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Entgrenzung der Erwerbsarbeit

Differenzierte Entwicklungen unter besonderer Berücksichtigung der Vertrauensarbeitszeit

Seminararbeit 2008 20 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entgrenzung der Erwerbsarbeit
2.1 Begriffsdefinition und -abgrenzung
2.2 Analytische Ebene
2.3 Empirische Ebene

3 Vertrauensarbeitszeit als Flexibilisierungsform der Arbeit
3.2 Vor- und Nachteile für den Arbeitgeber?..
3.3 Vor- und Nachteile für den Arbeitnehmer?
3.4 Arbeitsrechtliche Bedenken

4 Zusammenfassung und mögliche Entwicklungen

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung und Themeneingrenzung

„Arbeit ist das halbe Leben“ - Volksweisheit

Etwas mehr als acht Jahrzehnte, nachdem die Hawthorne-Experimente den Beginn der Human-Relations-Bewegung kennzeichneten und somit die Welle der Humanisierung der Arbeit in Bewegung brachten,[1] ist die Debatte um den Wandel der Arbeitsverhältnisse disziplinen-übergreifend in den akademischen Kreisen westlicher Industrieländer angekommen. Stichworte wie Re-Taylorisierung, Selbstausbeutung, Subjektivierung der Arbeit, oder Job-Enlargement sind dabei nicht nur moderne betriebswirtschaftliche Semantik. Die Änderung des Diskurses zeigt vielmehr an, in welchem Maße sich die heutigen Beschäftigungsverhältnisse und das moderne Personalmanagement von den in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gewonnenen personalwirtschaftlichen Erkenntnissen, die den Menschen gewissermaßen als den Mittelpunkt der Organisation sahen, entfernt haben.

In diesem Zusammenhang erregt die Diskussion um die Entgrenzung der Erwerbsarbeit besondere Aufmerksamkeit nicht nur auf dem Feld der akademischen Forschung. Die Frage, was passiert, wenn Arbeit nicht mehr nur das halbe Leben in Anspruch nimmt, sondern immer mehr auch den privaten Bereich des Arbeitnehmers erobert, birgt eine gesellschaftliche Brisanz in sich, die Wissenschaftler genauso wie die Praktiker in Betrieben interessieren dürfte. Die Antwort darauf ist dort von immenser Bedeutung, wo sich die Bereitschaft zur Arbeitsleistung einerseits und Bedürfnis nach Erholung von der Arbeit in seinen zahlreichen Facetten andererseits kreuzen. Die spannende (aber keinesfalls rhetorische) Frage, ob beide Aspekte optimal zu ihrer Geltung kommen können, wenn dessen Schnittpunkt die fragile sog. Work-Life-Balance verschiebt, ist nur eine der vielen, auf die die Sozialwissenschaft derzeit eine Antwort sucht.

Das Ziel dieser Arbeit wird es sein, anhand von flexiblen Arbeitszeitmodellen – insbesondere der Vertrauensarbeitszeit (VAZ) – aufzuzeigen, auf welche Weise in der Praxis die Entgrenzung der Arbeit stattfindet. Eine ansatzweise Übersicht der bislang geleisteten theoretischen und empirischen Untersuchungen auf dem Gebiet der „Entgrenzung“ im Allgemeinen wird dabei Gegenstand einer kritischen Würdigung sein. Ferner wird im Rahmen der Betrachtung des Modells der VAZ der Versuch unternommen, eine Analyse der konkreten Vorteile und Nachteile durchzuführen, die für Arbeitgeber und Arbeitnehmer damit verbunden sind. Auf Grund des eingeschränkten Umfangs dieser Arbeit wird es dabei nur ansatzweise möglich sein, auf die vielschichtigen Mechanismen der Entgrenzung der Arbeit und der VAZ einzugehen, die oft im Verborgenen ihre ganze Bedeutsamkeit entfalten und sich damit eher als Gegenstand für umfangreichere empirische Untersuchungen anbieten.

