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Teenagerschwangerschaften. Erziehungshilfen für junge Mütter im Rahmen einer stationären Unterbringung

Bachelorarbeit 2008 49 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Adoleszenz oder Jugend
2.1. Rechtliche und traditionelle Sichtweise
2.2. Biologische Sichtweise
2.3. Wandel der Zeit

3. Sexualität in der Jugendphase

4. Teenagerschwangerschaft
4.1. Erklärungsansätze zu Teenagerschwangerschaften
4.1.1. Mutterschaft als Kompensation einer unbefriedigenden Lebenssituation
4.1.2. Persönlichkeitsfaktoren
4.1.3. Mangelhafte Verhütung
4.1.4. Beruf Mutter statt Arbeitslosigkeit

5. Schwanger was nun?
5.1. Gründe, weshalb die Schwangerschaft fortgesetzt wird
5.2. Konfliktlösung Schwangerschaftsabbruch

6. Hilfen für schwangere Minderjährige
6.1. Leistungen in der Schwangerschaft
6.2. Leistungen in der Mutterschaft

7. Mutter-Kind Beziehung und ihre Auswirkung auf das Verhalten von Müttern
7.1. Die Bindungstheorie nach Klaus und Kennell
7.2. Die Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth
7.3. Wichtigkeit von Mutter-Kind-Bindung
7.4. Angebote für junge Mütter
7.4.1. Babyklappe
7.4.2. Freigabe zur Adoption
7.4.3. Unterbringung und Betreuung

8. Erziehungshilfen für junge Mütter im Rahmen der St. Johannis Kinder- und Jugendhilfe
8.1. Konzept der gesamten Einrichtung
8.2. Der Mutter-Kind Bereich in der Jugendwohngruppe
8.2.1. Konzeption des Mutter-Kind Bereiches
8.2.2. Sozialpädagogische Grundlagen des Mutter-Kind Bereiches
8.3. Mutter was dann?
8.3.1. Kooperationprojekt „Spagat“

9. Beschreibung einer Bedingungsanalyse einer jugendlichen Mutter
9.1. Interview - Auswertung

10. Schlussfolgerung

11. Literaturverzeichnis

12. Abbildungsverzeichnis

13. Anhang

1. Einleitung

In meiner Bachelor Arbeit behandle ich Erziehungshilfen für junge Mütter im Rahmen einer stationären Unterbringung. Dieses Thema hat mein Interesse geweckt, da ich bei der Caritas gGmbH im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe (St. Johannis Kinder- und Jugendhilfe – Jugendwohngruppe mit angegliedertem Mutter-Kindbereich) mein 10-wöchiges Hochschulpraktikum absolviert habe. Seit November 2007 bin ich als Nachtbereitschaft in diesem oben genannten Betrieb tätig, und mich interessiert das praktische Arbeiten mit den jungen Müttern sehr. Ich merkte schnell, dass Teenagerschwangerschaft ein sehr aktuelles Thema ist und dennoch von der Gesellschaft oft als nicht so gravierend gesehen wird.

Zunächst stellte sich für mich die Frage, welche Altersspanne der Begriff “Junge Mütter” beinhaltet, hierzu werde ich im ersten Kapitel eine Antwort geben. Im Weiteren werde ich Erklärungsansätze und beeinflussende Faktoren für Teenager-schwangerschaften darstellen. Zum Ende dieser Arbeit werde ich auf Erziehungshilfen eingehen und einige Beispiele und Handlungsschritte aus der Praxis darlegen. Diese werden verdeutlicht durch ein qualitatives Interview was von mir, mit einer jungen Mutter in einer stationären Einrichtung durchgeführt wurde.

Eine intensive Beschäftigung mit den grundlegenden Informationen ist von Nöten, da diese das Verständnis für die physischen und psychischen Bedingungen der jungen Mütter erbringen, ohne die die in einer stationären Einrichtung betreuenden Mitarbeiter nur eingeschränkt zu kompetentem Handeln in der Lage sind.

