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Hans Christian Andersen

Ein Leben im Zwiespalt

Hausarbeit 2005 18 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Homo/Bisexuell sein, was kann das heißen?

2. Ein Leben im Zwiespalt
2.1 Der Paradiesgarten
2.2. Die kleine Meerjungfrau
2.4 Die Schneekönigin

3. Wenn Sehnsüchte zu Erzählungen werden

4. Queer Studies, eine neue Welt

5. Muss man Andersens Leben kennen, um zu verstehen?

Literaturverzeichnis

1. Homo/Bisexuell sein, was kann das heißen?

Homosexualität respektive Bisexualität wird wie folgt definiert:

bisexuell [lat.] zweigeschlechtlich; bisexuelle Potenz ist die Fähigkeit der Zellen, sich in männlicher als auch weiblicher Richtung entwickeln zu können. [1]

Homosexualität [grsch.-lat.], Homophilie, sexuelle Inversion, z.T. auch Homoerotik, die von der Heterosexualität abweichende, auf gleichgeschlechtliche Partner ausgerichtete Sexualität; […]. [2]

Diese Form des Sexuallebens fand bereits bei den Griechen großen Anklang. Lustknaben wurden von denen gehalten, die den nötigen Stand und Reichtum innehatten. Bi- oder Homosexualität war in dieser Zeit ein Luxus, und wurde nicht nur geduldet sondern auch gefördert.

Von einem griechischen Mann wurde nicht nur erwartet, daß er heiratete und Kinder hatte, sondern auch daß er Jungen liebte, nicht im Gegensatz zur Ehe, sondern als deren sinnvolle Ergänzung. Sein Weg durch den Garten der Liebe, der in seiner Jugend begonnen hatte, als viele Männer um ihn warben und er einen von ihnen als seinen Liebhaber auswählte, würde ihn also später, als Erwachsenen, seinerseits um einen Jugendlichen werben lassen, und schließlich würde er heiraten und selbst Kinder haben. [3]

Eine solche Beziehung kam nicht nur dem älteren Liebhaber zu Gute sondern auch seinem jugendlichen Geliebten, der durch ihn eine Erziehung erhielt, vieles gelehrt, und in die Gesellschaft eingeführt wurde. Auf einer ähnlichen Basis wurde die Ausbildung eines Samurai in Japan gehandhabt. Auch sie ging Hand in Hand mit der Liebe zwischen Lehrling und Meister. Anders als in Griechenland der ältere Mann, war es in Japan der Jüngere, welcher sich um einen Geliebten und Lehrer bemühte.

Ein junger Mann sollte einen älteren Mann für mindestens fünf Jahre auf die Probe stellen, und wenn er von dessen Absichten Gewißheit hat, dann soll er um die Beziehung bitten... Wenn der junge Mann sich hinzugeben vermag und für fünf oder sechs Jahre in dieser Lage bleibt, dann ist es nicht unpassend.” [4]

In der späteren Gesellschaft überlebte die Bisexualität und Homosexualität ab dem Mittelalter nur noch im Untergrund.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts war trotz der romantischen Beziehungen, besonders zwischen Männern, die gleichgeschlechtliche Sexualität ein schweres Verbrechen und wurde sogar mit Landesverweis bestraft.

Obwohl Dänemark im 20. Jahrhundert als erstes Land die Ehe gleichgeschlechtlicher Partner ermöglichte, war es in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegenüber dieser Lebensweise und Neigung keineswegs positiv eingestellt.

1894 veröffentlichte Karl Ulrichs, ein deutscher Anwalt, die Abhandlung „Rätsel der mann-männlichen Liebe“. Er vertrat die These, dass Homosexualität für manche Männer normal sei. Sie bilden ein „drittes Geschlecht“. Da der Begriff „Homosexualität“ noch nicht existierte, gab er diesen Männern die Bezeichnung „Urninge“. Eine gegensätzliche These wurde durch Richard Freiherr von Krafft-Ebbing vertreten. In seiner 1886 veröffentlichten Arbeit sieht er Homosexualität nicht als Wesenszug sondern als angeborene Krankheit. [5]

In diese Zeit wurde Hans Christian Andersen geboren, mit Neigungen, welche heute oder im alten Griechenland mehr Verständnis und Möglichkeiten gefunden hätten.

Bereits anders als alle Kinder und später anders als die meisten Erwachsenen, führte er ein Leben als Außenseiter, mit seinen Romanen und Erzählungen als teilweise einziges Ventil seiner Wünsche und Sehnsüchte.

Doch wie verband er seine Sehnsüchte mit seinen Erzählungen?

Die Lebenswege in seinen Erzählungen gleichen meist Andersens Eigenem oder sind sinnbildlich für seine eigenen Vorlieben. Aber wie tief muss man in Andersens Leben vorgedrungen sein, um dies zu erkennen? Ist die Kenntnis seiner Biographie notwendig für das Verstehen seiner Erzählungen, oder haben sie ohne diese Kenntnis eine ganz eigene Botschaft?

In dieser Arbeit wird versucht werden, diese Fragen anhand der Erzählungen: „Der Paradiesgarten“, „Die kleine Meerjungfrau“ und „Die Schneekönigin“ zu erörtern, sowie durch Theorien aus dem Bereich der Queer Studies herauszufinden, in welcher Verbindung Kunst und Sex bei Andersen zueinander standen.

