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Sucht in der Familie

Auswirkungen der Suchtproblematik auf Kinder süchtiger Eltern

von Sofie Ellingsen (Autor)

Hausarbeit 2008 19 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Familiensituation und deren Auswirkung
2.1 Familienregeln
2.2 Risiko- und Schutzfaktoren

3. Co-Abhängigkeit

4. Typische Rollenmuster von Kindern
4.1. Der Held
4.2 Der Sündenbock
4.3 Das verlorene Kind
4.4. Der Clown (Das Maskottchen)

5. Professionelle Hilfen
5.1. Regeln zum Umgang mit dem Verdacht auf Abhängigkeit
5.2. Instrumente zur Identifizierung von Kindern/Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien

6. Schlussbemerkung

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In dem folgenden Text möchte ich mich mit dem Thema „Sucht in der Familie – Auswirkung der Suchtproblematik auf Kinder süchtiger Eltern“ beschäftigen.

Ich möchte mich speziell mit den Auswirkungen der Alkoholabhängigkeit beschäftigen, jedoch sind diese Auswirkungen oft identisch in Bezug auf andere Suchtformen, wobei bei dem Konsum illegaler Drogen noch zusätzlich der rechtliche Faktor mit in die Problematik einspielt.

Laut des Drogen- und Suchtberichtes 2008 des Bundesministeriums für Gesundheit sind 1,3 Millionen Menschen in Deutschland alkoholabhängig, 1,4 – 1,5 Millionen medikamentenabhängig. Bei dem Konsum illegaler Drogen gibt es eine hohe Dunkelziffer, Schätzungen gehen von 167.000 – 198.000 Menschen aus, die illegale Drogen in problematischer Weise konsumieren.[1]

Zählt man zu jedem Alkoholabhängigen drei Angehörige, ergibt sich ein durchschnittlicher Wert von 3,9 Mio. betroffenen Angehörigen, Ehepartnern sowie Kindern.

Sieht man diese Zahlen, ist es nur schwer verständlich, warum es bisher nur wenig etablierte Hilfen vor allem für die Kinder Suchtkranker gibt.

Ich möchte im folgenden einen Einblick in die Lebenssituation der Kinder innerhalb ihres Elternhauses geben und einen kurzen Blick auf Risiko- und Schutzfaktoren für ihre Entwicklung werfen. Im nächsten Teil möchte ich in diesem Zusammenhang den Begriff der Co-Abhängigkeit erläutern, sowie das Rollenmodell von S. Wegscheider vorstellen.

Im letzten Teil möchte ich einige Anregungen für die praktische Arbeit aufgreifen, Regeln zum Umgang mit dem Verdacht auf eine Alkoholabhängigkeit wiedergeben und einige Instrumente zur Identifizierung von Kindern aus Suchtfamilien kurz vorstellen.

Es erscheint mir anfangs noch wichtig zu betonen, dass das Aufwachsen in einer suchtbelasteten Familie nicht unweigerlich zu Verhaltens- und Entwicklungsstörungen der Kinder führen muss. Die Stigmatisierung, die lange Zeit an der Tagesordnung war, kann schnell dazu führen, alle betroffenen Kinder in einem negativen Licht zu sehen und die Auffälligkeiten dadurch im Extremfall zu verstärken. Die neuere Literatur zielt daher vielfach darauf ab, auch spezielle Stärken dieser Kinder in den Blick zu nehmen.

2. Familiensituation und deren Auswirkung

Der Alltag in einer Familie mit mindestens einem süchtigen Elternteil ist geprägt von der Sucht.

Die Situation die sich den Kindern stellt ist meist sehr verunsichernd.

Die Kinder lernen zwei Mütter bzw. Väter kennen, deren Verhalten sehr widersprüchlich ist. Für das gleiche Verhalten können die Kinder sowohl gelobt als auch bestraft werden. Der süchtige Elternteil kann zu einem Zeitpunkt unheimlich nett, zum anderen Zeitpunkt abweisend sein.