2. Adoleszenz oder Jugend

Im Rahmen der fächerübergreifenden Forschungseinrichtungen, die sich mit dem Erwachsenwerden und den dazugehörigen Lebensphasen beschäftigen, werden die Begriffe „Jugend“ sowie „Adoleszenz“ verwendet. Doch wo finden sich Unterschiede, wie sind die Begrifflichkeiten sowie die Altersspannen definiert? (vgl.: King, 2002, S. 19)

2.1. Rechtliche und traditionelle Sichtweise

Wird die Jugendphase einmal genauer betrachtet, so stellt man fest, dass nach dem deutschen Recht derjenige Jugendlicher ist, „wer 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist, junger Volljähriger, wer 18, aber noch nicht 27 Jahre alt ist, junger Mensch, wer noch nicht 27 Jahre alt ist.“ (SGB VIII, 2005, § 7 Abs. 1 Nr. 2-4)

In der 15. „Shell-Jugendstudie“ gingen die beteiligten Wissenschaftler bei ihren Untersuchungen von Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren aus. (vgl.: Holding, 2006, S. 30) Demnach ist die Altersspanne grob gesehen von 12 bis 27 Jahren als Jugendalter anzusehen.

Wie der Name „Shell-Jugendstudie“ schon deutlich macht, wurde hier der Begriff „Jugend“ gewählt. Auch bei anderen Autoren, die aus dem Fachbereich der Jugendforschung oder Jugendsoziologie kommen, wird eher der Ausdruck „Jugend“ verwendet. Beispielhaft hierfür ist das Hauptwerk von Hurrelmann „Lebensphase Jugend“. Aber auch in dem Forschungsfeld Jugend wird der Begriff „Adoleszenz“ mit unterschiedlichen Definitionen oft herangezogen. (vgl.: King, 2002, S. 19)

„Eine Verwendungsweise liegt in der Abgrenzung unterschiedlicher Phasen. So differenziert beispielsweise Rosenmayr (1985) aus jugendsoziologischer Sicht zwischen der ersten Phase, der „aggressiven Frühphase der Jugend“ (S. 279), der darauf folgenden „zweite(n) Phase der Adoleszenz“, die sich „durch die Verlängerung der Ausbildung als ,soziale Gebundenheit bei psychischer Ablösung' herausgebildet“ habe (ebd.) und der anschließenden „dritte(n) Jugendphase“ als einer Phase des „verlängerten Probierens, des vorläufigen Fußfassens und der aktiven, mobilen Integration in die Gesellschaft“ (S. 280)“ (King, 2002, S. 19-20)

Auch Charlotte Bühler hat in Anlehnung an E. Schoppe, den Begriff der „Adoleszenz“ in ihrer Monografie “Das Seelenleben des Jugendlichen“ (1. Auflage 1929) aus psychologischer Sicht benutzt, um eine von zwei Phasen zu betiteln. Die Phase „während der Geschlechtstreife“ nennt sie „Pubertät“, auf die die Phase der „Adoleszenz“ folgt. (vgl.: Bühler, 1975, S. 63f)

Mitterauer kommt in seinem 1986 erschienenen Buch zu einer einfachen Begriffserklärung, es sei „in Abgrenzung von der Pubertät als den körperlichen Reifungsprozess des Jugendlichen ...üblich geworden, seine psychische Entwicklung mit dem Begriff Adoleszenz zu charakterisieren“ (Mitterauer, 1986, S. 15)

„Viele Autorinnen und Autoren haben vorgeschlagen, die Phase bis 18 Jahren als Jugendphase und die bis 21 Jahren als Adoleszenten- oder Heranwachsendenphase zu bezeichnen...“ (Hurrelmann, 1999, S. 50)

Abschließend kann gesagt werden, dass es verschiedene Begriffsverwendungen gibt, hier aber die Phase zwischen 11 und 17 als „Jugend“ und die Phase zwischen 11 und 21 übergreifend als „Adoleszenz“ bezeichnet wird. (vgl.: Oerter/Montada (Hrsg.), 1998, S. 312)

