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Das radikal Böse bei Immanuel Kant und die Banalität des Bösen bei Hannah Arendt

Hausarbeit 2008 55 Seiten

Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Böse
1.1 Begriff und Definition des Bösen

2. Das radikal Böse bei Immanuel Kant
2.1 Von der Einwohnung des bösen Prinzips neben dem guten: oder über das radikal Böse in der menschlichen Natur
2.2. Von der ursprünglichen Anlage zum Guten in der menschlichen Natur
2.3. Von dem Hange zum Bösen in der menschlichen Natur
2.4 Der Mensch ist von Natur böse
2.5 Vom Ursprung des Bösen in der menschlichen Natur
2.6 Von der Wiederherstellung der ursprünglichen Anlage zum Guten in ihre Kraft

3. Die Banalität des Bösen bei Hannah Arendt
3.1 Eichmann und der ‚Kategorische Imperativ für den Hausgebrauch’
3.2 Das Denken
3.3 Das Wollen
3.4 Das Urteilen
3.5 Freiheit und Verantwortung

4. Grundlagen des moralischen Handelns bei Immanuel Kant und Hannah Arendt
4.1 Die Persönlichkeit bei Immanuel Kant und Hannah Arendt
4.1.1 Die Persönlichkeit bei Immanuel Kant
4.1.2 Die Persönlichkeit bei Hannah Arendt
4.1.3 Moralisches Gefühl versus Ergebnis des Denkens
4.2 Das Gewissen bei Immanuel Kant und Hannah Arendt
4.2.1 Das Gewissen bei Immanuel Kant
4.2.2 Das Gewissen bei Hannah Arendt
4.2.3 Kultivierte Pflicht versus moralische Vorschrift
4.3 Kant: Mit Vernunft und Hoffnung gegen das radikal Böse
4.4 Arendt: Mit moralischen Kompetenzen gegen die Banalität des Bösen

5. Schluss
5.1 Resümee oder: Geliebte Pflicht versus verantwortliches Denken
5.2 Ausblick oder: Was sollen wir tun?

6.1 Siglen

Einleitung

„Εναντίον δέ έοτιν άγαθώ μεν έξ άναγκης κακόν.“[1]

Gegenüberliegend ist dem »gut« notwendig das »schlecht«.

Dem Guten wie dem Schlechten oder dem Bösen eignet keine präzise und allgemeingültige Bestimmung. Die Begriffe bilden eine Entgegensetzung, so sind Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit gegenüberliegende Gegensätze die einer Seinsgattung angehören und, nach Aristoteles, in der menschlichen Seele auftreten. Im Unterschied dazu sind »gut« und »böse« >nicht in einer Gattung, sondern das sind selbst Seinsgattungen von anderem.<[2] Damit ist gesagt, dass das Böse in unterschiedlicher Weise ausgesagt werden kann. Es kann ebenso »ein böses Geschwür« wie »eine böse Handlung« bezeichnen. Diese Arbeit betrachtet und diskutiert Positionen des moralisch Bösen.

Das moralisch Böse ist bei Immanuel Kant ein radikal Böses in der menschlichen Natur. Hannah Arendt prägte – für das moralisch Böse - im Anschluss an ihre Auseinandersetzung mit dem »Fall Eichmann« den Begriff der Banalität des Bösen. In beiden Moralkonzeptionen geht es um die menschliche Fähigkeit Recht von Unrecht zu scheiden, die Möglichkeit gut oder böse sein zu können. Das gute wie das böse Handeln stellen Seinsmöglichkeiten der Menschen dar und so geht es, bei Kant und Arendt, um die Auseinandersetzung angesichts des Bösen das Gute zu erkennen, zu wollen und zu tun.

Diese Arbeit gliedert sich in fünf Teile. Nach einer kurzen Einführung in den Begriff und die Definition des Bösen wird im zweiten Kapitel die Entwicklung des Begriffs des radikal Bösen bei Immanuel Kant beschrieben. Dies geschieht auf der Grundlage seiner Moralphilosophie und vor allem an Hand der Schrift: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft von 1793. Der dritte Abschnitt zeigt die Argumentation, die Hannah Arendt für die Entwicklung der »Linie der moralischen Kompetenzen« geltend macht. Die Entfaltung ihrer Moralkonzeption geschieht vor dem Hintergrund der Philosophie Kants. Textgrundlage ist hier vor allem ihre Vorlesung zu Fragen der Ethik aus dem Jahre 1965: Über das Böse. Im vierten Kapitel werden die Differenzen der Denkmodelle von Kant und Arendt an Hand der Konzeptionen der Persönlichkeit, des Gewissens, der Vernunft und der Kompetenzen im Hinblick auf die Grundlagen und Motivationen für moralisches Handeln, diskutiert. Der abschließende fünfte Abschnitt resümiert die vorgetragenen Positionen und stellt die Frage: Was sollen wir tun? im Sinne eines Ausblicks.