Oft suchen die Kinder den Grund für die Stimmungsschwankungen und die Abhängigkeit des Elternteils in ihrem eigenen Verhalten.

Sie versuchen, sich den widersprüchlichen Erwartungen anzupassen, wodurch ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse in den Hintergrund rücken.

Laut Martin Zobel ist der Familienalltag geprägt durch Instabilität, emotionale Kälte, Willkür, unklare Grenzen, Respektlosigkeit und mangelnde Förderung, sowie mangelndes Interesse an den Kindern.

Die Kinder bewegen sich in einem Zwiespalt zwischen Liebe und Enttäuschung.[2]

Auch geraten sie oft in einen Solidaritätskonflikt zwischen den Eltern. Der nicht-abhängige Elternteil versucht oft, die Kinder als Verbündete gegen den gemeinsamen Feind ´Sucht` auf seine Seite zu ziehen, gleichzeitig solidarisieren die Kinder sich oft mit dem Süchtigen, da er der scheinbar Hilfebedürftige ist und sie Mitleid mit ihm empfinden.

Oft ist es so, dass das positive Bild, welches die Kinder von dem abhängigen Elternteil im nüchternen Zustand haben, stark überbetont wird.[3]

Die Kinder lernen schon früh, ständig auf der Hut zu sein und stehen somit unter ständiger Anspannung.

Grenzüberschreitungen, sowohl emotional, körperlich als auch sexuell kommen sehr viel häufiger vor als in Familien ohne Suchtproblematik.

In etwa 30 % der Familien werden Kinder misshandelt, das entspricht etwa doppelt bis dreifach soviel wie in anderen Familien.[4]

Die inkonsequente Erziehungshaltung und die häufige Vernachlässigung der Kinder führt dazu, das die Kinder früh lernen, dass man sich nicht auf Erwachsenen verlassen kann. Diese Einstellung wirkt sich auch außerhalb der Familie aus. Es erscheint folgerichtig, dass es aufgrund dieser Einstellung der Kinder schwierig ist, ihr Vertrauen zu gewinnen.

2.1 Familienregeln

„Rede nicht, traue niemandem, fühle nicht“[5]

In der Literatur wird vielfach von unausgesprochenen Familienregeln gesprochen, welche die Problematik von Suchtfamilien in hohem Maße verstärken und die Strukturen aufrechterhalten.

Zwar variiert die Darstellung dieser Familienregeln abhängig von den Autoren, der Kern bleibt jedoch der gleiche: Die Regeln zielen darauf ab, die Abhängigkeit nach außen zu verschleiern und gleichzeitig weiter zu unterstützen. Darüber hinaus garantieren diese Regeln, dass das Familiensystem so wie es ist, aufrecht erhalten wird.

Im folgenden möchte ich kurz die Familienregeln nach I. Arenz-Greiving (2003) vorstellen.

1. Man spricht nicht über Probleme

Das Problem wird nicht nur nach außen, sondern auch nach innen verleugnet. Oft führt dies dazu, dass die Kinder an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln. Teil dieser Regel ist es auch, dass die Abhängigkeit, falls sie überhaupt eingestanden wird, nicht als Ursache, sondern als Folge von Schwierigkeiten gesehen wird.

2. Man muss seine Gefühle unterdrücken

Die Kinder lernen, dass sie sich auf ihre Gefühle nicht verlassen können. Hierdurch wird auch der Zugang zu emotionalem Erleben verlernt. Es fällt den Kindern zunehmend schwer, negative sowie positive Gefühle wahrzunehmen.

3. Man muss sich kontrollieren

Den Kindern wird das Leben ausschließlich als ernst dargeboten. Sie müssen lernen, schnell erwachsen zu werden und können sich spielen und Unsinn machen nicht erlauben. In dieser Regel steckt auch oft die Forderung an die Kinder, immer gut und perfekt zu sein.