2.2. Biologische Sichtweise

Während diesem Altersabschnitt tritt die Pubertät als Teil der Adoleszenz in Kraft. In dieser Phase, die unterschiedlich vom Geschlecht aber im Normalfall bei Mädchen zwischen dem 11. und 15. Lebensjahr und bei Jungen zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr durchlaufen wird, treten körperliche und seelische Veränderungen in Kraft. In den ersten Jahren der Pubertät, die oft auch als Vorphase der Pubertät zählt, geschehen seelische Entwicklungen, die von Classens in seinem 1906 erschienen Werk „Großstadtheimat“ dennoch sehr fortschrittlich beschrieben wurden. „Eine eigene Kategorie sind die Elf- bis Zwölfjährigen. Mit ihnen lässt sich am allerschwersten auskommen. Sie sind zügellos und rauflustig, für die Spiele der Älteren haben sie noch kein Verständnis, für Kinderspiele aber dünken sie sich schon zu erwachsen. Bei der Persönlichkeit und persönlichen Eitelkeit oder höheren Idealen sind sie noch nicht zu packen, und der kindliche Autoritätsgehorsam ist nicht mehr vorhanden.“ (Bühler, 1975, S. 62f)

Im Anschluss dieser Vorphase kommt die eigentliche Pubertät, in der hauptsächlich eine körperliche Entwicklung wie die Ausprägung der Geschlechtsorgane und die der Körperbehaarung stattfindet.

Bei Mädchen beginnt die Menstruation sowie die Bildung von befruchtungsfähigen Eizellen. Bei den Jungen beginnt die Spermienproduktion. Beide Geschlechter sind nun vollkommen geschlechtsreif. Doch die Heranwachsenden werden nicht nur durch ihre körperliche Veränderung herausgefordert, sondern auch psychisch werden sie auf die Probe gestellt. Dies hat Kurt Lewin schon 1963 als zentrale und schwierige Faktoren dargestellt. (vgl.: Oerter/Montada (Hrsg.), 1998, S. 333ff)

In dieser Übergangsphase, der Adoleszenz, in der die Jugendlichen sich nach der Pubertät und vor dem Erwachsensein befinden, geht es hauptsächlich um das Selbstbild. „Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich? Gerade weil diese Kernfragen noch nicht beantwortet sind, tritt das deutlich hervor, was Rümke als Charakteristika der Adoleszenz beschreibt: Vorläufigkeit – noch nicht festgelegt sein oder noch keine Bestimmung gefunden haben – Desillusion gegenüber den pubertären Ideen.“ (Lievegoed, 1979, S. 51) „Guardini sieht in der Adoleszenz die Fortsetzung der Krise der Reifung oder der Pubertät. Dies beginnt mit dem Erwachen der Person zum »Selbst, das sich von den Anderen unterscheidet«.“(Lievegoed, 1979, S. 52)

Eine weitere Aufgabe in dieser Phase ist es, „die Verbindung zwischen sinnlicher (biologischer) Sexualität und seelischem Eros“ (Lievegoed, 1979, S. 51) zu schaffen.

Hierzu ist es interessant, sich das Sexualverhalten von Jugendlichen einmal genau anzuschauen. Diese Thematik wird im späteren Verlauf noch einmal aufgegriffen. Doch zuvor muss festgelegt werden, mit welcher Altersgruppe wir uns im weiteren Verlauf beschäftigen und welche Begrifflichkeiten verwendet werden. Deutlich wurde, dass der Begriff „Adoleszenz“ zur Kennzeichnung von sozialen und psychischen Prozessen benutzt wird. Die körperlichen Reifungsprozesse, insbesondere die Möglichkeit zu erwachsener, genitaler Sexualität, Kinder zeugen und gebären zu können, werden als Pubertät bezeichnet. Außerdem werden die Begriffe Jugend und Adoleszenz unterschiedlich verstanden und aufgefasst. Dadurch ist es schwer, eine genaue Altersgruppe festzulegen. (vgl.: Flaake/King 1992, S. 7ff)

In dieser Arbeit werden wir uns mit Mädchen vom Zeitpunkt der ersten Menstruation (Menarche), also ungefähr vom 13. bis zum 17. Lebensjahr, auseinandersetzen. Diese Altersspanne wurde gewählt, da viele Statistiken, auf die später zurückgegriffen werden, sich auf diese beziehen. Die obere Grenze wurde relativ knapp gewählt, da viele Jugendliche im Alter von 19 - 20 Jahren noch weitere wichtige Entscheidungen treffen müssen, wie zum Beispiel der Wechsel vom Schulalltag zum Unileben oder der Beginn einer Ausbildung. Wird ein Jugendlicher in dieser Phase schwanger, so treten biografische Veränderungen ein, die sehr gravierend sein können. (vgl.: Friedrich, 2005, S. 18)

Der Begriff „Jugendlicher“ oder auch „Teenager“, abgeleitet von „Jugend“, wird in dieser Ausarbeitung bevorzugt und der Adoleszenz gleichgestellt.