1. Das Böse

„Das Böse ist ein Begriff, der nicht präzise zu bestimmen ist; [...] Das Böse ist der Inbegriff dessen, was schlechthin abzulehnen, verworfen werden muss, was zum Unglück und Leiden führt.“[3]

Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit dem moralisch Bösen ist sowohl bei Immanuel Kant als auch bei Hannah Arendt die Evidenz des Bösen in der Erfahrung. Die unmittelbare Gewissheit des anschaulich Eingesehenen lässt das Böse zu einem Gegenstand des notwendig zu Denkenden werden. Für Kant liefert die von ihm geltend gemachte

„...Menge schreiender Beispiele, [...] [der] Erfahrung...“[4]

einen ausreichenden Grund das radikal Böse nicht zu übergehen.

Auch für Hannah Arendt ist das Böse evident. Exemplarisch beschreibt sie den »Fall Eichmann« als eine

„...Lektion in Sachen menschlicher Verruchtheit, der wir beigewohnt hatten – das Fazit von der furchtbaren Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert.“[5]

1.1 Begriff und Definition des Bösen

„...böse drückt sehr oft den gegensatz des guten oder nützlichen, frommen, das untaugende, nichtsnutze aus. [...] In so allgemeinem ausdruck kann es bald nur eine schwierige, bedenkliche, misliche sache, bald eine ungerechte, verworfene, schlechte bezeichnen.“[6]

Dies ist die Bedeutung des Begriffs Böse in Grimms Wörterbuch. Auffällig ist, dass hier nicht ausdrücklich auf den moralischen Sinn hingewiesen wird. Die Bedeutung des Begriffs hat sich in neuerer Zeit auf den Gebrauch des moralischen Sinnes von Böse verschoben. Als böse wird demnach bezeichnet, was >als »schlecht, schlimm oder übel«. Entweder a) in einem moralischen Sinn verwerflich, bezogen auf einen Menschen, eine Tat oder eine Absicht. Oder b) in einem allgemeinen Sinn, etwa »ein böser Traum«, »eine böse Ahnung«, »ein böses Ende« ist.<[7] Das Böse gilt als das, was schadet oder als Schaden selbst. Das Böse gilt als zerstörerisch, aggressiv, bedrohlich und gefährlich. Es stellt das ohne Einschränkung Schlechte dar. Dem moralisch Bösen diametral ist das moralisch Gute. >Die Annahme einer entsprechenden Negativität ist nicht vorstellbar, ohne dass ein entsprechender positiver Wert negiert würde.<[8]

In einer ersten Annäherung an den Begriff des Bösen kann das moralisch Böse durch folgende Kennzeichen definiert werden: es gilt als eine absichtliche, bewusste und an sich schlechte Handlung, diese Handlung ist nicht zu rechtfertigen und, da die Menschen frei sind in ihren Handlungen, ist sie den Handelnden zuzurechnen. Der Ausgangspunkt einer so verstandenen bösen Handlung liegt in einer bösen Gesinnung oder einem bösen Willen. Hans-Jörg Ehni verortet die >Grundelemente der alltagssprachlichen Wortbedeutung des moralisch Bösen in seiner Zurechenbarkeit und seiner uneingeschränkten Negativität.<[9]

2. Das radikal Böse bei Immanuel Kant

„Die Moral, sofern sie auf den Begriff des Menschen, als eines freien, eben darum aber auch sich selbst durch seine Vernunft an unbedingte Gesetze bindenden Wesens, gegründet ist, bedarf weder der Idee eines anderen Wesens über ihm, um seine Pflicht zu erkennen, noch einer anderen Triebfeder als des Gesetzes selbst, um sie zu beobachten. [...] Sie bedarf also zum Behuf ihrer selbst [...] keineswegs der Religion, sondern, vermöge der reinen praktischen Vernunft, ist sie sich selbst genug.“[10]

