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Bild mit Folgen - Zum Begriff des sequence-image in Victor Burgins Text „The noise of the marketplace“

Wissenschaftlicher Aufsatz 2005 30 Seiten

Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Grundthese Burgins und ihre schwierige Versprachlichung: ein flüchtiges Alltagsphänomen und die Unmöglichkeit etwas Gepfiffenes in Worte zu fassen

3. Ausgangspunkte: Fragmentarisierungen der Narrationen
3.1 Im Inhalt
3.2 In Form
3.3 Im Alltag angekommen

4. Theoretische Annäherungen
4.1 Geschichtswissenschaft
4.1.1 Heterotopie
4.1.1.1 Foucault
4.1.1.2 Burgin
4.1.2 Erinnerungsorte
4.1.2.1 Nora
4.1.2.2 Burgin
4.2 Psychoanalyse
4.2.1 Die Erinnerung
4.2.1.1 Lacan
4.2.1.2 Burgin
4.2.2 Das Unbewusste
4.2.2.1 Lacan und Freud
4.2.1.2 Burgin
4.2.3 Der Traum
4.2.3.1 Freud
4.2.3.2 Burgin
4.3 Semiologie
4.3.1 Der (Nicht-) Satz
4.3.2 Innere Rede

5. Der ästhetische Mechanismus des sequence-image

6. Schluss: Der fehlende Ort und die Kritik an Barthes

Literatur

1. Einleitung

Der britische Künstler und Theoretiker Victor Burgin versucht in seinem 2004 erschienenen Aufsatz „The noise of the marketplace“[1] eine neue Perspektive auf die Filmwissenschaft zu öffnen. Er entwirft die Idee des sequence-image, das beschreiben soll, wie ein einzelnes Bild, das aus einem Film erinnert wird, weitere Assoziationen auslöst. Durch unbewusste, aber auch bewusste Mechanismen vermischen sich diese Wahrnehmungen mit der eigenen Realität. Es entsteht eine neue oder zumindest eine veränderte Geschichte über sich selbst. Die Fiktion des Films wird so Teil der subjektiven Wirklichkeit.

Der Text Burgins ist nicht schnell zu analysieren. Er ist schwer reduzierbar, denn er fundiert seine Überlegungen hauptsächlich mit der Semiologie Roland Barthes, der Psychoanalyse Lacans und der Diskursanalyse Foucaults. Diese Trias, vor allem aber die strukturale Psychoanalyse ist dafür bekannt[2] assoziative und dadurch „schwebend“ anmutende Texte zu produzieren, die das Begehren[3] der Leserin / des Lesers aufrechterhalten sollen und ein offeneres Feld als streng kausallogische Folgerungen bieten. Die Perspektive meiner Textinterpretation folgt deshalb einem solchen weiten Winkel, lässt sich aber trotzdem in drei Schritte einteilen. Zunächst möchte ich die Beobachtungen Burgins betrachten, die ihn zu seinen weiteren Überlegungen verleiten. Danach möchte ich die verschiedenen theoretischen Blickwinkel, die Burgin anbietet, ausleuchten, indem ich mich wichtigen Ansatzpunkten wie beispielsweise der Heterotopie, dem Unbewussten und den Erinnerungsorten weiter nähere, um sie dann auf seinen Text zu beziehen. Daran anknüpfend werde ich das Konzept des sequence-image unter den kunsthistorischen Begriffen Aristoteles zusammenfassen.

2. Die Grundthese Burgins und ihre schwierige Versprachlichung: ein flüchtiges Alltagsphänomen und die Unmöglichkeit etwas Gepfiffenes in Worte zu fassen

Burgin möchte mit seinem Konzept des sequence-image einen Aspekt in der Filmanalyse beleuchten, dem bislang kaum Aufmerksamkeit geschenkt worden sei. Es geht ihm dabei weder um den Film selbst (Inhalt, Form) noch um dessen Kontext (Kino, Rezeptionsgeschichte), sondern um die wechselseitige Beziehung zwischen Bildern aus Filmen und dem eigenem Unbewussten. Er interessiert sich also für einen psychischen Mechanismus, der mediale Repräsentationen mit subjektiven Wahrnehmungen vermischt. Als Effekt dieses im Alltag häufigen Phänomens werden so identitäre Einschreibungen produziert oder verformt. Denn die Erinnerungen aus Filmen und dem Unbewussten vermischen sich.

Um ein Beispiel zu geben erzählt Burgin, dass er immer an seine Mutter denken müsse, wie sie hochschwanger mit ihm im Luftschutzbunker Zuflucht suche. Burgin, während des 2. Weltkriegs geboren, kann dieses Bild natürlich nicht real gesehen haben. Er habe sich aber viele Filme angeschaut, die zu dieser Zeit spielen und in denen Bunker vorkommen. Auf noch auszuführende Weise[4] seien die Erinnerung an die Mutter und die an jene Filme untrennbar miteinander verwoben worden.[5] Da er diese Anekdote bereits sehr reflektiert wiedergibt, markiert sie in diesem Fall das Ende eines Erkenntnisprozesses. Manchmal gelänge es dann, sich eine solche Erinnerung, so wie hier, analysierend bewusst zu machen. Sie beginne jedoch im Unbewussten und bleibe auch meist dort hängen.

