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Deutsch-italienische Fremdheit und deren „Ent-Fremdung“ in "Maria ihm schmeckt's nicht" von Jan Weiler

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 43 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Das Erleben des Fremden

2 Die Begegnung mit dem Fremden
2.1 Florian trifft Antonio: der anankastische Charakter
2.1.1 Appräsentative Erwartung
2.1.2 Abweichung
2.1.3 Leistungsbezogenheit
2.1.4 Anankastischer Charakter und „German Angst“
2.2 Antonio trifft Florian: Der histrionische Charakter

3 Annäherung an das Fremde
3.1 Maßnahmen zur Fremdheitsreduzierung
3.1.1 Stereotype als „Ent-Fremdung“ des Fremden
3.2 Maßnahmen zum Fremdheitsabbau
3.2.1 Kontaktaufnahme
3.2.2 Integrationsansätze
3.2.3 Integrationsprobleme
3.2.4 Der Streit
3.2.5 Verschärfter Fokus
3.3 Maßnahmen zur Fremdheitsüberwindung
3.3.1 Die Lebensgeschichte
3.3.2 Lebenswirklichkeit und Lebensphilosophie

4 Schlussbetrachtung
4.1 Das Stereotyp in der literarischen Kulturbegegnung
4.2 Subjektiv konnotierte Sprache
4.3 Negative Effekte
4.4 Positive Effekte

5 BIBLIOGRAFIE

1 Das Erleben des Fremden

Jan Weilers Debütroman „Maria ihm schmeckt’s nicht“ beinhaltet „Geschichten von meiner italienischen Sippe“ (so der Untertitel). „Die meisten Geschichten davon sind wahr, andere sind erfunden, wieder andere lassen sich beim besten Willen nicht nachprüfen.“ (S.276), meint Weiler am Schluss in seinen Danksagungen. Es handelt sich also um einen „autobiofiktionalen“ Roman, der die Begegnung zweier Männer schildert, die in kürzester Zeit von Fremden zu engen Vertrauten werden. Das Besondere daran ist: der eine ist Deutscher und der andere Italiener. Florian, der Deutsche, ist Ich-Erzähler und erlebt die Begegnung mit dem Vater seiner Verlobten aus einer fast durchgängigen Gedankenrede heraus. Dabei bekommt der Leser eine besonders eindrückliche Vorstellung seiner Empfindungen diese Begegnung betreffend, seiner Erwartungen und seiner Reaktionen. Das ist deshalb besonders interessant, weil der Austausch der beiden Männer durch ihre kulturelle Verschiedenheit und ihre charakterliche Gegensätzlichkeit eine starke Dynamik erhält.

Der Umgang mit anderen Kulturen spielt im heutigen Zeitalter von Globalisierung und Multikulturalität durch Migrationsbewegungen eine sehr große Rolle. Interkulturelle Kompetenz zu erwerben gehört heutzutage zu den wichtigsten „soft skills“, im Beruf wie auch im Alltag, weil „der konstruktive Umgang mit kultureller Vielfalt und unterschiedlichen Werthaltungen auf der zwischenmenschlichen Ebene in den kommenden Jahren nicht nur zu den Schlüsselqualifikationen von Managern in transnationalen Unternehmen gehört, sondern sich zum allgemeinen Bildungsziel einer jeden Persönlichkeitsentwicklung und zum Erfolgsfaktor für das produktive Erleben kultureller Vielfalt herausbilden wird.“[1]

