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Neue Armut in der Bundesrepublik

Was sind die Risikofaktoren für Kinderarmut? Eine Studie auf Grundlage des sozioökonomischen Panels

Projektarbeit 2008 42 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gegenstand und Fragestellung
2.1 Begriffsdefinition, Armutskonzept und Hypothesen
2.2 Erscheinungsformen und Folgen von Kinderarmut
2.3 Ursachen von Kinderarmut
2.4 Hypothesen
2.4.1 Die Auflösung der “Normalfamilie“
2.4.2 Kinderreichtum = Kinderarmut?
2.4.3 Bildungsarmut = Einkommensarmut
2.4.4 Weitere Risikofaktoren

3 Daten und Operationalisierung, Methodisches Vorgehen
3.1 Herkunft der Daten: Das sozioökonomische Panel
3.1.1 Art der Befragung im sozioökonomischen Panel
3.1.2 Die Entwicklung des sozioökonomischen Panel
3.1.3 Kinder im sozioökonomischen Panel
3.1.4 Bedeutung der unterschiedlichen Stichproben für die Untersuchung von Kinderarmut
3.2 Die Variablen: Skalentyp und Messniveau
3.3 Operationalisierung und Codierung der Variablen
3.4 Methodisches Vorgehen
3.4.1 Modellgüte
3.5 Statistische Auswertung

4 Univariate Beschreibung der Daten

5 Empirische Hypothesenüberprüfung und Interpretation
5.1 Vergleich nach Haushaltstyp
5.2 Armutsquote nach Anzahl der Kinder im Haushalt
5.3 Bildungsniveau und Bildungsgrad

6 Schlussbetrachtung/Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang
8.1 SPSS – Ausgabe: Tabellen
8.2 SPSS – Syntax mit Erläuterungen
8.3 Kreuztabellen

1 Einleitung

Denkt man an den Begriff “Kinderarmut“, hat man zunächst einmal das Bild eines unterernährten Kindes vor Augen, welches vermutlich in der “Dritten Welt“ lebt, in der Art wie beispielsweise die Aktion “Brot für die Welt“ für ihre Sache wirbt. Diese Form der Kinderarmut ist aber nur eine Ausprägung.

Auch in Deutschland ist das Thema Kinderarmut allgegenwärtig, zugegeben auf einer anderen Ebene von Armut. Man unterscheidet hierbei vor allem die Begriffe “absolute“ und “relative“ Armut. In dem eben beschriebenen Fall des unterernährten Kindes handelt es sich um absolute Armut. Sie bezeichnet das Leben am untersten Rand des Existenzminimums. In Deutschland trifft diese Form von Armut üblicherweise nicht zu.

Verwahrloste Kinder sind hier Opfer menschlicher Tragödien. Kinderarmut in Deutschland ist daher mit dem Begriff der relativen Armut in Verbindung zu bringen. Auch hierbei handelt es sich selbstverständlich um eine Form der, zum Teil schmerzlichen, Entbehrung, findet aber abseits einer bedrohten Existenz statt. Gemeint ist in diesem Fall also eine Form der Armut, die in Bezug zum sozialen Umfeld einer Person (oder eines Kindes) gesehen wird und sie oder es in diesem Kontext als “unterversorgt“ ausweist.

„Kinderarmut: Deutschlands Hungerleider“ oder „Wie stoppt man Kinderarmut?“ . Das sind nur zwei von vielen Schlagzeilen, die sich innerhalb der deutschen Presselandschaft verstärkt häufen. Das Thema Kinderarmut in Deutschland ist heute ein aktuelleres denn je. Aber nicht nur die Presse bedient sich dieses Themas. Auch die Regierungsparteien SPD und CDU nehmen sich mehr und mehr des Themas Kinderarmut an.

So lieferte die SPD im Juni 2008 einen “Aktionsplan für gleiche Lebenschancen: 10 Maßnahmen der SPD gegen Kinderarmut“. Die CDU antwortete kurz darauf mit einer “Erklärung der familienpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion: Kinderarmut ist Elternarmut“. Diese verstärkte Aufmerksamkeit liegt nicht zuletzt darin begründet, dass die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung medienwirksam aufzeigen, dass die Kinderarmutsrate in den letzten Jahren gestiegen ist.

