bisherige Vorraussetzung für die angebliche Autonomie von bourgeois und homme nicht erfüllten.52 Von den Teilnehmern der Öffentlichkeit konnte nun nur noch ein Teil Privatautonomie für sich beanspruchen. Damit ist für HABERMAS die Vorstellung eines objektiven Allgemeinwohls nicht mehr haltbar. „Der im öffentlichen Räsonnement ermittelte Konsens weicht dem nichtöffentlich erstrittenen oder einfach durchgesetzten Kompromiss.53 PAULINE JOHNSON beschreibt eine Transformation der Öffentlichkeit von einem Ort kritischer Debatte zu einem Forum für das Veröffentlichen von unbefriedigten Bedürfnissen.54 Nachdem also das gemeinsame Klasseninteresse durch einen leichteren Zugang zur Öffentlichkeit aufgelöst ist, verliert die Öffentlichkeit auch die Errungenschaften des rationalen Dialogs. Diese kritische Aktivität des öffentlichen Diskurses sieht HABERMAS im 20. Jahrhundert sogar durch eine „passive Kultur des Konsums und eine apolitische Geselligkeit“ ersetzt. Die neue Öffentlichkeit zeichnet sich für ihn durch „Abstinenz von literarischer und politischer Debatte“ aus.55

Da das Vertrauen in die Gerechtigkeit der Marktmechanismen schwand und die Autonomie privater Akteure nun nicht mehr per se gegeben war, wurde der Staat gezwungen, eine neue interventionistische Rolle zu entwickeln. Neben der Garantierung von Sicherheit für die Bewohner, begann der Staat, ökonomisch Schwächere zu unterstützen, die Struktur der Gesellschaft zu beeinflussen und Dienstleistungen anzubieten, die in der bürgerlichen Gesellschaft von privaten Unternehmen erfüllt wurden.56 Es entstand eine „Sozialsphäre, in der sich staatliche und gesellschaftliche Institutionen zu einem einzigen, nach Kriterien des Öffentlichen und Privaten nicht länger mehr zu differenzierenden Funktionszusammenhang zusammenschließen.“57 JOHNSON zeigt, dass der interventionistische Wohlfahrtsstaat, der eigentlich das Ziel verfolgte, die Privatautonomie zu schützen, paradoxerweise die Grundlagen für eine selbst reflektierende, private Individualität zerstört hat.58 Die Erziehung und Ausbildung der Heranwachsenden wurde nun weitestgehend vom Staat übernommen, so dass die Familie unfähig wurde, kritische Individuen hervorzubringen, die in der Lage waren, sich an einer öffentlichen Debatte konstruktiv zu beteiligen. Die Familie verwandelte sich damit in einen „abhängigen Konsumenten von Einkommen und Freizeit“, der sich von einer Allianz aus Staat und Wirtschaft verwalten liess, ohne selbst zu agieren. Dabei wurden die öffentlichen Funktionen des Staates immer mehr durch die Forderungen von mächtigen privaten Interessen überlagert. Diese organisierten Privatinteressen begannen den Konsumenten zu beeinflussen, anstatt ihn zu überzeugen. Dafür bedienten sie sich der modernen Medienindustrie. Diese hat die Transformation der Öffentlichkeit von einem Ort der rational-kritischen Debatte zu einer „Arena der Werbung“59 beschleunigt und sie für ihre Zwecke genutzt.60 Die neuen Massenmedien erzeugten ein Publikum, das nicht mehr fähig zur Argumentation ist, sondern nur noch aus passiven Konsumenten von Botschaften besteht. In dieser Transformation verändert sich öffentliche Meinung von einem rationalen Konsens, der aus Debatte, Diskussion und Reflektion hervorgeht, zu einer hergestellten Meinung durch Wahlen und Medienexperten. Rationale Debatte und Konsens wurden also durch Manipulationen der Werbemaschinerie und politischer Beratungsagenturen ersetzt.61 Nachdem die Öffentlichkeit nicht mehr auf bürgerliche Privatleute beschränkt ist und es keine Sphäre privater Verfügungen mehr gibt, ist auch die „Basis einer Konvergenz der Meinungen zerbrochen“.62 Deshalb kann es diesen Konsens, so HABERMAS, nicht mehr geben. Die Medien werden benutzt, um Möglichkeiten für die Konsumenten zu schaffen, sich mit öffentlichen Positionen oder Rollen zu identifizieren.63 „Publizität ahmt jene Aura eines persönlichen Prestiges und übernatürlicher Autorität nach, die repräsentative Öffentlichkeit einmal verliehen hat“. Der Öffentlichkeit bleibt nur noch die Möglichkeit, Beifall zu spenden oder ihn zu verweigern. 64 HABERMAS konstatiert: „Die durch die Massenmedien erzeugte Welt ist Öffentlichkeit nur noch dem Scheine nach“.65

