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Die Namen der französischen Departements

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 25 Seiten

Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Verwaltungsstruktur Frankreichs
2.1 Die Verwaltung im Ancien Régime
2.2 Die Verwaltung nach der Französischen Revolution

3 Die Namen der Departements
3.1 Definition des Begriffs Ortsname
3.2 Die Herkunft der Departementnamen
3.2.1 Departementnamen aus Hydronymen
3.2.2 Departementnamen aus Gebirgsnamen
3.2.3 Andere Benennungsmuster
3.3 Morphologische Besonderheiten der Departementnamen
3.3.1 Das Paar haut / bas in Departementnamen
3.3.2 Die Artikel der Departementnamen
3.4 Die Namen der Departementbewohner
3.5 Die Namen der Departements im Jahre 1811

4 Die Benennungsmuster der Revolution als Vorbilder
4.1 Namengebung in den französischen Kolonien
4.2 Vorbildfunktion für Preußen und Italien

5 Lothringen vs. Lorraine

6 Konklusion

7 Bibliographie

1 Einleitung

„Nichts ist in Frankreich stetiger als der Wandel“, sagt ein Vorurteil gegenüber den Franzosen. Bestes Beispiel dafür ist die Epoche von der Französischen Revolution bis zum Fall Napoleons. In dieser Zeit änderte Frankreich oft sowohl seine äußere Erscheinung, indem es sich territorial vergrößerte, als auch seine innere Erscheinung, indem das Land seine Ver- waltung erneuerte und umstrukturierte. Nach der Revolution sollte von den Strukturen des Ancien Régime nichts mehr übrig bleiben. Das Land wurde komplett neu aufgeteilt. Im Zuge dieser Umgestaltung tauchte eines der grundlegendsten Probleme auf, die neue geschaffene territoriale Einheiten mit sich bringen. Sie mussten benannt werden. Man stand vor der Heraus- forderung, für 83 neue Departements Namen finden zu müssen. Der Prozess und das Ergebnis dieser Namensfindung und -gebung sollen im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.

Dazu wird zuerst die Verwaltungsstruktur Frankreichs vor und nach der Revolution erläutert. Darauf folgt im Hauptteil eine genaue Untersuchung der Departementnamen und ihrer Herkunft. Dabei wird versucht, Strukturen und Muster in der Namengebung herauszuarbeiten und eventuelle Abwei- chungen von diesen Mustern zu finden. Vorher wird der Begriff Ortsname kurz definiert. Dann folgt eine morphologische Betrachtung der Departe- mentnamen, bevor die Namengebung in den von Napoleon eroberten Gebie- ten beleuchtet wird. In einem eigenen Kapitel soll die Vorbildfunktion, die die- se Namengebung auf andere europäische Länder hatte, gezeigt und am Bei- spiel des Doppelnamens Lothringen - Lorraine die Entstehung eines Ortsna- mens kurz erläutert werden.

In dieser Arbeit wird vorrangig auf Muster bei der Namengebung ein- gegangen, Lautentwicklungen bzw. etymologische Betrachtungen zu den Namen der Departements nehmen nur einen sehr geringen Raum ein und sollen nur zur Illustration bestimmter Phänomene dienen.

2 Die Verwaltungsstruktur Frankreichs

Denkt man an Frankreich vor der Revolution, so denkt man an eine zentralistisch verwaltete Monarchie. Der König war der Kopf des Staates oder er war, wie Ludwig XIV. sagte, der Staat selbst1. Zentrum des Königrei- ches war der Hof in Versailles und dieser zugleich auch Vorbild für die Adli- gen des Landes. Sie strebten danach, einen Platz am Hof zu bekommen. Wer sich am Hof behaupten konnte, der konnte sich der Zuneigung durch den König in Form von Pensionen sicher sein2. Die damals existierenden Regionen waren hauptsächlich durch die Adligen am Hof vertreten, die Auf- merksamkeit des Königs sicherte ihnen die Existenz.