Dies ist die einleitende Bestimmung der Moral in Immanuel Kants Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Kant stellt in seiner Religionsschrift das Verhältnis des guten und bösen Prinzips vor, die beide für sich bestehen und als wirkende Ursachen den Menschen beeinflussen. Er erörtert in der Vorrede zur ersten Auflage von 1793 sein Vorhaben, das in der Denkmöglichkeit des Guten angesichts des Bösen in der menschlichen Natur besteht. Die Religion ist hier kein Gegenstand des Wissens, der objektiven Erkenntnis, sondern eines philosophisch begründeten Hoffens. Kant verstand seine Schrift als Versuch einer Antwort auf die Frage: Was darf ich hoffen? Die Frage nach dem, was der Mensch hoffen darf, >setzt die nach dem sittlich gesollten fort. Erst beide Fragen zusammen stecken den Bereich des menschlichen Handelns ab.<[11] Kant beschreibt den Standort seiner Abhandlung mit dem Bild von zwei konzentrischen Kreisen, bei der sich die Vernunftreligion innerhalb der Grenzen der Offenbarungsreligion befindet.[12] Er entwickelt in der Religionsschrift keine positive Religion aus reiner Vernunft, sondern zeigt, wie Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft möglich ist. Kant ist der Auffassung, dass

„...eine Religion, die der Vernunft unbedenklich den Krieg ankündigt, es auf die Dauer gegen sie nicht aushalten [wird].“[13]

Der entscheidende Gedanke ist, dass die Moral, die uns durch das Sittengesetz als oberstes, unbedingt zu befolgendes und gebietendes Gesetz durch die Vernunft unmittelbar gegeben und einsichtig sei, keines Zweckes außer ihr bedürfe und der Religion vorangehe. Die Moral

„...bedarf keines Zwecks, weder um, was Pflicht sei, zu erkennen, noch dazu, dass sie ausgeübt werde...“[14]

Die Moral für sich selbst benötige folglich keine Zweck vorstellung, die der Willensbestimmung vorhergehen müsse. Die Menschen benötigten jedoch zur Willensbestimmung eine Zweck beziehung. Dies nicht als vorhergehender Grund, sondern als Folge ihrer Bestimmung.

„So bedarf es zwar für die Moral zum Rechthandeln keines Zwecks, sondern das Gesetz [...] ist ihr genug. Aber aus der Moral geht doch ein Zweck hervor; denn es kann der Vernunft doch unmöglich gleichgültig sein, wie die Beantwortung der Frage ausfallen möge: w a s a u s d i e s e m u s e r e m R e c h t h a n d e l n h e r a u s k o m m e...“[15]

Die Religion ist

„...zwar nur eine Idee von einem Objekte, welches...“[16]

die Zwecke, die wir haben sollen, das menschliche Streben nach Glückswürdigkeit, das unsere Pflicht ist, mit den Zwecken, die wir haben, der Glückseligkeit, vereinigt.

„...diese Idee geht aus der Moral hervor, und ist nicht die Grundlage derselben...“[17]

Die Idee vermag es die Zweckmäßigkeit der Freiheit und die Zweckmäßigkeit der Natur zu verbinden. Die Verbindung gestattet die Denkmöglichkeit der Moral und die Umsetzung der Handlung in die Praxis. Sie ist

„...die Idee eines höchsten Guts in der Welt, zu dessen Möglichkeit wir ein höheres, moralisches, heiligstes und allvermögendes Wesen annehmen müssen...“[18]

Kant führt aus, dass diese Idee nicht leer sei, weil sie unserem natürlichen Bedürfnisse entspräche, uns bei all unseren Handlungen einen von der Vernunft gerechtfertigten Endzweck zu denken. Das Fehlen eines Endzweckes beschreibt Kant als ein

„...Hindernis der moralischen Entschließung.“[19]

Es geht darum, dass sich die Moral einen Begriff von einem Endzweck aller Dinge mache,

„...weil dadurch allein der Verbindung der Zweckmäßigkeit aus Freiheit mit der Zweckmäßigkeit der Natur, deren wir gar nicht entbehren können, objektiv praktische Realität verschafft werden kann.“[20]