2.4 Kontroverse Diskussion der bürgerlichen Öffentlichkeit

Von vielen Autoren wurde die Konzeption der bürgerlichen Öffentlichkeit als stilisiert und nicht mit der tatsächlichen Realität im 18. Jahrhundert vereinbar dargestellt. So sieht Calhoun Schwierigkeiten „how to identify the extent to which Habermas discusses theoretical ideas versus actualities of the bourgeois public sphere“66. Die Dialoge in den Kaffeehäusern zeichneten sich nicht immer durch Rationalität aus; MARTIN GEGNER zeigt, dass es auch im 18. Jahrhundert die „Veröffentlichung der Bildung als Akt reiner Statusdefinition“67 gegeben hat. Auch wenn HABERMAS betont, dass die bürgerliche Öffentlichkeit dem „Prinzip des allgemeinen Zugangs“68 verpflichtet ist, waren Frauen und Personen ohne Privatbesitz eo ipso aus dieser Öffentlichkeit ausgeschlossen. Der exklusive Charakter der bürgerlichen Öffentlichkeit war für JOAN B. LANDES, eine wichtige Vertreterin des Feminismus, durch immanente Prinzipien bedingt. „The symbolic politics of the emerging bourgeois public sphere was framed from the very outset by masculanist interests and assumptions“69. JOHNSON beschreibt, dass sich die Repräsentation der bürgerlichen Öffentlichkeit sogar als direkter Gegensatz zu einer „’women-friendly’ salon culture“ entwickelt hat.70 Die Kaffeehäuser und Clubs bauten beachtliche Zugangsbarrieren und fungierten so eher als „elitäre Teilöffentlichkeit“71. Die bürgerliche Öffentlichkeit war also de facto nicht auf eine Verteidigung gegenüber dem Staat angelegt, sondern auch auf „domination within civil society“72. Viele Autoren betonen daher, dass es nicht eine Öffentlichkeit gibt, sondern „von der historischen Frühform bis in unsere Tage immer Teilöffentlichkeiten, deren Publikum sich aus Teilen der Gesellschaft zusammensetzt und bestimmte Gruppen nicht zulässt“73.

Habermas sieht die öffentlichen Deliberationen als Möglichkeit, um darüber zu beraten, wie das Allgemeinwohl am besten zu verwirklichen sei. Viele andere Autoren stellen die Existenz dieses Allgemeinwohls in Frage. NANCY FRASER sieht den öffentlichen Diskurs eher als Möglichkeit, die individuellen Interessen klarzustellen, ohne zu wissen, ob in der speziellen Frage ein Allgemeinwohl geben kann.74 Für CHANTAL MOUFFE gibt es dagegen Konflikte, für die es nie eine rationale Lösung geben kann. Es prallen eher verschiedene hegemonielle Konzepte aufeinander, die sich gegenseitig ausschliessen. „Proper political questions always involve decisions that require a choice between conflicting alternatives“75. Einen notwendigen Konsens, wie in HABERMAS’ Darstellung der öffentlichen Meinung, kann es daher nicht geben. „What is at a given moment considered as the natural order- jointly with the common sense- is the result of […] hegemonic practices”76. HABERMAS eruierte die Bedingungen, die ausschlaggebend für die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit waren. Für MOUFFE ist die gesellschaftliche Ordnung „never the manifestation of a deeper objectivity exterior to the practices that bring it into being“77. Sie sieht sie als Ergebnis bestimmter kontingenter Machtstrukturen, die immer auch anders sein könnten. Die Öffentlichkeit ist für MOUFFE grundsätzlich antagonistisch und kann als Feld gesehen werden, „where different hegemonic projects are confronted“78. Wie in der Darstellung von FRASER gibt es auch für MOUFFE nicht eine Öffentlichkeit, sondern „confrontation takes place on a multiplicity of discursive surfaces“79. In diesen öffentlichen Räumen existieren verschiedene Ausdrucksweisen und es besteht ein ständiger Konflikt durch Versuche „to create a different form of articulation among public spaces“80.

