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Vlad Ţepeş „Dracula“ - Ein Vorbild für Machiavellis „Fürst“?

Seminararbeit 2008 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Forschungsfrage
1.2. Quellenlage und Quellenkritik
1.3. Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

2. Vlad Ţepeş „Dracula“
2.1. Auf Draculas Spuren
2.2. Zeitgenössische Darstellungen

3. Niccolò Machiavelli „Der Fürst“
3.1. Eine kleine politische Theorie des Niccolò Machiavelli in „Der Fürst“
3.2. Mögliche Vorbilder für Machiavellis Fürst vs. der Fürst existiert nicht
3.2.1. Cesare Borgia
3.2.2. Castruccio Castracani
3.2.3. Moses
3.2.4. Vlad Ţepeş

4. Versuch einer Zusammenführung: Hat Machiavelli Kenntnisse von Vlad Ţepeş haben können?
4.1. Personen
4.2. Quellen

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis
6.1. Quellen
6.2. Literatur
6.3. Internetquellen

1. Einleitung

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ - Gennadi Gerassimow[1]

Dieser berühmte Satz wird Mihail Gorbatschow zugeschrieben, den er angeblich auf seinem Staatsbesuch in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik anlässlich zu deren 40. Geburtstag gesagt haben soll. Ursprünglich wurde dieser Satz aber von Gennadi Gerassimow, persönlicher Sprecher des sowjetischen Staatschefs, formuliert und zwar „auf englisch und wahrscheinlich auf russisch“[2]. Gesagt hat er ihn nachdem er vor die zufällig auf Nachrichten wartenden internationalen Presseleute getreten war. Die deutsche Übersetzung entstand dann – wie zu solchen Anlässen wohl üblich – im „sprachlichen Pingpong unter Journalisten“[3]. Die Problematik, die sich hier ergibt, ist der teilweise gravierende Unterschied zwischen Geschichtsschreibung und – wie ich sie nenne – Geschichtenzuschreibung. Während die Geschichtsschreibung sich mit der Entwicklung der Menschheit beschäftigt, wird dem Menschen in der Geschichtszuschreibung eine Geschichte zugeschrieben, die so nicht passiert ist, aber gut in seine Biographie einzufügen ist.

Der Schmale Grat zwischen Geschichtsschreibung und Geschichtenzuschreibung wird deutlich, wenn man sich die so genannte Dracula-Korrektur von Dieter Schlesak[4] betrachtet. Diese musste von Michael Kroner seinerseits wiederum korrigiert werden[5]. Interessant in diesem Punkt ist eine Zuschreibung Schlesaks an Vlad Ţepeş Dracula, dass sich unter den Büchern in seiner Bibliothek auch Werke von Machiavelli befunden hätten. Schlesak stört sich dabei nicht an der Tatsache, dass Machiavelli zum Zeitpunkt des Todes von Ţepeş erst acht Jahre alt war. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Werke Machiavellis wiederum erst kurz vor oder kurz nach dessen Tod im Jahre 1527 und somit über ein halbes Jahrhundert nach dem Tod Vlad Ţepeş’ veröffentlicht wurden.

1.1. Forschungsfrage

Die Behauptung eine Ausgabe von Machiavellis „Der Fürst“ stand in der Bibliothek Vlad Ţepeş’ ist demnach falsch. Dracula kann sich nicht an Machiavellis Fürst orientiert haben, da das Ende seiner zweiten von drei Herrschaften über die Walachei und die einzige, die nicht innerhalb eines Jahres beendet wurde, sieben Jahre vor Machiavellis Geburt liegt. Warum behauptet aber Schlesak, Vlad Ţepeş hat Machiavellis Werke gekannt? Wirft man einen Blick in Machiavellis wohl berühmtestes und auch berüchtigtstes Werk „Der Fürst“, so kommt man nicht umhin einige Ratschläge, die Machiavelli dort an einen Herrscher gibt, durch Vlad Ţepeş umgesetzt zu sehen. Da es sich hierbei um nicht die einzige Vordatierung in Schlesaks Buch handelt, kann davon ausgegangen werden, dass sich der Autor hier ein paar Daten zurecht korrigiert hat, um ein stimmigeres Gesamtbild über Vlad den Pfähler zu entwerfen. Wenn aber Vlad Ţepeş schon keine Kenntnis von Machiavelli haben konnte, kann man sich dennoch die Frage stellen, ob Machiavelli von Vlad Ţepeş Kenntnis gehabt haben könnte und somit Elemente dessen Herrschaft in die Entwicklung des Idealtyps eines Fürsten eingeflossen sind. Oder anders formuliert: War Vlad Ţepeş „Dracula“ ein Vorbild für Machiavellis „Der Fürst“?