4. Traue keinem

Wie oben bereits erwähnt, lernen die Kinder durch die Unzuverlässigkeit ihrer Eltern, dass sie sich nicht auf andere verlassen können. Sie lernen, anderen zu misstrauen und verlassen sich nur noch auf sich selbst. Nicht selten sehen die Kinder den Grund für die Unzuverlässigkeit der anderen in ihrer eigenen Person.

5. Sei nicht egoistisch

Die Kinder lernen, dass sie die Bedürfnisse und Erwartungen anderer erfüllen müssen und diese über ihren eigenen Bedürfnissen und Erwartungen stehen. Die Kinder verleugnen sich selbst und ziehen ihren Selbstwert aus dem Kümmern um andere.

6. Alles muss so bleiben wie es ist

Durch diese Regel wird verhindert, dass es zu Verhaltensänderungen kommt, die das Gleichgewicht des Familiensystems gefährden könnten. Veränderung stellen sich den Kindern als gefährlich dar und lösen Angst aus. Sie müssen deshalb um jeden Preis verhindert werden.

Diese Familienregeln sind ein wichtiger Faktor für Auffälligkeiten der Kinder und eine spätere eigene Abhängigkeit. Die Kinder verinnerlichen die Regeln und halten sich an sie, wodurch ihre Entwicklungs- und Erfahrungsmöglichkeiten stark eingeschränkt werden.

Sehr wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung und eine eventuelle spätere Abhängigkeit sind aber auch verschiedene Risiko- und Schutzfaktoren, die im folgenden vorgestellt werden sollen.

2.2 Risiko- und Schutzfaktoren

Ob die Entwicklung eines Kindes in einer suchtbelasteten Familie gefährdet ist, hängt von vielen inneren und äußeren Schutz- sowie Risikofaktoren ab.

Von der Entwicklung hängt auch ab, wie stark das Kind gefährdet ist später selbst abhängig zu werden.

Ist die Entwicklung gestört und treten Auffälligkeiten auf, steigt die Wahrscheinlichkeit einer späteren Abhängigkeit.

In seinem Modell zur Transmission (Weitergabe) von Alkoholabhängigkeit führt Martin Zobel einige dieser Schutz- und Risikofaktoren auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[6]

Der Begriff konstitutionelle Moderatoren bezieht sich hier auf die Schutz- und Risikofaktoren in der Person des Kindes selbst.

Unter Resilienzen versteht M. Zobel Verhaltensmuster und Einstellungen des Kindes, anlehnend an Wolin & Wolin (1995). Die Resilienzen sind Einsicht, Unabhängigkeit, Beziehungsfähigkeit, Initiative, Kreativität, Humor und Moral.

Diese Schutz- und Risikofaktoren sollten nicht isoliert betrachtet werden, da sie alle miteinander verknüpft sind und insgesamt betrachtet eine Entwicklungsprognose für die Kinder ermöglichen.

In der Arbeit mit Kindern aus suchtbelasteten Familien sollte man sehr genau auf diese Schutz- und Risikofaktoren achten und versuchen, die Schutzfaktoren (Ressourcen) zu stärken und die Risikofaktoren (Defizite) zu verringern oder auszugleichen.

[...]


[1] Vgl. Drogen und Suchtbericht 2008 BmfG

[2] vgl. Martin Zobel et. al. (2005) S. 42

[3] vgl. I. Arenz-Greiving (2003) S. 17 f.

[4] vgl. I. Arenz-Greiving (2003) S. 19

[5] M. Zobel et.al. (2005) S. 202

[6] kopiert aus M. Zobel (2000) S. 186

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640229390
ISBN (Buch)
9783640230921
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119575
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,3
Schlagworte
Sucht Familie Krise

Autor

  • Sofie Ellingsen (Autor)

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Titel: Sucht in der Familie