[...]


1 Landeshauptstadt Stuttgart Statistisches Amt, 2007, S.85.

2 53.2 % der Bewohner waren im Jahr 2006 als ledig gemeldet (Landeshauptstadt Stuttgart Statistisches Amt, 2007, S. 89).

3 Landeshauptstadt Stuttgart Statistisches Amt, 2007, S.26.

4 Landeshauptstadt Stuttgart Statistisches Amt, 2007, S.92.

5 Geburten- und Sterbefälle, sowie Zu- und Wegzüge waren seit 1990 im Gleichgewicht (Landeshauptstadt Stuttgart Statistisches Amt, 2007, S.90).

6 Herczog & Hubeli (1995) bezeichnen diese Art von Untergrund, die vor allem in Fussgängerbereichen verwendet wird, als „Piazza-Bodenbelag“ (S.56). 7 Goheen, 1998, S.481.

8 Hohendahl, 1982, S.89.

9 Gegner, 2003, S,84.

10 Feree, Gamson, Gerhards & Rucht, 2002, S.305.

11 Zukin, 1995, S.45.

12 Calhoun, 1992, S.5.

13 Habermas, 1990, S.51.

14 Habermas, 1990, S.60.

15 Habermas, 1990, S.61.

16 Habermas wurde von verschiedenen Autoren dafür kritisiert, dass er die „plebejische“ Öffentlichkeit nur als ein Derivativ der bürgerlichen Öffentlichkeit betrachtet. (Unter anderem von Eley, 1992, S.321). Habermas hat allerdings zu einem späteren Zeitpunkt selbst zugestanden, dass sein Konzept der bürgerlichen Öffentlichkeit zu starr angelegt sei und von Anfang an ein dominierendes bürgerliches auf ein plebejisches Publikum trifft (Habermas, 1990, S.21).

17 Calhoun, 1992, S.7.

18 Habermas, 1990, S.67.

19 Habermas, 1990, S.71/72.

20 Habermas, 1990, S.74.

21 Habermas, 1990, S.75.

22 Calhoun (1992) erwähnt, dass diese Konzeption von Öffentlichkeit und bürgerliche Gesellschaft nur möglich war, weil der Staat als ein unpersönlicher Ort der Herrschaft dargestellt wurde (s.8).

23 Habermas, 1990, S.83.

24 Calhoun, 1992, S.9.

25 Habermas verwendet für den entstehenden Konsens auch den Begriff Wahrheit. Da in der bürgerlichen Öffentlichkeit alle Teilnehmer von einem Allgemeinwohl ausgehen, dass alle besser stellt, gilt es nur noch in einem rationalen Diskurs die beste Methode, die Wahrheit, zu finden um das Gemeinwohl zu erreichen. In seiner später entwickelten Konsenstheorie der Wahrheit ist eine Aussage dann wahr, wenn sie von allen „vernünftigen“ Gesprächspartnern in einer „idealen Sprechsituation“ anerkannt und über sie ein Konsens hergestellt wird (Habermas, 1973).

26 Calhoun, 1992, S.9.

27 Barnett, 2004, S. 186.

28 Habermas, 1990, S.86; mit den Begrifflichkeiten, die Habermas später entwickelt hat, können diese vier Bereiche in ein komplexeres System sich überschneidender Beziehungen unterteilt werden Einen privaten Bereich der kommunikativ integrierten Lebensweltbeziehungen (die Familie); einen privaten Bereich der Systembeziehungen (die kapitalistische Marktwirtschaft); einen öffentlichen Bereich der Systembeziehungen (der Staat); und einen öffentlichen Bereich der Lebensweltbeziehungen (die literarische und politische Öffentlichkeit) (Habermas, 1981).