Kinder sind jedoch diejenigen in der Gesellschaft, die am wenigsten Einfluss auf die eigene Einkommenssituation und Lebenssituation haben. Sie stehen immer in Abhängigkeit zu anderen. Kinder können ihre Lebenssituation nicht in die eigenen Hände nehmen. Hier entsteht das Bild des “unschuldigen Kindes“ und wahrscheinlich gerade deshalb schockiert der Umstand, dass es Kinderarmut in Deutschland gibt, die Menschen umso mehr. Aber woher kommt dieses Phänomen? Kinderarmut ist eine Begleiterscheinung der zunehmenden Verarmung von Familien. Da Kinder über kein eigenes Einkommen verfügen, sind sie von den Einkünften ihrer Eltern abhängig. Somit ist die Armutslage einer Familie auch gleichbedeutend mit der Armutssituation der Kinder, die in armen Haushalten leben. Um einen Haushalt (im Sinne der relativen Armut) als “arm“ zu definieren, gibt es verschiedene Ansätze.

Da unsere Auswertung auf der Grundlage von Haushaltsdaten beruht, werden wir das Konzept der Einkommensarmut und den OECD-Standart für unsere Untersuchung zugrunde legen. Im Rahmen dieser Arbeit möchten wir näher auf das Thema “Kinderarmut in Deutschland“ eingehen und mit Hilfe der Erhebungswelle des SOEP 2006 Armutsrisiken speziell von Kindern in deutschen Haushalten ausmachen. Dabei werden wir die Einkommenssituation von Haushalten mit Kindern analysieren.

In diesem Zusammenhang gehen wir zunächst auf die theoretischen Grundlagen der Armutsforschung und insbesondere der Kinderarmut ein. Im Weiteren haben wir Hypothesen entwickelt, die mit Hilfe des sozioökonomische Panel (SOEP) und speziell des Datensatzes der Erhebungswelle 2006, der von uns zur Analyse verwendet wurde, kommentiert werden sollen. Zudem werden wir unsere Ergebnisse vorstellen und abschließend eine kurze Schlussbetrachtung mit einem Ausblick auf weiterführende Ansatzpunkte in der Forschung geben.

2 Gegenstand und Fragestellung

Spricht man von Armut in der Bundesrepublik Deutschland, so assoziiert man damit zunächst Personengruppen wie Langzeitarbeitslose, die Empfänger von ALG II (Arbeitslosengeld II) , Migranten oder ältere Menschen. Der Begriff Kinderarmut hingegen wird nicht sofort mit Deutschland oder anderen Industrieländern in Verbindung gebracht; man stellt sich vielmehr die als Dritte-Welt bezeichneten Länder vor, in denen Kinder hungern und unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen. Armut galt lange als Phänomen, das vor allem ältere Menschen betraf. Erstmals Ende der 80er erkannte Richard Hauser die “Infantilisierung der Armut“ als neuen Armutstrend (Hauser 1989: 126). Mehrere darauf folgende Untersuchungen bestätigten eine wachsende Kinder- und Jugendarmut, die während der 90er Jahre entstanden war.[1]

Auch jüngere empirische Befunde belegen eine wachsende Kinderarmut in Deutschland und anderen westlichen Wohlfahrtsstaaten. Hervorzuheben sind dabei der zweite Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung 2008), sowie die Studie der UNICEF „Child Poverty in Rich Countries 2005“. Letzterer Studie zufolge stieg in den Jahren 1995 bis 2005 die Anzahl der in Armut lebenden Kinder in 17 von 24 OECD-Staaten. In Deutschland ist die Kinderarmut mit einem Plus von 2,7 Prozent seit 1990 stärker gestiegen als in den meisten anderen Industrienationen. Jedes zehnte Kind lebt in relativer Armut, das sind mehr als 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Auch Schätzungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zufolge erhöhte sich die Anzahl von Kindern, die auf Sozialhilfeniveau leben, durch die Einführung des Arbeitslosengeldes II und die Umgestaltung der sozialen Sicherungssysteme Anfang 2005 auf 1,7 Millionen oder 14,2 Prozent aller Minderjährigen (Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband Gesamtverband 2005: 22f). Die Einkommensarmut von Kindern in der Bundesrepublik habe damit eine historisch neue Dimension erreicht (ebd.: 4).

Die Daten verdeutlichen die Relevanz des Themas Kinderarmut. Spricht man über “neue Armut“, so lässt sich das Thema Kinderarmut nicht umgehen, zumal die Rate der Kinderarmut in Deutschland schneller wächst als die unter Erwachsenen und Kinder häufiger von Armut betroffen sind (UNICEF 2005). „Jedes sechste Kind in Deutschland ist von Armut betroffen.“ besagt der Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland von UNICEF aus Mai 2008.