Seit Deutschland ein Einwanderungsland ist, gehört der Austausch mit anderen Kulturen fast schon zum Alltag. Um interkulturelle Kompetenz zu erwerben, ist es nicht nur notwendig, Kenntnisse der anderen Kultur und Handlungskompetenzen in dieser zu erwerben, sondern auch, sich über die eigene Kulturhaftigkeit bewusst werden. Das Selbstverständnis einer Kultur entwickelt sich nur im Kontakt zu anderen Kulturen. Dadurch, dass man innerhalb einer Kultur aufwächst, bevor man mit einer anderen Kultur in Kontakt tritt, sind Werte, Normen und Verhaltensweisen selbstverständlich und omnipräsent. In der kulturellen Fremderfahrung wird das Individuum mit dem eigenen Leben und dessen Habitus konfrontiert und das provoziert die Selbstreflexion. In der Betrachtung der Fremdbegegnung des deutschen Protagonisten Florian in dem Roman „Maria ihm schmeckt’s nicht“ mit der italienischen Verwandtschaft seiner Verlobten Sara können also bestimmte Charakteristika für dessen eigene Kultur und sein Verhältnis zu ihr sowie seine Auffassung von der fremden Kultur abgelesen werden. Wenn Weilers Roman dann beginnt mit „Ein Fremder steht vor der Tür. Das bin ich.“ (S.7), dann lässt das auf eine nicht unproblematische Beziehung zu sich selbst schließen, die unweigerlich die Entwicklung der kurz bevorstehenden Begegnung mit seinem italienischen Schwiegervater in Spe beeinflussen muss. Bedenkt man dabei noch, dass die Figur Florian als „Zentralgestalt“ des Romans mit „repräsentativer Funktion“[2] für einen Prototyp des Deutschen steht, so spielt in die anstehende Betrachtung der Entwicklung der Begegnung zwischen Florian und Antonio auch das schwierige Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nation mit hinein und dessen Einfluss auf die Fremdbegegnung. Wenn Duala M’bedy meint, das Fremde sei die „negative Kehrseite des eigenen positiven Lebensfundaments“[3], heißt das, das die eigene Kultur instinktiv als positiv empfunden wird. Wenn man dann Erfahrungen mit einer fremden Kultur macht, wird dieses „aufgefasste Andere“ als negativ empfunden, da es nicht in das eigene Orientierungssystem eingeordnet werden kann. Das könnte ein Erklärungsansatz sein für die Ergebnisse der Untersuchung der Bundeszentrale für politische Bildung: „Ein großer Teil der Bürger in den Ländern der EU weist eine mehr oder weniger negative Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur auf. Was das Geschlecht betrifft, zeigt sich, dass Männer in der Bundesrepublik Deutschland und in Luxemburg sowie in Portugal und Finnland etwas negativer zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur eingestellt sind als Frauen.“[4] Bei der ersten Lektüre des Romans „Maria ihm schmeckt’s nicht“ hatte ich bereits den Eindruck, dass das Urteil des Protagonisten über die italienische Kultur und auch Antonio gegenüber tendenziell abwertend gefärbt war, auch wenn er mehrfach seine Sympathie für diese beteuerte. Prekär ist diese Beobachtung gerade auch wegen des zumindest teilweisen autobiographischen Anspruchs, den der Roman hat, weshalb davon auszugehen ist, dass die Perspektive Florians die Perspektive Weilers repräsentiert. In dieser Arbeit sollen also die Aspekte untersucht werden, die bei der Begegnung zweier verschiedener Kulturen relevant werden, besonders derer, die für die Kulturbegegnung förderlich bzw. hinderlich sind. Das beinhaltet persönliche und charakterliche Voraussetzungen ebenso wie die jeweilige soziale Rolle, die die eigene Aktivität in der Annäherung an das Fremde bestimmen. Die zwischenmenschliche Beziehung von Florian und Antonio, ihre Entwicklung sowie die Konsequenzen für die eigene Identität sollen dabei betrachtet werden. Der besondere Fokus liegt dabei auf der Perspektive Florians, da der Leser durch deren Färbung hindurch die Fremdbegegnung erlebt.