Der Endzweck sei derjenige Zweck, der die unumgängliche und gleichzeitig zureichende Bedingung aller übrigen Zwecke enthalte. Eigene Glückseligkeit sei der subjektive Endzweck, den jeder aufgrund seiner Natur habe, er sei jedoch nicht derjenige, den wir haben sollen. Der Endzweck, den sich jedermann machen solle, sei das höchste in der Welt mögliche Gut und

„...an diesem Zwecke nun, [...] sucht der Mensch etwas, was er l i e b e n kann..."[21]

Für die Menschen sei dieser Endzweck durch die Moral bewirkt und folge, zusätzlich zu seinen Pflichten, dem Bedürfnisse des Erfolges derselben als Gedanken. Kant resümiert:

„Moral also führt unumgänglich zur Religion, wodurch sie sich zur Idee eines machthabenden moralischen Gesetzgebers außer dem Mensch erweitert, in dessen Willen dasjenige Endzweck (der Weltschöpfung) ist, was zugleich der Endzweck des Menschen sein kann und soll.“[22]

Das kann nur in dem Sinne gemeint sein, der nicht die Eigenständigkeit der Moral beeinträchtigt, sondern nur so,

„...dass zwischen Vernunft und Religion nicht bloß Verträglichkeit, sondern auch Einigkeit anzutreffen sei.“[23]

2.1 Von der Einwohnung des bösen Prinzips neben dem guten: oder über das radikal Böse in der menschlichen Natur

„Was der Mensch im moralischen Sinne ist, oder werden soll, gut oder böse, dazu muss er s i c h s e l b s t machen, oder gemacht haben. Beides muss eine Wirkung seiner freien Willkür sein; denn sonst könnte es ihm nicht zugerechnet werden, folglich er weder moralisch gut noch böse sein“[24]

>Das Böse findet sich nicht nur bei diesem oder jenem Individuum, sondern bei der ganzen Gattung und geht allen einzelnen Handlungen voraus. Trotzdem entspringt es nicht einer biologischen Anlage, sondern kann der Freiheit des Menschen zugerechnet werden.<[25] So ist es ein wesentlicher Gedanke Kants, dass der erste subjektive Grund der Annahme der Maximen nicht bestimmbar sei, er sei undenkbar, oder, wie Kant formuliert, unvordenklich. Diese Unvordenklichkeit sei für die Natur der Menschen denknotwendig. Natur bezeichnet hier bei Kant nicht naturgesetzlich bestimmt, sondern

„...unter der Natur des Menschen [ist hier] nur der subjektive Gebrauch seiner Freiheit überhaupt (unter objektiven moralischen Gesetzen), der vor aller in die Sinne fallenden Tat vorhergeht...“[26]

zu verstehen. Damit dem Menschen dieser Grund zugerechnet werden könne, müsse er ein Akt der Freiheit sein. Somit könne der Grund des moralisch Bösen in keinem Naturtrieb liegen,

„...sondern nur in einer Regel, die die Willkür sich selbst für den Gebrauch ihrer Freiheit macht, d.i. in einer Maxime...“[27]

>Die Freiheit, von Naturkausalität ungenötigt eine Handlung spontan „von selbst“ anzufangen, ist Bedingung der Zurechenbarkeit von Handlungen und somit auch oberste Bedingung aller Autonomie in der Kantischen Moralphilosophie insgesamt.<[28] Der Grund der Annehmung einer Maxime müsse unerforschlich sein, weil diese Annehmung frei sei. Ein Bestimmungsgrund der freien Willkür könne und solle nicht angeführt werden, da dies unweigerlich zu einem regressus ad infinitum führte. Die Annehmung der Maximen kennzeichne den Menschen in seiner Gattung und drücke gleichzeitig seinen Charakter aus. Das Böse gilt Kant als Gattungsmerkmal, dieser Charakter sei dem Menschen angeboren, wobei eben nicht die Natur die Schuld dafür trage, sondern der Mensch selbst sei Urheber derselben. Die Annehmung unserer Maximen könne uns nicht in der Erfahrung gegeben werden:

„...so heißt das Gute oder Böse im Menschen [...] bloß in dem Sinne angeboren, als es vor allem in der Erfahrung gegebenen Gebrauche der Freiheit [...] zum Grunde gelegt wird, und so, als mit der Geburt zugleich im Menschen vorhanden, vorgestellt wird: nicht dass die Geburt eben die Ursache davon sei.“[29]

Kant bezieht sich hier auf die Unterscheidung von intelligibler und sensibler Tat. Die intelligible Tat ist nur durch Vernunft zu erkennen und unterliegt keiner Zeitbedingung. Die sensible Tat ist empirisch, und in der Zeit gegeben. Dennoch sind die Menschen die Urheber der intelligiblen Taten. Diese Tat ist eine nicht empirisch und nicht zeitlich-kausal zu denkende Entscheidung des ersten subjektiven Grundes der Annahme der Maximen. >Es ist diejenige Entscheidung, die keine Zeit gekostet hat.<[30] Wir können sie uns als unvordenkliche aber denknotwendige Entscheidung über Zustimmung oder Ablehnung des Sittengesetzes vorstellen.