2. Ein Leben im Zwiespalt

Bereits in der frühesten Jugend war Andersen nicht so, wie es ein Kind seiner Familie vielleicht hätte sein sollen. Man könnte meinen, sein Name sei eine Beschreibung von ihm selbst, denn Hans-Christian war einfach anders. Geboren 1805 als Sohn eines Schuhmachergesellen wuchs er ärmlich, aber nicht ohne geistige Anregung auf. Sein Vater, ein Freidenker, galt als Sonderling und bemühte sich seinem Sohn die Freuden und Anregungen zu geben, die er in dem ärmlichen Umfeld seiner Familie sonst nicht bekommen konnte. Er bastelte ihm beispielsweise ein Theater, mit dem der phantasiebegabte Junge die Geschichten ausleben konnte, die er von den Alten und Verrückten im Ort erzählt bekam, oder im Theater gesehen hatte. Selbst Shakespeare inszenierte er mit seinem Puppentheater.

„Mir wurden Geschichten erzählt und Lieder vorgesungen, kurz: Kluge wie Irre taten, was in ihren Kräften stand, um meinem Wesen etwas Romantisches zu verleihen. Oft lag ich vor den Häusern, in denen die Tobsüchtigen wohnten, und hörte mir ihre Reden, ihre Lieder und ihre entsetzlichen Verwünschungen an.“ [6]

Zu hause lebte die Familie in einem Raum von 18 qm², und so erlebte Andersen früh was Sexualität zwischen Mann und Frau bedeutet, was in ihm als Kind möglicherweise eine gewisse Abscheu aufkommen ließ. Das „Anders-Sein“ erlebte er auch in der Schule. Den Lehrern war er näher als den Kindern, und versuchte er den anderen Kindern etwas von seinen Fantasien mitzuteilen, erklärten sie ihn für verrückt. Nur in der Gesellschaft eines kleinen jüdischen Mädchens fühlte er sich wohl, wohingegen die älteren Mädchen in ihm Angst und Abscheu erweckten. [7]

Sein „Anders-Sein“, sein singen, tanzen und Theater spielen, wusste er früh zu nutzen, da er bemerkte, dass er dadurch die Aufmerksamkeit seiner Umwelt und vor allem die der gebildeten Menschen in seiner Umgebung bekam.

Diese Begabungen ließen ihn bereits im Alter von elf Jahren erkennen, dass er kein Handwerk erlernen wollte. Die rohe Art der Menschen um ihn herum war ihm peinlich und unangenehm.

„[…] derweilen die Gesellen lustig ihre schamlosen Lieder sangen – ich wurde rot wie Blut und fing zu weinen an, ich war so unschuldig! Zuerst lachten sie mich aus und sagten, ich sei ein Mädchen, dann erlaubten sie sich einen äußerst rohen Spaß, hoc exquirendo […].“ [8]

Auch mit 14 Jahren im Kopenhagener Rotlichtmilieu lebend, und einer Tante, die einem Bordell vorsteht, behauptet Andersen immer seine Unschuld. Er liest alles was ihm in die Hände fällt, bastelt und näht sich wieder ein kleines Theater. [9]

Durch seine bisher gesammelten Eindrücke hat es den Anschein, als wäre Sexualität für Andersen ein niederes Bedürfnis, welches für ihn, vor allem geteilt mit einer Frau, nicht in Frage kommt. Der Anblick seiner Eltern, und die ungebildete rohe Art der Menschen um ihn herum, haben ihn vielleicht zeitlebens abgeschreckt und Angst eingeflößt.

Wie bereits erwähnt, erfuhr er als Junge gegenüber älteren Mädchen Abscheu und Angst, deren Gründe jedoch unklar bleiben. Frauen hingegen erschienen ihm zeitlebens als etwas Unnahbares, während er zu Männern immer eine tiefere und ebenso erotische Bindung sucht. Vielleicht war die Liebe zu Männern für ihn die wahre kunstvolle, und die zu einer Frau, vor allem einer einfachen Frau ohne künstlerisches Talent, gepaart mit Sexualität, etwas zu „naturbelassenes“. Mehrere Male gab er, um seinem Deckmantel genüge zu tun, vor, sich verheiraten zu wollen, oder zumindest der unglückliche Verehrer eines jungen Mädchens zu sein, welches bereits vergeben war. Andersen sah sich gern in der Rolle des verschmähten und unglücklichen Liebhabers, aber er war sich immer bewusst, dass keine dieser angeblichen Schwärmereien ernsthafter Natur waren. So war es zum Beispiel bei der Tochter des angesehen Dichters Adam Oehlenschläger, bei welcher er sich vornahm sich zu verlieben, aber später zugab, es eigentlich auf den Vater abgesehen zu haben. [10]

Selbst bei seinen zwei innigsten weiblichen Bekanntschaften, Riborg Voigt und Jenny Lind, war er sich nach anfänglicher Euphorie bewusst, dass es der Intellekt, die besonders bei Riborg Voigt für ihn bestehende Kindlichkeit, sowie die Begabung der jeweiligen Frau gewesen war, die ihn angezogen hatte.

[...]


[1] dtv Lexikon, Band 2, 281, 1995.

[2] Ebd., Band 8, 170.

[3] http://www.androphile.org/DE/Culture/Griechenland/greeceDE.htm

[4] http://www.androphile.org/DE/Culture/Japan/

[5] Vgl. http://www.community-muenchen.de/drescher.htm

[6] Zit. nach Hans Christian Andersen, Lebensbuch, 16.

[7] Vgl. Perlet, 2005, 13.

[8] Zitat nach, Lebensbuch, 25.

[9] Vgl., Perlet, 2005, 20.

[10] Vgl., Perlet, 2005, 29.

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640240685
ISBN (Buch)
9783640248452
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v120118
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Kinder und Jugendbuchforschung
Note
2,0
Schlagworte
Hans Christian Andersen Seminar Queerstudies Queer Sublimierung Sexualität und Literatur Andersen und Sexualität Claudia Gottschalk Gottschalk Claudia

Autor

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Titel: Hans Christian Andersen