2.3. Wandel der Zeit

Im Laufe der Zeit hat sich das Verhalten und die Entwicklung von Jugendlichen drastisch geändert. Die typischen Lebensphasen nach Hurrelmann haben sich in den letzten Jahren immer mehr verlagert. 1900 verließ das Kind mit fünfzehn Jahren die Schule und ging in die Erwerbstätigkeit über, die er bis zu seinem Tod ausübte. Heute ist aus diesem zweistufigen Lebensverlauf ein stark untergliedertes Konstrukt geworden. Die Kindheit endet mit dem Eintritt der Pubertät und geht über in die Jugendzeit. Diese Zeit, die bis zum dreißigsten Lebensjahr andauern kann, endet wiederum mit dem Eintritt in die Erwerbstätigkeit. Mit 55 oder 60 Jahren geht man aus der Erwerbstätigkeit hinaus in ein langes Seniorenalter. (vgl.: Hurrelmann, K. (Hrsg.) [Elektronische Ressource]) Die Jugendzeit ist durch die verlängerte Schulpflicht und die darauf folgende Ausbildung verlängert.

„Einerseits reift der Mensch biologisch früher zum Erwachsenen heran, anderseits wird er immer später zum Erwachsenen, der die volle Verantwortung für die Aufgaben in Familie und Arbeitswelt übernimmt. Die Kluft zum sozialen Erwachsensein wird größer.“(Oerter/Montada (Hrsg.), 1998, S.335)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Menache-Alter

1860 bekam eine Frau in Deutschland mit durchschnittlich 16,7 Jahren ihre Menarche. 80 Jahre später, 1940 lag das Durchschnittsalter schon bei 13,5 Jahren. Diese Beobachtung konnte in verschiedenen Ländern gemacht werden und sie kamen alle zum gleichen Ergebnis. (siehe Abbildung 1) (vgl.: Tanner, 1962, S. 165)

Doch nicht nur eine körperliche Entwicklung ist zu verbuchen, denn auch der Konsum in allen Bereich ähnelt immer mehr dem der Erwachsenen. Beispielhaft hierfür ist die schnelle Verbreitung und der intensive Empfang der elektronischen Unterhaltungsmedien. Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden in ein- und derselben Weise angesprochen und beeinflusst. Gerade Jugendliche sind in vollem Umfang in Konsum-, Freizeit-, und Dienstleistungsbereichen involviert, wobei sie vom Geschäftsleben häufig ausgeschlossen sind. In diesen Entscheidungsmöglichkeiten können Jugendliche Eigenverantwortung und Selbstständigkeit erlangen. Diese Eigenschaften sind für das Erwachsensein kennzeichnend. Unbestreitbar kann gesagt werden, dass die Zugehörigkeit zum Arbeitsleben anderes als früher, relativ spät eintritt, aber zu „politisch – ethischen“, „partnerschaftlich – sexuellen“ und „kulturell – konsumorientierten“ Handlungsbereichen verhältnismäßig früh.

Wie schon zu Beginn dieses Kapitels erwähnt, hat sich diese Struktur modernisiert. Eine stärkere Bildung von Peergroups und reichlich Zeit zur freien Verfügung, ohne Kontrolle der Erziehungsberechtigten trotz „ökonomischer Abhängigkeit vom Elternhaus“ hat zur Folge, dass Jugendliche die Möglichkeit haben, sexuell aktiv zu sein. Sie bauen sich einen eigenständigen und intimen Lebensbereich auf.