Um Kinderarmut sinnvoll bekämpfen zu können, stellt sich zunächst die Frage, welche Kinder von Armut betroffen sind. In welchen Typen von Familien leben diese Kinder und unter welchen Bedingungen sind sie in Armut geraten? Diese Arbeit geht genau diesen Fragen nach. Dabei soll insbesondere herausgearbeitet werden, welche spezifischen Risikofaktoren für Kinderarmut identifiziert werden können. Wir konzentrieren uns hierbei an der materiellen Lebenslage von Kindern, die eng mit der Beschäftigungssituation und der Einkommenssituation der Eltern verbunden ist.

2.1 Begriffsdefinition, Armutskonzept und Hypothesen

Kinderarmut bezeichnet im Allgemeinen die Armut von Personen von der Geburt bis zum Alter von 18 Jahren. Kinderarmut in westlichen Industriegesellschaften wird als relative Armut bezeichnet, da eine die Existenz gefährdende absolute Armut hierzulande kaum vorzufinden ist und dann aus Gründen vorliegt, die sich von denen in der so genannten Dritten Welt unterscheiden und die nicht weiter Gegenstand dieser Arbeit sein werden. Kinder gelten als armutsgefährdet, wenn sie in Haushalten leben, in denen das Einkommen unterhalb einer relativen Armutsgrenze liegt. Die relative Armutsgefährdungsgrenze wird unterschiedlich definiert, liegt aber in der aktuellen Armutsforschung bei 50 oder 60 Prozent des Medians des gewichteten Nettoäquivalenzeinkommens des jeweiligen Landes. Bei der Berechnung des Äquivalenzeinkommens hat die Gewichtung der Haushaltsmitglieder Einfluss auf die ermittelten relativen Armutsquoten. Eine so genannte Äquivalenzskala legt fest, welche Mitglieder eines Haushaltes welchen Bedarf haben, wie sich das Gesamteinkommen also auf die einzelnen Mitglieder verteilt.

Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung verwendet die alte und neue OECD-Skala (letztere gewichtet die 1. Person im Haushalt mit 1,0, weitere Mitglieder ab 15 Jahren mit 0,5 und Mitglieder unter 15 Jahre mit 0,3).

In dieser Arbeit liegt der Einkommensmindestbedarf aus Gründen der Komplexitätsreduktion jedoch bei 60 Prozent des Medians des monatlichen Nettohaushaltseinkommens. Dieser Wert wird im Folgenden als Armutsgefährdungsgrenze bezeichnet. Das hier verwendete Armutsmaß basiert einzig auf der Verfügbarkeit der Ressource Einkommen. Dabei werden Armutskonzepte, die beispielsweise auf Lebenslage (vgl. Döring/Hanesch/Huster 1990), Lebensstandard und Deprivation (vgl. Andreß/Lipsmeier 1995) basieren, vernachlässigt.

In diesen Ansätzen wird Armut als mehrdimensionale Problemlage definiert. Dabei spielen neben dem Mangel an ökonomischen Ressourcen weitere Notlagen, wie die Unterversorgung in zentralen Lebensbereichen wie Wohnen, Arbeit, Ausbildung, Gesundheit, Ernährung, soziale Integration und Teilhabe, eine wichtige Rolle. Auch subjektive Kategorien wie das Wohlbefinden und Zufriedenheit werden in diesem Armutskonzept berücksichtigt.

In der Armutsforschung herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass das Phänomen Armut in seiner Komplexität in diesen Konzepten am ehesten zu erfassen ist. Allerdings gehen mit diesem Konzept Schwierigkeiten bei der forschungspraktischen Umsetzung einher. Um Armut plausibel operationalisieren zu können, muss entschieden werden, welche Lebensbereiche einbezogen und wie diese gewichtet werden müssen. Diese Fragen werden in der Literatur kontrovers diskutiert und konnten bisher nicht abschließend beantwortet werden. Aufgrund der schwierigen praktischen Handhabung im Forschungsprozess stützt sich diese Arbeit auf das Konzept der relativen Einkommensarmut, wobei bedacht wird, dass das Phänomen Armut mehr als nur der Mangel an ökonomischen Ressourcen darstellt. Da Kinder im Regelfall nicht über ein eigenes Einkommen verfügen, gilt der jeweilige Haushalt, in dem sie leben, als die zu untersuchende Einheit in dieser Arbeit.