2 Die Begegnung mit dem Fremden

2.1 Florian trifft Antonio: der anankastische Charakter

Kurz vor der ersten Begegnung mit seinen zukünftigen Schwiegereltern fühlt sich Florian „vor sich selber fremd“ (S.7). Er rechtfertigt diese Empfindung in einer Gedankenrede mit der Mission, in der er angereist ist, die für ihn zum ersten mal ansteht: „Man bittet auch nicht sehr häufig im Leben um die Hand einer Tochter“ (S.7). Dazu kommt, dass es für das Paar, Florian und seine Verlobte Sara, ihr „erster gemeinsamer Besuch bei ihren Eltern“ (S.7) ist, d.h. seine zukünftigen Schwiegereltern sind ihm noch nicht persönlich bekannt. Zu diesem Zeitpunkt sind die Protagonisten Florian und Antonio so weit voneinander entfernt, wie es nur überhaupt möglich ist: sie sind sich noch nie im Leben begegnet. Denn durch die symbolische Geste des „um die Hand Anhaltens“ wird eine Veränderung der Familienverhältnisse angestrebt, nämlich die der bestehenden gegenseitigen Unbekanntheit in die Verschwägerung, d.h. in eine verwandtschaftsähnliche Beziehung. Das Ausmaß des Wandels, also die Dimension, die überwunden werden muss, ist demzufolge exorbitant groß. Zwei einander völlig fremde Männer sollen mit einem Mal zu „Quasi-Verwandten“ werden, eine beachtliche Entfremdung des Status Quo. Das heißt, sie sind je füreinander der von Simmel vielzitierte „Wandernde, der heute kommt und morgen bleibt“[5]: Ein Fremder, in der Intention sich anzunähern, aber „der seine Fremdheit nicht durch völlige Assimilation abstreift“[6], also zugleich nah und fern“ wird, in dem Sinn „dass der Nahe fern ist [und] dass der Ferne nah ist“[7]. Dass Florian dieser Schritt Unbehagen bereitet, lässt sich der Äußerung entnehmen, er fühle sich mit dem Blumenstrauß als Gastgeschenk in der Hand „als Schwiegersohn verkleidet“ (S.7): Er ist nicht er selbst in dieser Rolle, er spielt sie lediglich.

2.1.1 Appräsentative Erwartung

Der Schwiegersohn in Spe versucht in der unberechenbaren, da neuen Situation das, was er nicht kennt, zugunsten einer Neugewinnung von Struktur und Ordnung zu kategorisieren. Durch die gemeinhin als typisch deutsch geltende „Ordnungsliebe“ und durch „das Befolgen von Vorschriften und Regeln“[8] drängt er danach, sich etwas zu schaffen, woran er sich festhalten und orientieren kann in der für ihn ungewohnten bzw. unvorhersehbaren Situation. Seine Unsicherheit angesichts des bevorstehenden Verlobungs-Rituals zeigt sich, indem er wie zur Beruhigung an etwas denkt, das „völlig sicher“ (S.13) ist: „Die Architektur eines Reihenhauses“ (S.12). Denn in einem solchen wohnen auch die Eltern seiner Freundin. Florian will vorbereitet sein auf das, was ihn erwartet und strebt auf diese Art nach Konstanten zum Schutz vor dem unheilvollen Unbekannten: Er sinniert so intensiv und ausführlich in Gedanken über die zu erwartende Aufteilung, Anordnung und Möblierung im „Klassiker“ (S.12) der Reihenhäuser, dass er kurzzeitig abdriftet, um das augenblicklich bevorstehende Ereignis zu verdrängen, bis ihn seine Freundin in die Gegenwart zurückholt, indem sie ihn an sein eigentliches Vorhaben erinnern muss: „Hallo, klingeln“ (S.13). Als die beiden das Haus betreten, merkt er an, dass der Flur „sich nicht einordnen lässt, weil eigentlich kein Stil überwiegt“ (S.14) und dies ist für ihn das „Verstörende“ (S.14) an der Situation. Er hat durch Erfahrungswerte in der Vergangenheit mit anderen Reihenhäusern eine bestimmte Erwartungshaltung entwickelt, die ihn ein relativ festes Bild vom Interieur des Reihenhauses der Marcipanes vorhersehen lassen. Dieses Phänomen des „vom Teil auf das Ganze schließen“ wurde von Alfred Schütz und Edmund Husserl als „Appräsentation“[9] bezeichnet. Dieser Begriff beschreibt, dass der Mensch anhand eines typisierten inneren Bildes von etwas, z.B. von einem Haus, von dem er nur die Vorderseite sieht, darauf schließt, dass gleichzeitig eine Rückseite existiert: wir „sehen "ein Haus" und nicht bloss eine Fassade. Das Vorhandensein der Rückseite wird bereits in der Typisierung "Haus" impliziert“[10]. Es ist ein automatisches „Mitsetzen“ von Charakteristika zu einer Erscheinung, die prototypisch in einem inneren Bild in uns bereits vorexistiert. Es funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie Imagotypen bzw. Stereotypen, die ja auch als die „inneren ikonischen Repräsentationen“[11] bezeichnet werden können, die „mit der Vorstellung selbst identisch“ sind, die wir von etwas oder jemandem haben. Die Vorstellung also, unsere inneren oder mentalen Bilder „beherrschen aufs stärkste den ganzen Vorgang der Wahrnehmung“[12], beeinflussen die Wahrnehmung dahingehend, dass „gewisse Gegenstände als vertraut oder fremdartig“ erscheinen, wobei das innere Bild als Maßstab für die Bewertung der Wirklichkeit fungiert, die aber „nicht auf unmittelbarem und sicherem Wissen beruht“[13], sondern eine assoziative Verknüpfung ist, die „‚einem ganz von selbst einfällt’ [...] als etwas seit jeher ‚selbstverständlich’ Einleuchtendes“[14]. „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt wissen, wissen wir durch die Massenmedien“[15], die eben diese mentalen Bilder erzeugen, anhand derer wir Fremdes nach unseren Vorurteilen davon als vertraut oder fremdartig, bekannt oder abweichend, typisch oder untypisch bewerten.