Im Laufe der französischen Revolution wurden die historisch gewach- senen Regionen abgeschafft und durch die Departements ersetzt. Nach zä- hem Ringen verabschiedete 1790 ein Gesetz, das Frankreich in 83 flächen- mäßig relativ gleiche Departements teilte. Damit war das revolutionäre Prin- zip der égalité erfüllt, keine Region in Frankreich war besser gestellt als eine andere.

Doch es wäre zu einfach, dieses Bild von der Verwaltung Frankreichs vor und nach der Revolution so stehen zu lassen. Die Realität, die in diesem Kapitel kurz gezeigt werden soll, muss differenzierter betrachtet werden.

2.1 Die Verwaltung im Ancien Régime

Während der absoluten Monarchie war Frankreich in Provinzen aufge- teilt, die so genannten gouvernements. Diese waren durch die Generalstän- de vertreten, die im Jahre 1614 zum letzten Mal einberufen wurden. Die Pro- vinzen hatten sehr unterschiedliche Größen und waren meist historisch ge- wachsen3. Es gab 32 Provinzen und ihre Bevölkerungszahlen waren genau- so versch]ieden wie ihre Größe. Nicht alle Provinzen waren abhängig vom König, einige verwalteten sich selbst, hatten sogar eigene Gesetze und Ar- meen. Diese Armeen handelten zwar im Auftrag des Königs, sie sicherten zum Beispiel die Postwege, wurden aber von ihren Landfürsten bezahlt. Zu der rechtlichen Situation in den Provinzen vor der Revolution meinte Voltaire: „De poste en poste, on change de jurisprudence en changeant de chevaux.“4

Der Zentralismus, den das Ancien Régime in Frankreich ausmacht, geht nicht mit der Gleichheit der Provinzen einher. Vielmehr herrschte, was die Verwaltung anbetraf, ein „Undurchsichtigkeit“5 und Unübersichtlichkeit. Den Provinzen wurde schon aufgrund der unterschiedlichen Dauer der Zugehö- rigkeit zum französischen Staat unterschiedliche Rechte zugestanden. Der Staat hörte bis kurz vor der französischen Revolution nicht auf, sich zu ver- größern. Das letzte Territorium, das Teil von Frankreich werden sollte, war Korsika im Jahre 1768. Bereits unter Ludwig XIV. versuchten zwei Minister, „…die provinziale Verwaltung wieder zu organisieren und zu einer Einheit zu verschmelzen. Der Versuch mißglückte.“6

Auch sprachlich kann in Frankreich unter dem Ancien Régime nicht alles als uniform bezeichnet werden. Viele verschiedene Regionalsprachen und Dialekte wurden auf dem Territorium Frankreichs gesprochen. Im Nor- den wurde Flämisch in den Schulen unterrichtet, obwohl alle offiziellen Do- kumente auf Französisch verfasst waren. Diese Situation sollte sich späte-stens mit der Schulreform von Jules Ferry im Jahre 1882 ändern7. In einem Punkt waren sich die Franzosen allerdings offensichtlich einig. Seit der Auf- hebung des Edikts von Nantes (1685) galt der Katholizismus als die Religion der Mehrheit der Franzosen. Die Toleranz, die den Protestanten bis dahin entgegen gebracht worden war, fand in diesem Jahr ein Ende. Die französi- sche Kirche wurde schon immer als „la fille ainée de l’église catholique“ be- zeichnet, als die Erstgeborene der katholischen Kirche.

Die Namen der Provinzen, die im Ancien Régime existierten, finden sich heute noch in den Namen einiger Regionen8 und Departements wieder. So gibt es heute immer noch die Regionen Bretagne, Picardie oder Elsaß genauso wie das Departement Maine-et-Loire, das teilweise identisch mit der historischen Provinz Maine ist.