2 Entgrenzung der Erwerbsarbeit

„Der Feierabend ist heute – wie Übergewicht, Rauchen und schlechte Haut – ein Unterschichtenphänomen“ Adam Soboczynski[2]

So leicht es ist, den Begriff der Entgrenzung mit der Aufhebung bestehender Grenzen zwischen dem Berufs- und Privatleben zu definieren, so schwierig gestaltet sich die Suche nach deren Ursachen, Triebkräften und Wirkungsmechanismen. Während die bislang unternommenen analytischen Überlegungen und vor allem empirischen Untersuchungen noch viel Raum für weitere Erforschung lassen sind die Antworten, die bei dieser Suche herauskommen könnten, aus mehreren Gründen bedeutsam.

Zum einen verläuft die Suche nach den Ursachen der Entgrenzung parallel zur Erforschung des Wandels der modernen Industrie- und Beschäftigungsbeziehungen. Insofern könnte die Sozialwissenschaft hierbei nicht nur wichtige Hinweise darauf liefern, ob und in welchem Maße sich die Arbeitsbedingungen im spätindustriellen Zeitalter geändert haben, sondern auch weitere Entwicklungen auf diesem Gebiet antizipieren. Zum anderen ist das Phänomen der Entgrenzung insbesondere für empirische Forschung und somit auch für die betriebliche Praxis selbst von Interesse. Denn sollte die Annahme stimmen, dass man von einem Paradigmenwechsel in der Ausgestaltung der Arbeit ausgehen muss,[3] lautet die spannende Frage, wie sich diese Tatsache auf Größen wie Arbeitsmotivation, -zufriedenheit und -verhalten der Arbeitnehmer auswirkt. Weil der Wandel der Beschäftigungsverhältnisse jedoch auch eine sozialpolitische Komponente besitzt – mit entsprechender Sprengkraft – ist es umso wichtiger, hierbei präzise zu argumentieren und sachkundig zu differenzieren. In diesem Zusammenhang bedeutet das vor allem die Beantwortung zweier Fragen: Welche Veränderungen der Arbeit genau kann man unter den Begriff Entgrenzung subsumieren und welche Arbeitnehmer sind hiervon betroffen? Ferner – wird die Arbeit immer entgrenzter und falls ja, nur weil die Arbeitnehmer auf den einseitigen Druck der Arbeitgeber reagieren?

2.1 Analytische Überlegungen

Die Antworten auf die vielleicht offensichtlichsten Fragen nach der Aktualität und dem Umfang der Entgrenzungserscheinungen drängen sich einem geradezu auf: Die explosionsartige Zunahme an Veröffentlichungen zu diesem Thema, die in den letzten Jahren zu beobachten ist, suggeriert sowohl, dass es sich um ein neues Phänomen des Arbeitslebens handelt, als auch, dass dieses einen flächendeckenden Einzug in das Berufsleben gefunden hat. Tatsächlich kann ein Wandel der Produktion und der Arbeit, wie ihn etwa Boysen konstatiert,[4] nicht ohne Auswirkungen auf die Form und den Inhalt der modernen Beschäftigungsverhältnisse bleiben. Beschränkt sich die Betrachtung der Aktualität der Entgrenzung der Arbeit jedoch nur auf den Begriff des Arbeitnehmers, wie wir ihn erst seit Industrialisierungszeiten kennen, greift der Gedanke, dass wir es hier mit einem neuen Phänomen zu tun haben, möglicherweise zu kurz.

Denn obwohl die Erforschung der menschlichen Arbeit zu den neueren wissenschaftlichen Disziplinen gehört, ist die Arbeit in ihren verschiedensten Ausprägungen - neben der Befriedigung physiologischer Bedürfnisse - die konstanteste Betätigung des Menschen durch die Geschichte gewesen, sowie eine der Hauptquellen deren Zufriedenheit.[5] Insofern ist bei der Beantwortung der Aktualitätsfrage auch von Interesse, ob etwa die Arbeit von Sklaven, Kleinstbauern im Feudalsystem, oder gar Gutsherren und den ersten Manufakturisten, um auch die archaischen „Manager“ in die Betrachtung einzubeziehen, ebenfalls entgrenzt war. Mit anderen Worten: Hatten diese Menschen Feierabend, also einen von der Arbeit strikt abgetrennten Tagesabschnitt? Bedenkt man, dass der Begriff Feierabend an sich ein relativ neuer ist wird schnell ersichtlich, dass eine wirkliche Trennung zwischen dem beruflichen und dem privaten Lebensbereich eine Errungenschaft der modernen Gesellschaften ist, keinesfalls eine historische Selbstverständlichkeit.[6]

