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Martha Nussbaums Verständnis von gerechter Gleichheit

von Paul Trachmann (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 19 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Formale und Proportionale Gleichheit

Moralische Gleichheit

Martha Nussbaums Gleichheitsverständnis

„Why Equality?“

„Equality of what?“

Fazit

Literaturverzeichnis

„Two central issues for ethical analysis of equality are: (1) Why equality? (2) Equality of what? The two questions are distinct but thoroughly independent. We cannot begin to defend or criticize equality without knowing what on earth we are talking about, i.e. equality of what features (e. g. incomes, wealths, opportunities, achievements, freedoms, rights)? We cannot possibly answer the first question without addressing the second. That seems obvious enough.“[1]

Amartya Sen leitet in diesen Worten seinen Aufsatz „Equality of what?“ ein. Sens 1992 erschienener Beitrag war in der Folge namensgebend für eine lebhafte Gleichheits-Debatte, die bis heute nicht abreißt.[2] Diverse Protagonisten mit konkurrierenden Auffassungen stehen sich dabei gegenüber. Ihre Diskussion lässt sich, wie Sen in seiner Einleitung deutlich macht, auf zwei Grundfragen zurückführen. Beide sind trotz ihrer differierenden Ausrichtung nicht völlig von einander zu trennen.

Jede Auseinandersetzung mit dem Begriff Gleichheit beginnt bei der grundsätzlichen Entscheidung über die Anerkennung von Gleichheit als intrinsischen, ethisch-politischen Wert. Ist Gleichheit als solche anzustreben, oder ist sie bloß eine beiläufige Erscheinung politischen Handelns? Die geführte Debatte hat dazu zwei Grundpositionen hervorgebracht. Während so genannte. Egalitaristen, denen neben John Rawls und Derek Parfit auch Amartya Sen zuzurechnen ist, den intrinsischen Wert von Gleichheit verteidigen, vertreten sog. Non-Egalitaristen wie Harry Frankfurt, Joseph Raz oder Angelika Krebs die Auffassung, Gerechtigkeit habe im Grunde genommen nichts mit Gleichheit zu tun.[3]

Schlägt man den erstgenannten, egalitaristischen Weg ein, so gilt es Sens eigentliche Frage zu klären: „Gleichheit in welcher Hinsicht?“. Numerische Gleichheit im Sinne von „Gleichheit schlechthin“ erfüllt zwar die formalen begrifflichen Bedingungen,[4] überzeugt aber moralisch in keiner Weise.[5] Die Suche nach einem spezifischen Merkmal gerechter Gleichheit hat im Rahmen der „Equality of what?“-Debatte verschiedene Vorschläge hervor gebracht. Sie zielen gemeinhin auf die Möglichkeit gut zu Leben, gleiche Lebensaussichten herzustellen. Die konkrete Interpretation fällt je nach Autor unterschiedlich aus.[6] Die Vorschläge reichen von der Verfügung über Ressourcen oder Grundgüter bis zum Zugang oder der Befähigung zum Wohlergehen.[7]

Martha Nussbaum hat mit ihrem Essentialismus[8] einen universalistischen Ansatz entwickelt, der zwar keinen expliziten Beitrag zur Gleichheits-Debatte darstellt, aber dennoch für den Verlauf der Diskussion prägend war. Nussbaum kann gemeinsam mit Amartya Sen als maßgebliche Konstrukteurin des so genannten Fähigkeiten-Ansatzes (capability approach) gelten.[9] Ihm zufolge sollte politisches Handeln darauf ausgerichtet sein, Vorraussetzungen zu schaffen, durch die Menschen in der Ausbildung und Ausübung ihrer Fähigkeiten unterstützt werden.[10] Der humanistische Gedanke wechselseitiger Anerkennung, die Bejahung von gleichen moralischen Ansprüchen aller Menschen ist dabei grundlegend.[11] Moralische Gleichheit bildet die conditio sine qua non für Nussbaums Konzeption distributiver Gerechtigkeit. Im Verlauf der Gleichheits-Debatte hat dieser Ansatz zu sehr unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Reaktionen geführt. Während Elizabeth S. Anderson ihre eigene Theorie demokratischer Gleichheit aus dem Fähigkeiten-Ansatz heraus entwickelt[12] - und so Nussbaum konkludent in einen egalitaristischen Kontext stellt - bezeichnet Nida-Rümelin ihre Theorie als Teil eines verdeckten Angriffs auf den Wert der Gleichheit, der den „humanistischen Kern einer Kantisch verstandenen europäischen Demokratie brechen soll.“[13] Angelika Krebs widerrum charakterisiert Nussbaums Ansatz als „nonegalitaristischen Humanismus“. In Anbetracht dieser Differenzen verdient Martha Nussbaums Gleichheits-Verständnis eingehender Untersuchung.