2.2 Die Verwaltung nach der französischen Revolution

Die französische Revolution brachte nicht nur eine völlig neue politi- sche Ordnung, schon bald danach wurde auch die gesamte Verwaltung des Landes erneuert. Die Strukturen des Ancien Régime sollten zerstört werden und gleichzeitig die Grundfeste der Revolution beachtet werden. Deshalb beschloss die Nationalversammlung im Jahre 1790 die Aufteilung Frank- reichs in 83 Departements. Der Prozess der Entscheidungsfindung dauerte lange, deshalb lässt sich nicht mit Genauigkeit angeben, an welchem Tag das entscheidende Gesetz über die Aufteilung Frankreichs in Departements verabschiedet wurde9.

Bei der Einteilung spielten praktische Überlegungen eine große Rolle. Die Departements wurden in mindestens drei und höchstens neun Distrikte unterteilt, von denen jeder wieder in kleinere Kantone zerstückelt wurde. Das Prinzip der „räumlichen Deckungsgleichheit“10 bestimmte diese Zerstücke- lung des Territoriums. Die Hauptstadt des Departements sollte für jeden Ein- wohner innerhalb eines Tages erreichbar sein, der Hauptort eines jeden Di- strikts in einer halben Tagesreise. Diese Größe war die Norm für die Grenz- ziehung. Es entstanden 83 Departements, die in der National-versammlung repräsentiert waren. Andere Projekte wurden verworfen, zum Beispiel eines von Mirabeau, das die Bildung von hundertzwanzig Departements vorsah, wobei regionale Besonderheiten erhalten bleiben sollten11. Das war jedoch nicht mit der Idee der égalité zu vereinbaren, deshalb bevorzugte man den Plan des Abbé Sieyès12.

Bei der Namengebung der Departements, die im nächsten Kapitel ge- nau beleuchtet werden soll, spielte eine ganz andere Idee eine Rolle. Die Namen der alten Provinzen verschwanden, „…um den Baum der Feudalität bis zu den Wurzeln auszurotten…“13. Außerdem wollte man die Identifikation mit der Provinz unterbinden, denn in der Ideologie der Revolution stellte die- se das Gegenteil zur Identifikation mit der Republik dar. In der Verwaltung der Departements gab es zwei wichtige Instanzen: den Generalrat und den Präfekten. In den Generalräten war das Volk durch gewählte Personen ver- treten. Sie wurden auf sechs Jahre gewählt und hatten genau festgelegte Befugnisse. Das Amt des Präfekten wurde von Napoleon Bonaparte im Jahre 1800 geschaffen. Der Präfekt stand an der Spitze des Departements. In den Jahren nach der Revolution wurde er vom Ersten Konsul ernannt. Er war so- zusagen der verlängerte Arm von Paris in der Provinz. Calvet meint dazu:

„L’oeuvre de réorganisation, dans tous les domaines, sera un acheminement vers le centralisme despotique.“14 Durch diese Reform wurde also in gewis- ser Weise der Zentralismus wieder hergestellt, den die Revolution versucht hatte abzuschaffen.

Im Laufe der Geschichte schwankte die Zahl der Departements immer wieder. Wurden ursprünglich 83 Departements geschaffen, so existierten im Jahre 1810 aufgrund der Eroberungen Napoleons schon 130. Die Zahl redu- zierte sich mit dem Fall Napoleons wieder auf 87, heute gibt es 10015. Vier davon sind Übersee-Departements, die restlichen bilden das hexagone.

Die Art der Einteilung des Territoriums, die Systeme der Namenge- bung genauso wie die Festlegung der Größe der Verwaltungseinheiten soll- ten Vorbild für viele europäische Nationen sein. Deutschland übernahm Mu- ster in der Namengebung, Italien bei der Verwaltung. Darauf wird an späterer Stelle noch detaillierter eingegangen.

3 Die Namen der Departements

Die Motive bei der Namengebung der französischen Departements sind sehr verschieden, wobei ein Motiv deutlich hervorsticht. Ein großer Teil der Departements ist nach Flüssen benannt. Genereller gesagt, bilden Hy- dronyme die Vorlage für den Großteil der Departementnamen. Damit sind nicht nur Flüsse gemeint, sondern sämtliche Gewässer, ob fließend oder stehend. In einigen Fällen standen auch zwei Gewässer Pate für die Benen- nung des jeweiligen Departements. Andere sind nach Bergen, Gebirgen oder Landschaften benannt. Die überwiegende Mehrheit der heute noch existie- renden Departments hat ihren Namen von geographischen Gegebenheiten bezogen. Nur wenige Namen weichen von dieser Regel ab.