1.2. Quellenlage und Quellenkritik

Machiavelli als Begründer des politischen Denkens der Neuzeit erfreut sich auch heute noch einer großen Popularität, was zu einer Fülle von Publikationen geführt hat und auch immer noch führt. Vlad Ţepeş hingegen wurde erst Mitte des letzten Jahrhunderts als historische Figur „wiederentdeckt“. Zwar orientieren sich eine Vielzahl von Geschichten in Romanen und Filmen mal mehr und mal weniger an dem historischen Vorbild Vlad Ţepeş, allerdings geht es dabei um mystische Vampire und nicht um die realen Schauergeschichten, die sich während der Herrschaft Vlad III. über die Walachei ereignet haben. Seit 1897 gilt Bram Stokers Dracula als der Klassiker unter den Vampirromanen und ist seitdem auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen verarbeitet worden[6]. Erst Ende der 1960er Jahren beschäftigten sich Raymond T. McNally und Radu Florescu mit den Ursprüngen der Dracula-Geschichten und stießen dabei auf Vlad Ţepeş. In mehreren Veröffentlichungen setzen sich die beiden Autoren seit dem mit diesem Thema auseinander. Die wichtigste unter diesen ist bis heute die erstmals 1973 erschienene „In Search of Dracula“. Knapp 20 Jahre später ist eine erneuerte und aktualisierte Fassung veröffentlicht worden[7]. Ebenfalls 1973 erschienen ist die biographische Vorstudie von McNally und Florescu zu diesem Thema mit dem Titel „Dracula. A Biography of Vlad the Impaler“[8]. Zudem wurde in „Dracula, Prince of Many Faces”[9] versucht Vlad Ţepeş in den historischen europäischen Kontext einzubinden. Im Zuge dieser Pionierarbeit sind dann einige weitere Publikationen zu diesem Thema erschienen, unter anderem dann auch solche wenig fundierten, wie die bereits erwähnte von Dieter Schlesak. Der Korrektor dieser Korrektur, Michael Kroner, hat es hingegen im Jahr 2005 vorgemacht, wie es besser geht. Mit „Dracula. Wahrheit, Mythos und Vampirgeschäft“[10] ist eine sehr gute deutschsprachige Publikation zu diesem Thema herausgekommen.

Aber auch die Quellenlage zu Vlad Ţepeş ist erstaunlich vielseitig. Bedingt durch die Herstellung von billigem Papier zu jener Zeit und der Erfindung des Buchdrucks existieren heute zahlreiche Flugschriften unter denen die umfangreichste Darstellung von Michel Beheim stammt. In über tausend Versen beschreibt er mit „Von ainem wutrich der hies Trakle waida von der Walachei“[11] ausführlich Draculas Leben. Während Kroner von einer einzigen Urschrift über Vlad Ţepeş ausgeht, die von aus Transsylvanien geflohenen deutschen Mönchen angefertigt worden ist, erkennen McNally und Florescu zwar die geographischen und inhaltlichen Ähnlichkeiten aller folgenden Schriften an, gehen aber davon aus, dass es sich dabei um unterschiedliche Quellen handelt. Die Kenntnis aller Autoren von einer Urschrift legt nahe eine „mediale Vernetzung anzunehmen, wie sie in unserem Jahrhundert besteht“[12]. Außerdem spricht gegen die Theorie einer Urschrift für die beiden Autoren die Tatsache, dass die mündlich überlieferten Volkssagen rumänischer Bauern voraussetzen würden, dass diese entweder deutsch oder russisch verstehen konnten, was nicht der Fall gewesen war[13]. Darüber hinaus existieren zahlreiche Urkunden aus der Zeit Vlad Ţepeş’ deren Aufzählung den Rahmen dieser Quellenkritik sprengen würde. Hier ist erneut auf die sehr ausführliche Bibliographie in „Auf Draculas Spuren“ zu verweisen (vgl. Fußnote 6). Zu erwähnen ist allerdings noch die in Zusammenarbeit mit McNally entstandene BA Dissertation von Georgeta Ene[14]. Diese hat 1969 eine Feldstudie über rumänische Folklore bezüglich Vlad Ţepeş durchgeführt und 32 Geschichten von den Bewohnern des Dorfes Arefu in Arges, Rumänien zusammengetragen. Diese Arbeit ergänzt die schriftlichen Überlieferungen von russischen und deutschen Legenden über Dracula nicht nur durch eine rumänische Sammlung, sondern bietet auch einen Einblick inwieweit Vlad Ţepeş als Volksheld zu unserer Zeit wahrgenommen wird.