2.1.2 Abweichung

Jan Weiler führt dem Leser vor, dass der Kontakt mit Fremden bzw. Fremdem typischerweise angstvoll, skeptisch und vorsichtig aufgenommen wird. Er zeigt, dass sowohl eine ungenaue Vorstellung als auch eine voreingenommene Meinung oder ein allzu fertiges Bild vom zu Erwarteten eine unbestimmte Ängstlichkeit fördern können. Denn dieses Bild, das sich Florian vom Interieur des Reihenhaus in Gedanken ausgemalt hat, tritt in der Realität abweichend hervor. Die Erwartung des Protagonisten an die Beschaffenheit des Reihenhauses seiner zukünftigen Schweigereltern und die tatsächlichen Gegebenheiten stimmen nicht miteinander überein. Etwas für sicher geglaubtes entpuppt sich als falsch, was natürlicherweise eine erste Irritierung hervorruft, die in eine Unsicherheit führen kann, die die Skepsis dem Fremden bzw. Fremdem gegenüber erhöht, da es wiederum uneinschätzbar, ja nahezu nicht greifbar wird.

Diese Abweichung vom Bild, das von Florian vorher angenommen wurde, kann auf die gesamte kulturelle Begegnung des Deutschen mit dem Italiener Antonio übertragen werden. Denn nicht nur von den architektonischen Charakteristika des deutsch-italienischen Lebensraumes im Haus Marcipane ist Florian verwirrt, sondern auch von der Mentalität des „Misch-Ehepaars“.