Für Kant ist der Mensch, von Natur, entweder moralisch gut oder moralisch böse. Dies begründet er mit der Beschaffenheit der Freiheit der Willkür, die

„...durch keine Triebfeder zu einer Handlung bestimmt werden kann, a l s n u r s o f e r n d e r M e n s c h s i e i n s e i n e M a x i m e a u f g e n o m m e n h a t [...] so allein kann eine Triebfeder [...] mit der absoluten Spontaneität der Willkür (der Freiheit) zusammen bestehen.“[31]

Der Mensch habe entweder die Triebfeder der Vernunft, das moralische Gesetz, zu seiner Maxime gemacht, oder die Abweichung davon in seine Maxime aufgenommen. So könne der Mensch niemals moralisch indifferent sein. >Mit dem Ausschluss der Möglichkeit eines zwischen gut und böse indifferenten Willens (= 0 zwischen +A und –A)[32], wird deutlich, dass gut und böse für den Menschen keineswegs gleichberechtigte Alternativen freier Wahl sind, sondern das Böse nur die Umkehrung des guten Prinzips (-A) darstellt.<[33]

2.2. Von der ursprünglichen Anlage zum Guten in der menschlichen Natur

„Es ist, als ob sie [die Menschen] in sich eine Stimme wahrnähmen, es müsse anders werden;“[34]

Kant unterteilt die Anlagen zum Guten in der menschlichen Natur in drei Klassen.

„1) Die Anlage für die T i e r h e i t des Menschen, als eines l e b e n d e n;
2) Für die M e n s c h h e i t desselben, als eines lebenden und zugleich v e r n ü f t i g e n;
3) Für seine P e r s ö n l i c h k e i t, als eines vernünftigen und zugleich der Z u r e c h n u n g f ä h i g e n Wesens.“[35]

Diese Anlagen stehen in einer Rangfolge. Die Anlage für die Tierheit gründet

„...auf der physischen und bloß m e c h a n i s c h e n Selbstliebe, d.i. einer solchen [...] wozu nicht Vernunft erforderlich wird.“[36]

Diese Anlage sei dreifach bestimmt, erstens durch die Selbsterhaltung, zweitens die Erhaltung der eigenen Art durch Fortpflanzung und drittens durch den Trieb zur Gesellschaft.

„Auf sie können allerlei Laster gepfropft werden...“[37]

Die in der Rangfolge zweite Anlage, die für die Menschheit ist die

„...der physischen, aber doch v e r g l e i c h e n d e n Selbstliebe (wozu Vernunft erfordert wird) [...] Hierauf [...] können die größten Laster [...] gepfropft werden“[38]

Diese Laster sieht Kant im Neid, der Undankbarkeit, der Schadenfreude etc. und bezeichnet sie als

„...Laster der Kultur...“[39]

Wesentlich ist bei diesen beiden Anlagen, dass sie Anlagen zum Guten sind und die Laster nicht in ihnen liegen, sondern von außen auf sie gepfropft werden.

„Die Anlage für die P e r s ö n l i c h k e i t ist die Empfänglichkeit der Achtung für das moralische Gesetz, a l s e i n e r f ü r s i c h h i n r e i c h e n d e n T r i e b f e d e r d e r W i l l- k ü r. [...] worauf schlechterdings nichts Böses gepfropft werden kann.“[40]

Auf diese dritte Anlage wird im Kapitel über die Persönlichkeit näher eingegangen, hier gilt es festzuhalten, dass die beschriebenen drei Anlagen zum Guten sich in unterschiedlicher Weise auf den Gebrauch der Vernunft beziehen und nur für die ersten beiden die Möglichkeit besteht sie durch Ausartungen zu belasten. Alle drei Anlagen gehören zur menschlichen Natur, da sie notwendig zur Möglichkeit der Menschen gehören und sind daher ursprünglich und nicht auszurotten. Zu Beginn des Zweiten Stücks der Religionsschrift erklärt Kant explizit, dass der wahre Feind des Sittengesetzes nicht, wie die Stoiker annahmen, in den Neigungen besteht. Das Böse liege in der verkehrten Maxime und sei also in der Freiheit selbst zu suchen. Die Neigungen