In diesem Kapitel soll untersucht werden, nach welchen Mechanismen die Departementnamen gebildet wurden und ob es Regeln oder Muster gibt, nach denen sich diese Namen klassifizieren lassen. Dabei sollen die heute existierenden Departements untersucht werden. Die Überseedepartements werden in der Betrachtung nicht berücksichtigt. Außerdem soll untersucht werden, ob die Namengebung diesen Mustern in der Zeit der territorialen Eroberungen unter Napoleon folgte, als Frankreich im Maximum aus 130 Departements bestand. Dazu werden einzelne Beispiele aus der Geschichte herangezogen.

Bei der Betrachtung zu den Departementnamen wird an einigen Stel- len auf die „Klassifikation durchsichtiger Choronyme“ zurückgegriffen werden, die von Back entwickelt wurden16.

3.1 Definition des Begriffs Ortsname

Ein Ortsname oder Toponym ist die „Bezeichnung für geographische Räume wie Städte, Dörfer, Länder.“17 Ortsnamen gehören zu den Eigenna- men und können damit von den Appellativen abgegrenzt werden. Aus dieser Eigenschaft leitet sich ein anderes Merkmal von Toponymen ab. Sie müssen weder motiviert noch durchsichtig sein. „Eben weil der Ortsname absolut in- dividualisiert und sein Bedeutungsinhalt nicht mehr ist als die Angabe einer bestimmten geographischen Entität, ist er zu einem Etikett […] geworden und als solche geeignet, auch wenn der ursprüngliche Wortinhalt gar nicht mehr verstanden wird.“18 Back bietet sogar eine Klassifizierung des Grades der Durchsichtigkeit bzw. der Motivierung von Ortsnamen an.19

[...]


1 Anspielung auf den Ausspruch Ludwigs XIV. aus dem Jahre 1655, als er sagte: „L’État, c’est moi.“

2 Die Situation am Hof in Versailles wurde ausführlich von Norbert Elias in seinem Werk Die höfische Gesellschaft beschrieben.

3 Dazu die Karte in: Haensch/ Fischer, 1994, S.240.

4 Voltaire zitiert bei Dayries/ Dayries, 1982, S.7.

5 Hintze, 1989, S.180.

6 Poincaré, 1913, S.31.

7 hierzu Pateau, 1999, S.202: „Vergessen wir nicht, dass Jules Ferry nicht nur für das repu- blikanische Triptychon der kostenlosen, konfessionslosen und obligatorischen Schule steht; er verbietet es auch den kleinen Franzosen, ihren Dialekt oder ihre Regionalsprache zu sprechen.“

8 mit „Region“ ist hier die Verwaltungseinheit gemeint (fr. région), nicht die geographische Einheit.

9 Burg spricht vom15.Februar 1790, Hintze vom 11.November 1789, Auby/ Pontier nennen den 22. Dezember 1789 als Tag der Abstimmung über das Gesetz und den 8.Januar 1790 als den Tag von dessen Ratifizierung.

10 Burg, 1994, S.39.

11 Vgl. Poincaré, 1913, S.32.

12 Genaueres zum Projekt des Abbé bei: Hintze, 1989, S.180 – 186.

13 Poincaré, 1913, S.33.

14 Calvet, 1966, S.54.

15 Zahlen entnommen aus: Schmidt/ Doll/ Fekl/ Loewe, 1981 – 1983, S.218 – 219.

16 Back, 1996, S.1350ff.

17 Bußmann, 2002, S.489.

18 Blok, 1988, S.15.

19 Back, 1996, S.1349f.

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640235384
ISBN (Buch)
9783640238286
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119664
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Romanistik
Note
1,7
Schlagworte
Namen Departements Folgen Französischen Revolution

Autor

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Titel: Die Namen der französischen Departements