Er erwartet einen bestimmten Rhythmus und Ablauf während dieser Begegnung, getreu den deutschen Konventionen, denn „[d]em alltäglich Fremden begegnen wir mit der Grundannahme, daß er oder es Bestandteil der Ordnung jener Wirklichkeit ist, die wir als die „gegebene“ erfahren“[16]. Doch Saras Eltern „machen sich nicht viel aus Konventionen“ (S.18). Die Kenntnis der „mögliche[n] Verhaltensweisen“ in einer sozialen Situation, die von allen Partizipanten geteilt wird, hätte Florian, dem Fremden, eine soziale Kompetenz und damit ein Stück Sicherheit in dieser Begegnung geben können. Doch die in Deutschland kulturell und gesellschaftlich bekannten „Verhaltensregelmäßigkeiten“[17], die als sogenannte „soziale Norm“[18] die „normale“ Verhaltensweise des Gegenübers einschätzbar machen könnte, können bei Saras Eltern nicht erwartet werden. „Die Kommunikation in dieser Begegnung kann „chaotisch“ werden und „entgleisen“, wenn die inneren Vorannahmen für das jeweilige Verhalten des anderen und seine inneren Möglichkeiten nicht zutreffen, sich nicht entsprechen.“[19] So fühlt Florian sich angesichts der Nichteinschätzbarkeit der Situation „hilflos“ (S.16), als er mit seinem Schwiegervater allein ist und tritt in Gedanken sogar schon fast den Rückzug von seinem Vorhaben an: „Was mache ich hier eigentlich?“ (S.17). „Wenn ich nicht routinemäßig annehmen kann, mit dem anderen in ,,einer Welt" zu leben, also die Selbstverständlichkeiten meiner Alltagswelt mit ihm zu teilen, rechne ich ihm eine andere Wirklichkeitsordnung zu, die mir „fremd“, weil unüberschaubar ist.“[20] Durch die Unmöglichkeit, sich über die in Deutschland typischen Höflichkeitskonventionen zu verständigen, ist den beiden Protagonisten eine grundlegende gemeinsame Interaktions-Basis genommen, ohne die sich der Protagonist im fremden „Herrschaftsraum“, dem Zuhause der Marcipanes, deutlich unwohl fühlt. Er zeigt sich verunsichert, ängstlich und defensiv, die Unberechenbarkeit dieses Zusammentreffens scheint Florian ganzheitlich aus sich selbst heraus zu entwurzeln, weshalb er sich als „Fremder“ (S.7) vor sich selbst und „verkleidet“ (S.7) fühlt.

„Indem etwa kommunikatives Routinehandeln durch die Konfrontation mit den fremden Routinen ‚desautomatisiert’ wird, werden seine Strukturen und Prozesse, Muster und Schemata, Zeichen-Einheiten und Verknüpfungsregeln schärfer ins eigene Bewusstsein gehoben (Gumperz).“[21] Stets hat Florian bei dieser kulturellen Begegnung ein vorgefertigtes Bild im Kopf, an dem er die aktuelle Situation misst und bewertet, indem er in Gedanken durchgeht, was gemäß den deutschen Konventionen „normalerweise“ getan wird und dies kontrastierend damit abgleicht, was tatsächlich geschieht: „Ich frage mich, was wohl als nächstes passiert. Oder nicht passiert“ (S.18) und dessen Qintessenz: „Ganz schwer zu sagen, was jetzt kommt“ (S.21). Er stellt Vermutungen über die Entwicklungen an, die eher pessimistischer Art sind („Ich denke: entweder er [...] oder er [...]“ S.21) und die sich entgegen seiner Berechnungsversuche entwickeln: „Natürlich kommt es ganz anders.“ (S.103). Die bemerkten Brüche im Erleben der italienischen Kultur stehen im Kontrast zur eigenen Normalität, verdeutlichen also einerseits die Abweichungen in Situationsabläufen, die anders als „normalerweise“ (S.18, S.19) empfunden werden, die eigene Kulturhaftigkeit und andererseits zeigt die Irritation und Verunsicherung im Kontrast mit der fremden Kultur „die Unmerklichkeit und Unreflektiertheit des Kulturerwerbs“, also das enkulturierte Normempfinden, das für Florian zur Hürde im interkulturellen Austausch wird.