„...erschweren nur die A u s f ü h r u n g der entgegengesetzten guten Maxime; das eigentliche Böse aber besteht darin, dass man jenen Neigungen, wenn sie zur Übertretung anreizen, nicht widerstehen w i l l, und diese Gesinnung ist eigentlich der wahre Feind.“[41]

>Die Gesinnung bestimmt die Annehmung der Maximen.<[42] Und so sind die >Bösen Maximen der zurechenbare Grund böser Handlungen.<[43] Die natürlichen Neigungen seien an sich selbst gut und es wäre tadelhaft sie ausrotten zu wollen.

„Nur das Moralisch-Gesetzwidrige ist an sich selbst böse [...] und muss ausgerottet werden...“[44]

2.3. Von dem Hange zum Bösen in der menschlichen Natur

„Man nennt aber einen Menschen böse, nicht darum, weil er Handlungen ausübt, welche böse (gesetzwidrig) sind; sondern weil diese so beschaffen sind, dass sie auf böse Maximen in ihm schließen lassen.“[45]

Von den Anlagen zum Guten setzt Kant die Darstellung des Hangs zum Bösen ab. Unter einem Hang versteht er

„...den subjektiven Grund der Möglichkeit einer Neigung [...], sofern sie für die Menschheit überhaupt zufällig ist.“[46]

Der Hang sei die Prädisposition, die Veranlagung einen Genuss zu begehren und, wenn der Mensch die Erfahrung dieses Genusses gemacht habe, dann bringe dieser Hang eine Neigung dazu hervor. Was unterscheidet eine Anlage von einem Hang? Die Anlagen gehören notwendig zum Wesen eines Menschen, während der Hang für die Menschheit überhaupt zufällig ist. Ein Hang könne zwar angeboren sein, dürfe aber nicht als solcher vorgestellt werden.

„...sondern auch (wenn er gut ist) als e r w o r b e n, oder (wenn er böse ist) als von dem Menschen selbst sich z u g e z o g e n gedacht werden kann.“[47]

Kant geht es hier um den Hang zum moralischen Bösen, dieser sei nur als Bestimmung der freien Willkür möglich und könne nur, als gut oder böse, durch ihre Maximen beurteilt werden. >Bedingung der Möglichkeit des Bösen ist somit seine Freiheit von naturkausaler Nötigung und damit Zurechenbarkeit, sowie die Freiheit, bei Annehmung der Maximen anderer Triebfedern als das moralische Gesetz in dieselben aufzunehmen.<[48] Der Hang zum moralisch Bösen bestehe somit in der Möglichkeit der Abweichung der Maximen vom moralischen Gesetz (-A). Wenn dieser Hang allgemein zum Menschen gehöre, zum Charakter seiner Gattung, dann könne er

„...ein n a t ü r l i c h e r Hang des Menschen zum Bösen genannt werden...“[49]

Im folgenden beschreibt Kant drei Stufen dieses Hanges zum Bösen, die wieder eine Rangfolge darstellen. Die erste Stufe sei die Gebrechlichkeit des Willens oder Willensschwäche, die zweite die Unlauterkeit und die dritte Stufe sei die Bösartigkeit oder Verderbtheit der Gesinnung. Die erste Stufe beschreibt den Menschen, der das Gesetz in die Maxime seiner Willkür aufgenommen hat und für den es objektiv eine unüberwindliche Triebfeder ist, die sich jedoch, wenn er handelt, subjektiv als die schwächere erweist. In der zweiten Stufe handelt es sich um Handlungen, die zwar pflichtgemäß ausgeführt werden, die jedoch nicht rein aus Pflicht getan werden. Die dritte Stufe, so Kant, könne auch

„...die Verkehrtheit (perversitas) [...] heißen, weil sie die sittliche Ordnung in Ansehung der Triebfedern einer f r e i e n Willkür umkehrt...“[50]

Hierdurch wird die

„...Denkungsart [...] in ihrer Wurzel (was die moralische Gesinnung betrifft) verderbt, und der Mensch darum als böse bezeichnet.“[51]

Kant erläutert, dass jeder Hang entweder physisch oder moralisch sei. Im ersten Sinne gehöre er zur Willkür des Menschen als Naturwesen, im zweiten Sinne gehöre er zur Willkür des Menschen als moralischem Wesen. Da der Hang zum Bösen aus der Freiheit entspringen müsse, könne es im ersten, kausal bedingten Sinne keinen Hang zum Bösen geben.