2.2 Erscheinungsformen und Folgen von Kinderarmut

Kinderarmut wird, wie oben bereits konstatiert, nicht im Sinne einer absoluten Armut verstanden. Es geht nicht um ein Leben am physischen Existenzminimum, sondern um eine weniger sichtbare Form von Armut, bei der vielmehr die Teilhabe am soziokulturellen Minimum eine Rolle spielt. Dabei ist es ein Irrtum zu glauben, diese Armut sei weniger gravierend. Im Gegenteil kann diese Armut als wesentlich erniedrigender und verheerender bezeichnet werden, da insbesondere Kinder und Jugendliche dem starken Konsumtrend, der durch die Werbeindustrie ständig reproduziert wird, in ihrem persönlichen Lebensumfeld täglich ausgeliefert sind (Butterwegge 2007: 439) und sich das Leben in Armut in vielerlei Hinsicht auf die Entwicklung des Kindes auswirkt. Kinder, die aus armen Familien stammen, werden in den unterschiedlichsten Lebensbereichen benachteiligt und ausgegrenzt.

Die Folgeuntersuchung der UNICEF-Studie für Deutschland „A Portrait of Child Poverty in Germany“ (Corak/Fertig/Tamm 2005) fand heraus, dass es neben dem Mangel an materiellen Dingen zum Beispiel oft an Erziehung und Bildung fehlt. Auch beeinflusst das Leben unter der Armutsgrenze die Gesundheit der Kinder. Falsche Ernährung und Bewegungsmangel sind in armen Familien häufiger zu beobachten als in Familien mit höherem Einkommen. Kinder in Armut können sich im Unterricht nicht konzentrieren, erbringen schlechtere Leistungen und gehören öfter zu den Schulabbrechern. Insgesamt büßen in Armut lebende Kinder stark an Lebensqualität ein. Sie leben beispielsweise häufiger in schlechten Wohnverhältnissen, in vernachlässigten Stadtteilen mit schlechten Schulen und unzureichenden sozialen Angeboten. Mangelhafte Ausbildung und folglich schlechtere Berufschancen verfestigen die Armutsbiografien der Kinder, die außerdem von früher Elternschaft und dem erhöhten Risiko der Arbeitslosigkeit geprägt sind.

Es ist offensichtlich, dass Kinderarmut vielmehr bedeutet, als weniger Geld zu besitzen als andere. Kinderarmut geht einher mit einer Unterversorgung und einer ausgeprägten sozialen Benachteiligung in allen wichtigen Lebensbereichen. Wenn Kinder von Armut betroffen sind, wirkt sich das folglich schon in jungen Jahren auf die Entwicklungsmöglichkeiten aus, was nachteilige psychosoziale Folgen und Sozialisationsdefizite nach sich ziehen kann. Damit ist Kinderarmut nicht nur Ausdruck einen temporären Mangels, sondern kann als Defizit von Zukunftschancen begriffen werden und betrifft damit die Gesellschaft als Ganzes.

2.3 Ursachen von Kinderarmut

Fragt man nach den Ursachen von Kinderarmut, so ist zunächst offensichtlich, dass die Schuld an der Notlage nicht bei den Kindern selbst zu suchen ist. Verantwortlich gemacht wird vielmehr der Kontext, in dem die Kinder leben und aufwachsen. Sind die Eltern beispielsweise arbeitslos oder hat es in der Familie einschneidende Ereignisse gegeben, die als Auslöser identifiziert werden können? Es gilt nicht nur nach individuellen Schicksalen zu fragen, sondern die sozialen Ursachen zu erkennen, die in den letzten Jahren zu einer ständig wachsenden Kinderarmut geführt haben können. Durch die Bildung von drei zentralen Hypothesen versuchen wir Aufschluss über die Ursachen zu geben und damit mögliche Risikofaktoren für Kinderarmut aufzeigen.

2.4 Hypothesen

Als abhängige Variable wird in der vorliegenden Untersuchung “Kinderarmut“ über das monatliche Haushaltnettoeinkommen von Familien mit Kindern (bis 16 Jahren) definiert, als unabhängige Variable betrachten wir hierbei den Haushaltstyp (mit Haushaltstyp ist gemeint, in welchem Familienkontext Kinder aufwachsen), die Anzahl der im Haushalt leben Kinder und der Bildungsabschluss der Eltern, der in besonders engem Zusammenhang mit der Einkommenssituation der Familie steht.