Ein wichtiger Grundstein für den vorehelichen Geschlechtsverkehr wurde in den 60er Jahren gelegt. In dieser Zeit kam es zu einem von Jugendlichen angeregten sexualpolitischen Umbruch. Sex wurde bis dahin offiziell nur in der Ehe ausgeübt und galt als unsagbar, verboten und schmutzig. Nach öffentlichen Diskussionen wurde „sexuelle Freizügigkeit in Liebesbeziehungen“ anerkannt, dies hat sich heutzutage zu einer „sexuellen Freizügigkeit auch ohne Liebesbeziehungen“ entwickelt. (vgl.: Neubauer, 1990, S. 24f)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Geschlechtsverkehr-Erfahrung

Dies lässt sich durch eine Studie, die 2006 durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung veröffentlicht wurde, verdeutlichen. In dieser Studie wurde über einen Zeitraum von 25 Jahren beobachtet, wann Mädchen und Jungen das erste Mal Geschlechtsverkehr haben. Aufgezeigt wird, dass sich der Eintritt ins Sexualleben in der Altersgruppe der mit 14 bis 17 Jährigen, im Vergleich zu 1980 verdoppelt hat. (vgl.: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2006, S. 81)

3. Sexualität in der Jugendphase

Ohne Zweifel hat sich das Sexualleben der heutigen Heranwachsenden im Vergleich zu früher verändert. Hierzu werden im Folgenden Statistiken aus der Studie „Jugendsexualität“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herangezogen, die die heutige Situation verdeutlichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Geschlechtsverkehr-Erfahrung, Anteile in den einzelnen Altersgruppen

Wie in der Abbilung 3 deutlich zu erkennen ist, hatte 2006 jeder zehnte Junge und jedes zwölfte Mädchen im Alter von 14 Jahren schon einmal Geschlechtsverkehr. Im Alter von 17 Jahren hat sich diese Zahl ungefähr versechsfacht. (vgl.: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2006, S. 80)

„Insgesamt haben heute 39% aller Mädchen und 33% aller Jungen zwischen 14 und 17 mindestens schon einmal Geschlechstverkehr gehabt.“ (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2006, S. 80) Interessant ist es, sich die Verhältnismäßigkeit zwischen Schultyp und dem erstem Geschlechtsverkehr anzusehen. Diese Zahlen werden außerdem im späteren Verlauf dieser Arbeit erneut aufgegriffen.

Die Abbildung 4 zeigt, dass zwischen den verschiedenen Schultypen durchgängige Unterschiede auftreten. Da der Schultyp maßgeblich durch die Schichtzugehörigkeit bestimmt ist, ist zu vermuten, dass das Schulmilieu bzw. die Erfahrung in der Schule Geschlechtsverkehr fördert oder hemmt. (vgl.: Neubauer, 1989, S.70)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Anteil der Jugendlichen, die Geschlechtsverkehr hatten, nach Schule und Geschlecht

Es dürfen aber nicht verallgemeinerte Aussagen getroffen werden, wie verbreitet Sexualkontakte je nach Bildung der Jugendlichen sind. Dies liegt daran, dass in den entsprechenden Schulformen unterschiedliche Altersstrukturen vertreten sind. Trotzdem kann gesagt werden, wenn die Teilgruppe der Coitus Erfahrenen als Bezugspunkt genommen wird, dass bei „niedrigerem Bildungshintergrund des Jugendlichen und/oder seiner Eltern“ erste sexuelle Kontakte in früherem Alter erfolgen. (vgl.: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2006, S. 87)

Kann jetzt aber die Vorverlagerung des Sexualverhaltens als deviantes oder normorientiertes Verhalten gesehen werde?

Hierzu ist es wichtig beide Standpunkte zu beleuchten, sowohl die Vorverlagerung wie auch die Devianzhypothese. Von Forschern wird hierbei der Standpunkt der Devianzhypothese favorisiert, mit der auch wir uns zuerst befassen werden.

Die Devianztheorie nimmt an, dass ein bewußtes abweichendes Verhalten, sowie die Abweichung von Normen und Werten der Allgemeinheit vorliegt. Diese konnte 1983 in einer Längsschnittuntersuchung von Jesser et al. nachgewiesen werden. Sie stellten fest, dass sexuell aktive Mädchen, die im Widerspruch zu dem traditionellen Rollenbild stehen, also ein abweichendes Verhalten zeigen, oft unabhängiger, unkonventioneller, weniger bildungsmotiviert und unkritischer waren. Früher Sexualverkehr der Jugendlichen wird oft auch als Auflehnung gegen das Elternhaus gesehen. Meist spielt die Peergruppe, in der der Jugendliche sich befindet, eine große Rolle. Denn von ihr wird das deviante Sexualverhalten bekräftigt und als „Normal“ angesehen. Nichtsdestoweniger ist zu berücksichtigen, dass Jugendliche trotz abweichendem Sexualverhalten auch soziale Normen einhalten.