29 Der Strukturwandel der Öffentlichkeit ist als eine wiederholende Folge von Themen konzipiert: soziale Struktur, politische Funktionen werden zunächst für die Konstitution der bürgerlichen Öffentlichkeit untersucht und dann für ihren Verfall im 19. und 20. Jahrhundert.

30 Zum Beispiel halfen frühe Novellen eine Vision von intimer Sentimentalität für das private Leben zu zeichnen, die von der literarischen Öffentlichkeit aufgenommen wurden (Habermas, 1990, S.114).

31 Habermas, 1990, S.87.

32 Calhoun, 1992, S.10.

33 Habermas, 1990, S.112.

34 Fraser, 1985, S.122-124.

35 Habermas, 1990, S.88.

36 Calhoun, 1992, S.12.

37 Habermas, 1990, S.211.

41 Habermas, 1990, S.116.

42 Die berühmtesten theoretischen Auseinandersetzungen der beiden Positionen finden sich bei Baudin, Hobbes, Locke und Montesquieu.

43 Habermas, 1990, S.119.

44 Habermas, 1990, S. 161-178; Die Konzeption von öffentlicher Meinung ist bei Habermas also weder die Gesamtheit blosser, beliebiger Meinungen von isolierten Individuen, noch die Reputation einer Person, die durch verschiedene Ansichten entsteht und auch nicht die Meinung einer „einfacheren“ Sorte Mensch.

45 Habermas, 1990, S.130.

46 Calhoun, 1992, S.14.

47 Habermas, 1990, S. 142.

48 Auf dem Kontinent reflektiert sich diese Entwicklung in der Kodifikation des Privatrechts mit der Garantie privater Freiheiten (Calhoun, 1992, S.15)

49 Dies ist die reinste Form des wirtschaftlichen Liberalismus. Der schottische Ökonom führte in seinem Werk der Wohlstand der Nationen den Gedanken der unsichtbaren Hand ein, die dafür sorge, dass jeder Wirtschaftsteilnehmer, der nur seinen Eigennutzen maximieren möchte, indirekt auch die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt erhöht. (Smith, 1776).

50 Habermas, 1990, S.148.

51 Habermas, pp. 175-177.

52 Calhoun, 1992, S.21.

53 Habermas, 1990, S.273.

54 Johnson, 2006, S. 28.

55 Habermas, 1990, 163.

56 Habermas, 1990, S. 233.

57 Habermas, 1990, S.234.

58 Johnson, 2006, S.29.

59 Habermas, 1990, S.275.

60 Garnham, 1992, S.361.

61 Kellner, 2000, S.6.

62 Habermas, 1990, S. 292.

63 Calhoun, 1992, S. 26.

64 Damit greift Habermas auf seine spätere Argumentation in Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus vor (1975). Die Öffentlichkeit wird zu einem Ort für Staaten und privatwirtschaftliche Akteure, die ihre Legitimität nicht dadurch entwickeln, dass sie auf eine unabhängige und kritische Öffentlichkeit antworten, sondern versuchen die Motivationen der sozialen Akteure zu manipulieren, so dass sie mit den Bedürfnissen des Gesamtsystems harmonieren, das von Staat und privaten Akteuren dominiert wird.

65 Habermas, 1990, S.261.

66 Calhoun, 1992, S.39.

67 Gegner, 2003, S.64.

68 Habermas, 1990, S.156.

69 Landes, 1988, S.40.

70 Johnson, 2006, S.34.

71 Gegner, 2003, S.62.

72 Calhoun, 1992, S.39.

73 Gegner, 2003, S.78.

74 Fraser, 1992, S.130.

75 Mouffe, 2005, S.806.

76 Mouffe, 2005, S.805.

77 ebd.

78 Mouffe, 2005, S.806.

79 ebd.

80 ebd.

Details

Seiten
65
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640236961
ISBN (Buch)
9783640238804
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120180
Institution / Hochschule
Studiengemeinschaft Darmstadt
Note
5.75
Schlagworte
Wandel Raums

Autor

Zurück

Titel: Der Wandel des öffentlichen Raums