Mit der unabhängigen Variablen wollen wir den möglichen Einfluss auf die Größe der Kinderarmut untersuchen.

Die Hypothesen sind im Einzelnen folgende:

- Je näher der Familientyp an der Normalfamilie angelehnt ist, desto geringer ist das Armutsrisiko von Kindern.
- Je größer die Anzahl der Kinder im Haushalt, desto höher ist das Armutsrisiko von Kindern.
- Je geringer der Schulabschluss der Eltern, desto höher ist das Armutsrisiko der Kinder

Die Hypothesen für Kontrollvariablen sollen darstellen ob und wie sich die Drittvariablen auf unsere abhängigen Variablen auswirken

Eine unserer Hypothesen lautet also, dass der Haushaltskontext einen entscheidenden Einfluss auf eine mögliche Armutsgefährdung hat. Dabei spielt das Abweichen von der klassischen Normalfamilie die ausschlaggebende Rolle. Die zweite Hypothese basiert auf der Kinderzahl. Wir gehen davon aus, dass kinderreiche Familien aufgrund eines höheren Kostenaufkommens mit steigender Kinderzahl einem größeren Armutsrisiko ausgesetzt sind als Familien mit einem oder zwei Kindern. Drittens denken wir, dass Kinder gerade dann von Armut stärker betroffen sind, wenn sie in Haushaltskontexten aufwachsen, die von Bildungsarmut geprägt sind.

Neben diesen drei Thesen spielen weitere Faktoren eine Rolle bei der Suche nach möglichen Risikofaktoren von Kinderarmut. Diese werden wir später aufführen, legen unseren Schwerpunkt jedoch auf die im Folgenden näher ausgeführten zentralen Thesen.

2.4.1 Die Auflösung der “Normalfamilie“

Als Normalfamilie wird die traditionelle Hausfrauenehe mit zwei Kindern bezeichnet. Diesen Modell entstand in den 50er Jahren und geht von einer bürgerlichen Kernfamilie aus, in der in der Regel der Vater für die finanzielle Versorgung der Familie aufkommt, während die Mutter für die Betreuung und Erziehung der Kinder sowie für die Haushaltsführung verantwortlich ist.

Sicher braucht es an dieser Stelle keine umfassende Beweisführung, um festzustellen, dass dieses Modell heute weitgehend ausgedient hat und nicht mehr den realen Lebenswelten entspricht. Dennoch ist dieses Modell nicht nur als Idealvorstellung in den Köpfen vieler Menschen präsent, es wird auch immer noch von staatlicher Seite gefördert wie beispielsweise durch das umstrittene Ehegattensplitting bei der Berechnung der Einkommenssteuer. Faktisch bedeutet das eine größere finanzielle Sicherheit von Kindern, die in einer bürgerlichen “Normalfamilie“ leben. Allerdings treten neben diese klassische Familienform zunehmend Lebens- und Liebesformen, die diese materielle Sicherheit weniger gewährleisten.

Zum Einen bestehen einmal gegründete Familien nicht mehr ein Leben lang. Diese werden in den letzten Jahrzehnten immer häufiger durch Scheidungen der Ehepartner aufgelöst. Von jeder zweiten Scheidung sind Kinder betroffen (Andreß/Lohmann 2000). Das führt dazu, dass Kinder häufiger bei nur noch einem Elterteil oder in neu zusammengefügten Familienverbünden, den so genannten Patchwork- Familien, aufwachsen. Hier werden oft Kinder aus zwei Familien versorgt oder es entsteht eine zusätzliche Belastung durch Alimente für Kinder aus vorhergegangenen Partnerschaften.