Den Menschen seien nun immer nur ihre Taten zuzurechnen, während der Begriff des Hanges als der subjektive Bestimmungsgrund der Willkür zu verstehen sei,

„...der v o r j e d e r T a t v o r h e r g e h t, mithin selbst noch nicht Tat ist...“[52]

Für Kant ist die erste Tat eine sensible Tat, die sich auf die Handlungen selbst bezieht und die zweite ein intelligible Tat, die von Taten gilt, die auf dem Gebrauch der Freiheit gründen, die aller Erfahrung vorhergeht. Diese Tat heißt nun

„...ein bloßer Hang, und angeboren, weil er nicht ausgerottet werden kann [...], weil wir davon: warum in uns das Böse gerade die oberste Maxime verderbt habe, obgleich dieses unsere eigene Tat ist, eben so wenig weiter eine Ursache angeben können als von einer Grundeigenschaft, die zu unserer Natur gehört.“[53]

>Oder, anders gesagt, meint der Hang weder die Versuchung noch die Fähigkeit oder Unfähigkeit, ihm zu Widerstehen, sondern die Verfasstheit (Konstitution) des Menschen als Gattungswesen, überhaupt versucht oder in Versuchung gebracht werden zu können.<[54] Der Hang zum moralisch Bösen ist angeboren und in jedem Menschen, er liegt in der Verantwortung des Menschen und ist zurechenbar. Mithin ist der Hang angeboren und selbst zugezogen, gesetzwidrig und zurechenbar.

2.4 Der Mensch ist von Natur böse

„Der Satz: der Mensch ist b ö s e, kann [...] nichts anderes sagen wollen als: er ist sich des moralischen Gesetzes bewusst, und hat doch die (gelegentliche) Abweichung von demselben in seine Maxime aufgenommen. Er ist v o n N a t u r böse, heißt so viel als: dieses gilt von ihm in seiner Gattung betrachtet...“[55]

Man könne den Menschen, wie man ihn aus der Erfahrung kenne, nicht anders als von Natur aus böse bezeichnen oder

„...man kann es, als subjektiv notwendig, in jedem, auch dem besten Menschen, voraussetzen.“[56]

Kant führt aus, dass

„...wir diesen natürlichen Hang zum Bösen, und, da er doch immer selbst verschuldet sein muss, ihn selbst ein r a d i k a l e s, angeborenes (nichts destoweniger aber uns von uns selbst zugezogenes) B ö s e s in der menschlichen Natur nennen können.“[57]

Das radikal Böse ist ein moralisch Böses. Für Kant bedeutet das Radikale - von lat.: radix = Wurzel - des radikal Bösen, dass es in der menschlichen Natur, als zum Charakter seiner Gattung gehörend, gewurzelt ist. Das es, obgleich wir es uns als intelligible Tat, als Tat durch den Gebrauch der Freiheit, selbst gewählt, zugezogen und verschuldet haben, nicht ausgerottet werden kann.

„Dass nun ein solcher verderbter Hang im Menschen gewurzelt sein müsse, darüber können wir uns, bei der Menge schreiender Beispiele, welche uns die Erfahrung a n d e n T a t e n der Menschen vor Augen stellt, den förmlichen Beweis ersparen.“[58]

Worin kann nun der Grund dieses Bösen liegen? Er könne, so Kant, weder in der Sinnlichkeit des Menschen, noch in einer verderbten moralisch-gesetzgebenden Vernunft liegen. Die Sinnlichkeit gehöre notwendig zum Menschen, ihr Dasein sei von uns daher nicht zu verantworten. Eine boshafte Vernunft könne es nicht geben, es

„...wäre soviel, als eine ohne alle Gesetze wirkende Ursache denken...“[59]

weil es ein Widerspruch darstelle ein frei handelnder Mensch zu sein und sich von dem moralischen Gesetz entbunden zu denken. Kant resümiert:

„Die S i n n l i c h k e i t […] macht den Menschen […] zu einem bloß T i e r i s c h e n; eine […] b o s h a f t e V e r n u n f t […] [würde] das Subjekt zu einem t e u f l i s c h e n Wesen [machen] [...]. – Keines von beiden ist aber auf den Menschen anwendbar.”[60]

Kant lehnt die Selbständigkeit des radikalen Bösen ab, es ist nur eine Abweichung des Guten (-A). Eine Bestimmung des radikalen Bösen aus einer boshaften Vernunft, >wie es sein Zeitgenosse de Sade in seinen vorsätzlich bösen, allerdings literarischen Figuren exemplifiziert hat<[61] kann es für Kant nicht geben.

[...]


[1] Aristoteles: Organon. Bd. 2 Kategorien [u.a.]. Griechisch-deutsch, hrsg., übers., mit Einl. und Anm. vers. von Hans Günter Zekl. Meiner, 1998. Kategorien 13b 36

[2] ebd. Kategorien 14a 21-23

[3] Ulfig, Alexander (Hrsg.): Lexikon der philosophischen Begriffe. Köln, 2003. Seite 65

[4] Rel, B 27 / B 28

[5] Eich, Seite 371

[6] Grimm, Jakob; Grimm, Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig, 1860. Spalte 252 bis 254

[7] Ehni, Hans-Jörg: Das moralisch Böse. Überlegungen nach Kant und Ricœr. München, 2006. Seite 30

[8] Ehni, Hans-Jörg: Das moralisch Böse. Seite 226f

[9] Ehni, Hans-Jörg: Das moralisch Böse. Seite 38

[10] Rel, B III / B IV

[11] Höffe, Otfried: Immanuel Kant. München, 1983. Seite 240

[12] Rel, B XXII

[13] Rel, B XIX

[14] Rel, B IV

[15] Rel, B VII

[16] Rel, B VII

[17] Rel, B VII

[18] Rel, B VII

[19] Rel, B VII

[20] Rel, B VIII

[21] Rel, B XII Anm.

[22] Rel, B IX / B X

[23] Rel, B XXI / XXII

[24] Rel, B 48

[25] Höffe, Otfried: Immanuel Kant. München, 1983. Seite 253

[26] Rel, B 6

[27] Rel, B 7

[28] Schulte, Christoph: radikal böse. Die Karriere des Bösen von Kant bis Nietzsche. München, 1988. Seite 45

[29] Rel, B 8

[30] Blanke, Tobias: Das Böse in der politischen Theorie. Die Furcht vor der Freiheit bei Kant, Hegel und vielen anderen. Bielefeld, 2006.Seite 75

[31] Rel, B 12

[32] Vgl. Rel, B 9 / 10 Anm.

[33] Weiper, Susanne: Triebfeder und höchstes Gut. Untersuchungen zum Problem der sittlichen Motivation bei Kant, Schopenhauer und Scheler. Würzburg, 2000. Seite 62

[34] KU, § 88 B 438, AA V, 459 Anm.

[35] Rel, B 15

[36] Rel, B 16

[37] Rel, B 17

[38] Rel, B 17

[39] Rel, B 18

[40] Rel, B 18

[41] Rel, B 69

[42] Schulte, Christoph: radikal böse. Seite 67

[43] Schulte, Christoph: radikal böse. Seite 46

[44] Rel, B 69

[45] Rel, B 5 / B 6

[46] Rel, B 20

[47] Rel, B 21

[48] Schulte, Christoph: radikal böse. Seite 78

[49] Rel, B 21

[50] Rel, B 23

[51] Rel, B 23

[52] Rel, B 25

[53] Rel, B 26

[54] Klar, Samuel: Moral und Politik bei Kant. Eine Untersuchung zu Kants praktischer und politischer Philosophie im Ausgang der „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Würzburg, 2007. Seite 40

[55] Rel, B 26 / B 27

[56] Rel, B 27

[57] Rel, B 27

[58] Rel, B 27 / B 28

[59] Rel, B 32

[60] Rel, B 32

[61] Schulte, Christoph: radikal böse. Seite 104f

Details

Seiten
55
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640221905
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v118950
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Böse Immanuel Kant Banalität Bösen Hannah Arendt Religion Grenzen Vernunft

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Titel: Das radikal Böse bei Immanuel Kant und die Banalität des Bösen bei Hannah Arendt