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Die Not des Angestellten Pinneberg ("Kleiner Mann - was nun?" von Hans Fallada)

Darstellung der gesellschaftlichen und politischen Lage Deutschlands Anfang der 1930er Jahre in Hans Falladas Roman "Kleiner Mann - was nun?" am Beispiel des Protagonisten Johannes Pinneberg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Zur Soziologie der Angestellten
1.1 Überblick über das Leben der Angestellten
1.2 Die wirtschaftliche und soziale Lage in den Jahren von 1930 bis 1932
1.3 Angestellte versus Arbeiter

2. Fallada und der Angestelltenroman
2.1 Zur Entstehung: Motivation und Intention
2.2 Gattungsfragen
2.3 Der Weg des Protagonisten

3. Die Arbeitswelt
3.1 Die Darstellung im Roman
3.2 Aus der Sicht von Johannes Pinneberg
3.3 Der Blick auf andere
3.4 Die Kollegen
3.4.1 Kube
3.4.2 Heilbutt
3.4.3 Fazit
3.5 Vitamin B

4. Biographische Aspekte

5. Literaturverzeichnis

1. Zur Soziologie der Angestellten

1.1 Überblick über das Leben der Angestellten

Siegfried Kracauer veröffentlichte 1929 im Feuilleton der Frankfurter Zeitung seine Aufsehen erregende Studie[1] „Die Angestellten. Aus dem neuen Deutschland“, in welcher er eine Berufsgruppe porträtiert, deren Situation „sich seit den Jahren vor dem Krieg von Grund auf verändert“ hat.[2] In Deutschland gab es zu dieser Zeit 3,5 Millionen Angestellte, davon 1,2 Millionen Frauen.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg wuchsen die Städte sehr stark. Dadurch wandelte sich auch die Struktur der Wirtschaft: Es entstanden neue Arbeitsfelder, die es außerhalb dieser großen Städte vorher nicht gegeben hatte. Das Zusammenleben so vieler Menschen auf verhältnismäßig kleinem Raum musste organisiert werden, was von Stadtverwaltungen und ihren Angestellten erledigt wurde. Die vielen Handels-, Finanz- und Industrieunternehmen, die sich im urbanen Raum ansiedelten, stellten u.a. kaufmännische Angestellte ein, die mit 2,25 Millionen Menschen die größte Gruppe innerhalb der Angestellten darstellte. Es folgten 1,35 Millionen Industrieangestellte und jeweils ungefähr 250.000 Büroangestellte, Techniker und Werkmeister.[3]

Die schnell wachsende Zahl der Angestellten wurde nach dem Krieg noch größer, da vor allem durch die Inflation ruinierte Selbstständige aus Handwerk und Handel in die Angestelltenberufe drängten.[4]

1.2 Die wirtschaftliche und soziale Lage in den Jahren 1930 bis 1932

„Das fundamentale Problem, das uns – fast wörtlich genommen – Tag und Nacht beschäftigt, ist das Problem der Arbeitslosen. Eine neue Plage der Menschheit, akut in der ganzen Welt, aber von einer geradezu unheimlich drückenden Schwere in Deutschland.“[5] (…)

Rede des Reichskanzlers Brüning am 28.5.1932

Bis zu den Anfängen der „goldenen Zwanziger“ von 1924 bis 1928[6] stieg die Zahl der Angestellten aufgrund der Ausdehnung des Verwaltungsapparates stetig an. Von 1925 bis 1928 jedoch beherrschte die Rationalisierung das Arbeitsleben der Angestellten, bedingt durch „das Eindringen der Maschine und der Methoden des ‚fließenden Bandes’ in die Angestelltensäle der Großbetriebe“[7] und minderte dessen Qualität erheblich.

Zusätzlich erschwerte der 1928 einsetzende Konjunkturabschwung die Lage auf dem Arbeitsmarkt, der in die Wirtschaftskrise von 1929 und in die Bankenkrise von 1931 mündete. Der Abschwung betraf zunächst Angestellte aus der Exportwirtschaft, später aus allen Branchen. Insbesondere die Bankenkrise hatte verheerende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Waren im Juni 1931 3,95 Millionen Angestellte und Arbeiter arbeitslos, so waren es im Februar 1932 bereits 6,1 Millionen.[8]

Diejenigen, die noch Arbeit hatten, mussten weitere Einschneidungen ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse hinnehmen. Der damalige Reichskanzler Brüning versuchte den Bundeshaushalt durch mit Hilfe von Notverordnungen erlassene Sparprogramme zu konsolidieren. Diese Sparprogramme sahen erhebliche Steuererhöhungen sowie den Abbau von Sozialleistungen vor. Einerseits starke Kürzungen und Einbußen beim Einkommen und auf der anderen Seite stetige Angst um den Arbeitsplatz, der entweder wegfallen oder von einem der zahllosen Arbeitslosen übernommen werden könnte, führten für die meisten Angestellten zu existenziellen Ängsten.[9]

Die Auswirkungen der allgemein vorherrschenden Unsicherheit bezüglich der Arbeitssituation waren fatal: Um den Arbeitsplatz wurde gekämpft, zum Teil mit unlauteren Mitteln. So erfährt der Leser bei Kracauer von einer Klage eines Angestellten gegen seinen Vorgesetzten, einen Unterabteilungsleiter, der „das Opfer öfters zwang, nach seinen falschen Angaben zu arbeiten“ und „daß [sic!] er ihn gegen den Abteilungsleiter und den Abteilungsleiter gegen ihn aufhetzte“.[10] Der Angestellte, der sich dagegen nicht wehren konnte, flüchtete sich in eine Trunksucht, die ihn später den Job kostete.