Im ersten Teil dieser Arbeit soll dazu zunächst eine systematische Darstellung des Gleichheits-Begriffs erbracht werden. Zielsetzung wird es sein, sowohl den formalen wie proportionalen Gehalt des Begriffes, als auch den Zusammenhang zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit aufzuzeigen. Auf Basis dieses begrifflichen Fundaments wird Nussbaums Gleichheitsverständnis zu untersuchen sein. Ihre aktuelle Publikation „Frontiers of Justice“ soll dabei ebenso berücksichtigt werden, wie ihre Aufsätze „Menschliches Tun und soziale Gerechtigkeit“, „Die Natur des Menschen, seine Fähigkeiten und Tätigkeiten: Aristoteles über die Aufgabe des Staates“ und ihr Beitrag „Für eine aristotelische Sozialdemokratie“ im Rahmen der Reihe „Philosophie und Politik“.

Formale und Proportionale Gleichheit

Fragt man nach der ethischen Bedeutung von Gleichheit, so ergibt sich zunächst die Notwendigkeit einer sprachlichen Analyse. Als „gleich“ bezeichnet man Dinge, die in einer bestimmten Hinsicht nicht zu unterscheiden sind. Man kann Gleichheit definieren als qualitative Übereinstimmung. Im gesellschaftlichen Sinne meint Gleichheit demnach die Übereinstimmung einer Mehrzahl von Personen in einem bestimmten Merkmal, bei Verschiedenheit in anderen Merkmalen.[14] Gleichheit lässt sich auf diese Weise abgrenzen von Identität – einer völligen Übereinstimmung in allen Merkmalen – oder Ähnlichkeit – einer annähernden Übereinstimmung.

Hinsichtlich der Verwendung des Begriffes Gleichheit gilt es grundsätzlich zwischen deskriptiver und präskriptiver Gleichheit zu unterscheiden. Während bei deskriptiven Gleichheitsbehauptungen (Beispiel: „Mein Bruder ist gleich schwer wie ich“) selbst ein deskriptiver Maßstab herangezogen wird, beziehen sich präskriptive Behauptungen (Beispiel: „Mein Bruder ist gleich übergewichtig wie ich“) auf eine vorausgesetzte Regel oder Norm (Beispiel: ab dem Body-Mass-Index 25 ist man übergewichtig). Präskriptive Gleichheit ist also notwenig bezogen auf ein Drittes, ein Tertium comparationis. In dieser Tatsache gründet auch das enge Verhältnis zwischen den Begriffen Gleichheit und Gerechtigkeit. Aristoteles’ bringt dies in seiner Nikomachischen Ethik zur Sprache:

„Das Gerechte setzt also mindestens vier Elemente voraus: die Menschen, für die es gerecht ist, sind zwei und die Sachen auf die es sich bezieht, sind ebenfalls zwei. Und zwar ist die Gleichheit dieselbe, für die und in was sie vorhanden ist. Wie sich die Sachen verhalten, so werden sich auch die Menschen verhalten. Sind diese nicht gleich, so werden sie auch nicht gleiches erhalten. Daher kommen die Streitigkeiten und Prozesse, dass entweder Gleiche Ungleiches oder Ungleiche Gleiches haben und zugeteilt haben.“[15]

Aristoteles beginnt seine Überlegungen zur formalen Gleichheit von der Gerechtigkeit aus. Ungerechtigkeit entsteht, wenn Gleiche ungleich und Ungleiche gleich behandelt werden. Damit erhebt er zwei formale Forderungen, die in heutigen Gerechtigkeitstheorien allgemeine Anerkennung finden. Moralische Urteile sollen erstens unparteilich und zweitens dem Gebot der Universalisierbarkeit entsprechend getroffen werden.[16] Neben den beiden notwendigen formalen Bedingungen für Gerechtigkeit, erheben Aristoteles und Platon auch die Forderung nach proportionaler Gleichheit:

„Die allein wahrhafte und beste Gleichheit dagegen ist nicht so leicht für jedermann erkennbar. Š...‹. Denn dem Größeren erteilt sie mehr, dem Geringeren weniger, jedem von beiden das gewährend was ihm seiner natürlichen Anlage zukommt, also dem an Tüchtigkeit höher Stehenden immer auch größere Ehren, denen dagegen, die an Tüchtigkeit und Bildung das Gegenteil von jenen sind, nur so viel als ihnen gerade zusteht, eine Verteilung, die jedem nach Verhältnis gerecht wird.“[17]