Eine Beschränkung des Untersuchungsrahmens auf die modernen abhängig Beschäftigten macht evident, dass eine weitere Differenzierung nötig ist. Die hochqualifizierten Beschäftigten, Manager oder Selbstständige des letzten Jahrhunderts mögen vielleicht über keine Handys und Internet verfügt haben, die ihre freie Zeit stets zur Disposition gestellt hätten. Dafür mag ihre Verantwortung für den Erfolg oder Misserfolg eines geschäftlichen Projekts nicht kleiner gewesen sein, als diejenige ihrer Kollegen auf vergleichbaren Positionen heute. Es bedarf aus diesem Grund keiner soziologischen Studie, um sich vorzustellen, dass „auch mal Arbeit mit nach Hause nehmen“, oder „das eine oder andere Wochenende mit der Familie opfern“ ebenfalls keine Erfindungen der heutigen Führungskräfte sind. Webers berühmt gewordene Überlegungen zu Fragen des Arbeitsethos lassen desgleichen vermuten, dass eine leistungsorientierte Einstellung in den westlichen Gesellschaften bereits damals verbreitet war.[7] In Hinblick auf den Wirkungsradius der Entgrenzung von Arbeit stellt sich jedoch die Frage, ob man diese Parallelität auch im unteren und mittleren Qualifikationsbereich feststellen kann. Stimmt also der Eindruck, dass die Arbeit durchgreifend immer mehr entgrenzt wird, oder sind davon, um es mit provokativen Worten aus dem Zitat am Anfang dieses Kapitels auszudrücken, nur bestimmte „Schichten“ betroffen?

Die wenigen empirischen Untersuchungen, die bislang zu diesem Thema durchgeführt wurden, deuten jedenfalls darauf hin, dass sich die Arbeitsbedingungen für die Mehrheit der Beschäftigten – eben jene in der Mitte - in den letzten Jahrzehnten kaum verändert haben.[8]

[...]


[1] Sehr aufschlussreich über die Experimente selbst und darauffolgende Entwicklung des Human- Relations-Ansatzes berichtet der amerikanische Industriesoziologe Richard Gillespie. Vgl. hierzu Gillespie, Manufacturing knowledge, Cambridge, 1991.

[2] Aus dem etwas gewagten, aber sehr unterhaltsamen Artikel „Der Feierabend hat Feierabend“, in dem das Phänomen der Entgrenzung thematisiert wird. Zitiert aus dem ZEIT Magazin Leben, Heft Nr. 36, 2008, S. 16.

[3] Vgl. Neubert/Thomas, Das Arbeitszeitmodell „Vertrauensarbeitszeit“ in der Praxis, zfo, Heft Nr. 4, 2005, S. 211; Müller-Jentsch, Soziologie der Industriellen Beziehungen, 2. Aufl., Frankfurt, 1997.

[4] Vgl. hierzu Boysen, Wandel der Arbeit – Identität und Identifikation zwischen Lebens- und Arbeitswelt, zfwu, Heft 1, 2000, S. 87.

[5] Siehe auch Martin, Funktionsbedingungen der Neuen Beschäftigungsverhältnisse, Zeitschrift für Personalforschung, Heft 4, 2002, S. 491; Becker/Langosch, Produktivität und Menschlichkeit, 4. Aufl., Stuttgart, 1995, S. 349f.

[6] Vgl. hierzu Martin, S. 491; zur historischen Entwicklung des Begriffs Feierabend vgl. Prahl, Soziologie der Freizeit, Paderborn, 2002.

[7] Vgl. Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Erftstadt, 2005.

[8] Vgl. Wagner, Krise des „Normalarbeitsverhältnisses“?, in: Geringere Löhne – mehr Beschäftigung?, Hamburg, 2000, S. 200 ff.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640225620
ISBN (Buch)
9783640227228
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v119025
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Department für Wirtschaft und Politik
Note
1,0
Schlagworte
Entgrenzung Erwerbsarbeit Interdisziplinärer Grundkurs

Autor

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