Wenngleich es bei Machiavelli nicht so lange gedauert hat, bis man sich wissenschaftlich mit seinen Leben auseinandergesetzt hat, so gab es doch auch hier einige Interpretationen, um nicht zu sagen Zuschreibungen, die zumindest debattierbar sind. Ob absichtlich oder nicht sei hier dahingestellt, aber Machiavelli wurde und wird gerne als Rechtfertigung für amoralisches Handeln herangezogen und ist deshalb auch in einigen Publikationen darauf reduziert worden. Zu den berühmtesten zählt hierbei sicherlich die „Dämonologik“ von Dolf Sternberger, aber auch der „Antimachiavell“[15] von dem König von Preußen Friedrich II. Neutrale Auseinendersetzungen sind auch hier in neuerer Zeit entstanden. So zählt die Abhandlung „Niccolò Machiavelli: die Macht und der Schein“[16] von Dirk Hoeges zu den Standardwerken über das Leben und die Werke Machiavellis. Quentin Skinners „Machiavelli zur Einführung“ ist dabei seit dem ersten Erscheinen im Jahr 1981 das internationale Standardwerk und 2004 in neuer Auflage auf Deutsch erschienen[17]. Aber auch renommierte deutsche Wissenschaftler haben sich mit Machiavelli auseinandergesetzt, zu den beiden besten Veröffentlichungen – neben der bereits erwähnten von Hoeges – zählen Wolfgang Kerstings „Niccoló Machiavelli“ und Herfried Münklers „Machiavelli“[18]. Beide sind ebenfalls erstmals in den 1980er Jahren erschienen und kürzlich im Jahr 2006 bzw. 2004 neu aufgelegt worden.

1.3. Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

Wie bereits dargestellt, ist der Grad zwischen Geschichtsschreibung und Geschichtenzuschreibung bzw. Geschichtenschreiben ein sehr schmaler. Viele Vorbilder sind für Machiavellis Fürst herangezogen worden. Und die am weitesten verbreitete These ist, dass es kein lebendes Vorbild für den Fürsten gab. Unter den vielen untersuchten Idealtypen des Principe taucht der Name Vlad Ţepeş nicht auf. Dennoch lassen sich einige Charakteristiken der Herrschaft von Ţepeş in Machiavellis Werk wiederfinden. Im Folgenden sollen diese Parallelen aufgezeigt werden. Dazu wird zunächst auf die Darstellungen Vlad Ţepeş eingegangen, wie sie in unterschiedlichen Quellen vorliegen. Grundlage bilden dabei die Publikationen von McNally und Florescu. Diese Darstellungen werden dann mit den entsprechenden Stellen in Machiavellis „Der Fürst“ verglichen. Danach wird die in diesem Werk entwickelte politische Theorie Machiavellis kurz dargestellt, um Parallelen zur Herrschaft Draculas herzustellen, da ein Abgleich, wie er in Kapitel 2 vorgenommen wird, nicht umfassend sein kann. Schließlich werden drei mögliche Vorbilder für Machiavellis Fürst, wie sie in verschiedenen wissenschaftlichen Abhandlungen dargestellt werden, kurz vorgestellt. Als mögliches viertes Vorbild wird dann Vlad Ţepeş herangezogen. Mit dieser Darstellung wird auch die These am Beispiel von Dirk Hoeges’ Publikation erläutert, dass es kein lebendes Vorbild für den Principe gab. Kapitel vier zeigt dann die Möglichkeiten auf, inwieweit Machiavelli Kenntnis von Vlad Ţepeş haben konnte und dessen Handlungen somit in den Fürsten eingeflossen sein könnten. Das letzte Kapitel fasst die gewonnenen Erkenntnisse schließlich zusammen und liefert die verschiedenen Antworten auf die gestellte Forschungsfrage.

[...]


[1] Plog 2004.

[2] ebd.

[3] ebd.

[4] Schlesak 2007.

[5] Kroner 2008.

[6] Eine sehr ausführliche Liste der unterschiedlichsten Veröffentlichungen über Vlad Ţepeş und den Dracula-Mythos inklusive einer Filmographie findet sich bei McNally/ Florescu 1995, 221ff.

[7] McNally/ Florescu 1994.

[8] McNally/ Florescu 1973.

[9] McNally/ Florescu 1989.

[10] Kroner 2005.

[11] Beheim 1968.

[12] McNally/ Florescu 1996, 88.

[13] ebd.

[14] Ene 1976.

[15] Sternberger 1978 bzw. Friedrich II. 1991.

[16] Hoeges 2000.

[17] Skinner 2004.

[18] Kersting 2006 bzw. Münkler 2004.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640225781
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119073
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,7
Schlagworte
Vlad Vorbild Machiavellis Tyrann Volkstribun

Autor

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