Gerechte Gleichheit ist in diesem Sinne formal und verhältnismäßig aufzufassen. Wenn die Proportion einer Verteilung von Gütern übereinstimmt mit dem Verhältnis einer Person zu einer anderen Person, dann sind die Zuteilungen moralisch verhältnismäßig, gleich und gerecht. Dieses Prinzip findet in der bekannten Parole „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ Entsprechung. So wie sich aus der Parole ableiten lässt, wer Lohn zu erhalten hat – alle die gearbeitet haben – und in welcher Hinsicht die Verteilung gleich zu erfolgen hat – Lohn in Abhängigkeit zur geleisteten Arbeit – so muss überhaupt jede Gerechtigkeitstheorie nicht nur die Prinzipien formaler und proportionaler Gleichheit berücksichtigen, sondern auch eine Bestimmung substanzieller Gleichheitspostulate leisten.[18] Es bedarf also neben der Einhaltung formaler Prinzipien auch der Festlegung auf inhaltliche Grundsätze. Die Frage des nächsten Kapitels wird sein, wer gleichbehandelt werden soll. Im weiteren Verlauf der Arbeit soll dargestellt werden, in welcher Hinsicht Martha Nussbaum Gleichheit befürwortet.

[...]


[1] Amarthya Sen in: Sen 1992, S. 12. Amartya Sen, Harvard-Professor indischer Abstammung, erhielt 1998 den Wirtschaftsnobelpreis.

[2] Angelika Krebs zeichnet in ihrem Sammelband „Gerechtigkeit oder Gleichheit“ den Verlauf dieser Debatte nach. Siehe Krebs 2000, S. 7ff

[3] Vgl. Ladwig 2006, S. 1

[4] Nähere Erläuterungen zu den formalen Bedingungen von Gleichheit werden im folgenden Kapitel angeführt.

[5] Wenn ein Herrscher alle seine Untertanen in Öl brät und sich selbst auch in das Öl begibt, so stellt dies das zwar Gleichheit im Sinne gleicher Behandlung dar, würde aber trotzdem von niemandem als moralisch integer aufgefasst werden. Das Beispiel stammt von Mark W. Frankena. Zitiert in Gosepath 2004, S. 123

[6] Vgl. Krebs 2000, S. 11

[7] Ebenda

[8] Vgl. Nussbaum 1999, S. 326. Nussbaum dazu: „Essentialismus – worunter ich hier die Auffassung verstehe, dass das menschliche Leben bestimmte zentrale und universale Eigenschaften besitzt, die für es kennzeichnend sind – (...).“

[9] Epochal war dazu ihr gemeinsames Werk „The Quality of Life“, Oxford, 1993. „Fähigkeit“ scheint in einigen Fällen keine angemessene Übersetzung für „capability“. Dennoch hat man sich allgemein auf diese Terminologie geeinigt, weshalb dem auch in dieser Arbeit gefolgt werden soll.

[10] Vgl. Nussbaum 1999, S. 88

[11] Vgl. Nussbaum (menschliches Tun und soziale Gerechtigkeit) S. 333

[12] Siehe dazu Andersons Aufsatz „Warum eigentlich Gleichheit“ in: Krebs 2000, S. 117-171

[13] So Nida-Rümelin in seinem Artikel „Freiheit und Gleichheit“ für die Friedrich-Ebert-Stiftung. Internetquelle: http://www.fes-online-akademie.de/download.php?d=julian_nida_ruemelin.pdf (aufgerufen am 28.08.08)

[14] Vgl. „Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie“ Hg. Jürgen Mittelstraß, Stichwort „Gleichheit (sozial)“

[15] Aristoteles, Nikomachische Ethik, V.3 , 1131 10-b15

[16] Dieser Grundsatz liegt auch dem dt. Grundgesetz (im speziellen Art. 3 GG) zugrunde.

[17] Vgl. Platon Gesetze VI, 757 b-c bzw. Aristoteles, Nikomachische Ethik, Hervorhebung durch den Autor 1130b – 1132b. Stefan Gosepath bietet eine ausführliche Diskussion des Gleicheitsbegriffes in Gosepath 2004, S 119ff. Er führt folgende formale Bestimmung proportionaler Gleichheit an: „Wenn Person 1 Eigenschaften im Maße X hat und wenn Person 2 im Maße Y hat, dann gilt, dass P1 G im Maß X’ zusteht und P2 G im Maße Y’ zusteht, so dass das Verhältnis X/Y = X’/Y’ gilt.“

[18] Vgl. Gosepath 2004, S. 128

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640234608
ISBN (Buch)
9783640234691
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119352
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Departement Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Verständnis Gleichheit Capability-Ansatz Nussbaum Amartya Sen Equality of what? Human Development Index Aristoteles Sozialdemokratie Rawls Parfit Nida-Rümelin Krebs

Autor

  • Paul Trachmann (Autor)

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