2.1.3 Leistungsbezogenheit

Die Figur Florian legt eine auffällige Vorliebe für Regeln und strukturierte Vorgehensweisen an den Tag, die „übermäßige Beschäftigung mit Regeln, Effizienzfragen, unbedeutenden Details oder Verfahrensfragen stört [seine] Übersicht. Dadurch kann die eigentliche Aktivität in den Hintergrund treten“[22]. Dabei erhält die ethnozentrische Betrachtung der fremden Kultur und Mentalität durch die Figur Florian sehr große Bedeutung für die Darstellung der Fremdbegegnung, denn die Kombination von Ethnozentrik und „[ü]bermäßige[r] Pedanterie und Befolgung von Konventionen“[23] geht „auf Kosten von Flexibilität, Aufgeschlossenheit“. Jan Weilers Roman entwirft ein eher kritisch zu beurteilendes denn typisches Muster der Fremdbegegnung, weil sich der pejorative Blick auf das vom Erwarteten Abweichende nicht mehr nur als pessimistisch, sondern als abwertend entfaltet. Bei der Hochzeit von Saras Verwandten beispielsweise erwartet Florian die unterhaltsamen Abläufe einer deutschen Hochzeit, also Tischreden, Spiele oder Fotopräsentationen, und zeigt sich von deren Ausbleiben zuerst irritiert: „Was denn nun geplant sei, frage ich Sara. „Nichts“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. „Nichs?“ „Nichts. Nur essen.“ (S.102). Doch seine Schlussfolgerung über den Sinn dieses Ausbleibens fällt, nicht zuletzt dank des abfälligen Vokabulars, sarkastisch aus: „Eine italienische Hochzeit gleicht einer Leistungsschau. Lange Tischreden vermeidend, geht es eigentlich nur darum, zu beweisen, dass man genug Moos an den Füßen hat, um einhundertfünfzig Personen so satt zu machen, dass diese nicht mehr geradeaus laufen können. Es wir also gegessen, gegessen, gegessen, zwölf Stunden lang.“ (S.102). Deutlicher wird Florians Vorliebe für Sinnhaftigkeit und Effizienz der Tätigkeiten an seiner Beurteilung des italienischen Alltags. Für den Deutschen ist es ein „seltsamer Rhythmus des Nichtstuns und Nirgendwoseins“ (S.80), der ihn in Italien umgibt und er findet es „nicht langweilig, es ist meditativ.“ Aber die Verwendung des eher positiven Ausdrucks „meditativ“, bekommt abschließend doch wieder eine abwertende Konklusion. Denn das von ihm attestierte Resultat einer derartigen Lebenskultur wird als nicht gewinnbringend dargestellt: „Nach eineinhalb Wochen bin ich ebenso wenig nutze wie der Rest meiner Familie.“ Deutlich wird hier seine „unverhältnismäßige Leistungsbezogenheit“[24], d.h. seine übermäßige Wertschätzung von Produktivität und damit eben auch, dass dies „unter Vernachlässigung von Vergnügen und zwischenmenschlichen Beziehungen“[25] geschieht. Denn die durch das „meditative“ Zusammensein mit seiner Familie sich entwickelnde Vertrautheit ist für Florian an dieser Stelle nicht bemerkenswert, also verteilen sich der Fokus und die Prioritäten eher auf Leistung, denn auf den Aufbau sozialer Beziehungen.

Wo für ihn einerseits das Fehlen eines produktiven Sinns zu einer Abwertung führt, führt andererseits ein produktiver Effekt zu einer Aufwertung: Florians Perspektive ist einem prinzipiell negativen Werturteil über Antonios charakteristische Verhaltensweisen stellenweise eine positive Beimengung zu entnehmen. Und die resultiert aus dem Nutzen und dem Erfolg eines sonst von ihm abgewerteten Talents Antonios: „Nun zeigt Antonio ein Kunststück, das ich bei ihm schon ein paar Mal gesehen habe: sofortiges Einwickeln der Gegenpartei in Krisensituationen durch massives Vollsülzen.“ (S.106) Einerseits beschreibt der Erzähler das rhetorische Geschick an sich, also die Art und Weise wie Antonio die kritische Situation entschärft, mit der Bezeichnung „vollsülzen“, eine Redensart, die synonym ist mit „auf jemanden einreden; jemandem mit seinem Gerede auf die Nerven gehen; versuchen, jemanden durch ständiges Reden zu beeinflussen; jemanden beschwatzen / schmeicheln“[26] und die als „umgangssprachlich, salopp, abwertend“[27] gilt. Antonios Kommunikationsgeschick wird aber auch als „Kunststück“ bezeichnet, womit einerseits gesagt ist, dass Florian von einer geplanten Taktik ausgeht statt von einem naturimmanenten Charakter, und andererseits wird es als „Schachzug“ honoriert, weil Antonio damit Erfolg verbuchen kann. Es ist zu beobachten, dass in Weilers Roman das Andersartige aus der Sicht eines Deutschen tendenziell negativ wahrgenommen wird, aber positiv gewertet wird, sobald ein Nutzen oder Erfolg damit verknüpft ist. Bleibt dieser für den Deutschen offensichtliche Nutzen aus, wird das Andersartige auch strikt negativ gewertet. Diesen Vorgang demonstriert Florians oben bereits angeschnittene Beschreibung des italienischen Desinteresses an „Brauchtumspflege“ oder dem „Erlernen fremder Sprachen“ oder der „Mitarbeit in gemeinnützigen Organisationen“ (S.80) zugunsten eines starken Interesses daran, „lieber über den corso“ zu „flanieren“ (vgl.S.80). Florian räumt ein, dass man „dies als Ignoranz geißeln“ könne „und damit liegt man nicht falsch“, womit offenbart ist, dass dies seiner Meinung nach auch zutreffend ist. Florian misst die Wertigkeit einer Tätigkeit mit dessen effektiven Nutzen statt mit dem Gewinn für die familiäre Gemeinschaft und so werden „Arbeit und Produktivität [...] über Vergnügen und soziale Beziehungen gestellt.“[28].