Problematisch, neben der schlimmen Situation auf dem Arbeitsmarkt, waren Kracauer zufolge auch die Organisationsformen der Unternehmen, die es Vorgesetzten ermöglichten, Untergebene zu schikanieren, ohne dafür von ihren Übergeordneten in die Schranken gewiesen zu werden. Denn: „Je planvoller die Organisation ist, desto weniger haben die Menschen miteinander zu tun.“[11] Das bedeutete, dass die höheren Kader kaum etwas von ihren unteren Angestellten wussten und umgekehrt.

Auf der einen Seite die schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt und die Massenarbeitslosigkeit, auf der anderen Seite die mageren Sozialleistungen kann man – wie Reichskanzler Brüning in obigem Zitat – tatsächlich als „Plage der Menschheit“ sehen; und auch die Äußerung der „unheimlich drückenden Schwere“ dieser Situation war gewiß nicht übertrieben.

1.3 Angestellte versus Arbeiter

„…der gesellschaftliche Raum, in dem wir noch die moderne Sklaverei finden…, ist heute nicht mehr der Betrieb, in welchem die große Masse der Arbeiter arbeitet, sondern dieser soziale Raum ist das Bureau.“[12]

Emil Lederer „Die Umschichtung des Proletariats“

Emil Lederer, Nationalökonom, Finanzwissenschaftler und demokratischer Sozialist[13], behauptete, „daß [sic!] die Angestellten das Schicksal des Proletariats teilen“, und auch Siegfried Kracauer schrieb, dass „die Proletarisierung der Angestellten (…) nicht zu bezweifeln [sei].“[14]

Noch im 19. Jahrhundert war der Angestellte in der gesellschaftlichen Hierarchie zwischen Arbeitgeber und Arbeiter positioniert. Er hatte eine persönliche Beziehung zu seinem Arbeitgeber, was ihm eine relative Arbeitsplatzsicherheit einbrachte. Auch in Krisenzeiten, in welchen Arbeiter entlassen wurden, konnte der Angestellte sich seiner Arbeit relativ sicher sein.

In der Regel besaß der Angestellte zumindest irgendeine Form von Schulbildung, konnte also beispielsweise lesen, was ihm die Fähigkeit einbrachte, in einem Büro zu arbeiten, während die große Masse der Arbeiter Analphabeten waren.[15] So wurden die Arbeiter Handwerker und den Angestellten andere Betätigungsfelder überlassen: „Er ‚arbeitet’ nicht in einer ‚Werkstatt’, sondern ‚verrichtet seine Tätigkeiten im Büro’“ schrieb Frans van der Ven in seinem Text „Das bürgerliche Jahrhundert“ von 1972.[16] Der persönliche Kontakt zu seinem Arbeitgeber ermöglichte es dem Angestellten, „übereinstimmend mit dessen Erwartungen das Bewusstsein zu entwickeln, dem ‚ordentlichen Stand’ zuzugehören.“[17] Allerdings schaffte der Angestellte den Sprung in den höheren Stand nicht, er blieb unter dem Bürgertum, von dem er umso stärker abhängig war als der Arbeiter. Er hatte seinem Patron zu dienen, der von ihm „ständige Bereitschaft“, also beispielsweise Überstunden erwarten konnte, im Gegenzug aber keine „Gegenleistung in Form von Belohnung und anderen Arbeitsbedingungen“ anbieten musste.[18]

Im Gegensatz dazu gab es bei den Handwerkern einen Lohn für die Leistung, z.B. die Bezahlung pro Stück. Das führte im 20. Jahrhundert dazu, dass der „Durchschnittsarbeiter, auf den so mancher kleine Angestellte gern herabsieht“[19] teilweise sogar finanziell besser gestellt war als jener Angestellte.

Kracauer schreibt, dass „Durchschnittsgehälter (…) für Ausgelernte bei unter 150 Mark anheben (…)“[20]. In einer unter Federführung von Erich Fromm durchgeführten sozialpsychologischen Untersuchung mit dem Titel „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches“, in der 584 Fragebögen - von Arbeitern und Angestellten ausgefüllt - ausgewertet wurden, verdienten 21 % laut eigener Aussage zwischen 151 und 200 Reichsmark monatlich.[21]. Der Durchschnittsverdienst der Befragten in der Altersgruppe 21 – 30 Jahre betrug 172 Reichsmark.[22]

[...]


[1] siehe hierzu: GEO Epoche S. 182

[2] Kracauer 1971, S. 212

[3] ebd. S. 212

[4] Frotscher 1983, S. 21

[5] Mayer 1978, S. 20

[6] siehe hierzu: http://www.literaturwelt.com/epochen/weimrep.html, 09.04.08

[7] Kracauer 1971, S. 213

[8] GEO Epoche S. 160

[9] Frotscher 1983 spricht sogar von einer „Angstpsychose“, S. 22

[10] Kracauer 1971, S. 233

[11] ebd. S. 234

[12] ebd. S. 213

[13] http://www.tphys.uni-heidelberg.de/Ausstellung/show.cgi?de&C&15&100, 08.04.08

[14] Kracauer 1971, S. 213

[15] Mayer 1978, S. 30

[16] ebd. S. 31

[17] ebd. S. 31

[18] ebd. S. 33

[19] Kracauer 1971, S.282

[20] Kracauer 1971, S. 214

[21] Fromm 1980, S. 82

[22] Fromm 1980, S. 83

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640225699
ISBN (Buch)
9783640227273
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119036
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe
Note
2,0
Schlagworte
Angestellten Pinneberg Kleiner Mann Hans Fallada) Literatur Weimarer Republik

Autor

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Titel: Die Not des Angestellten Pinneberg ("Kleiner  Mann - was nun?" von Hans Fallada)