Dies ist ein bestärkendes Argument dafür, den alternativen Standpunkt, die Normorientiertung zu berücksichtigen. Nach Jessor wird das sexuelle Frühverhalten von Jugendlichen als Entwicklungswunsch gesehen. Sie versuchen so, einen Übergang ins Erwachsenenalter symbolisch zu vervollständigen. Bei einigen weiblichen Jugendlichen wird dies auch durch frühe Schwangerschaften versucht zu realisieren. Auf diese These wird jedoch später ausführlicher eingegangen. (vgl.: Oerter/Montada (Hrsg.), 1998, S.344)

4. Teenagerschwangerschaft

Was wird als Teenagerschwangerschaft bezeichnet? Im ersten Kapitel „Adoleszenz oder Jugend“ wurde festgelegt und erläutert, mit welcher Alterspanne wir uns beschäftigen, nämlich mit Jugendlichen von 13 bis 17 Jahren.

Werden junge Frauen in diesem Zeitabschnitt schwanger, bezeichnet man dies als eine Teenagerschwangerschaft. Wenn man über „Schwangerschaft“ spricht, so meint man damit sowohl die Zeit der Schwangerschaft, die Geburt, aber auch den Schwangerschaftsabbruch. (vgl.: Osthoff, 1999, S. 111ff) Diese Daten, auf die im Weiteren zurückgegriffen werden, sind in Deutschland über Jahre detailliert erfasst worden.

Seit 1993 bis zum Jahre 2002 ist die Anzahl der Teenagerschwangerschaften relativ gleichbleibend.

Von 10000 jungen Frauen bekamen ca 13-15 in dem festgelegten Alter von 13 bis 17 Jahren ein Kind. (siehe Abbildung 5)

Von 1000 Geburten wurden 6 bis 8 Kinder von Jugendlichen geboren. (siehe Abbildung 6) (vgl.: Häußler-Sczepan; Wienholz; Michel, 2005, S. 17)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Geburten und Schwangerschaftsabbrüche von minderjährigen Frauen pro 10.000 Frauen der Altersgruppe 10 bis 17 Jahren in Deutschland und in Sachsen

Viel erschreckender ist der deutliche Anstieg der Schwangerschaftsabbrüche bei Jugendlichen in Deutschland. Hierbei wurden von 1000 Schwangerschaften im Jahre 1996 36 Abbrüche registriert, sechs Jahre später im Jahre 2002 waren es schon 57 Abbrüche. (siehe Abbildung 6)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Geburten und Schwangerschaftsabbrüche von minderjährigen Frauen pro 1.000 Geburten bzw. Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland und in Sachsen

Von 10000 13 bis 17 jährigen, brachen im Jahre 1996 nur 13 ihre Schwangerschaft ab. Dies stieg bis zum Jahre 2002 auf 21 Abbrüche an, also ein Anstieg von 30%. (siehe Abbildung 5)

Zusammenfasssend kann gesagt werden, dass ein leichter Anstieg an jugendlichen Müttern zu verzeichnen ist. Durch den hohen Anstieg der Schwangerschaftsabbrüche von 30% ist allerdings der Rückschluss auf eine weitaus höhere Zahl von Teenagerschwangerschaften zulässig! (vgl.: Häußler-Sczepan; Wienholz; Michel, 2005, S. 17)

4.1. Erklärungsansätze zu Teenagerschwangerschaften

Seit Mitte der 80er Jahren des 20. Jahrhunderts ist das Thema „Minderjährige Schwangere“ immer mehr in den Fokus der Wissenschaft getreten. Ralf Osthoff hat hierzu umfassende Einblicke in die Thematik gegeben. Viele Autoren greifen auf seine Erklärungsansätze, die er in seinem 1999 erschienen Buch „Schwanger werde ich nicht alleine...“ gegeben hat, zurück. (vgl. Häußler-Sczepan; Wienholz; Michel, 2005, S. 27ff)

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Details

Seiten
49
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640257508
ISBN (Buch)
9783640259236
Dateigröße
2.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119309
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
2,0
Schlagworte
Erziehungshilfen Mütter Rahmen Unterbringung

Autor

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Titel: Teenagerschwangerschaften. Erziehungshilfen für junge Mütter im Rahmen einer stationären Unterbringung