2.1.4 Anankastischer Charakter und „German Angst“

In dieser von Weiler geschaffenen Charakteristik des „prototypischen Deutschen“ in der Figur Florian, steckt eine Verhaltensauffälligkeit. Die Art und Weise sowie der Verlauf der Fremdbegegnung aus der Perspektive Florians erinnert an eine anankastische Persönlichkeit. Wie er vor dem Haus der Marcipanes steht und voller Selbstunsicherheit nahezu zwanghaft in der Vorstellung der exakten Innenarchitektur und Anordnung das eigentliche Vorhaben kurzzeitig verdrängt, „beschäftigt [er] sich übermäßig mit Details, Regeln, Listen, Ordnung, Organisation und Plänen, so dass der wesentliche Gesichtspunkt der Aktivität verloren geht“[29]. Dazu gehört auch seine Verstörtheit als er die Abweichung von dieser Vorstellung registriert

Die Abweichung von der Norm ist bei Florian nicht so stark, als dass man ihm eine anankastische Persönlichkeitsstörung diagnostizieren könnte, aber die anankastische Tendenz in seinem Verhalten und seinem Denken ist offenbar. Seine Gewissenhaftigkeit und Verbundenheit mit den Konventionen spiegeln den anankastischen Persönlichkeitsstil wider, was wiederum laut Definition mit einer „großen Unentschlossenheit“ und einem „inneren Zweifel“ zusammenhängt, der „als Ausdruck einer tiefgreifenden persönlichen Unsicherheit“[30] zu verstehen ist.

Den Deutschen wird seit einiger Zeit ein Phänomen zugesprochen, das sich „German Angst“ nennt. Die Kölner Autorin und WDR-Redakteurin Sabine Bode hat in ihrem Buch „Eine deutsche Krankheit - German Angst“ untersucht, „[w]arum die Deutschen ängstlich in die Zukunft blicken, meist das Schlimmste erwarten und sich mit aller Kraft an ihren Besitz klammern“[31]. „German Angst“ charakterisiert eine der anankastischen Persönlichkeit ähnliche Befangenheit: der Begriff bezeichnet eine Art „Mutlosigkeit“[32] aufgrund "diffuser Gefühle des Bedrohtseins" und der "Angst vor dem Rückfall in die Barbarei" der Deutschen, also eine grundlegende Unsicherheit, die Sabine Bode als eine der bis heute spürbaren „Auswirkungen von NS-Vergangenheit und Krieg“[33] klassifiziert. Die „enge Verzahnung von deutschem Selbstwertgefühl mit der Industrie“[34] schaffte „Hochgefühle im Nationalsozialismus wie auch im Wirtschaftswunderland - und dann der große Bruch Ende der 1970er Jahre: Maschinen übernehmen die Arbeit. Zurück bleibt Leere.“[35] Und ein stark verunsichertes Volk, dessen mangelnder Selbstwert eine unbestimmte Ängstlichkeit produziert und seine Flexibilität bei strukturellen Veränderungen lähmt. Mit seinem Leistungsdenken, den „Irritationen“, den Verunsicherungen angesichts der Strukturlosigkeit bzw. der Abweichung vom Erwarteten und dem „Hang zur Schwarzmalerei“[36] spiegelt die Figur Florian das Befinden seiner Nation wieder: „Die ganze Gesellschaft sei noch immer traumatisiert und reagiere deswegen unangemessen ängstlich auf die Herausforderungen der Gegenwart.“[37] Das jedenfalls ist eine Erklärung für die vielzitierte deutsche Ordnungsliebe, dem anankastischen Charakterzug der Deutschen: durch Struktur und Programm das Sicherheitsbedürfnis befriedigen.