„Eines Abends, als ich auf einem Barhocker halb eingeschlafen war, versuchte ich spaßeshalber alle Sprachen aufzuzählen, die in mein Ohr drangen: Musik, Konversation, Geräusche von Stühlen, Gläsern, eine ganze Stereophonie. […] Wörter, kleine Syntagmen, Fetzen von Formulierungen tauchten in mir auf, und kein Satz bildete sich, als wenn dies das Gesetz jener Sprache gewesen wäre.“[6]

Diese Metapher, die Roland Barthes in seinem Buch „Die Lust am Text“ erzählt, liefert Burgin nicht nur den Titel seines eigenen Aufsatzes. Barthes fährt fort: „this speech called ‚interior’ very much resembled the noise of the marketplace“.[7] Das „Geräusch des Platzes“[8], die Summe akustischer Eindrücke, deren Bedeutungen offen bleiben müssen,[9] gibt darüber hinaus bereits die Struktur vor, in der Burgin seine Idee von dem Verhältnis zwischen Unbewusstem und der Erinnerung von Filmsequenzen platziert. Denn die Metapher zeichnet sich dadurch aus, dass das Ich in dem Versuch alles aus seiner Perspektive Wahrnehmbare zu erfassen, nichts versteht: „kein Satz bildet sich“.[10]

Burgin verlässt damit nicht nur die Linguistik, sondern den Bereich der Theorie überhaupt.[11] Der Grund dafür liegt in der sonst nicht möglichen Annäherung an das Imaginäre, das in einer Theoretisierung symbolisch strukturiert würde. Ohne das Konzept des Imaginären aber lässt sich die Produktion von Fantasie und damit auch des Unbewussten nicht richtig verstehen. Dylan Evans schreibt zu einer Lacanschen Auffassung von Erinnerung:

„Erinnerungen an vergangene Ereignisse werden in Übereinstimmung mit unbewußtem Begehren kontinuierlich neu geformt. Dies geschieht in einem so großen Ausmaß, daß die Symptome nicht aus angeblich ‚objektiven Tatsachen’ entspringen, sondern aus einer komplexen Dialektik, in welcher die Phantasie eine wichtige Rolle spielt. Freud bezeichnet mit dem Terminus ‚Phantasie’ also einen Schauplatz der Imagination, in dem ein unbewußtes Begehren inszeniert wird.“[12]

Um die Wahrnehmung nun auch dem Imaginären zu öffnen, versucht Burgin seinen Text so scheinbar unstrukturiert wie möglich zu halten und statt in logischen Abfolgen in scheinbar freien Assoziationen zu schreiben und vieles nur anzudeuten, da ein Aussprechen aus dem Imaginären Symbolisches machen würde. Insofern ähnelt Burgins Vorhaben strukturell dem Versuch Barthes’ das Geräusch des Platzes zu beschreiben. Er muss sein Imaginäres zwar dennoch verschriftlichen (und damit symbolisieren), die Andeutungen können aber das Feld des Imaginären aufstoßen, die von dem Leser/der Leserin gefüllt werden kann. Die Lektüre eines solchen Textes ist daher mitunter schwierig und interpretativer als üblich.

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“,[13] sagt Wittgenstein. Burgin impliziert hingegen, man könne seine Ahnungen aber pfeifen. Er meint damit, dass bei der Analyse einer Fotografie zum Beispiel, ein Rest bleiben kann, der nicht ins Symbolische übertragen wird. Dieser Rest entstammt dem Imaginären. Es kann nicht ausgesprochen werden, aber mit den Mitteln seines Feldes angedeutet werden. Ohne zu wissen wieso, kann die Betrachtung besagter Fotografie ein Lächeln (oder einen anderen Affekt) auslösen. Oder eben besagten Pfiff. Diesen in die andere Richtung, ins Symbolische zu übersetzen ist ungleich schwieriger, da seine Bedeutungen per definitionem nicht gänzlich erfassbar sein dürfen. Der Versuch ist jedoch unumgänglich. Schon Lacan war der Ansicht: „Das Imaginäre lässt sich nur entziffern, wenn es in Symbole gefaßt wird“[14]

[...]


[1] Aus seinem Buch The remembered film

[2] Vgl. z.B.: Kristeva, Julia: Fremde sind wir uns selbst. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1990 oder Bhabha, Homi: Nation and Narration. London: Routledge, 1995

[3] Oder wie Barthes es in einem seiner Buchtitel selbst formuliert: Die Lust am Text

[4] Vgl. Kapitel 4.1.2.2

[5] Vgl. Burgin 15

[6] Barthes (1996) 74

[7] Zit. nach Burgin 10, Hervorhebung T.D.

[8] So die deutsche Übersetzung, vgl. Barthes (1996) 74

[9] Sonst wären sie kein Geräusch mehr.

[10] Barthes (1996) 74

[11] Vgl. Burgin 27

[12] Evans 229

[13] Wittgenstein 83

[14] Zit. n. Evans 148

Details

Seiten
30
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640231966
ISBN (Buch)
9783640232109
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119873
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Schlagworte
Bild Folgen Begriff Victor Burgins Text

Autor

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