Zudem entscheiden sich immer mehr Paare in Deutschland auch ohne eine Heirat für Kinder. Nicht verheiratet sein bedeutet hierzulande jedoch weniger materielle Sicherheit. Daher steigt das Risiko der Armut von Kindern, wenn sie in Haushaltskontexten leben, die von der “Normalfamilie“ abweichen. Butterwegge sieht in der Auflösung der Normalfamilie eine der zentralen Ursachen für das Ansteigen der Kinderarmut in Deutschland. Dabei sieht er vor allem Alleinerziehende als stärkste Risikogruppe. Da das Alleinleben mit Kindern in der Regel eine Lebensform von Frauen darstellt konstatiert Butterwegge, dass sich Kinderarmut in der Regel auf Frauen- bzw. Mütterarmut zurückführen ließe (Butterwegge 2007: 440f). Die UNICEF Teilstudie zu Deutschland bestätigt, dass Kinder in Alleinerziehendenhaushalten stärker von Armut betroffen sind (Corak/Fertig/Tamm 2005). Butterwegge macht außerdem auf die ambivalente Rolle staatlicher Transferleistungen aufmerksam: „Ehegattensplitting, Erziehungsgeld und Kindergeld sollen Frauen das Zuhausebleiben schmackhaft machen und sind damit Teil einer Familienpolitik, die Frauen unversehens in Armut führt“ (Butterwegge 2005).

2.4.2 Kinderreichtum = Kinderarmut?

Es ist offensichtlich, dass ein Kind Geld kostet und Familien mit vielen Kindern daher insgesamt höhere Ausgaben haben als Familien mit weniger Kindern. Kinderreiche Familien werden immer wieder als Bevölkerungsgruppe bezeichnet, die von Armut bedroht ist. Laut einer neuen Studie des Statistischen Bundesamts, bei der mehr als 53.000 Haushalte befragt wurden gaben Eltern im Jahr 2003 im Durchschnitt 549 Euro im Monat für ihre Kinder aus (Statistisches Bundesamt 2006). Ausgehend von dieser Zahl kann eine Normalverdiener-Familie mit drei oder mehr Kindern schnell in den Bereich der Einkommensarmut rutschen. Auch Butterwegge gibt an, dass besonders kinderreiche Familien ein größeres Risiko tragen, arm zu werden (Butterwegge 2007: 441).

Wir gehen davon aus, dass die hohen Kosten von kinderreichen Familien durch staatliche Transferleistungen wie zum Beispiel das Kindergeld nicht (mehr) umfassend aufgefangen werden können. Butterwegge betrachtet es als kritisch, dass der Abbau von wohlfahrtsstaatlichen Sicherungselementen in den letzten Jahren insbesondere die weniger Leistungsfähigen trifft, zu denen besonders Erwachsene gehören, die mehrere Kinder haben (Butterwegge 2007: 441). Seiner Einschätzung nach sind Kinder auch deswegen stärker von Armut betroffen, weil der Sozialstaatsumbau auf Kosten vieler Eltern geht, die weniger Sicherung als vorherige Generationen genießen (ebd.: 441). Als Beispiel können die mit der Einführung von Hartz IV abgeschafften Beihilfen für Kinderkleidung und Schulbedarf genannt werden.

2.4.3 Bildungsarmut = Einkommensarmut

Armut und Bildung können auf vielfältige Weise miteinander zusammen- und voneinander abhängen. Der Mangel an Bildung kann Ursache, aber auch Folge von Armut sein. In dieser Arbeit ist insbesondere der Aspekt von Bildungsarmut relevant, der materielle Nachteile nach sich zieht. Der Zusammenhang von Bildungsarmut und Einkommensarmut ist deswegen von besonderer Bedeutung, weil Bildung hinsichtlich der Zuweisung von Arbeitsmarkt- und Einkommenschancen eine zentrale Rolle spielt. In Anlehnung an Allmendinger (Allmendinger 1999) werden Personen dann als bildungsarm bezeichnet, wenn sie keinen schulischen oder beruflichen Abschluss erreicht haben. Der Erwerb eines Bildungsabschlusses kann als Mindeststandard bezeichnet werden, der notwendig ist, um sich langfristig auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren und weiteren Zugang zu Bildung zu bekommen.

Zahlreiche Studien bestätigen, dass Armut heute vor allem in den so genannten bildungsfernen Schichten auftritt (Lange/Lauterbach/Becker 2002: 165).

In Bezug auf Kinderarmut wurde festgestellt, dass sie dort besonders stark wirkt, wo sie mit Bildungsarmut der Eltern einhergeht. Umgekehrt kann eine hohe Bildung der Eltern Kindern vor den negativen Auswirkungen von Armut schützen (Becker/Nietfeld 1999: 62), da gerade diese sich bemühen, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen, indem sie verstärkt die Bildung ihre Kinder fördern.