[...]


[1] Interkulturelle Kompetenz – Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts? , Thesenpapier der Bertelsmann Stiftung auf Basis der Interkulturellen-Kompetenz-Modelle von Dr. Darla K. Deardorff, S.15

[2] Elke Platz-Waury, „Figurenkonstellation“ in Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band I, S.591

[3] Duala-M'Bedy, „Xenologie – Die Wissenschaft vom Fremden und die Verdrängung der Humanität in der Anthropologie“, S.29

[4] Jürgen R. Winkler, Ursachen fremdenfeindlicher Einstellungen in Westeuropa - Befunde einer international vergleichenden Studie, Artikel auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung

[5] Georg Simmel, Exkurs über den Fremden, In: Soziologie. Untersuchungen über die Form der Vergesellschaftung, S.509

[6] Claus Leggewie, Kulturwissenschaftliches Institut Essen

[7] Georg Simmel, Exkurs über den Fremden, S.509

[8] Ratschläge der Humboldt-Foundation: Die Deutschen im täglichen Umgang - Der "typische Deutsche"

[9] Alfred Schütz, Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt, bzw. Edmund Husserl, Cartesianische Meditationen

[10] Thomas S. Eberle, Sinnkonstitution in Alltag und Wissenschaft, S.23

[11] Hans Günther Richter, Die Kinderzeichnung, S. 59

[12] Walter Lippmann, Die öffentliche Meinung, S. 68

[13] ebd., S.25

[14] Roland Barthes, Der dritte Sinn, S. 50

[15] Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, S.9

[16] Horst Stenger, Gleiche Sprache – Fremder Sinn

[17] http://de.wikipedia.org/wiki/Konvention

[18] Ebd.

[19] Irmhild Kothe-Meyer, „Ich bin femd so wie ich bin“ – Migrationserleben, Ich-Identität und Neurose, in: Das Fremde in der Psychoanalyse, S.121 ff.

[20] Horst Stenger, Gleiche Sprache – Fremder Sinn

[21] Ernest W.B. Hess-Lüttich, Interkulturalität, In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, S.163

[22] http://de.wikipedia.org/wiki/Zwanghafte_Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung

[23] ICD-10 F60.5., http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlgm2009/block-f60-f69.htm

[24] http://de.wikipedia.org/wiki/Anankastische_Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung

[25] Ebd.

[26] http://www.redensarten-index.de/suche.php?suchbegriff=~~jemanden%20volls%C3%BClzen&bool=relevanz&suchspalte[]=rart_ou

[27] Ebd.

[28] http://de.wikipedia.org/wiki/Anankastische_Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung

[29] Peter Fiedler, Persönlichkeitsstörungen, S.228

[30] Peter Fiedler, Persönlichkeitsstörungen, S.233

[31] Heike Littger, Artikel aus Süddeutsche Zeitung vom 2.9.2006

[32] Sabine Bode, Die deutsche Krankheit – German Angst, Klappentext

[33] Ebd.

[34] Ebd.

[35] German Angst - Eine Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein, Artikel auf der Homepage von 3sat

[36] Donya Ravasani, Kulturzeit, 22.09.2008, http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/tips/126453/index.html

[37] Wider die "German Angst", Artikel auf ZEIT online vom 13.9.2006

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Titel: Deutsch-italienische Fremdheit und deren „Ent-Fremdung“  in "Maria ihm schmeckt's nicht" von Jan Weiler