2.4.4 Weitere Risikofaktoren

In der UNICEF Teilstudie zu Deutschland (Corak/Fertig/Tamm 2005) wurden neben den von uns aufgegriffenen Einflussgrößen auf Kinderarmut insbesondere Unterschiede zwischen Ost und West, sowie die Staatsbürgerschaft untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass Kinder in Haushalten, in denen der Haushaltsvorstand nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt besonders von Armut betroffen waren. Auch gab es signifikante Unterschiede zwischen Ost und West: Demnach sind Kinder, die in Ostdeutschland aufwachsen, einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt als Kinder in Westdeutschland. Aufgrund der Komplexität werden wir diese Aspekte jedoch nicht untersuchen.

3 Daten und Operationalisierung, Methodisches Vorgehen

Im folgenden Teil der Arbeit stellen wir die verwendeten Daten, die Messmethoden und die Art der Operationalisierung vor. Mit Hilfe verschiedener Koeffizienten wollen wir die Güte und Aussagekraft der von uns ermittelten Ergebnisse prüfen und die von uns aufgestellten Hypothesen bestätigen oder in Frage stellen.

3.1 Herkunft der Daten: Das sozioökonomische Panel

Die für diese Forschungsarbeit verwendeten Haushaltsdaten stammen aus der Erhebungswelle des Sozioökonomischen Panels (SOEP) des Jahres 2006.

Das SOEP ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung privater Haushalte in Deutschland, die seit 1984 jährlich durch das DIW Berlin, dem größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitut, bei denselben Personen und Familien in der Bundesrepublik Deutschland durchgeführt wird. Zur Befragungspopulation gehören private Haushalte und deren Mitglieder, die das 17. Lebensjahr vollendet haben. Ergänzend hierzu werden seit dem Befragungsjahr 2000 jugendspezifische Biographiedaten der 16- 17-jährigen Haushaltmitglieder erfragt und seit 2003 Mütter von Neugeborenen nach zentralen Indikatoren, durch die etwas über die Entwicklungsprozesse von Kindern ausgesagt werden kann.

Die gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten fast 25 Jahren seit der ersten Erhebungswelle hat das SOEP durch verschiedene Veränderungen des Befragungsdesigns begleitet. Noch im Sommer 1990, kurz vor der Vereinigung beider deutschen Staaten, wurde die Studie auch auf das Gebiet der früheren DDR ausgeweitet. Aufgrund der Durchführung der Befragung noch vor der Einführung der Währungs- Wirtschafts- und Sozialunion und der politischen Vereinigung im Herbst konnten somit Daten, die Aufschluss über den Transformationsprozess von einem Gesellschaftssystem in das andere gaben, gewonnen und verglichen werden.

Der Tatsache des gesellschaftlichen Wandels durch die Zuwanderungswelle zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts trug das SOEP durch die zusätzliche Erhebung der “Zuwanderer-Stichprobe“ Rechnung.

So wird das Erhebungsdesign ständig an die neuen Entwicklungen in der Gesellschaft angepasst und analog erweitert. Die Idee hierbei ist, den gesamten Lebenszyklus eines Befragten von der Geburt bis zum Tod nach zu zeichnen.

3.1.1 Art der Befragung im sozioökonomischen Panel

Die Befragten geben bei der Erhebung Auskunft über eine Vielzahl von objektiven Lebensbedingungen, Persönlichkeitsmerkmalen, Wertvorstellungen, Risikoeinstellungen und über dynamische Abhängigkeiten zwischen allen Lebensbereichen und den damit verbundenen Veränderungen. Zudem deckt das SOEP ein weites Themenspektrum ab. Es liefert kontinuierlich Informationen z.B. über Haushaltszusammensetzungen, der Wohnsituation von Menschen, der Erwerbs- und Familienbiographien, der Erwerbsbeteiligung und der damit im Zusammenhang stehenden beruflichen Mobilität, den Einkommensverläufen, der Partizipation am gesellschaftlichen Leben und der persönlichen Freizeitgestaltung. Darüber hinaus werden durch jährliche wechselnde Schwerpunktthemen weitere Informationen zusammengetragen, wie z.B. Weiterbildung und Qualifikation oder Energie- und Umweltverhalten

[...]


[1] Vgl. dazu z.B. Klocke/Hurrelmann 2001, Fertig/Tamm 2000, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 1998

Details

Seiten
42
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640231874
ISBN (Buch)
9783640232031
Dateigröße
812 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119205
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Neue Armut Bundesrepublik

Autor

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